Delitzscher als Opfer von Krieg und Gewalt 1864 bis 1955

5. Der Kampf gegen den Kapp-Putsch im März 1920

Die im Ergebnis des 1. Weltkrieges entstandene Weimarer Republik mit der SPD, dem Zentrum und der Demokratischen Partei an der Spitze bekam die Schwierigkeiten, die durch den Versailler Vertrag und innere Unruhen entstanden waren, nicht in den Griff. Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. Die Regierung Bauer versuchte zwar, die Erfüllung der Bestimmungen des Vertrages abzuschwächen, gleichwohl musste sie ihm im Wesentlichen entsprechen. Große Teile des Offizierskorps der Reichswehr und die Angehörigen der nationalistisch orientierten Freikorps wollten die Reduzierung der Reichswehr – und damit ihre Entlassung – nicht hinnehmen. Die Reichsregierung selbst bemühte sich, den Abbau der bewaffneten Kräfte hinauszuzögern, da sie sich auf die Truppen angewiesen sah, um der heftigen sozialen Unruhen im Reich Herr zu werden. Einer Anweisung der Interalliierten Militärkontrollkommission folgend, löste Reichswehrminister Gustav Noske am 29. Februar 1920 die 6.000 Mann starke Marinebrigade von Hermann Ehrhardt und das Freikorps Loewenfeld auf. Dem widersetzte sich Reichswehrgeneral von Lüttwitz, der am frühen Morgen des 13. März an der Spitze der ihm unterstehenden Marinebrigade Ehrhardt das Berliner Regierungsviertel besetzte und Wolfgang Kapp zum Reichskanzler ernannte. Da die Reichswehr nicht bereit war, gegen die Putschisten militärisch vorzugehen, floh die Mehrzahl der Minister mit Reichskanzler Gustav Bauer und dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert aus Berlin. Noch im Laufe des 13. März erschien in allen größeren Städten ein von den sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern und vom Parteivorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) Otto Wels unterzeichneter Aufruf zum Generalstreik, der insbesondere in der Reichswehr so starke Irritationen auslöste, dass die Reichsregierung sich umgehend von diesem Aufruf distanzierte. In der Folge des von der deutschen Arbeiterschaft nahezu einmütig befolgten Generalstreiks während des rechtsgerichteten Lüttwitz-Kapp-Putsches kam es im März 1920 zu zahlreichen revolutionären Aufstandsbewegungen gegen die Weimarer Republik. Im südlichen Teil der preußischen Provinz Sachsen, im Regierungsbezirk Merseburg – dem stärksten Bezirk der USPD – schlugen bewaffnete Arbeiter im Raum Bitterfeld-Delitzsch und in Zeitz-Weißenfels die Truppen der Reichswehr.

Abbildung 9 - Bewaffnete Arbeiter im Mrz 1920 Bild Bestand Museum Delitzsch
Abb. 8: Bewaffnete Arbeiter im März 1920

Der Kampf gegen den Kapp-Putsch kostete auch in Delitzsch Menschenleben. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges bildeten sich vor allem auf dem Lande Einwohnerwehren. Den Anlass für die bewaffneten Auseinandersetzungen in Delitzsch bildete die Ablieferung der auf dem Lande den Einwohnerwehren abgenommenen Waffen und Munition. So kam es bereits am 17. März vor dem Delitzscher Rathaus zu einer Protestaktion. Zur Niederschlagung der Arbeiteraufstände in der Region wurden Truppen der Reichswehr aus Torgau und der Garnison Eilenburg eingesetzt. Es gehörten in Delitzsch folgende bekannte Einheiten dazu: das 10. Preußische Reiter-Regiment, die 17. Kompanie des Freiwilligen Landesjägerkorps, die 6. Abteilung der Reichswehrbrigade 16 und der Stab 2 der leichten Artillerie-Abteilung. Die genannten Reichswehrabteilungen aus Torgau und Eilenburg hatten bereits in Bitterfeld bewaffnete Auseinandersetzungen mit Arbeitern und zogen sich über Delitzsch zurück. Die Kavallerie und Artillerie zog weiter nach Eilenburg, um dort Quartier zu nehmen. Eine Kompanie Infanterie mit Maschinengewehrabteilung blieb in Delitzsch als Besetzung zurück und wollte hier in Bürger- und Massenquartieren untergebracht werden. Von Bitterfeld her folgten den Truppen bewaffnete Arbeiter aus Bitterfeld. Es kam am 18. März zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Reichswehrtruppen. Obwohl das Militär zahlenmäßig überlegen war, verzettelte es sich total bei der Verteilung seiner Kräfte. Außerdem hätte das Militär wissen müssen, dass ihnen bewaffnete Arbeiter gefolgt waren. Die Kämpfe erstreckten sich über die Leipziger Brücke, den Auguste-Victoria-Ring (heute Am Wallgraben), den Roßplatz, die Kohlstraße, den Marienfriedhof, den Marienplatz, die Eilenburger Straße, die Bitterfelder Straße, die Hallesche Straße, das Schloß, den Marktplatz und die Schloßstraße. Nachdem die Arbeiter den Kampf zu ihren Gunsten entschieden hatten, kam es um Mitternacht zum Waffenstillstand. Das Militär musste nach Verhandlungen fast alle Waffen und Munition an die Delitzscher Arbeiter abgeben und zog ab. Nach der Einstellung des Feuergefechts kam es am Breiten Turm zu einem weiteren Zwischenfall. Der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher und Justizrat Dr. Schulze wurde von einer ihn umzingelnden Menge misshandelt und anschließend kopfüber in den Stadtgraben geworfen. Ein auf ihn abgegebener Schuss verfehlte jedoch sein Ziel. Vier tote Arbeiter und ein Landesjäger wurden am 22. März 1920 auf dem Delitzscher Friedhof beigesetzt unter einer "massenhaften Anteilnahme". Vom Marktplatz ausgehend, wo sich die Gewerkschaften und die Vertreter der sozialistischen Parteien versammelt hatten, bewegte sich ein langer Trauerzug gegen 10:30 Uhr zum Friedhof. Hinter den Angehörigen gingen die Vertreter der städtischen Körperschaften und der politischen Parteien. In der Friedhofskapelle wurden die fünf Särge aufgestellt und mit Blumen- und Kranzschmuck versehen. Die Feier wurde vom Knabenchor mit einem Lied eröffnet und anschließend hielt der Superintendent Hobbing die Trauerrede. Danach trat der Abgeordnete Raute, Mitglied der USPD der Nationalversammlung, zu einem Nachruf nach vorn: "Tieferschüttert stehen wir vor diesen Särgen. Angesichts dieser Opfer ist es uns ein Trost zu wissen, dass diese Kämpfer für eine hohe, heilige Sache, für die Freiheit gestorben sind." Anschließend sprach der Stadtrat Ehrhorn im Auftrage der Arbeiterschaft zu den Trauernden. Grabgesänge des Delitzscher Arbeitergesangvereines umrahmten diese eindrucksvolle Trauerfeier. Die Kosten für diese Beisetzung wurden durch die Stadt übernommen. Wie es in der Chronik zu der Zahl von 19 Toten gekommen ist, kann nicht mehr nachvollzogen werden. In allen zur Verfügung stehenden Quellen werden lediglich 10 Tote genannt. Beurkundet und bestätigt sind drei an den Kämpfen beteiligte Arbeiter; drei Unbeteiligte, die zufällig tödlich getroffen wurden und vier Soldaten der Reichswehr. Fünf beteiligte Arbeiter und unbeteiligte Zivilisten sind auf dem Gedenkstein für die Opfer des Kampfes gegen den Kapp-Putsch, der sich auf dem Delitzscher Friedhof befindet, eingemeißelt: Karl Friedrich Weber, geb. am 25.02.1874 in Reidewitz, verstorben am 24.03.1920, wohnhaft in Delitzsch, Bismarckstr. 48, verheiratet mit Wilhelmine Berta, geb. Sachs, durch Rückenschuss, den er am 18.03.1920 erhalten hatte und Herzschwäche gestorben, Sohn von Johanne Friederike Oppermann, verw. Hausherr, geb. Weber; Erich Schmidt, geb. am 28.11.1900 in Kiel, gefallen am 18.03.1920, wohnhaft in Delitzsch, Markt 21, durch Kopfschuss bei den Straßenkämpfen gestorben, ledig, Sohn von Friedrich Schmidt und Luise, geb. Asch; Heinrich Albert Alwin Korn, geb. am 08.08.1900 in Delitzsch, gefallen am 18.03.1920, wohnhaft in Delitzsch, Kreuzgasse 3, durch unvorsichtiges Hantieren mit einer Handgranate bei den Straßenkämpfen gestorben, Sohn von Heinrich Albert Alwin Korn und Emma Klara, geb. Kluge; Wilhelm Walter KurtOelschner, geb. am 01.07.1902 in Delitzsch, gefallen am 18.03.1920, wohnhaft in Delitzsch, Mühlenstr. 7, durch Brustschuss bei den Straßenkämpfen gestorben, ledig, Sohn von Friedrich Wilhelm Oelschner und Lina, geb. Schönemann; Hermann Artur Fiedler, geb. am 13.05.1892 in Delitzsch, gefallen am 18.03.1920, wohnhaft in Delitzsch, Gertitzer Str. 14, durch Kopfschuss bei den Straßenkämpfen gestorben, ledig, Sohn von Johann Hermann Fiedler und Marie Anna, geb. Kuhne. Ein unbeteiligter Delitzscher Zivilist ließ bei den Kämpfen sein Leben in Leipzig: Karl Max Schmidt, geb. am 06.03.1896 in Delitzsch, erschossen am 15.03.1920 in Leipzig, arbeitete als Kassenbeamter in Leipzig und wurde auf dem Weg zum Bahnhof durch Reichswehrtruppen unschuldig erschossen (Herzschuss), wohnhaft in Delitzsch, Gertitzer Straße 12, wurde am 24.03.1920 in Delitzsch beerdigt, eine standesamtliche Beurkundung erfolgte aber in Delitzsch nicht. Insgesamt fielen diesen Kämpfen auch vier Soldaten der Reichswehr zum Opfer. Einer von ihnen wurde in Delitzsch beigesetzt und standesamtlich beurkundet, während die drei anderen Toten durch die abziehenden Reichswehrtruppen mitgenommen und dann in Eilenburg beerdigt wurden: Karl Donter, geb. am 27.07.1902 in Lütgen, gefallen am 18.03.1920, Jäger in der 17. Kompanie des Freiwilligen Landesjägerkorps Torgau, an Halswirbelschuss bei den Straßenkämpfen in Delitzsch gestorben, Sohn von Marie Donter, geb. Lumma, am 23.03.1920 in Delitzsch beerdigt und im Standesamt Delitzsch beurkundet; Oswald Clemen, geb. am 19.11.1899 in Schmalkalden, gefallen bei den Kämpfen in Delitzsch am 18.03.1920, Todesursache: Bauchschuss, Gefreiter in der leichten Artillerie-Abteilung, Stab 2 in Torgau, in Eilenburg beerdigt, aber erst am 10.09.1934 wurde sein Tod im Standesamt Hildburghausen beurkundet; Adolf Nicolai, geb. am 11.09.1900 in Frankfurt am Main, gefallen bei den Kämpfen in Delitzsch am 18.03.1920 im Alter von 19 Jahren und 6 Monaten, Jäger in der VI. Abteilung der Reichswehr-Brigade 16, 18. Kompanie in Eilenburg, in Eilenburg beerdigt, aber erst am 20.09.1934 wurde sein Tod im Standesamt Frankfurt am Main beurkundet; Heinrich Voigt, geb. am 18.09.1901 in Grebenstein, gefallen bei den Kämpfen in Delitzsch am 18.03.1920, Todesursache: schwere Kieferverletzung durch Infanterie-Geschoss, verstarb auf dem Transport nach Kospa (bei Eilenburg), Jäger in der VI. Abteilung der Reichswehr-Brigade 16, 18. Kompanie in Eilenburg, in Eilenburg beerdigt, aber erst am 13.03.1935 wurde sein Tod im Standesamt Oberhausen/Rheinland beurkundet. Andere Tote sind nicht nachgewiesen. Am 6. Juni 1920 fanden als Folge des Kapp-Putsches Reichstagswahlen statt. In Delitzsch stimmten für die Deutschnationalen 505, die Deutsche Volkspartei 1426, die Demokraten 967, die Mehrheitssozialisten 1261, die Unabhängige 3340, das Zentrum 94 und für die Kommunisten 57 Wähler.

 


Quellen für die folgende Datenbank: Delitzscher Tageblatt vom 24.03. und 25.03.1920;. Delitzscher Zeitung vom 24.03., 25.03., 26.03. und 27.03.1920. Roden, Hans: Deutsche Soldaten. Vom Frontheer und Freikorps über die Reichswehr zur neuen Wehrmacht. Verlag Breitkopf und Härtel, Leipzig. 1935. SED-Kreisleitung Delitzsch (Hrsg.): Stätten des Gedenkens und der Erinnerungen der revolutionären Arbeiterbewegung der Stadt Delitzsch; Delitzsch o.J.,. Stadt Delitzsch (Hrsg.): Chronik der Stadt Delitzsch, Teil VII, Delitzsch 1991, S. 116f. Stadtarchiv Delitzsch, Personenstandsbücher, Sterberegister der Stadt Delitzsch 1920. Stadtarchiv Delitzsch; Schriftverkehr der Stadtverwaltung Delitzsch mit dem Zentralnachweisamt für Kriegsgräber und Kriegerverluste sowie dem Staatsanwalt in Halle Saale, 1938.

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