Delitzscher als Opfer von Krieg und Gewalt 1864 bis 1955

7. Der Zweite Weltkrieg 1939-1945

Etwa 60 bis 80 Millionen Opfer (Menschenverluste und Kriegsbeschädigte) forderte der Zweite Weltkrieg in der Zeit zwischen 1939-1945. Diese hohe Verlustzahl spiegelt sich auch in der Stadt Delitzsch wider. Bisher konnten 1.600 im Krieg gefallene oder durch Verwundung nach dem Krieg verstorbene Soldaten, in Delitzsch verstorbene Zwangsarbeiter und ausländische Zivilisten, verstorbene Kriegsgefangene, Zivilisten, die durch Kriegseinwirkungen verstarben und standrechtlich hingerichtete Angehörige der Wehrmacht identifiziert werden. Man kann aber davon ausgehen, dass das Schicksal von mindestens 500 Opfern noch der Aufklärung bedarf. Ab 1. September 1939, dem Tag des Kriegsausbruches, wurde in Delitzsch bis auf weiteres die Verdunkelung eingeführt und die Schulen vorerst geschlossen. Am 28. September kam schließlich der erste Lazarettzug in Delitzsch an. Er brachte 67 Verwundete, die im Krankenhaus zur Genesung untergebracht worden. Am 30. September traf der erste Transport mit polnischen Kriegsgefangenen ein. Der nachweisbar erste Delitzscher, der im Zweiten Weltkrieg sein Leben ließ, war der Schütze Max Gerhard Hermann, wohnhaft in der Wiesenstraße 18. Am 6. September 1939 erlag er im Feldlazarett 24 in Glimno (Polen) seinen Verletzungen. Bis zum Jahresende folgten ihm noch weitere sechs Tote. Neue Kriegsgefangenentransporte, meist aus französischen Soldaten bestehend, wurden 1940 in Lagern, so im Lindenhof untergebracht, und zu Arbeiten in Industrie und Landwirtschaft eingesetzt. Im Allgemeinen waren die Auswirkungen des

Abbildung 13 - Deutsche Kriegsgrber auf dem Friedhof Delitzsch Foto privat
Abb. 10: Deutsche Kriegsgräber auf dem Friedhof Delitzsch

Krieges auf den Tagesablauf noch nicht zu spüren, obwohl in dem Jahr bereits mindestens 26 Männer ihr Leben ließen. Im Jahr 1941 stieg die Zahl der Gefallenen durch den Überfall auf die Sowjetunion merklich an, 89 Tote wurden registriert. Ab 1942 machten sich die Verluste im Krieg bemerkbar: 1942 waren es 159 Gefallene, 1943 waren es bereits 193 und 1944 sogar 337 Gefallene. Obwohl der Krieg ab 20 April 1945 in Delitzsch faktisch zu Ende war, starben mindestens 212 Wehrmachtsangehörige. Viele Namen von Gefallenen wurden erst mehrere Jahre nach 1945 bekannt. Ein Großteil der Vermissten konnte z. B. nicht aufgeklärt werden, weil sie in Kriegsgefangenschaft verstarben. So verstarb der Obergefreite Erich Seelbach aus Delitzsch am 12. Februar 1947 im russischen Kriegsgefangenenlager Ascha, 120 km östlich von Ufa, an Lungenentzündung. Er wurde im Waldlager IV in Ascha beigesetzt. Erst 1948 konnte sein Sterbefall beurkundet werden. Selbst diejenigen, die aus der Gefangenschaft entlassen werden sollten, starben oft auf dem Weg in die Heimat. Der Panzergrenadier Hermann Wilhelm Otto Koch befand sich in einem Kriegsgefangenenlager hinter dem Ural. Er war schwer erkrankt und litt an Wassersucht. Auf dem Transport in die Heimat starb er in der Nähe von Moskau am 24. Oktober 1945. Der Soldat Ewald Wolters, geb. am 10.12.1908 in Benndorf, in Delitzsch wohnend und mit Elfriede Marie, geborene Wilhelm, verheiratet, galt seit Januar 1945 als vermisst. Seine Frau und seine drei Kinder erfuhren von seinem Schicksal erst im Jahr 1949. Ein Kamerad von Ewald Wolters, der ebenfalls aus Delitzsch stammende Erich Struensee, gab eine eidesstattliche Erklärung zu Protokoll: "In der Nacht vom 21. zum 22. Januar 1945 war unsere Truppe eingeschlossen. Der Soldat Wolters lag im Straßengraben neben mir. Beschuß erfolgte durch Panzer und feindliche Infanterie. Wir mussten versuchen, auszubrechen. Als ich meinen Kameraden Wolters aufforderte, mit mir aus dem Straßengraben herauszuspringen, um aus dieser gefährlichen Lage zu kommen, sagte er nur: 'Meine Frau und meine Kinder'. Er brach zusammen. Bei der von dem brennenden Dorf erzeugten Helligkeit sah ich deutlich, dass er durch einen Brustschuß getroffen war. Seine Haltung und letzten Worte zeigten mir, dass er tot war. Da ich versuchen musste, mit den anderen Kameraden aus der gefährlichen Lage zu kommen, konnte ich mich nicht mehr um ihn kümmern oder ihm irgend welche Gegenstände abnehmen. Die Kampfhandlungen fanden statt bei Guttentag bei Oppeln." Durch den Kriegsverlauf wurden auch in Delitzsch einschneidende Maßnahmen durchgesetzt.

Abbildung 14 - Denkmler gefallene Soldaten verschiedener Nationen auf dem Friedhof Delitzsch Foto privat
Abb. 11: Denkmäler gefallene Soldaten verschiedener Nationen auf dem Friedhof Delitzsch

Laut einer Bekanntmachung des Bürgermeisters wurde die gesamte Bevölkerung vom 15. bis zum 70. Lebensjahr (außer Gebrechlichen, Kranken und Schwangeren) zum Selbstschutz herangezogen. Freiwillige konnten sich nun bereits mit 16 ½ Jahren zur Waffen-SS melden. Zahlen über Gefallene wurden nicht mehr bekanntgegeben und viele bisher zurückgestellte Männer wurden eingezogen. Beamte durften nicht mehr mit 65 Jahren in den Ruhestand treten. Das deutete auf eine kritische Lage an der Ostfront hin. Jedoch wurde die sich anbahnende Katastrophe um Stalingrad, das bereits am 21. November eingeschlossen worden war, noch verheimlicht. Durch das neue Arbeitseinsatzgesetz, das aufgrund des "Totalen Krieges" zur Sicherung des "Endsieges" erlassen wurde, waren alle Männer vom vollendeten 16. Lebensjahr bis zum vollendeten 65. Lebensjahr und alle Frauen vom vollendeten 17. Lebensjahr bis zum vollendeten 45. Lebensjahr zum Arbeitseinsatz verpflichtet. Bis Ende Februar 1943 erteilte das Wehrmeldeamt Auskünfte über das Schicksal der Stalingradkämpfer. Am 16. Juli 1943 wurde allen Betriebsführern bekanntgegeben, dass für die Jahrgänge 1925, 1926 und 1927 der HJ der Urlaub gesperrt sei, da diese Zeit restlos für die Wehrertüchtigung benötigt wurde. Am 16. August 1944 wurde der Flugplatz in Spröda durch feindliche Bomber angegriffen. Dabei wurden die Flugzeug- und Montagehalle sowie das Rollfeld zerstört. Das Vorwerk des Rittergutes Beerendorf wurde mit beschädigt, eine Frau und ein Schäfer wurden getötet und 150 Schafe verbrannten in den Ställen. Die Mühle von Beerendorf wurde durch Brandbomben getroffen und brannte ab. Am 18. Oktober erschien ein "Aufruf des Führers zur Aufstellung eines Volkssturmes zur Verteidigung des Vaterlandes". Daraufhin wurde durch das Landratsamt eine Meldung aller gestellungspflichtigen Männer der Jahrgänge 1884 - 1928 zum Deutschen Volkssturm am 25. Oktober auf dem Schützenhofplatz und Jahnplatz angeordnet. Am 02. November wurden durch einen Bombenangriff in der Gemarkung Beerendorf am Flugplatz drei Personen getötet.

Delitzsch - Luftbildaufnahme 1944
Abb. 12: Amerikanische Luftbildaufnahme von Delitzsch 1944

Ende Januar 1945 war eine starke Zunahme des Flüchtlingsstroms zu verzeichnen. Tag und Nacht zogen vollbesetzte Wagenkolonnen durch die Stadt. Am 14. April standen die Armeen der Westalliierten bei Wittenberge und Magdeburg und damit an der Elbe, die Saale war bereits überschritten und amerikanische Truppen stießen auf Leipzig vor. Fast stündlich war am Tag Fliegeralarm. Es wurde mit dem Anlegen einer Verteidigungsstellung am Westrand der Stadt begonnen. Am 15. April wurden die Baracken, Bahnanlagen und Lagerräume' des Flugplatzes in Spröda gesprengt. Am 16. April griff ein amerikanisches Kampfflugzeug den Berliner Bahnhof mit Bomben an. Dadurch wurde der nördliche Teil des Bahnhofes mit der Bahnhofsgaststätte und der Warteraum mit Schalter in Schutt und Asche gelegt. Elf Personen, darunter der Bahnhofswirt und dessen Ehefrau sowie mehrere Fremdarbeiter, wurden getötet und weitere Personen verletzt, davon einige schwer. Vier von ihnen erlagen ihren Verletzungen. Am 17. April beschoss ein Tiefflieger die Bismarckstraße/Ecke Eisenbahnstraße, wobei Anna Koppehl und ihr Sohn Kurt aus der Fuststraße den Tod fanden. Tragisch verlief auch der Tod des aus Delitzsch, Mauergasse 29, stammenden Hauptmanns der Reserve, Viktor Conrad Hochheim. Aus dem Schriftverkehr geht hervor, dass er mit drei Kameraden Anfang Februar 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen und an die Russen übergeben wurde. Alle vier Gefangene kamen in das (wie sie fälschlicherweise annahmen) Kriegsgefangenenlager Sachsenhausen bei Oranienburg. Dieses Lager war aber bereits seit August 1945 ein sogenanntes Speziallager des russischen NKWD. Viktor Hochheim verstarb dort innerhalb kurzer Zeit an Lungenentzündung. Obwohl sich danach entlassene Kameraden und seine Familie um eine Sterbefallanzeige bemühten, kam es erst 1948 dazu. Die Familie erhielt keine Benachrichtigung der russischen Behörden. Auch deutsche Behörden verhielten sich auffallend passiv. Desertierungen von Soldaten erfolgten zunehmend. Wie aus dem Totenregister des Friedhofes Delitzsch hervorgeht, wurden einige Deserteure erschossen aufgefunden. Deren Namen waren zunächst unbekannt. Am 20. April 1945 (als amerikanische Truppen Delitzsch besetzten) nahm man noch an, dass ein Verbrechen an ihnen verübt worden sei und übergab den Fall der Kriminalpolizei. Sie waren aus nächster Nähe durch Schüsse in den Kopf und die Brust getötet worden. Zwei von ihnen, die Soldaten Franz Simon und Heinz Klammer, waren erst 16 Jahre alt. Vielleicht hatten sie die Sinnlosigkeit eines weiteren Kampfes erkannt oder sie hatten einfach Angst. Sie wurden vermutlich durch die kurz vor den eintreffenden Amerikanern nach Eilenburg geflohenen SS-Angehörigen hingerichtet. Angst vor dem Tod in den letzten Tagen des Krieges hatte wahrscheinlich auch der Schütze Georg Schwarzer, aber das bleibt nur eine Vermutung. Seine Mutter erhielt im November 1944 die lakonische Mitteilung eines Feldgerichtes: "Das gegen den Schützen Georg Schwarzer, geb. am 28.11.1925 in Neiße O.S., zuletzt wohnhaft in Delitzsch, Mühlenstraße 13, wegen der von ihm am 3. November begangenen Straftat vom Feldkriegsgericht auf Todesstrafe erkannte Urteil ist nach Bestätigung durch den zuständigen Gerichtsherrn am 15. November 1944 vollstreckt worden. Die Bestattung erfolgte in unmittelbarer Nähe des Richtplatzes in Ceplukains, 20 km südlich Grobin (Lettland). Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften und dgl. Sind verboten. Unterschrift: gez. Oberstabsrichter Petrick." Erst nach schriftlicher Anfrage an das Feldgericht erfuhr die Mutter, dass ihr Sohn wegen "Feigheit vor dem Feinde" verurteilt worden war. Die Angehörigen des Volkssturmes in Delitzsch verschwanden Ende April nach und nach. Ihre Waffen warfen sie in den Stadtgraben oder in den Werkstättenteich. Zwischen 1940 und 1945 starben durch Kriegseinwirkungen in Delitzsch 66 Zivilisten. Sie wurden Opfer von Bombenangriffen auf Leipzig oder Delitzsch sowie durch Hantieren mit Munition oder Waffen. Am 15. April verstarb der 11-jährige Schüler Heinrich Blokus aus Delitzsch nach dem Spielen mit einer Panzerfaust; beim Explodieren zerriss sie ihm den Dünndarm. Auch die Schüler Gerhard Haberland, Werner Halweg, Marlitt Kruschewski, Dietmar Nitsche, Genevefa und Theresa Noack, Werner Salgon, Herbert Schneider, Christa Schuhknecht und Ralf Weise verloren auf diese Weise ihr Leben. Von den gefallenen mindestens 1.400 Delitzscher Wehrmachtsangehörigen wurden lediglich 32 auf dem Delitzscher Kriegsgräberfriedhof beigesetzt. Auf den Grabsteinen sind auch Namen von Gefallenen zu finden, die nicht aus Delitzsch stammen. Sie sind an ihren Verletzungen im Krankenhaus Delitzsch verstorben und hier beerdigt worden. Des Weiteren sind auf dem Friedhof 203 ausländische Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene bestattet. Darunter befinden sich 136 Personen aus der Sowjetunion, 16 Tschechen, 20 Polen, 12 Italiener, 10 Franzosen, 6 Engländer, 1 Belgier, 1 Kanadier und 1 Rumäne. Ihnen wurden später auf dem Friedhof Denkmäler gesetzt. Eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte dieser Zeit spielte ein ehemaliges Kinderheim in Werbelin. Werbelin gehörte zum Standesamtsbereich Delitzsch und deshalb stehen die Personenstandsbücher dem Stadtarchiv zur Verfügung. Dieses Kinderheim wurde ausnahmslos für Kinder von Zwangsarbeiterinnen eingerichtet. Nach der Geburt wurden diese Kinder ihren Müttern weggenommen und unter unmenschlichen Bedingungen in diesem Kinderheim eingesperrt. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass zwischen April 1944 und April 1945 70 Kinder verhungerten oder an Krankheiten verstarben, die durch die Unterernährung hervorgerufen worden. Die Leichen wurden auf dem Feld hinter dem Kinderheim ohne ein richtiges Grab einfach verscharrt. Am 20. April 1945 wurde Delitzsch von den amerikanischen Truppen besetzt, und der Krieg damit für die Stadt und deren Bevölkerung beendet. Doch die scheinbare Ruhe war nur vorübergehend. Bereits im Juli 1945 zogen sich die Amerikaner zurück und übergaben u.a. den Kreis Delitzsch an russische Truppen.


Quellen für die folgende Datenbank: Axis Biographical Research - an apolitical military history site, online auf http://www.geocities.com/~orion47/ (Stand 2014). Grabstätten sowjetischer Bürger auf dem Gebiet des Freistaates Sachsen, Dresden 2008. Militärhistorischer Seite mit Überblick der politischen und militärischen Struktur während des 2. Weltkrieges. Orte des Gewahrsams von deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion (1941-1956), Findbuch, Dresden, Kassel, Moskau, München 2010. Stadt Delitzsch (Hrsg.): Chronik der Stadt Delitzsch, Teil VIII, Delitzsch 1996. Stadtarchiv Delitzsch, Begräbnisbuch des Friedhofs Delitzsch 1943-1945. Stadtarchiv Delitzsch, Bombenabwurf auf den Berliner Bahnhof – Liste der Getöteten. Stadtarchiv Delitzsch, Gräber von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in Delitzsch. Stadtarchiv Delitzsch, Verstorbene Ostarbeiter Delitzsch in Delitzsch. Tessin, Georg. Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939-1945. Bearbeitet auf Grund der Unterlagen des Bundesarchivs-Militärarchivs; herausgegeben mit Unterstützung des Bundesarchivs und des Arbeitskreises für Wehrforschung. 14 Bände + 3 Registerbände in mehreren Teilen. Osnabrück 1967-1998. Todesanzeigen gefallener Soldaten aus Delitzsch 1939-1945; Delitzscher Tageblatt und Delitzscher Kreiszeitung. Verlag Podzun-Pallas, 1956. Werner Haupt: Deutsche Spezialdivisionen 1935-1945: Gebirgsjäger, Fallschirmjäger, Waffen-SS. Verlag Podzun-Pallas, 1995. Wolf Keilig: Das deutsche Heer, 1939-1945: Gliederung, Einsatz, Stellenbesetzung, Band 1

Datenbank der Todesopfer