Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1859

Nachdem bereits in der ersten Hälfte des December vorigen Jahres der Bau der Deßau-Leipziger Eisenbahn, welche ohnehin ungewöhnlich lange gedauert hat, von dem Oberingenieur und Eisenbahn-Direcktor Koenigk, dem technischen Betriebs-Direcktor Tournier???, dem Baurath Schwedler, sämmtlich in Berlin, und dem Baurath Haupt in Merseburg geprüft und abgenommen worden war, sollte die Eröffnung der Bahn schon am 10ten Januar statt finden, allein wegen eingetretener Hinderniße, besonders weil der Handel-Minister von der Heydt in Berlin den ersten fahrplan nicht genehmigte, verzögerte sich diese bis zum 1ten Februar des Jahres, an welchem Tage, nachdem bereits in den frühen Morgenstunden zwey Güterzüge nach Leipzig hier durchgangen waren, Vormittags um 10 ½ Uhr der erste Personenzug in schön bekränzten Wagen unter allgemeinem Jubel einer sehr zahlreichen Volksmaße auf dem hiesigen Bahnhofe von Deßau ankam. Abends um 7 Uhr war in dem eleganten Restaurations-Saale.

Ein sehr besuchtes Concert veranstaltet, auch deßen Beendigung noch viele Gäste bis früh um 4 Uhr verweilten. Jetzt gehen täglich vier Züge nach Leipzig und eben so viel nach Deßau und Berlin hier durch. In dem schönen, übersetzten Hauptgebäude des Bahnhofs befinden sich eine Königl.Post-Expedition und ein Telegraphen-Büreau, wo zugleich die Fahrbillets ausgegeben werden, ferner Wohnungen für den Bahnhofs-Inspecktor, den Telegraphisten und den Pächter der Restauration, welcher jetzt 420 Rtl. jährlich zahlt.Noch muß als Merkwürdigkeit und als Beweis, daß Veränderlichkeit das Loos aller menschlichen Dinge ist, angeführt werden, daß da , wo jetzt am äußersten Ende der Grünstraße der Bahnhof sich befindet, vier Jahrhunderte lang in sächsischer Zeit der Richtplatz für die zum Tode durch Feuer, Rad, Strang oder Schwert verurtheilten vielen Verbrecher war, und das gerade da, wo jetzt das große Bahnhofs-Gebäude mit dem Restaurations-Salon steht, und die Eisenbahn unmittelbar vor demselben hingeht, noch bis vor vierzig Jahren der Galgen und das Rad standen; beydes wurde im November 1818 abgetragen.

Bereits im Jahre 1850 hat der Kreisrichter a.D.Schulze, ein geborner Delitzscher, der Schöpfer der Aßociationen und Vorschuß-Vereine in Deutschland auch in unsrer Stadt zur Verhütung der Verarmung und zur Hebung der arbeitenden Klaßen, besonders des Handwerkerstandes einen Vorschuß-Verein gegründet, welcher den Zweck hat mit einem monatlichem Beitrage von 2 ½ Sgr. jedem Mitgliede die Gelegenheit zu bieten mit der Zeit sich ein kleines Kapital zu sammeln, und in Fäller vorkommender augenblicklicher Geldverlegenheit, ohne den Wucheren in die Hände fallen zu müßen, sich durch einen auf 3 – 6 Monate zu 4 – 5 Procent dargeliehenen Kapital-Vorschuß aus der Noth retten zu können. Dieser Verein verfolgt das Princip „Einer bürgt für Alle, und Alle für Einen,“ zählt bereits 382 Mitglieder, und hat nach den beyliegenden beyden letzten Jahresberichten sehr segensreich gewirkt. Zu Anfang des Februar hat ein ungenannter Wohlthäter der Stadt und Amts-Vorstadt Grünstraße ein Geschenk von 50 Rtl. für die Armen gemacht, und sind davon 33 Rtl.an die Stadt-Armen in Raten von 15 Sgr. 1 Rtl. und 2 Rtl. vertheilt worden.

Die Witterung dieses Winters war bey fast durchgängig sehr hohem Barometerstande ( Barom.28,2 -–8, am 9ten Januar sogar 28,11), ungewöhnlich milde; Schnee fiel wenig, und schmolz auch sogleich wieder; dagegen regnete es öfters, wodurch die Winterfrucht reichlich ersetzt ward; Westwind war vorherrschend. Der Stand der Wintersaaten ist vortreflich.

Die Zahl der Kranken und Todesfälle war gering; es kamen blos einzelne Fälle von Entzündungen der Mandeln, des Rippenfells und der Lungen zur Behandlung. An die Armen-Kaße waren die Ansprüche gering; die Suppen-Anstalt ward diesen Winter gar nicht eingerichtet. Am 1ten April ist die Frau des Kreissecretärs Julitz in der Zeit von früh 5 ½ Uhr bis Abends 4 ½ Uhr von lebenden Drillingen, einem Knaben und zwey Mädchen, glücklich entbunden worden.Vom 1ten April an ist der Bürgerschaft und den übrigen vom Magistrat eine Communalsteuer im Betrag von 2 Sgr. für jedes Steuerschock statt bisher 1 Sgr., und 60 Procent statt bisher 30 Procent oder von 18 Sgr. für jeden Thaler Klaßen – oder Einkommenssteuer auferlegt worden, um die 1642 Rtl. 15Sgr. Zinsen von den 39000 Rtl. zur Anlage des Braunkohlenwerkes verwendeten Kapitalien jährlich zu decken. Es ist diese neue Steuer lediglich eine schreckliche Folge dieses total verunglückten, höchst gewagten, spekulativen Unternehmens, was erfahrne Männer gleich von Anfang an mit Gewißheit voraus gesagt haben. In unsrer Sparkaße betrug seit der Zeit ihres Entstehens vom 1ten October 1848 bis zum 31ten December 1858 die Summe sämmtlicher Einlagen 1712.469 Rtl. 26 Sgr. 6 D.(Pfennig) und der Reserve-Fond erreichte die Höhe von 29.381 Rtl 10 Sgr. 9 D.(Pfennig) Nach Zurücknahme einer Summe von 1.157.346 Rtl. 10 Sgr. 6 D.(Pfennig) wovon auf das letzte Jahr allein infolge der mittelmäßigen Erndte und der überhaupt ungünstigen Zeitverhälniße 279.581 Rtl. 2 Sgr. 5 D.(Pfennig) kommen, betrug die Summe der gebliebenen Einlagen 555.123 Rtl. 16 Sgr. Der gesammte Geldverkehr bey der Kaße im vorigen Jahre allein beleif sich auf 827.805 Rtl. 8 Sgr. 17 D.(Pfennig) Am 17ten April Vormittags um 10 Uhr fiel der Wagenschieber Richter auf dem hiesigen Bahnhofe beym Wiederkehren der zur Speisung abgehängten Locomotive Hercules vorwärts auf die Schienen, wurde vom Tender überfahren und war auf der Stelle todt. Der rechte Oberarm war zerbrochen und die untersten Rückenwirbel ganz dislocirt, mithin das Rückenmark zerrißen. Richter war übrigens, da er gewarnt worden ist, durch Unvorsichtigkeit an seinem Unglück selbst schuld, soll auch wie man hört, in keiner glücklichen Ehe gelebt haben; er hinterläßt fünf Kinder.

Durch Verfügung des Herrn Landraths von Rauchhaupt vom 8ten Januar des Jahres wurde aus dem Kreis-Armen-Verbande der Stadt Delitzsch zur Deckung des Deficits bey der Armen-Kaßen-Verwaltung die Summe von 200 Rtl. ausgezahlt. Der Kreisrichter a.D. Schulze, welchem schon zu Anfang des Jahres 1850 (vid.pag.151) von seinen Anhängern und Freunden ein silberner Ehren-Pokal überreicht worden war, hat jetzt kürzlich wieder einen dergleichen, ohngefähr 40 Rtl. werth, wegen seiner wahren Verdienste um die Hebung der Wohlfahrth des Handwerker-Standes durch Gründung von Aßociationen und Vorschuß-Vereinen, mit einem dankbaren Schreiben vom 5ten April des Jahres von der Schumacher-Aßociation in Wolfenbüttel zum Geschenk erhalten. Da jetzt die freien Gemeinden, seitdem unser erleuchteter Prinz-Regent wegen der bereits seit Michäelis 1856 andauernden Krankheit des Königs die Regierung übernommen hat, die Erlaubniß zur freien Religionsübung erhalten haben, so hielt am zweiten Osterfeiertage, den 25ten April, Vormittags 11 Uhr der bekannte Prediger Uhlich aus Magdeburg vor der hiesigen freien Gemeinde einen Gottesdienst im Saale des Schützenhauses, welcher auch von vielen anderen, zumal bey dem seit einem halben wegen des unsinnigen Gesangbuch-Anhangs statt findenden, furchtbaren Zerwürfniße und Bruche der Kirchengemeinde mit unserer pietistischen Geistlichkeit, sehr zahlreich besucht war. Die von Uhlich gehaltene Predigt, welches manche Wahre enthält, ist bald nachher im Druck erschienen. Politische Zwecke verfolgen übrigens die freien Gemeinden jetzt nicht mehr. Am 23ten Maerz ist der Lehrer Becker, welcher erst im Junius vorigen Jahres zu uns kam, wieder nach Cüstrin abgegangen. An seine Stelle trat der Canditat Dr.phil.Rosendahl aus Halle. Außerdem wurde noch der Predigt-Amts-Canditat Thiele als Hülfslehrer angestellt, und der bisherige Elementarlehrer an der Vorstadtschule Diedecke erhielt die Elemnetarklaße in der zweyten Bürgerschule an des Lehrers Gelpke Stelle, welcher zum Ordinarius der zweyten Mädchenklaße in derselben Schule befördert ward. Als Elementarlehrer in der Vorstadtschule ward der Schulamtscanditat Rueckelt angestellt. Die Witterung des Monats April war bey mehr niedrigem als hohem Barometerstande sehr veränderlich, dagegen die der Monate Mai Junius bey höherm Barometerstande fast durchgängig sehr schön und warm und in folge rechtzeitiger Gewitter – und Landregen außerordentlich fruchtbar; das Wintergetraide, der Rübsen und Raps und die Futterkräuter stehen vorzüglich gut, und die Heuerndte ist ausgezeichnet ausgefallen und bey heißem Wetter glücklich eingebracht worden. Der Gesundheitszustand ist außerordentlcih befriedigend, die Zahl der Kranken und Todesfälle gering.

Die Witterung dieses Sommers war in den Monaten Julius und August außerordentlich schön und heiß, und die Dürre sehr groß und anhaltend, da wir nur wenig Land – und Gewitterregen hatten; bey einem Gewitter am 14ten August schlug der Blitz Abends um 7 Uhr in Zschortau in eine große, gefüllte, mit Ziegeln gedeckte Scheune und zündete dieselbe an. In der Nacht vom 28ten zum 29ten August ein sehr starkes, nach den Zeitungsberichten auf der größern Hälfte der Erde gesehenes Nordlich sichtbar, welches als electrische Erscheinung nach vielfachen in dieser Nacht auf den Eisenbahnen gemachten, und nachher in öffentlichen Blättern mitgeteilthen, Beobachtungen durch Ausströmungen großer Maßen von Electricität dergestalt auf die Telegraphen-Dräthe wirkte, daß die Signal-Glocken anschlugen. Ohne Zweifel hatte auch das Nordlich zur folge, daß die erste Hälfte des September kühl war; die zweite war milder und schöner. Der Stand des Barometer war den ganzen Sommer über hoch (Barom. 28 – 28,6.), das Thermometer nach Reaum. erreichte in den Nachmittagsstunden des Julius und August in der Sonne gewöhnlich eine Höhe von +35 – 40. West – und Süd-West – Wind war vorherrschend. – Die Erndte des Wintergetreides ist recht gut ausgefallen, und das Einbringen derselben durch die herrliche Witterung außerordentlich begünstigt worden; Der Roggen, deßen Mehl ein sehr schönes Brod liefert, ist diesmal im Stroh ungewöhnlich lang; auch Rübsen und Raps sind wohl gerathen. Dagegen ist aber die Erndte des Sommergetreides, wenn auch nicht so dürftig wie in den beyden letzten Jahren, doch wegen der anhaltenden Trockenheit immer noch gering gewesen; auch vom Grummt ist wenig geerntet worden, von Futterkräutern hingegen mehr; auch ist die Kartoffelerndte noch weit besser, als man ursprünglich befürchtete, ausgefallen. Das Obst ist mit Ausnahme der Birnen, nicht gut gerathen und daher sehr theuer, dagegen der Wein vortrefflich. Der große Scheffel Weitzen kostet jetzt 5 Rtl., der Roggen 3 Rtl,20 – 25 Sgr., Gerste 2 Rtl. 25 Sgr., Hafer 2 Rtl., Kartoffeln 25 Sgr.

Der Gesundheitszustand war im Ganzen befriedigend, nur kamen im Julius und August Durchfälle und Brechdurchfälle bey Erwachsenen und Kindern vor, an welchen eine nicht unbedeutende Zahl kleiner Kinder starb. Am 1ten October hat unsre Stadt die vierte zwölfpfündige Batterie des vierten Artillerie-Regiments, welche wegen der im Frühjahr in Folge des zwischen Oesterreich und Frankreich in Italien ausgebrochenen Krieges statt gefundenen Mobilmachung in einigen Dörfern bey Torgau einquartirt lag, vorläufig auf ein halbes Jahr zur Garnison erhalten; dieselbe ist eine Fuß-Batterie mit 190 Mann und Pferden. Wegen der Kriegsbefürchtungen sind leider in diesem herrlichen, die Bauarbeit so sehr förderden, Sommer wenig neue Baue unternommen worden, das Meiste hat sich blos auf Reparaturen, Untermauerungen pp. beschränkt. Der Strumpffabrikant Pabst hat sein vor zwey Jahren in der Schulgaße erbautes Fabrikgebäude(vid.pag.282)durch den maßiven Neubau des Thorgebäudes im oberen Stock bedeutend vergrößert; ferner hat der Schumachermeister Geissler sein altes am Ende der Eilenburger Straße gelegenes Wohnhaus niedergerißen und ein neues übersetztes maßives erbauet; desgleichen hat der Maurergeselle Baier jun. Auf der Pflaumenplantage vor dem Bitterfelder Thore ein neues übersetztes maßives Wohnhaus, und endlich der Böttchermeister Offenhauer auf ein vor dem Galgthore gelegenes von dem Apotheker Freyberg erkauftes Feldstück ein sehr schönes maßives übersetztes Wohnhaus nebst Seitengebäude erbauet. Der Zuchthausbau, wurde wie alle nicht dringenden nothwendigen Staatsbauten in diesem Frühjahr wegen der kriegerischen Aussichten eingestellt, und erst nach Beendigung des italienischen Krieges und gesichertem Frieden im Herbst Behufs des innern Ausbaues wieder fortgesetzt, zu welchem Zwecke am 1ten September 56 Züchtlinge von Lichtenburg eintrafen, welche ihre Arbeit sogleich mit der Abtragung des kleinen Schloßthurmes begannen, was aus dem Grunde geschah, weil derselbe von unten bis oben hinauf eine hölzerne, mithin feuergefährliche, Wendeltreppe enthielt, und nun mehr ein neuer viereckiger, in das Gebäude eingebauter Thurm mit steinernen Treppen, wie sie bereits vor zwey Jahren im großen Schloßthurm, der nun einen Blitzableiter erhielt, angebracht wurden, gebaut wird. Der Kreisgerichtsdirecktor von Muehler ist am 1ten October in gleicher Eigenschaft nach Hagen in der Provinz Westphalen versetzt worden. An seine Stelle kam der bisherige Kreisgerichts-Rath Campugnani in Erfurt, welcher am 2ten Januar 1860 sein neues Amt antrat. Die Feier, des nicht blos in Deutschland, sondern auch in allen Ländern und Welttheilen, wo Deutsche wohnen, glänzend begangenen hundertjährigen Geburtstages des als Mensch und Gelehrten gleich hochgeachteten, großen National-Dichters Schiller ist auch bey uns nicht spurlos vorüber gegangen. Die Gesellschaft „Eintracht“ brachte an diesem denkwürdigen Tage, den 10ten November, Abends einige Scenen aus Wallensteins Tod zur Aufführung, und die Gesellschaft „Liedertafel“ führte Wallensteins Lager auf; vor der Aufführung deßelben hielt aber in letzterem Vereine der Herr Kreisrichter Schulze einen trefflichen, über Schillers Leben und Wirken ausführlich sich verbreitenden Vortrag. Die Witterung des Herbstes war im October recht angenehm und warm, und selbst im November noch ungewöhnlich milde und hell; am 1ten des Monats hatten wir Nachmittags um 3 Uhr einen starken Gewitterregen, und in der folgenden Nacht tobte ein heftiger Orkan (Barometer 27,4). Erst im December trat mäßige Kälte ein, welche blos an sehr wenigen Tagen etwas höher stieg, wie am 19ten früh um 7 Uhr (Thermometer – 17 Reaum.) aber bald wieder nachließ. Schnee ist wenig gefallen, dagegen im December, besonders im letzten Drittheil deßelben genügend Regen, nach der großen Dürre des Sommers ein dringendes Bedürfniß. Die Wintersaaten stehen vorzüglich schön. Das Barometer stand größten Theils sehr hoch, besonders am 17ten November und am 10ten December (Barometer 28,17) Der Gesundheitszustand war sehr befriedigend und die Zahl der Kranken äußerst gering; dies gilt überhaupt vom ganzen Jahr; die Zahl der im demselben in der Parochie Delitzsch Verstorbenen beträgt 194, worunter 125 Kinder in den ersten Lebensjahren.

Das Braunkohlenwerk, durch welches eine so bedeutende Schuldenlast von 39000 Rtl. auf unsere unglückliche Stadt-Commun gehäuft worden ist, hat in diesem Jahr nicht wieder in Betrieb gesetzt werden können. Am 19ten Januar hielten die Actionärs eine Versammlung wegen des Fortbaues, konnten aber zu keinem entscheidendem Resultat gelangen. Wegen des zu befürchtenden Ausbruchs eines Krieges mit Frankreich ruhete die Sache den ganzen Frühling und Sommer hindurch. Endlich am 28ten October hielt das Comitè wieder eine Versammlung ab, welche aber, weil wegen des mit Recht herrschenden allgemeinen Mißtrauens die noch fehlenden Actien nicht untergebracht werden konnten, auch manche der früheren Actionärs zurück traten, die Auflösung des Comitès zur Folge hatte. Das tragische Ende des Unternehmens war nun da, es ward am genannten Tage zu Grabe getragen. Zur Ehre der Wahrheit muß hier noch bemerkt werden, daß nicht Einer allein die Schuld an diesem sehr großen Unglück trägt, sondern Mehrere dieselbe theilen. Die Folgen dieses harten Schlages werden noch unsre spätern Nachkommen schmerzlich fühlen! Veniat Deus ex machina!


1860

Delitzsch den 9ten Junius 1868
Nachdem ich , wie gewöhnlich, gleich zu Anfang dieses Jahres dem Bürgermeister Hagedorn diese Chronik zur Revision zugesendet hatte, wartete ich Wochen lang vergebens auf die Rücksendung derselben. Zu meiner nicht geringen Verwunderung erhielt ich aber statt derselben von ihm am 4ten Maerz folgenden Brief:

Mein verehrter Herr Doctor!
Es hat mir viel Ueberwindung gekostet, einen Entschluß zu faßen, mit dem ich Ihnen vielleicht zu nahe trete; allein reifliche Ueberlegung hat bei mir die Ueberzeugung befestigt, daß, wenn die Chronik ihren amtlichen Charakter bewahren soll, der Führer derselben nicht außerhalb der Verwaltung stehen darf. Der amtliche Charakter ist aber der Chronik beygelegt bey ihrem Beginn, wie ich aus dem Vorwort zu derselben ersehe, und ich würde fast Reue empfinden, daß ich so lange meine Pflicht verkannt, und mich der von meinem verewigten Amtsvorgänger begonnenen Führung der Chronik entzogen habe, wenn ich nicht die Beruhigung hätte, daß meine Stellvertretung in Hände gelegt war, die vollstes Vertrauen verdienen. Wenn mich nun diese Erkenntniß auch für die Vergangenheit beruhigt, so giebt sie mir doch kein Recht eine einmal erkannte Pflicht noch länger zu verabsäumen, und ich bin daher entschloßen, die Chronik von jetzt an selbst unter Beirath meiner Collegen im Rathe fortzuführen. Indem ich Ihnen diesen Entschluß ergebenst mittheile, spreche ich Ihnen meinen wärmsten Dank aus für die Mühe, der Sie Sich zeither an meiner Statt unterzogen gehabt, und hoffe, daß ich Ihnen diesen Dank in der Fortdauer meiner freundschaftlichen Gesinnung immer beweisen darf. Genehmigen Sie, mein Herr Doctor, die Versicherung meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit.
Delitzsch den 4ten Maerz 1860. Hagedorn“
Daß die Abschrift vorstehenden Briefes mit dem Originale völlig gleichlautend ist, bescheinigen wir hierdurch pflichtmäßig.
Schönbrodt             Schladitz.             Kunze,              
               zur Zeit Stadtverordnete.

Welcher grelle Contrast in Worten und Werken! Als nach dem am 15ten October 1867 erfolgten Tode des Bürgermeister Hagedorn aus seiner Wohnung Actenstücke und auch diese Chronik wieder auf das Rathhaus abgeliefert wurden, entdeckte man gar bald, daß in den ersten viele Lücken vorhanden waren, und in die letztere auch nicht eine Zeile hinein geschrieben war, vorüber die vier Herren Magistrats-Aßißoren nicht wenig erstaunten, so daß denselben vox faucibus haefit ???, weil er seinen Collegen von seiner Fortführung der Chronik gar nichts mitgetheilt hatte. Das sind die traurigen Folgen einer gewissenlosen und nachläßigen Amtsverwaltung, worüber man sich freilich nicht wundern darf, da bekanntlich der pp. Hagedorn leidenschaftlich die Jagd und die öffentlichen Orte liebte, und deßhalb oft halbe und ganze Tage lang auf dem Rathhause in dem gesetzlichen Expeditionsstunden nicht anzutreffen war. Der Verfaßer dieser Zeilen hat übrigens die beglaubigte Abschrift des obigen Briefes aus dem Grunde mitgetheilt, damit niemand etwa glauben mag, er habe die Chronik nicht weiter führen wollen, sondern daß der pp. Hagedorn sie ihm auf schlaue Weise abgenommen hat, denn Nepotismus und Infallibilität spielten bey diesem Manne eine Hauptrolle; wer deßhalb mit ihm, wie ich mehrere Male, in Conflict gerieth, fiel in Ungnade. Nachdem nun der neugewählte Bürgermeister, Herr Stadt – und Polizeyrath Born in Nordhausen am 2ten April sein Amt angetreten hat, ersuchte derselbe mich die Führung der Chronik wieder zu übernehmen, besonders die ungeheure Lücke von acht Jahren so gut wie möglich auszufüllen, was er als Fremdling natürlich nicht im Stande wäre, und habe es ihm zugesagt. Aus wahrer Liebe zu meiner Vaterstadt übernehme ich trotz meines höhren Alters zum zweyten Mal die Führung dieser Chronik, und werde nun diese jetzt mehr als früher schwierige Arbeit mit der Beyhülfe des Herrn Sparkaßen-Aßistent Braune beginnen.          
Dr. Ideler.

Dieser heftige Streit, welcher unser kirchliches Leben blos durch die Schuld der Geistlichen schrecklich zerstört und verwüstet hat, dauerte vom Anfang des December 1858 bis zum Schluß des Jahres 1862. Ich werde daher den Zeitraum von vier Jahren zusammen faßen und in gedrängter Kürze das etwa noch fehlende ergänzen, da ich in der Hauptsache den Leser auf die hier angefügten Beylagen verweise, aus welchen derselbe den vollständigen Hergang und Verlauf des Streites deutlich ersehen kann. Die Absicht der Kirchenbehörden war offenbar die durch Wiedereinführung der im vorigen Jahrhundert mit vollem Recht aus den Gesangsbüchern ausgemerzten verrufenen, abgeschmackten, unsinnigen sogenannten Kernlieder mit ihren sprachlichen und metrischen Härten das Volk zu verdummen, und in die finsteren Jahrhunderte wieder zurück zu führen. In Delitzsch wagten die Kirchenbehörden diesen Versuch zuerst, und glaubten in ihrer Verblendung und Siegesgewißheit mit Zwang dies durchsetzen zu können, erlitten aber die empfindlichste Niederlage. Am zweyten Weihnachtsfeiertage 1858 erfuhr der Superint. Weinrich dieses zuerst durch eine auffallend starke Kundgebung, als er im Vormittags-Gottesdienste nach der Prdigt zwey Verse aus einem Anhangsliede singen ließ, und noch ehe diese angestimmt wurden, die ganze Gemeinde sich erhob und die Kirche verließ, weßhalb er auch niemals gewagt hat wegen zu befürchtender größerer Störung das Hauptlied aus dem Anhange singen zu laßen, sondern nur mitunter das erste Lied. In den ersten Tagen des Januar 1859 ließen nun mehrere angesehene Bürger eine Petition gegen die Einführung des verhaßten Anhangs im Publikum circuliren, welche mit sehr vielen Unterschriften bedeckt, aber von dem Sup. Weinrich gar nicht berücksichtigt wurde. Hierauf ersuchten mich viele achtungswerthe Bürger, weil sie sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, diese Sache in die Hand zu nehmen, wozu ich anfänglich in richtiger Voraussicht des schweren Kampfes gar keine Lust hatte, endlich aber ihren wiederholten sehr dringenden Bitten nachgab und mich entschloß um der guten Sache willen die Führung des Streits zu übernehmen. Sogleich ließ ich nun folgende Anfrage im Delitzscher Kreisblatte bekannt machen:

„Wird denn nun recht bald die unerquickliche Angelegenheit wegen des Anhangs zu unserm Gesangbuche durch eine zu berufende Versammlung der Kirchgemeinde und deren unbestreitbares Recht, die Abstimmung, entschieden werden, oder soll sich unsere aufgeklärte, gebildete, längst mündig gewordene Stadtgemeinde ferner in Glaubenssachen blos dem absoluten Willen eines Einzigen fügen, und sich von diesem den alten Kirchenglauben und Liederschatz früherer, finsterer Jahrhunderte aufzwingen, und geistig bevormunden lassen? Sollen benachbarte Landgemeinden und beschämen, und wir Ihnen zum gerechten Spott werden? Es ist wahrlich hohe Zeit, daß die quälende Ungewißheit aufhört, und dieser von unserer friedliebenden Gemeinde nicht verschuldete Streit zu einem, Gott gebe, glücklichem Ende geführt wird, denn der Kirchenbesuch und das kirchliche Leben leiden außerordentlich dadurch.“
II.Cor.1,24.3,17. Galat.5,1.Delitzsch, den 10ten Februar 1859. Dr. Ideler.

Diese Anfrage zündete wie ein Blitz; denn eiligst wurde nun auf den Antrag des Superintendenten Weinrich durch den Magistrat eine Versammlung von etwa hundert allgemein geachteten, sehr kirchlich gesinnten Bürgern, den Unterzeichnern der oben erwähnten Petition, auf den 12ten Februar Nachmittags um 4 Uhr in die Aula der neuen Bürgerschule berufen, mit welchen der Superintendent Weinrich und der Archidiacon Dr. Burkhardt leichten Kaufs fertig zu werden hofften; allein hierin hatten sich diese Herren stark verrechnet, denn diese Versammlung, zu welcher sich auch gleich vom Anfang an mein alter Freund der Herr Kreisrichter Schulze, ohne darum von mir ersucht zu seyn, gesellte, trat mit der äußersten Entschiedenheit und den heftigsten Vorwürfen gegen die Geistlichen auf, so daß viele von uns Noth hatten, den Frieden zu erhalten und unangenehme Ausbrüche gegen die Geistlichen, welche sich sehr vergaßen und vielfach blosstellten, zu verhüten. Unvergeßlich wird allen denen, welcher dieser Versammlung beygewohnt haben, dieser Tag bleiben, denn die Debatten waren stürmisch, die Wogen giengen hoch. Unter diesen bedenklichen Umständen fand es der Superintendent Weinrich, der trotz vieler Bitten und der schlagensten Gegengründe nicht nachgab und auf dem Katheder förmlich belagert war, für gerathen plötzlich seine Actenstücke zusammen zu packen und mit dem Archidiacon Burkhardt die Versammlung ohne Resultat zu verlaßen. Die Aufregung war sehr groß, die Erbitterung gegen die Geistlichen furchtbar, Hohn und Spott verfolgte sie überall. Vom Kreisrichter Schulze wurde nun eine betreffliche Beschwerdeschrift ausgearbeitet, und nachdem dieselbe in einer Versammlung im Saale des Gasthofes zum goldenen Ring am 19ten Februar den zahlreichen Anwesenden von mir vorgelesen war, von 518 derselben unterzeichnet und sofort an den Magistrat gesendet, mit der Bitte dieselbe Ihrem Bericht an das Consistorium beyzulegen. Gleichzeitig hatte ich eine kleine Schrift, in welche unsere Beschwerdeschrift mit aufgenommen war, unter dem Titel „kirchliche Angelegenheit“pp. drucken laßen, welche aber wegen einer angeblich incriminirten Stelle in meiner am 19ten Februar gehaltenen Rede vom Magistrat am 28ten des Monats mit Beschlag belegt ward, jedoch später, nachdem ich am 17ten März deßhalb vor dem Kreisgericht und dem Staatsanwalt als Angeklagter gestanden, aber frei gesprochen wurde, am 23 des Monats von neuem wieder im Druck erschien, jedoch mit Weglaßung der incriminirten Stelle, welche nach der Ansicht des Staatsanwalts die Grenzen einer erlaubten Kritik überschreiten sollte. Dieselbe lautete wörtlich also: „Der Herr Superintendent Weinrich hat in gänzlicher Verkennung seiner amtlichen Stellung und in ganz rücksichtsloser Nichtbeachtung der gesetzlich wohlbegründeten Rechte der Gemeinde uns den alten Kirchenglauben und abgeschmackten, unsinnigen Liederschatz finsterer Jahrhunderte aufzwingen wollen, und dadurch der Gemeinde ein großes Aergerniß und ein Beyspiel protestantischem Pabstthum mitten in der evangelischen Kirche gegeben. Solchem unheilvollen Treiben auf das Entschiedenste entgegen zu treten, ist unsere heiligste Pflicht, theils pp.“ Bey dieser gerichtlichen Verhandlung, zu welcher auch der Herr Buchdrucker Meyner mit vorgeladen war, sprach mein Vertheidiger, der Justizrath Haßert, indem er den Anhang auf den Gerichtstisch legte, die denkwürdigen Worte „die Behörde hätte nicht meine Schrift, sondern den Anhang mit Beschlag belegen sollen, weil Gotteslästerung darin enthalten sey.“ Die Redactoren dieses Werkes, welches soviel Unheil angerichtet hat, waren unsere beyden ersten Geistlichen und die Pastoren Bithorn in Brinnis, Mylius in Paupitzsch und Thon in Döbernitz, lauter exklusive Altlutheraner, welche deßhalb im Sommer 1857 als Comißion zusammen traten; ihr Werk ist zum Heil für die Kirche, ihnen voran gegangen.

Da das Consistorium auf unsere Beschwerde vom 19ten Februar und auf den Bericht des Magistrats in zwey Rescripten vom 12ten April und 12ten Mai uns abschläglich beschieden hatte, so beschloßen wir nunmehr uns in einer ausführlichen Beschwerdeschrift, welche der Herr Kreisrichter Schulze verfaßte und die ein wahres Meisterstück einer juristischen Arbeit ist, am 30ten Julius an den Cultusminister von Bethmann-Hollweg zu wenden, der dieselbe aber zur reßortmäßigen Verfügung an den evangelischen Oberkirchenrath abgab. Da diese Behörde uns mit der Antwort sehr lange warten ließ, so ward nun am 13ten Januar 1860 ein Schreiben an dieselbe gesendet, worin wir um baldige Entscheidung baten. Nach langem Warten kam endlich am 8ten Februar 1860 die Antwort, ein abschläglicher Bescheid, worüber man sich freilich nicht wundern darf, da unsere Gegener, wie früher das Consistorium, so auch diesmal den Oberkirchenrath mit dreisten Unwahrheiten getäuscht hatten; besonders beweiset dieses folgende Stelle am Schluße des Bescheids, wo es heißt:“Die große Mehrheit der Delitzscher Gemeinde hat sich mit dem Anhange vertraut gemacht und ihn lieb gewonnen. Der Besuch des Gottesdienstes, welcher bey dem Beginne der gegenwärtigen Streitigkeiten einigen Abbruch erlitten, hat wiederum beinahe die frühere Stärke erreicht.“ Diese arge Täuschung ward zur Kenntniß der Gemeinde am 22ten Februar im Kreisblatt abgedruckt.

Bald nachher wurde in einer am 9ten März im Saale des Schützenhauses abgehaltenen sehr zahlreichen Versammlung derselben der abfällige Bescheid des Oberkirchenraths vorgelesen, und zugleich beschloßen den Magistrat um eine bestimmte Erklärung darüber zu ersuchen, was es mit der im Bescheid des Oberkirchenraths erwähnten, dem Superintendenten Weinrich gegebenen Zusage „der Einführung des Anhangs gern förderlich seyn zu wollen,“ für eine Bewandniß habe, weil sonst der Magistrat wegen seiner früheren Protestation an das Consistorium mit sich selbst in Widerspruch gebracht sey. Auf die deßhalb am 18ten März gerichtete Anfrage, erwiderte der Magistrat am 31ten März, daß er zwar dem Superintendenten Weinrich am 23ten October 1857 diese Erklärung gegeben, aber ohne den Inhalt des Anhangs zu kennen, vorausgesetzt habe, daß ein von den höchsten kirchlichen Behörden approbirter Anhang von der Art sey, daß sie seine Einführung von seinem Standpunkte aus als Behörde würden befördern können, dabey aber auch erwartet hätten, daß man ihre Mitwirkung dazu verlangen würde, um seiner Zeit nach Vernehmung mit der Gemeinde mit bestimmen, ob mit der Einführung vorgegangen werden könne, worüber aber der Magistrat gar nicht befragt worden sey. Zugleich meldet uns derselbe, daß er am 31ten März in Verbindung mit den Kirchenvorstehern nochmals dem Oberkirchenrath über die durch die Einführung des Anhangs hervor gerufenen kirchlichen Zerwürfniße ausführlichen Bericht erstattet habe. Leider blieb auch dieser Versuch ohne Erfolg. In der Mitte des März reiste der Kreisrichter Schulze nach Berlin, nahm eine Anzahl Exemplare von den bisher in unserer Streitsache erschienenen Druckschriften mit, vertheilte dieselbe besonders an Mitgleider des Hauses der Abgeordneten, lernte auch den Redacteur der protestan-tischen Kirchenzeitung, Cicent. Theol.Krause, kennen, und erhielt von allen diesen Herren den Rath unsrer Sache nun vor das Haus der Abgeordneten zu bringen. Krause fand unsre Druckschriften sehr intereßant und versprach binnen Kurzem unsere Streitsache in der protestantischen Kirchen Zeitung zur Sprache zu bringen, was er denn auch in einem vortrefflichen Aufsatze am 14ten April in der No.15 dieser Zeitung mit sehr scharfer Kritik über das Verfahren der Kirchenbehörden that. Mittlerweile war endlich als Gesetz am 27ten Februar 1860 die längst versprochene Verfaßung für die evangelische Landeskirche erschienen, zu deren Erlaß unsere und viele andere ähnliche kirchliche Streitsachen mit beygetragen hatten. Am 10ten Junius erfolgte die Einladung zu den Wahlen der Gemeinde-Kirchenräthe mit der Vorschlags-liste, da nach dem Gesetz die Wahl dieses erste Mal noch eine beschränkte war, indem der Patron, die Geistlichen und die Kirchenvorsteher jeder ein Drittheil vorzuschlagen hatten; zum Glück befanden sich unter den 27 Vorgeschlagenen eine genügende Zahl höchst achtungswerther, freisinniger Männer, so daß wir sehr leicht 9 paßende von unserer Gesinnung auswählen konnten. Um nun aber auf die Wahl noch besser einwirken zu können, wurde von unsern Comitè-Mitgliedern beschloßen vorher noch eine große Versammlung im Saale des Schützenhauses zur Vorberathung und um die Zersplitterung bey dem Wahlact zu verhüten, am 15ten Junius Abends um 8Uhr abzuhalten. Sie war sehr besucht, auch das kleine Häuflein unserer Gegner fehlte nicht. Es wurden vorgeschlagen die Herren Seilermeister Barth jun., Gastwirth Dörfel, Bäckermeister Donath sen., Kreisgerichtssecretär Lattermann, Horndrechslermeister Pabst, Lohgerbermeister Platen, Lohgerbermeister Winkelmann, Mühlenbesitzer Seidler, sämmtlich in Delitzsch, und der Ortsschulze Genscher in Gertitz, gegen welche alle auf deshalb erfolgte Anfrage Niemand etwas einzuwenden hatte und daher am Wahltage, den 18ten Junius, mit 300 bis 340 Stimmen sämmtlich gewählt wurden. Trotzdem daß von unsrer Parthei nur ein Drittheil an der Wahl sich betheiligte, und unsre Gegner in corpore schon am 7ten des Monats erhielt ich von demselben einen dankbaren Brief dafür. Nachdem leider der am 14ten Januar eröffnete Landtag am 17ten März durch die Auflösung des Hauses der Abgeordneten unerwartet wieder geschloßen worden war, konnte unsere Petition diesmal noch nicht zum Vortrag kommen. Außer mit Krause stand ich auch mit Schulze, welcher seine Vaterstadt Delitzsch am 23ten März 1862 verließ und nach Potsdam zog, so wie auch mit dem trefflichen Referenten unserer Sache im Abgeordneten-Hause, dem Pastor Richter, einem herrlichen liberalen Manne, welcher sich mehrmals bey mir Auskunft erbat, in Correspondenz; das war ein reges geistiges Leben.

Beilage: Kirchliche Angelegenheiten, den Anhang zum Delitzscher Gesangsbuch betreffend; mit Beschwerdeschrift; erster Bericht der Kommission für Petitionen; protestantische Kirchenzeitung Nr. 13 vom 14.April 1860; protestantische Kirchenzeitung Nr. 23. Vom 7.Juni 1862. Als ein schreckliches Beyspiel menschlicher Geistesverirrung muß hier noch folgendes sicher verbürgte Curiosum verzeichnet werden: Als in den Jahren 1859 bis 1863 der bekannte Anhangsstreit lebhaft und energisch geführt wurde, sprach einmal ein junger Lehrer vom Landeaus der Delitzscher Diöces in der Gaststube des des Gasthofes zum eisernen Kreuz, , wo dieser Herr öfters einkehrte, folgende Worte: „Die Geistlichen hätten das Recht diejenigen, welche nicht in die Kirche gingen, durch die Polizeysergeanten abholen zulaßen.“ Fürwahr man kann dem Christenthum, der Religion der Liebe, keine größere Schandsäule setzen, als durch diese verrückte Aeußerung. Gehört haben dieselbe von den anwesenden Gästen der Bäckermeister Donath sen. und andere achtbare Bürger; der erstere hat mir es wiederholt versichert. Der selige Kreisgerichtsrath Voerkel, dieser allgemein hochverehrte und geliebte Mann, sagte einmal, weil er sich lebhaft für diesen Gesangbuchsstreit intereßirte, zu einigen Mitgliedern des Gemeinde-Kirchenraths folgende treffliche Worte in seiner gemüthlichen und populären Redeweise:“Kinder, ihr habt Recht, aber ihr sollt nicht Recht behalten.“ Rem acu tetigit.

Als nun der wieder im liberalem Sinne neu gewählte Landtag am 19ten Mai, dem hundertjährigen Geburtstage des großen Philisophen Fichte, abermals eröffnet wurde, schickte ich sogleich die sämmtlichen Schriftstücke unserer Petition(fünf gedruckte und zehn geschriebene Beilagen)nebst dem von mir gefertigten Begleitschreiben noch an demselben Tage an den Herrn Kreisrichter Schulze ab mit der Bitte dafür zu sorgen, daß derselbe im Hause der Abgeordneten möglichst bald zur Berathung käme, was den auch geschah. Vorher erschien aber noch zur Belehrung der Kammermitgleider am 7ten Junius in der protestantischen Kirchenzeitung ein gediegener Aufsatz von dem durch Krause damit beauftragten Herrn Dr. Ju. Fischer in Breslau über den Rechtsstandpunkt unserer Streitsache, in welchem unser gutes Recht mit so gründlicher Sachkenntniß und Gelehrsamkeit dergestalt überzeugend und unwiderleglich nachgewießen wurde, daß durchaus nichts zu wünschen übrig bleibt; er wurde sogleich abgedruckt und in mehren Exemplaren verbreitet. Am 24ten Junius ward nun der Delitzscher Gesangbuchsstreit in der Petitions-Commißion berathen, und am 1ten Julius im Hause der Abgeordneten sehr ausführlich verhandelt, und ein glänzender Sieg für uns erkämpft; der Antrag der Petitions-Commißion „die Petition der Königl.Staatsregierung zur Abhülfe zu überweisen und den Petenten zu ihrem Recht zu verhelfen, wozu dieselbe ebenso berechtigt, als verpflichtet ist,“ wurde im Hause der Abgeordneten mit großer Majorität angenommen; von 270 Herren stimmten 220 mit Ja, 50 mit Nein, 17 enthielten sich der Abstimmung. Bey der Debatte in der Kammer zeichneten sich übrigens unser Referent Herr Pastor Richter in Mariendorf bey Berlin, gebürtig aus der Gegend von Lauchstädt, mein Freund Schulze, und mein mir von Schulpforte her wohlbekannter Coaetaneus der Oberpfarrer Graefer in Heldrungen durch ihre gediegenen Vorträge auf das Glänzendste aus; dem letzterem stellte nachher das Consistorium in Magdeburg, welches 25 Jahre früher in derselben Sache bey Einführung des Berliner Gesangbuchs, von Schleiermacher redigirt, in liberalstem Sinne zu Gunsten der Gemeinde in Heldrungen sich erklärt hatte, und er diesen Commpromiß nun aufdeckte, die Alternative entweder sein Amt oder sein Mandat niederzulegen; er wählte das Letztere. Das Brandenburger Consistorium verfuhr aber gegen den Pastor Richter, welcher auch manchmal scharf gegen den Cultusminister und die Kirchenbehörden auftrat, nicht so. Den Beschluß des Abgeordneten-Hauses hat die Staatsregierung ignorirt, eine Resolution ist von derselben nicht erfolgt, daher denn auch der Anhang von Superintendent Weinrich bis zum Ende des Jahres 1865, wenn auch nur selten, im Gottesdienste früh und nur beym ersten Liede, niemals aber beym Hauptliede, gebraucht worden ist. Von diesem Zeitpunkt an bis jetzt, Juli 1868, ist er aber, vermuthlich auf höhern Wink, nie wieder in der Kirche in Gebrauch gezogen worden. Viel mochte wohl dazu mit beygetragen haben, daß die bisherigen Mitglieder des Gemeinde-Kirchenrathes endlich des langen, vergeblichen Kampfes mit den Kirchenbehörden satt und müde nach Ablehnung der neuen fast unveränderten Auflage des Anhangs, am 22ten December 1863 sämmtlich ihre Ämter niederlegten, und dies im Kreisblatte bekannt machten. Dem Superintendent Weinrich schien dieser Vorfall, welcher große Sensation erregte, sehr unangenehm zu seyn; nach langer Zögerung wurden endlich am 26ten April 1864 neue Gemeinde-Kirchenräthe gewählt, lauter fügsame Herren, wie sie die Geistlichen wünschen und brauchen können. Die Theilnahme an der Wahl war äußerst gering, daß im Ganzen nur 25 Personen dazu erschienen, welche die Wahl vollzogen; der ganze Act war fast allgemein der Gegenstand des Spottes, denn die Gemeinde hatte deutlich genug ihr Urtheil gesprochen. Unser kirchliches Leben ist nur durch die Schuld der Geistlichen zerstört und leidet an der Auszehrung; es wird schwerlich jemals seine früherer Blüthe wieder erreichen. Das wir bey dem Herrn Cultusminister von Muehler, deßen jüngerer Bruder in den Jahren 1856-60 als Kreisgerichts-Direktor hier angestellt war, kein Gehör fanden, darf uns nicht wundern, denn dieser Mann trat gleich bey der Verhandlung im Abgeordneten –Hause entschieden gegen uns auf, und wollte die ganze Sache durch Uebergang zur Tagesordnung beseitigt wißen, was ihm aber nicht gelang. Unser Referent, der Pastor Richter, welcher ein halbes Jahr später im Hause der Abgeordneten mit dem Referat über eine Petition zweyer Landgemeinden in Westphalen, welchen ihre Geistlichen von den höheren Kirchenbehörden wider Recht und Gesetz aufgedrungen worden beauftragt war, sprach in der 22ten Sitzung am 9ten März 1863 in seiner Rede sich über das gegenwärtige Altensteinsche Cultusministerium also aus: „ Ich bedaure, daß unser Cultusministerium nicht mehr an der Spitze der Cultur in unserem Lande steht, wo es so lange gestanden hat. In früheren Zeiten war das Cultusministerium gewöhnlich einen oder mehrere Schritte voraus vor dem, was Viele im Volke wollten. Da leuchtete auf dieser Höhe das Licht der Aufklärung, es waltete das Streben das Volk vorwärts zu führen. Gegenwärtig müssen wir uns leider in der Lage erkennen, daß das Gegentheil eingetreten ist.“ Zum Schluß noch die Bemerkung, daß unser Streit ein principieller ist, daß es sich um eine wichtige Kirchenrechts-Frage handelt, daß wir nicht nur für das Recht unserer Kirchengemeinde, sondern der ganzen evangelischen Landeskirche streiten, daß dieser Streit eine historische Bedeutung hat, und die Augen von ganz Deutschland auf den Ausgang deßelben gerichtet sind.“

Die Stadt-Armenkasse hat am 30.Januar vom Kreis-Armenfond 200 Rtl., die Gemeinde Grünstraße dagegen 500 Rtl. als Unterstützung für das Jahr 1859 erhalten.

Nachdem am 6.Februar der Ortsschulze und Polizeianwalt Schulze im 64sten Lebensjahre am Gesichtskrebs, woran derselbe 17 Jahre gelitten hatte, gestorben war, wurde am 8ten März des Jahres eine vorläufige Conferenz des Magistrats und der Stadtverordneten mit dem Königl. Landrath Herrn von Rauchhaupt wegen der späteren Vereinigung der Amtsvorstadt Grünstraße und der Stadtgemeinde abgehalten.

Am 19ten April wurde unter der Leitung des Herrn Cantor Thierbach zur Feyer des 300 jährigen Todestages von Melanchthon`s in der Gottesackerkirche Abends 5 Uhr das berühmte Requiem von Mozart aufgeführt. Dasselbe wurde noch einmal am 19.Juli, zur Feyer des 50 jährigen Todestages der Königin Louise von Preußen wiederholt.

Von dem landwirtschaftlichen Verein der Kreise Delitzsch und Bitterfeld wurde am 15ten und 16ten Mai eine Thierschau, sowie Maschinen – und Producten-Ausstellung auf dem Schießplatze abgehalten, die mit 122 Pferden, 104 Stück Rindvieh, 174 hochveredelten Schaafen, 14 Schweinen und eine bedeutende Anzahl Maschinen aller Art, Ackerwerkzeugen und sonstigen Erzeugnissen der Industrie beschickt worden war. Von den 78 mit Prämien und ehrenvoller Auszeichnung bedachten Herren Ausstellern erwähnen wir vorzugsweise folgende: A., bei den Schaafen: Herr Amtmann Pöhring in Güntheritz, Herr Amtmann Schirmer auf Neuhaus und Herr Ober-Amtmann Jäger in Schulpforta, jeder einen silbernen Pokal; B., bei den Pferden: Herr Gutsbesitzer Sachtler in Riesigk (Anhalt), Herr Graf zu Solms auf Roesa und der Gutsbesitzer Remmicke in Kattersnaundorf, jeder einen silbernen Pokal; C.,beim Rindvieh: Herr Amtmann Heising in Wessmar, Herr Ober-Amtsmann Steinkopf in Frussdorf, Herr Amtsmann Lösch in Beerendorf, jeder einen silbernen Pokal; bei den Maschinen: Schmiedemeister Portius in Brodau für Ackerwerkzeuge 40 Rtl. – Uebrigens war die Ausstellung an beiden Tagen, selbst von weit entfernt Wohnenden, sehr besucht; 1,500 Rtl. wurden für 3,000 Stück verkaufte Loose eingenommen und für 1,526 Rtl. Gegenstände zur Verloosung angekauft. Der Berliner Scheffel Weizen kostete am 2.Juni: 2 Rtl 25 Sgr. bis 2 Rtl 27 ½ Sgr. Roggen 2 Rtl. 7 ½ bis 2 Rtl. 8 ¾ Sgr., Gerste 1 Rtl. 22 ½ Sgr.bis 1 Rtl. 25 Sgr., Hafer 1 Rtl. 8 ¾ Sgr. bis 1Rtl. 11 ¼ Sgr. Vor und während der Erndte regnete es öfter, sodaß sich im Roggen viel Mutterkorn bildete, und das Erndteergebniß nur mittelmäßig zu nennen war. Die Getreidepreise waren am 27.October:
Weizen kostete der Berliner Scheffel     3 Rtl bis 3 Rtl. 5 Sgr.
Roggen kostete der Berliner Scheffel     2 Rtl. 2 Sgr. 6Pf. bis 2 Rtl. 5 Sgr.
Gerste  kostete der Berliner Scheffel     1 Rtl 20 Sgr. bis  1 Rtl. 22 Sgr.6Pf
Hafer    kostete der Berliner Scheffel            27 Sgr. 6Pf.  bis 1 Rtl    

Nachdem am 25ten November das letzte Glied der Parreidtschen Familie, die verwittwete Gerichts-Director Parreidt, im 81ten Jahre gestorben war, wurde vom Magistrat beschlossen, die an der Mitternachs-Seite der GottesackerKirche befindliche Kapelle nicht wieder wie bisher einer Familie zum Gebrauch beim Gottesdienst und als Begräbnißgruft zu überlassen, sondern zu einem Leichenhause einzurichten, was mit geringen Kosten geschehen ist. Der Eingang zur Gruft wurde zugewölbt und das nach der Kirche führende Fenster vermauert. Somit ist nunmehr einem längst gehegten Wunsche und einem für unsere Stadt wegen der Zunahme der Bevölkerung dringend gewordenen Bedürfnisse auf das Beste und Vollständigste abgeholfen. Vid.p.397. In Bezug auf die Parreidtsche Familie wird hier noch bemerkt, daß dieselbe seit 1506, mithin 354 Jahren im hiesigen Orte und in demselben Hause existirt hat. Eine für die im October in Ellrich Abgebrannten veranstaltete Haus-Collekte hat in unserer Stadt 41 Rtl.12 Sgr. 6 Pf.eingebracht.

Der Gesundheitszustand war in diesem Jahre befriedigend, die Sterblichkeit nicht bedeutend; epidemische Krankheiten haben nicht geherrscht. Die Zahl der Gestorbenen betrug 191, die der Geborenen dagegen 295, incl. 4 Todtgeburten Uneheliche 34. In den Sommermaonaten kamen, wie gewöhnlich, vereinzelte Fälle von Diarrhoren und Ruhren vor. Nachträglich ist noch zu bemerken, daß in der Nacht zum 29ten Februar ein furchtbarer Orkan aus Westen tobte. (Barometer 27,8.)

Die Brauerschaft verkaufte laut Verhandlung vom 1ten März das ihr gehörige Brauhaus am Markte, das Malz – und Darrhaus nebst Quetschmühle an der Stadtmauer, sowie Gerechtsame an den bisherigen Pächter desselben, Braumeister Gottlob Fritzsche für zusammen 4,500 Rtl. Den erst in neuerer Zeit im Hause erbauten Eiskeller ließ sie in diesem Jahre abbrechen und die daraus gewonnen Steine einzeln verkaufen. Den größten Theil kaufte ebenfalls der p.Fritzsche für 371 Rtl. Die gelösten Gelder wurden unter den Brauberechtigten vertheilt, womit sich die Brauerschaft auflöste.

In diesem Jahre wurden fplgende neue Wohnhäuser erbaut: von dem Maurergesellen Karl Thier und dem Maurergesellen Eduard Thier vor dem Halleschen Thore, von dem Mühlenbesitzer Eduard Hennig in der Leipziger Vorstadt, von dem Pasamentier Eduard Pernitzsch in der Lindenstraße, von dem Kaufmann Friedrich Meißner an der Promenade vor der Pforte, von dem Mühlenbesitzer Kirchhof ein Wohnhaus nebst Windmühle an dem Wege zwischen der Stadt und Werben, von dem Kreisgerichts-Secretär Bölcke an der Leipziger Chaussee, von dem Kaufmann Hennig im Hintergebäude in der Ritterstraße.

Als Lehrer wurden angestellt: Friedrich Andreas Theodor Bader, gebürtig aus Schloß Heldrungen, an der Vorschule an der hohen Töchterschule; Ethikow ???Beyer, gebürtig aus Hässen ???, kam in neu dotirte Stelle an der Vorstadtschule; ferner August Julius Klein, gebürtig aus Harz in Pommern, kam in die Stelle des abgegangenen Lehrers Rückelt an der Vorstadtschule.

An die Stelle des weiterbeförderten katholischen Pfarrers Schröder kam der Caplan Aug. Ad. Baeseler. In den ersten Tagen des December wurde das im Schloße und deßen Bezirke neu gebaute und eingerichtete Zuchthaus eröffnet, und daher von Lichtenburg 300 weibliche Züchtlinge auf der Eisenbahn und sicherer Bedeckung hierher transportiert. Die Kirche dieser Straf-Anstalt wurde am 4ten Advent, den 23ten December, von dem General-Superintendent Dr. Theol. Lehnerdt aus Magdeburg Vormittags um 10 ½ Uhr eingeweihet, zu welcher Feierlichkeit das Kreisgericht, die Geistlichkeit und der Magistrat eingeladen waren. Der Director dieser Anstalt ist der Hauptmann von Valentini, und Geistlicher der Pastor Schulze, vorher in Halle, und Arzt der Kreisphysikus Dr. Kanzler.