Delitzscher als Opfer von Krieg und Gewalt 1864 bis 1955

8. Die Nachkriegszeit und die Anfänge des Kalten Krieges 1945-1955

Die Nachkriegszeit von 1945-1955 ist von den Anfängen des Kalten Krieges geprägt. Zu Opfern wurden die Internierten in den Speziallagern und Gefängnissen des NKWD, in den sibirischen Arbeitslager und durch das Sowjetische Militärtribunal zum Tode verurteilte Zivilisten; Internierte, die nach der Schließung der Speziallager an die DDR-Behörden übergeben wurden und in den politischen Gefängnissen Waldheim, Bautzen und Hoheneck verstarben und Opfer gab es auch am 17. Juni 1953. Über die Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone wurde bereits im Heimatkalender 2009 berichtet. Laut Angaben des sowjetischen Innenministeriums aus dem Jahr 1990 wurden zwischen 1945 und 1950 auf dem Gebiet der SBZ/DDR 122.671 Deutsche in Sonderlagern interniert. 45.000 wurden wieder freigelassen, 43.000 (35 %) verstarben in den Lagern; etwa 20.000 sind entweder in die UdSSR verschleppt oder in Kriegsgefangenenlager überführt worden.

 Abbildung 16 - Speziallager 1 Mhlberg - Grber mit Hochkreuz Foto privat
Abb. 13: Speziallager 1 Mühlberg - Gräber mit Hochkreuz

Ferner seien 14.202 Internierte an DDR-Behörden übergeben worden; über 900 Internierte wurden durch sowjetische Militärgerichte zum Tode verurteilt. Bisher sind 225 Personen aus dem Kreis Delitzsch eindeutig identifiziert, die zwischen 1945 und 1950 in sowjetischen Speziallagern interniert waren, davon stammten 134 Personen direkt aus der Stadt Delitzsch. Nachweislich verstarben 79 Personen (36%) von ihnen in den folgenden Lagern: 44 im Speziallager Nr. 2, Buchenwald; 25 im Speziallager Nr. 1, Mühlberg; 4 im Speziallager Sachsenhausen; 1 im Zuchthaus Waldheim; 1 im Zuchthaus Bautzen; 3 nach ihrer Deportation nach Russland; eine Person wurde in Moskau zum Tode verurteilt. Dabei handelte es sich um Siegfried Flegel, geb. am 22. Juli 1924 in Delitzsch, zur Zeit seiner Verhaftung im Leipziger Eisen- und Stahlwerk VVB beschäftigt, vorher als Hilfsarbeiter im VEAB Delitzsch. Am 10 März 1951 wurde er in Delitzsch verhaftet und anschließend in das Moskauer Gefängnis Butyrka überführt. Das SMT Nr. 48240 verurteilte ihn am 11. Juli 1951 wegen Spionage, antisowjetischer Propaganda und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zum Tode, das Präsidium des Obersten Sowjets lehnte sein Gnadengesuch am 17. September 1951 ab; das Todesurteil wurde am 24.09.1951 in Moskau durch Erschießen vollstreckt; beerdigt ist er auf dem Moskauer Friedhof Osenskoje. Eine namentliche Zusammenfassung aller aus dem Kreis Delitzsch stammenden Toten kann man auf der Internet-Seite der Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. finden. Die vorläufig letzten Opfer von Krieg und Gewalt in Delitzsch gab es in den Tagen um den 17. Juni 1953. Es kam in der DDR zu einer Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten, die verbunden mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen als "Aufstand des 17. Juni" (auch Volksaufstand oder Arbeiteraufstand) bezeichnet werden. Die Zahl der Gesamtopfer ist heute noch umstritten. Belegt sind allerdings die beiden aus Delitzsch stammenden Opfer. Dabei handelte es sich um Joachim Bauer, geb. am 4. Mai 1933 in Brodau und Gerhard Dubielzig, geb. am 29. März 1934 in Delitzsch. Beide fanden durch "wahllos" aus dem Volkspolizeiamt in Delitzsch abgegebene Schüsse den Tod.

Wie eingangs erwähnt, soll dieser Artikel ein Beitrag dafür sein, die Opfer von Krieg und Gewalt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dabei ist es natürlich wichtig, dass man die jeweiligen historischen Hintergründe beachtet und nicht überstürzt verurteilt: "Das historische Urteil ist dem Dilemma ausgeliefert, dass es gefällt wird über Handlungen, deren Folgen dem Historiker bekannt sind, nicht aber denen bekannt waren , die handeln mussten."


Quellen für die folgende Datenbank: Adressbuch des Kreises Delitzsch unter Ausschluss der Stadt Eilenburg, Ausgabe März 1934. . Bestand Stadtarchiv Delitzsch, Liste aller NSDAP-Mitglieder in der Stadt Delitzsch. . Das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau, Wissenschaftlicher Leiter: Wolfgang Oleschinski, Schloß Hartenfels, Schloßstr. 27, 04860 Torgau. Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945-1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung. Hg. von Bodo Ritscher, Rikola-Gunnar Lüttgenau, Garbriele Hammermann, Wolfgang Rüll und Christian Schölzel im Auftrag der Gedenkstätte Buchenwald. Göttingen 1999. Die Würde des Menschen ist unantastbar, Eine Tagung zur Auseinandersetzung um die Gestaltung einer Grabanlage f.r die "Torgauer Häftlingsurnen" auf dem Gertraudenfriedhof in Halle; Tagesdokumentation; hrsg. v. Verein Zeit-Geschichten Halle, Dezember 2005. Erschossen in Moskau ..: Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950 - 1953; Herausgegeben von Arsenij Roginskij, Frank Drauschke und Anna Kaminsky; Verlag Metropol; 3., vollständig .berarbeitete Auflage; Moskau 2008. Gedenkstätte Buchenwald, Kustos 2 – SpezLager 2: Dr. Bodo Ritscher, 99427 Weimar-Buchenwald. Gemeindeverwaltung Löbnitz, Standesamt, Ansprechpartnerin: Frau Mank, Parkstraße 15, 04509 Löbnitz. Gemeindeverwaltung Krostitz, Standesamt, Ansprechpartnerin: Frau Richter, Dübener Str. 1, 04509 Krostitz. Hewald, Hans Joachim, Aufzeichnungen von Georg Hewald – Inhaftierter in den Lagern Torgau, Grohnenfelde und Fünfeichen; in: Hewald, H., Hadubald – Kühn im Kampfe; Schardt Verlag Oldenburg o.J., S. 91-112. . Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V., Gesch€ftsstellenleiterin: Frau Stamm, Schulplatz 2, 04931 Mühlberg/Elbe. Kilian, Achim: Einzuweisen zur völligen Isolierung. NKWD-Speziallager Mühlberg/Elbe 1945-1948. Mit einem Vorwort von Hermann Weber. Leipzig 1993, Mannheim 1992. Kilian, Achim: Mühlberg 1939-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland, Böhlau Verlag, Köln Weimar 2001. Stadt Delitzsch (Hrsg.): Chronik der Stadt Delitzsch, Teil IX, Delitzsch 1998. Stadtarchiv Delitzsch, Unterlagen des Antifaschistischen Ausschusses des Kreises Delitzsch 1946-1948. Stadtverwaltung Eilenburg, Standesamt, Ansprechpartner: Frau Winter, Marktplatz 1, 04838 Eilenburg. . Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Wissenschaftliche Mitarbeiter: Frau Uljana Sieber und Herr Dr. Klaus-Dieter Müller, Dülferstraße 1, 01069 Dresden. Totenbuch des Speziallagers Nr. 3, Berlin-Hohenschönhausen. Totenbuch, Speziallager Nr. 1 des sowjetischen NKWD, Mühlberg/Elbe; Hg. Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V., Mühlberg 2008.

Datenbank der Todesopfer