Abschuss eines Bombenflugzeuges am 10.04.1945

Der Krieg ist vorbei

Im Oschatzer Rathaus wurde er zunächst drei Tage verhört und sogar geschlagen. Dann kam er zur englischen Abteilung des Stalag IVG - vom 15. bis 18.04.1945. Unklar ist, was in den letzten beiden Kriegswochen geschah. Dieser Zeitraum war in der Gegend um Oschatz von Chaos geprägt. Ab 21.04.1945 war Oschatz Niemandsland, da die deutschen Truppen abzogen und die Alliierten den Ort noch nicht besetzt hatten. Ende April bis Anfang Mai wurden die Gefangenen von ihren Bewachern nervös entlang der Elbe hin und her getrieben. Die Angaben über den Zeitraum gibt Hibberd in seinen Aufzeichnungen nur ungenau an. Am 25.04.1945 trafen sich in Torgau Russen und Amerikaner an der Elbe. Erst am 26.04.1945 besetzten die Amerikaner Oschatz. Die direkt in Oschatz untergebrachten Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter plünderten die Stadt. Bis zum 06.05.1945 wurde Oschatz zu einem riesigen Umgruppierungsgebiet amerikanischer und sowjetischer Truppen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die deutschen Bewacher mit ihren Gefangenen nicht wussten, was sie tun sollen.

Schließlich stießen die Gefangenen in den Wirren des Krieges Anfang Mai 1945 auf amerikanische Truppen: "Die Amis befreiten uns; sechs von uns flüchteten während eines Eilmarsches, die Deutschen trieben uns an der Elbe herum, da sie wussten, dass sie von den Alliierten eingekreist waren. Die Amis befanden sich einige Meilen vor uns und so liefen wir einfach los". Hibberd und fünf Gefangene schafften es schließlich ohne Verluste, die amerikanische Einheit zu erreichen. Allerdings kann diesen Aufzeichnungen nicht entnommen werden, welcher Ort sich dort in der Nähe befand. Für Hibberd war zwar der Krieg vorbei, sein Leidensweg aber noch nicht zu Ende. Er wurde weiter wie ein Kriegsgefangener behandelt. Am 10.05.1945 wurde er nach Brüssel gebracht und am 11.05.1945 nach Brighton in England ausgeschifft. Das war eine in solchen Fällen übliche Sicherheitsmaßnahme. Schließlich wurden befreite Kriegsgefangene durch die Geheimdienste befragt, um sicher zu gehen, dass sie dem Feind nicht irgendwelche geheimen Informationen gegeben hatten.

Am 12.05.1945 wurde er in Brighton durch den Geheimdienst erstmals verhört. Am 29.06.1945 brachte ihn das Schiff "Andes" nach Australien, wo er nach Umwegen am 28.07.1945 ankam. Dort wurde er in ein Hospital gebracht, in dem seine vielen Wunden ausheilen sollten. Die Rehabilitation dauerte bis zum 18.02.1946. In dieser Zeit fanden noch mehrere Verhöre statt.

In einem Brief an seine Schwägerin aus Brüssel vom 11.05.1945 schrieb er:


"Ich habe keine Ahnung, wo der Rest von der Mannschaft ist, aber hoffe ernsthaft, dass sie ausstiegen, lebendig und jetzt sicher sind wie ich selbst. Was für ein Albtraum, aber ich nehme an, Krieg ist Krieg, und, nachdem dieser Schaden gemacht wurde, hassen sie uns sicher"

(damit meinte er die Deutschen im Allgemeinen und nachdem er erstmals Eindrücke von den Auswirkungen der Bombardements erhalten hatte).

Nach seiner Ankunft in Brighton in Großbritannien am 12.05.1945 wurde er in Bezug auf seine Kriegsgefangenschaft befragt:


"…ich glaube, dass der Rest der Mannschaft getötet wurde, als das Flugzeug nahe des Zielbereichs zerschmetterte…" und "…wahrscheinlich war die Mannschaft außerstande, wegen der speziellen Ausrüstung auszusteigen".

Am 15.06.1945 gab er folgende Erklärung ab:


"Verfolgte alles - sah des Kapitäns, des Bombenschützen und des Funkers Ausweise in SS-Hauptquartier in Delitzsch, auch eine von den Erkennungsmarken".

Sofort bei seiner Ankunft in Australien im Juli 1945 wurde er bei Verhören in Sydney angewiesen, dass er mit niemandem über den Vorfall reden darf; weder über seine eigenen Erfahrungen noch über das Schicksal der Mannschaft.

Bei einem dieser Verhöre durch einen australischen Geheimdienstoffizier am 28.07.1945 gab er zu Protokoll:


"Ich wurde in das SS-Quartier nach Delitzsch gebracht, wo ich die Ausweise des Kapitäns, des Bombenschützen und des Funkers sah und die Erkennungsmarke des Navigators. Keine von diesen waren angebrannt oder verschmort auf irgendeine Weise. Ich weiß nicht, was damit geschah. Ich bin der Meinung, dass die folgenden Mitglieder ermordet wurden: F/O Ball, A.D.J. F/O Frank, W/O Taylor R.R. und FISgt Evans N. V. Ich kann über das Schicksal des Ingenieurs, des mittleren Schützen oder des Special Operators nicht sicher sein, weil ich nichts sah, das zu ihnen gehörte. Wenn sie gefangen worden wären, wäre die Mannschaft wahrscheinlich in derselben Umgebung wie ich gewesen und zu irgendeiner Zeit oder einem Ort hätte ich sie gesehen oder von ihnen gehört. Es war eine andere Mannschaft in derselben Nacht abgeschossen wurden und sie wurden zur selben Stelle wie ich gebracht, und ich fragte sie, ob sie noch andere Australier gesehen hätten, und sie sagten Nein. Ich bin der Meinung, dass die Mannschaft wie oben angegeben ermordet wurde, als sie das Flugzeug verlassen hatten. Ich hätte sie gesehen oder von ihnen gehört und wenn sie das Flugzeug nicht verlassen hätten, sie wären so schlimm verbrannt gewesen, dass nichts übrig geblieben wäre von den Personalausweisen, als das Flugzeug brannte."

In den Unterlagen des Australischen Nationalarchivs ist ein Telegramm vom 28.08.1945 aufbewahrt vom RAAF-Hauptquartier an die Medizinische Einheit, bei der sich Hibberd aufgrund seiner Verletzungen befand. Es stellte die Diskrepanzen in seinen Erklärungen fest und ordnete an, dass er im Krankenhaus erneut verhört wird. Das RAAF-Hauptquartier befahl ihm wiederholt, die Mordbehauptungen den Verwandten oder Angehörigen gegenüber nicht zu erwähnen.

Am 30.08.45 wurde Hibberd wiederum verhört. Diesem Protokoll ist auch ein Schreiben des Vernehmungsoffiziers beigefügt. Bezogen auf das Verhör im Delitzscher "SS-Quartier" ist zu lesen:


"Ich wurde befragt, ob ich in einem Bomber oder Jagdflugzeug war und auch wo der Rest der Mannschaft sei. Ich beantwortete diese Fragen nicht, sondern ich gab nur meine Nummer, Rang und Namen an. Jedoch sah ich während meiner Befragung die Ausweise von F/O A.D.-J. Ball; F/O Murray, Frank und W/O Taylor, R. R., die unbeschädigt auf dem Tisch lagen. Und da war auch die runde Erkennungsmarke von F/Sgt Evans, N. V."

Im Begleitbrief des Vernehmungsoffiziers steht dessen Vermutung, dass Hibberds Angaben über den Tod der Mannschaft bloße Annahme gewesen seien. Es wurde wiederholt angeordnet, dass Hibberd nicht weiter über seine Erlebnisse spricht.

Was war aber mit der Halifax NA-240 in der Nacht vom 10. zum 11. April 1945 tatsächlich geschehen? Nach den schweren Flaktreffern konnte die Maschine nicht mehr gesteuert werden. Innerhalb kürzester Zeit verlor sie an Höhe und explodierte über dem Dorf. Außer Hibberd hatten noch zwei andere Besatzungsmitglieder versucht, mit dem Fallschirm abzuspringen. Aber es gelang ihnen nicht mehr. Sie wurden später, durch den Aufprall zerquetscht, auf der Dorfstraße von Zaasch aufgefunden (siehe Abbildung 15, Punkte 3 und 4) . Die anderen fünf Besatzungsmitglieder schlugen mit dem Flugzeug am Nordrand des Dorfes auf (Punkt 1), nachdem bereits Teile des Flugzeuges über dem Grundstück des Guts der Familie Horn einschlugen (Punkt 5). Ein Motor durchschlug das Dach der Scheune. Diese Scheune ist im Jahre 2006 abgerissen worden. Bis dahin war im Dach noch das durch den Motor verursachte Loch zu sehen. Die ehemalige Eigentümerin hatte bereits 1946 Zaasch verlassen (Punkt 2). Auch über ihre Angehörigen konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.

19Abb. 6 - Lageplan der Gemeinde Zaasch mit der Absturzstelle der Halifax NA-240
Abbildung 15: Lageplan der Gemeinde Zaasch mit der Absturzstelle der Halifax NA-240

Zunächst stellte sich heraus, dass drei Mitglieder der Crew auf dem Friedhof in Zaasch gelegen haben. Im Friedhofsbuch waren aber keine Namen eingetragen. Auch die Kirchenbücher der gesamten Region (Zaasch, Lissa, Kölsa, Zschernitz, Kyhna, Zwochau, Grabschütz und Pohritzsch) verzeichneten keine Einträge. Selbst die zuständigen Standesämter konnten keine Eintragungen finden, obwohl es üblich war, dass auch Sterbefälle von Soldaten feindlicher Armeen beurkundet wurden. Wo waren also die restlichen Crew-Mitglieder? In der Zaascher Kirchenchronik waren die Gräber von drei Soldaten dokumentiert. Allerdings waren keine Namen eingetragen, nur die Angaben "Grab A, B, C". Sie wurden ohne Sarg am Eingang des Zaascher Friedhofs begraben. Es ist zu vermuten, dass die zuständigen deutschen Behörden sich keine Mühe mit der Identifizierung der Leichen gaben. Immerhin standen die amerikanischen Truppen zu diesem Zeitpunkt schon bei Halle. Es gab wichtigere Dinge zu erledigen. Bereits am 20.April 1945 besetzten die Amerikaner Delitzsch.

Im Rahmen der Nachforschungen erhielten wir aus London vom Imperial War Museum die Mitteilung, dass sieben Mitglieder der Mannschaft am 2. Oktober 1947 auf dem Friedhof der Gemeinde Zaasch exhumiert wurden. Es handelt sich hierbei um den Bericht der Berliner Außenstelle der Vermissten-Nachforschungs- und Untersuchungsstelle Nr. 4 der RAF:


"Bericht vom 14.10.1947


Teilnehmer:

Fl/Lt Ian R. MACINTYRE, Geheimdienstoffizier
S/Ldr J.W.WILLIS RICHARDS, Kommandierender Offizier
Capt. D. GOWERS, Offizier
Russischer Verbindungsoffizier (Name unbekannt)

Platz des Absturzes: Karte Zaasch M52/E1437

Bestattungsort: Karte Zaasch M52/E1437

Bericht: sieben Opfer entdeckt, drei schwer verbrannt, vier in zerquetschtem Zustand. Deutsche Beamte untersuchten die Körper und entfernten alle Papiere und persönlichen Gegenstände. Am Tag nach dem Absturz wurden die sieben Leichen in einem gemeinsamen Grab an der Nordwestecke des Friedhofes beerdigt. Sie wurden ohne Särge und ohne Zeremoniell begraben. Die Gräber befanden sich in guter Verfassung und waren mit einem einfachen Kreuz ohne Inschrift gekennzeichnet.

Die Exhumierung wurde am 30. September 1947 durchgeführt. Die sieben Körper wurden identifiziert durch verschiedene Schriftstücke, Erkennungsmarken, Papiere und Rangabzeichen und erhielten in Berlin jeder eine Grabnummer. Sie wurden am 2. Oktober 1947 im Berlin Kriegsfriedhof wieder beerdigt.

Ein Zeuge des Absturzes wurde verhört - Herr Krone, ein Bauer aus Zaasch. Das gesamte Wrack wurde durch deutsche Beamte an einen unbekannten Ort gebracht."


Die Briten haben in den Jahren nach dem Krieg alle ihre gefallenen Soldaten exhumiert, identifiziert und auf zentralen Kriegsfriedhöfen zur letzten Ruhe gebettet. Die Crew der Halifax NA-240 wurde auf dem "BERLIN 1939-1945 WAR CEMETERY" in Berlin-Charlottenburg beigesetzt. Die meisten der hier bestatteten Soldaten sind bei Luftangriffen auf Berlin oder ostdeutsche Städte getötet wurden. Jeder von ihnen erhielt ein Grab mit einem Gedenkstein. Die Kriegsfriedhöfe werden durch die Commonwealth War Graves Commission (CWGC) betreut.

21Abb. 12 - Jamie Hibberd legt auf dem Berliner 2
Abbildung 16: Jamie Hibberd legt auf dem Berliner Kriegsgräberfriedhof Blumen auf die Gräber der Crew der NA-240

Die Angaben der genauen Lage des Absturzes entstammen der Karte GSGS 4416, Maßstab 1/100.000, Spalte Q6MR 147.378 - zu lesen als Koordinaten 14,7 und 37,8. Den Notizen zu dem Protokoll ist noch zu entnehmen, dass die deutschen Beamten ihre Aufgabe beim Entfernen der persönlichen Papiere und Gegenstände nicht gerade gewissenhaft ausführten. Der Bauer Krone gab bei dem Verhör 1947 das falsche Datum des Absturzes an - den 12. April 1945. Er hat bestimmt das Datum verwechselt, schließlich fand das Verhör erst zwei Jahre nach dem Absturz statt.

Bei ihrem Aufenthalt in Deutschland im Jahre 2005 besuchte Jamie Hibberd die Gräber der ehemaligen Kameraden ihres Vaters auf dem Berliner Kriegsfriedhof und legte dort symbolisch Mohnblüten an jedes Grab. Sie war überzeugt, dass das auch im Sinne ihres Vaters gewesen wäre. Der Druck, jahrelang nicht über das eigene Schicksal sprechen zu dürfen, lastete schwer auf ihrem Vater. Über seine Erlebnisse in der Zeit als Kriegsgefangener ist so gut wie nichts bekannt.

Im Jahr 1979 erlitt Hibberd die erste von mehreren Herzattacken. Ein Arzt, der ihn im Krankenhaus behandelte, behandelte auch Vietnam-Veteranen. Er war überzeugt, dass Hibberd dieselben Nachkriegssymptome trug. Jedoch ist er nie wegen dieser "Kriegs-Neurose" behandelt worden. Dafür wurde er von britischen Offizieren immer wieder angewiesen, nicht über seine Zeit als Kriegsgefangener zu reden und der Kontakt mit Verwandten seiner Crew wurde ihm verboten.

In den letzten Jahren vor seinem Tod führte jede Erwähnung des Krieges und jede Frage nach Details zu Zornesausbrüchen. Außerdem litt er an Gemütsschwankungen und Albträumen, die sich mit zunehmendem Alter verschlimmerten. Am 13. März 1988 verstarb er im Alter von 63 Jahren. In Gesprächen mit ehemaligen Freunden und Kameraden ihres Vaters erfuhr Jamie Hibberd, dass ihr Vater nach dem Krieg nicht mehr wiederzuerkennen war. Aus einem lebenslustigen jungen Mann war ein psychisches Wrack geworden.

Jamie Hibberd brachte bei ihrem Besuch in Deutschland eine von der australischen Regierung legitimierte Bronzetafel mit. Auf dieser Tafel sind die Namen der in Zaasch umgekommenen Besatzungsmitglieder der Halifax NA-240 eingeprägt. Diese Tafel überreichte sie der Gemeinde Zaasch, wo sie heute zum Gedenken an die Opfer des 2. Weltkrieges in der Kirche angebracht ist.

 25Messingtafel Hibberd 2


In Memory of

The Crew of Halifax III NA240 Z5-V which crashed near Delitzsch on 10 April 1945

RAAF 462 Squadron, 100 Group, Bomber Command

 Flying Officer Alfred Desmond John BALL, RAAF 427182, Pilot, who died age 20

Flight Sergeant Neil Vernon EVANS, RAAF 436113, Navigator, who died age 22

Flying Officer Murray FRANK, RAAF 409532, Bomb Aimer, who died age 25

Flight Sergeant John Mickle TAIT, RAAF 430788, Mid-Upper Gunner, who died age 20

Warrant Officer Ronald Reginald TAYLOR, RAAF 432346, Wireless Operator, who died age 25

Sergeant Frederick BROOKES, RAF 546437, Flight Engineer, who died

Flying Officer John HEGGARTY, RAFVR 179888, Special Duties Operator who died

Remembered with honour at the BERLIN 1939-1945 WAR CEMETERY, Graves 4.Z.7-13

And

Flight Sergeant Maxwell James HIBBERD, RAAF 435342, Rear Gunner, POW age 20

Commemorated in perpetuity by the Hibberd Family, Australia

Abbildung 17: Inschrift auf der Bronzetafel, die Jamie Hibberd zum Gedenken an die Toten der NA-240 der Gemeinde Zaasch überreichte; die Tafel befindet sich heute in der dortigen Kirche