Abschuss eines Bombenflugzeuges am 10.04.1945

Technik und Ausrüstung

Die gesamte 462. Squadron war mit diesem schweren Bomber ausgerüstet, dessen genaue Typenbezeichnung Handley Page HP61 Halifax Mk. III lautete. Der Code der 462. Squadron war Z5. Dieser Code wurde auch auf den Rumpf gemalt; danach folgte das Identifizierungszeichen des Flugzeuges, in diesem Fall V (Victor). Das Rufzeichen lautete also: Z5-V. Dieser Bombertyp gehörte zum Serien-Nummern-Bereich NA-218 – NA-263. Dieser Bereich umfasste 46 Halifax Mk.III. und war Teil einer Lieferung von 360 Bombern des Typs HP61 Halifax Mk. III/A. Geliefert wurden diese Typen von der Firma " Rootes Securities Ltd. (Speke)" zwischen dem 2. Dezember 1944 und dem 30. Januar 1945. Mit 2091 Stück wurde die Mk.III die meistgebaute Halifax-Variante. Später wurden die Flugzeuge noch mit H2S-Radargeräten versehen. 6178 Halifax wurden von Handley Page in Zusammenarbeit mit verschiedenen Firmen hergestellt. Das Bomber-Kommando verwendete die Halifax bis zum Kriegsende; sie bildeten etwa 40 % der britischen „Viermot-Bomber“; ihr letzter Einsatz erfolgte beim Luftangriff auf Wangerooge am 25. April 1945.

Diese schweren Bomber der 462. Squadron waren modifiziert, d. h., aufgrund ihrer bereits genannten Aufgaben wichen sie in ihrem Aufbau teilweise von anderen Halifax-Bombern ab. Sie hatten zu diesem Zweck umfangreiche elektronische Instrumente an Bord, die fast die gesamte Nutzlast der Flugzeuge in Anspruch nahm. Deshalb flogen sie in der Regel auch keinen Bombenangriff sondern kehrten nach Erreichen des Zieles auf vorgegebenen Routen zu ihrer Basis zurück.

Technische Daten

Motoren 4 x 1.675 hp Bristol Hercules XVI:

4 x 1.600 PS (4 x 1.232 KW)

Höchstgeschwindigkeit in 9.000 ft (2.740m):

290 mph (467 km/h)

Reisegeschwindigkeit in 20.000 ft (6.100m):

225 mph (362 km/h)

Dienstflughöhe:

20.000 ft (6.100m):

Reichweite:

1.770 miles (2.848 km)

Bewaffnung:

8 x .303in Browning MG’s (8 x 7,69mm)

Leergewicht:

38.300 lb (14.295 kg)

Höchstgewicht:

65.000 lb (24.260 kg) bei 13.000 lb (4.852 kg) Bombenladung und 1.986 gallons (9.029 Liter) Kraftstoff

Spannweite:

104 ft 2 in (31,71m)

Länge:

71 ft 7 in (21,66m)

Höhe:

20 ft 9 in (6,12m)

Kraftstoff-Kapazität normal:

1.986 gallons (9.029 Liter);

Zusatztanks in der Bombenbucht:

702 gallons (3.191 Liter)

Kraftstoff-Kapazität möglich:

2.688 gallons (12.220 Liter)

28Abbildung 4 - Seitenansicht einer Halifax der 462. Squadron
Abbildung 6: Seitenansicht einer Halifax der 462. Squadron (siehe gelbe Streifen am Leitwerk und Kennung "Z5")

Zur Identifizierung hatten die Halifax der 100. Bomber-Gruppe drei gelbe senkrechte Streifen am Seitenleitwerk. Zwar galt der schwere Bomber Lancaster als das bessere Flugzeug, aber wer erst einmal mit der Halifax geflogen war, schwor auf sie. Die Lancaster hatte zwar eine größere Reichweite und konnte eine größere Bombenlast an Bord nehmen; aber die Halifax flog in großen Höhen schneller, war beim Angriff besser manövrierbar und war stabiler konstruiert. Der obere und hintere Geschützturm waren mit je vier Browning-MG’s 0.303 in (7,69 mm), Mark II, ausgerüstet, dem Standard-MG der meisten britischen Bomber im Zweiten Weltkrieg. Als Bewaffnung führten sie meistens neben den acht Maschinengewehren nur zwei kleinere 500 lb (etwa 227 kg) schwere Bomben mit sich oder an deren Stelle einige Brandbomben. Das hing hauptsächlich von ihren Aufgaben ab.

Die bauliche Abweichung bestand vor allem darin, dass sie eine andere, kleinere Bombenabwurfbucht hatten, da ein Großteil des Platzes für das Bodenradar H2S verwendet wurde. Dazu hingen unterhalb der Halifax sogenannte "Blasen". In die Bombenschächte wurden eine Anzahl Störgeräte eingebaut. Damit sollte das feindliche Radar gestört oder sogar völlig neutralisiert werden. Das geschah durch die unterschiedlichsten Methoden. Folgende Einrichtungen und Geräte standen den Flugzeugen der 462. Squadron hauptsächlich dabei zur Verfügung:

ABC-Einrichtungen: Diese Einrichtung arbeitete mit aktiven elektronischen Gegenmaßnahmen. Die Abkürzung bedeutete zunächst nichts weiter als eine Täuschung der deutschen Luftabwehr. Bald wurde aber aus dieser Bezeichnung ein neues Wort kreiert: "Airborne Cigar" (fliegende Zigarre). Diese Einrichtung bestand aus drei auf unterschiedlichsten Frequenzen arbeitenden Sendern. Damit sollten die Frequenzen der deutschen Jägerleitführung überlagert werden, sodass die Jäger ihre Ziele nicht fanden. Die mit ABC ausgerüsteten Bomber wurden in Intervallen neben und unter dem Hauptbomberstrom platziert. Allerdings verringerte die ABC-Ausrüstung die Nutzlast der Bomber. Für die Bedienung dieser und anderer Geräte wurde den Crews ein hoch qualifiziertes 8. Besatzungsmitglied zugeteilt. Das war der sogenannte Special Duties Operator (SDO). Dessen genaue Tätigkeit wurde über lange Zeit geheim gehalten. Es gab auch Flugzeuge, denen noch ein 9. Besatzungsmitglied zugeteilt wurde. Das war ein meist perfekt die deutsche Sprache und sogar verschiedene deutsche Dialekte beherrschender Offizier. Dessen Aufgabe war es, die Befehle der deutschen Jägerleitführung "abzuändern" und die deutschen Jagdflugzeuge fehlzuleiten. Wenn auch das eigentliche Ziel nicht immer erreicht wurde, so stiftete es doch Verwirrung. Die Besatzung von acht oder neun Mann galt ausschließlich für diese Spezialflugzeuge. Sie nutzten jede Menge verschiedener Taktiken, nicht nur um das Radar zu stören, sondern auch um die Nachtjägerkontrolle wirkungslos zu machen. Auf deren Frequenzen wurden z. B. Geräusche gesendet, indem man Mikrofone im Bereich der Motoren anbrachte und deren "Sound" auf diesen Frequenzen übertrug. Sie wurden auch als "Scherz-Nachtjäger-Kontrollierer" bezeichnet, weil sie den deutschen Nachtjägern unkorrekte oder sinnlose Instruktionen gaben, damit diese ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr durchführen konnten. Selbst wenn die deutschen Jägerpiloten von diesen Dingen wussten, konnten sie nichts dagegen unternehmen.

H2S-Gerät (Navigation): Das H2S war ein Radarsystem, das in Bombern der britischen Royal Air Force eingesetzt wurde. Es diente der Zielfindung unter schlechten Sichtbedingungen, wie schlechtem Wetter und bei Nachteinsätzen. Das H2S spielte auch bei den zwischen November 1943 und März 1944 durchgeführten Angriffen auf Berlin eine wichtige Rolle. Man hoffte, mit dem H2S die zahlreichen Flüsse und Seen der Stadt als Navigationshilfe nutzen zu können. Mit den ursprünglichen Einstellungen des H2S gelang das jedoch nicht. Erst mit dem H2S Mark III, das offene von bebauten Flächen unterscheiden konnte, wurden gezielte Bombenabwürfe möglich. Das System wurde anfangs als "BN" für "Blind Navigation" bezeichnet.

Fishpond: Ein erfolgreiches Konzept, das auf dem im gefährdeten Heckbereich eingebauten H2S-Bodenradar basierte, das mittels eines Zusatzbildschirms und einiger Modifikationen im Nahbereich hinter oder unter dem Flugzeug manövrierende Nachtjäger erkennen konnte. Diese Modifikation wurde im Bomber Command großflächig bis Mitte Herbst 1944 eingeführt. Die Flugzeugverluste waren dadurch nicht mehr so hoch.

GEE (Navigation): Das GEE (engl. Abkürzung für "Grid" = Gitternetz) war ein britisches Funknavigations-System und eine Bombenzielhilfe während des Zweiten Weltkriegs. GEE-Sendeanlagen sendeten zeitlich genau abgestimmte Impulse. Die Navigatoren der Flugzeuge, die das GEE-System verwendeten, wie z. B. die schweren Bomber der RAF, beobachteten auf einem Oszilloskop den Zeitpunkt des Signalempfangs. Wenn die Impulse, die von zwei unterschiedlichen Stationen aus gesendet wurden, gleichzeitig eintrafen, bedeutete dies, dass das Flugzeug von beiden Stationen gleich weit entfernt war. Der Navigator konnte daraufhin auf einer Karte eine Linie ziehen, welche die möglichen Positionen innerhalb der entsprechenden Distanz zu den Sendern darstellte. Durch ein weiteres Signal von einer dritten Station entstand eine weitere Kurve, anhand derer die Position des Flugzeuges am Kreuzungspunkt der beiden Kurven bestimmt werden konnte. Eine technische Weiterentwicklung bildete später das wesentlich präzisere Gerät "OBOE".

Carpet: Ein weiterentwickeltes Funkstörgerät der 100. Bomber-Gruppe, das vor allem den Morsefunk stören konnte. Außerdem konnte es auf die verschiedenen Frequenzen des deutschen Würzburg-Gerätes reagieren und dieses stören bzw. durcheinanderbringen oder völlig wirkungslos machen. Es legte sich wie ein "Teppich”, wie Carpet auf englisch heißt, über die Frequenzen und erzeugte eine Art "Stille”.

Piperack: Ein Störsender, den die die Bomberströme anführenden Flugzeuge trugen. Er erzeugte eine Art Kegel, der den folgenden Flugzeugen Schutz vor feindlichem Radar bot. Dadurch konnte die Zahl der tatsächlich angreifenden Bomber verschleiert werden.

Window: Aluminiumstreifen, die vor Angriffen massenweise durch dafür ausgerüstete Bomber abgeworfen wurden und das feindliche Radar verwirrten und radargesteuerte Flak wirkungslos machten. Es wurde ein Bomberstrom vorgetäuscht, der in Wahrheit in dieser Größe nicht vorhanden war. Die deutschen Jägerleiteinrichtungen konnten die Jäger nicht mehr gegen Ziele einsetzen.

Target Indicators (Zielmarkierer): Mit diesen "TI's" markierten die Bomber die Ziele für den Hauptbomberstrom. Das waren Bombenbehälter, die Brandbomben mit unterschiedlichen Farben enthielten.

Aus dem Operation Records Book der 462. Squadron geht hervor, dass die NA-240 mit den hier erläuterten Geräten am Abend des 10.04.1945 ausgerüstet war.

29Electronic Warfare 1944-45
Abbildung 7: Beispiel für den elektronischen "Schutz" eines britischen Bombenangriffs

(1) Bomber, die "Windows" (Stanniolstreifen) abwarfen

(2) Bomber mit Geräten vom Typ "Mandrel"

(3) Jagdflugzeuge "Mosquito", über dem Bomberstrom kreuzend

(4) Jagdflugzeuge "Mosquito", neben den Bombern patrouillierend

(5) Bomber mit "ABC-Ausrüstung"

(6) Bomber mit Geräten vom Typ "Carpet/Jostle/DINA" und "Piperack"

(7) Bomber mit Geräten vom Typ "ELINT" und "Piperack"

(8) Bomber mit Geräten vom Typ "Carpet/Jostle/DINA" und "Piperack"

(9) Bomber mit Geräten vom Typ "ELINT" und "Piperack"

Die Abbildung zeigt ein typisches Beispiel, wie die Einsatzflugzeuge der 462. Squadron bei einem Bombenangriff die Bomber-Hauptströme schützten. Je nach Aufgabenstellung konnten die Bomber der 100. Bomber-Gruppe auch noch mit anderen Einrichtungen ausgestattet werden. Dazu gehörte z. B. auch das "ELINT" (Elektronische Intelligenz). Es diente der Gewinnung von Informationen über den Standort, die Bewegung, den Einsatz und die Aktivitäten von Radarquellen. Es wurden Flugzeuge mit verschiedensten Empfängern ausgerüstet, die gewonnene Daten direkt für taktische Selbstschutzmaßnahmen (zum Beispiel Ausweichmanöver) und Elektronische Gegenmaßnahmen nutzten. "Jostle" war ein Bestandteil der ABC-Ausrüstung und arbeitete auf verschiedenen Frequenzen. "Mandrel" und "DINA" störten die deutschen Frühwarnsysteme "Wassermann", "Mammut" und "Freya", die in den Jagdflugzeugen eingebaut waren.