Abschuss eines Bombenflugzeuges am 10.04.1945

Flug Richtung Leipzig

Die NA-240 drehte nach dem Start in Richtung des 2. Kontrollpunktes an der Ostküste Südenglands ab. Dort versammelte sich der Bomberstrom der 5. Bomber-Gruppe und formierte sich zum Abflug nach Leipzig. Dort befand sich ein für viele Bombenangriffe benutzter Sammelpunkt der Flugzeuge, bevor sie den Formationsflug zum Angriffsziel begannen, aber auch wenn sie zurückkehrten und von dort ihre Ausgangsbasis wieder anflogen. Dabei starteten die Bomber so schnell wie möglich von vielen Flugplätzen, um in kürzester Frist Richtung Ziel zu fliegen. Das wurde natürlich umso schwieriger, je mehr Flugzeuge an einem Angriff beteiligt waren. Eine große Anzahl von Bombern ging auch bei dieser Formierung verloren.

Es ist anzunehmen, dass sich die NA-240 über dem Sammelpunkt befehlsgemäß an die Spitze setzte und vorausflog. Der nächste Kontrollpunkt lag dann in Frankreich, etwa 25 km südlich von Arras und 18 km westlich von Cambrai. Hier waren bereits 515 km Flugstrecke absolviert. Der Weg führte dann in östlicher Richtung über Belgien zum 4. Kontrollpunkt in Deutschland (etwa 5 km östlich von Mendig und 20 km westlich von Koblenz). Es folgte der 5. Kontrollpunkt 20 km westlich von Sangerhausen und 10 km südlich von Stollberg im Harz. Der 6. Kontrollpunkt und gleichzeitig der für das weitere Schicksal der NA-240 entscheidende Ort befand sich direkt über Zörbig, etwa 22 km westlich von Sandersdorf. Würde man die bis dahin zurückgelegte Flugroute auf der Karte mit einem Lineal verlängern, so würde diese gedachte Route genau nach Berlin führen. Das könnte durchaus eins der vielen Täuschungsmanöver der RAF gewesen sein. Solche Täuschungsangriffe flog die RAF öfter, da Berlin als Reichshauptstadt Vorrang vor allen anderen Städten hatte und die deutschen Nachtjäger zum Schutz sofort dorthin beordert worden sind. Drehten die englischen Bomber dann plötzlich ab, konnten die deutschen Jäger nicht mehr die neue Flugroute anfliegen. Dazu reichte der Treibstoff nicht.

Bei Zörbig flog der Bomberstrom der Engländer eine abrupte Kurve von 90° in Richtung Süden. Das war genau die Richtung nach Leipzig-Wahren, dem Angriffsziel und gleichzeitig 7. Kontrollpunkt. Die Bomberflotte erreichte dann auch ohne weitere Zwischenfälle Leipzig und es gelang ihr, den Verschiebebahnhof in Wahren total zu zerstören. Es handelte sich um den letzten schweren Bombenangriff auf Leipzig. Die "Stunde 0" (geplante Abwurfzeit) war mit 22:48 Uhr vorgegeben.

24Abb. 9a - Kreiskarte Delitzsch 1950 - Flugroute beim Angriff auf Leipzig 2
Abbildung 14: Flugroute beim letzten Angriff auf Leipzig

Die Strecke zwischen dem 6. und 7. Kontrollpunkt (zwischen Zörbig und Leipzig) lag zum größten Teil im Luftraum des damaligen Landkreises Delitzsch. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass in den Navigationsunterlagen bei englischen Bombenangriffen auf Leipzig der Zwillingsturm der Delitzscher Stadtkirche als Orientierungspunkt angegeben war. Auch sonst konnten die Engländer auf zuverlässige Navigationshilfen zurückgreifen. So wurde dem Stadtarchiv Delitzsch durch das "Imperial War Museum" London ein topografischer Kartenausschnitt des Raumes Halle-Leipzig von 1944 zur Verfügung gestellt. Darauf waren selbst die kleinsten Ortschaften mit erstaunlich genauen Koordinaten eingetragen.

Die Crew der NA-240 konnte aber den Angriff auf Leipzig nicht mehr erleben. Ihr Flugzeug wurde in der Nähe von Zörbig abgeschossen. Der Bomberstrom setzte währenddessen seinen Weg unbeirrt fort. Nach der Bombardierung des Wahrener Bahnhofs drehte er in Richtung Südwesten ab zum 8. Kontrollpunkt acht km südlich von Lützen und zehn km nördlich von Hohenmölsen. Der 9. Kontrollpunkt lag bei Frankenroda, 10 km südlich von Treffurt. Der 10. Kontrollpunkt entsprach denselben Koordinaten wie der 4. Kontrollpunkt. Der übrige Weg entsprach ab hier der Strecke des Hinfluges. Die mit der NA-240 gestartete Halifax PN-426 landete um 02:27 Uhr in Foulsham, während die NA-240 vorerst vermisst blieb.