Häuserbuch der Stadt Delitzsch

Die städtebauliche Entwicklung der Neustadt 

Zur Verdeutlichung des Prozesses sollen zu Beginn, chronologisch, urkundlich für die Neustadt und Vorstädte nachweisbare Entwicklungsschritte aufgeführt werden.
1384 Am 1. April schenkt Markgraf Wilhelm zu Meißen zwei Gärten in einer Breite hinter dem Kirchhofe Unserer lieben Frauen (St. Marien) gelegen, die früher der v. Chrostewitz und die v. Trossin von Gerhard v. Zcorbecke zu Lehen hatten, nach dem dieser die Lehen aufgegeben, an die Kirchen Unserer lieben Frauen und St. Peter zu einem ewigen Geleuchte. 1398 Am 29. April kauft der Rat von Hans Trossin in Friedersdorf 2 Hufen und Zinsen auf Höfen und Gärten, gelegen vor dem Halleschen Tor, für 3 Schock Groschen. 1398 Heynow und Martin Kluczsch werden mit einem freien Hof vor Delitzsch belehnt. 1400 Hans v. Freyberg schenkt dem Hospital den alten Ziegelhof. Es wird am 15. Aug. vom Markgrafen damit beliehen. Der Ziegel hof lag hinter dem Hirtenhaus (Karlstraße), ward später mit 2 Scheunen bebaut und diese 1546 vererbt. 1425 Der Rat kauft von Friedrich (v. )Trossin am 21. September Haus und Hof mit allem Zubehör, gelegen bei Unserer lieben Frauen kirche in der Vorstadt und gab Verkäufer dabei alle Ansprüche auf an den 2 Hufen Land vor dem Halleschen Tor, an dem Hofe des Stephan Krone und anderen dazu gehörigen Gärten und Höfen die Hans von Trossin, sein Vetter, früher an die Stadt verkauft hatte. 1456 Erstmals Nennung von Viertelsmeistern "virtelhern" in der Neustadt "nove civitat". Dahingegen die erste Nennung in der Altstadt schon 1442 erfolgt ist. 1454 Der Rat kauft 6 Häuser von Bürgern in der Neustadt und bricht sie ab. So wurde der Roßplatz angelegt und städtebaulich Raum für eine erweiterungsfähige Neustadt geschaffen. 1458 Der Rat kauft von Dietrich von Freyberg auf Luppene u. a. zwei Hufen Freilehn am Steinwege (Eilenburger Straße) vor Delitzsch und die Lehen über den Spitalhof. 1470 Johann Lobda, jetzt Gleitsmann in Leipzig, löste von seinem Hof in hiesiger Neustadt 12 Groschen jährlich Zins ab und gab dafür 7 alte Schock. 1471 Die Töpferei in der Vorstadt wird vom Rat für jährlich 40 Groschen vermietet. 1493 Der Rat vererbte eine wüste Stätte hinter dem Hirtenhause, die vorzeiten dem Hospital geschenkt sein sollte, damit sie nutz bar würde, an Schake gegen šbernahme von Abgaben, 4 Groschen an das Hospital, 2 Groschen an den Rat und 2 Groschen Wächter geld. Er mußte aber einen freien Gang hinter der Scheune lassen. 1 1522 Man läßt den verschlammten Graben um die Vorstadt, von der Wasserrinne hinter Hans Ruthards Scheune bis jenseits der Abdeckerei herstellen. 1 1531 Am 29. 6. entstand Feuer in des Schwarzfärbers Hause in der Neustadt, dem Brunnen und Grashoffs Scheune gegenüber, von zwei Häusern brannten die Dächer weg. 1 1545 Der Rat kauft von Hans v. Paks Erben drei Höfe auf dem Damm. 1 1550 Der Rat nimmt die bisherige Amtsschäferei in Erbpacht. 1 1551 Anordnung des Rates die Gerberhäuser aus der Stadt heraus auf einem Teil des städtischen Angers aufzubauen. 1 1554 Den Besitzern der Scheunen innerhalb der Mauern (Altstadt) läßt man auf kurfürstlichen nur noch eine Frist von 3 Jahren, sie sollen auf besondere Räume der Vorstadt wieder aufgebaut werden. 1 1566 Vererbung der Gerberhäuser an Besitzer (Gerberplan)1 1571 Für die Krankenwärter baut man auf dem Gottesacker vier kleine Wohnhäuser auf Gemeindekosten. 1 1606 Durch Blitzschlag brennen am 6. Juni 8 Scheunen in der Vorstadt nieder. 20. ) 1618 Am 5. 4. brennen bei der Schäferei 7 Scheunen und das Haus des Matthäus Meise ab, dessen Stätte ließ der Rat räumen. 2 1637 Die Schweden dringen in die Neustadt ein und brennen am 18. 2. 22 Häuser und 27 Scheunen nieder.
Mit dem Abschluß des Ausbaus der ersten Neustadtanlage und auch der wehrtechnischen Einbeziehung durch den Bau der beiden Stadttürme und des Stadtgrabens im Osten um 1400 kam es vermutlich schon in den folgenden zwei bis drei Jahrzehnten zu einer neuen Siedlungsanlage östlich des Breiten Tores. Diese hat sich wohl bis 1454 parallel zur von Wittenberg nach Leipzig führenden Straße entwickelt, gelegen auf der westlichen Seite der heutigen Kohlstraße und Roßplatz, etwa zwischen Kohlstraße 8 und Roßplatz 3. Mit dem 1454 erfolgten Ausbau des Stadtgrabens um die Altstadt und der Anlegung des Walles (heute Am Wallgraben 17-28) und der Schaffung des heutigen Roßplatzes durch den Abriß von sechs angekauften Häusern wurde eine städtebauliche Neuordnung der weiter wachsenden Neustadt notwendig. Vermutlich wurden jetzt in der Neustadt erstmals Tore, das Mühltor am nordwestlichen Ausgang des Roßplatzes, das Viehtor im Norden, das Galgtor nach Osten und das Kohltor nach Süden, angelegt. Die Aufsiedelung erfolgt bis um 1490 vollständig auf dem Roßplatz, Eilenburger Straße 1-15 und 2-12, die Töpfereien Eilenburger Straße 39 und 46 und in der heutigen Kohlstraße. Ein weiterer Ausbau läßt sich etwa seit 1540 nachweisen, wobei nach 1555 vor allem die Scheunen in der Karlstraße, Saugasse, Marienstraße, August-Fritzsche-Straße und der Kohlgasse zwischen dem Kohltor und der Scharfrichterei hinzukommen. Gleichzeitig wird die Neustadt innerhalb der Tore mit Miethausstellen verdichtet, so daß 1637 eine höhere, nun schon vererbte Hausstellendichte wie 1850 noch nicht wieder erreicht, vorhanden ist. Der Prozess des Umwandlung von Miet-in Eigentumshäuser vollzieht sich seit Mitte des 16. Jh. bis zu den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg kontinuierlich. Vielfach wurden auch Scheunen zu Wohnhäusern umgebaut. Das wird vor allem in der Saugasse und der Kohlgasse zwischen Kohltor und Scharfrichterei deutlich, wo sich Scheunen und Wohnhäuser abwechseln und mit fortlaufender Entwicklung sich die Scheunen verringern, dagegen sich die Anzahl der Wohnhäuser erhöht. Hier zeigt sich wiederrum eine Kontinuität der Entwicklung die schon in der Altstadt mit dem 14. Jh. eingesetzt hat und sich bruchlos bis zum Dreißigjährigen Krieg über die Neustadt und Vorstädte fortgesetzt hat.

Anzahl der vererbten Häuser in der Neustadt(mit Damm und Rosental)

 1493 46 Häuser
 1501 46 Häuser
 1552 67 Häuser
 1567 78 Häuser
 1583 93 Häuser
 1602 106 Häuser
 1605 112 Häuser
 1612 133 Häuser
 1622 151 Häuser
 1637 156 Häuser
 1648 20 Häuser (der Rest zerstört)

Ein schon im Stadtplan des 18. Jh. nicht mehr zu verzeichnender Gassenverlauf soll an dieser Stelle noch versucht werden zu klären. Hier sei auch darauf hingewiesen, daß es unabdingbar für eine historische Aussage ist, die historischen Hilfswissenschaften, hier speziell die Historische Bildkunde, zu berücksichtigen. 2 Denn trotz aller gründlichen Quellenkritik ergibt sich in der Stadtansicht von Delitzsch um 1627 von Wilhelm Dilich eine sehr große Detailtreue. 2Die von ihm festgehaltene Delitzscher Stadtsilhouette ist noch heute bestimmend. Charakteristische Bauten wie z. B. die Kirchen, Türme, Schloß, Mauer, Rathaus, Ritterhaus sind exakt wiedergegeben. So ergibt sich heute für uns die Möglichkeit, trotz der faßt vollständigen Zerstörung der Neustadt im Dreißigjährigen Krieg, städtebauliche Erkenntnisse aus der Zeit davor zu schlußfolgern. So erkennt man das Kohltor und die sich östlich daran anschließende, eine Stadtmauer ersetzende, Häuserzeile. Hierbei handelt es sich um die vom Kohltor zur Scharfrichterei verlaufende verlängerte Kohlgasse. Noch interessanter ist aber die mündungsartige Erweiterung des Lobers etwa in der Mitte der Neustadt. Verbindet man diesen Mündungsansatz in gedachter Linie mit der ehemaligen Verbindungsgasse zwischen Eilenburger Straße und Marienstraße und dann weiter mit der Saugasse, so kann man zur Schlußfolgerung kommen, daß es sich bei diesen Gassen um einen vormaligen Grabenverlauf des Lobers handelt.
Da die Häuser und Scheunen in diesem Bereich erst nach 1590-1600 erbaut bzw. vererbt wurden, ist anzunehmen das dieser Grabenverlauf erst in der 2. Hälfte des 16. Jh. verfüllt wurde. Hier zeigt sich nun wiederum ein Forschungsansatz für die Archäologie die diese zunächst von Geschichts- und Hilfswissenschaft aufgeworfene Fragestellung fundamentieren kann. Bei den genannten Gassen handelt sich um die von der Viehgasse zur Todengasse ehemals verlaufende Saugasse und die Gasse von der Todengasse, mündend zwischen den heutigen Hausnummern Eilenburger Straße 21 und 25 in diese Straße. Lehmann nimmt in seinen Urkundenabschriften nie Bezug auf sie oder erwähnt gar ihren Namen. In der Auswertung aller Handels-und Lehnbücher und der Steuerregister wird als Lagebezeichnung der dort gelegenen Hausstellen der Name Saugasse bis 1637 immer angegeben. Es wurde genau zwischen der Vieh-und der Saugasse unterschieden. Interessanterweise deckt sich die Saugasse mit der 1720 verwendeten Bezeichnung Scherwedlich und der Lage des urkundlich hier im 15. Jh. noch nachgewiesenen Bergfriedes am westlichen Rand des Marienfriedhofes. Mit einiger Sicherheit handelt es sich hierbei um den 1425 von Friedrich v. Trossin angekauften Freien Hof, der unabhängig von der sich vollziehenden Neustadtentwicklung schon bestanden hat. Dieser Hof wiederum bildete zusammen mit der Grünstraße und wohl auch den Dörfern Benndorf und Werben die bis 1541 selbständige Pfarrei der Kirche St. Marien. Durch die 1539 hier eingeführte Reformation wurde dieses Kirchspiel aufgelöst und der Stadtkirche St. Peter und Paul zugeschlagen. Die im Umfeld der Kirche St. Marien sich befindenen Hausgrundstücke in Richtung und mit der Gemeinde Grünstraße bildeten einen von der Delitzscher Neustadt zunächst unabhängig und sich selbständig entwickelnden Siedlungskern.