Delitzscher Stadtchronik 1207-1990

Delitzscher Stadtchronik - 1600-1649

(Quelle: Delitzscher Stadtchronik von Johann Gottlieb Lehmann, ausgewählt durch Christel Moltrecht; Teil V, 1600-1649; hrsg. vom Kreismuseum Delitzsch 1985.)

Vorwort

Das vorliegende Heft der Veröffentlichungsreihe des Kreismuseums zur De­litzscher Stadtgeschichte bildet die chronikalische Fortsetzung bereits erschie­nener Hefte über die Ereignisse der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die Johann Gottlieb Lehmann vor 1850 aus archivalischen Quellen zusammenstellte. Vergegenwärtigt man sich diesen Zeitraum, so finden sich die darin geschilderten städtischen Begebenheiten von den Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges überschattet. Im Laufe dieser drei Jahrzehnte steigerten sich die Belastungen durch diesen Krieg ins Unermeßliche, nahmen die Kriegswirren und Kriegsfolgen zu. Dies zeichnete der Chronist in aller Ausführlichkeit nach, denn er hatte im vorigen Jahrhundert noch zeitgenössische Quellen zur Verfügung, die eine durchgängige historische Darstellung ermöglichten. Das ist für uns. heute von unschätzbarem Wert. Dabei ist beachtlich, daß J. G. Lehmann vor über 140 Jah­ren, aus bürgerlichem Geschichtsverständnis heraus, bereits eine Fülle sozialer und ökonomischer Aussagen in seine historische Darstellung der Geschichte der Stadt Delitzsch aufnahm. So stellen sich viele dieser Ereignisse als sehr lebens­voll und überzeugend, nicht selten aber auch erschütternd, dar.
Bis zur Jahrhundertwende war die Stadt durch den handwerklichen Fleiß ihrer Bürger zu beachtlichem Wohlstand gelangt, was unter anderem die zahlreichen Landbesitzungen beweisen. Ferner läßt sich bis etwa zum Jahre 1624 verfolgen, wie der intensive Ausbau der Stadt erfolgreich vorangetrieben wurde. So wollten die Ratsherren eineh eigenen Turm mit Wendeltreppe und Stuben an das Rat­haus anbauen, um einen gesonderten Eingang für den Adelstanz zu haben. Aber dieser wohl zu umfänglich geplante Bau blieb unausgeführt. Man erweiterte das Rathaus nun lediglich nach dem Markte zu um einen massiven Anbau mit einer überwölbten Treppe und einem großen Zimmer in der ersten Etage. Dieser Raum wurde mit erheblichem finanziellen Aufwand ausgeschmückt und mit einem Pfeiferstuhl versehen. Der Hallesche Turm erhielt in dieser Zeit ein neues Uhrwerk und für Übungen der Schützen baute man ein neues Schießhaus. Erhebliche Mittel wurden auch für die Ausstattung der Stadtkirche, die sich über Jahrhunderte im Besitz der städtischen Kommune befand, ausgegeben. Als re­präsentativstes Bauwerk der Stadt war diese, Peter und Paul geweihte, Hallen­kirche für die Bürgerschaft von einiger Bedeutung. Im Jahre 1615 ließ der Rat von einem Freiberger Bildhauer einen neuen Taufstein anfertigen und die Orgel erfuhr eine gründliche Erneuerung. Man ließ 115 neue Kirchenstühle machen und schaffte einen großen messingenen Kronleuchter an. Auch wurden Verzie­rungen zwischen Chor und Schiff angebracht und die nach dem Markte zu ge­legene Peterskapelle neu eingedeckt. Der reiche Bürger und Getreidehändler Gregor Hochstetter stiftete für die Stadtkirche eine neue Kanzel, auch setzte er Gelder für kirchliche Nutzung und Gebrauch aus.
Neben Rathaus und Stadtkirche stand auch der Markt im Blickpunkt öffent­lichen Interesses. Für die Ausgestaltung dieses zentralen Platzes wurde 1619 ein künstlerisch anspruchsvoller Brunnen im Stile der Spätrenaissance errichtet. Weitere Geldmittel wurden erneut für begabte Schüler, die auf Fürstenschulen oder Universitäten ausgebildet werden sollten, bereitgestellt. Man gewährte ihnen die sogenannten Ratsstipendien. Die Erlangung der Magisterwürde und die dem Rate zugeeigneten wissenschaftlichen oder literarischen Werke wurden ebenfalls honoriert. Neue Festlegungen erfuhren in dieser Zeit auch die Besoldung des Bürgermeisters, der Ratsherren, des Bauherren und des Stadtschreibers. Bereits Jahrzehnte vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges machten sich parallel zur wirtschaftlichen Stabilisierung und dem erreichten Wohlstand Ein­schränkungen auf verschiedenen Gebieten bemerkbar. Der zu Beginn des Jahr­hunderts noch wohlhabende Rat zu Delitzsch hatte feudale Besitzungen wie die Rittergüter und Dörfer Paupitzsch, Petersroda, Holzweißig und Werbelin erwor­ben. Erhöhte Steuern sowie die maßloser. Forderungen der Kurfürsten Christian und Johann Georg für Soldgelder zwangen den Rat jedoch zu Verkäufen. So gingen von den Stadtfluren der Dübische Werder, Wiesen bei Spröda und Benn­dorf, aber auch die Naundorfer- (hinter der Kläranlage) und Elberitz-Mühle verloren. Das Dorf Gertitz mußte zudem verpfändet werden. Trotz aller fürst­lichen Beschwerungen achtete der Rat streng auf seine städtischen Vorteile und Rechte. So wurde die Biermeile neu ausgemessen, um Handhaben gegen die Dörfer zu besitzen, die anderes als Delitzscher Bier ausschenkten. Daraus ent­stand 1629 der sogenannte Brinniser Bierkrieg mit bewaffneten Auseinander­setzungen, da diese Gemeinde Eilenburger Bier eingelagert, hatte. Durch einen Leipziger Juristen ließ sich der Rat seine städtischen Privilegien aktualisieren und neu. bestätigen. Dennoch gingen solche Rechte wie die Kavillerei und das des Geleits. verloren. Auch erfolgten •. von landesherrlicher Seite Aufforderungen zur Einschränkung unnötiger Ausgaben, unter anderem mußte der Pferdebestand des Marstalles verringert werden.
Den wirtschaftlichen Bemühungen der Stadt standen die frühkapitalistischen Bestrebungen des Kaufmannes Gregor Hochstetter entgegen, der hier Getreide stapelte und durch billige Verkäufe die Einkünfte der Stadt und anderer Kauf­leute, vor allem aber die der Stadt Leipzig, schädigte. Zu Auseinandersetzungen führte 1606 auch die Errichtung einer neuen Herberge in der Neustadt, zum „Weißen Roß" genannt. Auch hierin sahen die Gastwirte und Herbergsbesitzer der Altstadt ihre Einkünfte geschmälert. Erst nach mehreren Einsprüchen seitens des Wirtes erhielt dieser die Erlaubnis, zu herbergen und auszuschenken. Das Abhalten von Wochenmärkten in diesen unsicheren Zeiten war oft nicht mög­lich. Auch brachte der schwache Besuch aus umliegenden Städten und Dörfern nicht die erwünschten Gewinne. Hieraus erklärt sich ein „Tumult der Fleischer", der sich gegen die Lesterer vom Lande, das sind Verkäufer minderwertigen Fleisches, wandte, die den Stadtfleischern den guten Gewinn streitig machten. Die vermehrte Aufnahme von Mietern durch die städtischen Hausbesitzer führte zu einem Zuzug von Fremden unsicheren Gewerbes. Das veranlaßte den Rat, eine besondere Hausgenossenordnung zu erlassen, die sich gegen die Abgabenfreiheit derselben, aber auch gegen Lohnsteigerung, Arbeitsscheu und sogar Bettelei durch deren Kinder richtete. Auch wurde streng auf Ordnung und Sitte geachtet und Vergehen wie Diebstahl häufig mit Todesstrafe oder Landesverweisung geahndet. Eine 1612 als kurfürstliches Mandat ergangene Kleiderordnung be­strafte übermäßigen Luxus und wies jedem sozialen Stand seine Kleidung zu.Neben den zahllosen Belastungen, die die Kriegsvorbereitungen mit sich brachten, fehlte es nicht an Übergriffen des hier ansässigen Adels in die Rechte und Ord­nungen der Stadt. Die bereits im Jahre 1601 von den Bürgern erwirkte kurfürst­liche Adelstanzordnung, die während dieses Festes auf dem Rathaus aushing, wurde von den Adligen mißachtet, denn die Chronik berichtet in den Jahren 1600 bis 1607 wiederholt von Duellen unter den Adligen, aber auch von Tumulten in der Stadt und von Überfällen auf Bürger. Erst die weiteren Kriegsjahre brachten diese Tradition zum Erliegen, denn 1624 wird der Adelstanz nicht mehr erwähnt. Auch die häufigen Eingriffe in die Delitzscher Hutungsgerechtigkeit führten häufig zu Prozessen zwischen den Adligen von Scheidingen auf Klein­Wölkau bei Kertitz und denen von Miltitz auf Schenkenberg, langjährigen Widersachern der Stadt. Letzterer störte die Loberfischerei und wegen der Viehtrift bei Naundorf (Naundorfer Mühle) und auf den Benndorfer Wiesen mußten mehrere Prozesse geführt werden. Daraus entstanden der Stadt laufende Ungelegenheiten und Kosten. Doch auch der Kurfürst erlaubte sich Eingriffe in die Rechte der Stadt, indem er von der Einsetzung der Pfarrer bis hin zum Entzug des Patronatsrechtes über die Kirche seine feudale Willkür ausspielte.
Die von Böhmen ausgehenden politischen Unruhen machten sich ab 1621 auch hier durch Verschlechterung der Münzen bemerkbar. Im ganzen Land fand eine Geldentwertung statt. Silbermünzen wurden an den Rändern beschnitten und neue durch Zusatz minderwertigen Metalls geprägt. Auch in Delitzsch wurde für drei Jahre eine kurfürstliche Münze eingerichtet, um den hohen Bedarf an derartigen Münzen - es waren Achtgroschenstücke - zu decken. Noch heute erinnern der Straßenname Münze und das stattliche Haus an der Stadtmauer an diese Zeit. Zu einer Überlebensfrage für das Gemeinwesen wurde in diesen Jahrzehnten die Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit der Delitzscher Altstadt mit ihren Mauern, Gräben, Wällen und Bastionen. Deshalb waren vielfältige Bauaktivi­täten an dieser Wehranlage notwendig. So wurde die Mauer in einigen Bereichen erhöht, die Gräben erweitert und überflüssige Brücken abgetragen. Die im Jahre 1631 beschädigten Mauerteile wurden umgehend ausgebessert. Auch nach der von den Schweden ausgeführten Niederlegung ganzer Mauerbereiche im Jahre 1644 erfolgte bald darauf deren Neuaufbau. Dazu lieferte die Ziegelscheune viele gebrannte Steine. Der Rat ließ die Wachen an den Toren verstärken, da die Ge fahr bestand, daß Mordbrenner Feuer legten. So wird an'vielen Beispielen die stets erneuerte Lebenskraft der Delitzscher Bürger in diesen Kriegszeiten deut­lich, die sich trotz unsäglicher Belastungen zu behaupten suchten. Bereits zu Beginn des Krieges mußte der Rat die Zimmerleute zum Festungsbau nach Dresden und. Wittenberg abstellen. Darüber hinaus wurden Kriegsbürger und ein Heerwagen dahin abgefordert. Seit 1623 hatte sich ein Fünftel der Bevölkerung ständig bewaffnet zu halten. Der Wert vieler Waren, besonders aber der von Nahrungsmitteln, stieg in unglaubliche Höhen. Das führte zur Verarmung der Bevölkerung. Die politischen wie militärischen Unsicherheiten dieses Krieges und die damit verbundenen finanziellen Belastungen durch Waffenkauf aus Suhl zur Ausrüstung der Brau­erben und Pfahlbürger sowie die Zahlung von Kriegsanleihen nach Grimma und Prag schwächten die Stadt erheblich. Auf den Ausschußtagen der Stände in Dresden wurde wiederholt über die Aushebung und Anwerbung von Soldaten sowie über deren Sold debattiert. Doch blieb es nicht dabei. Die Bürger der Stadt erlebten erste direkte Konfrontationen mit dem Kriegsgeschehen durch Einquartierung von Reiterei in die Ämter Zörbig, Petersberg und Delitzsch. Die Einwohner hatten die Soldaten nicht nur in ihre Häuser aufzunehmen, sondern auch für deren Verpflegung einschließlich der ihrer Pferde aufzukommen. Außerdem beanspruchten die Offiziere und Generäle aufwendigere Beköstigun­gen. Die Chronik überliefert dazu ausführliche Aufzählungen ausgesuchter Spei­sen, die auf der. Gelagen geboten werden mußten. Mehrfach hatten die Bürger von Delitzsch aus Brot, Bier und Hafer zu weit entfernt liegenden Heeresteilen zufahren.
Die hiesige Bevölkerung fühlte sich aufs höchste beunruhigt, als Wallensteinsche bzw. Tillysche Truppen 1625 und 1630 in die Städte Halle und Magdeburg ein­fielen. Zahlreiche Einwohner der Dörfer und umliegenden Rittergüter suchten daraufhin in der Stadt Zuflucht, während diese sich bemühte, durch militä­rischen Schutz vor Plünderungen anderer Söldnertruppen gesichert zu sein, denn es plünderten und brandschatzten Freund und Feind und kein Bürger oder Bauer war mehr seines Hab und Gutes oder seines Lebens sicher. Die Schilderungen der Kriegsgreuel durch Augenzeugen, denen sich wehrlose Frauen, Kinder und Greise ausgesetzt sahen, sind dafür beredte Zeugnisse. Das Pflügen der Felder, das Reisen und der Transport wertvoller Güter waren nur noch unter militä­rischem Schutz und Geleit möglich. Eine der bedeutendsten Schlachten dieses Krieges fand im Jahre 1631 bei Brei­tenfeld statt. Sie bezog Teile des Territoriums des heutigen Kreises Delitzsch ein, so die Loberniederung im Raum Zschölkau-Rackwitz-Schladitz-Lössen. In dieser Schlacht wurden die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein von den Schweden unter Gustav Adolf besiegt. Eine Folge dieses Gemetzels war die Überflutung der Stadt mit zahllosen Verwundeten. Außerdem nahmen die durch Delitzsch ziehenden schwedischen Truppen kein Ende. Der Durchzug dieser Truppen, die Einquartierung von Soldaten und die Unter­bringung der Verwundeten, aber auch der Zuzug vieler Menschen aus der Um gebung brachte die Stadt an die Grenze ihres räumlichen Fassungsvermögens. Auch eine Versorgung dieser vielen Menschen mit dem Notwendigsten war nicht mehr gewährleistet. Die Landbevölkerung war in die Städte geflüchtet und der Boden jahrein-jahraus nicht mehr bestellt worden. So gab es keine Ernteerträge und Hungersnöte kamen auf. Auch ansteckende Krankheiten wie Pocken, Fieber mit tödlichem Ausgang, die Pest in der Grünstraße und Ausbruch von Typhus suchten die Bevölkerung heim und führten zur stärksten Dezimierung der Einwohnerschaft seit über 300 Jahren. Zahlenmäßige Vergleiche weisen nach, daß 1643 gegenüber 1602 nur noch 15,3 °„u der ehemaligen Bewohner existierten. Viele Tote konnten nicht mehr registriert werden und ganze Familien starben aus. Im Jahre 1630 wurde deshalb der Friedhof an der Marienkirche durch Landaufkauf erweitert, um den Toten eine letzte Ruhestätte zu schaffen. Als das schlimmste Jahr des Krieges für die Stadt wird in der Chronik das Jahr 1637 genannt. Die Neustadt, der Stadtteil zwischen Roßplatz-Bitterfelder Straße­Schäfergraben, Marienkirchhof-Stakenweg-Karl-Liebknecht-Straße, die nur durch Gräben und Palisaden geschützt war, wurde von 4000 schwedischen Rei­tern angegriffen,, die Häuser, Scheunen und Mühlen in Brand steckten und Schäden verursachten, die erst im 19. Jahrhundert wieder voll ausgeglichen waren.
Im Jahre 1642 fand erneut eine Schlacht bei Breitenfeld zwischen dem schwe­dischen Heer unter dem neuen Befehlshaber Torstenson und dem kaiserlichen Heer unter Piccolomini statt, in der das kaiserliche Heer wieder geschlagen wurde. Auch diese Schlacht brachte der Stadt starken Zuzug von Bewohnern aus den umliegenden Dörfern. Mehrere Kontributionen mußten in, Form von Naturalien an die Sieger geliefert werden und die Stadt sah sich deshalb ge­zwungen,ihre Ratsdörfer zu verpfänden. Obwohl bereits 1643 Friedensverhandlungen in Münster in Westfalen begonnen hatten, kam es zu keiner Einigung, vielmehr wurde vor allem das darauffolgende Jahr wieder ein schweres für die Stadt, weil ständig schwedische Besatzung auf­genommen werden mußte. Um die Stadt in ihrer Wehrhaftigkeit zu schädigen, wurden damals unter Torstensons Besatzung die Befestigungen am Schloß und die Bastionen der Stadtmauer niedergelegt. Ein separater 1/2-jähriger Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden in Kötzschenbroda führte 1645 zu einer ersten Beruhigung der kriegerischen Ereig­nisse. Der Bevölkerung brachte dies aber noch keine Erholung. Auch als das eigentliche Friedensdekret Ende des Jahres 1648 verlesen wurde, war der Friede nicht sicher. Noch für Jahre blieb die schwedische Besatzung in deutschen Landen. Delitzsch mußte sich nicht nur mit 400 Talern an den Kriegs­kontributionen beteiligen, sondern eine schwedische Kompagnie aufnehmen und deren Verpflegungsgeld aufbringen. Es waren nur noch 145 bewohnbare Häuser gegenüber 394 vor dem Krieg vor­handen. Es dauerte Jahrzehnte, bis die ungeheuren Schäden wenigstens teilweise beseitigt waren. Einen angemessenen Wohlstand unter der Bevölkerung wie vor Ausbruch des Krieges gab es allerdings über Jahrhunderte nicht wieder. So jedenfalls schätzte es der Chronist Lehmann ein. Die Weiterführung der Chronik bis zum Jahre 1701 verdeutlicht dies anschaulich.
Christel Moltrecht


 1600
Mg. Andreas Fischer und Johann Barth, (Sohn des vormaligen Diakon Matthias Barth, geboren am 30. Juni 1575 und seit 1595 Student der Theologie in Wittenberg) kamen an die Stelle des Rektors Mr. Johann Stoie, und dritten Schullehrers Andreas Fischer, welchen man in den Rat zog. Die Stadt verlor den Stoie ungern, denn er war einer der Aus­gezeichnetsten, dessen Schüler in höheren Instituten Aufsehen machten, und sein Andenken in Ehren hielten. So erinnerte sich der berühmt gewordene Leipziger Theologe Dr. Heinrich Höpfner noch in den späten Lebensjahren mit Vergnügen des sechsjährigen Unterrichts dieses from­men, gelehrten Mannes, wie er ihn nannte, und der Mr. Hieronymus Heidenreich, hiesiger Konrektor, bekannt durch sein Lobgedicht auf die Stadt: Delitia Delitiarum, sprach sich über ihn mit nicht minderer Ach­tung und Liebe aus. Der ihm im Schulamte folgende Mr. Fischer, ein Sohn des 1591 gestorbenen Bürgermeisters Johann Fischer, geboren am 13. Juli 1568, verdankte der Pforte und Leipzig seine gelehrte Bildung und erlangte daselbst 1693 das Magisterium. Die bösartige Dysenterie, welche sich erst im Mai dieses Jahres beru­higte, ergriff noch die Familie des Diakon Drommer, und er selbst ward, nachdem ihm sein Sohn und die Gattin Eva vorangegangen, am 4. Ok­tober ihr Opfer. Der Landgraf Moritz zu Hessen übernachtete auf dem Schloß, und ward vom Amtmann bewirtet. Mehrere von den Bürgern zur Tafel gegebene zinnerne Gefäße kamen weg und der Rat zahlte, weil der Amtmann den Ersatz verweigerte. Der neue Superintendent Mr. Abraham Suarinus hielt am 4. April die Probepredigt, zog am 29. Mai an, und ward von dem Leipziger Super­intendenten Dr. Georg Weinrich eingewiesen. Heinrich Weißand, ein Apotheker aus Halle, erlangte das Bürgerrecht. Am 21. Mai starb Nicolaus Fritzsche, Ratsherr seit 1583 und Kämmerer. Seine Söhne, Johannes und Nicolaus, studierten von 1593 ab in Leipzig und erlangte Johannes 1601 das Baccalaureat der Philosophie daselbst. Die von Kattersnaundorf wollten sich am Kratzenpfuhle auf Weißiger Mark Hutung und Trift anmaßen, wurden aber nach Besichtigung am 28. Mai zurückgewiesen. Thomas Sparmann in Werben, den man wegen Gotteslästerung und Tumult mit Gefängnis bestraft hatte, erhing sich an einer Leiter im Hause seiner Mutter. Am 2. Juli erregten die Edelleute Leonhard und Hans Gebrüder von Scheidingen auf Wölkau, Otto von Gröpzig mit anderen nach gehaltenem Adelstanze Tumult, fuhren schnell auf den Straßen, schossen in der Stadt, besonders vor dem Hause des Bürgermeisters Gewehre ab, öff­neten mit Gewalt das Tor und beschädigten mehrere Bürger. Der Rat führte deshalb bei dem Administrator Beschwerde, und dieser befahl nach Berichterstattung der zur Untersuchung beauftragten Kommissarien, Hans George von Ponikau und hiesigen Amtsschössers, ihre Bestrickung. Man verglich sich aber durch Vermittlung des Otto von Scheidingen, Otto Spiegels zu Badrina, Otto von Maschwitz auf Lissa, Vollhard Rauchhaupts auf Hohenthurm, und gab die Beschädiger gegen Zahlung der Arztlöhne, Kostenversäumnisse und auf handschlägliche Zusicherung, sich künftig dergleichen Zunötigungen zu enthalten, wieder frei. Die Schützen empfingen zu ihrem Vorteile 7 Schock. Am 3. Dezember, nachmittags 2 Uhr, starb der Archidiakon Peter Pla­nitz am Schlage, der ihn bei dem Leichenbegängnisse der Tochter des Fabian Döring auf der Straße getroffen hatte. Er war 50 Jahre, hier 45 Jahre im Amte. Die Zwinger wurden auch in diesem Jahre mit viel jungen Obst­bäumen und Reben besetzt; der Rat brachte die Ausgaben, sogar für Abnahme des Obstes in Rechnung, welches lange nachher erst gerügt und abgeändert wurde. Einige Landsknechte, die in der Stadt herbergen wollten, fertigte man zu Verhütung allerlei Unglücks mit 24 Groschen ab. Auch gab man sechs armen Studenten, denen man das Umsingen nicht gestattete, ein Viaticum. Die Ziegelscheune lieferte 120 650 Steine. Aus der Fischerei des Grabens nahm man 20 Schock 30 Gr., 112 Eimer Wein und 813 Eimer Torgauisches Bier wurden im Ratskeller abgesetzt und vom Weine 350 Schocke, vom Biere 633 Schocke in Rechnung gebracht. Der Scheffel Weizen galt 23, Roggen 20, geringe Wintergerste 8, Hafer 8 Groschen, die Kanne Torgauisches Bier 9 Pfennige. Damit man aber wisse, wie weit man rechtlich bei Zunötigungen gehen und eingreifen dürfe, erbat man sich vom Administrator eine Verord­nung, welche auch im folgenden Jahre gegeben ward.


1601
Die Diakonenstellen wurden mit Eingebornen, die erste mit dem Mr. Balthasar Franke, die zweite mit Veit Börner besetzt. Franke verehelichte sich am 20. Oktober mit Sibylla, der Tochter des Bürgermeisters George Wend und empfing vom Rate 15 Taler und 16 Kannen Wein Hochzeits­geschenk. Börner, der Sohn des Bürgers Daniel Börner, geboren am 14. Juni 1565 und von 1586 Student in Leipzig, hatte das hiesige Friedericische Stipendium von 25 Gulden und war seit 1594 Prediger bei der deutschen Gemeinde in Stockholm, wo er 1598 der Herzogin von Meck­lenburg, Elisabeth, Gedächtnispredigt hielt, die in Rostock im Druck er­schien, wegen freimütiger Äußerungen über die Unzuverläßigkeit der Fürsten Aufsehen machte und gesuchet ward. Andreas Wald aus Quering, stach am 25. Januar beim Weggang aus der Stadt dem Bauer Michael Kirchhof aus Roitzsch ein Auge aus. Er ward, als es durch Zeugenaussage feststand, daß er trunken gewesen, in Arztlohn, Versäumniskosten, Zehrung verurteilt und mußte das verletzte Auge dem Beschädigten mit 50 Gulden verbüßen. Ein Schafknecht Peter Bürger, bei dem Amte wegen Diebstahls in Untersuchung, ward am 6. Februar vormittags 9 Uhr mit dem Strange hingerichtet. In Gertitz fand sich am 6. März' in der Backstube des Gutsbesitzers Martin Pötzsch ein weggesetztes, in Betten gewickeltes Kind von 8 bis 12 Wochen, welches der Rat einer Frau auf dem Gerberplan zur Er­ziehung gab. Man vermutete, daß das Kind einer jungen Weibsperson von Meißen, die ihrem Manne, einem Schneider Nitzsche im Anhal­tischen, nachgezogen und in Tornau bei Brehna niedergekommen, ange­höre, die dasige Wehmutter konnte aber nicht behaupten, daß es das von ihr in Tornau gehobene Kind sei und da das Kind bald starb, ward die Untersuchung eingestellt. Auch am 7. August fand man ein Kind am Kohltore, das aber bald an Krämpfen starb. Der Rat erhielt vom'Administrator die nachgesuchte, unterm 11. März erlassene Ordnung des Adelstanzes, auf Pergament geschrieben und mit dem Kanzleisecrete besiegelt, mit zwei Kopieen, deren eine den adelichen Vorstehern übergeben, die andere während des Tanzes auf dem Rathaussaal e an einer Kette befestiget, aufgehängt ward. Sie verursachte durch Abholung und Verehrungen an die Kanzlei einen Aufwand von 45 Talern und lautet wörtlich:
„Von Gottes gnaden wier Friedrich Wilhelm Hertzogk zu Sachsen Vormundt vndt der Chur Sachssen Administrator landgraff in Döringen vnde Marggraff zu Meissen, in Vormundschafft der Hochgebornen Fürsten vnserer freundtlichen lieben Jungen Vettern und Pflegesöhnen der Hertzogen zur Sachssen gebrüdern; Fuegen euch denen benachbarten vom Adell im Ampt Dölitzsch und anderen, so sich des adelichen Tantzes in der Stadt Dölitzsch, vff Petri Pauli-gebrauchenn, Kunth vndt zu wis­sen: Nachdeme vnß glaubwurdiger bericht ein und verbracht, Daß weil vber Menschengedenken die Ritterschafft im Ampt Dölitzsch beide Schrifft und Ambtsassen, auß sondern wohlmeinenden bedenken, einen ehrlichen, züchtigen adelichen Tantz in der Stadt Dölitzsch Jhärlichen vff Petri Pauli gehalten. dartzur dan der Rath daselbst auf nachbarlichen freundtlichen willen und tzuneigung der Ritterschaft sich hierinnen also bequemet, und gutwilligk betzeiget, daß ihnen das Rathauß doselbst tzu solchem tantz jedesmals drey tage langk eröffnet wirdt; Ob nuhn wohl diese Adeliche tzusammenkunfft, beneben ihren ehrenthugendsamen Frauentzimmer, besondern auch von. vielen frembden ortten ehrliche vom Adel, Frawen und Jungkfrauen antzukommen pflegen, und solches von den Vorfahrenden vom Adel tzur nichts anders, dan tzu erhaltung nachbarlichen freundlichen willens guetes vortrawlichen vornehmens vndt correspondents gemeinet, auff das im Jhahr dermahleins die benachbartem vndt Freunde tzusammen kommen, sich miteinander ersehen, freundlichen besprechen vndt in frohlichkeitt ergetzen mögen, Wan sich aber anjetzo durch die vngetzogene, freche vndt wilde Jugent, vff sol­chen Tantz vielfaltige vngelegenheit, durch Hader, tzangk, palgen, Spren­gen, Rennen, Schießen, und anderen dergleichen vnfugsamen beginnens (fast stetiges ereignen, Dahero sie auch niemandes, was alters und standes derselbe sei. auch des Frawentzimmers nicht verschonen, Sowohl gegen der Bürgerschafft vndt deren bestalte wache vil vnfugs anrichten und vornehmen, daraus künfftigk mordt und vngelick eruoigen könnte, Als haben wir tzu uorhuetung drauhenden gefahr vndt vnglücks, darauff nachfolgenden beuehlich und ordnung gethan, wie ein ieder sich vff solchen Tantz vndt anders nicht tzu uorhaltenn, hiermitt ernstlich beuehlende, das alle diejenigen, so sich dieses Adelichen Tantzes tzu gebrauchen in willens, Inhalts solcher ordnung vndt Satzung in allen Articuln und puncten, bei vormeidunge vnser vngnade, vndt der darin einuorleibten pöen vndt Straaffe, (die dan vff den tat ernstlich und vnnachläßigk von den Verbrechern eingebracht werden soll) gehorsam lieh ertzeigenn und vorhaltenn; Dieses gereicht tzu erhaltung dieses tantzes gebührliches Friedens vndt einigkeitt, tzu fortpflantzung Ade­lichen Wesens und thugent, euch auch selbesten tzu ehren, ruhm und bestenn. Darueber vier auch selbesten mit ernst tzu halten bedacht und entschlossen, Darnach sich ein jeder tzu richten, und vor vngnade, Straffe, Schaden und nachtheil tzu huetten. Volget die Ordnung.
Erstlichen, Es sit hiebeuorn bei diesem Tantz breuchlichen gewesen, daß die Platz­meistere, entweder den abend daruor, oder doch den Tagk Petri Pauli frue tzeitlichenn nach Dölitzsch sich begebenn, Ehrstlichen tzur Kirchen gegangen, und das Wort Gottes gehöret, Darnach der tzurkommenden Adelichen geselschafft erwartet, darbey sol es nochmals also beruhen, und bewendenn, Darmit vor allen Dingen dieser Tantz in der furcht Gottes angefangen, vndt also vollendet werde.
Vors Andere, Ehe man aber tzum tantze kömmt sei der Rath tzu eröffnung des Rat­hausses tzuuor freundlichen ersuchet werden, und sollen alsdann die anwesenden Jungkern und das Adeliche Frawenzimmer sich in der Platzmeister behausung vorsamlen, und mit dem Saitenspiel in gueter ordnung vff das Rathauß tzum Tantze gehen.
Vors Dritte, Weil auch hiebeuore das getrengk an Torgischen Bier jederzeidt aus des Raths tzu Dölitzsch keller genommen, Sal es hinfuro auch also gehalten, und dasselbe ehe dan denen vom Adel das Rathaus eröffnet, vndt also mit angehendem Tantz aus denen Ursachen, das sich die Zahlung hie­beuor von etzlichen tzu lange vortzogen, in billigem werth betzahlet werdenn.
Vors Vierte, Weil auch die Zusammenkunfft tzu anders nicht, dan tzu freundschafft, friedsamer einigkeit und frohlicher ergetzung gemeiner, So sei ein ieder, der mit einen andern ichtwas in vngutte zu schaffen hatte, solches an diesem ort nicht anten oder eyfern, Sondern bis zur anderer gelegenheit einstellen, Damit bei diesem Tantz vnglück vorhetet, Frawen und Jungk­frawen nicht erschreckt noch betruebet werden. Solle aber vber diese Vorwarnung iemandes so unbescheiden sein, aufbinden, einander aus­fordern, und sich mit bloßer wehre balgen, die sollen jeder fünf und zwantzigk gülden straaf vnnachläßigk entrichten, und vorfallen seinn.
Vors Fünffte, Weil auch den Platzmeistern die tzeidt vber des wehrendes tantzes viel vffgehet so hat die gantze geselschafft hiebeuorn sub dato den zwey und tzwantzigsten Junii Anno Sechs und Achtzigk vor gut geachtelt, und angesehen, vorwilliget, vorbriefet, und versiegelt, das ein ieder andert­halben thaler den Platzmeistern tzur steuer geben sei. Weyl aber den­selben bis anhero vbel nachgelebet, Sei ein ieder, der das seine nicht acht tage vor Petri Pauli richtigk machet, und den Platzmeistern tzu­schicket duppelte Anlage zu geben schuldigk sein, Er erscheine gleich uff den tantz, oder nicht.
Vors Sechste, Sol auch ein ieder im Tantzen sich tzuchtigk und sittlich halten, nicht mäntel abwerfen, lauffen noch schreiben, Frawen und Jungkfrawen auch nicht abreißen, oder sonsten unhöflich und vntzimblich gegen ihnen mit geberten oder reden sich gebahren oder ertzeigen, Sich auch nicht vordrehen, noch dergleichen vppigkeits beginnen, viel weniger auch einer den andern den Vortantz nehmen, oder sonsten am tantze ein­springen., oder anderer Leichtfertigkeit gegen den Frawentzimmer ge­brauchen, als mit Hauben abreißen, oder dergleichen.
Vors Siebende, Die Tantztzeitt vber, so wir hiebeuore drey tage gehalten worden, sol noch also gehalten werden, ihnen auch frey stehen, vfs Rathaus tzu gehen, so frue Sie wollen, Sollen aber lenger nicht, dan vmb acht vhr den abent tzue tantzen macht haben, Wurden auch die Spielleuthe deine tzue wieder vf dem Rathause sich lenger brauchen laben, dieselben sollen mit gefengnuß gestrafft, Die aber welche die Spielleuthe dartzur zwingenn und dringen, ieder drey Thaler vorfallen seinn.
Vors Achte, Weil auch die vom Adel ihre Herbergenn bei der Bürgerschafft haben müssen, Sei ein ieder sambt seinem gesinde gegen seinen Wirth sich beneben richtiger Zahlung freundlich, vnder ihnen selbest friedlich, gegen andere bescheidentlich und also ertzeigen, das vngelegeuheit ver­bleibe, Wurde aber dem Wirth zur clagen vrsach geben, Sei der vor­brecher fuenff thaler straff tzue geben, und do schaden geschehen, mit fenster ausschlagen, Ofen einwerfen, oder andere, tzue gelten schuldig sein.
Vors Neunde, Es pfleget auch die ungehaltene freche Jugent sich des nachts mit der Wache tzu ärgern, welche frieden tzu erhalten und vnglugk zu uorhueten angeordnet, derentwegen sol der, welcher die Wache anlauffen, und vorunruhigen wirdt, vngeacht er darueber tzue Vnglück keine, Zehen Thaler straaff vnnachlässigk abtragen, und erlegen, Welche vorgesetzten strafen alle in vnserer freundtlichen lieben Jungen Vettern und Pflege­söhne Rentkammer vorfallen und vnnachleßigk einbracht werden sol­len, doch dem Rathe an ihren habenden Gerichten, wan einer darnach verbrechen möchte, unschädlich.
Vors Zehende, Sintemahl auch an ietzo eine solche Verordnung und muthwill vnter knechten und Jungen ist, das sie fast die meiste Vnlust vf solchen und dergleichen Zusammenkünften antzurichten pflegenn, Do nuhn einer oder der ander in dießer Zusammenkunfft hader oder Zangk anrichten, oder sich mit vntzimblichen wortten vornehmen ließe, der sol alsobalde angenommen, zur Hafft gebracht und vier wochen mit gefengnus ge­strafft werden, der Jungker auch solches freuelers und muthwilligen Dieners sich nicht annehmen.
Vors Eilfte, Ob auch wohl nicht vormuthlich, das ein Adelich Ehrenthugentsames Frawenzimmer sich vngebuhrlich und vorweislich ertzeigen solte, den­noch aber, weyl es leider notorium und die erfahrung giebet, das sich auch tzue tzeidten, hin und wieder wilde, freche und vngeberdige Jungfrawen finden, Als sollen dieselben hiermit vorwarnet sein, ein ieder ehrlicher Vater und freundt seine Tochter und Freundin dahin ermah­nen und anhalten, das sie sich vf diesem tantz eingetzogenn, still und züchtigk vorhalten, Vnd allen vbelstand gentzlichen vormeiden, Mit den Mannespersohnen kein gereitz, zäcken und vberflüßig gewasch halten, und andern Adelichen, Ehrentugentsamen Frawenzimmer böse Exempel geben, und die liebe Jugent ärgern. Solte aber vber zuuorsicht eine oder die Andere sich vntzimblicher weiße ertzeigen, die wirdt und sei billich, wan kein vormahnen noch warnen helffen wolle, andern zur Abschew durch Gebührende mittel abgeschafft und nicht geduldet werden.
Vors Zwölfte, Die anwesenden vom Adel, die sich solches Tantzes gebraucht, sollen mit gueter bescheidenheit wiederumb abtzihen, alles rennen mit Kutzschen und pferden, vngewohnlichem geschrey, Schießens in der Stadt, und dergleichen vppigkeidt vermieden, Solte sich aber einer oder der ander des wiedrigen vnterfahen - So sollen alsobalde die Thör tzuge­schlagenn, die Verbrechern in Vorstrigkung genommen, und solches die hohe Obrigkeit vnderthenigst bericht werden.
Vors Dreitzehende, Schlißlichen und weil auch breuchlichen gewesen, Das man hiebeuorn den andern tagk in wehrenden tantz newe Platzmeistern geordenet, welchen man einen iedern durch eine Adeliche Ehrenthugendsame Jung­fraw ein Krantz oberreichen laßen, das volgende Jhar solchen tantz wiederumb tzuhalten und auszurichten, Als sol es ferner alß auch ge­halten werden, Vnd den Platzmeistern befreystehen, den andern oder dritten tagk abtzuziehenn, Jedoch welcher den andern tagk abzeucht, das er den dritten tagk vollends das getrencke den noch vorbleibenden vom Adel vorschaffe.
Zu vrkundt haben wier diese Ordnung mitt eigenen Handen vnderschriebenn und mitt vnseren Jungen Vettern anhangenden grösserm insigel wissendtlich besiegelt. Geschehen und geben zu Dreßden den eilfften Monatstagk Martii Nach Christi vnseres lieben Herrn und Selig­machers geburth im thausent sechs hundert vndt ehrstenn Jhare.
Friedrich Wilhelm Hz Sachssenn
David Peifer
D sst.
H Volhardt S."
Am 4. Februar starb der Ratsherr Andreas Fischer, am 21. März der Einwohner Hans Bayer, früher Hofmeister auf dem Rittergute Neuhaus, im 102. Lebensjahr, und am 20. Juli der Amtsschreiber Matthias Pirner. Ein Landsknecht, Elias Naumann, aus Cönnern, welcher ein Weib in Zschernitz erstochen hatte, ward am 13. Mai mit dem Schwerte, und Hans Rosenhain, aus Reideburg bei Halle, ein Dieb, am 11. September mit dem Strange hingerichtet. Am 23. September übergab der Herzog Friedrich Wilhelm, Administrator und seit dem Tode des Kurfürsten Johann Georg (1598) alleiniger Vor­mund, dem ältesten Sahne des verstorbenen Kurfürsten Christian, glei­chen Namens, welcher an diesem Tage das 19. Jahr antrat, mit der Re­gierung auch die noch über die jüngeren Geschwister zu führende Vor­mundschaft, und ging von Torgau, wo er bisher Hof gehalten, im Oktober nach Weimar zurück. Dem Kurfürsten Christian IL. huldigte am 18. und 19. November Amt und Stadt. Die Kommissarien waren Hans Löser aus Pretzsch, Domprobst zu Naumburg, Erzmarschall, Heinrich Abraham von Einsiedel, Geheimer Rat, Hans Friedrich von Schönberg, Hofrichter und Hauptmann zu Wit­tenberg, und Caspar von Schönberg aus Pulsritz, Hofrat zu Dresden, und kostete die Auslösung für drei Tage, den 17., 18. und 19. November der Stadt gegen 300 Taler. Man verbrauchte aber 12 Eimer diverse Weine (am Werte 148 Taler), 1 Kufe Torgauisches und 2 Faß hiesiges Bier, ein Schwein, 116 Pfund Rind-, 110 Pfund Schöps-, 103 Pfund Kalbfleisch, geräucherte Ochsenzungen, Kuheiter, 14 Gänse, 8 Kapaunen, 25 alte, 7 junge Hühner, 9 1/2 Schock Eier, 691/2 Pfund Karpfen, 461/2 Pfund Hecht, 43 Pfund Karauschen, Barse, Bratfische, 1/s Schock Brik­ken, 101/2 Schock kleine Vögel, für 18 Taler Gewürz und Honig, Konfect, Maronen, Borsdorfer und andere Apfel, Birnen pp., für 13 Taler Butter, Käse, Speck, Salz etc., für 14 Taler 17 Gr. Brod, Semmeln, Zwie­beln, Gurken, Gemüse pp., 3 Pfund Wachslicht, 1/Y Stein Unschlittlichte, 2 Fackeln pp. und gab mithin für diese Zeit einen nicht unansehnlichen Schmaus. Auf dem Landtage in Torgau vom B. bis 19. November waren von hier die Bürgermeister Gregor Kirchhof, George Wend, der Kämmerer David Holzmüller und der Stadtschreiber Richter. Der Kurfürst erließ der Landschaft die Weinsteuer, vom Eimer Rheinisch 10, vom Frankenwein 5 Groschen für dieses Jahr. Das Ratsstipendium hatte Paul Hintzsche, der Sohn des Ratsherren. gleichen Namens, geboren am 11. April 1582, welcher in Wittenberg Mathe­matik und Medizin studierte, später hier als praktischer Arzt lebte und 1627 in den Rat kam. Er schrieb die Kalender, welche in Halle bei Christoph Salfeld in Quart erschienen, und so beliebt waren, daß sie lange nach seinem (am 22. April 1633) erfolgten Tode auf seinem Namen fortgeführt wurden. In diesen Kalendern findet sich auch sein Bild im Holzschnitte mit der Umschrift: Paulus Hintzschius natur anno 1582 11. April. Deo et Proximo. Man gab einem Schieferdecker von Berlingeroda, Johann Brickmann, welcher von einem 109 Ellen hohen Kirchturm gestürzt war, und nur den rechten Arm gebrochen, auch darüber genügende Kundschaft hatte, und mehreren, der Religion wegen Vertriebenen Reisegeld. Der Scheffel Weizen galt 19, Roggen 20-18, Wintergerste 7, Hafer 6 Groschen. Zwei Diebe wurden gehängt.


1602
Es war Gewohnheit alter Zeit, daß die Viertelsmeister beim Ratswechsel den neuen Rat auf Mängel und Beschwerden aufmerksam machten, die man abgestellt wünschte, was früher mündlich, seit mehreren Jahren aber auch schriftlich geschah. Mit der Überschrift: Gravamina gemeiner Bürgerschaft übergab man nun auch in diesem Jahre (am 25. Januar) eine solche Schrift in 19 Sätzen, deren zweiter und elfter in Beziehung auf die Brauerei des Landsberger und den erhöhten Preis der Ziegel Anträge enthielt. Bei diesjähriger Überzählung der Häuser fanden sich 232 Brau- und andere Erben, überdies aber noch 35 unvererbte Miethäuser oder Mieten in der Stadt, in der Vorstadt aber 81 Häuser, 25 Mieten, 23 Scheunen (in früherer Zeit vererbte Wohnstätten), 15 Gerberwohnungen (auf dem Gerberplan), 5 Wohnstätten auf dem Damm und 1 im Ro­sentale. Am 14. Februar, abends sechs Uhr starb der Bürgermeister Christoph Jäger, seit 1558 Ratsherr, im 84. Lebensjahr, dessen Begräbnis wegen langer treuer Dienste mit 42 Talern aus der öffentlichen Kasse bestritten ward. Die Beleihung mit den Stadtgütern vom Kurfürsten Christian II. und die Bestätigung der Stadtprivilegien kostete gegen 72 Taler. Am 10. April starb der Kämmerer David Holzmüller, Ratsherr seit 1585. Alexander von Miltitz auf Schenkenberg, störte den Rat im Besitze der Loberfischerei bei dem Furte an der Schenkenberger Wiese nach der Stadt zu. Es war am 26. Mai Besichtigung und die Stadt blieb im Be­sitz. Matthäus Bunding in Gertitz, welcher unreines Schafvieh einbrachte, ward mit 2 1/2 Talern Strafe belegt. Sylvester Meyhe, ein Kriegshauptmann von Magdeburg, hatte mit seinen Gefährten im Amte Eilenburg Tumult erregt und war hierher nach Delitzsch gewichen. Auf Requisition des dasigen Amtsschössers Johann Winkler, sollte er ergriffen werden, der Rat nahm ihm aber nur ein Handgelöbnis ab, sich aus dem Hause nicht zu entfernen, und er ent­wich. Dieser böse, gefährliche Handel verursachte dem Rate, der bei höchster Ungnade und hoher Strafe den Entwichenen herbeischaffen sollte, schwere Kosten, ward aber durch vieles Rechten und Bitten bei dem Kurfürsten im folgenden Jahr begütiget, so daß man nicht mehr als 45 Taler Kosten an den Schösser zu Eilenburg zahlen durfte. Am 14. Dezember, abends zwischen 10 und 11 Uhr ging in der Witwe Berndtin Stalle, nach der Scheune gelegen, ein Feuer an, welches, weil der Hausmann (Türmer) unachtsam war und nicht gleich stürmte, schnell um sich griff. Es brannten drei Bürgerscheunen und die vier Getreide- und Heuscheunen des Rates mit allen Vorräten nieder, auch wurden zwei der Hilfeleistenden sehr geschädigt. Man entließ den Haus­mann Berthold des Dienstes, und der Bau der neuen Scheunen kostete dem Rate im folgenden Jahre 756 Taler 10 Gr. ohne das, was er aus seinen Vorräten gab. Der Arzt Andreas Montanus machte sich ansässig und ward Bürger. Der Scheffel Weizen galt 18 bis 16, Roggen 12, Wintergetreide 6, Hafer 7 Groschen. Der Rat hatte bei der Untersuchung seines Vorrates am 4. August d. J. bar 3048 Gulden, verwahrt in dem eisernen Kasten des Untergewölbes.


1603
Hans Weißig, ein Kürschner zu Murau in Steiermark ansässig, der Sohn eines hiesigen Messerschmieds gleichen Namens, mußte der Religion wegen sein Eigentum verkaufen, das Land verlassen und kam mit Weib und Kind hierher, wo er in Folge kurfürstlichen Befehls vom 4. Februar die Aufnahme und Unterstützung der vertriebenen Kärtner und Steier­märker betreffend, Bürger- und Meisterrecht unentgeltlich empfing. Der Rat verkaufte die Gerlitzer Laßfelder für 801 Gulden an die Wer­bener und 3 1/2 Hufe für 332 Gulden an Delitzscher Bürger. Zugleich belegte er die halbe Hufe Feld mit 20, die Wiese mit 10 und 8 Groschen Lehnware. An die Stelle des verabschiedeten Hausmannes und Musikus Berthold kam Matthias Bärtigen aus Löbejün. Seit einiger Zeit war man mit dem Amtsschösser in Düben wegen des Dübischen Werders zwistig, der ein Stück von 5 Ackern für das Amt in Anspruch nahm. Aus Ehre und Gehorsam (gegen den Kurfürsten und wahrscheinlich mit Rücksicht auf den Meyhischen Handel) trat man dieses Stück in diesem Jahre ab. Der Werder hielt bei der Ausmessung 293/4 Acker 20 Ruten, das abgeerntete Stück 51/2 Acker 65 Ruten. Beide Teile verrainten sich. Alexander von Miltitz auf Schenkenberg ließ die umzäunten Gärten bei Naundorf durchbrechen und in offenen Zeiten mit Vieh betreiben. In dem deshalb entstandenen Prozeße ver­glich man sich dahin, daß er das Hüten einstellte, der Rat jährlich dafür 8 Groschen zu geben versprach. Des Tischlers Andreas Hermann Witwe in der Kohlgasse hatte mit einem Tischlergesellen, der sie aber verließ, ein Kind gezeuget und dieses am 9. Mai in den Döbernitzischen Gerichten ausgesetzt. Nach dem Erkennt­nisse sollte sie ewig des Landes verwiesen werden, die Strafe ward aber auf Vorbitte guter Leute bis auf sechswöchentliches Gefängnis gemil­dert. Die Vogelstange auf dem Anger (Schießplatz), welche vor zwei Jah­ren ein heftiger Sturm niedergeworfen und zertrümmert hatte, ließ der Rat nicht aus Pflicht, sondern zu Erhaltung bürgerlicher Exekution unter hoffentlicher Genehmigung höherer Behörde mit einem Aufwand von 43 Talern 17 Groschen wieder aufrichten. Am 7. September, mittwochs, ward Dorothee Kyssin aus Landsberg, bei dem Amte in Untersuchung, mit dem Schwerte hingerichtet, und am 2. November der im Stadtgraben verunglückte Glaser Wilibald Walter aufgehoben. Der Rat. welchem der Stadtgraben mit dem Auswurf e, folglich auch das an diesem wachsende Holz gehörte, ließ die Erlen an dem Teile des Stadtgrabens, welcher vom hallischen Tore nach der Schloßmauer am Schießgraben hinfloß, schlagen, welches die Schützen nicht zugeben wollten und deshalb beim Amte Beschwerde führten. Der Rat-hatte aber verjährten Besitz und behielt das Holz. Am 11. Dezember starb Gregorius Fiedler, seit 1564 Amtsschösser, der aber schon beim Ablaufe vorigen Jahres wegen Schwäche des Alters abgegangen war. Er hinterließ an meistens ererbten Gütern das Haus Nr. 2 des ersten Viertels, 2 Hufen im Oberland, Wiesen, drei Scheunen und für seine Zeit eine nicht unbedeutende Bibliothek, welche dem ein­zigen Sohne, Balthasar, hiesigem Notare und praktischen Juristen, im Erbe zufiel. Seine Rechtlichkeit schützte die Stadt oft gegen die mut­willigen, verwegenen Eingriffe der Nachbarn, und der Rat hatte es zu rühmen, daß mancher weit aussehende Prozeß billig verglichen ward. An seine Stelle kam der bisherige Schösser in Leißnig, David Pfeffer. Wegen der Unruhen in Ungarn geschah ein Aufgebot der Bürgerschaft zur Ausrüstung und Heerfahrt. Der Scheffel Weizen galt 20, Roggen 13, Gerste und Hafer 7 Groschen.


1604
Elias Schmidt, eines Bürgers Sohn und ein Reiterjunge von Wölkau, welche am 17. Januar in Trunkenheit die Schüler beim Neujahres­singen störten und mit entblößter Wehr beschädigten, wurden auf ein Jahr verwiesen. Am 11. Februar verunglückte die Tochter des Schuhmischers Wicht, Barbara, im Wasser, und am 16. desselben Monats ward Simon Wasser­mann, Hutmann in Lissa, bei dem Amte in. Untersuchung, mit dem Schwerte hingerichtet. Der Bürgermeister George Wend, seit 32 Jahren Ratsherr, starb am 2. April und die Kämmereikasse hatte bei seinem Begräbnisse am 5. 45 Taler Aufwand. Am 27. April, nachmittags 1 Uhr, brach in der Wolkensteiner Gasse der Stadt Annaberg bei einem Uhrmacher Feuer aus und griff so um sich, daß nach wenigen Stunden nichts als die Kirche mit 12 Häusern übrig war. Die Verunglückten erhielten vom hiesigen Rate 56 Gülden 16 Gr. 9 Pf. und 106 Gulden 10 Gr. von dem Superintendenten in den Kirchen­büchsen gesammelte milde Beiträge nach des Rates in Annaberg darüber gestellten Quittung. Wegen Fährlichkeit der Zeiten und gedrohter Feu­ersgefahr mußte auf kurfürstlichen Befehl die Tage- und Nacht-wache durch die Bürgerschaft selbst versehen werden. Es ward bekannt„ daß bei Lucas Heiner im Rosenta1e, verdächtige Leute herbergten, Vieh stählen, verzehrten und verkauften. Die dahin geschickten Fronen trafen auch einen fremden Fleischerknecht Schmidt aus Eisenberg und es ergab sich in der Untersuchung, daß dieser Vieh eingefangen, geschlachtet, die Heinerin es teils verzehrt, teils verkauft und nicht nur mit diesem Schmidt, sondern auch mit dem vorigen, aus­getretenen Ratsfron, Michael Bretschneider, einem Ehemann und dem gleichfalls flüchtig gewordenen Nachbar Hans Hempel, Ehebruch ge­trieben hatte. Bretschneider ward in Merseburg ergriffen und auf Ge­ständnis am 22. Junius mit dem Schwerte hingerichtet; Schmidt an dem­selben' Tage zur Staupe geschlagen und verwiesen, die Todesstrafe der Heinerin aber, weil sie sich von dem Schmidt schwanger befand, erst im künftigen Jahr nach ihrer Niederkunft vollzogen. Auch das Amt hatte mehrere peinliche Untersuchungen, und ward am 15. August Christiane Heuber von Regelitz mit dem Schwerte, Stephan Frauendorf, Ursula Hessin und Walpurgis Berger mit dem Strange, am 5. September aber Agnes Mauer mit dem Rade bestraft. Am 24. August starb Otto Spiegel auf Neuhaus und fand am 27. in dem Erbbegräbnisse der Spiegel in hiesiger Stadtkirche sein Grab. Im Spätherbste starben in kurzer Zeit 126 Rinder, meistens die, welche der Dammhirte vor dem hallischen Tore auf einem Platze, wo auswärts gekauftes, wahrscheinlich angestecktes Fleischervieh gelegen, gehütet hatte. Auf Anordnung des Rates mußten tiefe Gruben gegraben und das Vieh ohne Ablederung sorgfältig verscharrt werden. Es erschien eine Karte, ein Pasquill in Versen auf die vornehmsten Männer, Frauen und Jungfrauen hiesiger Stadt. Man hielt den Studen­ten Nicolaus Döring, des verstorbenen Pfarrers in Brinnis, Christoph Döring Sohn für den Verfasser, verlangte auch von dem Konsil in Leip­zig seine Abhörung, unterließ aber eine ordentliche Klage, auf die man von daher verwies und beruhigte sich. Den auf Gerlitzer Mark mit der Lauischen Herde gepfändeten Hutmann aus Laue strafte man mit 30 Groschen ab. Das Stipendium des Rates hatte Elias Fischer, der Sohn des vormaligen Ratherren Johann Fischer, geboren 1585, welcher in Leipzig die Rechte studierte, 1622 Schösser des von Wrather auf Wrathershausen und von 1638 ab hier Ratsherr ward. Für 2 Pferde zahlte man 108 Taler oder 43 Schock 12 Groschen. Der Scheffel Weizen galt 16, Roggen 10 1/2 Wintergerste 6, Hafer 10 1/2 Groschen.


1605
Die Ehefrau des Urban Jost ertrank am 15. Februar und ward in der Stille begraben. Der Rat ließ die Statuten der Stadt durch den Doktor der Rechte, Jakob Schulze in Leipzig, durchsehen, mit dem allgemeinen und sächsischen Rechte einstimmen'und so ordnen, daß sie dem Kurfürsten zur Bestäti­gung übergeben werden konnten, für welche Geschäfte man ihm ein Honorar von 10 Talern 12 Groschen gab. An dem im Mai ausgeschriebenen, vom 9. bis 24. Juni dauernden Land­tage in Torgau nahmen die Bürgermeister Gregorius Kirchhof und Wolf­gang Holzmüller, der Ratsherr Mr. Andreas Fischer und der Stadtschrei­ber Mr. Richter teil. Hauptgegenstand 'war der Krieg in Ungarn, die bedrohte Stellung des Protestantismus und die Verwilligung einer doppelten Tranksteuer auf die nächsten 6 Jahre. Man. hatte die Absicht, am Rathaus einen Turm mit Wendeltreppe und Stuben, dem Leipziger ähnlich, aufzuführen, ließ auch durch den Leipziger Ratsbaumeister einen Riß fertigen, den man mit 17 Talern bezahlte, der Bau unterblieb aber, weil die Folgezeit mit ihren übermäßigen La­sten Unternehmungen der Art nicht mehr günstig war. Christoph von Crostewitz, der Sohn des Wolfgang von Crostewitz auf Lemsel, welcher nach dem Adelstanz am 30. Juni, des nachts mit einem Reiter das Torwärterhaus am breiten Tore anfiel, mit Gewalt öffnete, des Torwärters Weib mit bloßer Wehr ausjagte, die Schlösser am Tore abzuschlagen suchte, die Wache anrennte und mit Worten be­leidigte, kam in Haft und nur auf gütliche Verhandlung mit dessen Vater, der 50 Taler Schadenersatz und Kosten zahlte, wieder los. Die Viertelsmeister erinnerten an die lange Zeit unterbliebene Besichtigung der Grenzen des Stadtgebietes und sie vorzubereiten nahm am 3. September ein Landmesser der Stadt Weichbild auf. Der Scheffel Weizen galt 16-17 ½ , Roggen 10-11, Wintergerste 6 Groschen.


1606
Ein heftiger Sturm am 17. März riß Gebäude nieder und zerstörte die meisten Dächer, daher man fast alle öffentlichen Gebäude mit nicht geringen Kosten bessern ließ. Auch brannten durch Zündung des Blitzes am 6. Juni, mittags zwischen 11 und 12 Uhr in der Vorstadt 8 Scheunen nieder. Mit Alexander von Miltitz auf Schenkenberg, welcher die Gerichtsbar­keit über eine Wiese bei Benndorf verlangte, hatte man neuen Streit und `am 18. Juni kommissarische. Besichtigung. Am 30. Juni, nachmittags gegen 4 Uhr bei dem Adelstanze ward der Schlesier Brandanus von Zedlitz von Heinrich von Starschedel auf Kleberg vor dem breiten Tore im Duell erstochen. Die Freunde des Ermordeten besorgten Begräbnis, bezahlten dem Rate die Kosten und lösten das Heergerät mit 70 Talern, der Mörder entkam. Am 1. August untersuchte man die Lobergebrechen und am 15. Septem­ber die Grenzen des Stadtgebietes, welches seit 1569 nicht geschehen war. Bisher überließ man bei Adelstänzen und Wirtschaften (Hochzeiten) den Gästen auch die große Ratsstube, welche dabei nicht selten Beschädigungen erlitt. Diesen zu entgehen, kam man auf die Idee eines Turmes, in welchem, wie in Leipzig, Treppe und Stuben zu diesem Zwecke angebracht werden sollten, mit welchem Baue man sich jedoch wegen bedenklicher Zeit vor der Hand nicht bloß geben wollte. Es blieb also bei einem massiven Anbau gegen-den Markt, welchen der hiesige Maurer Jakob Gemeiner, unten mit überwölbter Treppe, in der 1. Etage mit einer geräumigen Stube in den Sommermonaten dieses Jahres auf­führte. Dieser Bau kostete ohne Material für dieses Jahr 188 Taler. Die Stube überließ man 1705 bei Einführung der Accise dem Accispersonal zur Einnahme, das Ganze aber ward im Jahre 1796, als man die Acciseinnahme in das neugebauete Hintergebäude verlegte und die Treppe innen anbrachte, niedergerissen. In der seit 1597 anhängigen Rechtssache der Stadt gegen die Gebrüder von Scheidingen auf Wölkau wegen der Hutung auf Kertitz Mark kam ein Endurteil, welches die Gegner im Quasiposeß ließ und die zu einer bedeutenden Höhe anwachsenden Kosten kompensierte. Georg Winkler in der Vorstadt fing an zu herbergen und auszuspan­nen, welches ihm der Rat bei 20 Talern Strafe verbot. Schon die Vorbe­sitzer, die Geritze, hatten Versuche gemacht, waren aber jedes Mal auf Beschwerde der Gasthofsbesitzer in der Stadt vom Rate gehindert wor­den. Jetzt appellierte er gegen das Verbot des Rates, erlangte aber bald nachher wie es scheint mit dessen Zustimmung das Gesuchte und sein Haus ward der Gasthof zum weißen Rosse, wie er noch heute bezeichnet ist. Der Rat bestand darauf, daß der. schlag des Rindes nicht mehr von Einzelnen der Reihe nach geschehen und dieser Artikel in der Innungs­urkunde wegen Mißbrauchs gestrichen werden sollte, man ließ ihn aber durch Vergleich bestehen und bestrafte von nun den verschuldeten Mangel an tüchtigem Fleische mit 10 Gulden, die man unnachsichtlich beitrieb. Das auf den Hallischen Turm beschaffte Uhrwerk übergab man dem Schlosser Hans Pak, dem Jüngeren zur Besorgung. George Hartmann, ein junger Bürger, welcher bei einer Hochzeit Rake­ten unter die Frauen warf, ward mit einem und einem halben Tage Gefängnis in der Lauke, Jakob Lange, ein Bürgerssohn, wegen Gotteslästerung mit dem Halseisen und ein Höke, der unter dem Wische kaufte, nach der Willkür der Stadt mit 10 Groschen 6 Pfennigen bestraft. Auch strafte man den Bürger Benjamin Richter, welcher ohne Vorwis­sen des Rates Hausgenossen eingenommen hatte, die Flachs am Ofen dörrten, durch dessen Entzündung Lärm entstand mit 2, den Schäfer des von Miltitz auf Schenkenberg Gregor Mebus aber, welcher mit der Herde auf Gertitzer Flur, wo er kein Recht hatte, hütete und sich dem Flurschützen, welcher ihn pfänden wollte, widersetzte, ihn sogar in Gemeinschaft seines Sohnes und Lämmerknechtes mit Knütteln und Steinen warf, daß er, wenn ihn nicht Gertitzer Bauern retteten, auf dem Platze geblieben wäre, mit 4 Schocken 16 Groschen, geschärfter als ge­wöhnlich wegen der Mißhandlung. Der Sohn des Ratsherren David Buße, Esaias Buße, geboren am 6. Julius 1581, erlangte in Leipzig, wo. er Theologie studierte, das Magisterium und empfing von hiesigem Rate 7 Taler Geschenk. Er hielt 1610 in der Paulinerkirche zu Leipzig die Fastnachtsrede, ward 1612 Pfarrer in Ra­defeld und 1622 in Wölkau, Eilenburger Diöces, wo er 1637 am Nervenfieber starb. Die Schäferei war seit 1602 an den Schafmeister Thomas Fritzsche für jährlich 200 Gulden verpachtet. Der Scheffel Weizen galt 15, Roggen 11, Wintergerste 5 Groschen.


1607
Am 9. März starb der Bürgermeister Mr. Johann Stoye und ward am 11. altem Brauche nach von gemeiner Stadt Vorrate ehrlich zur Erde bestattet. Das Begräbnis kostete der Kasse 42 Taler. Der alte Brauch war, daß man sämtliche Ratsmitglieder, auch Schuldiener mit Trauerbinden von Kartek, die Ratsdiener mit Zindel versah, neuerlich kamen aber nicht nur Trauerbinden für den Amtsschösser und die Geistlichen, son­dern auch noch folgende Ausgaben, 3 Taler dem Superintendenten für die Leichenpredigt, 3 Taler den beiden Diakonen und Pfarrer in Benn­dorf und 3 Taler den Schülern hinzu, was eine Erhöhung der Ausgabe verursachte, die in der beschwerlichen Gegenwart höchsten Orts miß­fällig bemerkt und 1611 abgestellt ward. Auch starb der Kämmerer Urban Richter, seit 1588 Ratsherr, am 11. April. Am dritten Mai ward ein französischer Edelmann Antonius de Bugoy von Moritz Dietrich v. Starschedel zu Kleberg bei Zschepen im Duell erstochen und am fünften auf dem Kirchhofs daselbst begraben. Donnerstags nach Pfingsten, am 28. Mai zerschlug ein Hagelwetter von Mitternacht her alles Getreide auf dem Felde und die meisten Fenster mitternachtswärts in der Stadt. Es war überhaupt ein nasses Jahr, Miß­wachs und Mangel. Den Notar Georg Blume von Halle, welcher den Rat in einer Schrift beschuldigte, daß er in einer Rechtssache aus Haß und willkürlich verfahren habe, widerlegte man auf der Stelle aus den Akten, bestrafte ihn mit Gefängnis in der Lauke und ließ ihn nur auf schriftlichen Urfrieden los. Der Hufschmidt George Winkler in der Vorstadt ward in der Ap­pellationsinstanz sachfällig und zahlte die ihm im vorigen Jahre wegen unbefugten Ausspannens und Herbergens aufgelegte Geldstrafe.
Zu Beaufsichtigung der Wochenmärkte setzte man einen Markt­meister, dem man wöchentlich 8 Groschen gab, wegen Unfleisses aber in diesem Jahre auch wieder entließ. Auf die Beschwerde des Rates zu Leipzig gegen die Eingriffe der um­liegenden Städte in die Stapelgerechtigkeit dieser Stadt befahl der Kurfürst, die Niederlage und den Stapel aller Seewaren zu Ballen, Lasten und Zentnern bei Vermeidung der Kaiserlichen Pön von 5 Mark lötigen Goldes einzustellen. Dieser Befehl traf hier den Kaufmann Gre­gorius Hochstetter, welcher sich von nun zwar der Niederlage enthielt, dagegen aber einen großartigen Getreidehandel anfing, in dem Anhäl­tischen Getreide aller Art zu 30, 40 und 50 Wispeln aufkaufte, aufschüt­tete, und in den Wochenmärkten wieder vertrieb. Weil hierdurch die Preise auf hiesigem Platze sanken, so wollte man den kurfürstlichen Be­fehl auch gegen diese Getreide-Aufhäufung als vermeintliche dem Leip­ziger Rechte nachteilige Stapelung geltend machen und verbot sie bei 100 Talern Strafe; er appellierte aber dagegen und erhielt vor der Hand so viel, daß er, bis der Rat bessere Rechte gegen ihn ausführe, im Be­sitze blieb. Weil der A d e 1 s t a n z in neuerer, Zeit und trotz der gegebenen Ordnung gewöhnlich mit Balgereien und Ausforderungen endete, die dem Rat viel Kosten verursachten, wie denn der peinliche Prozeß gegen den von Starschedel noch im Gange war, so suchte er bei dem Kurfürsten auf den Fall, daß dessen Aufhebung nicht zulässig, um strengere Befehle nach, die denn auch eingingen und Exzesse mit harten Pönen auch end­licher Auflösung solcher Zusammenkünfte ernstlich bedrohten. Einige Knaben von 13 bis 15 Jahren, Christian Arnold, ein Pfarrerssohn aus Bitterfeld, Johann Chemlin, Thomas Weiner, Clemens Schmidt und Benedict Binder, Kinder verstorbener Bürger, welche aus Häusern, die sie zum Teil nachts öffneten und von freistehenden Wagen Gerätschaf­ten entwendeten und an Einwohner verkauften, wurden nach eingehol­tem Erkenntnisse mit Stockschillingen bestraft, die Verweisung aber, welche dreien von ihnen zuerkannt war, wegen ihrer Jugend erlassen.  Margarethe, eine hinterlassene Tochter des vormaligen Einwohners Matthäus Korb in der Grünstraße, welche Kuren an Menschen und Vieh unternahm und vorgab, daß sie dabei eine Frau zu Rate zöge,. die ihr mittels eines Spiegels nicht nur den Grund der Krankheit, sondern auch das rechte Heilmittel entdecke, ward wegen dieses Betruges eingezogen und auf Geständnis des Landes ewig verwiesen. Philipp Ernst Graf zu Mansfeld, Amtshauptmann in Eilenburg, war am 9. November in Kommissionssache mit dem Rate von Grimma hier und empfing vom Rate einen Eimer Wein Verehrung. Wegen Sterbensgefahr wurden die Tore vom September bis November mit besonderen Wäch­tern besetzt, doch. starb hier nur ein armes Weib an der gefürchteten Krankheit, eine bösartige Seuche. Der Ausbau der neuen Stube des Rathauses kostete 83 Taler 20 Groschen. Der Scheffel Weizen galt 16, Roggen 11, Wintergerste 7 Groschen.


1608
Am 26. Februar starb der Stadtrichter Johann Stock, seit 1569 Ratsherr, im 84. Lebensjahr. Der Kaufmann Gregorius Hochstetter und Nicolaus Pfeil, welche mit dem Schlitten übermäßig schnell durch die Gassen fuhren und vor dem breiten Tore Unfug anrichteten, verbüßten es mit 5 Talern und Georg Hartmann, der bei einer Hochzeit als Narr gekleidet, eine Jungfrau zum Tanze auf das Rathaus führte, gab 42 Groschen Strafe. Am 26. April starb der Amtsschösser David Pfeffer, ein trefflicher Schiedsrichter im 45. Lebensjahr und ward am 29. nach gehaltener Leichpredigt des Superintendenten Suarinus (gedruckt in Leipzig) unter einem Schwibbogen des Gottesacker$ begraben. Er hinterließ seine Gat­tin Katharina, geboren 1570, vier in Oschatz erzeugte Söhne, Christian, Davis, Eusebius, Johannes und eine 1603 hier geborene Tochter Justina, über welche Kinder des Verstorbenen hier ansässiger Bruder, Matthäus Pfeffer. Gerichtsverwalter in Löbnitz, auch Döbernitz, die Vormund­schaft übernahm. Die Witwe verheiratete sich wieder mit dem Pacht­inhaber des Gutes Döbernitz und Laue, Philipp Jünger, erlebte aber nur an ihrem Sohn Eusebius und an der Tochter, welche sich 1620 mit dem Amtsschreiber und Notar Salomon Gerhard in Zwickau verehelichte, Freude. da sie den ältesten Sohn Christian, welcher als Studentin Hil­desheim zu den Jesuiten überging, zu enterben, David und Johannes, auch Studierende wegen ihrer Unarten im Testamente zurückzusetzen genötigt war. Auf Befehl des Kurfürsten vom 29. April mußten wegen der Unruhen in: Böhmen, wo sich bei Prag 20 000 zusammengerottet und Tätlichkeiten erlaubt hatten, 20 wohlgerüstete mit langen Spießen bewaffnete und mit Zehrung auf zwei Monate versehene Bürger zur Besatzung nach Dresden abgehen und am 12. Mai dort eintreffen. Hierauf sind 476 Täler 11 Gr. 6 Pf. verwendet worden und hat der Besitzer eines brauberechtigten Hauses 1 Taler, der Pfahlbürger 12 Groschen ausgebracht. Am 9. Juli erhielt der Rat einen schriftlichen Befehl des Kurfürsten und mit ihm die erste Einrichtung der L a n d w e h r. In Folge dieses Befehles kaufte der Rat von dem Bürger und Rohrschmiede Hans Sieben in Suhl 160 Stück Musketen mit zwei guten tüchtigen Hahnen versehenen Feuer­schlössern, Flaschen, Bandelieren, Gabeln und Kugelformen für 640 Gulden und gab sie den Bürgern zum Gebrauch. Die vor. dem Dr. Jakob Schulze entworfenen Statuten der Stadt wurden dem Kurfürsten durch Abgesandte des Rates zur Bestätigung übergeben. Dem Kaufmanne Gregorius Hochstetter untersagte eine kurfürstliche Verordnung Aufkauf und Aufschüttung des Getreides bei höchster Ungnade. Am 26. Dezember starb Peter Grosse, seit 1599 Ratsherr. Der Hausmann und Musikus Bärtigen wurde beurlaubt und an seine Stelle Christoph Neander von Schmiedeberg angenommen. In dem Scheuntor des Ratsherren Thornau am Graben fand man ein weggesetztes Kind, welches der Rat erziehen ließ. Der Scheffel Weizen galt 20, Roggen 16-20, Wintergerste 7 Groschen.


1609
Das Begräbnis des Bürgermeisters Gregorius Kirchhof (Ratsherr seit 1576), welcher am 1. Januar im 76. Lebensjahr starb, verursachte der Kämmerekasse abermals 55 1/2 Täler Traueraufwand. Am 23. Julius war Musterung der Bürgerschaft. Der Rat verwendete 12 Täler auf Feldzeichen von Zindel und Kartek und gab den fremden Hauptleuten, welche auf kurfürstlichen Befehl die Musterung mit ihm vollzogen, eine angemessene Auslösung. Daß die mit Abgaben überhäufte Bürgerschaft, welche sich zu diesem Dienste kleiden, rüsten, dabei versäumen, mußte, Schwierigkeiten erhoben, der Rat sie vorstellig machen werde, war natürlich, ebenso natürlich aber auch, daß die Regierung, unvermögend zu geben und zu erlassen, eine strengere Aufsicht auf Verwaltung des Kommunal-Vermögens für nötig fand, neben der möglichsten Benutzung der Hilfsquellen die größte Sparsamkeit zur Pflicht machte und nur dringliche Ausgaben hingehen ließ. Namentlich ver­langte sie die Abstellung des mit dem Erwerbe in keinem Verhältnisse stehenden Aufwandes auf den Marstall und die Ausleihung von 2000 Tälern vorrätigen Geldes, welches auch sofort den Bürgern gegen Sicher­heit auf Zins gegeben ward. Hinsichtlich des Marstalles (man hielt vier Pferde) hatte man zwar erhebliche Einreden, das Bedürfnis der Ökono­mie, die Straßenreinigung, Feuersgefahr, man versprach aber auch hier, so weit es leidlich, die verlangte Beschränkung. Überdies aber beschäftigte auch die Uberhandnahme schlechten Geldes, die wucherliche Aus­führung des inländischen, guten, dessen Wert von Tag zu Tag höher stieg, der nicht mehr zu bemächtigende Zudrang der Hausgenossen unge­wissen Erwerbes, übermäßiger, gesetzwidriger Aufwand bei Wirtschaf­ten, Kleiderpracht, Übermut und Auflehnung gegen Sitte und Sittlich­keit hauptsächlich der Jugend, die Amtstätigkeit des Rates auf eine ver­fängliche Art, wie es denn täglich sichtbarer ward, daß man einer lang gefürchteten Zeit der Heimsuchung stracks entgegen ging. Auf dem Landtage in Torgau, vom 3. bis 25. September, nahmen drei hiesige Ratsherren teil. Gegenstände der Beratung waren: besorg­licher Krieg, eine Polizeiordnung wegen übermäßiger Pracht, die Fort­dauer der doppelten Tranksteuer und die Erhöhung der Landsteuer um 2 Pfennige auf 6 Taler so, daß nun 10 Pfennige vom Schocke zu geben war. Zu den Schießübungen baute der Rat auf dem Anger ein neues Schützenhaus. Das Ratsstipendium hatte Tobias Echart, Student der Theologie in Wittenberg. Er war der Sohn eines hiesigen armen Braugesellen und Torwärters, Thomas Echart, geboren am 11. September 1586. Nach dem frühen Verluste seiner Eltern erzog ihn das Hospita1 als arme Waise, er tat sich aber in der Schule so hervor, daß er. bald vornehme Freunde fand, vom Rate mit Büchern unterstützt und 1603 der Pforte überlassen ward. Auch hier zählte man ihn zu den Vorzüglicheren, wie in Wittenberg, wohin der 1608 mit den besten Zeugnissen ging. Hier disputierte er 1611 unter Tilemann, unterrichtete-in den alten Sprachen. predigte und erlangte die Magisterwürde. Von 1614 ab war er Konrektor und Rektor der Schule zu Naumburg bis 1634, wo er, gerühmt, aber auch wegen seiner Geradheit angefeindet, das angetragene Pfarramt in Groß­jena und Zschellsitz übernahm und bis an seinen Tod unter großen Gefahren und harten Bedrängnissen des Krieges auf das Ehrenvollste ver­waltete. Er starb am 9. Mai 1652 mit dem Ruhme eines ausgezeichneten Philologen, tüchtigen Lehrers und ehrlichen Mannes, aber so arm, daß er kaum anständig begraben werden konnte. Der Scheffel Weizen galt 20-23, Roggen 16-20, Wintergerste 7 Groschen.


1610
Dem Sohne des verstorbenen Amtsschössers Pfeffer, David Pfeffer, welcher das Ratsstipendium nachsuchte, es aber nicht erhalten konnte, weil er im Bürgerrecht dieser Stadt nicht geboren war, gab man 4 Taler 9 Groschen aus der Kämmereikasse Unterstützung. Der Rat, welcher bei der Taufe des Sohnes Otto von Maschwitz auf Lissa und der Töchter des Otto Spiegel auf Neuhaus durch zwei Abgeordnete Patenstelle vertrat, verehrte bei der ersten 6 Dukaten dem Kinde, 3 Du­katen der Wöchnerin (auf das Bette), 1 Taler der Wehmutter, 10 Gro­schen der Wärterin; bei der zweiten 8 Reichstaler, jeder zu 30 Groschen (so hoch waren sie schon gestiegen) dem Kinde, 5 Reichstaler der Wöch­nerin, 24 Groschen der Wehmutter und 6 Groschen der Bedienung und ward diese Ausgabe nach altem Brauche in der Kämmerei-Rechnung verrechnet. Montags nach Misericordias Domini, den 23. April stieg der Lober plötz­lich zu einer außerordentlichen Höhe, schlug bei der Mühle über und verunreinigte das Wasser so, daß die Fische häufig starben und die Fischerei dieses Jahres geringen Nutzen gab. Am 26. Juni kaufte der Rat von den Gebrüdern Spiegel, Otto, Dietrich und Christian die Rittergüter Neuhaus Und Petersroda mit dazu gehö­rigen Dorfschaften Paupitzsch, Petersroda, Werbelin, Holzweißig und vier Pfarrleben für 31000 Gulden, zahlte auch 20 000 Gulden im Laufe dieses Jahres ab. Es gingen ihm 300 Gulden eine alte Schuld der Spiegel' an die Kommun, und 100 Gulden, welche die Stadt auf Spiegels Ver­bürgung dem Andreas Caspar von Ebeleben geliehen hatte, zugute, weil von diesem nichts zu erlangen war. Die Bürgerschaft hielt ein öffentliches Musketenschießen. Zacharias Eckart kaufte von der Kommun einen Raum hinter Paul Lehmanns Stalle am Mühldamme für 30 Gulden, welcher Raum spä­ter mit dem Lehmannischen Gehöfte, Num. 1 des vierten Viertels vereint ward. Die in diesem Jahre vorgenommene Räumung des Stadtgrabens kostete an Lohn 1170 Taler. Man gab den Arbeitern überdies 6 Faß Bier, Kovent, einen Wispel Roggen und das nötige Schlammgerät. Zu dieser Ausgabe nahm der Rat ein Darlehn von 1200 Gulden in Leipzig auf. Der Superintendent Suarinus, wahrscheinlich durch den von hier nach Altenburg gezogenen Rentmeister Hartmann zu der daselbst erledigten General-Superintendentur empfohlen, predigte am 28. September vor der fürstlichen Witwe, gefiel der Gemeinde und erhielt die Vocation. Er hatte schon vorher auf Veranlassung seines Freundes, des Dr. För­ster in Wittenberg, den er auf einer Erholungsreise besuchte, die theo­logische Doktorwürde daselbst gesucht, promovierte am 6. November und empfing durch Abgeordnete des Rates, welche auf seine Einladung bei der Promotion gegenwärtig waren, 43 Taler 18 Groschen Verehrung. Es verbreitete sich in den letzten Monaten des Jahres eine ansteckende Krankheit in der Umgegend. Man besetzte daher die Zugänge der Stadt mit Wächtern gegen den Andrang verdächtiger Personen, besonders von Halle her, doch zeigte sie sich schon im Dezember in der Grünstraße. Der Scheffel Weizen galt 29, Roggen 26, Wintergerste 8, Sommergerste 18 Groschen und wird dieser im Getreidehandel zum ersten Male gedacht.


1611
Die bei der Promotion des Suarinus und Strauch in. Wittenberg gegen­wärtigen Abgeordneten des Rates hatten Gelegenheit, Zeugen der unge­wöhnlichen geistigen Gaben zu sein, mit welcher der jugendliche Strauch in dem gelehrten Streite seine Ansprüche auf die gesuchte höchste Würde geltend machte und von dem Landsmann, Professor Erasmus Schmidt, der sie bewirtete, zu hören, welcher künftigen Stütze der Theologie er in diesem Würdigsten seiner Schüler entgegensah. In hohem Grade ein­genommen von seiner Persönlichkeit, war es kein Wunder, daß' man nach Suarinus Entsagung alles aufbot, den jungen allgeliebten Mann für hiesiges Amt zu gewinnen und es gelang durch Professor Schmidts Ein­reden und des Ober-Konsistoriums Begünstigung. Man verehrte ihm gleich bei seiner ersten Unterredung zehn Dukaten und fast ebensoviel bei Ahlegung der Probepredigt am 27. Januar, und Stadt und Diözes fühlte sich beglückt, als er ausgangs des Februar anzog und am 26. Juni , vom Dr. Weinrich investieret ward. Ein heftiger Sturm im Frühling stürzte und zerbrach die Vogelstange, die der Rat auf öffentliche Kosten wieder herstellen ließ. Der Rat hatte wieder zwei mit Aufwande verbundene Gevatterschaften bei Dietrich von Spiegel in Petersroda und des Stiftsrates von Magde­burg, Joachim von Randau, Hausfrau, welche hier in Hans Hildebrands Hause niederkam. Am 23. Juni starb der Kurfürst (Christian II.) an der Apoplexie und am 6. August hielt man sein Leichenbegängnis, wobei auf Trauer für das Ratspersonal 42 Taler verwendet ward. Die Huldigung: des neuen Kur­fürsten Johann Georg empfingen hier am 31. Oktober die Kommissarien Philipp Ernst Graf zu Mansfeld, Edler Herr zu Heldrungen, Otto von Dieskau auf Knauthain, Theodor Möstel, Doktor der Rechte und Bürger­meister zu Leipzig und Jakob Spieß, Amtsverwalter zu Pegau. Auf Befehl rüstete man einen Heerfahrtswagen und bestimmte eine Zahl zur Defension geeigneter Bürger, bereit zu dem Abgange auf den ersten Ruf. Am 30. August ward der im Amte gefänglich gehaltene Benedict Schumann mit dem Schwerte hingerichtet. Zacharias Stephan aus Lauchstädt, ein aus diesem Orte zum zweiten Male mit Verlust meineidiger Finger Verwiesener, stahl von neuem in Badrina und Pröttitz, ward hier ergriffen und zum Strange verurteilt, auf Vorbitte der Geistlichen mit dem Schwerte am Leben gestraft. Die Pest, denn dafür hielt man die bösartige Krankheit, welche sich am Ende des vorigen Jahres in der Grünstraße eingefunden, griff in diesem um sich, verbreitete sich trotz aller Vorsichtswachen in der Stadt, ward in den letzten Monaten gefährlicher und verursachte, daß die Zahl der Gestorbenen, in der Regel durchschnittlich gegen 100, auf 273 stieg. Ihr unterlag unter anderem am 5. November der Bürgermeister Mr. Johann Franz im 43. Lebensjahr mit vier Kindern und der Küster Elias Treitzsch, dessen Amt dem hiesigen Maler Johann Eberhard übertragen ward. Auf das Begräbnis des Bürgermeisters verwendete man aber nur 8 Taler 18 Gr. auf Trauer, weil ein größerer derartiger Aufwand höchsten Orts untersagt war. Dagegen verschrieb man in der Rechnung Ausgaben für Verwahrungs-Arznei und Räuchermittel, deren man sich wahrscheinlich bei den Ratssitzungen bediente und honorierte den Dok­tor und Professor der Arzneiwissenschaft Simon Landgraf in Leipzig, mit vier Talern für ein Regiment, wie man sich tempore pestis verhalten und präservieren soll. Christoph Marcus, Notar in Leipzig, welcher dem Rate die daselbst er­scheinenden Zeitungen schriftlich mitteilte, erhielt dafür 6 Taler 3 Gr. Jahreslohn. Der Weizen war in diesem Jahr sehr gering, unrein, der Scheffel Roggen aber galt 25, Wintergerste 8, Hafer 14 Groschen.


1612
Bei dem unter dem 17. Januar ausgeschriebenen vierzehntägigen Landtage in Torgau, vom B. März ab, waren drei Abgeordnete des Rats. Man verhandelte über Einrichtung der Defension, über verschiedene polizeiliche Einrichtungen, namentlich die Kleiderordnung und bewilligte ferner die erhöhte Steuer, weil sie unerläßlich war. Da bisher zu Unterhaltung der vier Marstallpferde nicht nur der erbaute Hafer, sondern noch für ansehnliche Summen angekaufter aufging, welches die revidierende Behörde rügte, so schaffte man zwei Pferde ab  und ersetzte sie im Notfalle durch Lohnfuhren. Heinrich von Starschedel verglich sich mit dem Rate in seiner Untersuchungssache (siehe 1606) und versprach 300 Gülden Kosten und 125 Taler Strafgeld zu zahlen, welchen Vergleich der Kurfürst genehmigte. Der Schuldner bezahlte aber erst auf Beschwerde im künftigen Jahre. George Nagel, ein armer alter Bürger, der sich in den Hopfgärten entleibte, ward aufgehoben und vom Scharfrichter bei dem Gerichte begraben. Gegen den Bürger, Jakob Hochüber, welcher aus angeborener Unart, Zanksucht, Haß und Rachgier wider den Rat anzeigte, daß er in den Jahren 1600, 1601 und 1602 mehr als 2000 Gülden Tranksteuer unter­schlagen habe, vor der Kommission aber nicht bewies, vielmehr aber überführt ward, daß er ein altes kassiertes Steuerregister, von dem das Siegel genommen, mit einem anderen Siegel des Rates bedruckt und so ein falsum begangen habe, wurde auf Erkenntnis des Schöppenstuhles die Untersuchung eingeleitet. Auch zog man von Gregorius Hochstetter, der von neuem zum Schaden der Wochenmärkte den Getreidehandel im Großen trieb, hauptsächlich auf Betrieb des benachbarten Adels die verwirkte Strafe der 100 Gülden ein und bedrohte ihn, auf den Wiederholungsfall mit der Verdoppelung. Seine Appellation ward zwar nicht angenommen, er brachte aber eine Kommission aus. Das Getreide auf dem Sande, auf Werben- und Gertitz-Mark ward kurz vor der Ernte vom Hagel niedergeschlagen. Die Schäferei, welche man im vorigen Jahre an den gewesenen Schafmeister zu Berndorf, Simon Weydiger, aufs Sechste eingetan hatte und aus 632 Stücken, 200 alten Schafen, 75 Zeitschafen, 41 alten Ham­meln, 92 Zeithammeln, 115 Kälberjährlingen, 108 alten Hammeln bestand, brachte in diesem Jahre 458 Taler 6 Gr. 6 Pf. und nach Abzug der Ab­gabe an das Amt und des Aufwandes von 348 Talern 19 Gr. -, 109 Taler 11 Gr. 6 Pf. reinen Gewinn. Hans Focke von Gertitz ward am 7. Dezember nahe dem großen Schütze im Stadtgraben tot gefunden und in der Stille begraben. Zwei Tagelöh­ner, Hans Rothe und Jakob Herrmann, bösen Rufes, hatten ihn, wie sich später ergab, abends vorher hineingestürzt und umgebracht. Die ansteckende Krankheit war zwar in diesem Jahre weniger heftig, doch starben 50 Personen über die gewöhnliche Zahl. Der Scheffel Weizen galt 31 1/2, Roggen 27, Wintergerste 10, Hafer 13 Groschen.


1613
Der Raum an der Mauer vom Pfarrhofe nach der Pforte, welchen man den Tuchmachern zu einem Rähmen auf Widerruf gegeben hatte, diese aber wenig benutzten, überließ man dem Superintendenten zu einem Wege nach der Pforte, auch legte man aus dem Hälter des Pfarr­hofes eine Wasserableitung von 14 Röhren in den Stadtgraben und ver­wandelte zu Besserung der Stelle das herabgekommene Pfarrholz in Wiese, die größeren Nutzen gab. Der gewesene Schösser in Löbnitz, Benedict Koch, verehelichte sich mit der Witwe des Bürgermeisters Stoye, ward Bürger und übernahm dessen hinterlassenes Haus. Die ergangene Kleiderordnung befolgte man streng, strafte Jung­frauen, die mit goldenen Kränzen zur Kirche gingen mit fünf Talern und der. Kürschner Zachäus Kohl, welcher am Mantel Aufschläge von Samt und . breite seidene Borten trug, mit dem Bürgergehorsam. Gregorius Hochstetter erhob, nachdem die Kommission in seiner Sache Bericht erstattet hatte, gegen den Adel und Rat Klage ex lege diffamari bei dem Appellationsgericht. Am 9. Juli fiel des Kürschners Andreas Friedrich Witwe, Elisabeth, vor dem Hallischen Pförtchen, wo sie Wasser schöpfen wollte, in den Graben und war tot, als auf ihren Ruf Hilfe kam. Man bestrafte den ledigen David Bricht, welcher mit der Tochter des Martin Albrecht, Sabine, bei hellem Tage hinter der Mauer Unzucht trieb, mit vierzehntätigem Gefängnis, das Mädchen aber entfernte sich freiwillig. Der Handarbeiter Jakob Herrmann, ein verdächtiger Betrüger, Dieb und Ehebrecher, trat aus, ward aber in Giebichenstein gefunden, einge­bracht und gestand in der ihm zuerkannten Tortur nicht nur mehrere Diebereien und Ehebrüche (er trieb es unter anderem mit der Ehefrau eines Zimmermanns und ihren beiden Töchtern), sondern gab auch an, daß der Leinewandhändler Martin Schindler aus Hohenleuben, den man vor sieben Jahren bei Wiederitzsch ermordet gefunden, von den hiesi­gen Bürgerssöhnen Hans Jude und Lorenz Parreidt in Gemeinschaft mit dem Handarbeiter Tobias Herrmann angefallen, getötet und beraubt worden sei. Die Beschuldigten waren abwesend, man erfuhr aber, daß  Jude im Amte Wurzen wegen eines gestohlenen Pferdes gefänglich sitze und forderte ihn, nachdem man durch das Amt Schkeuditz über den Mord Gewißheit hatte, gegen Revers. Er bekannte in der Tortur, daß er und Parreidt die Wegelagerung beredet, Parreidt den Herrmann zugezogen habe und so wären sie an einem Sonnabende, abends dem Schindler, von dem sie gewußt, daß er Geld bei sich habe, auf der Straße nach Leipzig nachgegangen, Parreidt habe mit einem Rapier den Anfall getan, Herrmann geholfen, er auf dem Grabenauswurfe Wache gestanden, den Mord angesehen und als Schindler gefallen, ihm das Geld, welches er in zwei Säcken und einer Rinderblase mit sich geführt, abgenommen und mit Parreidt und Herrmann geteilt. Bei diesem Geständnis blieb er und kam die Sache noch in diesem Jahre zum Verspruch. Parreidt und Herrmann waren nicht zu erlangen. Jakob Herrmann, durch den das Verbrechen von dem ihm früher der flüchtig umherschweifende Jude auf der Zerbster Straße in Kenntnis gesetzt, an das Licht kam, empfing am B. Dezember dieses Jahres mit dem Strange seinen Lohn. Abraham Voigt und Christian Ebert erregten am 6. August nachts zwischen 11 und 12 Uhr auf den Gassen Tumult, griffen die Wache mit bloßer Wehr an, lästerten Gott und schlitzten Christoph Jägern den Backen auf. Sie waren wegen der Gotteslästerung zur Ausstellung an den Pranger, wegen Beschimpfung des Rates zur Verweisung verurteilt, kamen aber auf Vorbitte und Vorschützung des Trunkes mit einer Geldstrafe davon. Es kam zur Anzeige, daß ein junges Mädchen im Rosentale, Anna, Valentin Stollens hinterlassene Tochter, von dem Studenten Christoph Jäger, dem Jüngeren, genotzüchtigt worden sei. Die Wehmütter, welche das Mädchen untersuchten, versicherten, daß ihm Gewalt geschehen, der Beschuldigte berief sich aber, als er vorgeladen ward, auf das privile­gierte Forum der Universität, an welche daher die Untersuchung überging. Als der Rat im Herbste, wie von jeher, geschehen, die   H a s e n j a g d   in der Spröde ausüben wollte, pfändete die Witwe des Heinrich von Pak auf Beerendorf und es entstand Prozeß. Der Kurfürst verlangt von der Stadt ein Darlehn von 4000 Gülden, am 13. August schriftlich durch den Oberkämmerer und Bergrat Sigmund von Berbisdorf, später durch den hiesigen Amtsschösser Großmann mündlich. Der Rat hatte soviel nicht vorrätig und nahm diese Summe von Hans von Scheiding auf Wölkau zu fünfen vom Hundert auf drei Jahre. Auch in den letzten Monaten dieses Jahres ergriff die seit zwei Jahren herrschende, ansteckende Krankheit mehrere, daher die gewöhnliche Zahl der Verstorbenen wieder, um 89 überstiegen ward. Das Amt wurde im November von dem kurfürstlichen Oberkämmerer und Bergrat Sigmund Berbisdorf visitieret und verehrte ihm der Rat vier Stübchen Wein. Die Schätzung des Fleisches durch die Viertelsmeister gab zu Unfuge mit den Fleischern Gelegenheit. Der hiesige Schullehrer Mr. Hieronymus Heidenreich überreichte dem Rate einige Exemplare seiner herausgegebenen Schrift und empfing 3 Taler 18 Gr. als Gegengeschenk. Ebensoviel gab man dem Tobias Eckart zu Erlangung der Magisterwürde in Wittenberg. Die diesjährige Ernte war sehr ergiebig und galt der Scheffel Weizen 26-28, Roggen 16, Gerste 6, Hafer 10 Groschen.


1614
Am 17. Januar ward Hans Jude, dem das Rad zuerkannt war, auf Vorbitte seines alten Vaters und etlicher Bürger mit dem Schwerte hinge­richtet, der Leichnam aber auf das Rad gelegt. Der Kantor Tobias Albrecht (Albertus) legte sein Amt nieder und ging nach Torgau. An seine Stelle kam Mr. Johann Alberus aus Großenhain gebürtig, welcher von 1604 ab in Pforte und Leipzig sich zum Gelehrten gebildet hatte und nach erlangter Magisterwürde in Leipzig privatim Unterricht gab. Georg Dietze, der sein Kind, der Landesordnung entgegen, nach dem grünen Donnerstag zu den Paten schickte, ward mit einem neuen Schocke straffällig. Der Kurfürst verordnete eine Spezial-Musterung über das Regiment Kriegsbürger (Defensioner), zu welchem die Delitzscher gehörten, welche am 11. Juni in Grimma unter Befehl des Obersten von Schlie­ben vorgenommen werden sollte. Es zogen von hier 40 Mann dahin, ein Fähnrich, ein gemeiner Webel, ein Büchsenmeister, ein Trommelschläger,  ein Pfeifer, zwei Rondasierer, acht Doppelsöldner mit ganzer Rüstung, Sturmhauben, langen Spießen und Seitengewehren und 15 Musketiere mit Röcken, Randalieren, Gabeln, Pulver, Blei und Seitenwehren. Dieser Zug kostete viel und gab der Rat aus der Kämmereikasse 210 Taler dazu. Der Webel Elias Guttenberg gab, als er abzog, ein Schreiben an den Rat, welches seiner Eigentümlichkeit wegen, stellenweise hier stehen mag. Anordnung wegen der itzo gekornen Kriegsbürger
1. Die elegierte Kriegsbürger einen jeden nach seiner Wehr auszurüsten. und zu bewehren,
2. Dieselben den Befehlshabern zu Gehorsam mit Ernst vermahnen und einbinden, auch bei Strafe denselben nachzusetzen, auferlegen,
3. daß ein jeder mit seiner Gewehr ordentlich und von Delitzsch bis nach Grimma ohne einige Rebellion, gehorsam und friedlich das Fähnlein begleite und als in ordentlicher Zugordnung sich gehorsamlieh verhalte.
4. Daß auf künftigen Freitag, wills Gott, wenn erstlich das Glöcklein auf dem Rathause geläutet worden und hernachmals die Trommel ge­schlagen wird, sich ein jeder vors Rathaus verfüge und ordentlich mit seiner Gewehr und Rüstung aufziehe.
5. Und damit einer oder der andere mit der Reise nicht übereilet werde, daß er darüber macht- und kraftlos werden möchte, und hernachmals den folgenden Tag, welcher zur Musterung angestellet, desto besser abwarten und Folge leisten könne, als wolle ein ehrbarer und weiser Rat großgünstiglichen obgedachten Kriegsbürgern zween Tagereisen von hinnen bis nach Grimma verstatten und dann am Sonntage da­selbst nach Vermöge des dritten Gebotes Gottes, den Feiertag zu hei­ligen, einen Rast- und Ruhetag vergünstigen und sich als christliche Obrigkeit hierinnen gebühret zu erzeigen und dann auch den Tag der Musterung, auch nach geschehener Musterung in gleichen zween Tage­reisen von Grimma bis wieder nach Delitzsch die angeordnete unseres gnädigsten Kurfürsten und Herrn Deputata günstiglich und mildiglich mitteilen und widerfahren lassen.
Diese obengezogene Anordnung bitte ich, Elias Guttenberg itzo zu diesen Kriegssachen verordneter gemeiner Webel, derweil mir am meisten da­ran gelegen und Hohn, Spott beneben andern Schimpf und Nachteil vorzukommen und zu verhüten, einen ehrbaren. und wohlweisen Rat wolle oberzählte Ordnung großgünstiglich nachsetzen pp. - und ich itzo hierinnen nicht mehr suche, denn was solcher Befehl mit sich bringet und wo ferner diese Ordnung nicht sollte nachgesetzt werden, ich auch meines Befehles keine Remission erlangen sollte, als wolle ein ehrbarer und wohlweiser Rat einen Ratsherren dazu ordinieren, der sich zum Führer möchte gebrauchen lassen bis nach Grimma vors Rathaus und uns daselbst präsentierte, so will ich meinen Befehl nachsetzen und die Zugordnung so viel mir gebühret in Acht nehmen und erkenne mich jederzeit pflichtschuldig zu gehorsamen nach allem meinem Vermögen zu tun, schuldig zu sein, jedoch conditionaliter, damit mir nicht etwa vorsätzlich aus verhaßtem Gemüte durch eines oder des anderen Miß­gunst, Nachteil, Schimpf, Hohn, Spott verursacht und zugezogen werden möchte, wie denn meiner Einfalt nach davon zu reden, itzo sehr leicht­lieh mir widerfahren kann, wofern nicht ordnung sollte gehalten werden, oder aber ein anderer vorhandener die Präsentierung zu Grimma ver­richtete und ich in aller Unordnung sollte daselbst aufgezogen kommen. Anbelangend den Wagen, da ein jeder sein Pack und Sack auflegen und aufwerfen möchte und könnte, kann derselbige auf Sonnabendfrüh hinwegfahren, daß er denselben Tag mit uns zugleich zu Grimma kann an­kommen, wenn er nicht mit uns zugleich soll fortziehen, welches in eines erbaren und wohlweisen Rats Willen und Gefallen anheim gestaltet wird. Desgleichen wird nochmals ein E. und wohlweiser Rat wegen einer Ver­ehrung den Befehlshabern beide, als dem Fähnrich und gemeinem Webel bittlichen ersuchet, welches dann in eines erbaren Rats Gefallen, auch wird anheim gestellt, nach dem gemeinen Sprichwort, wer ein schön Pferd will haben, der muß auch einen schönen Zaum haben, und wer nicht wirbet, der verdirbet. Dazu hat mich das Betteln mein Tage nicht verdrossen, aber das hat mich verdrossen, wenn ich nichts habe bekom­men können. Melius est ill, quam nll.
Die Sache wegen der Hasenjagd in der Spröde ward durch Kommissarien in dem Maße verglichen, daß dem Rate die Jagd auf zehn Jahre pachtweise gegen jährliche Lieferung von drei Hasen überlassen werden sollte. Der Vergleich kam aber, da Heinrich von Miltitz auf Döbernitz in diesem, die Pakische Witwe im folgenden Jahre starb, nicht zur Vollziehung und der Rat nahm die unterbrochene Jagd, die freilich von keiner großen Bedeutung war, wieder vor. Der Kurfürst übertrug die erledigte Stifts-Superindendentur in Merseburg dem hiesigen Dr. Strauch, dem dieser Ruf, wie dem Rate, un­erwartet kam. Fast zu gleicher Zeit und ehe man sich über diese Ver­änderung besprechen konnte, erhielt der Rat, dem Präsentation und Vocation des Pfarrers zustand, diesen plötzlichen Befehl: Von Gottes Gnaden Johanns Georg, Herzog zu Sachssen, Gülich, Cleve und Bergk etc. Churfürst etc.
„Liebe getreue, Euch ist vngetzweifelt wißendt, daß Wir den Wür­digen Hochgelarten vnsern lieben Andechtigen und getreuen, Herrn Egidius Strauchen, der Heiligen Schrifft Doctorn, zum Superinten­denten Ambt in vnser Stifft Merseburg bestellet haben. Begeren hierauf von vns und den Hochgebornen Fürstegen vnsern freundlichen lieben Brudergen und Gevattern, Herrn Augusten Hertzogen zu Sachssen, Gülich, Cleve und Bergk etc. Ihr wollet bis auf vnsere fernere verordnung mit furschlagung eigener anderen Person in ruhe stehen, Daran volbringet Ihr vnser meinung, Datum Dreßden, am 24. May 1614
J. Klunigenbergk mpr.
Unserm lieben getreuen dem Rathe zu Delitzsch."
Der Rat, nicht ahnend, was man dabei beabsichtigte, war daher nicht wenig betroffen, als ihm durch den Dr. Strauch die angekündigte, fer­nere Verordnung des Kurfürsten mitgeteilt wurde, in welcher die erledigte Stelle dem Superintendenten M. Felicianus Clarus von Herzberg übertragen war. Schwankend, wie er sich dabei nehmen sollte, war die Probepredigt des Clarus schon getan. Man fand sie annehmlich, übersah die dunkle Sprache und ob man schon den von Wittenbach empfohlnen Mr. Ernst Hettenbach gern gehabt hätte, sich in dem Rechte gekränkt sah, gab man doch die verlangte Vocation und nahm ihn" am 20. Oktober bei seinem Anzuge mit herzlicher Freude auf. Dieser Ein­griff in die Rechte des Rates war übrigens eigen Werk des Oberhofpre­digers Hoe von Hohegg, der den in den ärgerlichen Wucherstreit zu Herzberg geratenen Clarus, seinen Freund, von da entfernen wollte. Seine Kollegen, Knuppius und Thinaeus behaupteten nämlich, es sei Wucher, Geld auch gegen die billigsten Zinsen auszuleihen, sprachen leidenschaftlich darüber auf der Kanzel und trieben es so arg, daß das Konsistorium eingreifen und das Gezänk bei harten Drohungen untersagen mußte. Am 19. Oktober starb in Döbernitz Heinrich von Miltitz auf Döbernitz und Beerendorf, ward am 30. des Monats in den Chor hiesiger Stadt­kirche getragen und nach der Leichpredigt, welche der Superintendent Clarus hielt, in der Kreuz- oder Fronleichnams-Kapelle neben dem Denksteigen des von Selmnitz in das Grab des hier 1606 beigesetzten Hans Ernst von Miltitz gelegt. Der das Grab deckende Steigen, mit seinem Bilde in Lebensgröße hat die Umschrift: „Anno 1614 den 19 Octob. nachmittag zwischen 12 und 1 Uhr ist der weiland gestrenge edle und ehrnveste Heinrich von Miltitz ausm Hause Siebeneichen Churf. Kammer Juncker vff Doebernitz und Berndorf Erbsas seines Alters im 50 Jahre in wah­rem christlichen Glauben in Gott selig' entschlaffen dessen Seelegen der barmhertzig Gott gnedig sein wolle." Er war eigen Sohn des Nicolaus von Miltitz, Oberstallmeisters und Hof­meisters des Kurprinzen Christian. Der Rat verkaufte das Backhaus in der alten Zscherne, weil es zu dem Zwecke, den man bei dem Erbaue im Auge hatte, nicht benutzt wurde an Hans Wartmann, welcherin diesem Jahre 175 Gülden Angeld gab. Der Scheffel Weizen galt 28, Roggen 16-22, Gerste 8 Groschen.


1615
Am 18. April ward Dorothea, George Dietzens von Hohenrode Tochter, am 12. Juli George Guttenberg von Wiedemar und am 23. August Urban Nitzschmann von Werlitzsch (bei dem Amte in Untersuchung) mit dem Schwerte hingerichtet, die Dietze auf dem Gottesacker mit Zeremonien und Geläute begraben. Auch fand man eigen totes Mädchen von 7 Jahren bei der Eiche nahe der ersten Scheune am Graben gegen den Gerberplan. In der Nacht von 2. zum 3. Mai fiel nach ungewöhnlicher Kälte viel Schnee. Ambrosius Ihbe, der ohne Vorwissen des Rates eigene geschwängerte Dirne aufnahm, verfiel in 2 Schock Strafe. Am 7. Mai, sonntags früh 2 Uhr, starb der Bürgermeister Wolfgang Holzmüller, im 66. Lebensjahr, Ratsherr seit 1584. Sein Vater und Großvatei war Mitglied des Rates und sein Sohn Georg, praktischer Jurist, ward es 1639. Auf kurfürstlichen Befehl wurde die Zahl der hiesigen Defensioner von 40 auf 48 erhöht und am 5. Juni bei Mühlberg über sämtliche Regimenter Generalmusterung gehalten. Bei dieser Musterung erschien auch der Artikelbrief Zur Defensions - Ordnung aufgerichtet, 44 Artikel enthaltend, welche man in Gegenwart des Kurfürsten vorlas, beeiden ließ und dabei die Fähnlein verteilte. Die Defensions-Anstalt kostete in diesem Jahre hier 412 Taler dem Rate, 130 Taler der Bürgerschaft, die überdies auch Fähnrich, Pfeifer und Trommelschläger auf eigene Kosten hielt. Die Gemeinden Gertitz und Werbegen, die mit Benndorf zur Fortschaffurg der Bürgerschafts-Rüstung auf den Notfall einen Heerfahrtswagagen seit Menschengedenken halten müssen, verweigerten dem angenommenen Fuhrmann den für die Musterungsfuhre verspro­chenen Lohn und wurden ausgepfändet. Sie brachten aber bei dem Oberhofgericht eigene Pönal-Inhibition auf. Die in Dresden versammelten Städte bewilligten dem Kurfürsten 20 000 Gülden zur Soldatensteuer auf fünf Jahre. Der Bildhauer Gottfried Schlegel in Freyberg fertigte für 950 Gülden einen neuen Taufsteigen mit Bildwerk, dessen Decke an einem 37 Ellen langen mit gemaltem Blech überzogenen Seil hing. Überdies bezahlte man 13 Gülden für Beköstigung des Meisters. 3 Gülden dessen Gesellen, 10 Gülden für Seil und Blech und 3 Gülden dem Tischler für das Fußgestell. Hierzu gab das Hospital einen Beitrag von 100 Gülden. Am B. August starb Mr. Melchior Kühn, Ratsherr seit 1609. Er war der Sohn des hiesigen Schullehrers, später Ratherren Melchior Kühn, ge­boren am 18. Januar 1559 und Verdankte Leipzig seine gelehrte Bildung, von welcher sein schriftlicher und gedruckter Nachlaß (Briefe und Ge­legenheitsgedichte in lateinischer Sprache) ein rühmliches Zeugnis gibt. Für 10 Taler 12 Gr. löste Gregor Hochstetter den zweiten Schwibbogen rechts des Eingangs in den Gottesacker für sich und seine Ehefrau Euphemia, welche am 19. August starb, 47 Jahre alt und am 21. dahin begraben ward. Gegen die eingegangene Entscheidung in dessen Getreideprozeß, daß er in seinem behaupteten Besitze, vel quasi, bis er mit Recht daraus gesetzt würde, bleiben solle, appellierten die Gegner, Adel und Rat. Wegen der Belagerung von Braunschweig zogen viele Söldner hin und her und fielen den Almosen beschwerlich. Am 6. Dezember starb David Buße, Ratsherr geit 1595 und am 11. des­selben Monats Frau Sibylla, Witwe des 1588 verstorbenen Heinrich von Pak auf Sommerfeld und Döbernitz, eine geborne von Gleißenthal und fand am 27. in hiesiger Stadtkirche, doch nur auf anhaltenes Bitten der Freunde und gegen Erlegung von 20 Talern an den Gotteskasten, mit ihrem verstorbenen Eheherrn ein gemeinschaftliches Grab. Das beiden errichtete Denkmal hat bezüglich auf die Witwe diese Inschrift: „Anno 1615 den II Xbris ist die edle vil ehrn tugendsame Fraw Sibilla von Gleissenthal Heinrich von Pagks vf Sommerfelt und Dobernicz selige nachgelasne Witwe in Christo enschlafen." Die ansteckende Krankheit voriger Jahre forderte auch in diesem ihre Opfer und die Zahl der diesjährig Verstorbenen stieg bis 202. Zwölf Kannen Wein gab man aus des Rates Keller den drei Geistlichen und Herren des regierenden Rates für Mühe und Versäumnis bei dem Schulexamen. Der Scheffel Weizen galt 28, Roggen 23, Gerste 8 Groschen.


1616
Wegen des Verlustes, den der Rat seit einigen Jahren am Wein- und Bierschanke hatte (er betrug im vorigen Jahre 54 Taler), entschloß sich der Bürgermeister Esaias Wieprecht, den Schank auf seine Gefahr zu übernehmen und ihn auf diese Weise ganz von der Haushaltung des Rates zu trennen. Christoph Keller richtete ohne Vorwissen des Rates eine Branntweinblase an und ward deshalb mit 5 Talem bestraft. Am 6. Februar hielt man die Gedächtnisfeier des am 26. Dezember, abends 6 Uhr in Dresden gestorbenen Herzoges August, (Bruder des Kurfürsten), wobei der Rat in tiefer Trauer erschien und auf Kartek und Zindel 32 Taler verwendete. Die Kirche schaffte hierzu ein schwarzes Tuchbehang um Kanzel, Altar und Taufstein für 15 Gülden 15 Grosehen, welches später Armen zur Bekleidung gegeben ward. Am 4. Mai fand man an der Haustür des Heinrich Pfeil (Nr. 1 der breiten Gasse) ein lebendes Kind, welches der Rat auf Kosten der Kämmereikasse zur Erziehung gab. Gregorius Hochstetter ließ eine neue Kanzel in die Stadtkirche bauen, welche 600 Gülden kostete und am 19. Mai mit der ersten Predigt eingeweiht wurde. Über der Tür findet sich diese Inschrift: „Gregor Hochsteter hat diesen Predigt-Stul Gotte zu Ehren, dieser Kirche zur Zierde und seiner zum Gedaechtniss fertigen lassen 1616." Der Orgelbauer Heinrich Compenius besserte zu gleicher Zeit die Orgel und goß den Vogelgesang um. Am 29. Mai hielt der Leutnant Hans Hedler aus Grimma hier über die Defensioner Spezial-Musterung. Die Übungen der 48 Defensioner im Dienst- und Scheibenschießen dauerten ununterbrochen fort und koste­ten dem Rate 125 Taler. Es war ein so trockener Sommer, daß man gleich nach Johannis erntete. Der Roggen geriet zur Genüge, Sommergetreide und Heu verrchten. Am 9. August trafen der Kurfürst, Sigmund Kurfürst zu Brandenburg und Fürst Johann Ernst von Sachsen Eisenberg in Bitterfeld ein, wo sie am folgenden Tage große Jagd hielten und 15 Hirsche in der Goitzsche, 7 in der Beeren und 6 in der Saulage erlegten. Von hier aus mußten dahin Betten, Tische, Stühle usw. durch zwei Ratsherren besorgt und gebracht werden. Durch Unvorsichtigkeit einer Tagelöhnerin, Anna Böhme, brach am 18. August, nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr, in Zörbig Feuer aus, welches bei großer Dürre schnell um sich griff und 152 Wohngebäude mit 67 Scheunen gänzlich zerstörte. Dabei verunglückten mehrere Per­sonen, unter anderen ein adeliches Fräulein von Rechenberg, welche mit ihrer Magd im Keller erstickte und Hans Lendichs Weib, Katharina, welche zur Heilung in die Stadt gebracht worden war. Bei der ersten Nachricht führte der Rat für 33 Taler Bier und Brot dahin und folgte dieser Sendung bald eine reichliche Kollekte. Wegen der häufigen Feuersbrunst im Lande, die man Mordbren­nern zuschrieb, erließ der Kurfürst eine Warnung und bezog die Bür­gerschaft selbst die Wacht, die man sonst durch Lohnwächter verrichten ließ. Der Amtsschösser Georg Großmann wünschte den Schießgraben am hallischen Tore zu einem Schuppen oder Scheunengebäude für sich und bat bei dem Kurfürsten um Vererbung. Es kam deshalb Kom­mission, da jedoch die Armbrustschützen diesen Platz seit rechtsver­wahrter Zeit besaßen und man sie sonst nirgends hinzuweisen wußte, so nahm sich der Rat der Sache an und erhielt durch Bitten, daß der Platz den Schützen um ein gewisses Geld zugeschlagen und vererbt ward. Am 30. Oktober starb Valentin Hegner, Ratsherr seit 1611 und am 24. der Ratsherr Johann Winkler, seit 1606. Der Kurfürst speiste und übernachtete hier am 2. November auf dem Schlosse. Die Bürgermeister Mr. Andreas Fischer, Esaias Wiprecht und der Stadtschreiber Mr. Johann Richter überreichten ihm, nach des Orts armen Vermögen, einen silbernen, vergoldeten Kredenz in Form einer Weintraube, am Werte 50 Taler, ein Stück Wein (2 1/2 Eimer) an 40 Taler, und ein Faß Bier zu 6 Talern, welches Geschenk der Kurfürst durch den Rat und Obermarschall Hans Georg von Osterhausen sehr gnädig aufnahm und danken ließ. Die ihn begleitenden Trabanten er­hielten zu ihrer Ergötzlichkeit ein Faß Delitzscher Bier. Der Scheffel Weizen galt 26, Roggen 18-22, Gerste 7 Groschen. Die Kirchenvorsteher kauften in der Leipziger Michaelismesse einen messingenen Kron- oder Hängeleuchter, an Gewicht 75 Pfund für 36 Gülden, den man mitten in der Stadtkirche aufhängte. Das Seil von 27 Ellen und dessen überzinnte Bleche mit vergoldeten hölzernen Knöp­fen, das Gehäuse, an dem er herabhing, kostete mit Arbeitslöhnen noch gegen 10 Gülden und hat man ihn in. neuester Zeit in den Chor gebracht.


1617
An die Stelle des verstorbenen Amtsschössers Großmann kam Samuel Heller. Der Superintendent Clarus starb am 2. Januar dieses Jahres ohne sichtbaren Schmerz. Der Rat, welchem von Wittenberg aus der ihm schon bekannte Pfarrer an der St. Ulrichskirche zu Halle, Mr. Martin Röber, noch während der Krankheit des Clarus zum Pfarrer vorgeschlagen war, erstattete nun an den Kurfürsten, nachdem er sich der Zusage des Röber versichert, am 10. Januar folgenden Bericht:
„pp. E. Churf. Gn. sollen wir vnterthenigst nicht bergen, wie das Gott der Allmächtige nach seinem unwandelbaren Rat und Willen den wei­land Ehrwürdigen etc. Herrn Mr. Felicianum Clarum Pfarrherrn und Superintendenten alhier, den andren dieses durch den zeitlichen Tod von dieser Welt abgefordert, und hierdurch die Pfarre und Superinten­denzstelle vorledigt worden, Wenn denn erwehnter Herr Superintenden seliger wegen langwieriger Krankheit über ein halbes Jahr sein Amt bey dieser Gemeine nicht verrichten können und wir dahero gerne wünschen und sehen möchten, auch den lieben Gott hierumb teglich bitten, daß solche Stelle mit einer gottesfürchtigen, gelerten und friedliebenden Person, so viel möglich förderlichst ersetzt werden möchte,vnd aber Ew. Churf. Gn. wie auch derselben Hochlöblichsten Vorfahren Christ­mildester gedechmiß den Räthen in Städten und auch uns gnädigst nachgesehen, sich umb einen andern geschickten Mann vmzusehen, den­selben Ew. Churf. Gn. zuvor und ehe er beruffen, vnterthenigst anzu­geben, und alsdenn ferner mit Ew. Churf. G. Bewilligung zu erwehlen, Als haben wir auf vorgehende vleissige erkundigung in Erfahrung ge­bracht, Martin Röber etc. wegen seiner Gottesfurcht, Geschicklichkeit und anderen christlichen Tugenden bei männiglicher gut Zeugniß habe, und zu Ersetzung solcher Pfarr- bnd Superintendentenstelle tüchtig und geschickt gebraucht werden könne, derowegen Ew. Churf. Gn. erwähn­ten Herrn Mr. Martin Röbern wir hiermit vnterthenigst nominieren, und angeben sollen mit vnterthenigster Bitte, Ew. Churf. Gn. geruhen gne­digst, ihn in einer Probepredigt der Gemeine vorzustellen, nach Be­findung zu vociren und endlich zu solchem Ambt gnedigst zu confir­miren etc. (?)"
und empfahl diese Angelegenheit in einem besonderen Schreiben dem Ober-Hofprediger Hoe von Hoenegg(?) von welchem er denn schon am 13. desselben Monats diese nicht eben gewünschte Antwort erhielt:
„Meinen freundlichen groß und willige dienst, nechst wünschung viller glückseeliger Jhar, Jederzeit, zuvor, Ehrenveste fürsichtige, Erbare, und wolweise, besonders lieben Herrn und freunde, Derselben schreiben sambt beigefugter vnterthenigster Supplication, habe ich zu recht emp­fangen und den innhalt lesend vernommen, auch nicht vnterlaßen, ge­melte Supplication gebürlich vorzutragen; Will denen Herren darauff nicht verhalten, weile noch vier Wochen nicht verfloßen, das dahero der Zeit keine Resolution erfolgen mögen. Es wird auch nicht gar wol auf­genommen, weiln die Herren Ir Jemanden präsentiren wollen, das sie nur ein einige Persohn, und zwar eine solche, die Itzo hie zu Lande nicht in Diensten, Allein fürgeschlagen haben. Wollte derowegen Ihnen hiermit treulich, und dem zu mihr habenden Vertrauen nach, rathen, das sie je eher, je besser, anderweit vmb gnedigste Resolution also an­hielten, das sie zum wenigsten noch ein zwey Personen neben Mr. Rö­bern benennen theten, Inmaßen sie dann leichtlichen darzu kommen könnten, weil in der Nähe solcher Leute zu befinden, die zu dergleichen Aembtern füglich vorzuschlagen sein. Insonderheit der Pfarrer zu Zör­wig Herr Mr. Creutziger, welcher gute Gaben zu predigen hat, Darneben ein gelehrter, frommer, diemütiger, verträglicher und friedfertiger Mann, auch albereit der Superintendenz als ein Adiunctur kundig ist. Dieses wird darzu dienen, das wenn aus den dreien einem oder dem andern die Probepredigt zugelaßen würde, es auf vorher beschehene vnterthe­nigste Präsentation erfolgte, und die Herren zwar ihr Jus nominandi Pastorem exerciren, zugleich aber auch Ihrer Churfürstlichen Gnaden Gnedigster Landesväterlicher fürsorg sich vnterthenigst mit gebürlicher reverenz ergeben theten, Dahingegen, wann sie bei einer Person allein verharten, leichtlich und nicht ohne wichtige Ursachen andere anord­nung von hoff aus geschehen möchte. Welches ich wohlmeinend zur nachrichtung nicht bergen wollen, mit erbietung wann die Herren angedeuter maßen, sich in die such schicken, das ich so vill an mir ist, dieses Werk mihr wolle aufs best laßen bevolen sein? wie ich denn ohne das, Ihnen und gemeiner Stadt zu dienen willig bleibe, Gott mit vns allen, Datum Dreßden, den 13. Januarii Ao. 1617.
Mathias Hoc von Hohnegg, Doctor."
Der Rat, der sein besseres Recht entweder nicht kannte oder geltend zu machen nicht Mut genug hatte, beschloß nun zwar eine Präsentation von dreien mit Ausschluß des Röber, der sich unter diesen Umständen die Nomination verbitten mußte; doch ehe er dazu kam, nach wenigen Tagen schon, ward ihm durch den Pfarrer Cruciger (?) ein kurfürst­licher Befehl, der, als Endpunkt eines merkwürdigen höfischen Aktes, wörtlich hier noch aufgenommen wird.
„Von Gottes gnaden Johanns Georg, Hertzog zu Sachsen, Gülich, Cleue und Berg, Churfürst etc.
Liebe getreue, Vns ist Euer vnderthenigster Bericht daß der Allmech­tige Mr. Felicianum Clarum von dieser Welt seeliglichen abgefordert, gebürlich furgetragen worden, Wann Wir dann die verledigte Pfarr- und Superintendentenstell mit Mr. Andrea Crucigeri Pfarrers zu Zörwigk person (welcher Euch nicht vnbekannt und in vnser Schloß Kirchen zu vnsern gnedigsten gefallen geprediget, auch im Coloquio von vnsern Präsidenten und Räten deß Obern Consitorii tüchtig zu solchem Ambt befunden worden) zu ersetzen gemeinet, Alß begeren Wir hiermit gnedigst, Ihr wollet Ihn auf den Sontagk Sexagesimae mit einer Probepredigtt auch hören, und da Ihr, alß Vnß nicht zweiflet, wieder seine Per­son-, der Form wie seinem Antecessori zu stellen, Vnd vns dessen erin­nern, Wollen Wir vns darauf mit der Confirmation gnedigst zu betzeigen wißen, Daran volbringet Ihr vnsere gefellige meinung,
Datum Dreßden, am 5. Februarii Ao. 1617."
Es bedarf nur eines Blickes auf diese Schriften, um den Mann kennen zu lernen der hier, wie zuvor bei Clarus, so klüglich als entscheidend wirkte und der Rat bußete nun die berichtliche überhöfliche Zurück­stellung seines Rechtes, mit der er sich seinem klügeren Gegner, den er zu gewinnen dachte gefangen gab. Cruciger hielt an dem bestimmten Tage seine Probepredigt und empfing am 23. Februar die Vocation. Wilhelm Steuert, ein reisiger Knecht, sonst hiesiger Bürger, ward am 21. März im Stadtgraben tot gefunden und da sich ergab, daß er sich aus Verzweiflung ersäufet habe, auf dem Schindanger begraben. Am 4. Mai starb der Stadtrichter und Organist Heinrich Thornau. Die Organistenstelle übertrug man dem Sohn des Bürgermeisters Johann Rudel in Eilenburg, Gottfried Rudel, welcher am 18. Juli anzog und mit seinem Spiel Beifall fand. Der Oberst von Schlieben hielt hier am 28. Mai. über die Defensioner Musterung, welche dem Rate für dieses Jahr einen Aufwand von 124 Talern verursachten. Döbermtz maßte sich nach Absterben Heinrichs Kriemanns über dessen Breite auf Gertitzer und Rubacher Mark die Gerichtsbarkeit an und nötigte den Rat zum Prozeß. Der Tischler Anton Schwinze aus Düben fertigte 115 neue Kirchen - stähle, von welchen 5 Stück dem Amt, 3 Stück den Frauen und Töchtern wohlverdienter ehrlicher Männer zwei überlassen, die übri­gen 107 Stück aber (das Stück zu 18 Groschen) verlöset wurden. Der Tischler empfing 65, der Maler Eberhard für das Anstreichen grün und gelb 20, der Schlosser aber für Vorbänder und Klinken 8 1/2 Gülden. Auch ward die Peterskapelle nach dem Markte zu umgedeckt und mit Ziegeln belegt. Im August stellte der Bildhauer Schlegel den neuen Taufstein auf. Das letzte Kind, welches am 15. dieses Monats getauft wurde, war Susanna, des Tagelöhners Jacob Bucksdorf Tochter, das erste in dem neuen, am 28. Maria, des Ratsherren Peter Kirchhof Tochter. Der alte Taufstein kam in die Kirche zu Schrenz. Am 31. Oktober, ersten und zweiten November war die vom Kurfürsten geordnete Feier des Reformations-Jubiläum, an dessen erstem Tage Rat, Geistlichkeit, Schule, Amt in festlichen Anzügen unter Glockengeläut vom Rathause in die Kirche zog. Ein besonders gedrucktes Kirchenge­bet ward nach der Predigt verlesen und nach dem Gottesdienst des Einwohners Balthasar Regler in der Grünstraße Tochter, Anna, mit Blumen geschmückt,. an dem gleichfalls mit Kränzen behangenen Taufstein getauft. Der Amtsschösser Heller und der Notar Bartholomäus Fiedler, gebürtig aus Wiesenthal, erlangten am 5. Dezember das Bürgerrecht. Valentin Stoye, welcher am 23. November, sonntags, gegen die Willkür im Ma1zhause Feuer unterhielt, wobei sich des nachts das Ge­treide entzündete, ward mit 5 Talern bestraft. Der Scheffel Weizen galt 30, Roggen 22, Gerste 8 Groschen.


1618
In diesem Jahre kamen zwei Taufnamen in Gebrauch, da man bisher durchgängig nur einen führte. Am ersten Osterfeiertag, den 5. April, brannten bei der Schäferei sieben Scheunen nieder und das Haus des Matthäus Meise, dessen Stätte der Rat räumen ließ. Der Schullehrer Mr. Hiergnymus Heydenreich, welcher im vorigen Jahre seine Beschreibung hiesiger Stadt in lateinischen heroischen Versen: Opusculi Topographici, cui Titulus, Delitiae Delitiarum, siue Delitium in Misnia Libelli II. herausgegeben und dem Rate zugeeignet hatte, er­hielt 30 Taler Verehrung. Das neue, Chor und Schiff der Kirche teilende Gitter von gedrehten Säulen, mit Geschleife und Postament, auch das daran befindliche Pult, welches der Tischler Schuster fertigte, kostete 10, und das Malen des­selben 5 Gülden mit Vergoldung der Knöpfe. Jacob Hochüber (s. 1612) ward verurteilt, den beleidigten Personen öffentlichen Widerruf zu tun, die Kosten zu zahlen und das Land auf einige Zeit zu meiden. Er konnte aber die auf 100 Gülden herabgesetz­ten Kosten nicht zahlen und ging davon. Der Superintendent Dr. Vincentius Schmuck hielt eine Visitation und verehrte der Rat den Visitatoren und Eingeladenen ein Faß Bier und 123 Kannen Wein. Der Kantor Mr. Johann Alberus, welcher ansehnliche Güter besaß und dabei das Amt vernachläßigte, fand sich genötigt zu resignieren und kam der frühere Tobias Albertus, bisher in Torgau, am 11. September an seine Stelle. Den Kirchenvorstehern bestimmte man bei dieser Gelegenheit für Rechnungslegung dem ersten 10, dem zweiten 5 Gülden Gehalt. Auch hielt der Superintendent Cruciger Synode, welche der Rat ebenfalls nicht ohne Verehrung ließ. Die bisherigen Unruhen i n Böhmen nahmen im August dieses Jahres durch das Herabstürzen der Kaiserlichen Räte vom Prager Schloß, durch allgemeine Bewaffnung der Protestierenden und Vertreibung der Jesuiten, durch Einmischung der Schlesier und anderer eine Gefahr drohende Richtung, daher denn auch der Kurfürst das Militär verstärkte, die Defensioner zusammenzog und Dresden befestigte. Von hier mußten am 10. September die Zimmerleute dahin, welchen der Rat aus der Kasse Zehrung gab. Defension und Heerwagen ging schon am 7. ab. Man ließ die Krähen in der Samenzeit durch Schießen verscheuchen und gab für Pulver und Blei 20 Groschen aus. in Storckwitz, Leonhard von Schiedingen gehörig, ward ein Faß Dorfbier durch Amtsfolge weggenommen. Paul Hintzsche, Arzt und Astronom (s. 1601) eignete dem Rate seinen Ka1ender des künftigen Jahres mit Prognosticon zu und erhielt einen Dukaten Verehrung. Der Scheffel Weizen galt 26-24, Roggen 14 und 15, Gerste 7 Groschen.


1619
Am 4. Februar starb der Konrektor Johann Felgner (s. 1588) und rückte der bisher dritte Lehrer Mr. Hieronymus Heidenreich in dessen Stelle, die dritte aber ward dem Hauslehrer Johann Albert oder Albricht, Sohn des hiesigen Hausgenossen, geboren am 16. Februar 1590, welcher in Wittenberg Theologie studiert hatte, übertragen. Die Kantorei, welche von Gregor Hochstetter und seiner Gattin Euphemia mit wertvollen Leichentüchern beschenkt worden war, ver­schaffte sich nun auch einen Leichenwagen mit stattlichen Traueran­zügen für die Begleiter und der Diakon Börner, welcher am 19. März starb,. war der erste, den man auf diesen viel Aufsehen machenden Wa­gen zur Ruhe brachte. Nach dem am 10. März erfolgten Tode des Kaisers Matthias führte der Kurfürst bis zur Wahl des neuen Kaisers, Ferdinand II. das Reichs-Vikariat und weil sich die im vorigen Jahre bemerkten böhmischen Unruhen, welche ein strenges Verbot gegen fremde Werbung und den Eintritt der Untertanen in auswärtigen Kriegsdienst veranlaßt hatten, mit jedem Tage gefährlicher anließen, so erschien unterm 20. März in dieser Be­ziehung ein neues Mandat, welches nicht nur jenes Verbot wiederholte, sondern auch die im Lande reisenden Fremden durch in Toren aufzustel­lende Wachen und Untersuchung der Gasthöfe, Schenken und Herbergen in strenge Aufsicht zu nehmen befahl. Johann Richter, ein Badegeselle, welcher die Tochter des Drechslers Mar­tin Schloß unter dem Versprechen der Ehe schwängerte, aber flüchtete, ward ergriffen und mit der Geschwächten am 1. April in der Kirche, bis dahin ihn der Fron an der Kette führte, vom Archidiakon Franke ehelich verbunden. Der Orgelbaumeister Heinrich Compenius aus Halle hatte schon bei der letzten Reparatur der Orgel aufmerksam gemacht, daß das Werk bald einer größeren allgemeineren bedürfen würde und man entschloß sich dazu bei seiner eingetretenen Wandelbarkeit: Derselbe Künstler und sein Sohn Esaias, auch ein sehr geschickter Gehilfe, Johann Jäger von hier, vollendete den Umbau in diesem Jahre so weit, daß es gangbar ward und im Frühling des folgenden, nach Prüfung übergeben werden konnte. Diese Veränderung kostete der Kirche über 300 Gülden. Zu gleicher Zeit ließ man, weil die Geistlichen es wünschten und man es sonst bequemer achtete, in die Sakristei, welche von außen keinen Zu­gang hatte, zu einer Türe vom Kirchhofe die Mauer brechen, kaufte von dem Bildhauer Wolf Mönch in Torgau für 2 1/2 Gülden das steinerne Tür­gerüst, gab die Bretter zu der Türe und hatte dabei mehr als 15 Gülden sonstigen Aufwand. Am 6. Juni war ein Ausschußtag der Stände in Dresden, Gegenstand aber die unabweisliche Anwerbung von Mannschaft zu dem stehenden Heere und deren Sold. In Folge dieser Rüstung, welche die möglichste Anstrengung der Staatseinkünfte dringend gebot, wurde die für Auf­hebung der ehemaligen Salzfuhren 1563 festgesetzte Abgabe von jähr lieh 70 Gülden zu großer Beschwerde auf 200 Gülden erhöht. Auch ver­lor der Rat das seit 15551m Pachte habende Geleite, welches man besonders austat und vererbte die AmtskaviI1erei, welche bisher mit der städtischen in einem Verbande war. Dieses nötigte den Rat, mit der städtischen ein gleiches vorzunehmen und ward sie in diesem Jahre noch an Daniel Dietrich von Jüterbogk für 262 1/2 Talar, Übernahme eines jährlichen Zinses von 10 Gülden und einigen Kannen Fettes abgetreten. Man verwendete das durch diese Veräußerung erlangte Geld an eine steinerne Verzierung des Marktbrunnens, welche der Bildhauer Wolf Mönch aus Torgau nach einem Risse des Malers und Küsters Eber­hard von Pirnaischen Sandstein für 200 Gülden arbeitete und Johannis künftigen Jahres aufstellte: Sie bestand aus vier, 33/4 Elle getrennten ionischen Säulen mit Postamenten und Hauptsimsen, vier Gesprengen und Pyramiden (auf den Säulen) und einem deckenden Bogen, auf des­sen Höhe ein römisch gekleideter Krieger mit dem Wappen der Stadt gestellt war. Stete Regengüsse im Juli verursachten Überschwemmungen und hielten die Ernte auf. Sie waren zugleich mit den heftigsten Stürmen begleitet und richtete besonders einer an Gebäuden und Bäumen ungemeinen Schaden an. Namentlich hatte das Kirchendach gelitten und bezahlten die Vorsteher nur dem Schieferdecker 15 Gülden Lohn. Achtunddreißig Rüstern., welche hinter der Scharfrichterei auf dem Auswurfe des Stadtgrabens standen und der Sturm in das Amtsgebiet warf, wollte das Amt an sich nehmen, sie wurden aber im Prozesse der Stadt zugesprochen. Auch stürzte die Vöge1stange, um deren Herstellung die Schützen 1621 schriftlich baten, und in ihrem Schreiben dieses Sturmes mit den Worten: „Es erinnern sich dieselben sonder allen Zweifels des unversehenen großen Sturmwindes, so im Juli des verflossenen 1619 Jahres erstanden, nicht allein viel große Hauptgebäude, Scheunen und Bäume niedergerissen, sondern auch unsere Vogelstange niedergeworfen und zerschmettert hat," gedachten. Am 22. Oktober entzündete sich in der Küche der Witwe des Andreas Becker Stroh, es entstand ein Auflauf und verfiel sie, obschon Feuer nicht zum Ausbruch kam, der Buße von einem neuen Schock. Ebensoviel gab Paul Schuster Strafe, der sich, ohne seinen Kindern ein Mutterteil auszusetzen, zum zweiten Male ehelich verband. Am 7. Dezember jagte der Kurfürst bei Bitterfeld und mußte der hie­sige Rat abermals Betten und anderes Gerät der Bürger in das Hoflager dahin bringen lassen. Obschon die Mulde ausgetreten war, fing man doch 99 Schweine in der Goitzsche, 29 Stück in der Beeren und 14 Stück bei Greppin. Die Großstücken, Flemmings-, Mühl- und Tamm­holz mit der Saulage konnten wegen des Wassers nichtumstellt werden. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Kurfürsten ein silberner und vergoldeter Becher überreicht. Der Scheffel Weizen galt 27, Roggen 21, Sommergerste 10 1/2, Winter­gerste 6 Groschen. 1177 Scheffel Hafer wurden im Marstalle verfüttert.


1620
Der Stadtrichter Johann Barth, früher Schullehrer und seit 1606 Ratsherr, starb am 14. Januar im 45. Lebensjahr und ward am 16. als Mitglied der Kantoreigesellschaft auf dem Wagen derselben und begleitet von ihr zu seiner Ruhestätte gebracht. Ein gleiches geschah dem am 10. März gestorbenen Stadtmusikus Christoph Neander und kam an dessen Stelle der 1608 entlassene Matthias Bärtigen, jetzt in Altenburg, auf sein Gesuch wieder in den Dienst. Am 25. Januar fand man vor dem Kohltore ein fremdes, ungefähr neun Monate altes Kind männlichen Geschlechts, in einem Korbe an einer Weide hängend, welches Christian getauft und einer Frau auf öffentliche Kosten zur Erziehung überlassen ward. An demselben Tage verwundete ein Soldat, Peter Schönbrod aus Zschortau einen hiesigen Töpfer' gefährlich und mußte das Land meiden. Am 25. März, mittags zwischen 11 und 12 Uhr brach in der Scheune des Ratsherren George Wend Feuer aus und brannte die Hälfte der Scheungasse nach dem Kohltor zu nieder. Die Vermutung, daß das Feuer durch Unvorsichtigkeit der Mägde, welche Asche in einem Kerbe dahin getragen, entstanden sei, ward durch die Untersuchung widerlegt. In Lorenz Ibens Gehöfte, Nr. 161 der Hallischen Gasse, wühlte am 27. April eine Sau unter dem Torwege Steine und mit diesen ein neu­geborenes totes Kind auf. Der Verdacht des Kindermordes traf die älteste Tochter des Paul Grimmer, Elisabeth und deren Mutter; sie blieben aber bei Vorzeigung der Marterinstrumente dabei, daß das Kind tot zur Welt geboren sei und brachte das, Urteil der Mutter zeitige dreijährige, der Tochter ewige Landesverweisung. Der in der Untersuchung mitbefangene Sehneidergeselle Gottfried Schoppen entkam aus dem Gefängnis des Hallischen Turmes und konnte nicht erlangt werden. Am 11. Mai betagten sich auf dem Sch1osse der Kammerrat Wolf von Rabiel und der Appellationsrat und Bürgermeister zu Leipzig Theodor Möstel, wahrscheinlich in Beziehung auf Gregorius Hochstetter, der bald darauf bestrickt und am 17. Juni auf besonderen Befehl durch den Hauptmann der Feste Pleißenburg in Leipzig, Johann Vopelius, ab­geführt ward. Der Rat gab ihnen den üblichen Ehrenwein. Der hiesige Bürger und Büchsenmeister der Defensioner, Johann Pak, ward nach Dresden zur Arbeit im Zeughause gerufen, erhielt aber Sold und Kost in Gelde von hiesigem Rate und zahlte man für dieses Jahr 139 Taler an ihn. Er zeigte sich bei der diesjährigen Belagerung der Stadt Bautzen durch geschickte Behandlung und Richtung des Ge­schützes sehr aus, warf am 1. Oktober die Wasserkunst, von welcher den Belagerern viel Schaden zugefügt ward, mit einem großen Stücke Mauer nieder und erhielt ein großes Geschenk, starb aber bald nachher. In einem Bittschreiben hiesiger Schützen an den Kurfürsten vom 9. September 1622 wird seiner in dieser Beziehung mit folgenden Worten: „was gleichwohl unser Mitbürger Hans Pak, nunmehr seliger, als Büchsenmeister in Niederlegung der Wasserkunst am Weinberge vor Ehr und Ruhm auch Geschenk erlangt, haben wir noch im frischen Gedächtnis", rühmlich gedacht. Die 48 hiesigen Bürger, welche zur Defension gehörten, gingen auf kur­fürstlichen Befehl am 3. September nach Bautzen, wo einer derselben, der Seiler Thomas Wange, am 10. Oktober, mittags 12 Uhr, bei einem Überfalle erschossen ward. Der Kaufmann Gregor Hochstetter kam am 21. August aus Leip­zig, wo er seit dem 17. Juni, man erfährt nicht aus welchem Grunde, auf der Festung Pleißenburg gefangen gehalten worden, zurück, starb aber am dritten Tage darauf, 45 Jahre alt und die Kantorei, die er zu wiederholten Malen beschenkt hatte, begleitete am 5. September seinen Sarg. Bei seinem Leben hatte er schon die Denksteine für sich und seine erste Gattin mit beider Bildnissen besorgt. Sie lagen auf den Gräbern ihres Erbbegräbnisses, von wo sie aber, nach Verwüstung des Schwib­bogens durch den Krieg, zum Andenken mit Beachtung seiner Wohl­tätigkeit gegen Kirche und Schule, in die Gottesackerkirche ge­bracht und an der mitternächtlichen Wand aufgestellt worden sind. Auch in der Stadtkirche findet sich hinter des Rats Betstube ein Denkmal von Bildhauerarbeit mit Gemälde an der Wand. Den letzten Beweis seiner guten Gesinnung gegen Kirche und Schule gab er durch eine Stiftung vom 13. März dieses Jahres, in welcher er die Zinsen von 550 Gülden, welche bei dem Rate in Eilenburg unablöslich stehen, für Geistliche, Schullehrer, Schüler in der Maße bestimmte, daß an seinem Namenstage, Gregorius, den 12. März, der Super­intendent 4, jeder Diakon 2, jeder Schullehrer 1 Gülden, ebensoviel die Mägdlein - Schulmeisterin, jeder Schüler 1 und ist er in der Kantorei, 2 Groschen empfängt. Dem Küster sollen für Reinigung der Kanzel und des Denkmals an den Festen Ostern, Pfingsten, Michaelis und Weihnachten 2 Gülden, im Fall er sie aber nicht besorgen will oder vernachläßigt, nichts gegeben werden. Der Superintendent hat die Auf­sicht über diese Stiftung und besorgt die Verteilung, wobei des Stifters Andenken in einer kurzen Rede erneuert wird. Er war hier geboren am 26. Februar 1574, der Sohn eines Kranvers gleichen Namens, der aber verarmte und sein Haus den Gläubigern überlassen mußte. Anfänglich hatte er eine Mietwohnung in der Vorstadt und hökte, erwarb sich aber bald im Handel mit Viktualien, Heringen, Getreide usw. ein Haus in der Vorstadt und brachte es durch richtige Spekulationen dahin, daß er im 24. Jahre seines Alters für den angesehensten Kaufmann des Ortes galt, der sich in der Stadt mit einem der besten Häuser (Num. 248) an­kaufte und ansehnliche Summen verleihen konnte. Da er Waren im Großen kaufte und auflagerte, so geriet er erst (wie früher bemerkt worden) mit der Stadt Leipzig in Reibung, auf deren Beschwerde bei dem Fürsten (wegen des Stapels) er den Warenhandel im Großen unterlassen mußte. Er trieb nun einen lebhaften Getreide­handel mit Anhalt, dem sich zwar die Städte und Edlen wegen Schwä­chung der Märkte und Niederdrückung der Preise widersetzten, Be­schwerden und Prozesse führten, im Ganzen aber doch nicht viel ausrichteten. Seine erste Gattin, Euphemia, starb am 21. August 1615, er verband sich aber wieder am 9. November 1616 mit Maria, Martin Marcus, Handelsmannes in Magdeburg Witwe und diese, und der Vater, welcher in Landsberg lebte (die Kinder waren vor ihm gestorben) be­erbten ihn. Sein ansehnliches Vermögen zerfloß in kurzer Zeit. Bartholomäus Hofmann, welcher wider Ratsverbot und Gerber - ordnung Leder vor der Türe walkte, ward mit einem neuen Schocke bestraft. Am 24. Dezember starb der Bürgermeister Christoph Feger der Jüngere, Ratsherr seit 1591. Er hatte von 1572 ab in Leipzig studiert, war be­gütert, beliebt und geachtet. Sein Sohn Elias ward hiesiger Stadtschrei­ber, Johann, der auch hier lebte, als geschickter Orgelbaumeister gerühmt. Zwei Taler sechs Groschen kostete ein Kupferstich, das kurfürstliche Erbbegräbnis in Freiberg vorstellend, welchen die Kirche auf sonder­lichen Befehl des Konsistoriums anschaffen mußte und zwei Taler das neue Kirchensiegel. Antonius Dulingius, Komponist von Magdeburg, welcher dem Rate sein Opus musicum von 12, 10 und 8 Stimmen ver­ehrte, erhielt 2 Taler Gegengeschenk. Der Scheffel Weizen galt 29, Roggen 26, Wintergerste 9 Groschen.


1621
In dem harten Winter dieses Jahres verdarb Weizen und Wintergerste größtenteils. Die böhmischen Unruhen ergriffen mehrere Länder. Alles warb Söldner und verschlechterte die Münze. Afterwechsler (Kipper und Wipper) ent­zogen die einheimische, gute und brachten die fremde, schlechtere in Lauf. Es stieg daher der sächsische Taler in diesem Jahre bis 8, 10, 12 und mehre Gülden, der Wert des Scheffels Weizen von 25 Groschen auf 5 Gülden, Roggen von 24 auf 4 1/2, Gerste bis 3 Gülden. Die Kanne Wein mußte von den Kirchenvorstehern mit 3, der Stein Seife zu Reinigung des Kirchengerätes mit 12, ein Fuder Kohlen mit 6 Gülden bezahlt werden. Indessen gab der Rat armen Bürgern 832 Scheffel Roggen seines Vor­rates um billige Preise hin. Die hiesigen Defensioner blieben in der Lausitz und kosteten dem Rate seit dem 3. Dezember vorigen Jahres bis Ende dieses 230 Taler. Die für sie bestimmten Kontributionen der Bürger betrugen aber weit mehr. Es entstand in diesem Jahre auch hier, wie in anderen Städten, eine kurfürstliche Münze, in welcher Achtgroschenstücke, Groschen, vielleicht auch kleinere Münzen ausgeprägt wurden. Unter dem dabei tätigen Personal wird erwähnt: Stephan Almar, Münzmeister aus Mecklenburg, Gerhard Schirm von Hildesheim, Münzohm; ein zweiter Ohm, Heinrich Rösser, Arnold und Jacob Teupler, Ernst Reinhold und Bernhard Bühne Eisenschläger. Meister und Ohm waren reiche Leute und heiratete der Ohm Schirm am 19. Februar des folgenden Jahres des hiesigen Ratsherren Balthasar Fiedlers Tochter Maria. Sie trieben das Geschäft doch nur zwei Jahre lang in dem Hause Num. 202 des vierten Viertels, welches daher den Namen Münze behielt.  Christoph Weber, eines Hausgenossen Sohn von 15 Jahren, ward wegen wiederholten Stehlens mit Ruten gezüchtigt, weil er jedoch nicht ab­ließ, ewig verwiesen. Als er demungeachtet wieder kam, legte man ihn gefesselt in das Gefängnis, wo er starb. Der Amtsschösser Samuel Heller suchte bei dem Kurfürsten um einen Raum vor dem Viehtore zu Erbauung einiger Häuser nach. Der Rat willigte gegen Revers darein, das Vorhaben blieb aber unausgeführt. Alexander von Miltitz auf Schenkenberg und Hans von Schidingen auf Wölkau drangen ihren Untertanen in Beerendorf und Sietzsch zu Pfingsten Hofbier auf, welches die Bürger wegnahmen. Beide verloren den deshalb vor dem Oberhofgerichte geführten Prozeß. Auch dem Bürger Gregor Hochstetter in Landsberg, des hier jüngst verstorbenen Hochstetters Vater nahm man ohne Vorwissen des Amtes ein­gelegtes Zerbster Bier weg, verfiel aber, weil man den Rat daselbst übergangen hatte, in Kosten und Verweis. Am 6. Juni wollte der bei hiesiger Münze angestellte Eisenschläger Heinrich Rösser aus Mecklenburg im Freien ein Rohr abschießen, es sprang aber und tötete ihn die in den Kopf geschlagene Schwanz­schraube auf der Stelle. In diesem Jahre ließ der Rat von dem Drechsler Michael Kirchhof die Cancellen vor der Ratsstube aus 37 gedrehten Stäben bestehend, fertiger., welcher beschlossene Platz auch den Musikanten bei den Adels­tänzen und Hochzeiten überlassen ward. Sie sind in dem 19. Jahrhundert erst entfernt und in zeitgemäße Form ersetzt worden.


1622
Paul Schäfer, der hier Butter aufkaufte und in das Dessauische führte, ward mit 21 und Weiland, der seine Kinder mit auf die Hochzeit nahm, mit 20 Groschen bestraft. Am 16. Februar gingen die Abgeordneten des Rates, die Bürgermeister Esaias Wiprecht und Mr. Andreas Fischer mit dem Stadtschreiber Mr. Richter auf den Landtag nach Torgau, der vom 17. Februar bis 20. März dauerte, wo hauptsächlich über das Münzunwesen verhandelt und dabei die bisherige Land- und Tranksteuer von neuem auf sechs Jahre bewilligt, die Landsteuer aber wegen des Kriegsaufwandes von 12 auf 18 Pfennige erhöht ward. Reise und Aufenthalt dieser drei Herren verursachte der Kasse 499 Taler 6 Gr. Aufwand. Vor Bautzen war manches Gerät der Defensioner verloren gegangen, welches wieder ersetzt werden mußte. Es war eine reichliche Ernte, doch stieg durch den schändlichen Geld­wucher der Scheffel Weizen hiesigen Maßes von 8 bis 13, der Roggen von 7 bis 12, die Gerste von 5 bis 8 Gülden, die Kanne Bier bis 3 Gro­schen und entstanden deshalb in den Städten bedenkliche Unruhen. Der Rat verpachtete' die Güter Neuhaus und Petersrode an den Mr. Gre­gor Luppe am 24. August.


1623
Die gute Münze war Anfang des Jahres fast nicht zu haben, daher der Wert der Dinge zu einer unglaublichen Höhe stieg. Die Fleischer konnten und wollten das Fleisch selbst nicht um die erhöhte Taxe geben und blieben, ungeachtet man sie mit 8 neuen Schocken strafte, bei ihrer Weigerung. Ebenso vergeblich war die Bestrafung eines Bauern aus Sietzsch, welcher eine Mandel Eier für einen Taler ausbot. Zu dieser Not und Verwirrung kam noch, daß man infolge der vorjährigen Land­tagsverhandlungen ein Verbot der geringen fürchtete und viele, die es erzwingen konnten, die geringe nicht nahmen. Endlich kam am 22. Juli in einem kurfürstlichen Befehle ihre Herabsetzung von zehn, acht auf eins und. am 2. September ein strenges Verbot der Wertübersetzung der alten. Jeder Groschen Übersatz (Agio) auf den Taler sollte mit einem Taler bestraft werden. Viele, selbst wohlhabende Familien gerieten da­durch in Armut, besonders litten dabei die Unmündigen, die Vormünder und Besoldeten. Die geringe Münze verlor sich, die gute blieb selten. Auf kurfürstlichen Befehl vom 21. Februar mußte sich der fünfte Teil der Bürgerschaft gehörig bewaffnet, bereit zum Abgang halten und ein anderer Befehl vom 19. März verlangte von hier Fische für das fürst­liche Hoflager in Leipzig, weshalb der Rat im Stadtgraben fischen ließ. Die Schützen erregten wegen des Fischens in dem an den Schützenhof stoßenden Graben und der Erlen daran neuen Streit (s. 1603). Bei­des wurde ihnen aber, ungeachtet das Amt sich ihrer annahm, vom Hof­gerichte zu Wittenberg abgesprochen. Gregor Hochstetters zweite Gattin, die sich vor kurzem mit Caspar Elias von Clausberg verehelicht hatte, starb am 17. April und ward in dem Hochstetterschen Erbbegräbnisse beigesetzt. Der Kämmerer Elias Kirchhof, Ratsherr seit 1603, starb am 28. Juli und am B. August der kurfürstliche Lautenist Nicolaus Hauptvogel. Auf Befehl vom 2. Juli wurden die Ämter De1itzsch, Zörbig und Petersberg mit 1000 Reitern belegt. Der Stab unter Befehl des Oberstleutnants Wolf, Grafen zu Mansfeld mit 120 Pferden kam am 5. Juli in hiesige Stadt. Die erste Anlage der Bürgerschaft für ihre Bedürfnisse 24 Groschen von einem Brauerbe, 12 Groschen von anderen Häusern, 8 Groschen von Pfahlbürgern und 4 Groschen von Hausgenossen, langte nicht, und da eine zweite gemacht werden sollte, protestierten die Bürger gegen diese Art Ausbringung und ward sie daher von den Gütern nach dem Landsteuerfuße erhoben. Von den Ratsgütern betrug sie 367 Taler 7 Gr. 1 Pf. Bei diesem Stabe befand sich unter anderen Hans Ernst von Miltitz, Quartiermeister, Hans Ludwig von Rungen, Kapitänleutnant, Christoph Friedrich von Trettau, reformierter Leutnant und Hans von Canitz. Die 172 Kannen Wein, welche der Rat Ostern und Pfingsten dem Schösser, Geistlichen, Mitgliedern des Rates etc. zum Geschenke gab, kosteten 451 Taler 12 Gr.. Die Kanne 3 Gülden (geringer Münze). Der Scheffel Weizen, nach gutem Gelde, galt 38, Roggen 35, Sommergerste 11 Groschen, Hafer 15. Wintergerste erbaute man in diesem Jahre nicht.


1624
Kurz vor Weihnachten vorigen Jahres kamen die kurfürstlichen Kom­missarien Dr. David Döring, geheimer Kämmerer und Hofrat, Heinrich von Friesen auf Rötha und Mr. Christoph Funke, Amtsschösser in Leip­zig hierher, gaben vor, daß der Kurfürst das Kriegsvolk abzudanken Willen sei, aber nicht zahlen könne und daher zu seiner getreuen Land­schaft Zuflucht nehmen müsse. Sie verlangten von der Stadt ein Anlehn von 6000 Gülden, welche aus der Kammer verzinst werden sollten, schilderten den Vorteil, den das Land, namentlich die Städte von der Entfernung des beschwerlichen Volks haben würden und erklärten end­lich rund, als der Rat das Unvermögen der Stadt bei der bisherigen starken Einlegung des Mansfeldischen Stabes vorstellte, daß jetzt Not an den Mann gehe und man entweder Hilfe tun oder eine Anzahl Soldaten aufnehmen müsse, worauf man einen Vorschuß von 2000 Gülden verwilligte. Da diese 2000 Gülden nicht aufgebracht werden konnten, so mußte man zu Veräußerungen der Grundstücke Zuflucht nehmen und man brachte die Summe in der Maße auf. 245 Schock erhielt man für den Dübischen Werder, den man an den Amtsschösspr Johann Schu­bert und Gastwirt Christopis Thiele in Düben um diesen Preis versetzte. Das bisherige Pachtgeld von demselben betrug jährlich 15 Schock 45 Groschen; 70 Schock oder 200 Gülden gab Martin Karrbaum für die an ihn verkaufte Wiese bei Spröde; 241/2 Schock oder 70 Gülden George Weber von Bendorf für 1/2 Acker Wiese; 21 Schocke George Schreiber daselbst'auch für 1/2 Acker Wiese; 399 Schocke 57 Gr. mußten die Bürger der altert und neuen Stadt, auf dem Damme, Rosenthale und Gerberp1an, inhalts besonderer Register contribuiren und 70 Schocke des Rats Dorfschaften als Gertitz 35, Werben 341/2, Bendorf 101/2 Schock, summarisch 847 Schocke 57 Groschen. An diesem Darlehne ver­lor der Rat, weil kurz nachher im Erzstifte Magdeburg die neuen Dreier angesetzt und andere Sorten gültig wurden, 21 Schocke 10 Groschen, am Achter. 2, am Fünfer 2, am Dreier 1 Pfennig. Es war ein harter Winter und erfror hier ein Soldat und ein armes Weib. Durch plötzliches Auftauen verdarben die Wege so, daß die Amts­bauern zu Bestreuung derselben (mit Holz) angehalten werden mußten. Die Defension kostete dem Rat 105 Taler 10 Gr. 3 Pf. Hauptmann war Johann Schenk, dessen Bruder Fährich, Robenbach Webel und David Silber Büchsenmeister. Sie hatten am dritten Osterfeiertage und 12. No­vember große Übung und Musterung und der Rat hielt sie jedesmal frei. Der Superintendent hielt am 27. März die Leichenpredigt des Tischlers George Schuster, auf dem Damme, in der Hospitalkirche, die erste in dieser Kirche und die zweite am 2. Oktober bei dem Begräbnisse des Lorenz Grimmer von Gertitz. Hans Spiegel zu Zschortau erklärte am 11. Juni vor dem sitzenden Rat, er und Jeremias Götze hätten im vorigen Jahre den Ade1stanz ihrem Vermögen nach, hoffentlich zu allgemeiner Zufriedenheit angerichtet, darauf den Kranz in Schachteln an Otto von Crostewitz und Otto Hagken geschickt, welche ihn aber nicht angenommen. Weil nun wegen Kürze der Zeit keine Anderung zu treffen sei, so wolle er gegen alle Anrech­nung unangenehmer Erfolge protestieren. Der Adelstanz wurde also in diesem Jahre zum ersten Male nicht gehalten und hörte auch wegen der immer mehr sich häufenden Kriegslasten gänzlich auf. Am 2. September ließ der Rat, sein Recht zu sichern, die Spröde bejagen. Der Bürgermeister Esaias Wieprecht starb am 17. September und ward am 19. mit einem Traueraufwande der Ratskasse von 22 Talern solenn begraben. Er war hier geboren, hatte von 1572 ab in Leipzig die Rechte studiert und 1590 eine Stelle im Rate erlangt, dem er seit 1613 als Bür­germeister mit nicht geringem Ansehen und Einflusse vorstand. Am 29. November traf der Kurfürst zur Jagd in Bitterfeld ein. Diese Jagd dauerte bei ungestümem Regenwetter bis 11. Dezember und wurden 160 Sauen erlegt. Auch diesmal mußten von hiesiger Bürgerschaft Betten zusammengebracht und durch Ratsherren dahin geschafft werden. Die Professoren von Wittenberg Dr. Balduin und Mr. Erasmus Schmidt, gemeiner Stadt Förderer, waren hier und erhielten vom Rate 7 Taler Auslösung. Der Nachrichter Daniel Dietrich in Jüterbogk, auch Besitzer der hiesigen Scharfrichterei seit 1619, starb und kaufte .sie von den Erben der Sohn Hans Dietrich, welcher 10 Taler 12 Gr. Gesamtlohn der Erben und ebensoviel Annahmelohn für sich zahlte, übrigens aber 10 Gülden Erbzins jährlich mit etlichen Kannen Fett zu geben hatte. Der Scheffel Weizen galt 30, Rogen 26, Wintergerste 24, Sommergerste 101/2 Groschen.


1625
Dem neuen Büchsenmeister, Gottfried Krumbiegel, den man am 14. Januar annahm, gab man 60 Taler jährlichen Lohn. Man fing an statt ganzer nur halbe Biere zu brauen. Am 10. Februar beschädigte ein ungewöhnlicher Sturm viele. Gebäude und am 15. Juni wo ein heftiges Donnerwetter dem anderen folgte, sah man ringsumher in der Nähe und Ferne brennende Ortschaften, denen man, wegen eigener Gefahr, nicht helfen konnte. An demselben 10. Februar erschoß ein Soldat, Georg Jahn von Belgern der Bürgermeisterin Wieprecht, Knecht, Martin Kühne von Naundorf, bei der Kämmerei gelegen, auf Gertitzer Mark und raubte die Pferde. Am Osterheiligenabend hielten sieben Lesterer feil. Im Februar und März verbreitete sich die Pockenkrankheit und starben Kinder und Erwachsene daran. Der Mangel an Gelde erzeugte Zinswucher, daher die alte Verordnung des Herzogs Georg, welche den Zins auf Fünf vom Hundert festsetzte, in einem Befehle vom 28. April erneuert, und die Übertretung mit har­ter Strafe bedroht ward. Da auch bei den übermäßigen Lasten Wohlhabendere Kapitale einzu­ziehen genötigt waren, so kam der Rat als man ihm einige für den Kurfürsten und sich, namentlich auf Neuhaus und Petersrode erborgte kündigte, in.große Verlegenheit. Es schien nicht geraten, diese Ritter­güter in so gefährlicher Zeit zu halten und da der Pächter derselben, Mr. Luppe, Lust zeigte, sie zu kaufen, trat man mit ihm in Unterhandlungen. Über den Gottesdienst in der Hospitalkirche war seit der Reformation nichts bestimmt, der frühere Fonds dazu dem Gotteskasten zugeschlagen. Das Hospital gab dem Geistlichen, der auf Verlangen von Zeit zu Zeit den Hospitaliten predigte und Kommunion hielt, ein willkürliches Geschenk. In diesem Jahre aber, am 18. Mai, setzte man die Zahl der Predigten fest und jedem der drei Geistlichen, bis die Visita­toren oder das Konsistorium etwas anders verordnen würden, für jedesmalige Predigt und Kommunion einen Taler aus. Der ungebührlichen Steigerung der Zimmerer- und Maurerlöhne suchte man dadurch zu steuern, daß man dem Meister täglich 6, dem Gesellen 5, dem Tagelöhner 2 Groschen, dem Boten aber für die Meile I Gr. 9 Pfg. verstattete. Die Drescher sollten um den dreizehnten dreschen oder vom Scheffel Wintergetreide 2, vom Sommergetreide 1 Gro­schen erhalten. Durch die streifenden Heere verbreitete sich ein gefährliches Fieber (febris maligna.), dem hier vom Eintritte des Herbstes an gegen 150 Personen unterlagen. Unter anderem starb daran der gelehrte in Geschäften gewandte und für den Augenblick nicht zu ersetzende Stadtschreiber Mr. Johann Richter am 17. Oktober. Die Zahl der diesjährigen Verstorbenen stieg bis 206 und es schien, wie man bemerkt hat, daß jede andere Krankheit mit dieser ihren Ausgang nahm, womit man wohl sagen wollte, daß sie vorherrschend war. Auch ward es im Oktober mit der Ankunft des kaiserlichen Heeres unter Wallenstein in Halle so unsicher, daß die Feldbestellung unter­blieb und das Landvolk sich von den Wochenmärkten zurückhielt. Der Scheffel Weizen galt 36, Roggen 30, Gerste 28, Hafer 18 Groschen.


1626
Am 6. Januar verkaufte der Rat die Rittergüter Neuhaus und Petersrode an Mr. Gregorius Luppe, bisherigen Pächter derselben, für 47 000 Gülden, den Gülden zu 20 Groschen gerechnet. Ungewöhnliche Stürme im Januar beschädigten die öffentlichen Gebäude und hatte Kirche und Rat für Wiederherstellung derselben be­deutenden Aufwand. Die 1619 für jeden Wochentag angeordnete, bisher aber nicht zum fleißigsten besuchte Betstunde, ward durch einen kurfürstlichen Befehl vom 10. März ernstlich erinnert, eine neue Buß- und Betordnung be­kannt gemacht und das-Tanzen auf Adelstänze und Wirtschaften beschränkt. Die kaiserlichen Söldner im Magdeburgischen streiften und beschädigten die Umgegend und als am 15. April ihr Anführer Wa11enstein den Grafen von Mansfeld bei der Dessauer Brücke schlug, flüchtete viel Volk vom Lande in hiesige Stadt. Auf einen starken Schnee am 16. Mai folgte des Nachts ein harter Frost, dann aber jähe Wärme und so viel Ungeziefer, daß man in wenigen Tagen fast nichts vom jungen Laub der Bäume übrig sah. Der Typhus vorigen Jahres zeigte sich in den Winter- und Frühlingsmonaten minder heftig, nahm aber mit dem Eintritte des Juni so überhand, daß die Stadt 830 Einwohner verlor und 50 Verstorbene, weil die Totengräber ihre Namen vergaßen, in das Totenbuch der Kirche namentlich nicht eingetragen werden konnten. In dem einzigen Monate September starben 229, an einzelnen Tagen 20 bis 30, und man bemerkte als etwas Auffallendes, wenn ein Tag ohne Leiche blieb. Zahlreiche Familien starben mit ihrem Namen aus. So folgte dem am 2. August gestorbenen Konrektor Mr. Heinrich Heidenreich in vierzehn Tagen sein Weib mit vier Kindern und die Familie erlosch. Kein Haus war ohne Trauer. Das Ratskollegium verlor drei seiner Mitglieder, David Gerhard, den Käm­merer Johann Burgmann und den Stadtrichter Johann Kirchhof. Der gefährlichen Krankheit ungeachtet hielt der Kurfürst in den Ge­hölzen bei Bitterfeld Hirschjagd, blieb aber, weil auch dieser Ort an­gesteckt war, bei Hans von Schönfeld in Löbnitz und mußten von hier, aus nicht infizierten Häusern, Betten dahin geschafft werden. Der Scheffel Weizen galt 24-30, Roggen 18-22, Gerste 16, Hafer 30 Groschen.


1627
Ein sächsischer Soldat ward auf der Leipziger Straße von einem kaiserlichen verwundet und starb am 15. Januar im hiesigen Hospitale an seinen Wunden. Drei Knaben, Andreas Fischer, Peter Petzsche und Christian Fischer, gingen im Mai, Februar und Juli von hier nach Pforte ab. Am 4. März stürzte ein Stück der Stadtmauer ein und ward auf Befehl eiligst hergestellt. Sieben Dorffleischer, Lästerer, hielten am Osterheiligenabende auf hiesigem Markte feil. Am 6. April starb der Bürgermeister Urban Kirchhof, Ratsherr seit 1600, und die Kasse bezahlte mit 21 Talern den Traueraufwand. Der Maler Peter Hellender aus Chemnitz verehrte dem Rate, als er das Bürgerrecht empfing, des Kurfürsten Bild, welches man in der Ratsstube aufhängen ließ. Abgaben und Lasten wurden täglich drückender und fast unerschwinglich. Außer der hohen Land- und Tranksteuer hatte man das Soldatengeld, welches jährlich viermal, jedes Mal 6 Groschen von einem Brauerbe, 3 Groschen von einem Pfahlhause gegeben werden mußte; die Unterhaltung der Defension und die schwere Verzinsung der für den Kurfürsten und sonst aufgenommenen großen Darlehne, die ge­kündigt und eingeklagt wurden, durch neue aber in dieser gefährlichen Zeit nicht gedeckt werden konnten. So verklagte Hans von Scheidingen den Rat bei dem Oberhofgerichte wegen der für den Kurfürsten 1613 geliehenen 4000 Gülden, man erlangte aber auf Bericht kaum die rück­ständigen Zinsen dieses Jahres. Nur bei der Defension erhielt man durch Zuschlagung von 65 Talern aus dem Amte und 9 Talern von der Stadt Taucha für den Fähnrich, welcher 100 Taler und den Trommelschläger, welcher 12 Taler Gehalt empfing, einige Erleichterung. Sie kostete dennoch dem Rate, außer 38 Talern zu Erfüllung des Soldes dieser bei­den, 75 Taler (nicht gerechnet den Aufwand bei der Musterung am 13. und 14. Juli) und weit mehr der Bürgerschaft. Der Rat war in solcher Verlegenheit, daß der Verkauf der Rodeländer auf Görlitz, der Naundorfer und,Elberitzer Mühle und die Verpfändung des Dorfes Gertitz zum Vorschlage kam. Namentlich drückte ihn der Umstand, daß derKäufer derRittergüter Neuhaus und Petersrode die terminlich bestimmten Kaufgelder, mit welchen man die beim Er­kaufe derselben aufgenommenen Darlehne decken wollte, nicht zahlte, zu zahlen nicht vermochte und in Konkurs geriet. Hans von Scheidingen, der eine Nachsuchung der Bürger in Sietzsch wegen fremden Bieres nicht dulden wollte, behauptend, daß es außerhalb der Mei1e liege und deshalb Prozeß anfing, veranlaßte eine Ausmessung, welche der Amtsschösser Philipp Pastor in Zörbig als Kommissarius mit Urban Franz, einem öffentlichen Notare, dem Land­richter, zwei Landschöppen in Beisein zweier Ratsherren und sieben Bürgern am 17. Oktober d. J. vornahm. Man fand aber von der Halb­sehen, Mansfeldischen Brücke bis Quering 15 Schock, von Quering bis Peterwitz 11 Schock, von Peterwitz bis Klitzschmar gleich der Kirche 4 Schock, von da bis Sietzsch an den großen Stein bei der Küsterei 15 Schock Ruten und fehlten so nach an der Meile, welche 60 Schock Ruten hält, 15 Schock. Hiermit war die Sache gegen den von Scheidingen entschieden, da man aber gern wissen wollte, wie weit sich eigentlich die Meile erstreckte, so fuhr man gegen Klepzig fort zu messen, erreichte aber dieses Dorf nicht, sondern die 15 Schock Ruten endeten ungefähr 300 Schritte vor dem Dorfe, wo man die Grenze der Meile mit einem eingesenkten: Steine bezeichnete. Man brauchte zu der Ausmessung eine Kalesche mit einem angesteckten Vorderrade von 71/2 Elle Weite, welches bei jedem Umtriebe klappte. Ein Landschöppe, der vorn aufsaß, rief den jedesmaligen Umlauf aus, alle Übrigen schrie­ben, die Kommissarien ausgenommen, welche von Zeit zu Zeit halten . ließen und fragten, ob die Zuschläge bei allen übereinstimmen. Zu gleicher Zeit maß man auch die Entfernung bis Kletzen, Hohenossig, Lehelitz, Rabutz, Reußen, Radefeld, Werlitzsch und fand von der Brücke des breiten Tores bis Kletzen in die Schenke 45 Schock, von da bis Hohenossig 3 Schock 30 Ruten, vom breiten Tore bis Lehelitz vor die Schenke 43 Schock, von der ha11ischen Brücke bis Radefeld 50 Schock, bis Werlitzsch 58 Schock, nämlich von der hallischen Brücke bis Naundorf (Kattersnaundorf) 191/2, von Naundorf bis Grabschütz 8, von Grabschütz bis Zwochau 41/2, von Zwochau bis Gre­behna 5, von Grebehna bis Glesien, dem Schenken unter die Fenster 12, von Glesien bis Werlitzsch 9 Schock Ruten, von der hallischen Brücke bis Reußen 1 Meile, nämlich bis Zschernitz 27, von Zschernitz bis Reins­dorf 22, von Reinsdorf bis Reußen, dem Schöppen in den Hof 11 Schock Ruten. Bei der Messung nach Rabutz fand man von der hallischen Brücke bis Gertitz 4 Schock, von Gertitz bis Lissa an die Mühle 18, von da bis Kölsa 14, von da bis Wiedemar in die Schenke 7 Schock 30 Ruten, von da bis Wiesenena 11 Schock und von da bis Rabutz an die Weiden 5 Schock 30 Ruten, von da bis in das Dorf 1 Schock 15 Ruten. Die Zimmerleute mußten losen, in welcher Ordnung sie auf Befehl des Kurfürsten die Feldzüge begleiten sollten. Das Baden und Schröpfen wurde nur dem Bader gestattet, allen übrigen bei Strafe untersagt. Der Scheffel Weizen galt 21-24, Roggen 17-15, Wintergerste 10, Sommergerste 9, guter Hafer 12-15 Groschen.


1628
Mit diesem Jahr trat bei der Kämmerei und Kirche statt der bisherigen Rechnung nach Neuschocken die nach Gülden ein. Am 28. Januar verordnete der Rat, daß der übergangen werden solle, welcher zum Brauen, wenn ihn die Reihe trifft, nicht fertig ist. Zugleich wurden die übermäßigen Löhne der Brauarbeiter herabgesetzt. Dem Kantor Alberus und dritten Lehrer Keilenberg verwies man ihre Amtsvernachlässigungen und drohte dem letzteren mit Absetzung. Der Kurfürst schenkte der Kirche 200 Gülden Strafgelder, welche dafür zwei silberne Kannen zum Gebrauche bei der Kommunion fertigen ließ, welche noch im Gebrauch sind. Zu dem Fähnrichtsgelde mußte von jedem Brauerbe 3 Groschen, vom Pfahlhause die Hälfte gegeben werden. Fähnrich der Defensioner aber war Wolf Balzer von Crostewitz. Zu dem Landtage in Torgau, welcher vom 17. Februar ab vier Wochen. dauerte, gingen die Bürgermeister Fischer und Richter mit dem Stadtschreiber. Die bisherige Tranksteuer blieb, die Landsteuer aber ward von 18 Pfennigen auf 22 erhöht und sollte das Mehr zu Tilgung der Kammerschulden, von denen die Stände überdies einen Teil über­nehmen mußten, verwendet werden, ein guter Vorsatz, den aber die böse Zeit nicht zur Anwendung kommen ließ. Auch ward eine Fleischsteuer, vom Pfunde ein Pfennig, bewilligt, welche bei der Bekannt­machung am 9. Juni Unruhen erregte. Die Fleischer wurden vereidet, das Gewicht des man ihnen für die Bank und in den Häusern der Ein. wohnen geschlachteten Viehes gewissenhaft anzuzeigen und bei dem Gleitsmanne zu vergeben. Die Fleischer tumultierten gegen die Lästerer. und verbüßten es mit 28 Gülden. Am 7. Mai, nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr schoß Erasmus von Schönfeld auf Sömmeritz die hinterlassene Tochter des Wolf Rudolph von Ende auf Zschepplin, Sausedlitz und Badrin, Susanne, in ihrer Mut­ter Sidonia Stube zu Badrin, vorsätzlich mit einem Pistol in die linke Brust, daß sie auf der Stelle tot blieb. Gegen den Flüchtigen wurde der peinliche Prozeß eingeleitet und die Ladung am 31. Dezember hier angeschlagen. Am ersten Sonntag nach Trinitatis ward auf Begehren des Rates, daß die zur zweiten Ehe Schreitenden, bevor sie nicht die Auseinander­setzung mit ihren Kindern erster Ehe durch einen Schein des Rates nachgewiesen, nicht aufgeboten und getraut werden könnten, von den Kanzeln verkündigt. Es war Gewohnheitsrecht, daß die Witwe von aller fahrenden Habe ihres Mannes die Hälfte erbte. Ein Gleiches fand statt bei den liegenden Gründen in der Stadt; dahingegen kamen alle liegenden Güter des Ver­storbenen außerhalb der Ringmauer an die Kinder oder sonstigen Erben. Über dieses Gewohnheitsrecht stellte der Rat in diesem Jahre nach ge­meinschaftlicher Beratung Atteste aus. Michael Stoie aus Zwochau, ein Bruder des Kreumaischen Pfarrers Zacharias Stoie, ward am 18. Dezember auf Rubach Mark ermordert und sein Körper vom Bruder zur Beerdigung in Zwochau erbeten. Die Ratsherren hatten jetzt folgenden jährlichen Sold:
43 Gülden 5 Gr. der Bürgermeister, als
26 Gülden 14 Gr. beim Jahresschlusse,
4       „     12   „   am Ostermarkt,
2       „       6   „   am Michaelismarkt,
4       „     12   „   zu Weihnachten,
1       „       3   „   Küchengeld,
4       „        -   „   Holzfuhre.

24 Gülden 7 Gr. jeder Ratsherr, als
13 Gülden 7 Gr. beim Jahresschlusse,
2       „     6 „   am Ostermarkte,
1       „     3 „   am Michaelismarkt,
2       „     6 „   zu Weihnachten,
1       „     3 „   Küchengeld,
4       „     -   „   Holzfuhre.

5 Gülden 15 Gr. der Jungherr als Schenke,
13     „     7   „   der Bauherr,
20     „     -   ,,   der Stadtrichter mit den Beisitzern;
80     „     -   „   der Stadtschreiber, für Kost, Kleidung und Mühe bei den Einnahme-Registern aller Art;
8       „     12 „   derselbe für Licht. Er hat überdies freie Wohnung und 12 Klaftern Scheite aus der Spröde.

Der Musikus und Türmer erhielt jährlich 64 Gülden 15 Gr., zum Neuen Jahre 1 Scheffel Roggen und 6 Gülden 3 Gr. zur Bekleidung. Der Kantorei gab man zu ihrem Schmause 5 Kannen Wein, am Werte 1 G. 19 Gr. -, 5 fl. 15 gr. bar und erließ ihr an ihrem aus dem Rats­keller genommenen Biere 5 G. 15 gr. Der Schmaus beim Ratswechsel kostete 45 G. 14 Gr.10 Pf. Die Dreherschen Erben erhielten wegen 1000 Gülden Kapital, die Wein­richschen wegen 500 Gülden, Schuld des Rates, auf die Dörfer Gertitz, Werben und Benndorf Einweisung. Der Scheffel Weizen galt 21, Roggen 12, Gerste 7-10, Hafer 7 Groschen.


1629
Als der Rat Superintendent Dr. Strauch im Jahre 1618 das Pfarrholz roden ließ, um es zu Wiese zu machen, so gab ihm der Rat, der ihm ge­wogen war, bis die Wiese tragbar würde, jährlich 10 Schock Reisigholz aus der Spröde. Diese Wiese war seit mehreren Jahren in dem besten Stande, gab reichlicheren Ertrag als das vorige Holz und wollte der Rat die 10 aus der Spröde jährlich gegebenen Schocke in diesem Jahre zu­rückhalten, der Superintendent widersprach aber, es entstand deshalb Prozeß und verlor ihn der Rat, weil man diese 10 Schock ohne Vorbehalt der Rückforderung matrikuliert fand. Die Rechnung der Kirche in Benndorf war von jeher auf dem Rathause abgenommen worden, daher man auch diesmal darauf drang. Am 5. Mai war ein starkes Schloßenwetter, welches dem Getreide viel schadete. Die Brauerschaft machte an der Pfingstmittwoch einen Ausfall nach Brinnis, wo die Bauern Eilenburger Bier eingelegt hatten. Sie wider­setzten sich der Wegnahme des Bieres, läuteten Sturm, die Nachbarn von Luckowehne und Hohenrode eilten zu Hilfe und entstand ein sol­cher Aufruhr, daß drei Bauern erschossen und mehrere Bürger tödlich verwundet wurden. Der Rat publizierte am B. Mai eine Hausgenossen-Ordnung die­ses Inhalts:
1. Welcher zum Hausgenossen in oder vor der Stadt unter E. E. Rats Botmäßigkeit ziehen will, soll sich auf dem Rathause bei dem Rate angeben, seinen Wirt und Kundschaft mitbringen und wegen der Anmeldung Bescheids erwarten.
2. Wenn er nun auf seine Kundschaft angenommen wird, soll er ein gut Schock Anzugsgeld niederlegen, ehe und zuvor er seinen Haus­rat hereinschafft.
3. Und darauf dem regierenden Bürgermeister angeloben, daß er sich E. E. Rates Gebot und Verbot unterwerfen, auch also verhalten wolle, daß über ihn keine Klage kommen möge.
4. Und daß er den Bürgern auf ihr Begehren um einen billigen Lohn arbeiten und seine Kinder nicht zum Betteln ziehen wolle.
5. Hierüber soll er jährlich acht Groschen Schutzgeld geben, da es aber eine einzelne Person, vier Groschen.
6. Mehr soll er 6 Schock Reisholz in der Spröde hauen, oder dafür 8 Groschen auf Walpurgis, eine einzelne Weibsperson aber vier, Groschen einbringen, doch soll bei dem Rate stehen, die Dienste oder Geld zu fordern.
7. Endlich soll er helfen ohne Entgelt auf des Rates Wiesen das Heu und Grummet machen und den Markt, so oft es nötig, kehren, auch zur Besserung der Wege Schutt einwerfen, bei dem Fischen das Schilf aushauen, im Petri Pauli Markte wachen und was der­gleichen geringe Arbeit mehr ist.
8. Auch für dieses alles dem Wirt, daß er dafür gut sage, zum Bür­gen vorstellen.
Veranlassung zu dieser Ordnung gab ihr besorgliches, durch Vermeh­rung der Mieten erleichtertes Eindringen, ihre Abgabenfreiheit, unbillige Lohnsteigerung, Arbeitsscheu und Anhaltung der Kinder zur Bette­lei. Am 3. Juli ward Elias Naumann von Gollm mit dem Schwerte hingerichtet. Die Scharfrichterei kam von Hans Dietrich an Frau Esther, Valentin Heilands Tochter. Sie soll nach dem Lehnschein vom 30. März d. J. im Ratsprotokolle dieses Jahr geben: 10 Mfl. jährlichen Erbzins, halb zu Ostern und halb zu Michaelis, 12 Mfl. Lohn auf den Fall, 5 Pfund Fett in die Mühle, eine tüchtige Haut zu Ausbesserung des Geschirres im Marstalle, 8 Paar Handschuhe jährlich; von den Tieren der Bürger die Haut für 1/2 Mfl. abziehen und zurückgeben. Der Kantor Alberus ward wegen Unfleißes abgesetzt und an seine Stelle Christoph Kohl, ob er gleich in der Musik nicht allzu stark war, doch wegen seiner Sprachenkenntnis und Lehrtätigkeit am 11. November an­genommen. Bei dem kurfürstlichen Jagdlager in Bitterfeld (im Dezember) gingen viele von hier dahin geschaffte Betten verloren. Der Scheffel Weizen galt 30, Roggen 18-26 Groschen. Das am 6. März veröffentlichte kaiserliche Religionsedikt, welches ver­langte, daß die von den Verwandten der Augsburgischen Konfession nach. dem Passauer Vertrage (1552) eingezogenen Kirchengüter den Katholischen zurückgegeben, von Kommissarien ermittelt, übernommen und diese im Weigerungsfalle von kaiserlichen Heerabteilungen unterstützt werden sollten, kam in den letzten Monaten zur allgemeinen Sprache, erregte ungemeine Erbitterung im Volke und dringende Auf­forderung zu allgemeiner Bewaffnung für die augenscheinlich gefährdete Landes-Religion.


1630
Der Gottesacker, durch die ansteckenden Krankheiten der letzten Jahre überfüllt, mußte vergrößert werden. Der Rat kaufte daher Hans Mahns Haus für 170 Gülden am B. Februar, Mr. Georg Frankens Scheune für 40 Gülden am B. April und von Georg Kirchhof einen Raum für 30 Mfl. und vergrößerte ihn. Es ist der tiefer liegende Teil gegen Westen, von dem jedoch in neuerer Zeit ein Stück Garten der Ökonomie geworden ist. Zu gleicher Zeit versah man ihn mit neuen Ringswänden und führte die Löschung der Grabstätten ein. Am 7. Juni ward Elias Naumann von Wölkau, bei dem Amte verhaftet, mit dem Schwerte hingerichtet. Am 25., 26. und 27 Juni feierte man zum Andenken der Überreichung Augsburgischer Konfession das Jubelfest. Rat, Amt, Geistlichkeit, Knaben, Mädchen und Bürger zogen unter Glockengeläut in die mit Blumen und Zweigen geschmückte Kirche, wo der Gottesdienst nach allgemeiner Vorschrift gehalten ward. Zugleich hielt der Superintendent Synode und verehrte der Rat der versammelten Geistlichkeit 3 Täler 8 Gr. an Wein. Ein Mühlknappe erhing sich bei Hans List, dem Stadtmü11er und ein Fuhrmann in Stephan Beckers Garten. Beide begrub des Nachrichters Knecht an einem besonderen Ort und er empfing dafür 5 Täler. Am 22. August starb die Gattin des Dr. Georg Kirchhof, Magdalena und ward gegen Erledigung von 20 Tälern im Chor der Gottesackerkirche begraben. Der Schenke von Sietzsch fuhr mit einem schwer beladenen Wagen am 16. Oktober dem Zimmergesellen Johann Sander aus Wiedemar über den Leib. daß er sogleich starb. Wegen der Einfälle der Kaiserlichen in das Erzstift Magdeburg und der Unsicherheit mußten auf kurfürstlichen Befehl die Tore stark mit Wache besetzt werden. Weil sich zu gleicher Zeit viele Flüchtende eindrängten, so machte der Rat unterm 20. Oktober bekannt, daß keiner ohne Vor­wissen des Rates einen Fremden, der nicht auf der Durchreise begriffen, bei Strafe einnehmen solle. Der von Halle flüchtende wohlhabende Goldschmidt Christoph Becker machte sich ansässig und ward am 15. November Bürger. Der Pfarrer zu Gollm, Paul Richter, trieb in der Pfarre Bierschenk, was ihm auf Beschwerde verwiesen ward. Der Scheffel Weizen galt 30-24, Roggen 28-24, Sommergerste 21, Wintergorste 6, Hafer 15 Groschen, der Stein Wolle 3 Taler.


1631
Der Superintendent Mr. Cruciger verglich sich am 18. Januar mit dem Rate und nahm für die verstrittenen 10 Schock Reisig jährlich 8 Taler. Die Defension kostete gegen 500 Gülden. Der Hauptmann Hans Schenk ward mit allen Bedürfnissen von der Stadt versehen. Sie bestand aus Bürgern mehrerer Städte, lag hier in den ersten drei Monaten des Jahres und ging am 1. April nach Wittenberg. Die Mitweidische und Döbelnsche, welche schon auf dem Wege war, hier einzurücken und die hiesige zu verstärken, erhielt daher Weisung zum Rückgang. Anfang des Februar fanden sich auf Einladung des Kurfürsten vom 29. Dezember vorigen Jahres die der Augsburgischen Konfession ver­wandten Fürsten, meistens persönlich, zu gemeinschaftlicher Beratung wegen des nunmehr durch das Heer des Tilly im Erzstifte Magdeburg und sonst in Ausführung gesetzten Religions-Ediktes und der bedenk­lichen Vorschritte Schwedens in Leipzig ein, wo man dann nach langer Beratung (unter abwechselnden Vergnügungen aller Art) und von den zugleich dahin berufenen Geistlichen erlangter Überzeugung, daß man von der Augsburgischen Konfession nicht abgewichen, dieses vielmehr ein leeres Vorgeben der katholischen Gegner sei, am 2. April zu dem Entschlusse kam, sich zwar kräftigst zu rüsten, die angebotene Hilfe Schwedens aber abzulehnen und den Kaiser mit dieser Nachricht zu friedlichen Unterhandlungen aufzufordern. Hier rüstete sich nun die gesamte Bürgerschaft. Man befestigte die Stadt nach Möglichkeit, trug die alte Ziegelscheune ab, erhöhte die Mauer und erweiterte die Graben, wo es nötig schien. Der Rat suchte in Leipzig Musketen, sie waren aber nicht verkäuflich - es fehlte an Kraut und Loth. Man kaufte für die kaiserlichen Heere in dem Magdeburgischen in hie­siger Gegend viel Getreide auf, der Kurfürst untersagte aber bei harter Strafe die Ablaßung. Vom 2. bis 27. Mai lag der Rittmeister Cositz hier, dessen Reiter die Straßen und Dörfer gegen die Umschweif er sichern sollten, am 29. Mai aber rückte der General-Wachtmeister Hans Rudolff von Bindhauff mit seinem Reiter-Regiment ein und hielt die Stadt bis zum 20. August be­setzt. Sein Regiment bestand aus vier weißen Corneten Kürassierer und fünf grünen Arquebusirer und war 1200 Pferde stark. Es war für ihn eine Küche und Sommerlaube auf dem Markte errichtet, auch stand da­selbst Stockhaus, Justiz und Esel. Er hielt, so viel es sein konnte, gute Manneszucht und verbot seinen Leuten am 4. Juni das Abhauen des Wiesengrases und das Fischen im Lobergraben bei Leib- und Lebens­strafe, es wurden ihm aber auch vom Rate große Geschenke vorzüglich an Wein gemacht. Vom 15. Juni bis 12. Juli war eine Ständeversammlung in Dresden. Es wurden zu der Defension noch 2 Pfenninge auf die ohnehin schon hohe Landsteuer von den Erbgütern, von der Ritterschaft 200 000 Gülden Donativ- und Präsentgeld, übrigens aber noch von gesamter Landschaft auf 16 neue Schocke 1 Metze Roggen und 1 Metze Hafer bewilligt. Am 22. Juli ward ein Korporal und Gemeiner wegen verübter Gewalt­tätigkeiten in Mitte des Marktes auf einem Fuder Sand, welchen der, Rat anfahren ließ, hingerichtet. Die beispiellose Grausamkeit, die man an den Einwohnern der am 10. Mai erstürmten festen Stadt Magdeburg verübte und die Androhung gleicher Behandlung, die man überall offen aussprach, verbunden mit den Plünderungen und Mißhandlungen der in das Land schweifenden kaiserlichen Söldner und der Bekanntwerdung des kaiserlichen Mißfallens an dem Leipziger Beschlusse und der in die­ser Beziehung gegen den Kurfürsten geführten bedrohlichen Sprache, brachte in hiesige, dem Magdeburgischen nächste Gegend ungemeine Furcht, die Vornehmsten aus den nächsten Städten und Dörfern flüch­teten mit ihrer besten Habe hierher und die Landgeistlichen unter, stützten das hiesige Ministerium in der Amtsausführung. Am 20. August des Nachts brach Bindhauff mit seinem Regiment auf nach Leipzig, wo das ganze sächsische Heer auf der Fläche vor dem Hallischen Tore am 22. Musterung hatte und am 24. durch die Stadt nach Torgau zog. Durch den Abzug des Bindhauff war die Stadt ohne alle Bedeckung. Der Rat schrieb daher am 25. August an den Hofmarschall und Obersten von Starschedel und bat, daß man wenigstens zu Anführung der Bürger den bei der Delitzscher Defension in Wittenberg angestellten gefreiten Korporal Abraham Voigt hierher schicken möchte, welcher sich indessen heimlich mit anderen aus der Festung entfernt hatte und auf dem Wege hierher begriffen war. Am 7. September traf das bei Düben vereinigte, schwedisch-sächsische Heer mit dem des Tilly auf der Fläche zwischen Breitenfeld und Seehausen zusammen. Die Sachsen, welche auf dem linken Flügel des Heeres für sich kämpften, hatten, weil man sie als nur geworbene, unerfahrene Krieger für die leicht werflichsten hielt, den heftigsten Andrang, wurden umgangen und bis auf einen Abteil, der sich in Ord­nung zurück, und nach dem schwedischen, linken Flügel zog, zerstreut. Für diesen leicht vorher zu sehenden Fall hatte der König durch gnügliche Deckung seines linken Flügels gesorgt, und da der verfolgende Feind, siegestrunken, teils durch Abgang der Plünderer, teils durch ge­wagtes Vordringen günstige Blöße gab, so warf er schnell seinen Rück­halt dahin, gewann ihm mit den übrigen Sachsen die rechte Seite ab, brachte dadurch den Kern des feindlichen Heeres, da auch sein rechter Flügel vordrang, zwischen zwei Feuer und erhielt in wenigen Stunden den vollständigen Sieg. Die Schlacht, welche nachmittags zwei Uhr be­gann, endete mit der Abenddämmerung. Tilly entging nur durch Zufall der Gefangenschaft. Was sich von seinem Heere nicht zeitig entfernt, nach Leipzig, Merseburg, Halle geflüchtet hatte, ward von verfolgenden Reitern und mehr noch von erbitterten Bauern, welche Sturm lauteten, umgebracht. In dieser Schlacht blieb der General-Wachtmeister von Bindhauff, früher Oberstleutnant und Anführer des altsächsischen Regiments im kaiser­lichen Heer, dessen wohlmeinender Gesinnung die Stadt viel zu verdanken hatte. Der hiesige Bürger und Landrichter Stroh, welcher auf kurfürst­lichen Befehl von Düben aus eine starke Brotlieferung dem Heer zu­führen sollte, geriet bei Podelwitz in das Treffen, ward geplündert, vom Rate aber entschädigt. Gleich nach der Schlacht brachte man gegen 300, größtenteils Schwer­verwundete, ein, die in Bürgerhäusern, in die Gottesackerkirche und Siechhäuser gelegt wurden. Die meisten waren aus schwedi­schen Regimentern, aber Deutsche. Eine große Zahl Leichtverwundeter ging ab und zu. Man machte zu ihrem Unterhalte von Zeit zu Zeit An­lagen und gab jedesmal der Besitzer des Brauerbes 12, der Pfahlbürger 6, der Hausgenosse 3 Groschen. Der Ratsherr Lizentiat Bartholomäus Fiedler, der Vierte1sherr Georg Selnecker (ein Sohn des vormaligen hiesigen Superintendenten Selnecker) und der Bader Christoph Schneider, der einzige Chirurg, welcher dem Heere nicht gefolgt war, erwar­ben sich bei dieser Gelegenheit durch angestrengte, aufopfernde Tätig­keit ungemeines Verdienst um Kranke und Bürgerschaft. Daß die Mehr­zahl der Verwundeten geheilt entlassen werden konnte, gibt von der Geschicklichkeit des letzteren rühmlichen Beweis. Unter anderen verließ Erasmus von Manteufel auf Wispona in Pommern, dem ein Schuß in die linke Seite Mastdarm und Hüfte verletzt hatte, am 17. März folgenden Jahres völlig hergestellt die Stadt. Auch in dem Treffen Gebliebene höheren Ranges begrub man hier, die schwedischen Offiziere Wolf Martin Stieber, Ewald Hase und Henning Hase, am 17. September, mittags 12 Uhr, solenn in die Gottesackerk i r c h e nahe der großen Türe, die meisten auf den Gottesacker in der Stille. Eine starke Brot1ieferung ging am 9. September nach Eilenburg, welches für den Augenblick mit einer größeren Zahl sächsischer Verwundeter und mit Gefangenen des kaiserlichen Heeres belegt, zur Unter­haltung derselben nicht bemittelt war. Der Stadtschreiber Elias Jäger, welcher in der bedrängtesten Zeit die Stadt verließ und die Schlüssel zu den ihm anvertrauten Behältnissen mit sich nahm, ward vom Amte entfernt und dieses einstweilen dem Ratsherren Bartholomäus Fiedler übertragen. Er hatte zwar Freunde in den Räten und machte Versuche zu Wiedererlangung der Stelle, sie schlugen aber, weil die Gewichtigeren urteilten, daß er nachlässig, in zweifelhaften Fällen und Abfassung bedeutender Berichte nicht Mannes genug sei, die Herren mithin, wenn die Sachen nicht liegen bleiben soll­ten, selbst Hand anlegen mußten, gänzlich fehl. Nach der Schlacht gingen viele schwedische Truppenteile hier durch, die aber den Kaiserlichen an Erpressungen und Plünderungen wenig nachgaben, daher vom Rate an den Kurfürsten ein beschwerender Be­richt. Am 14. Oktober mußten die hiesigen Zimmerleute und Maurer auf kurfürstlichen Befehl zum Festungsbaue nach Wittenberg. Die hiesigen Defensioner gingen mit dem Kurfürsten von Wittenberg in die Lausitz und nach Böhmen, wo zwei, Gregor Liebezeit und Veit Schulze. Schuhmacher, bei der Eroberung von Prag blieben. über die Stipendien machte der alte Bürgermeister Mr. Fischer dem Rat diese Anzeige: Das Gotteshaus hat vier volle Stipendien, die vom Rate und Gottesvätern verliehen werden. Das erste hat Johann Luppens Sohn, das zweite Esaias Kleinschmidt, das dritte Elias Kühn, das vierte Elias Fischer. Ein fünftes hat Mr. Johann Wieprecht. Hierzu gibt der Rat jährlich 25, die Kirche 5 Gülden, das sechste hat Georg Großmann und gibt der Rat ebenfalls 25, die Kirche 5 Gülden. Die Zahl der in diesem Jahre Gestorbenen war 200 einschließlich der Gebliebenen und an den Wunden Gestorbenen. Es sind aber gegen 50 derselben nicht bekannt geworden.


1632
Die Verwundeten, welche bis zum Juni hier lagen, kosteten der Bürger­schaft und Ratskasse viel, die Bedürfnisse, die man aus der Ökonomie nahm, nicht gerechnet. Die alte, aber seit längerer Zeit vernachlässigte Ordnung, nach welcher Fuhrleute, welche hier Getreide kauften, nicht leer einfahren, sondern Holz, Brot, Viktualien, Leinwand und andere Waren zum Verkaufe mitbringen sollten, ward am 25. Februar erneuert und auf Nichtbeachtung ein Neuschock Strafe gelegt. Die Frau von Ende auf Badrina maßte sich ein Bierzwangsrecht über die Schenke daselbst an, welchem der Rat mit Erfolg widersprach. Auch der Herrschaft in Brodau untersagte man auf Beschwerde der Stadt die Einlegung fremden Bieres. Vom 7. Juni bis 20. August lagen fünf Kompagnien des Löserschen Regimentes hier (die übrigen in Pegau), welche von den Hauptleuten Hans Caspar von Brettin, Lorenz Neumann, Wolf Meurer und Georg Rabe nur geworben worden. Vor diesen Menschen war nichts sicher, ob ihnen gleich Brot, Fleisch, Bier, Butter, Käse täglich in Menge gegeben werden mußte. Eine Vorstellung von ihrer lästigen Gegenwart gibt die Nachricht, daß der Hauptmann von Brettin allein wöchentlich für seine Tafel verlangte: 1 Eimer Wein, 1 Kufe Eilenburgisches Bier, 1 Rind, 4 Schöpse, 1 Kalb, 6 alte Hühner, 10 junge Hühner, 4 Gänse, 6 Eßfische, 1 Hasen, 1 kalekutschen Hahn etc., 7 Pfund Konfekt, 22 Pfund Butter etc. Der König, welcher sich nach der Leipziger Schlacht von den Sachsen, welchen er die Räumung Leipzigs, des Landes und das Vordringen nach Böhmen überließ, getrennt, im Fluge den Rhein und bis dahin alles für sich gewonnen hatte, zog in diesem Jahre gegen Tilly, der mit den Bayern bei Nürnberg hielt, verdrängte ihn, nahm Donauwörth, erzwang den Paß über den Lech bei Rain, wo Tilly tödlich verwundet ward und besetzte das Bayernland. Hätte er sich ebenso schnell der festen Plätze daselbst bemächtigen, Sachsen über die Sicherheit seines protestantischen Vorzugsrechts beruhigen und der neutralisierenden Halbheit entreißen können, so war er jetzt der Kaiserkrone, wenn er sie suchte, näher als je. Es gelang aber dem Kaiser, den einzig möglichen Retter, den verab­schiedeten Wallenstein durch beschwerliche, fast erniedrigende Zu­geständnisse zu gewinnen, der denn auch in kurzer Frist ein ansehn­liches Heer aufstellte und tätig ward. Anfangs beschäftigte er sich mit den Sachsen, die er mit sichtbarer Schonung aus Böhmen entfernte, dann aber und auf Beschwerde des Kurfürsten von Bayern bei dem Kaiser, näherte er sich dem Könige bei Nürnberg, dem er aber nichts abgewinnen konnte und fiel endlich, um ihn von der bedrohten Donau abzuziehen, mit ganzer Macht in Sachsen ein, welches, weil der Kurfürst mit dem Heere in Schlesien hielt, ohne Verteidiger war. Der König war nun gezwungen, ihm dahin zu folgen, traf ihn am 6. November bei Lützen, wo er noch einmal des Landes Freiheit siegend erkämpfte, aber auch, unentschieden, ob durch Freundes oder Feindes Hand, sein Leben verlor. Die Vortraber des Wallensteinischen Heeres, ungefähr 7000 Mann, unter Hulk (Holck) und Gallas kamen, nachdem sie das Vogtland durchzogen und die meisten Städte am Wege genommen hatten, am 16. Oktober un­gehindert bei Leipzig an. Denn nur ein kleiner Haufe Sachsen hielt Torgau und Wittenberg besetzt. Die schändlichste Rohheit bezeichnete ihren Weg und alles vom Lande flüchtete den Städten zu. Adlige Fa­milien, Geistliche, Schullehrer, Bauern aus weiter Ferne bezogen hier die Frauen- und Hospitalkirche und schlugen auf freien Plätzen, Gassen, auch auf dem Gottesacker Hütten auf. Gefährliche Krankheiten, die sie mitbrachten, griffen um sich und ganze Familien fanden ihr Grab. Das Hauptheer mit Wallenstein näherte sich am 16. Oktober der Stadt Leipzig, welche sich, aufgefordert am 18. weil man ihr bestes Geschütz nach Torgau gebracht, ihr nur eine geringe Zahl Defensioner gelassen hatte, schon am 22. ergeben mußte. Während dieser Tage schickte der Rat fast stündlich Boten nach Kundschaft aus, die Unsicherheit war aber so groß, daß er am 25. erst von Leipzigs Übergabe Nachricht erhielt. Zu gleicher Zeit forderte der Oberste Bredaw (unter Colloredo), welcher Eilenburg gegen 2000 Gülden Auslösung besetzt hatte, eine gleich große Summe von hiesiger Stadt. Man versprach und suchte sie durch Auf­nahme von Darlehen, freiwillige Beiträge, Vorschußnahme von der Tranksteuer und Hilfsgelde von der eingeflüchteten Landschaft aufzu­bringen, schützte aber, als man die Annäherung der Schweden und Lüneburgischen Hilfsvölker erfuhr, die Unsicherheit des Transportes vor, bat um sicheres Geleit, welches bei dem wichtigeren Geschäfte des Bredaw, das Heer gegen den vermutlichen Einfall der Sachsen und zu ihnen stoßenden Lüneburger von Torgau aus zu decken, vor der Hand unbeachtet blieb und kam, da inmittelst die Schlacht bei Lützen einfiel, mit Behaltung des Geldes glücklich durch. Die sächsisch-, lauen- und lüneburgischen Völker in Torgau waren be­rechnet, es galt einer zweiten Schlacht bei Leipzig, sie trafen aber zur bestimmten Zeit in Torgau nicht ein und Wallenstein drang daher gegen den König vor. Am 15. November mußten für die sächsisch-lüneburgischen Truppen, die von Torgau kamen, 32 000 Brote, jedes zu 2 Pfund und 60 Faß Bier ge­liefert werden und am 21., 22., 24. und 25. hatte man schwedische Mannschaften zu verpflegen, die mit Geschütz und Munition nach Zwickau zogen. Vom 27. November bis 11. Dezember lag das schwedische Leibregiment zu Roß, Herzog Bernhard, unter Befehl des Oberstleutnant Daniel Bul­lion hier, welches sich selbst einquartierte, nach Eroberung der Stadt und des Schlosses Zwickau aber, vom 28. Dezember mehrere Wochen ein schwedisches Regiment zu Fuß unter General-Feldwachtmeister Knyp­hausen, 1187 Mann stark. In der Stadt befand sich zwar nur der Stab, aber die Bedrückung war unglaublich. Dem General Knyphausen mußte wöchentlich geliefert werden 5 Rinder, 24 Schöpse, 3 Kälber, 6 Gänse, 24 Hühner, 1 Schwein, 10 Paar junge Hühner, 6 kalekutische Hühner, 2 Ferkel, 2 Lämmer, 30 Pfund Speck, 2 Hosen Butter, 2 Schock Eier, 3 Hüte Zucker, zu jeder Mahlzeit 10 Schalen Konfekt, 30 Pfund frische Fische, 3 Schock Schnecken, 1 Schock Salzheringe, 10 Pfund Stockfische, 2 Schinken, 1 Füßchen Kapern und Oliven, 1 Füßchen Senf, 4 Pfund große Rosinen, 4 Pfund kleine, 4 Pfund Mandeln, 8 Pfund Pflaumen, 4 Pfund Reis, 2 Pfund Baumöl, 1 Kanne Rosenwasser, 2 Dutzend Nürnberger Pfefferkuchen, 8 Klaftern Holz, 10 Körbe Kohlen, Wein, Bier, Brot, Salz, Gemüs, Milch, Essig, Gewürz nach Notdurft.
Freund und Feind unterschied sich durch nichts. Zweihundert Gülden zahlte der Rat nur für Bier, das bei außerordentlichen Gelegenheiten vertrunken ward und für 60 Gülden Wein nahm Bullion bei seinem Ab­gange mit. Das überhand genommene Nervenfieber machte die Abnahme von Totengräber-Gehilfen und Krankenwärtern nötig, denen man 22 Wochen lang. doppelten Lohn gab. Das Kirchenbuch zählt 361 Verstorbene, doch blieben viele, die man in der Stille begrub, ungemeldet. Von Fremden starb unter anderem Martha, Witwe des Christoph von Gröpzig auf Zschortau, eine geborene von Plaußig, am 22. Oktober; Georg Thomas, des vor. Zaschwitz auf Reibitz Hofmeister, den ein kaiserlicher Soldat tödlich verwundete, am 11. November, Peter Hempel aus Wiedemar, ebenfalls tödlich verwundet an demselben Tage; von hier am 17. Sep­tember Christoph Ohme, Anführer der Ohmischen Musikgesellschaft, welche mit dem Stadtmusikus die musikalische Aufwartung am Amte hatte, seit dem Ausbruche des Krieges aber müßig war und am 1. Okto­ber der Stadtrichter Benjamin Richter, seit 1611 Mitglied des Rates. Den Leichnam des Königs, welcher am 26. November in Eilenburg, tags darauf in Wittenberg eintraf, begleiteten mehr als 1000 Mann. Die Königin übernachtete am 7. Dezember in Bitterfeld. Es ist oben bemerkt, daß der Oberste Bredaw, als sich Eilenburg erge­ben, hiesiger Stadt gleichen Akkord zusagte und es dürfte der Erhal­tung wert sein, was der Rat in Eilenburg auf Bredaws Befehl dem hie­sigen schriftlich zukommen ließ. „Unsere freundliche Dienste bevor. Ehrenveste, Achtbare, Wolgelarte und Wolweise besonders großgünstige liebe Nachbarn, Denenselben sol­len und können wir auf heutiges Tages von der Röm. Kays. Maj. unsers allergnädigsten Herren Generalwachtmeisters ihr Gnaden Herren Graf­fen Colloredo etc. empfangenen gnädigen befehlich unangedeutet nicht laßen, Nachdem wir von der Kays. Armee nechstverwichenen Sonn­abends den 20. dieses um 7 Uhr gegen Abend attaquirt und solcher Be­stalt aufgefordert worden, binnen 2 Stunden gegen den Herrn Obersten Hansen Rudolffen von Bredaw sich zu resolviren, und zu erklären, ob man das Schloß und die Stadt auf Akkord gutwillig aufgeben, oder eines andern gewärtig seyn wolle, und dieser Anstand zwar sich bis gegen Morgen verweilet, so hat uns doch von morgen früh an länger nicht als noch 2 Stunden Frist indulgiret werden wollen, das also, weil wir die große Menge Kriegsvolk und Macht vor uns gesehen, länger nicht auf­haben, sondern zu einem leidlichen Akkord schreiten und solchen mit obwohlgedachten Herrn Obersten über das Schloß, Amt und Stadt schließen und vollziehen müßen, auf Mas und Weise wie inliegend zu ersehen, hätten sonst unsere damals vor Augen schwebende Leibes und Lebens Gefahr und gänzliche Ruin auszustehen und zu erwarten gehabt; Wenn dann Ihr Gräfl. Gn. Herrn Generalwachmeisters aufs Begehren, uns hierinnen unterthaniges Gehorsams nachzukommen obgelegen, so haben wir euch diesen unsern Zustand zu erkennen geben, und erinnern sollen, ob durch euer Abgeordnete bey vorhochgedachter Gräfl. Gn. Herrn Generalwachmeister, so sein Quartier itzo am Markte bei der Frau Mr. Christoph Kempffen alhier hat, ihr euch je eher je besser angeben, und selbst um Gnade und Saluaguardi zu Verhütung sorglicher Gefahr gehörender Maßen anhalten laßen wollet, welches weil euer Wolfarth daran gelegen, zu euer aller Discretion und ferneren Nachdenken gestellet wird, und verbleiben euch sonsten zu angenehmen Diensten jeder­zeit ganz willig.
Datum den 24. Oktober An. 1632.
Der Herren
Dienstwillige
Bürgermeister und Rath zu Eilenburg."
„Nach Verlesung dieses werden die Herren es den andern zum nechsten benachbarten zuzuschicken, eine Recognition zu ertheilen, und dem Bothen sein Bothengeld von hieraus zu entrichten wißen. Denen Ehrenvesten, Achtbaren, Wolgelarten und Wolweisen Herrn Bür­germeister und Rathe der Stadt Delitzsch, Dieben, Bitterfeld, Zörwigk und Gräfenhainichen, vnsern besonders günstigen lieben Herren und freundlichen, lieben Nachbarn."
Beilage.
„Eilenburgischer Accord, geschloßen den 21. Octobris 1632. Demnach durch den von der Röm. Kays. Maj. unsers Allergnädigsten Herrn Gene­ralissimi, Abgeordneten, dem Woledlen, Gestrengen, Vesten und Man­haften Herrn Hannß Rudolffen von Bredaw, Kays. Wolbestalten Obersten Amt und Stadt durch das bei sich habende Kriegsvolk aufgefordert zu Kays. devotion; So ist hernach folgende Antwort aufgerichtet und bis auf Ratifikation des von hochgedachten Herrn Generalissimi von den Parteyen vollzogen worden; Als
1. Wie stark die Garnison aufs Schloß und in die Stadt eingelegt werden solle, würde bei des Herrn Generalissimi Anordnung gelaßen. Desgleichen
2. soll auch der Unterhalt für die Garnison auf Ratifikation des Herrn Generalis stehen.
3. Solche Garnison soll dergestalt in guter Disciplin gehalten werden, daß in Amt noch der Stadt weder Manns- noch Weibspersonen von ihnen einigerley Weise beleidiget, auch die Wirthe, alda die Einquartierten ihre Losire haben, mit Ueberführung der Gäste, oder anderen Molestien gänzlich verschonet werden.
4. Die Amtssassen und alle Unterthanen auch die Schriftsassen und Frei­güter darunter mit begriffen, sollen mit keinerley Incommodität bedrauet werden.
5. Sollen in den Quartieren mehr nicht als die sonst gewöhnlichen seruitia gereichet werden.
6. Die Bestellung der Wachen, ob sie von den Soldaten und Bürgern co­niunctim, auch die Schlüßel zu den Thoren in des Rathes Verwahrung zu laßen, soll von des Herrn Generalissimi Anordnung erwartet werden.
7. In der Religion und Exercition derselben in der reinen Augsburgischen Confession, sowohl auch in dem Ministerio und in Schulen soll im Ge­ringsten keine Neuerung, Aenderung und Eingriff zugemuthet, auch der Kirchenornat und was derselben anhängig und das Geläute unviolirt ge­laßen werden, und bei diesem Punct die ganze Diöces, sowohl alle itzo in der Stadt befindlichen Kirchen- und Schuldiener, so wohl welche alhier und auf dem Lande, unter Schrift und Amtssassen, bedienet seyn, gemeinet und begriffen seyn.
8. Bei dem iure patronatus soll auch. jedes Orts Obrigkeit verbleiben.
9. Die Amts- und Stadt-Policey belangend, so soll Amt und Rath bey vo­riger Administration allenthalben unperturbiret gelaßen werden.
10. Die Bürgerschaft soll ihre arma auf das Rathaus ins Raths-Verwahrung liefern, und wie es damit gehalten werden solle, auf Ratification des Herrn Generalissimi gestellet seyn.
11. Geistliche und andere privilegirte Personen, darneben Wittwen und Wai­sen sollen bei ihren Immunitäten und Exemtionen gelaßen werden.
12. Plünderung, Abnehmung der Pferde und Extorsion weniger Brand oder Abnehmung Geldes und Gutes und dergleichen Pressuren sollen gänzlich eingestellt, auch den Kirchen, Gotteshäusern und den Unterthanen unterm Amt und in der Stadt zusammt dem daselbst befindlichen Adel und Unadel, so ihren Recurs dahin genommen, einige Gewalt nicht ange muthet, auch der Soldatesca dergleichen nicht verstattet werden.
13. Allen denen in Amt und in der Stadt ab und zu, aus und einzureisen mit allen ihren Mobilien, Pferd und Wagen und allen andern damit zu handeln und zu wandeln ungehindert zugelaßen seyn, ihnen zum Bedarf Paß auch Convoy ohne Geld mitgetheilet werden.
14. Ein Jeder ohne Unterschied soll die völlige Administration aller seiner Güter wie zuvor behalten und von Plünderung und anderen gänzlich befreiet seyn.
15. Den Vorrath in den Scheunen an Früchten und Getraidicht, auch das Bier in den Bergkellern und alles andere Getränke soll von der Solda­teska ihres Gefallens nicht absumiret, sondern zu des Amts und der Stadt Nothdurft behalten, und einem Jeden des Amts und Stadt Unter­thanen das Seinige mit Frieden verbleiben.
16. Wenn die Kayserl. Guarnison in die Stadt introduciret wird, so sollen in dem Amt und der Stadt gelegene Güter, Rittersitze, Freie Güter, und Dorffschaften mit andern Guarnisonen nicht beleget, sondern verschonet bleiben, auch das Amt und die Stadt über die accordirte Guarnison, je­doch auf Ratification des Herrn Generalissimi.
17. Die Einquartierung des Capitains, Befehlshaber und Knechte soll von des Amts und Raths Anordnung und Discretion verbleiben.
18. Hiesige Defensioner und Officiere, Bürger und Bauern sollen ohne Ran­zion auf freien Fuß gelaßen werden.
19. Wenn die Soldaten gänzlich abziehen, sollen sie alle Amts- und Raths­unterthanen unbeleidiget laßen, dagegen auch das Amt und der Rath dafür seyn, daß dieselben mit alle dem, was sie bei sich haben, der Kai­serlichen Armee auch sicher und ungehindert folgen mögen.
20. Das Rath und das Amt erbieten sich, diesen Accordspuncten stets nach­zusetzen, auch die Guarnison alhier verbleibend mit denselben reciproce treulich und ohne Gefehrde umzugehen, vor Schaden zu warnen, und sollen die zwischen des Amts und Raths Unterthanen und Soldaten ent­standene Misverstände bey der ordentlichen militairischen, Amts- oder Rates-Obrigkeit, dahin ein jeder gehörig, Cognition und Rechtfertigung leiden.
Diesem allen soll aufrecht mit teutscher Treue und guten Glauben nach­gelebet und von allen Theilen, wie obstehet, darüber unverbrüchlich gehalten, und darwider kein einigerley Weise oder Wege nichts attentiret werden, und um beständiger vester Haltung willen haben diesen Accord allerseits Accordanten eigenhändig unterschrieben und mit ihrem re­spective angebornen, Amts und andern Siegel bekräftiget, Sonder Ge­fehrde, Actum und geschehen vt supra

(L. s.)
Hans Rudolf von
Bredaw, Obr. mp.

(L. s.)
Balzer Hellwig,
Lieutenant, mpr.

(L. s.)
Martin Frenzel,
N. P. und Amtsschr. in Abwesen des Herrn Amtsschössers mpr.

(L. s.)
Der Rath zu Eylenburgk.

 

       

Der Bote, welcher das Schreiben des Rates zu Eilenburg mit Beilage überbrachte, war mit folgendem Passe versehen: „Demnach Vorweiser dieser Bote Hans Mitzsch in umliegende Städte und Flecken in gewissen Verrichtungen zu verreisen befehlichet worden, als ist an Alle und Jede der Römisch Kaiserl. Mai. hohe und niedere Officiere und Befehlichshaber, wie'auch alle Soldaten ingemein mein Befehlich, daß sie gesagten Boten frei, sicher und ungehindert passieren und repassieren laßen wollen und sollen, Geben, im Quartier Eilenburg den 3. November 1632. Gregor. Kalenders, hier den 24. October.
Der Röm. Kaiserl. Maj. Hofkriegs Rath,
Cämmerer, bestellter Oberster und General
Wachmeister über derselben Armee zu Roß
und Fuß.
Rudolff v. Colloredo, Gr. mpr.
(L. S.)
Der Amtsschösser Heller mit dem beamteten Adel der Umgegend war in Wittenberg, den Rat drückte daher die ganze Last der Aufbrin­gung fast unerschwinglicher Anforderungen und die Gefahr möglicher Verantwortlichkeit. Das Rechnungswesen geriet dabei ins Stocken und die diesjährige Kämmerei-Rechnung ist erst 1660, 28 Jahre später, von den Erben des eigentlichen Rechnungsführers, wie sich denken läßt, nur oberflächlich abgelegt. Der Scheffel Weizen galt 24 und 25, Roggen 18 und 19, Gerstg 15-32, Hafer 13 und 14 Groschen.


1633
Von der Pest (Typhus) ergriffen starb am 5. Januar der Kantor Christoph Kohl und am B. die Mädchenschulmeisterin Anna, Jacob Reichsteins Witwe. Kohls Stelle übertrug man dem Kantor in der Vorstadt zu Halle, Christoph Schulze, welcher dort, aller Habe beraubt, Mißhandlungen nur durch Flucht entgangen und auf die­ser hierher gekommen war und Mädchenschulmeisterin ward Katharina, Witwe des Seidenkramers Zambsel, die aber schon am 28. August mit ihren drei Söhnen der Pest unterlag. Bei der Wahl des Kantors am 6. Februar setzte man zur Gehaltssiche­rung der Lehrer fest, daß in ganzen Schulen Rektor und Kantor jeder 6 Groschen, Tertius und Justimus 4 Groschen, in halben und Viertel­schulen jeder 4 Groschen, der Küster aber vom ganzen Geläute 6 Groschen, in particularibus aber 3 Groschen erhalten solle, welche zufällige Einnahme bei der Verarmung der Stadt spät erst eine Erhöhung fand. Am 16. März war ein heftiges Gewitter, am 15. Mai Schnee, übrigens fruchtbares Wetter und eine reiche Ernte. Die Hunde der vielen verwüsteten und verlaßenen Dörfer verwilderten aus Mangel an Nahrung, liefen in Haufen umher und fielen Menschen an. Am 4. August fiel der kaiserliche Feldmarschall, Graf Heinrich Holcke mit 12 000 Mann von Böhmen aus in das Land, besetzte an diesem Tage Schneeberg und forderte am 9. Leipzig auf, welches sich (die Pleißen­burg ausgenommen) am 12. ergeben mußte. Das ruchlose Verfahren die­ser zügellosen Menschen brandmarkt diesen Raubzug für alle Zeiten. In wenigen Tagen waren alle Straßen mit Leichnamen überraschter Flüchtlinge erfüllt und in Umkreisen von Meilen die Dörfer ohne ein lebendes Geschöpf. Die Ernte hatte keine Arbeiter, die Städte waren überfüllt und Herde unabläßig tötender Krankheiten. Sechzig bis siebzig Reiter sprengten am 9. August die Stadt an, verlang­ten Brot und Bier, hatten aber die Absicht einzudringen, lösten auf die Bürger, die mit ihnen sprechen wollten, unversehens die Pistolen, hie­ben einen alten Bürger Nicolaus Hauk nieder und nahmen zwei andere, von ihnen verwundete, gefangen. Einigen Ratsherren, die sich zu ihnen vor das Tor begeben wollten, ging es nicht besser, als sie aber über­fallen werden sollten, glaubten die Bürger, Gewalt mit Gewalt ver­treiben zu müssen, unterhielten ein gutes Musketenfeuer und vertrieben sie ins Freie, wo sie aus Rache die Windmühlen in Brand steckten. Tags darauf kamen 100 Reiter und forderten für den Stab des General Hatzfeld und drei Kompagnien Dragoner Quartier. Da sie keine Order aufweisen konnten, wurden sie abgewiesen und mit Brot und Bier ab­gefertigt. Zwanzig derselben umsprengten die Stadt, suchten in die Vor­stadt zu dringen und die Schäferei anzustecken, man trieb sie aber mit Musketenschüssen zurück. Hierauf fielen sie in die Dörfer, raubten, mordeten, berennten auch die Stadt des Nachts wohl dreimal noch, die Bürger machten aber einen Ausfall, verjagten sie von den Mühlen mit Hakenschüssen und nahmen einen Ungar gefangen. Mehrere Bauern, die einfluchten wollen, fand man hart verwundet, Egidius Sachsen von Benndorf tot vor der Stadt. Die Schäferei war bis auf wenige Stücke vernichtet. Am 15. August erhielt der Rat durch den Rittmeister des Obersten Bredaw, Schönecke, folgende Order des Feldmarschalles zur Ansicht und Abschrift:
„Der Römischen Kaiserlichen Majestät Herr Oberster Bredaw wird auf sich und seine Unterhaber des Regiments, auf daß sie zu leben und kein Ursach auszureiten haben, sondern bei ihrer Standara verbleiben müßen, hiermit angewiesen an die Stadt Delitzsch, deswegen er dahin kann schicken und kraft dieses Jemandes zu sich erfordern, der wegen des Unterhaltes mit ihm accordire; So fern sie sich beschweren, kann er Fußvolks mächtig werden, die sie dazu zwingen und auf so einen Fall mit ihnen, wie sechs gebüret, anderen zum Exempel procediren, Sollten sie aber einen, oder mehr zur Salvaguardia von ihm begehren, kann ers, nachdem sie sich accomodiren, geschehen laßen, doch daß er zweene Rathspersonen zu sich nehme zu deren Versicherung."
Geben zu Leipzigk, d.23/15 Augusti Ao. 1633,
(L. S.) H G Hulck mpr.
Die Ratsherren, der Bürgermeister Mr. Andreas Fischer und Mr. Franze, welche sich auf diese Schrift unter sicherer Bedeckung nach Leipzig begaben, wurden, weil sich Holke bei dem Gerücht von der Annäherung Tupadels und der Sachsen zurückzog, als Geisel zunächst nach Alten­burg mitgenommen. Hier verlangte Bredaw erst 12 000 Taler, erließ aber auf Vorbitte des Syndikus Johann George Bohse aus Halle, der sich auch als Geisel daselbst befand, 9000 Taler, erlaubte auch, daß Mr. Franze zurückgehen könne. Die erste Nachricht von ihnen gab Bohse. Franze wurde auf dem Rückwege vor Altenburg rein ausgeplündert und kam erst nach mehreren Tagen zurück. Unterm 28. August gab Bredaw dem Rate von Zwickau aus einen Sicherheitsbrief zu den Verhandlun­gen, die Annäherung der Schweden und Sachsen beschleunigte aber den Rückzug nach Böhmen und der Bürgermeister Fischer mußte bis Eger folgen, wo er dem Kommandanten Oberstleutnant Johann Gordon über­geben ward. Bredaw cedirte die Forderung an diesen und obgleich der Sächsische Ober-Kriegs-Kommissar Haubold von Schleinitz behilflich sein wollte, daß das Geld der Stadt erhalten würde, so geschah doch nichts und die 3 000 Taler, welche man mit Not aufbrachte, wurden dem Gordon durch Wechsel auf Hamburg gewährt. Am 24. November kam der Bürgermeister Fischer über Leipzig wieder an. Zu Deckung der er­borgten 3 000 Taler brachte man vom Brauerbe 10 Taler, vom Pfahl­hause 5 und 2 1/2, vom Hausgenossen 1 Taler aus. An die Sächsischen Truppen mußten im September 30 Ochsen und drei geschirrte Pferde zur Artillerie geliefert werden. Im Spätherbst rückte vom Vitzthumi­sehen Regiment (dessen Oberst Friedrich Wilhelm von Vitzthum) der Stab und eine Kompanie in die Stadt. Drei Kompagnien lagen in den Dörfern umher und sechs Kompagnien standen in Langensalza, erhiel­ten aber den Proviant von hier. Die Bürgerschaft beschwerte sich, daß der Küster keine Kinderlehre hielte, die er sonst alle vierzehn Tage gehalten hätte, auch rügte man, daß seit sechs Jahren keine Wochenpredigt, sonderlich aber keine Pas­sionspredigt gehalten worden sei. Der erste Groll gegen die Geistlich­keit, die ihre Lastenfreiheit zur Ungebühr in Anspruch nahm. Die Zahl der in diesem Jahr Verstorbenen war 435. Der Scheffel Weizen galt 16-21, Roggen 8-11, Gerste 6-10, Hafer 5-7 Groschen. Mädchenschulmeisterin ward Christine, Gattin des dritten Schullehrers Johann Albrecht, eine Tochter des gewesenen Kastenvor­stehers Martin Kohlmann.

1634
Die Behältnisse der Mädchenschu1e, in welcher nicht nur die Leh­rerin mit ihrer Familie, sondern auch eingeflüchtete Fremde am Typhus gestorben waren, mußte von Maurern gereinigt und erneuert werden. Zur Herstellung der zerstörten Schäferei kaufte der Rat von Hans von Schünfeld auf Löbnitz 3 Böcke und 100 Stück alte Schafe und be­zahlte 1 Taler 6 gr. für das Stück. Wallenstein, der Herzog von Friedland, welcher durch den Rückzug nach der Schlacht bei Lützen den Glauben an sein überwiegendes Feld­herrntaient geschwächt, durch das übermäßig strenge Kriegsgericht nach seiner Ankunft in Böhmen den Eifer vieler sein Anhänger erkal­tet, Bayern durch sichtliche Vernachlässigung erbittert und durch zwei­deutige Verhandlungen mit den feindlichen Mächten den Verdacht ehr­süchtiger Bestrebungen nach dem Besitze kaiserlicher Länder erweckt, überhaupt sich so gesetzt hatte, daß man in Wien die ihm vertraute Macht gefährlich hielt, ward erst in dieser, namentlich durch Aufstel­lung eines ansehnlichen, ihm nicht unterworfenen spanischen Heeres und heimliche Verlockung seiner Anhänger geschwächt, dann aber, als er zu seiner Rettung das werden mußte, was er geschienen hatte, am 15. März in Eger von einem irländischen Hauptmanne, Walter Devereux, des Nachts überfallen, mit einer Partisane durchstoßen und ermordet. Am 11. April brach das Vitzthumische Regiment auf, welches der Stadt, die Erpressungen der einzelnen Soldaten bei den Bürgern abgerechnet, genau angegeben 7779 Gülden 9 Gr. 3 Pf. gekostet hatte. 28,574 Pfund Brot mußten überdies bei ihrem Abgange geschafft und zum Teil von den Hausgenossen auf Schiebkarren nachgefahren werden. Wenige Tage nach dem am 3. Mai vor Liegnitz in Schlesien von Arn­heim gegen Colloredo gelieferten glücklichen Treffen am 8., rückte der Oberstleutnant Heinrich von Schleinitz mit einem Regimente zu Roß ein. Der Stab und eine Kompanie blieb, die übrigen vier Kompanien wurden nach Landsberg, Ostrau, Werlitzsch und Zschortau verlegt. Alle diese Truppen erhielten vom Staate weder Sold noch Unterhalt, sondern. mußten von den Städten und Ämtern, wohin sie gewiesen, be­friedigt werden. Ihr Betragen war dem feindlichen gleich und die Un­sicherheit außerhalb der Mauern so groß, daß man die Pferde beim Pflügen zu sichern, Reiter erkaufen und alle nach Leipzig zu leistende Steuergelder mit militärischer Bedeckung abschicken mußte. Im Juli hatte man eine starke Lieferung an Mehl und Bier nach Wittenberg. Am 27. August (alten Kalenders) verloren die Schweden unter Herzog Bernhard von Weimar und Gustav Horn die Schlacht bei Nördlingen und scheinbar mit ihr für immer das Übergewicht. Zum Glück für sie verteilte sich durch Frankreichs günstige Bewegungen das siegende Heer, Bauer aber, der mit einem kleinen Abteile in Böhmen stand, konnte dem mächtigeren Andrange der Gegner nicht widerstehen und zog sich in Mitte. Septembers, Sachsen preisgebend, nach Thüringen und weiter zurück. Bald kam die Nachricht, daß der Feind ihm folge und bei Leipzig streife, der Rat versah sich eiligst mit Kraut und Lot von Halle, alles flüchtete der Eibe zu und auch die wohlhabenden Bürger hiesiger Stadt zogen mit ihrer besten Habe dahin, daher der Rat in einem Programme vom 23. Oktober auf Erlegung von Kautionen zu dringen genötigt war. Indessen gelang es den kaiserlichen Unterhändlern am sächsischen Hofe, den über Oxenstiernas prädominierende Leitung mißvergnügten Kurfürsten bei sichtlicher Übermacht der Gegner und bedrohlicher Lebensgefahr, dem kaiserlichen Interesse zu gewinnen, der Friede war  auf sicherem Wege und das kaiserliche Heer verließ das Land.Am 9. Dezember kam Befehl, daß 13 Mann Schanzgräber nach Torgau gestellt werden sollen, es unterblieb aber, weil tags darauf das von Trautischische Regiment einrückte, welches drei Vierteljahre liegenblieb. Um Geld zu erlangen, bedienten sich die Herren Obersten unter anderen auch dieses Mittels, daß sie Hoffnung zum Wegzuge machten, die Soldaten anderswohin zu legen versprachen, Geld darauf nahmen, nachher aber entweder blieben oder, wenn sie ja weggingen, nach wenigen Tagen wiederkamen. So ließ sich der von Trautisch unter dem Vorwande, daß er Quartier in Düben nehmen werde, ein ziemliches Stück Geld geben, kam aber nach acht Tagen zurück und man war beschwerter als je. Man darf annehmen, daß jedem hier liegenden Befehlshaber mindestens 100 Gülden nur an Wein verehrt worden ist, welcher bei Berechnung des Aufwandes gar nicht in Anschlag kam und dennoch fielen die größten Ausschweifungen vor. Es fand sich aber bei der Berechnung am Schlusse dieses Jahres, daß vom Jahre 1631 ab bis zum Weggange des von Schleinitzschen Regi­mentes für das Militär eine Summe von 20 350 Gülden 16 Gr. verwendet worden war. Der Scheffel Weizen galt 16-19, Roggen 6 und 7, Gerste ebensoviel, Hafer 3 1/2 bis 4 1/2 Groschen.


1635
Eine übermäßige Kälte im Januar, die viele Personen beschädigte, war dem Verkehr sehr hinderlich. Am 18. Januar nahm der Landtag in Dresden den Anfang und endete am 13. März. Die Stände willigten vom Schocke 1 Gr. 6 Pf. auf zwei Jahre, die Tranksteuer auf dieselbe Zeit, die Fleischsteuer vom Pfunde einen Pfennig und 2000 Gülden zu Schickungen. Hauptgegenstand war der mit dem Kaiser zu verhandelnde Friede. Wegen der beschwerlichen Trautischischen Einquartierung konnte sich kein Ratsherr von hier entfernen, man schickte daher einen Bevollmächtigten, den Dr. Heydelberger und bezahlte aus der Kämmereikasse 248 Gülden 7 Gr. für ihn. Zum ersten Male findet sich Nachricht über den Betrag des Geldes, welches die Knaben bei ihrem Neuen-Jahres-Singen sammelten. Es fand sich für dieses Jahr die Summe von 39 Gülden 3 Gr. -, die unter Aufsicht und nach Bestimmung des besonders hierzu beauftragten Ratsmitgliedes verteilt ward. Damit die Mühle von den Soldaten nicht beschädigt würde, mußte Wache hingestellt werden und der Quartiermeister erhielt für Anstellung derselben ein besonderes Geschenk. Die Straßen waren so unsicher, daß kein Ratsherr in Geschäften ohne militärische Bedeckung reiste. Pässe achtete man nicht und Jahrmärkte, auch Wochenmärkte blieben unbesucht. Am 20. März stürzte das Haus des Elias Stoie (Num. 206 an der Münze) und die Soldaten verschleppten das Holz. Auf Befehl vom 15. und 18. Mai lieferte man 20 Faß Bier und 20 Dresdner Scheffel Roggen, auch von je 20 Hufen ein Rind, einen Schöps und 2 Dresdner Scheffel Hafer nach Wittenberg. Schon am 12. November vorigen Jahres hatte sich Sachsen in Pirna gegen die oft wiederholten feindlichen Anträge des Kaisers günstig er­klärt, man wollte aber die Stände. hören und da diese ohne Ausnahme für jeden die Religionsfreiheit und säkularisierten Landesteile sichern­den Frieden stimmten, der Kaiser aber noch überdies so manches Vor­teilhafte und namentlich den erblichen Besitz der Lausitz zusagte, so geschah es, daß das in so mancher Hinsicht bedenkliche Friedens-Geschäft dennoch und trotz aller Gegenbemühungen Frankreichs, Schwe­dens und einiger protestantischer Fürsten am 20. Mai in Prag zum Abschlusse kam. Das am 24. Juni nach Vorschrift gefeierte Friedensfest hatte als geson­dertes nicht ganz das Herz des Volks und kam, da sich die Bedrängnisse nicht minderten, sondern täglich mehrten, bald in Vergessenheit. Die Bedrängnisse mußten sich aber mehren, da das den allgemeinen Frieden. vermittelnde Sachsen Schweden mit Gelde abfinden wollte, dieses aber auf Frankreichs Unterstützung rechnend, nicht nur eine weit größere Summe als die angebotene, sondern auch den Besitz Pom­merns verlangte, worauf dieses nicht eingehen konnte, folglich die Waffen ergreifen und sich dem Kriegsspiel von neuem hingeben mußte, welches bei Banérs Feldherrntalent und Frankreichs vermehrter Tätigkeit bald wieder bedenklich ward. Dem Trautischischen Quartiermeister gab man am 13. Juli ein ansehnliches Geschenk, daß er nicht das ganze Regiment in die Stadt legte, als ihm, das Regiment zusammenzuhalten, Order kam. Am 6. August erhielt der Rat von dem kurfürstlichen Kommissariate in Torgau Befehl, den 10. dieses Monats Abgeordnete nach Torgau zu schicken, welche auch daselbst eintrafen. Man verlangte von der Stadt einen Vorschuß von 1000 Talern, die sie auch, obschon sie nur 500 willigte, geben mußte. Torgau mußte auf gleiche Weise 3000, Grimma 1000, ebensoviel Eilenburg und Oschatz, Pegau 500 aufbringen. Am 17. August ward ein Soldat, Philipp Sietzsch, welcher mit anderen in der Goitzsche überfallen und getötet worden, hier begraben. Es waren, der Sage nach, neun Reiter, welche die in der Leisingsschanze hausenden Räuber und Freischützen aufheben sollten. Sie fanden aber heftigen Widerstand, mußten zurück, wurden auf einer Lachenbrücke in der Neune der Amtsgoitzsche umringt und fielen daselbst nach lan­gem Kampfe. Der Aberglaube sah sie lange noch im Mondenscheine tanzen und gab dieser Brücke den Namen Tanzbrücke, mit welchem Namen sie noch bei gerichtlichen Verhandlungen des 18. Jahrhunderts bezeichnet ist. Das Trautischische Regiment ging endlich am 20. August nach Leipzig und am 24. von da mit dem ganzen, 32 000 Mann zu Roß und Fuß star­ken Heere zur Besetzung des Magdeburgischen nach Halle ab. Es war ein schöner Herbst und Überfluß an Obst und Wein. Der Bür­ger Kothe in der Vorstadt, welcher in der Michaelismesse gegen 40 Wagen ausspannen ließ, ward mit Geld bestraft. Am 29. September starb hier. Alexander von Miltitz auf Schenkenberg und Oberau, ward auf dem Leichenwagen nach Schenkenberg gebracht und daselbst am 21. Oktober beigesetzt.
Der Leichnam eines Soldaten von Reinsdorf, den die Bauern erschlagen hatten, kam am 24. November hier zur Beerdigung. Der Scheffel Weizen galt 16-18, Roggen 9-11, Gerste 8-10, Hafer 7-9 Groschen.


1636
Bande hatte sich zwar, weil auch Brandenburg dem Prager Frieden beitrat und der Waffenstillstand Schwedens mit Polen zu Ende lief, nach der Ostsee gewendet, da sich aber hauptsächlich durch Frankreichs Vermittlung Polen gegen Überlassung von Preußen zu einer 26-jährigen Längerung verstand und er von dieser Seite sicher war, verstärkte er sich, zog gegen die Sachsen, die von dem Magdeburgischen aus tätig werden wollten und streifte schon in den ersten Monaten des Jahres an der Saale, ja über die Grenzen hiesigen Landes, welches bei dem er­bitterten Abfalle auf Schonung verzichten mußte, die sogar der Willkür des Feldherrn durch Befehl entzogen war. Der Rat erhielt die erste Nachricht von seiner Nähe durch ausgeschickte Boten am 17. Januar und mit diesen kamen die ersten Flüchtenden in die Stadt. Sie mehrten sich bald zum Übermaße. Es verbreiteten sich Fleci:-, Faulfieber, Ruhren und es gab kein Dorf des Amtes, das nicht wenigstens einen Toten hier begraben ließ. Mehrere starben an Ver­wundungen der Plünderer freundlicher und feindlicher Parteien, die wechselnd die Amtsfläche durchstreiften. Sachsen mit Gallas ungefähr 25 Regimenter stark, drehten sich vom 27. Januar bis in den Mai dies­seits der Saale, Baner mit einem zwar schwächeren, aber belebteren Heere jenseits der Saale umher und das Land in ihrer Nähe glich einer Einöde. Was man von Mehl, Bier, Pferden, Viktualien nicht auf der Stelle zu liefern vermochte, wurde durch Einlegung in Gelde erpreßt, das offene Land unter abscheulichen Mißhandlungen beraubt, das weib­liche Geschlecht ohne Rücksicht auf Alter und Stand eine Beute der zügellosesten Wollust. Der Rat beschloß am 15. Januar, daß auch halbe Mittelbiere gebraut werden sollten. Am 16. Januar lagerte das Schleinitzische Dragoner-Regiment an der Vogelstange. Nur wenige Stunden verweilte es, verursachte aber der Stadt 224 Gülden Aufwand. Das von den Knaben durch Umsingen gesammelte Neue-Jahres-Geld betrug 38 Gülden und empfing bei der Verteilung am 18. Januar 1 Taler der Rektor, ebensoviel der Kantor, 16, Groschen der Tertius, ebensoviel der Quartus, 1 Taler der Präzentor, 10 Gr. 6 Pf. der Schreiber, ebenso­viel der Kassierer im voraus, die in der Kunst des Musizierens Voll­kommenen 2 Gülden, die mittleren 1 1/2 und die Neulinge 1 Gülden. Am 22. Februar waren die kaiserlichen und kurfürstlichen Räte hier und am 29. desselben Monats ward das gedruckte, vom Kurfürsten eigenhändig unterschriebene Avokations-Mandat, welches alle säch­sischen Untertanen vom schwedischen Heere abrief und den Schweden sehr ungelegen kam, bekannt gemacht und öffentlich angeschlagen. Dieses Mandat hatte anfangs Wirkung, sie verlor sich aber, als Baner mächtiger ward, der denn auch Sachsen den Nachteil, den er davon gehabt hatte, empfinden ließ. Die Banerschen Reiter hatten einen Anschlag auf die Vorstadt, sie wurden aber durch einen sächsischen Rittmeister, der hier mit seiner Mannschaft eintraf, abgetrieben und verfolgt, weshalb man dieser bei ihrer Rückkunft eine ansehnliche Verehrung gab. Die sächsischen Reiter brachen oft in die Scheunen und Häuser der Vorstadt, daher die Bürgerwachen Gewalt mit Gewalt vertreiben mußten und ward bei einem solchen Exzesse am 15. März, wo die auf dem Gerberplane plünderndenReiter auf dieWache am Viehtore Feuer gaben, der Bürger Leinichen am Fuße hart verletzt. Eine Partie sächsischer Reiter überfiel die Wache in der Vorstadt und schlug den Bürger Luft so, daß er am 11. April den Folgen der Mißhandlung unterlag. Am 26. April starb der Stadtmusikus Hans Bärtchen und am 1. Mai der als Lehrer, Ratsherr und Bürgermeister um die Stadt hochverdiente Mr. Andreas Fischer, auf dessen solennes Begräbnis am 3. aus der Kasse 41 Mfl. 15 Gr. verwendet ward. Diese Fischersche Familie war durch zwei Jahrhunderte eine der angesehensten der Stadt. Den Kriegsdrangsalen unterlag ferner der praktische Arzt Christoph Montanus, Ratsherr seit 1628, Sohn des vormaligen Arztes und Ratsherren Andreas Montanus am 2. Mai und am 13. desselben Monats der für das Beste der Stadt ungemein tätige Viertelsherr Georg Selnecker. Auch starb am 4. Juni Thomas Kuntzsch, Ratsherr seit 1633 am Nervenfieber, das von neuem in mehreren Häusern bemerklich ward. Ein Stück schadhafte Stadtmauer am Hallischen Tore mußte eiligst erneuert werden. Am 3. Juli ging Magdeburg, welches Mangel an Pulver litt, durch Akkord an Sachsen über und von demselben Tage erhielt hiesige Stadt einen Freibrief des Anführers General-Leutnant Wolf Heinrich von Baudissin, welchem Delitzsch zum Unterhalte angewiesen war des wörtlichen Inhalts:
„Der Churfürstl. Durchlaucht. zu Sachsen bestellter General-Leutnant, Ich Wolff Heinrich von Baudissin, fuege hiemit manniglich zu verneh­men, daß Ich die Statt Delitz nebst dazu gehöriger pertinenz aus diesen bewegenden Vrsachen, weiln es mir zu meinem Vnterhaltungs-Quartier assignirt worden, Inmittelst von anderer einquartirungen, Hülffgeldern, Brandschatzungen und mehren gewaltthetlichkeiten, wie die gentzlich mögen benahmet werden, befuegett Ist darauff an alle der Rom. Kayserl. Mayt. so wol höchstgemeldeter Ihr Churf. Durchl. hohe und niedere Offizierer und gantze Soldatesque zu Roß und Fuß, und sonsten menniglichen mein gepührendes ersuchen und ernster befehlich, Man wolle und solle diese Salveguardi, allermaßen es die schuldigkeit er­fordert in gepührenden respekt halten, der Statt Delitz noch den ihrigen darüber ein wiedriges zu fuegen, noch andern solches zu thun verstatten, besondern vielmehr dabey schützen, handthaben und also wirklich geniesen, bey höchster ohnnachlessiger Leib und Lebensstrafe, womit die Verbrecher andern zum Abschew nach befindung ohngesaumbt bestraftet werden sollen, Wornach sie menniglich zu achten, Vrkundlich habe ich mein großes Insiegel nebst meiner eignen Handvnterschreibung hiervor drucken laßen.
Geschehen Aken den 3. Julii Ao. 1636
(L.S.) W. H. Baudissin mpr."
Stadtmusikus ward Christoph Neander und der Rat verehrte den Schullehrern, die am 6. August die Probe in der Kirchen unterstützten, zwei Taler. In diesem Monate verbreitete sich das Nervenfieber durch die ganze Stadt und die Pesttotengräber traten ein. Auch übernachteten hier viele Beschädigte des Pfortischen Regiments, welche von Magdeburg nach Grimma zogen. Die Sachsen, welche nach der Besitzergreifung von Magdeburg in Ver­bindung mit einem Abteile Kaiserlicher unter Hatzfeld in Pommern vorgedrungen waren, lagerten, nachdem sie von Bauers Verstärkung und Annäherung Nachricht erhalten hatten, auf einer Erhöhung bei Wittstock so, daß ihr rechter Flügel durch einen Wald, Mitte und linker Flügel aber durch Geschütz in Feldschanzen gut gedeckt war. Dieser Wald, an den sie sich so sicher glaubten, war ihr Verderben. Bauer, der seinen Umfang besser kannte, schickte einen Abteil seines Heeres, ihn zu umgehen, er selbst mit der Hauptmacht zog sich rechts in die Fläche und verlockte zwar den Feind aus seinen Vorteilen, war aber auf dem Punkte, völlig geschlagen und vernichtet zu werden, als zur höchsten Zeit der von ihm zur Umgehung gesendete Haufe den Vor­gedrungenen plötzlich in den Rücken fiel, alles in Verwirrung und Flucht brachte und da unerwartet noch ein Abteil frischer Mannschaft bei dem Hauptheere eintraf, der vollständigste Sieg errungen ward. Was von seinen Gegnern nicht blieb oder in Gefangenschaft kam, flüchtete nach Sachsen und der Kurfürst traf schon am 7. Oktober (die Schlacht war am 24. September) begleitet von einer Kompagnie in Leipzig ein. Am 30. Oktober kam sichere Nachricht von Bauers Annäherung. Der Rat versah sich mit Pulver und Blei aus Leipzig und Halle, entließ die hier gefänglich gehaltenen Schweden und wies sie nach Bitterfeld. Was man von dem Banérschen Heere zu erwarten hatte, konnte man an-dem Befehle merken, den er aus dem Hauptquartiere Werningshau­sen bei Erfurt am B. November ergehen ließ. "Dero Königliche Mayestät und Reiche Schweden, wie auch der Conföderirten respective Raht, General und Feld Marschall Johan Banir, Herr zu Mühlhammer und Werder etc. Ritter etc. Demnach Hochgedachte S. Excell. mit großem Widerwillen, Ja höchster Bestürtzung und Commotion des Gemüths, annoch täglich er­fahren müßen, das ungeachtet dero vielfältigen ganz ernsten Verbots, sowohl als auch würcklichen exemplarischen Bestraffungen, bey dero sämptlichen Soldatesca zu Roß und Fuß biß dato die grausame exorbi­tantien Ja bey Türcken und Heyden nie erhörten Insolentien, Gewaltthä­tigkeiten, und muthwillige frevelhaffte Excessen nicht allein noch nicht auffhören, sondern das außplündern und in brandsteckunge der Städte, Flecken und Dörffern auch Fürstl. und Adelichen Heusern, Spolir- und Verwüstunge der Kirchen und Gottesheusern, Clöster, Hospitalen, und Mühlen beraubt: Wie auch Niederhaw- und Schießung der Reisigen, das Prügeln und Knebeln der Bürgern und Bawer, und sonsten Barbarische Tractirunge des Adels, der Priester und Landmans, Ja Schändung der Weiber und Jungfrawen, ohne respect des Standes und Alters und der­gleichen, und andere vnzehliche abschewliche Laster und Teuffelische Crudeliteten je lenger je mehr im schwang gehen, und vberhand neh­men thun, Also und der gestalt, das denselben durch keinen Gewaltiger noch Rumormeister mehr gesteuert werden kan, wodurch dann nicht allein das ganze Land, Ja Freund und Feind ohne unterscheid totaliter ruiniret und verderbet, sondern auch die Armee vnabwendlich außer mangelunge der nottürfftigen Lebensmittel entlieh zergehen muß, und also weder die Königlich-Schwedische Dienste gebührend verrichtet, noch das gemeine Evangelische Wesen conserviret werden können, Ja vielmehr Gottes gerechter Zorn vber die ganze Armee gereitzet wird: Als haben Ihr Excell. nachdem Gott der Allmächtige dieselbe nebenst dero Armee durch sonderbahren Siegreichen Beystandt wiedervmb in diese Landt gnädig verholffen, und S. Excell. aber die sämptlich Vnter­thanen, ob sie schon Feind, Jedoch als Freund tractiret willen, und das Land zu dero Armee Besten allermüglichst in Acht genommen haben wollen, Auß tragender hochrühmlicher trewer Sorgfalt nochmals Alle und jede Hohe und Niedere Officirer und sämmtliche Soldatesca zu Roß und Fuß, hiermit alles Ernsts und Fleißes zu erinnern, und ihnen zugleich bey vermeidung unausbleiblicher Leibs- und Lebens-Straff anzubefehlen, keinen vmbgang nehmen können, daß keiner, er sey, wer er wolle, Officirer, gemeine Reuter oder Knecht, sich hinfüro vnterstehen soll, von obgemelten unchristlichen beginnen das geringste zu verüben, noch andern und sonderlich dero vntergebenen zu verstatten, besondern solche Verbrechere und Vbelthäter, wo sie dieselben erdappen, alsofort festmachen, und entweder selbsten nach verbrechen abstraffen, oder zu gebührender Straff Ihr Excell. zu schicken soll: Vnd weil obgedachte Insolentien und Muthwill am allermeisten von den Freyreutern begangen werden, welche jederzeit voranziehen, durch das Land hin und wieder streiffen, und dem Feinde nur Kundschafft bringen, auch die Vntertha­nen in Städten und auff den Dörffern beschweren: Als ist zugleich S. Excell. expresser Befehl hiermit, daß weder hoher noch nieder Officirer ferner einigen dergleichen Freyreuter, Volontiers oder Adventiers bey sich, noch seinem Regiment, Truppen oder Compagnieen gedulten oder leiden soll, wo er sich S. Excell. höchste vngunst und verlustigung seiner Charge, ja ehrlichen Namens vorgewiß gewertig sein will. Wie dann solche Freyreuter auch vberall vnter der Armee zu jederzeit Vogel­frey gehalten werden sollen. Nachdem auch viel Officirer sich irer alten Quartier noch ferner anmassen, und wegen vor diesem empfangener Assignation darauf einige praetension zu haben vermeinen, So ermahnen S. Excell. auch dieselben hiermit gantz ernstlich, daß Sie sich dessen allerdings enthalten, und einiges Quartier, worauff sie von S. Excell. keine newe expresse Ordere oder Assignation auffzuweisen, durch Exa­tionen nicht molestiren noch beschweren sollen. Weil auch durch das unaufhörlich Streiffen der Ausreuter, und hin und wieder lauffenden Knecht nicht allein das Land durch auß ruiniret und zu grundgerichtet wird, sondern auch die Armee sich dergestalt schwechet und abnimbt, das auf£ den Nothfall dem Feind nicht gebührend wiederstanden, noch sonsten einiger desseing gegen denselben vorgenommen werden mag, Als werden gleichfals hierdurch alle Oberst und andere Officirer alles ernstes admoniret, daß sie ihre Regimenter, Trouppen und Compagnien jederzeit wohl beysammen halten, keinem voran zu reuten oder zu lauf­fen verstatten, noch sonsten ohne des Obersten Paß oder Schein sich zu absentiren, oder an einigen Orth, dahin er nicht beschieden, finden zu laßen erlauben, Besondern alle, die hier wider thun, in Hafft und zu gehörender Bestraffung ziehen, auch sonsten sowohl in Marchiren als in den Quartieren, stets gute Ordre und strenge disciplin halten, und also beydes ihre eigene, und ihrer Cammeraden Quartier, Ja alle und jede Länder, wohin die Armee kommen mag, zu deroselben und ihren eigen nothwendigen Vnterhalt conservieren und schützen helffen sollen, Wordurch denn S. Excell. respect vmb so viel mehr gebührend wird erhalten, auch ihre reputation selbsten mainteniret, der Armee auffneh­men befördert, 'auch die Königl. Schwedische Dienste in Deutschland stabilirt, Ja Gottes Segen und bestendiger Beystapd prolongirt werden können. Vnd weil dieses die Herrn Obersten und Officirer S. Excell. aufs new angelobet, daß sie vber der Justiz jetzterwehnter massen halten, und die disciplin bey der Soldatesca zu Roß und Fuß restauriren helffen wollen, Vnd verhoffen S. Excell. es solle dieses ein Mittel sein, dadurch der arme ausgejagte Landman wiederumb sicher bey den Seinigen verbleiben. und mit Ruhe unter seinem Dache gegen Darlegung einer leid­lichen quotae zu der Armee Unterhalt, wohnen, Zu forderst aber der Zorn vhd straff Gottes von der Armee abgewendet, und deren jämmer­liches hierauff folgendes verderben verhütet werden möge: Vnd hat die Soldatesca leicht zu erachten, daß des Mangels der Proviant an Brod und Bier keine andere Vrsache sey, als eben dieses streiffen, plündern und verwüsten, Vnd würde, wann solches vnterlassen, daran kein Man­gel erscheinen, sondern einem jeglichen seine Nothturfft gerechhet wer­den, und %eine Noth noch Mangel leiden dürffen, auch die Armee also besser gehalten werden, und in guter Ordre und disciplin stehen können. Vnd damit zum Vberfluß niemand von der Soldatesca sich der Vnwissenheit zu behelffen, noch zu entschuldigen haben möge, So haben S. Excell. dieses Patent bey der Cavallerie öffentlich ausblasen, und bey der Infanterie durch den Trommelschlag eröffnen und ausrufen lassen; Vnd hat ein Jeder bey der Soldatesca zu Roß und Fuß hiernach eigentlich, und bey vnabwendlicher Leib und Lebensstraffe zu richten. Gegeben im Haupt-Quartier Werningshausen bey Erffurdt am B. Novembr. Anno 1636.
(L. S.)
Dieser Befehl war gut, den Feldherrn ehrend, aber bei dem verwilderten, keinem außer sich dienenden Haufen allerlei Volkes, von geringer Wir­kung. Wegen der Unordnung der Kommun-Rechnungen beschloß der Rat, daß der folgende den abtretenden revidieren und das Ergebnis den Viertelsherren vorlegen sollte. Die diesjährige Zahl der größtenteils ah ansteckender Krankheit Gestor­benen betrug 357, und starben daran von Fremden unter anderen den 7. Oktober der Besitzer der Rittergüter Neuhaus Und Petersrode, Mr. Gregor Luppe, welcher nach Paupitzsch abgeführet ward. Sämtliche hiesige Zimmerleute arbeiteten gezwungen am Festungsbaue in Wittenberg. Der Scheffel Weizen galt 18-20, Roggen 9-11, Gerste 16 .-18, Hafer 10-12 Groschen.


1637
In den letzten Tagen des vorigen Jahres nahten die Schweden über Naumburg der Stadt Leipzig, welche, vergebens aufgefordert, sogleich berennet ward und am 2. Januar dieses Jahres rückte der Schwedische Oberst-Leutnant Christian Becker mit dem Duglasischen Regimente zu Roß in hiesige Stadt. Die drei stärksten Kompagnien mit dem Stabe blieben in der Stadt, eine Abteilung desselben Regimentes stand in Bitterfeld. Der hiesige Amtsschösser befand sich fortwährend in Witten­berg, Adel und Landvolk war auf der Flucht,und die Stadt mußte'daher allein tragen und leiden. Sie hat auf dieses Regiment, welches bis zum 12. Februar liegenblieb und teil nahm ah der Belagerung von Leipzig, 15 318 Taler 20 Gr. 7 Pf. und 3 560 1/z Scheffel Hafer verwendet, und dazu vom Amte nicht die mindeste Unterstützung gehabt, wo oft nie­mand war, der die Befehle öffnete. Becker hielt indessen leidliche Mannszucht und es fielen nur selten grobe Excesse vor. Das Geld wurde durch Kontributionen und Anleihen gedeckt, die Kontributionen durch militärische Exekutionen beigetrieben. Der Rat konnte bei diesen Be­drängnissen nicht wechseln und setzte daher der vorjährige das Amt bis zum 6. März fort. Ein heftiger Sturm am 23. Januar schadete den Gebäuden viel und stürzte das G a l g t o r , welches aber sogleich wieder hergestellt werden mußte Die Dämme wurden auf Befehl Beckers durch gezwungene Zimmerleute mit Palisaden versehen. Am 7. Februar geschah von Barer, der einiges Belagerungsgeschütz von Erfurt bezog, der heftigste Angriff auf das von Traatorf hartnäckigst und mit dem besten Erfolge verteidigte Leipzig, dann aber zog er ab, weil ein. kaiserlicher Heereabteil unter Hatzfeld nahte und setzte sich in Eilenburg. Der vereitelte Sturm auf Leipzig und der Verlust so naher'Beute, um die man. Wochen lang blutend kämpfte, empörte die Rachsucht der Rohen und Bitterfeld war der erste Ort, der es entgelten mußte, vom 13. Februar ab auf das Schrecklichste geplündert ward. Die mehrere Wochen lang daselbst gelegene Abteilung des Duglasischen Regiments war Tages vorher abgezogen, man glaubte aber fest, daß der einige Hundert starke Haufe, welcher Tages darauf, montags vor Estomihi, die Stadt überfiel, größtenteils aus Reitern dieses Regiments be­stand. Die Plünderung dauerte mehrere Tage mit Gewalttätigkeiten der schrecklichsten Art. Die Männer, auch die Vornehmsten, wurden gerötelt, mit Tränken gemartert, Weiber und Jungfrauen sogar öffentlich geschändet, gemordet und mit satanischer Wut der Raubsucht sonst ver­ächtliche Gegenstände aufgesucht und zerstört. Der Amtsschösser Jeremias Kayser, der mit Weib und Kindern nackend ausgezogen und ge­mißhandelt worden war, flüchtete, in Schaffelle gehüllt, nach Wittenberg und starb daselbst 1639. Der Bürgermeister Johann Burghard ward nach vielen Quälungen auf einen Wagen geschmiedet und fand in Torgau, wohin man ihn führte, sein Grab. Der Kantor Sebastian Säuberlich verlor am ersten Tag der Plünderung das Leben. Der durch Schläge übel zugerichtete Amtsschreiber Daniel Kaldenbach flüchtete zwar mit seiner Familie hierher, starb aber mit Weib und Kindern nach wenigen Wo­chen, dahingegen der gleichfalls zerschlagene Stadtschreiber Wolf oder Wolfgang Beyer in Eilenburg, wohin er geflüchtet, sich erholte und daselbst in den Rat gezogen ward. Von vielen blieb ihr Schicksal unbekannt. Die Stadt war eine Zeitlang so wüste, daß Fliederbäume auf den Straßen wuchsen und das Wild in die verödeten Häuser warf. Von hier aus unterstützte man die Flüchtigen mit Lebensmitteln und Geld und der Rat gab, ob er gleich in größtem Mangel war, doch einige zwanzig Gülden aus der Kasse hin. Zwei über diese Plünderung urschriftliche Nachrichten, ein Brief des wohlhabenden Bürgers und Ratmannes Werner an seinen hiesigen Schwager, Christoph Böttcher und ein gerichtliches Zeugnis mehrerer alter Bitterfelder Bürger in einer Streitsache des Gebhard Dietrich von Lochau und Frau Dorothea Sabina Witwe August Ernst von Hoyers zu Roitzsch v. J. 1682 folgen zu Beglaubigung des fast Unglaublichen hier' in treuer Abschrift.
„Mit Wünschung alles Liebs, und gutes freundlicher lieber Herr Schwa­ger und Bruder, Sein Schreiben habe ich empfangen, den traurigen Zu­stand, sey Gott geklaget, kann ich ihm durch großen Schmerz nicht ge­nugsam beklagen, daß ich vff den Montag zu Abendt vmb 4 Vhr. Aus Bitterfeld neben meinem Weib und Kindern und Mägden durch Hrn. Rittmeister Förster aus der Stadt biß vff Jeßnitz convoiret worden, und in aller Nacht hat mich der Herr Ambtmann von Deßau mit Weib und Kindern mit vff Deßau genommen, aber gantz nichts vmb vns als wie wir stehen und gehen, ohn einigen Pfennig, alles ausgezogen worden, das ich Handschuh, und einen alten Rock, und eine Mütze von guten Leuten habe leihen müßen, damit ich nur meinen Leib erwärmen kann, Wir haben auch nicht so viel, das wir vnsern kleinen Töchterlein eine Windel davon machen können, Mein Haus ist also ausgeplündert, wie ichs von Daniel Kaldenbach erfahren habe, das nicht eine Bohle in der Stuben, Tisch, Bänke, Thüren, Fenster, Ofen, Ziegel vff den Dächern alles ver­brannt und zerschlagen, In Summe wäre alles zu erleiden, mich haben sie aber an einen Strick gebunden, und in ein ander Losament geführet, mir mit drei Hüthen Wasser einen Schwedischen Trunk verehret, das ich des Todes darüber hätte seyn mögen, als habe ich ihnen müßen beken­nen, und ihnen, in mein Haus geführet, was ich verstecket übergeben. Alsdann haben sie mich zum zweiten Male an ihr Quartier geführt, mich wieder mit Stricken gemartert, daß ich noch mehr habe bekennen müßen, ob sie mir nun gleich Parole zugesagt, haben sie kein Treu und Glauben gehalten, mich zum dritten Male wieder gemartert, daß ich ihnen noch mehr habe zeigen müßen, Noch haben sie mich zum vierten Male nicht wollen gehen laßen, so sind sie vnter einander vneins worden, daß ich ihnen dadurch entlaufen, Ich bin itzund so arm daß ich nicht habe ein Paar Strümpfe zu bezahlen, ich Weib und Kinder haben nichts, als alte Lumpen, Wenn es nur geht will ich nach Delitzsch, damit ich alda Zu­flucht ferner suchen kann; Das Getraide, welches ich gehabt habe ist auf 500 Scheffel gewesen, ohne was noch im Strobe, alles ruinirt, 26 Stück Rindvieh, 18 Schweine, Schaafe, von 2 Ochsen treuge Fleisch, 1 Ochse im Salze, 3 Schweine im Salze, in Summe den Schaden kann ich mit 5000 Thalern nicht schaffen, Wenn mich Gott mit Feuer strafte, so weiß ich kein Mittel auf dieser Welt mehr, ich hoffe aber zu Gott er wird es nicht vngestrafft laßen, denn es ist nicht gnugsam zu beschrei­ben, wie sie mit den Leuten umgegangen sind mit martern und Weibs­schänden, Kinder gemartert, niedergehauen, das mans nie erfahren hat, wenns Türken wären, könntens so arg nicht machen als die Christen es gemacht haben, Ich bitte wenn der Herr Bruder und Schwager den Herrn Rittmeister Adair meinetwegen wolle zuschreiben und bitten, daß er mir doch wolle mit einem losen Pferde zu Hülfe kommen, damit ich wieder könne auf die Fasten, wenn mich Gott so lange leben läßet, wie­der den Acker bestellen, Er wolle doch auch sehen, daß er mir das wenige Korn erhalten könne, damit ich mich mit Weib und Kindern davon erhalten kann, auch von Saamengerste etwas. Ich kann ihm ferner nichts mehr schreiben durch große Angst. Wenn Gott das Volk wieder aus dem Lande schaffet, vnd wir, will es Gott, zusammenkommen, wol­len wir vns mit einander beklagen. So bald ich kann will ich mich auf Delitzsch machen, denn bei vns seit 6 Tagen kein Bißen Brod zu sehen, und die Kinder und Weiber, die beschädiget sind, mäßen alle Hungers sterben. Befehle euch alle in den Schutz des Allmächtigen.
Deßau d. 18. Februar 1637. '
Ch. W. (Christian Werner)."
„Der Stadtschreiber Wolf Behr, Daniel Kaldenbach und sein Vetter, sind ganz zerschlagen, der neue Schößer, ausgezogen ganz nackend, auch sein Weib, Bürgermeister Hans Burkhard und der Cantor weiß man nicht wo sie sind hingekommen."
Zeugniß der alten Bitterfelder Bürger.
„Als attestiren und bezeugen wir hiermit, unserm besten Wissen und Gewissen nach, daß von Anno 1630 bis 1637 schwere Einquartierungen, starke Märsche und sonst unerträgliche Pressuren gewesen, wir nacher Wittenberg an die große Schanze zu arbeiten geschickt worden, bis end­lich nach ausgestandenen, großen Troublen alles bunt über Eck gegangen und Anno 1637, den Montag vor Fastnachten, die Schwedische Plünde­rung ihren Anfang genommen, und 14 Tage gewähret, da hat dazwischen niemand das Geringste behalten, die Kirchen, Amt und Rathaus sind aufgeschlagen, und alles umgekehrt und spoliirt worden, die Gerichts­sachen, Acta und Protocolla, theils verbrannt, theils zerstreuet, und wohl gar salua venia in unsaubere Oerter geworfen worden. Bei anhal­tender Plünderung sind die Leute gerötelt, ihnen sogenannte Schwedische Tränke eingegeben, das Weibsvolk auf öffentlicher Gasse geschändet worden, sogar daß man so wenig der Obrigkeit, als der Unterthanen geschonet, allermaßen der damalige Amtsschößer alhier, Namens Kayser, mit allen den Seinigen nackend ausgezogen worden, und sich mit Schaaffellen bedecken müßen, welcher nachmals nach Wittenberg ge­zogen, und da gestorben. Inmittelst ist das fürstliche Amt wüste gestan­den und hat ein Soldat dem andern die Beute abzunehmen, im Amt­hause die Kehle abgeschnitten, daher solches mehr für eine Mördergrube. als so heilige Gerichtsstätte anzusehen gewesen, und unserm guten Ge­wissen, Wissenschaft und Wohlbewußt länger als zwei Jahre lang kein Schößer, ja kein Kläger, kein Richter gewesen, unser Rathaus hat aus Furcht nicht abgewartet werden können, sondern ist des Raubens und Plünderns kein Ende worden. Einen Bürgermeister Burkhard Hans hat man in solchen verderblichen Zeiten auf einen Wagen geschmiedet, und mit sich nach Torgau ins Lager geführet, da er sich mit einer starken Geldpost losmachen mäßen. Zwei Schwedische Schützen sind alhier ge­legen und haben dem General Wild schießen mäßen. Nachgehends in eben dem Jahre und zwar im Monat Augusto ist ein großes Sterben ge­kommen, das Jung und Alt weggestorben, auch Viele verhungert, und aus Mangel der ordentlichen Zukost Pferde-, Hunde- und Katzenfleisch gefressen, die Hungersnoth auch so groß geworden, daß sich zwo Weiber um Hund und Katze, so sie mit Schleifen gefangen gehabt, geraufet und geschlagen und fast umgebracht. Zwei Eheleute im nächsten Dorfe Niemeck haben ihren Kindern getrocknetes Obst im Hütlein vorgesetzt, haben sie verschlossen und sind davon gegangen, welche verhungert, von Hunden zerrissen und gefressen worden. Eheleute haben einander das Brod mit Gewichte zugewogen, und das Uebrige, wiewohl öfters wenig übrig geblieben, eingeschloßen. Das Gras ist so stark auf dem Markte gestanden, daß man es abmähen können. Gras und hohe Hollunderbäume sind vor den Häusern gewachsen, das Wild hat in den Häusern geworfen, ja es ist die Stadt einem wilden und wüsten Orte ganz gleich gewesen, und hat sich in vielen Wochen niemand dürfen sehen laßen. Zu beklagen ist es, daß damals das heilige Nachtmahl alhier auf gut Päbstisch von Harzfelder ausgespendet worden, ja wenn alle Noth, so alhier gewesen, beschrieben werden sollte, würden etliche Bogen Papier nicht zulangen, indem die Aelfern ihre Kinder selbst begraben, das Getreide auf dem Felde stehen bleiben und von Mäusen gefreßen worden, worauf sodann auch die obgedachte Theurung erfolgen müßen. Ihrer sehr viel, so es nicht bezahlen können, haben Hafer-, Ecker- und Klaien-Brod zu Stil­lung des Hungers gegessen, viel Leute um Gottes willen um einen Mund voll Brod gebeten, aber nicht erlangen können, weswegen ihrer viele in Misthaufen tod gefunden worden. Wenn sich ja noch einer oder der andere bei diesem Städtlein aufgehalten, haben sie ihr Stücklein Brod im Schubsacke oder. sonst kleinen Säcklein bei sich haben und tragen müßen, sobald man aber von zwei Soldaten gehöret, hat man sich versteckt, wiewohl die aufgesuchten und gefundenen Leute ins Lager vor Torgau tragen müßen, und was des Jammers mehr gewesen. Nachdem nun allenthalben nichts mehr zu finden gewesen, hat der Garaus mit diesen Städtlein gespielt und solches in Brand gesteckt werden sollen, sind auch bereits zwei Tore angesteckt und abgebrandt, allein der große Friedefürst Christus Jesus hat weitern Schaden verhütet.
Daß diesem nun in Allem also sey, wie es gehöret und gesehen, theils selbst erlitten, attestiren und bezeugen wir Unterschriebene mit gutem Gewißen, sind es auch auf bedürfenden Fall eidlich zu erhalten gemeinet.
Bitterfeld, am 29. August 1682.
Conrad Harting sen., Str.,
für mich und im Namen Miehaeli Liebezeiten,
und Sebald Kriebitzschen, weil dieselben
nicht schreiben können, alles Leute von
70 Jahren."
Am 15. Februar starb der Kaiser Ferdinand 11. und sein Sohn Ferdinand III., der ihn an Kraft und Milde übertraf, der Sieger bei Nördlingen, trat, im Vorteile kriegerisch günstiger Lage den Widerspruch Frank­reichs wenig achtend und fest entschlossen, der Hierarchie nicht mehr zu geben, als ihr gebühre, geräuschlos, wie es die schwere Zeit gebot, die Regierung an. Der Rat hatte sich vom Oberst-Leutnant Becker bei seinem Abgang am 12. einige Mannschaft zu Unterstützung der Bürgerschaft bei Überfällen erbeten und dieser sorgte auch, daß der Rittmeister Alexander Künigke  mit einer Kompagnie von 70 Mann, abends am 17. Februar einrückte. Ehe er kam, hatten schon gegen 1000 schwedische Reiter die Vorstadt überfallen und einige Häuser ausgeplündert, sich aber, weil man stark auf sie geschossen, wieder entfernt. Der Rittmeister Künigke, welcher einen wiederholten stärkeren Anfall vermutete, ordnete sogleich die wehrhafte Bürgerschaft und besetzte teils mit ihr, teils mit den Seinen die bedrohtesten Plätze, er selbst blieb in dem Wachhause des breiten Tores. Des andern Tages (am 18. Februar) früh gegen 7 Uhr, sah man schon große Haufen schwedischer Reiter bei Werben und Beerendorf und um 9 Uhr warf sich die ganze gegen 4000 Mann geschätzte Masse auf die Vorstadt, die, weil sie an fünf Stellen zu brennen anfing (es brannten 22 Häuser und 27 Scheunen nieder) der tapfersten Gegenwehr ungeachtet, nicht gehalten werden konnte. Soldaten'und Bürger zogen sich daher in die Stadt zurück, schlugen aber durch Künigke aufgemun­tert, durch sichtbar wirkende Schüsse aus Musketen, Doppelhaken und geschickte Ausfälle den zwar erbitterten, aber durch bedeutende Ver­luste geschreckten Feind völlig ab. Zwei Bürger, Carl Stellbogen und Abraham Voigt, zeichneten sich bei dieser Gelegenheit vorzüglich aus.. Nächst dem Rittmeister Künigke, der in dem nach Leipzig verlangten Berichte des Rates gerühmt, ein braver Mann, ein Kriegsmann von guter Diskretion genannt wird, war bei der Verteidigung ein Kapitän, Caspar Holzapfel und ein Leutnant, Proviantmeister, den man wegen seiner Verwegenheit nur den tollen Leutnant nannte, auch ein Quartiermeister tätig, der Proviant holen sollte, aber bei dem besten Willen mehr nicht als 450 Pfund Brot für den Oberst-Leutnant, 200 Pfund für den Major, 3 Faß Bier und etwas Hafer erlangen konnte. So gern der Rat diese Redlichen bei ihrem Abzuge, welcher auf Order noch am Abend dieses Tages erfolgte, nach Verdienst belohnt hätte, so konnte er doch in diesem Augenblicke der Not über nicht mehr als 68 Taler verfügen, die er so verteilte, daß 50 Taler der Rittmeister Künigke, 10 der Kapitän Holz­apfel, 3 der tolle Leutnant und 5 der Quartiermeister empfing. Sie ver­langten nichts, nahmen es aber als ein Andenken, das man ihnen mit tränenden Augen bot und gingen davon. Am 21. Februar brachten einige Reiter, die zum Kohltore hereinkamen, Weizen, den sie gegen Hafer umtauschen wollten. Dieser war nicht zu haben, sie verkauften daher den Weizen um ein geringes Geld, man bestrafte aber die Käufer mit der Lauke, weil der Ankauf von Waf­fen, Gerät, Getreide, überhaupt der Handel mit Soldaten bei Gefängnis­strafe verboten war. Tages darauf schlug man früh Lärm, weil sich eine starke Partie vor dem Hallischen und Viehtore zeigte, die. sich für Kaiserliche ausgab und Boten verlangte, welche ihnen Orter, wo sich Schweden aufhielten, nachweisen könnten. Man hatte aber des keine Kunde und sie zogen daher mit Glimpf gegen Schenkenberg. Zwei Stunden später meldeten sich schwedische Truppen. Erst des Oberst-Leutnants Becker Cornet durch einen Abgeschickten bei den Palisaden. Dieser gab vor, er hätte mündlichen Befehl, daß 60 Pferde zur Defension in die Stadt gelegt wer­den sollten, weil ein bedeutendes Korps vorbei nach Halle ginge. Man beschied ihn aber, daß man Bedenken trüge, bei der Nähe des kaiser­lichen Volkes ohne Order Schweden aufzunehmen und überzeugte ihn von der dadurch unverantwortlich herbeigeführten höchstgefährlichen Lage der Stadt. Bald darauf kam aber,ein Abgefertigter von der Artil­lerie mit einem Passe des Feldmarschalls Barer, Hauptquartier Eilen­burg, den 21. Februar und Befehl, alle in Delitzsch stehenden Pferde zum Vorspann der Stücke folgen zu lassen. indem nun dieser bei Samuel Richter Quartier nahm, seine Reiter eindrangen und die Pferde mit Gewalt suchen wollten, geriet die schwedische Partei von Beerendorf her mit den Kaiserlichen, die von Schenkenberg kamen, auf den Bürger­feldern von Schenkenberg aneinander, die schwedische wich, ließ Tote und Gefangene und ward bis an die Beerendorfer Windmühle verfolgt. Man war willens, das Ratsgetreide aus der Gottesackerkirche der Sicherheit wegen in die Stadt zu schaffen, unterließ es aber, weil, so gering der Vorrat war, es an Säcken mangelte und in der Nähe der Stadt ruhig ward. Der Rat, welcher außer der starken Bürgerwache in den Toren, auf den Türmen, an den Palisaden zur Sicherheit der eingeflüchteten Habe noch 36. gemietete Wächter hielt und deshalb von den Eigentümern ein mäßiges Wachgeld nahm, forderte nun auch auf Beschwerde der Bürgerschaft in einem Patente die sich hier befindenden fremden Geist­lichen zu einem Beitrage auf; sie verweigerten ihn aber in einem Schrei­ben vom 24. Februar aus verschiedenen Gründen, von denen, außer der Immunität der Geistlichen von öffentlichen Lasten, besonders einer:
„So ist aus Gottes Wort wissend, daß die Prediger von Gott selbsten zu wächtern verordnet und gesetzet sind, welche Wache die pastores so bey tag alß bey Nacht in den Kirchen alß zu Hauß, ohne sondern ruhm zu melden, eiverig vor der Stadt wohlfart verrichtet. Stellen es nun dem postulatori zu bedenken anheim, welche Wache bey Gott gültiger ge­wesen, vnd ob es nun recht, daß man von den geistlichen Wächtern, die augenblicklich vor dem Riß stehen, gelder fordern sollen;" zu bemerken Ist, beruften sich auf kurfürstliche Entscheidung, erboten sich aber doch am Schlusse, damit sie nicht für undankbar geachtet werden möchten, dafern es dem Rate nicht verschmälig, bei ihrem Abgange jeder einen Taler zu erlegen, welchen man jedoch, soviel ersichtlich, wohl mit Rück­sicht auf ihre bedrängte Lage nicht erhoben hat. Am 24., 25. und 26. Februar blieb es ruhig. Die ausgeschickten Boten brachten keine sichere Nachricht. Bald hieß es, Banér habe sich von Eilenburg nach Torgau begeben und Eilenburg sei nur noch schwach besetzt, bald am 26., daß er nach Eilenburg zurückgekommen sei und mit dem Heere seinen Weg über Delitzsch nehmen werde, daher große Furcht. Am 2. März erschienen, nachmittags gegen 3 Uhr,, gegen 660 schwedische Reiter von verschiedenen Regimentern unter Befehl eine Oberst-Leutnants und lagerten bei der Vogelstange. Ein Major des Duglasischen Regiments, der hier gelegen hatte, kam mit etlichen Offizieren an das Tor, besprach sich mit dem Rate und verlangte zwar nichts als'. Brot und Bier, sagte aber, daß man dem von Banér gesendeten Artillerie­Leutnant, welcher Artillerie-Pferde verlangen würde, bei Vermeidung Unglücks ja nicht entgegen sein solle, eine freundliche Warnung, die schmerzlich, der Stadt aber sehr heilsam war. ihre Absicht war, Salz von Halle zu decken und gab man ihnen, was man übrig hatte, 1 Faß Bier und gegen 300 Pfund Brot. Der Artillerie-Leutnant, welcher noch während ihres Daseins ankam, ward eingelassen und da ihn der vom Feldmarschall eigenhändig unterschriebene Paß vom 2. März, den er vorlegte, zu Übernahme aller tüchtigen Artillerie-Pferde in der Stadt und im Amte anwies, mußten ihm 30 Pferde mit Füllen, ungeachtet sie schlecht waren, ausgeliefert werden. Er zog damit, abends gegen 8 Uhr, wie man erfuhr, nach Holzweißig und nahm den Weg gegen Dessau.  Von den eingeflüchteten Mobilien mußte an die Wache gegeben. werden 12 Groschen von einem beladenen Wagen, 8 Gr. von einem ziemlich be­ladenen, 3 Gr. von einem Schiebkarren, 2 Gr. von einem Pferde oder einer Kuh, 1 Gr. von einem Schwein und 1 Gr. von einer Hucke. Diese Einnahme begann am 25. Februar und dauerte bis zur Ankunft des Oberst-Wachmeisters Köppe, welcher sie an sich zog. Vom 6. März. bis 15. April betrug sie für den Rat 106 Gülden 15 Gr. und man kann sich denken, wie sehr die vorher schon überfüllte Stadt beengt und beschwert war. Auch reichte es bei weitem nicht zu dem Lohne hin, den man den Wächtern gab. Am 19. März schlugen die Fronen des Nachts auf der breiten Gasse einen Soldaten, Peter, bei welchem man in zwei ledernen über dem lin­ken Ellenbogen und Knie fest anliegenden Banden 83 Gülden fand. Dem Entdecker, Abraham Voigt, gab man 2 Taler, die Fronen wurden verwiesen. Dem Scharfrichter, welcher bisher aus Furcht vor den streitenden Parteien das Aas in seinem Gehöfte vergraben ließ, untersagte man es bei Ahndung, auch die, welche den Kirchhof durch Düngerausbringen verunreinigten, wurden mit 20 Talern Strafe bedroht. Die am 23. März von Trautorf hierher geschickten Reiter, welche fleißig quartieren sollten, suchten leider nur ihren Nutzen und wurden den Bürgern so beschwerlich, daß der Rat, so ungern er es tat, über die Exzesse Bericht erstattete, in dessen Folge denn Trautorf am 3. April andere 20 Reiter als Salveguarde hierher schickte und jenen den Paß abnehmen ließ. Die abgerufenen Reiter verursachten auch durch freche Heraus­forderung, daß am 2. April, abends zwischen 9 und 10 Uhr zwei bis dreihundert schwedische Reiter, von einem Major des Duglasischen Regi­ments geführt, gegen die Stadt anrückten und durch Feueranlegung in der Vorstadt, wo 15 Mann durch ein Schleusenloch der Abdeckerei ein­gedrungen waren, sich rächten. Es brannten an diesem Abende 40 Häu­ser nieder und die Stadt verlor bei diesem und dem am 18. Februar geschehenen überfalle nach amtlichen Berichten 60 Wohnhäuser, 39 Scheunen, die Schäferei mit 600 Stück Schafen, die Ziegelscheune, auch wurden die Mühlen zerstört und könnte namentlich in der Naundorfer Müh1e lange nicht gemahlen werden. Man schlug den erlittenen Schaden zu 50 000 Talern an. Am 3. April kam ein Salveguarden-Brief von Trautorf, am 6. aber kur­fürstlicher Befehl, daß sogleich aus Stadt und Amt 70 Mann bei eigener Kost mit zwei bespannten Wagen auf einige Wochen zur Festungsarbeit nach Leipzig gestellt werden sollten - eine Unmöglichkeit, da alle Höfe auf dem Lande leer standen, nur des Nachts heimlich besucht, mit dem Morgen aber wieder verlassen wurden. Man versuchte daher diese Sen­dung in Leipzig mit Gelde abzumachen und sammelten die Viertelsherren Haus für Haus 88 Gülden zu diesem Zweck. überdies verlangte man zu diesem Festungsbaue 1000 Taler von der Stadt, weshalb man mit dem Kommandanten in Unterhandlung trat. Am 15. April rückte der Oberstwachmeister Köppe unter Hatzfeld mit Kroaten ein, befahl die Tore besser zu befestigen und das Hospital mit Palisaden zu versehen, wobei er das eben erwähnte Wachgeld für sich bezog. In diesem Monat verbreiteten sich die gefährlichsten Krankheiten. Ganze Familien, heimische und fremde, starben und die Vornehmeren verließen die Stadt. Die Stadt war erschöpft, auf das Äußerste gebracht und doch quälte man mit den größten Anforderungen. Dem General Dom von Vitzthum mußten am 3. 40 000 Pfund Brot und 40 Faß Bier oder 7 Taler für jedes geliefert werden. Die Kaiserlichen unter Hatzfeld erhielten starke Lieferungen und seine Küche in Eilenburg bezog von hier die Viktualien, für die auf einmal nur die Summe von 112 Gülden ausge­geben ward. Dabei hatte man kostspielige Einquartierungen, den Hatz­feld, den Obersten Karunski, den General Ktitzing mit Gemahlin, den Grafen Reheberg, einen General-Quartier-Meister, mehrere Proviant­und Rumor-Meister, auch lag der Kommissar Fischer mehrere Tage hier, der Getreide-Lieferungen für das kurfürstliche Magazin erhob. Am B. gingen Vitzthumische Reiter hier durch nach Aken und vom 10. ab quartierten 51 Mann 16 Wochen als Besatzung. Auf Befehl mußten der Stadtgraben am breiten Tore und die Teichgraben 18 Tage lang von den Bauern gereinigt werden. Am 23. Juli; starb auch der Schullehrer Johann Keilenberg am Nerven­fieber und nahm man an seine Stelle in der Not den Schulmeister in Kyhna, Christoph Rümpler, welcher sich in der Stadt befand. Er hatte nicht studiert, war aber ein geschickter Musikus, als Stadtpfeifergehi1fe 1617 in die Stadt gekommen und Bürger geworden. Im folgen­den Jahre übertrug man ihm nach Eberhards Tod den Küsterdienst und der bisherige Schulmeister in Schenkenberg, Conrad Casius, welcher die Universität aus Mangel an Unterhalt verlassen mußte, trat als Lehrer in seine Stelle.
Das Haus der Witwe des Ratsherren Jünger, in welchem mehrere Adlige wohnten und krank lagen. durfte bei 50 Talern Strafe nicht geöffnet werden. Am 18. September kam der General Gelren mit der Götzischen Armee hier an. Der Durchzug dauerte drei Tage und blieb der General mit Hofstaat und Stabe so lange in der Stadt. Dieser Durchzug kostete der Stadt mehrere Tausende, der Rat allein gab aus seinem Keller 3 Stück 12 Eimer Wein. Die Anforderung für die Küche des Generals ging ins Unglaubliche und bestach man den Koch, daß er sich mit dem begnügte, was man zu leisten vermögend war. Ein Pater, der durch Fürsprache wehrte, daß die Reiter die übrigen wenigen Schafe der Schäferei nicht raubten, erhielt 6 Gülden und Bier zum Geschenk. Am 22. September mußten sämtliche Zimmerleute der Stadt und Um­gegend zu Wiederherstellung der Muldenbrücke nach Bitterfeld. Der Rat gab jedem beim Abgange einen Taler mit. Die Zahl der in diesem Jahr Verstorbenen ist 881. Ganze Familien erloschen, kein Haus war ohne Trauer. Von Fremden finden sich im Totenverzeichnis: Ludwig von Bissing auf Löberitz etc., die Gattin des Cornelius von Bissing auf Laue; die Gattin des Erich von Rabiel, Dorothea auf Schköna; Martha Maria, die Toch­ter des Otto von Hake auf Zschepen und Selben; die Witwe des Wolf Rudolph von Ende auf Zschepplin, Sausedlitz, Badrina etc.; Hans von Scheidung auf Wölkau; Sophie, eine geborne von Schönfeld auf Löb­nitz; Heinrich von Crostewitz auf Biesen und die Tochter des Otto von Crostewitz auf Roitzsch. Dieses Jahr, unstreitig das traurigste in der Geschichte der Stadt, beschloß mit seinen Vorgängern eine Summe von Verlusten, die ihr allseitig von keiner Zeit ersetzt worden sind. Hin­sichtlich der Bevölkerung zwar trat sie in den vorgerückten Jahren des 19. Jahrhunderts, doch nur erst in diesem, in den alten Rang, sie hat aber noch Wüstungen statt der alten Fülle öffentlicher Kasse, aus der man Rittergüter kaufen und Tausende verleihen konnte, ein dürftiges Gemeingut und der bürgerliche Wohlstand der Gegenwart möchte schwerlich nur eines Jahres Prüfungen der Zeit gewachsen sein.


1638
Mit Baners Rückzuge nach Pommern entfernte sich zwar das vereinigte kaiserlich-sächsische Heer, das ihm folgte, das ausgesogene Land aber war mit nachziehenden wildem Horden angefüllt und um nichts sicherer. Die Städte blieben nach wie vor der Unglücklichen Zufluchtsort und gerieten, weil der Feldbau niederlag, auch wegen Unsicherheit und Mangel an Pferden, aus der Fremde Getreide nicht bezogen werden konnte, in Hungersnot. Die Getreidepreise stiegen anfangs des Jahres so hoch, daß viele Hungers starben, viele auswanderten. Der Scheffel Weizen galt 6, Roggen 5, Gerste 4 1/2, Hafer 1 ¾ Taler und ward oft verge­bens gesucht. Mit den vornehmeren Familien des Landes drängten sich auch viele Verarmte ein, die in den Brandstätten der Vorstadt hau­sten und, von Hunger und Seuchen ergriffen, untergingen.


1639
Auf die Nachricht von Bauers Annäherung entfernten sich in Leipzig die Messfremden und rückte daselbst am 31. Januar der sächsische General-Kriegs-Kommissarius von Schleinitz mit dem Oberst-Leutnant Röhrscheid und 700 Mann zur Besatzung ein. Schwedische Reiterei streifte schon über die Saale in hiesiges Amt. Bauer kam mit 18 000 Mann und 120 Stücken Geschütz über Eisleben, welches er am B. Februar be­setzte, den 14. nach Halle und Merseburg, wobei Landsberg rein aus­geplündert ward. Fünf sächsische Regimenter, die bei Taucha standen, zogen sich nach dem Gebirge. Am 22. Februar rückte das Duglasische Regiment hier ein, in Eilenburg das Dörflingische, welches dem Kommandanten in Leipzig viele Wagen und Pferde, die er um Bier zu holen, unter Bedeckung von Musketieren geschickt hatte, wegnahm. Der Oberstleutnant Lange in Halle bezog seinen Unterhalt meistens aus hiesigem Amte bis in den Mai, wo die Stadt wieder von einer Abteilung des Schleinitzschen Regimentes aus Leipzig besetzt ward. Ein Bittschreiben des Rates an Bauer vom 4. März gibt über den Not­stand der Stadt diesen treuen Bericht:
.,Der Königlichen Majestät und der Reiche Schweden, wie auch der conförderirten respective Rat Herr General und Feldmarschall etc." „Hochwohlgeborner, gnediger Herr, E. Gn. und Excell. sind unsers ganz willige Dienste treuen Fleißes jeder Zeit zuvor, Gnediger Herr, E. Gn. u. Excell. können wir arme hochbedrängte Leute, erheischender höchster vnsr notdurft nach in Vnterthenigkeit nicht vnberichtet laßen, wie daß Derosleben Obirstlieutnant vnter dem löblichen Douglasischen Regimente zu Roß, Herr William Barclay, am 21. jüngst abgewichenen Februarii mit 8 Compagnien zu Roß und 50 Mann zu Fuß vor der Stadt alhier ankommen, und vmb den vor 2 Jahren hinterstelligen Rest erstlich an­gehalten. Wiewohl wir uns nun jetzt gedachten Rests guter maßen er­innern, So können jedoch E. Gn. u. Excell. wir vnterthenig nicht ver­halten, daß hiesige Stadt vor sich denselben nicht schuldig, sondern des . Amts Vnterthanen und Bauern auf dem Lande verblieben, welcher willen wir solchen indebite uff uns zu nehmen gedrungen, von dem Oberstlieutnant Christian Beckern ex commiseratione in Ansehung vnsers erlittenen großen Schadens, weil er sich erinnert, daß ohn das die damals von E. Excell. verordnete Contribution über doppelt erpresset, per nouationem uff 2000 Taler gerichtet, und ihm alsbald 200 Taler laut seiner Quittung baar abgetragen, wie nicht weniger auch E. Excell. ge­strengen jetzt abgeordneten Oberst-Lieutenant Herrn Barclay über 1000 Taler entrichtet und den nächstens zu Erfüllung der 2000 Taler förder­lichst einzubringen höchlich bemühet haben, es ist aber vnsrer armen Bürgerschaft zu einer so hohen Summe zu gelangen aus vielen Vrsachen ganz unmöglich gewesen. Bevorab weile 1) vor 2 Jahren auf E. Gn. Douglasisches Regiment 15,308 Thaler 20 Gr. 7 Pf. an Gelde, außer was die Landschaft dieses und anderen Aemter zugeschoßen, item 3,5601/2 Scheffel an Habern vor dem Stab hergeben müßen, ohne was sonsten der Bürgerschaft von denen Soldaten abgenommen worden; Darzu vors 2) kommt, daß dieser hohen Contribution ungeachtet am 18. Februarii und 2. Apriiis des 1637. Jahres vnser Vorstädte zwey malen angesteckt, 69 wohlerbauete Wohnhäuser mit allen eingebäuden, 39 Scheunen mit allen Vorräthen und des Raths Schäferei, beneben 600 Stücken Schaf­vieh verbrandt, und also über 50,000 Thaler Schaden geschehen, Wollten , anitzo 3) geschweigen, daß uns etzliche Jahr her unterschiedene viel Durchmärsche betroffen, dadurch Getraide, Pferde, Schafe, Rinder-Vieh und andere Mobilien abgenommen. Dahero 4) der Ackerbau nicht fort­gestellt, sondern alles öde und wüste liegen geblieben, welches 5) die Vrsach ist, daß nunmehr innerhalb weniger Zeit bis in 300 Personen Hungers gestorben, und die annoch kümmerlich lebende arme Leute mit Kleien und Trebern, ja mit Hunden, Katzen, vmgefallenen Viehes Fleisch und anderen ungewöhnlichen Speisen den hungrichen Magen stillen müßen, gestalt solches alles E. Excell. Obrister Lieutenant Herr Barclay und seine Officirer und Soldatesca täglich vor Augen haben, und nicht ohn Bestürtzung erfahren, Anitzo auch 6) uff verpflegung der Soldatesca so ein hohes aufgewendet worden, daß uns dannenhero alle lebensmittel entzogen, und bei dieser armen Bürgerschaft nicht das ge­ringste mehr zu erhaben seyn will, wie solches alles die allhie anwesende Ober- und Vnterofficirer mit mehrern berichten können, Gelanget dero­wegen an E. Gn. u. Excell. vnser vntertheniges demüthiges und gantz dienstfleißiges bitten, Sie wollen aus angeborner löblicher gütigkeit und Milde uns arme leute in dieser vnser höchsten bedrengniß und Beschwe­rung mit Gnaden ansehen, eine christliche condolentz mit ihren Mit­christen und Glaubensgenoßen hegen, die obangeführten Motiven gnä­digst ponderiren, und verfügung thun wollen, damit die höchstbeschwer­liche Einquartierung von uns abgewendet, die völker mit guter ordre abgeführet, wie auch wir armen höchstverderbten Leute bei der einmal geschehenen transaction und vergleichung derer 2000 Thaler gelaßen, und mit einer gnädigen gewierigen resolution versehen laßen wolle. Solches vmb E. Gn. v. Excell. vnterthenig zu beschulden, wie auch den Rest in Jahr- und Tages-Frist auszubringen, vnterdessen aber des Raths und gemeiner Stadt bereiteste Güter pro hypotheca zu constituiren, und uns sonst nach möglichkeit willfährig zu bezeigen, wollen wir jeder Zeit geflissen erfunden werden, Göttlicher hohen Vffsicht und protection zu langwieriger guter gesundheit treulichst Deroselben aber zu beharrlichen gnaden und beförderunge uns vnterthenig befehlende,
Actum Delitzsch, den 4. Martii anno 1639."
Der Kommandant in Leipzig machte zwar am 18. März einen glück­lichen Ausfall auf Altenburg und Pegau, der am 28. März hiesiger Stadt zugedachte nächtliche überfall aber mißlang, weil das hier liegende Duglasische Regiment Nachricht hatte und die ankommenden 200 Reiter und Musketiere zurückwies. Durch diese räuberischen Streifzüge ging das wenige, zum Landbaue mit Anstrengung letzter Kräfte angeschaffte Vieh verloren und zogen Menschen den Pflug. Vom Mai bis September hatte die Stadt viel schwedische Verwundete zu verpflegen und am 1. Oktober rückte, da die Schweden jenseits der Elbe lagerten, das Regiment des kaiserlichen Obersten Ungar ein, wel­ches bis in den Januar künftigen Jahres liegen blieb. Die Einquartierung kostete manchem Hause 170 Täler und brachte nach der Anlage vom B. Oktober jedesmal das Brauerbe 1 Täler, der Pfahl­bürger 12 Groschen, der Bürger ohne Haus 6 Groschen, der Hausgenosse 3 Groschen, das Feld 4 Pfennige vom Schocke auf. Von allen Seiten zeigte sich die Geneigtheit zum Frieden. Baner selbst gab einige Vorschläge und im Dezember ward deshalb einkurfürstlicher Kollegialtag in Nürnberg angestellt. Mit Bezug auf diesen Kollegialtag vereinigte sich der sächsische Kommandant in Leipzig und der schwe­dische in Halle, Handel und Gewerbe beider Städte nicht zu stören, was den Bedrängnissen hiesiger Gegend wenigstens einige, wiewohl nur kurze Erleichterung gab. Das Getreide, welches bis zur Ernte im Werte stieg, sank zwar nach derselben bis zur Hälfte, war aber schwer zu erlangen und starben nach dem Kirchenbuche 157 Menschen meistens Hungers, die man nicht nannte und in der Stille begrub. Das meiste Brot lieferten noch die Platzbäcker (Bäcker vom Lande), die täglich feil hielten; es war aber selten Roggenbrot, in der Regel ein Gebäck von verschiedenen ge­ringeren Mehlarten und wohl auch mit der Gesundheit schädlichen Dingen betrügerisch vermischt. Die Stadt, obschon von gefährlichen Krankheiten ergriffen, zählte doch nur 57 Verstorbene, weil ihre Bevölkerung mehr als zur Hälfte gesunken war.


1640
Die Stadt war in dieser Zeit bald mit Sachsen aus Leipzig, bald mit Kaiserlichen belegt und den gröbsten Gewalttätigkeiten ausgesetzt. Die Ungarschen befreundeten Reiter heizten mit Türen, Tischen, Fenstern, tragbaren Obstbäumen und hüteten Gras und Getreide weg. Die Mühlen erhielt man nur durch teudrbezahlte Salveguarden, die Schäferei. aber, kaum wieder angelegt, war nicht zu retten. Die Kämmereikasse war ohne Einnahme, der Rat konnte nicht wechseln, keinen Diener be­solden, nicht einmal den Musikus und T ü r m e r erhalten, und rettete sich, von der Leipziger Kommandantur mit Anlagen und Verpflegungs­geldern bis auf das Blut gequält, nur durch ein Darlehn von 2000 Tälern, das ein edler Mann, der Bürgermeister Schwendendörfer in Leipzig, der Stadt aus Mitleid gab. Dabei geriet man mit den Geistlichen, die Privathäuser besaßen, und sich ihren Sold durch Kriegsabgaben nicht kürzen lassen wollten, in bittern Zwist und kaum zu lösende Rechnungs-Verwirrung.


1641
Baner, durch Frankreich und Hessen verstärkt und mit dem Herzoge von Braunschweigverbunden, suchte den Feind bei Saalfeld, der ihm aber entwich. Er wollte nun Regensburg, wo Kaiser und Kurfürsten sich berieten, überfallen, aber das eintretende Tauwetter und der Eisgang der Donau hinderten ihn. Jetzt verließen ihn die Hilfsvölker unter Guebriant, seine kleine Schar ward plötzlich von dem verstärkten Heere der Feinde umstellt und nur ein kühner, überraschender Rückzug durch die nach Böhmen führenden Wälder und der Mut des tapferen Obersten Schlange, der mit drei Regimentern in dem unbefestigten Neuburg den verfolgenden übermächtigen Feind vier Tage hielt, rettete ihn. Er kam glücklich durch den Paß bei Priesnitz, den ihm der auf einem kürzeren Wege nacheilende und nur um eine halbe Stunde zu spät kommende Piccolomini sperren wollte, nach Meißen und am 20. März in Zwickau an. Von hier zog er sich in das Braunschweigische und starb, nicht ohne Verdacht empfangenen Giftes, am 20. Mai in Halberstadt. Er war 1596 geboren, alten Geschlechts, Meister der Kriegskunst, tapfer und hielt nach den Umständen der Zeit auch Manneszucht. Sein Leichnam ward am 17. September in Stockholm feierlich beigesetzt, der Oberbefehl des in Deutschland befindlichen Heeres aber bis zu Torstensons Ankunft den Obersten Pfuhl, Wrangel und Wittenberg übertragen. Am 2. Januar wurden die Hamburger Kaufleute auf ihrer Reise zu der Leipziger Neujahrs-Messe in Landsberg geplündert und ihnen 70 Pferde genommen. In dem Gasthofe des Esaias Richter (im Ring am Markte) brach am 29. Januar Feuer aus, ward aber sogleich unterdrückt. Am 30. September endete der Reichstag in Regensburg und am 5. Dezember nahm der Ausschußtag in Dresden seinen Anfang. Die Sehnsucht nach Frieden war zwar allgemein, denn die Heere lebten größtenteils nur noch vom Raube, die Beteiligten aber hatten zu ver­schiedene Interessen, kaum vereinigte man sich über den Ort und An­fang der Friedensunterhandlungen und auch diese waren lange nichts als ein diplomatischer Krieg. Im November kam auch Linard Torstensen, der neue. Befehlshaber der Schweden mit 8000 Mann frischer Mannschaft aus Schweden nach Pommern, ging bei Boitzenburg über die Elbe in das schwedische Lager nach Wolfenbüttel und von da in die Lausitz. Außer dem Reste schwedischer Kontributionen nach Aschersleben mußte die Stadt geben Schleinitzisches Service, Unterhalt den Schleinitzischen Reitern (Dragonern), Brot und Fourage für das kaiserliche Heer, Ver­pflegung den streifenden Horden, oder, wie niedergeschrieben, den marschierenden zigeunerischen Völkern. Die in Leipzig und der Umgegend liegenden Sachsen kosteten oft mehr als der Feind und zeugte ihr Betragen in den Städten, ja in Leipzig selbst von großer Verwilderung. So erlaubte sich der hierher beorderte Leutnant, die Bürger durch Schläge und Schimpfreden zu mißhandeln, was sich aber die Bürgerschaft in Maße nachdrücklich verbat. Der Scheffel Weizen galt 38 Groschen vor, 30 Groschen nach der Ernte, der Roggen 18 bis 16 Groschen.


1642
Torstenson nahm im April mehrere Städte der Niederlausitz und Schlesiens und schlug die Kaiserlichen unter Franz Albrecht von Sachsen­Lauenburg, der verwundet starb bei Schweidnitz. Neuß und Oppeln mußten sich darauf ergeben. Im Oktober. zog er sich aus der ausgesoge­nen Gegend über Torgau in hiesige, war am 19. dieses Monats mit dem Heere in Eilenburg und am 20. vor Leipzig. Es ließ gegen das Pauliner­Kollegium nach dem Peterstor zu stürmen, die Stürmer aber hatten untaugliches Gerät, fanden kräftigen Widerstand und wichen. Indessen nahte Piccolomini mit einem kaiserlichen Heere über Grimma, worauf sich Torstensen in die Gegend von Breitenfeld zog, und am 23. den vollständigsten Sieg erhielt. Das kaiserliche Heer hatte 5 000 Tote, 4 500 gerieten in Gefangenschaft und viel wertvolles Gepäck, unter anderen das reiche Silbergerät des Erzherzogs Leopold Wilhelm, der nur durch Zufall dem Tode entging, fiel mit 46 Fahnen den Siegern zu. Piccolomini flüchtete mit dem Reste des Heeres über Eilenburg, Dresden nach Böhmen, Leipzig aber ward, nachdem man dem Schlosse so zugesetzt, daß es länger nicht gehalten werden konnte, am 29. November mit Akkord übergeben. Der in der Schlacht gebliebene General-Major Erich Schlange, einer der tapfersten schwedischen Krieger, fand in der Leipziger Nikolai­kirche ein ehrendes Grab. Torstenson zog mit dem Heere dem Gebirge zu. Die Stadt war in dieser Zeit auch mit flüchtigen Bewohnern der weiten Umgegend angefüllt. Mütter aus den Städten Brandis, Bitterfeld, Brehna, Eisleben etc. und fast allen Amtsdörfern ließen ihre Kinder hier taufen und die Bedrückung der ohnehin verarmten Stadt war umso größer, als das Heer in den durch Plünderung und Brand verwüsteten Dörfern keine Unterstützung fand. Sechs bis sieben Kontributionen an Geld muß­ten mit Naturallieferungen aller Art ausgebracht und die Ratsdörfer dem Oberst-Leutnant Schieke wegen der Duglasischen Reste verpfän­det werden. Wie es selbst in der weniger bedrängten Zeit des Jahres in den Dörfern der Gegend aussah, zeigt das Taufregister der Kirche, nach welchem eine Ehefrau aus Kitzen, die ihren Mann suchte und auf dem Wege niederkam, zur Taufe des Kindes in den Dörfern keinen Geistlichen finden konnte, sondern es hier am 9. Juli taufen ließ. Der Diakon Christmann Bornmann, dessen Besoldung infolge des Krie­ges ausblieb und gern zu seinem Unterhalt etwas Vieh halten wollte, doch ohne Feldbesitzung war, bat den Rat um Überlassung des Stücks Wiese in den Kohlgärten, welches man für die alte Leipziger Straße hielt, der Rat konnte sie ihm aber, weil es Gemeindeanger war, nicht gewähren und bemerkt dabei, daß es wenig nutzbar sei, weil wahrscheinlich unter der Decke Steinpflaster liege und das Gedeihen des Grase hindere.


1643
Am 3. Januar war ein heftiger Sturm, der die Gebäude sehr beschädigte. Am 22. März erließ Torstenson aus dem Hauptquartier Malschwitz einen strengen Befehl gegen die Abschweifer des Heeres, die das Land mit Rauben, Stehlen, Morden und anderen großen Insolentien unsicher machten. Nach Leipzig mußten von hier aus Schanzgräber zu Wiederherstellung der beschädigten Festungswerke gestellt werden und fanden sich bei damaliger Volkszählung
22 Männer und
12 Weiber über 60 Jahre;
141 Männer und
116 Frauenspersonen von 14 bis 60 Jahren;
40 Kinder von 10 bis 14 Jahren;
10 Knechte und
21 Mägde,
an Häusern aber 145 bewohnte und 111 Wüstungen.
Anfangs des Juni nahmen die Friedensverhandlungen zu Münster in Westfalen ihren Anfang, zu welchen der Kaiser auf einem Reichs­Deputationstage in Frankfurt die Einleitung getroffen hatte. Es war eine ausgezeichnete Heuernte und am 20. Juli ein heftiger Sturm. Am 27. August überfielen die Kaiserlichen und Sachsen Eilenburg, nah­men die Besatzung, welche aus 200 Pferden bestand, und töteten den Anführer Busch, flüchteten aber, als sie von Königsmarks Annäherung hörten, welcher am 1. September mit 7 000 Mann nach Leipzig kam und sogleich über Eilenburg, Torgau nach Pommern ging. Der verwitweten Magdalena Sibylla von Luckowen auf Döbernitz, welche vom Rate noch 148 Taler 6 Gr. Strafgelder aus der Brinniser Tumultsache (s. 1629.) zu fordern hatte, die dieser nicht zahlen konnte, mußte deshalb die Elberitzmüh1e versetzt werden, die man erst im Jahre 1653 wieder einzulösen vermochte. Die Witwe des Otto Klebe, Marie, eine Hospitalschwester, setzte in ihrem am 19. August errichteten Testamente das Hospital zum Erben ein. Sie besaß ein Haus mit Vorder- und Hintergarten auf dem D a m m e, das aber derzeit durch den Krieg verwüstet war.


1644
Dieses Jahr war wegen unablässiger, starker Besatzung der durch nahe Gefechte mit den umschweifenden Kaiserlichen und Sachsen erbitterten Schweden eines der beschwertesten des Krieges und eine schriftliche Nachricht des damaligen Kämmerers oder vielmehr dessen Schwieger­sohn, des Kantors Schulze, die sich erhielt, dürfte hier an ihrem Platze sein. „Bei Artretung des neuen Jahres war die Stadt mit vielen schwedischen Völkern überleget, die Einquartierungen überhäuften sich von Monate zu Monate so, daß die meisten von der Bürgerschaft davon gingen und ihre zerstörten Häuser mit' dem Rücken ansehen mußten, wie das in dem Ratsprotokolle vom 31. Mai 1644 ausführlicher zu befinden. Hierzu kamen des Landgrafen von Hessen, des General Königsmark und vieler anderen schwedischen Völker Märsche und Rückmärsche, wo der Rat alles, was. sich in der Scheune, dem Keller, der Schäferei, auf dem Boden oder in Kaße befand, angreifen und unentgeltlich hergeben müssen. Ja sie nahmen es mit Bedräuung selbst weg, daß man Gott ge­dankt, wenn man ohne Schläge und mit ganzer Haut vom Rathause kommen können. Ich aber, der Kämmerer, in Mangelung anderer Rathsmittel, zu Ver­hütung größeren Unglücks, mein bislein Armuth auf das Rathaus schleppen, hingeben müßen, damit mir und meinem Collegen Friede geschafft, und der bedrängten Bürgerschäft die fast unerträgliche Last gemindert würde, wie dies Alles aus den Kriegsaden mit Verwunderung zu. er­sehen seyn wird. Der Rath mußte den Bier- und Weinschank einstellen, weil in der Stadt nur wenig gebrauet, fremdes Bier aber wegen der streifenden Horden nicht eingebracht werden konnte. Der Rath büßete bei einer einzigen Bieranfuhre, die man versuchte, Bier, Wagen und Pferde, am Werthe 224 Thlr., ein. Der Wein wurde aus dem Keiler genommen, das Getraide auf dem Felde und in den Scheunen von den hin und her ziehenden Völkern verderbt und preisgegeben. Die Königsmärkischen vernichteten. beinahe die ganze Kornernte und mußte das Zerstreuete mit Mühe am 15. August wieder zusammen ge­bracht werden, vom Hafer aber ward nichts gerettet. Die Arbeiter an der Fortifikation (in Leipzig) erhielten Korn statt Gel­des, das man nicht hatte und als der Major Lange am 24. August die Pferde mit Gewalt nahm, pflügten die Marketender des Raths Felder, denen man statt Lohnes Getraide gab. Die Rathskasse war ohne Einnahme. Den Zoll erhob der jedesmalige Commandant für sich. Der Oberste Schieke, der einige Zeit den Oberbefehl hatte, stellte daher gewöhnlich zwei Reiter mit geladenen Pistolen vor das Rathhaus und die Schenk­stube, die die Gleitspflichtigen zu ihm weisen mußten, und die folgen­den thaten es ihm nach. An Schoß-, Bank- und anderen Zinsen war von der erschöpften, bis zur Hälfte geschwächten Bürgerschaft nichts zu erlangen, das geringe Stätte­geld aber ward dem Frohne, dem man sonst nichts geben konnte, zu seinem Unterhalte überlaßen. Die Mühle in Naundorf war verlaßen, die Stadtmühle wegen Verschüttung der Arche längere Zeit ungangbar, und nur durch ansehnliche Geschenke an den schottischen Major Dunbar, der sie gänzlich zerstören sollte, zu retten. Die Schäferei bestand beim Anfange des Jahres aus 311 Stück, der größte Theil mußte aber den bequartierten Bürgern zur Unterstützung gegeben werden, und das Uebrige ward von den Soldaten geraubt. Ein Hausmann (Musikus) konnten nicht gehalten werden, und ein verarmter Bürger versähe für einen Wochenlohn von 6 Groschen die Wache auf dem breiten Turm. Auch die Torwärter erhielten nichts, die Soldaten hatten die Torschlüssel. Nur den Nachtwächtern gab man geringen Lohn, den sie wegen öfterer Leibes- und Lebensgefahr wohl verdienten. 174 Gülden erhielten die Soldaten nur zu Licht, das Holz nahmen sie mit Gewalt, wo sie es fanden. Die Ziegelscheune war zerstört." Soweit die Nachricht des Kämmerers. Der Superintendent, Mr. Andreas Cruciger, starb am 11. März und ward am 13. in dem breiten Gange der Stadtkirche, nahe der Kanzel bei­gesetzt. An seine Stelle brachte der Rat den beliebten Archidiakon Mr. Gabriel Seholler in Vorschlag, welcher nach Dresden reisen und die Bittschrift dem Kurfürsten übergeben mußte. Dieser aber entschloß sich, kraft habenden Juris Patronatus, das vacierende Amt aus erheblichen Ursachen mit dem gewesenen Unterhofprediger der jüngst gestorbenen Kurf. Witwe in Lichtenburg, Mr. Christian Ilge, zu bestellen und so er­hielt dieser nach gehaltener Probepredigt die Vocation. Die seltsame Maßnahme, dem Rate das Patronatsrecht zu entziehen, ein Werk des Hoc von Hohenegg ist zu merkwürdig und verdient, daß ihr Andenken durch Abschrift der längst vergessenen Urkunde erhalten werde. Der Archidiakon Seholler und der Rat erhielten auf seine überreichte Bittschrift diesen Befehl. „Von Gottes Gnaden Johann Georg etc. Churfürst etc. Würdiger, Andächtiger und Liebe getreuen, Vns sind Euerr vnterthenigste schreiben, darinnen bey Vns Ihr der Rath, Euren Archidiaconum Mr. Gabriele Schollern zum verledigten Pastorat und Superintendens vnterthenigst verbeten, gebürlich fürgetragen worden, Demnach Wir aber, aus erheb­lichen Vrsachen, solch vacirendes Ambt mit M. Christian Ilgen, der jüngst seelig verstorbenen Churf. Sächs. Wittib zu Lichtenburg Liebden, gewesenen vnterhoffpredigern, crafft habenden Juris Patronatus, zu be­stellen entschlossen, Alß begehren Wir hiermit gnädigst, ihr der Archi­diaconus wollet gedachtem M. Christian Ilgen eine Zeit, zu verrichtung der Probepredigt, förderlichst bestimmen, die Cantzel eröffnen, und Ihr ingesambt, wann wieder seine person lehr und leben nichts erhebliches einzuwenden, an Vns ihn zu fernerer Verordnung remittiren und weisen, Daran geschieht Vnsere gefellige meinung,
Datum Dreßden, den 17. May 1644.
Friedrich Metzsch mpr.
B. Böhm, Secr.
Der Rat hatte in dieser schrecklichen entmutigenden Zeit, wo man alle Rechte mit Füßen trat, zu wenig Acht auf das „crafft habenden Juris Patronatus" und begnügte sich mit der ihm gnädigst verstatteten leeren Unterschrift der Vocation. Zum Glücke konnte er es diesmal unbedenk­lich, da der Berufene in jeder Amtsbeziehung ausgezeichnet und liebens­würdig war. Am 19. März ging die hiesige schwedische Besatzung nach Leipzig und am 9. April kam der Kommandant von Leipzig, Axel Lillie, mit seiner Familie, seinem Haushalt, 1000 Reitern und 60 Musketieren hierher und blieb sieben Wochen, das Kommando in Leipzig hatte indessen der Oberst Schullmann. Nach einen starken Nordlicht am 2. Mai trat große Trockenheit ein, die aber den Feld- und Gartenfrüchten eher nützlich als schädlich war, und man erntete reichlich, nur nicht in hiesiger Gegend, wo durch die Raub- und Zerstörungssucht der Heere das meiste verloren ging. in diesem Monat (Mai) mußten auch 1100 Taler an den hier liegenden schwedischen Obereinnehmer Harlin abgelielert werden. Am 21. Mai zog Königsmark von Leipzig nach der Weser und ließ in Leipzig den Obersten Candelberger den Oberbefehl. Nach seinem Weg­gange erschien Gallas wieder, verband sich mit Colloredo, Bruay und fünf Hatzfeldischen Regimentern so, daß sein Heer aus 12 000 Mann bestand und nahm Zeitz, dessen Schloß mit wenigen Schweden besetzt war, im Sturm. Am 11. Juni rückte dieses Heer vor Leipzig, drang am 13. in die Vor­städte, ward aber von den Basteien heftig beschossen, mußte sich mit Verlust nach Stötteritz ziehen, kam am 17. über Taucha hierher und nahm seinen Weg auf Bernburg, wo es über die Saale und bald darauf bei Werben über die Elbe ging. Bald nach diesem alles verheerenden Zuge kamen in der Mitte des Juli die Sachsen, nahmen Chemnitz, Grimma, Rochlitz und Leisnig, streiften auch in hiesige Gegend mit gleicher, beispielloser Plünderungs- und Zerstörungswut. Diese vertrieb der wiederkehrende Königsmark, wel­cher am 6. August mit den vornehmsten Führern von hier nach Torgau zog, diese Stadt nahm, am 25. aber wieder eintraf. Die Stadt mußte ihm bei seiner Ankunft 10000 Pfund Brot und 20 Faß Bier liefern, verlor alle Pferde und den Gebrauch der Mühlen, die man absichtlich ver­darb. Am beschwerlichsten war die Gegenwart des Obersten Schicke, welcher den größten Teil des Jahres mit seinem Regimente hier lag, sich alles erlaubte und zuletzt, im Dezember dieses Jahres, sogar Stücke der Stadtmauer niederriß. Um Abberufung desselben wendete man sich zu verschiedenen Malen an die schwedischen Befehlshaber in Leipzig, an Königsmark und Torstenson; die Umstände gestatteten aber keine Er­leichterung, weil bald die Kaiserlichen, bald die Sachsen, Königsmarks Abwesenheit benutzend, ihre Angriffe auf Leipzig und die Umgegend erneuerten und den Feind erbitterten. Wegen, dieser wiederholten An­fälle konnte auch die Leipziger Michaelismesse nicht gehalten werden, ungeachtet Torstenson dem Handel die möglichste Sicherheit ver­sprach. Am 28. Oktober starb der Aintsschösser Samuel Heller. Merkwürdig war, daß der Bürgermeister Bartholomäus Fiedler, welcher ihm die Abdankung hielt, bei seiner Rückkehr in die Wohnung vom Schlage getroffen wurde, nach wenigen Tagen starb und so die Stadt in wenigen Monaten die drei Vornehmsten verlor, von welchen namentlich Fiedler wegen seiner Gewandtheit in Behandlung der Kriegsangelegenheiten vor der Hand wenigstens nicht zu ersetzen war. Der Schösser Heller war einer der wohlhabendsten Bürger und verließ an Gütern das massive Haus der Rittergasse Num 113, 9 halbe Hufen Feld, 21/2 Acker auf Wiederkauf, 7 Acker Wiese, eine Scheune, 2 Miethäuser mit Weingarten an der Vogelstange, 2 unausgebaute Häuser mit Gärten in der Grünstraße, einen Hopfen- und Obst­garten im Rosentale nahe der Stadtmühle, 2 Krautgärten im Gut zu Kreuma und ein zweites abgebranntes daselbst, beide mit 7 Hufen Wiesen und Gärten. Torstenson, welcher anfangs des Dezembers in und um Schkeuditz la­gerte und den sächsischen Obersten von Gersdorf, welcher mit 300 Mann Sachsen Pegau besetzt hielt, um Einstellung seiner Streifzüge gegen Leipzig vergebens ersucht hatte, ging am 2. Dezember nach Pegau, beschoß die Stadt, die sich auf mehrmalige Aufforderung nicht ergeben wollte, bis sie in Feuer aufging und bis auf wenige Gebäude zerstört war. Zwei schwedische Trompeter brachten die Nachricht hierher. Eine Folge dieser unbesonnenen Verteidigung war, daß Torstenson in dem eroberten Zeitz das Schloß durch Sprengung vernichtete und auch andere um Leipzig liegende Städte auf diese Weise wehrlos zu machen befahl. Weißenfels, Eilenburg verloren dadurch ihre Schlösser und auch hier ward die Befestigung des Schlosses, ein Teil der Stadtmauer und Basteien niedergelegt.


1645
Königsmark, der in zwei Monaten das Erzbistum Bremen genommen hatte, kam nach Sachsen zurück und stieß in Schlesien zu Torstenson. Dieser rückte in Böhmen ein und erhielt am 24. Februar bei Jankau über das kaiserliche Heer, welches der Kaiser selbst und Hatzfeld an­führten, einen vollständigen Sieg. Der Kaiser flüchtete mit den Schätzen Wiens nach Graiz und alles bis zur Donau war Beute des Sieges. Fand er bei Krems Fahrzeuge, so war Wien verloren und blieb ihm Rakoczi, der mit 25 000 Mann zu ihm stieß, treu, der Krieg wahrscheinlich zu Ende. Der Kaiser gewann aber den Rakoczi durch große Versprechungen und da es dem Torstenson an Fahrzeugen fehlte, Krankheiten im Heere einrissen, er selbst ah der Gicht litt, so ließ er zu Krems und Korneuburg Besatzung, zog aber das Heer nach Böhmen zurück und ward, ärztliche Hilfe suchend, in einer Sänfte nach Leipzig gebracht, wo er am 18. in Eilenburg den Oberbefehl an Wrangel übertrug. Durch die Schlacht bei Jankau verlor Sachsen die letzte Hoffnung einer kaiserlichen Rettung und es gelang dem Axel Lillie und Königsmark durch absichtlich erhöhte Bedrückungen und Streifzüge gegen Dresden, welches man bisher verschont gelassen, mit Hilfe Herzogs August, Ad­ministrators des Erzstifts Magdeburg, den Kurfürsten zu einem Waffen­stillstand zu bringen, welcher am 27. August auf dem Pfarrhause in Kötzschenbroda auf sechs Monate abgeschlossen und von Zeit zu Zeit bis zum Frieden verlängert ward. In Folge dieses Vertrages gab Sachsen dem Kaiser nur drei Regimenter Reichshilfe, verstattete ihm keine Werbung, die Schweden hatten Leip­zig, freien Paß bis drei Meilen um Dresden und erhielten vom Lande monatlich 11000 Taler 3000 Scheffel Roggen und ebensoviel Hafer. Mit dem Abschluß des Waffenstillstandes ward es sicherer und hatte man zwar zu den verschiedenen Kontributionen an Geld, Bier und Getreide auch noch Armistitien-Geld und Getreide zu geben, konnte jedoch ruhiger nachdenken, auf welche Weise der so sehr verwilderte Acker des Gewerbes wieder zu befruchten sei. Man suchte die zerstörten Mühlen, die Okonomie und Schäferei wieder herzustellen, verwendete auf die Mühlen 64 Gülden, kaufte für 21 Gülden (die man aus altem Bruchsilber löste) Samenhafer und brachte die Schäferei auf 213 Stück. Auch fing man wieder an zu brauen, vermied aber die Einlegung fremden Bieres, weil die Zuführung gewagt schien. Die Ziegelei blieb in ihrer Verwüstung. Die Ratsmitglieder mußte man mit Roggen besolden, soweit es die Kontribution zuließ, doch zahlte man seit 1633 zum ersten Male etwas auf die Jahrrente ab. Der Scheffel Weizen galt 26-20, Roggen 15-11 Groschen.


1646
Der im vorigen Jahre zwischen Sachsen und Schweden geschlossene halbjährige Waffenstillstand wirkte zusichtlich auf Wiederbelebung des Landes, das Volk verlangte die Erneuerung um jeden Preis und so kam, weil auch Schweden es wünschte, in Eilenburg, wo man sich mehrere Wochen beriet, am 31. März, trotz den Gegenreden des österreichischen Gesandten von Lobkowitz, ein neuer Vertrag zur Unterschrift, den man als eins der erfreulichsten Ereignisse des Krieges mit großen Feierlichkeiten aufnahm, auch bis zum allgemeinen Frieden zu erhalten so glücklich war. Das schwedische Heer unter Wrangel und Königsmark kämpfte bald mit bald ohne Turenne glücklich in den entfernten Franken, Bayern und Schwaben, der kleine, in Leipzig gebliebene Abteil desselben hielt sich streng in den Schranken des Vertrages, der Armistitien Beitrag war gemäßigter als vorher, man hatte, obschon auf harter, wüster Stätte, doch Ruhe und konnte räumen und rüsten für die nahe bessere Zeit. Die Brauerei ward nach Kräften fortgesetzt, die Schäferei er­halten, die lang unterbrochenen, jetzt wieder regelmäßig gehaltenen Wochen- und Jahrmärkte fanden wenigstens einigen Besuch, auch rettete man aus den Trümmern des Kirchen- und Gemein­deschatzes, was noch zu retten, für den notdürftigsten Unterhalt des Lehrstandes dringend nötig war. Leider hatten die meisten Stipendien und Armenvermächtnisse mit den für ihre Sicherheit haftenden, längst wüst gewordenen Gütern und Häusern aufgehört. Vom 2. Mai bis 6. August waren Deputierte von hier auf dem Landtage in Dresden, wo zu Aufrichtung und Erhaltung des sächsischen Heeres außer den bisherigen Abgaben noch eine Kopf- und Gewerbe­steuer bewilligt werden mußte, welche monatlich von der Stadt 68 Taler 6 Gr. und bis zum 30. September 1650 von Stadt und Amt 20 321 Taler betrug. Jedes Haupt über 15 und unter 70 Jahr gab monatlich 1 Groschen. Der Scheffel Weizen galt 20, der Roggen 11 Groschen.


1647
Der im Jahre 1632 angestellte Rektor Mr. Christoph Schaarschmidt, welchen man 1638 in den Rat genommen, der Superintendent Cruciger aber, weil ein tüchtiger Lehrer an seine Stelle nicht zu erlangen war, zum Rücktritte in das vorige Amt bewogen hatte, übernahm aus Mangel, der ihn sogar zum Tanze zu spielen nötigte, das Pfarramt in Spröda und starb daselbst 1667. Das alte, 1606 gefertigte, im Kriege aber untauglich gewordene Uhr­werk des Hallischen Turmes, ward an die Kirche zu Golm für 22 Gülden 18 Gr. verkauft. Die Schäferei stieg bis 325 Stück, gab 31 Steine Wolle, und 139 Taler 12 Gr. Gewinn; aus dem Getreide aber löste man 240 Taler und verkaufte den Scheffel Weizen für 14, Roggen für 8, Gerste für 6 1/2, Hafer für 5 Groschen. Auch das Bierbrauen ward belebter und suchte man das in langer Not fast vergessene Bannrecht durch Wegnahme fremder Biere wieder vor. Doch gab es noch außer den ordentlichen folgende außerordentliche Aufgaben:
Kurfürstliche Kopf- und Gewerbesteuer,
Vitzthumische Kontributionen, Schleinitzische desgleichen,
Kontributionen zu des Oberstleutnants Anderson Auslösung,
Armistitien-Geld und Getreide,
Schwedische Executionsanlage,
308 Taler für den schwedischen Kornett,
Verpflegungstermin der Soldaten,
Service nach Meißen,
Dergleichen nach Wittenberg,
dergleichen nach Oschatz,
Verpflegungsgelder für die Oschatzer Soldaten,
und Ausgaben in Rechtssachen wegen der geistlichen Solde und des Oberstleutnants Schiecke (dem die Dörfer Gertitz und Werben verpfän­det waren) Ansprüchen an die Kommune.
Am 19. Mai brach in der langen Gasse in Zörbig bei einem Hufschmied Feuer aus, welches 40 Häuser und mehrere Scheunen zerstörte und mit der Bitte um Unterstützung von dem Rate daselbst hier angezeigt ward.


1648
Das Friedens-Instrument ward am 24. Oktober von 9 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags vorgelesen, mit Handschlag bekräftigt, unter­zeichnet' und tags darauf öffentlich kund gemacht. Frankreich und Schweden gaben den Ausschlag und man rühmte von den Schweden, daß es ungeachtet seines zeitigen, militärischen Übergewichts dennoch in seinen Forderungen bescheiden war. Es erhielt Vorpommern, Rügen, Stettin etc, Bremen, Verden, Wismar, Poel und fünf Millionen Taler, versprach, sobald drei Millionen gezahlt wären, Deutschland mit seinem Heere zu verlassen und mit den übrigen zwei Millionen ein Jahr zu warten, erklärte aber, als neue, in Nürnberg entstandene Hindernisse eintraten, daß es, bevor nicht alle den Evangelischen günstige Artikel vollzogen wären, in dem von ihm besetzten Ländern bliebe, wodurch die Freude über den kund gemachten Frieden gemäßigt und das eigent­liche Friedensfest bis 1650 verschoben ward. Die den Schweden, namentlich Oxenstierna so beschwerlich gewesene Politik des sächsischen Hofes war schuld, daß das bescheidene Sachsen für ungeheure Opfer, die es des Reiches Frieden gebracht, bei dieser Friedensbeute fast ohne Entschädigung blieb, Brandenburg aber bei ge­ringerer Anstrengung sehr begünstigt ward. Die Stadt Delitzsch hatte zu den fünf Millionen gegen 400 Taler beizu­tragen, erhielt zu den vielen gewöhnlichen und ungewöhnlichen Lasten noch das Einleger einer schwedischen Kompagnie mit Stabe und gab monatlich 320 Taler schwedisches Verpflegungsgeld. Bedenkt man, daß die Vorstädte in der Asche, innerhalb der Mauern viele Häuser wüst lagen, so erscheint die, pünktliche Ableistung ein Wunder, das nur durch die letzten Opfer früheren Wohlstandes, durch den Verkauf von Grundstücken der Stadt und die neu belebte, sichere Gewerbebetriebsamkeit einigermaßen erklärbar wird. Es hielten in diesem Jahre wieder Bank 3 Lohgerber, 11 Fleischer und Lästerer, 7 Bäcker, 4 Tuchmacher, 4 Böttcher und 9 Schumacher; die Schäferei kam auf 413 Stück und gab 127 Gülden Gewinn. Auch hatte man eine gute Ernte und verkaufte den Scheffel Weizen für 10 bis 12, Roggen für 8, Gerste für 5, Hafer für 4 Groschen. Die der Stadt gehörigen zwei Schöppenhufen auf Schweisser Mark bei Zschortau wurden am 16. Juni an Gregor Schönbrod verkauft und mit 1 Gülden 15 Gr. Lehnware belegt. Auf Bitte ward das im Jahre 1619 von 70 auf 200 Gülden erhöhte Dienstgeschirrgeld auf 100 Gülden ermäßigt durch kurfürstlichen Befehl vom 31. Oktober dieses Jahres, bei welcher Summe es geblieben ist.


1649
Die Stände des Leipziger Kreises kamen Ende des Januar in Leipzig zusammen, um sich über Verteilung der für diesen Kreis bestimmten schwedischen Mannschaft zu vergleichen. Diese bestand aus 10 Kompagnien zu Roß und 30 zu Fuß, wovon die Stadt Leipzig ihre 11 Kompagnien behielt, Delitzsch, Stadt und Amt aber mit 1 Kompagnie zu Roß und 11/2 Kompagnie zu Fuß belegt ward. Die Kompagnie der Stadt mit dem Stube bestand aus 104 Mann und 30 Pferden unter dem Major Liuen und erhielt ihre Verpflegung nach der Ordonnanz des Grafen Magnus de la Gardie vom 14. Januar dieses Jahres. Stadt und Amt, welches die Kompagnie-Reiterei und eine halbe Fußvolk hatte, war monatlich mit 700 Talern Geld, 110 Scheffel Hafer, 230 Zentner Heu und 650 Bund Stroh angesetzt. Der Kurfürst befahl am 25. August von Freiberg aus, das von den Schweden niedergerissene Torhaus und Mauerstück schleunigst her­zustellen. Fünfundzwanzig Ruten der Stadtmauer waren gänzlich, übrige Stücken teilweise zerstört. Der Scheffel Weizen galt 16-14, Roggen 8-13 nach der Ernte.