Delitzscher als Opfer von Krieg und Gewalt 1864 bis 1955

2. Der Preußisch-Österreichische Krieg 1866

Zwei Jahre später kam es zum zweiten Einigungskrieg, dem Preußisch-Österreichischen Krieg von Juni bis August 1866. Bismarck suchte und fand einen Grund, um seinen größten Widersacher bei der Einigung Deutschlands unter Preußens Hegemonie auszuschalten: das Kaiserreich Österreich. Offiziell kämpfte das Königreich Preußen mit seinen militärisch unbedeutenden Verbündeten gegen den Deutschen Bund (deshalb auch die zeitgenössische Beschreibung als Preußisch-Deutscher Krieg) unter Führung des Kaisertums Österreich. Preußen verbündete sich mit dem Königreich Italien, um Österreich einen kräftezehrenden Zweifrontenkrieg aufzuzwingen. Bereits Mitte Mai fand die erste starke Einquartierung in Delitzsch statt. Am 10. Mai rückte das in der Garnison Halle untergebrachte 2. Bataillon und zwei Kompanien des Füsilier-Bataillons vom Infanterie-Regiment Nr. 27 mit den Regiments- und Bataillonsstäben hier ein, insgesamt 1.700 Mann. Am nächsten Tag marschierten sie aber weiter nach Eilenburg. Später sollten noch weitere Truppen auf ihrem Marsch zur Front in Böhmen hier Quartier beziehen: So am 7. und 8. Juni zwei Batterien vom 4. Feld-Artillerie-Regiment sowie das 2. Bataillon und das Füsilier-Bataillon des 8. Westphälischen Infanterie-Regiments Nr. 5; am 9. Juni sechs Kompanien des 3. Rheinischen Infanterie-Regiments Nr. 29. Später folgten noch eine Division des 7. Armee-Korps sowie das General-Kommando des 8. Armee-Korps unter dem General Herwarth von Bitterfeld. Die Gesamtzahl der Einquartierungen in Delitzsch betrug während des Krieges ungefähr 6.000 Mann. Nach kampflosem Einmarsch preußischer Verbände in das Königreich Sachsen rückten die preußische 1. Armee am 23. Juni über Seidenberg und Zittau und die Elbarmee über Waltersdorf und Schluckenau in das habsburgische Königreich Böhmen ein. Am 26. Juni kam es zu ersten größeren Gefechten bei Hühnerwasser und Turnau und schließlich der Schlacht bei Podol zwischen verschiedenen Einheiten der preußischen 1. Armee und der Elbarmee auf der einen und dem I. Österreichischen sowie dem Sächsischen Korps auf der anderen Seite. Die entscheidende Schlacht fand am 3. Juli bei Königgrätz statt. Preußen und seine Verbündeten schlugen den Deutschen Bund unter österreichischer Führung. Preußen übernahm die politische Führung unter den deutschen Ländern und gründete schließlich den Norddeutschen Bund. Die preußische Armee gab erstmals öffentlich Verlustlisten heraus. So erschienen ab 10. Juli auch im Delitzscher Kreisblatt fast täglich Auszüge dieser Verlustlisten für die Kreise Delitzsch und Bitterfeld. Sie enthielten neben dem Namen den Dienstgrad, die Einheit, die Art der Verwundung oder den Todesfall und den Ort. Auf Grund dieser Listen war es möglich, die Gefallenen des Krieges aus Delitzsch zu erfassen. Durch die Auswirkungen des Krieges sah sich die preußische Regierung gezwungen, Reserve-Lazarette für die zahlreichen Verwundeten einzurichten. In Delitzsch wurde das Schloß, das bisher eine Strafanstalt für weibliche Gefangene war, zu einem Reserve-Lazarett umgenutzt.

 Abbildung 3 - Knig Wilhelm
Abb. 2: König Wilhelm führt in der Schlacht von Königgrätz versprengte Truppen in den Kampf

 Am 10. Juli trafen zwei Sonderzüge mit insgesamt 274 Verwundeten aus Preußen, Sachsen und Österreich hier ein. So wurden Freund und Feind gemeinsam in einem Lazarett betreut. Der Königliche Landrat des Kreises Delitzsch, von Rauchhaupt, rief in einer Bekanntmachung die Bevölkerung auf, fast geheilte Verwundete, die nur noch etwas Kräftigung benötigten, in private Pflege zu nehmen. Damit sollte das überfüllte Lazarett entlastet werden. Im Verlauf des Krieges erklärten sich viele Delitzscher bereit, diesem Aufruf zu folgen. Der Delitzscher Magistrat sah sich am 11. Juli gezwungen, alle Delitzscher, die einen Verwundeten bei sich pflegten, sofort eine schriftliche Meldung abgeben zu lassen. "Wir halten es für nöthig, jedem der Krieger einen Zettel zu behändigen, worauf Name und Wohnung seines Wirthes geschrieben steht, damit sich dieselben bei ihren Ausgängen in die Stadt wieder zurechtweisen lassen können, weil Viele unserer Sprache nicht mächtig sind." Bisher sind 24 Delitzscher bekannt, die im Verlauf dieses Krieges gefallen oder an ihren Verwundungen verstorben sind. Dazu kommen sieben Militärangehörige aus anderen Orten, die im Reserve-Lazarett Delitzsch an ihren Verwundungen verstarben. Unter ihnen befanden sich auch vier Österreicher. Alle im Reserve-Lazarett Delitzsch Verstorbenen wurden öffentlich mit einer Trauerfeier auf dem städtischen Friedhof beerdigt. Diese Trauerfeiern verliefen nach dem selben Muster. Den Anfang des Trauerzuges bildeten das Stadtmusikkorps und die Schützengilde, gefolgt von einem durch Schützen getragenen und mit Kränzen und Auszeichnungen geschmückten Sarg. Ihm folgten die Geistlichkeit, die Verwaltungsbeamten und die leichter verwundeten Preußen, Sachsen und Österreicher. Hunderte von Bürgern schlossen sich an. Das Begräbnis wurde durch einen dreifachen Ehrensalut beendet. Später wurde auf dem Marienfriedhof ein zwei Meter hoher Gedenkstein aus Sandstein zur Erinnerung an sechs Soldaten, die 1866 im Delitzscher Reserve-Lazarett auf dem Delitzscher Schloß verstorben sind, errichtet. Dieser Gedenkstein wurde in den 70er Jahren entfernt und konnte bis heute nicht mehr aufgefunden werden. Deshalb sollen an dieser Stelle die Namen der sechs Soldaten genannt werden: der Landwehrmann eines preußischen Garde-Regiments Georg Beitzel aus Bodendorf bei Koblenz; der Soldat der österreichischen Armee Daniel Bertachini aus St. Puinare in Venetien; der Infanterist der österreichischen Armee Anton Kördi aus Ungarn; der Soldat der österreichischen Armee Franz Lattner aus Wien; der Soldat der österreichischen Armee Christoph Müller aus Roggendorf in Böhmen und der Musketier des 3. Magdeburger Infanterie-Regiments Nr. 66 Wilhelm Schulenburg aus Wiebeke bei Gardelegen. Auf der östlichen Seite des Gedenksteins wurde folgende Inschrift eingemeißelt: "Sechs Krieger ruhen hier in Frieden, / der Heimath und den Lieben fern, / im Tod vereint sie, die geschieden / im Kriege nach dem Rath des Herrn. / So lasst sie denn in Frieden schlafen, / bis sie vom Tode auferstehn. / Der Herr sei gnädig diesen Braven / Und lasse sie sein Antlitz sehn." Der im Reserve-Lazarett Delitzsch verstorbene Carl Eduard Zothe aus Leipzig wurde von seinem Vater mit einem Wagen abgeholt. Auch sein Sarg war mit Kränzen geschmückt. Ein weiteres Problem entstand, als viele Kriegsheimkehrer die Cholera in Delitzsch einschleppten. Der Schuhmacher und Landwehrmann Friedrich Theodor Franke aus Delitzsch, verstarb an dieser Krankheit ebenso wie 42 Delitzscher Zivilisten. Erwähnenswert ist die Zeitungsanzeige eines Feldwebels der österreichischen Armee, der nach seiner Genesung folgendes schrieb: "Die Stunde hat geschlagen, wo wir die uns so lieb gewordene Stadt Delitzsch verlassen müssen. Wir können nicht unterlassen, unseren Herren Wohlthätern sammt Familien für die freundschaftliche Aufnahme…unsern innigsten Dank und ein herzliches Lebewohl hiermit zu sagen….Im Namen sämmtlicher verwundeter Österreicher." Nachdem am 30. August der Frieden zwischen Preußen und Österreich und am 21. Oktober der Frieden zwischen Preußen und Sachsen in Berlin durch Verträge abgeschlossen und somit der Krieg in Deutschland überall beendet war, befahl der König, die Feier des Friedensfestes in allen Kirchen seines Landes am 11. November durchzuführen. Auch in Delitzsch fand ein Dankes-Gottesdienst statt. Die Provinz Sachsen im Königreich Preußen hatte die meisten Verluste im Krieg zu verzeichnen. Insgesamt hatte Preußen 21.611 Verwundete, Gefallene und Vermisste, während die Provinz Sachsen mit 4.289 Opfern daran einen Anteil von ca. 20 % trug. Im Jahr 1870 hatte es Bismarck geschafft, dass das letzte Hindernis bei der Gründung eines einheitlichen deutschen Staates unter preußischer Führung aus dem Weg geräumt werden konnte - Österreich schied aus der gesamtdeutschen Politik aus. Er provozierte Frankreich so lange, bis der französische Kaiser am 15.07.1870 Preußen den Krieg erklärte.


Quellen für die folgende Datenbank: Delitzscher Kreisblatt, Jahrgänge 1864 bis 1872. Kirchenbuch Delitzsch, Beerdigungen 1866. Verlust-Listen der Königlich-Preußischen Armee für die Kreise Bitterfeld und Delitzsch, veröffentlicht im Delitzscher Kreisblatt zwischen dem 10.07. bis 01.08.1866. Verlust-Listen der Königlich-Preußischen Armee, gedruckt in der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker), Berlin 1866, Online-Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf 2011.

Datenbank der Todesopfer