Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1876

Justizrath Hasserts Tod
Leider müssen wir diesen neuen Band mit der Todesanzeige eines verdienstvollen Mannes beginnen. Am 13ten Januar 1876 Abends um 6 Uhr starb nach kurzem Krankenlager der Königl. Preuß. Justizrath, Notar und Rechtsanwalt Carl Ferdinand Benjamin Hassert, im 71ten Lebensjahre. Derselbe war geboren zu Elsterwerda den 5ten November 1805, wo sein Vater Gerichts-Actuar war, und später 1816 bey der damaligen Reorganisation der Gerichtsbehörden (Umwandlung der sächsischen in preußische), von Elsterwerda nach Schlieben als Gerichtsamtmann versetzt wurde, zu welcher Zeit dieser seinen 10 Jahre alten Sohn auf das Gymnasium nach Luckau in der Niederlausitz schickte. Nach der spätern Versetzung seines Vaters von Schlieben nach Seyda, wo derselbe als Gerichtsamtmann verstorben ist, besuchte der junge Hassert das Gymnasium zu Wittenberg und bezog hierauf 1825 die Universität zu Halle, um Jura zu studieren, und hat diese Studien später noch auf der Universität zu Berlin beendigt.

Im Sommer des Jahres 1834 kam derselbe nach Delitzsch, um sich hier als Rechtsanwalt niederzulaßen. Er erwarb sich hier und in weitem Umkreise bald sehr großes Vertrauen und eine starke juristische Praxis; in seinem bedeutendem amtlichen Wirkungskreise war er treu und gewißenhaft und stritt stets nur für Recht und Wahrheit. Auch bey unserer Bürgerschaft stand er in hohen Ansehen; denn schon im Jahre 1839 wurde derselbe am 20ten October von dieser zum Stadtverordneten und gleich nachher zum Vorsteher der Versammlung erwählt; diese Ehre wurde ihm noch zweymal im October 1849 und 1850 zu Theil. Im Jahre 1842 erbaute er sich ein stattliches und geräumiges Wohnhaus nebst Seitengebäuden auf einem Platze am Kohlthore, wo bis zum Jahre 1836 eine Strohscheune stand.

Seine Erholung war der Gartenbau und Obstkultur, ganz besonders aber auch die Musik, er war ein geübter Pianoforte-Spieler, wovon derselbe einen glänzenden Beweis am 17ten September 1851 in einem von unsern tüchtigen Organist und Lehrer Jost im Saale des Hotels zum Schwan veranstalteten Concerte gegeben hat; es wurde nämlich an diesem Abend zum Besten des Orgelbaues in unserer Gottesackerkirche die Oper Hans Heiling von Marschner auf zwei Flügeln, wo der nun vollendete mit seiner Gattin, einer Tochter des Stadtmusikus Engelmann in Querfurth, vierhändig spielte, mit großem Beyfall aufgeführt; zu einem solchen präcisem Spiele auf zwey Flügeln können natürlich nur vier geübte Virtuosen von dem Dirigenten benutzt werden.

Krank ist der J. R. Hassert während seines fast 42jährigen hiesigen Aufenthalts fast niemals gewesen, bis die letzte Woche seines Lebens ein durch Erkältung entstandenes rheumatisches Fieber ihn auf das Krankenlager brachte, und ein sanfter Tod das Leben des würdigen Greises endete.

Ordensverleihung
Seine Majestät der Kaiser und König hat im Januar dem Kanzleirath Ansinn bey Gelegenheit seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums den rothen Adlerorden vierter Klaße mit der Zahl 50 verliehen.

Lehrerwechsel
Von der hiesigen Bürgerschule gingen am ersten Januar d. J. ab: der Lehrer Paul Freyberg nach Acken an der Elbe, und der Lehrer Ernst Gloeckner nach Bernburg.

Die erstere Stelle wird durch einen Schulamts-Präparanden versehen, während an die Stelle des gg. Gloeckner der Lehrer Friedrich Lahmeyer aus Brodau am 1ten Januar eingetreten ist.

Witterung vom Januar bis Ende März
Die Witterung im Januar war bis zum 4ten d. M. bey W.W. trübe, milde und feucht; von da an aber trat bey höherem Barometerstande (Bar. 28,3-6) und N.W. wie auch N.O.W. strenge Kälte ein, welche bis zum 10ten von –4° Reaum. bis auf –13° R. stieg, von da an bis zum 18ten allmählig wieder abfiel, den 19ten in Thauwetter überging und dann bey sehr gelindem Frost und milder Atmosphäre bis zum Ende des Januar bey W.W. und S.W.W. anhielt. Schnee fiel am 6ten und 18ten; dichte Nebel hatten wir in den Tagen vom 11ten bis 17ten bey N.O. und N.W.W. und hohem Barometerstand; Barom 28,3-6; ebenso dichte und rauhe Nebel waren auch am 22ten, 25ten, 29ten, 30ten und 31ten bey demselben anhaltend hohen Barometerstand bis 28,7 und derselben Windrichtung.

Im Februar waren die ersten drei Tage schön und milde, vom 4ten an fiel das Barometer schnell von seiner bisherigen Höhe auf 27,8 und es erfolgte nun bey N.O. und N.W.W. und geringen Kältegraden bis mit dem 8ten und am 10ten ein starker maßenhafter Schneefall worauf vom 14ten bis zum 17ten anhaltendes Thauwetter eintrat, so daß wir am 17ten und 18ten großes Waßer hatten, indem der Loberbach die sämtlichen in seinem Verlauf liegenden Wiesen überschwemmte. Zudem regnete es noch am 19ten, 21ten, 22ten, 26ten, 27ten, 28ten und 29ten; am letzteren Tage war es ein Landregen mit Schnee, an den ersteren stürmische Aprilwetter mit oft und schnell wechselnder Windrichtung (Bar. 27,6-8).

Der Maerz war diesmal bey vorherrschenden W. und N.W.W. durch seine ungewöhnliche Härte, sehr stürmisches und rauhes Wetter, mit Ausnahme von nur vier hellen und milden Tagen d. 1ten, 28ten, 30ten und 31ten, der drückendste Wintermonat für Menschen und Thiere. Schon am 2ten war von 3 Viertel auf 4 Uhr bis 4 U. ein starkes Gewitter mit gewaltigem Regen und Graupeln, und am 6ten und 7ten Abends von ½ 5 bis 5 U. entluden sich wieder schwere Gewitter mit vielem Regen und Sturm (Barom. 27,5); am 8ten fiel Schnee, und in der Nacht zum 9ten tobte ein heftiger Orkan aus S.W. (Barom. 27), welcher am 10ten und 11ten zwar nachließ, aber am 12ten mit desto mehr Wuth wiederkehrte (Barom. 27,2), und von Abends 9 U. an in den schrecklichsten Orkan mit den fürchterlichsten Windstößen ausartete, und dermaßen wüthete bis gegen morgen, sodaß durch das entfesselte Element an Gebäuden und Bäumen viel Schaden angerichtet wurde. Im Rosenthale waren Planken und Stackete in ziemlicher Länge umgestürzt, die Schaafbrücke beschädigt, ferner 9 sehr starke italienische Pappeln und an der Stadtmühle eine starke Birke von der Gewalt des Sturmes ganz entwurzelt worden; daßelbe Schicksal betraf noch 5 alte italienische auf dem Abhang des Gottesackers nach Abend stehende Pappeln und eine am Kohlthor, außerdem waren Tausende von Ziegeln von den Dächern herab geworfen und zertrümmert worden. Noch muß erwähnt werden, daß am 16ten Abends von ½ 6 bis 6 U. ein Schneesturm stattfand, und daß am 20ten, 22ten und 26ten Schnee fiel, welcher bald wieder schmolz (Bar. 27,6-8).

Uebrigens hat unsere Stadtcommun auch in dem ihr gehörigen Antheil der Spröde bedeutenden Schaden durch die erwähnten Stürme und Orkane erlitten, indem über tausend entwurzelte Bäume als Windfall am Boden liegen.

Gesundheitszustand
Trotz der abnormen Witterung und des öfteren schroffen Wechsels derselben war in diesem Quartal der Gesundheitszustand befriedigend und demgemäß auch die Sterblichkeit nicht groß. Wegen leichter katarrhalischer und rheumatischer Beschwerden konsultieren Viele keinen Arzt und überlassen die Heilung der Natur und der Diät. Am Schlagfluß starben plötzlich einige sehr alte Personen.

Beamtenwechsel
Am 1ten April legte der bisherige Kirchenkaßen-Rendant der hiesigen Stadtkirche Kaufmann Zeising, welcher dieses Amt seit dem 1ten Januar 1867 verwaltet hatte, daßelbe freiwillig nieder; sein Nachfolger wurde der von der Kirchen-Inspection dazu erwählte unbesoldete Magistrats-Assessor und Agent Sattler.

Einsetzung der Diakonen
Nach dem Abgange des Archidiaconus Goedicke nach Aschersleben am 19ten September v. J. und deßen Vicarius, Hülfsprediger Marr nach Pratau bey Wittenberg, wurde unser bisheriger Diaconus Meinhardt vom Magistrat zum Archidiaconus und Katechismusprediger und der Predigtsamts-Kandidat Franz Kunze aus Büschdorf bey Halle zum Diaconus und Hospitalprediger erwählt; beyde Herren wurden vom Superint. Leipoldt am Sonntag Judica in der Frühkirche in ihre neuen Aemter eingesetzt, am 2ten April; Diaconus Kunze hielt die Antrittspredigt. Leider war auch bey dieser Feierlichkeit der Gottesdienst nur schwach besucht, besonders fehlten die Männer auf den Chören, welche fast ganz leer waren; ein neuer Beweis von dem so tief gesunkenen kirchlichem Leben und religiösem Indifferentismus in unserer Gemeinde, woran theils der haltbrechende Viele ganz zu Grunde richtende und schnell verderbende Uebersturz unserer Zeit im Jagen nach Reichtum, theils aber auch die Geistlichen und Kirchendiener die Schuld tragen. (Siehe den Schluß des vorigen Jahres).

Möge Gott helfen, daß es auch in dieser Hinsicht bald besser werde; dann, altes Delitzsch, treu und bieder, wirst Du wie ehemals beglückt, wenn deiner Väter Tugend wieder, ihr Fleiß und Gottesfurcht Dich schmückt.

Tod des Dr. med. Kuehne
Am 3ten April Abends um 7 Uhr starb zu Magdeburg nach kurzem Krankenlager ein junger hoffnungsvoller Mann, der praktische Arzt Dr. medic. Oskar Kuehne im bald vollendeten 29ten Lebensjahre am Petechial-Typhus.

Er war der einzige Sohn des jetzt 80 Jahre alten hiesigen Kaufmanns und Oeconomen Wilhelm Kuehne und hier im Jahre 1847 geboren. Seine literarische Bildung erhielt derselbe auf dem Gymnasium zu Wittenberg, welches er nach sechs Jahren verließ, und hierauf die Universität zu Königsberg bezog, um Medicin zu studieren; vier Jahre später besuchte er noch die Universität zu Berlin um seine academischen Studien zu beenden und zugleich die examina, Promotion und cursus in Königsberg zu absolvieren.

Seine Doctor-Disputation ist leider in der deutschen Sprache geschrieben, was seine Schwäche in den alten Sprachen beweist. Nachdem dieses Alles glücklich überstanden war, ließ er sich vor etwa drei Jahren in Magdeburg als praktischer Arzt nieder, wo er bald nachher eine Stelle als Aßistenz-Arzt am Stadtkrankenhaus erhielt, und auch vom Petechialtyphus angesteckt wurde. Die Ursache dieses gefährlichen, viele Opfer fordernden Typhus liegt in den furchtbaren in diesem Frühjahr in Magdeburg und der Umgegend, besonders Schönebeck, wo derselbe noch stark graßiert, von der Elbe und Saale angerichteten Ueberschwemmungen, aus denen nach Verlauf der Wäßer aus dem zurück gelaßenem Schlamme, faulenden thierischen Stoffen, todten Fischen pp. sich miasmatisch-contagiöse Effluvien entwickeln, welche die Atmosphäre meilenweit verpesten und das Brunnenwaßer verderben, wodurch natürlich ausbrechende Nervenfieber sehr bald einen fauligen, ansteckenden Character erhalten.

Bürger-Jubiläum
Bey dieser Gelegenheit muß noch erwähnt werden, daß der Vater des verstorbenen Herrn Dr. medic. Kuehne vor einigen Tagen sein fünfzigjähriges Bürgerjubiläum in aller Stille begangen hat. Derselbe war im April 1826 Bürger unserer Stadt geworden, und hat sich in diesem langen Zeitraum Achtung und Verdienste um die Stadt erworben, und war auch während mehrerer Jahre Stadtverordneten-Vorsteher; möge der 80jährige Greis nach so mancher Noth nur noch Freude erleben!

Lindenanpflanzung (84 Stück)
Unser Verschönerungs-Verein hat im April auf der Promenade hinter dem Schloße eine sehr schöne Lindenpflanzung angelegt. Die Bäume sind schön und kräftig gewachsen, mit starken Baumpfählen versehen und durch Dornen vor Beschädigung gesichert. Es ist hier in kurzer Zeit eine Anlage geschaffen, die noch unsern späten Nachkommen zu Gute kommen und sie erfreuen wird. Unsere sämtlichen Mitbürger werden dringend gebeten den Schutz dieser neuen Anpflanzung als Ehrensache zu betrachten und etwaige Baumfrevler unnachsichtlich der Polizei-Behörde anzuzeigen.

Selbstmord
Am 24ten April ereignete sich bey uns der hier noch niemals vorgekommene Fall eines Selbstmords von einem 12jährigen Schulknaben. Der Sachverhalt ist folgender:

Nachdem vor wenigen Monaten der Gutsbesitzer Holzweissig im Dorfe Rackwitz nebst seiner Frau, beyde wohlhabende Landleute, verstorben waren, beschloß der Vormund im richtigen Einverständnis mit den übrigen Verwandten diesen Sohn Osswald Holzweissig, weil er in seiner Schulbildung und Kenntnißen noch außerordentlich zurück und sehr dürftig beschlagen war, und die Mittel zu diesem löblichen Zweck in reichem Maaße vorhanden sind, nunmehr auf unsere höhere Bürger- oder Realschule zu bringen, was auch zu Ostern d. J. geschah; auch ward derselbe in einer guten Pension bey der Fleischermeister-Wittwe Schroeter untergebracht. Obgleich er bereits 12 Jahre alt war, konnte er doch bey seiner Aufnahme in unsere sehr gute Realschule seinen Platz nur in der Sexta erhalten. Da bestrafte ihn der betreffende Klaßenlehrer nach mehreren fruchtlosen Warnungen einmal mit Degradation, worüber dieser Knabe sich gegen seine Mitschüler so erbittert äußerte, daß er sich deshalb erhängen würde, was er denn auch am 24ten d. M. Nachmittags um 4 Uhr im Hofe seines Wirths that.

Dieser Fall bleibt ein psychologisches Räthsel, weil doch in diesem Alter die Liebe zum Leben, besonders bey begüterten, bekanntlich am größten ist. Bey diesem schrecklichem, offenbar prämeditierten Falle mag wohl beleidigter Stolz und gekränkter Ehrgeiz mit im Spiele und die Motive zur schnellen Ausführung der That gewesen sein, wie man hört, soll auch sein Vater ein überspannter Mann gewesen und somit eine erbliche Anlage vorhanden seyn; auch soll derselbe in keiner glücklichen Ehe gelebt haben.

Collecte für Schönebeck
Die vom Buchdruckereibesitzer Herrn Meyner veranstaltete Collecte für die Ueberschwemmten in Schönebeck und der Umgegend hat bis zum Anfang des Mai den reichen Ertrag von 605 Thalern 1 Sgr. 11 Pf. eingebracht.

Rangerhöhung
Im Monat Mai wurden die bisherigen Herren Kreisrichter Neubert und Grobe zu Kreisgerichts-Räthen ernannt.

Todesfall
Am 7ten Junius starb nach längerer Krankheit der Marktmeister und erste Polizei-Sergeant Steinborn, 35 Jahre alt: er war sehr brauchbar und treu.

Feuersbrunst
Am 19ten Junius Abends um halb 6 Uhr brannten in den vor dem breitem Thore an der Kohlgaße liegenden Scheunen in der dritten Reihe vier derselben ganz ab; die fünfte hart angränzende, deren Giebel schon das Feuer ergriffen hat, wurde noch durch die angestrengten Bemühungen unserer braven Feuerwehr gerettet.

Die Ursache der Entstehung dieses Feuers, welches in der zweiten nach Morgen zu liegenden Scheune entstanden seyn soll, ist bis jetzt nicht entdeckt worden; laut einer Bekanntmachung des Magistrats im Kreisblatt hat einer der abgebrannten Besitzer 50 rtl. Belohnung auf die Entdeckung und die Bestrafung des Verbrechers gesetzt.

Tod des Geheimen Medicinalraths und Professor Dr. med. Ehrenberg in Berlin
Am 27ten Junius früh halb 1 Uhr ist nach langem Leiden der Geheime Medicinalrath und Profeßor Dr. Christian Gottfried Ehrenberg zu Berlin an der Waßersucht und in Folge von Altersschwäche im 82ten Lebensjahre verstorben; er war in Delitzsch am 19ten April 1795 geboren. Seine Lebensbeschreibung befindet sich in dieser Chronik im vorigen Bande verzeichnet.

Witterung von April bis Junius
Die winterliche Witterung des Maerz ging fast in derselben Weise bei mehr höherm als niederm Barometerstande und vorherrschenden N.W. und N.O.W. in den April über; wir hatten weit mehr trübe, kühle, rauhe und windige Tage, als helle und schöne; dichte Nebel waren am 2ten, 4ten und 6ten bemerkbar; Schnee fiel am 13ten; ein schweres Gewitter entladete sich am 17ten Abends von 9 – ½ 10 Uhr mit gewaltigen Blitzen und Donnerschlägen und starkem Regen (B. 27,9); Tagsdarauf den 18ten folgte Vormittags ein Landregen (B. 27,6); am 22ten war wieder ein starker Landregen. Ganz in derselben Weise bey ebenderselben noch anhaltender scharfen Windrichtung und ebenso höhern Barometerstand (28,1-5) ging der Witterungslauf in den Mai über, es war an vielen Tagen deßelben empfindlich rauh und kalt, so daß derselbe wahrscheinlich nicht den Namen des Wonnemonats verdient; am 17ten früh um 4 Uhr trat sogar noch ein sehr starker , trockener Frost ein bey N.O.W. (B. 28,2), welcher die herrliche Baumblüthe der Kirschen, Pflaumen und Nüße total vernichtete und viele dieser Bäume tödtete. Gewitter traten auf am 1ten, das eine um ½ 3 Uhr Nachmittags ohne Regen, das zweite stärkere um 4 U. mit Regen aus N.O., am 25ten um 2 ¼ - 3 U. ein Gewitter aus N.O., ferner am 26ten Abends von ½ 6 – 6 U. aus W., den 27ten um 2 U., und den 31ten um ½ 6 U. Abends ein Gewittersturm aus N.W. mit wenig Regen. Nachdem nun der Witterungslauf des April und Mai in der bisherigen rauhen, schroffwechselnden Weise bis zur Mitte des Junius angehalten hatte, erfolgte endlich vom 18ten d. M. an entschiedene Wendung zum Beßern, indem die Tage desselben trotz der zwar mildern Fortdauer des N.W. u. N.O.W. heller, freundlicher und wärmer wurden (Therm +25 – 30). Zwei starke Gewitter bildeten und entladeten sich mit schönem Regen am 8ten früh von 7 – 8 und 10 – 11 U. bey N.W. u. N.O.W., sodann am 9ten früh um 7 und Mittags um 12 Uhr.

Bey dem letzteren schweren Gewitter schlug der Blitz im Dorfe Zschortau an zwey Stellen ein. Zunächst von der Thurmspitze ausgehend verletzte derselbe das Schieferdach des Thurmes erheblich, durchschlug einen starken Strebepfeiler, ist auch sichtbar in das Innere der Kirche eingedrungen, doch ohne etwas zu zerstören. In einem Gehöft drang der Schlag, vom Giebel des Wohnhauses ausgehend, durch die Oberstube in die Wohnstube und traf den am Fenster sitzenden Besitzer an Brust und Gliedern, doch ohne ihn zu tödten; die neben ihm sitzende Großmutter und ein kleines Kind blieben unbeschädigt.

Am 12ten Landregen.
Endlich hatten wir noch zwey Gewitter im Junius, das eine am 16ten von 2 ½ - 3 U., das zweyte am 30ten von 1 – ½ 2 U. mit starkem Regen und heftigen Schlägen aus N.W. nach O. Dieses letztere war sehr schwer und hat besonders in unserer Nachbarstadt Landsberg viel Unheil angerichtet, indem der Blitz die Frau des Hausbesitzers Gröner, welche vor dem Herde stehend die Speisen kochte, daselbst erschlug, ferner den 22 Jahre alten Sohn des Hausbesitzers Baumgarten in seinem ebenfalls am Fuße des Kapellenbergs gelegenen Hause in der Stube tödtete, und deßen 18 Jahre alte Tochter auf längere Zeit betäubte. Das einzige Gute, was die höchst ungünstige, rauhe Witterung dieses ganzen Frühjahrs uns gebracht hat, ist die durch dieselbe bewirkte gründliche Vertilgung der Maikäfer, dieses gefräßigen Ungeziefers, von denen wir bekanntlich in jedem Schaltjahre eine starken Flug zum großen Schaden der Bäume zu erwarten haben. Da wir in diesem Frühjahr vom 22ten April bis zum 12ten Junius, mithin über 7 Wochen, keinen Landregen erhielten und auch die frühern Gewitter mehrmals wenig oder keinen Regen mitgebracht hatten, auch der scharfe N. und O.W. sehr austrocknete, so war im Mai und Junius große Dürre auf Wiesen und Feldern entstanden, in deren Folge die Früchte auf denselben in ihrer Ausbildung zurück waren um wenigstens zwey Wochen gegen andere Jahre. Da kamen zur höchsten Zeit in der ersten Hälfte des Junius die fruchtbringenden Gewitterregen, erquickten die verdorrten Fluren, und in wenig Tagen standen wie mit einem Zauberschlage durch ein Wunder Gottes die Feldfrüchte, besonders das Wintergetreide, neu verjüngt in reicher Fülle da. Verschwunden waren alle Besorgniße wegen einer Mißernte; auch die Heuernte, obgleich um 14 Tage verspätet, ist ziemlich gut ausgefallen und seit den letzten Tagen des Junius glücklich eingebracht worden.

Gesundheitszustand
Der Gesundheitszustand war in diesem Quartal nicht so befriedigend, demgemäß aber auch die Sterblichkeit größer, als im letztem Quartal. Es kamen rheumatische und katarrhalische Leiden zur Behandlung, ferner Spitzpocken und Rachenbräune, an der letzteren starben viele Kinder. Die Zahl der Gebornen betrug 83, die der Gestorbenen 67.

Beamtenwechsel
An die Stelle des seit dem 1ten April mit einer jährlichen Pension von 540 Mark in den Ruhestand versetzten Polizey-Sergeanten Uhlig ward der bisher bey der Eisenbahn in Leipzig beschäftigt gewesene Albert Heidemann mit einem jährlichen Gehalt von 810 Mark(incl. freier Wohnung) angestellt.

Neuer Lehrer und Lehrerin
An der höheren Töchterschule sind seit dem 15ten April d. J. die Stelle eines wißenschaftlich gebildeten Lehrers und einer Elementarlehrerin neu begründet worden. Erstere ist interimistisch dem von hier gebürtigen Candidaten des höheren Schulamts Louis Rose, geboren 1854, Sohn des hiesigen Maurermeisters Rose, bisher Student der neuern Sprache in Goettingen, mit einem Jahrgehalt von 1900 Mark verliehen, die letztere Stelle dem Fräulein Auguste Ottilie Kuehn aus Berlin, geboren daselbst den 4ten August 1851, mit einem jährlichen Gehalt von 900 Mark übertragen worden.

Lehrer-Wechsel
Der Lehrer Otto Gloeckner II ging am 1ten April von hier ab, um in Weißenfels eine Lehrerstelle anzunehmen, seine Stelle erhielt der Lehrer Robert Großstück, bisher in Alsleben, welcher am 1ten Julius sein Amt antrat. Der Lehrer Lahmeyer, welcher am 1ten Januar in des nach Bernburg abgegangenen Lehrers Ernst Gloeckner I Stelle eingetreten war, wurde krank und ist am 1ten Juli ausgeschieden; seine Stelle wurde dem bisherigen Seminaristen Otto Bach, geb. zu Teuchern d. 10ten November 1855, gebildet auf dem hiesigen Schullehrer-Seminar, am 1ten Julius verliehen.

Neue Lehrer-Stelle
An der zweyten Bürgerschule wurde eine neue Lehrerstelle begründet und dieselbe dem bisherigen Seminaristen in Eisleben Trinkaus verliehen und am 1ten Mai übergeben, wo er sein Amt antrat.

Neuer Gottesacker
Da das vom Müllermeister David Thormann im Jahre 1873 zur Anlegung eines neuen Begräbnisplatzes verkaufte Feldareal von 15 Morgen rechts der Bitterfelder Chaußee hinter Offenhauers Brauerei wegen des Widerspruches des Brauereibesitzers Offenhauer nicht zu dem angegebenen Zwecke verwendet werden konnte; so traten die städtischen Behörden mit der Hospital-Inspection in Unterhandlung, und es überließ in Folge deßen die Hospital-Verwaltung von ihrem zwischen der Dübener und Beerendorfer Straße gelegenen Ackerplan von 18 Morgen 150 Quadratruten eine Fläche von 10 Morgen an die Stadt-Commun ab, wogegen diese die obigen ihr gehörigen, von Thormann erworbenen 15 Morgen dem Hospital tausch-resp. kaufweise abtrat.

Das Hospital zahlte an die Stadt-Commun, da ersteres 5 Morgen mehr erhielt, noch 2700 Mark baar heraus.

Verpachtung der Kirschen
Die diesjährigen sehr wenigen Süß- und Sauerkirschen auf den Commun-Alleen wurden für zusammen 75 Mark verpachtet. Der starke Frost am 17ten Mai früh um 4 Uhr hatte leider in Verbindung mit dem sehr scharfen N.O.W. die herrliche Baumblüthe total zerstört.

Geschenk an das Bürgerhospital
Am 15ten Julius hat der Verfaßer dieser Zeilen dem Bürger-Hospital seiner theuren Vaterstadt zum Andenken an seine fast sechsundzwanzigjährige ärztliche Amtswirksamkeit in dieser trefflichen Anstalt sein anatom. chirurg. Besteck zum Geschenk darzubringen sich erlaubt, und zu diesem Zweck nach vorheriger Anzeige bey der Wohllöbl. Hospital-Inspection dem Hausvater Schnittspahn heute übergeben. In demselben befinden sich folgende Instrumente: 1) eine große Blattsäge, 2) eine Pincette, 3) ein starkes Knorpelmeßer, 4 u. 5) zwey Bistouries, 6 u. 7) zwey Scallpells, 8 u. 9) zwey Nerven-Messer, 10) eine Lancette, 11) eine Scheere, 12) ein Arterienhaken, 13) ein Tubulus, 14 u. 15) zwey Muskelhaken, 16) eine Hohlsonde, 17 u. 18) zwey kleinere Haftnadeln, 19 u. 20) zwey größere Haftnadeln.

Der Werth des Ganzen beträgt 24 Mark (8 rtl.)

Todesfall
Am 21ten Julius ist der seit Neujahr 1854 hier angestellte und seit Anfang dieses Jahres mit 150 rtl. jährlicher Pension in den Ruhestand versetzte zweyte Polizey-Sergeant Uhlig nach kurzer Krankheit im 58ten Lebensjahre verstorben.

Verpachtung der Pflaumen
Die Pflaumen-Nutzung im Rosenthal wurde für 31 Mark verpachtet.

Todesfall
Am 8ten August starb der seit Michäelis 1868 emeritierte frühere Tertius Friedrich August Lorenz im 80ten Lebensjahre.

Selbstmord
Am 21ten August früh um 5 Uhr hat sich der Handarbeiter Barth, nachdem er die ganze Nacht vorher auf dem Tanzboden in der Grünstraße zugebracht, in seiner Wohnung im Hause der Nagelschmiedswittwe Schmidt in der Holzgaße, erhängt; derselbe war 35 Jahre alt, ein roher, höchst leidenschaftlicher, zügelloser Mensch, welcher seine Frau oft schrecklich mißhandelte.

Verkauf eines Stücks Stadtmauer
Dem Rohlederhändler August Jacob wurde Behufs Umbaues eines Schuppens zu einer Niederlage ein Stück Stadtmauer nebst Grund und Boden, zwischen dem Breiten Thor und der Pforte gelegen, in einer Ausdehnung von 91 und 2/3   Fuss (Quadratfuss d.A.) für den Preis von 75 Pf. pro     Fuss, also für 68 Mark, 75 Pf eigentsächlich überlaßen.

Sedanfest
Die Feier des Sedanfestes wurde am 2ten September in der von den geistlichen und weltlichen Behörden angeordneten Weise mit einem Actus in den Schulen, liturgischem Gottesdienst, Auszug der Schützen und der Landwehr-Veteranen begangen, übrigens war die Theilnahme gegen die letzten Jahre auffallend gering, woran einen großen Theil der Schuld die bereits so lange anhaltende beyspiellose Theuerung aller Lebensmittel, z.B. das Stück Butter 8 Sgr.( Silbergroschen d.A.), trägt.

Die Leipziger Kaisertage
Am 5ten September Nachmittags ¾ 4 Uhr ging unser allgemein hochverehrter Deutscher Helden-Kaiser und König Wilhelm auf der Anhalter Eisenbahn von Berlin kommend hier durch nach Leipzig, um am 6ten und 7ten d. M. über das 12te deutsche (Königl. Sächsische) Armeecorps eine Parade und Revue abzuhalten.

Der Empfang des Kaisers war sehr glänzend und ist in dem hier beyliegenden Unterhaltungsblatte No. 36 ausführlich mitgetheilt worden.

Am 7ten September früh 8 ¼ Uhr fuhr der deutsche Kaiser Wilhelm, der König von Sachsen, ebenso alle andern in Leipzig anwesenden Fürsten, Generäle pp. meist in offenen Hofwagen, die beyden erstern in einem zusammen, über den Thonberg, Probsthayda pp. um das große Corpsmanöver des Königl. Sächs. Armeecorps, welches auf den zwischen Magdeborn und Güldengoßa gelegenen Feldern stattfand, abzuhalten. Sämtliche Uebungen wurden präcis ausgeführt.; jede Waffe löste ihre Aufgaben in bester Weise. Um 12 Uhr kehrte der Hof mit der Suite nach Leipzig zurück, und um 5 Uhr fand im Schützenhause ein großes militärisches Dejeuner dinatoire statt. Um 7 Uhr erfolgte die Abreise des Kaisers nach Merseburg; er verabschiedete sich auf das herzlichste. Hierüber sowie über seinen Empfang in Merseburg und die daselbst statt gefundene Parade und Revue des vierten Armeecorps am 8ten d. M. siehe den Bericht in der Beilage d. Unterhalt. Blatts.

Am Sonntag d. 10ten d. M. besuchte der Kaiser das ihm zu Ehren Nachmittags um 3 Uhr in der Domkirche vom Domorganist Engel unter Mitwirkung des Gesangvereins von Halle gegebene große Orgelconcert, welches sehr gut ausfiel; die Kirche war mit Zuhörern gefüllt. Am 12ten hielt früh um 8 Uhr der Kaiser mit dem König von Sachsen in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von Fürsten, Generälen pp. das große lebhafte Corpsmanöver des 4ten und 12ten (Königl. Sächs.) Armeecorps ab, wobey das letztere über die Saale ging, einen Angriff auf das erstere machte und daßelbe nach Merseburg hin zurück drängte. Den Tag darauf reisten die Fürsten in ihre Residenzen, und die Truppen gingen in ihre Garnisonen.

Ordens-Verleihung
Der Seminar-Director Trinius hat den rothen Adler-Orden vierter Klaße vom Kaiser erhalten.

Witterung von Julius bis September
Der Witterungslauf des Julius hatte mit dem der zweyten Hälfte des Junius die größte Aehnlichkeit, sowohl was die vorherrschende Windrichtung, (N.W.W. u. W.W.) als auch den mehr höhern als niedern Barometerstand betrifft (B. 28-28,4). Die Mehrzahl der Tage war recht schön, einige sogar schon sehr heiß, wie der 7te, 14te, 25te und 31te (Th. +35).

In Folge davon bildeten sich starke Gewitter, wie am 1ten von 1 – ½ 2 Uhr Mittags und von 5 – 6 U. Abends, desgleichen ein sehr schweres am 7ten Abends von 5 – 6 U. welches sich mit heftigem Sturm und starkem Regen entladete, und wo der Blitz den mit dem Austhüren beschäftigten Windmueller Francke in Gertitz an der linken Seite traf, wo auch mehrere große verbrannte Stellen seiner Kleider dieses zeigten, und seine längere Zeit anhaltende Betäubung dies ebenfalls bewies.

In der Nacht vom 10ten zum 11ten war ein Landregen, am Abend des 19ten von 4 U. an ein Sturm, am 27ten von 3 bis 5 U. nach großer Hitze ein Gewitter ohne Regen, und am 29ten früh nach zwey schwülen Tagen von 8 – ½ 9 U. ein Gewitterregen.

Im August blieb die Windrichtung und der Barometerstand derselbe wie im Julius; dagegen stieg das Thermometer an den Nachmittagen in der Sonne von +35 – 40 Grad Reaum., besonders am 8ten dann vom 10ten bis zum 16ten, am 15ten und 21ten sogar auf 40 Grad; die Hitze, eine fast afrikanische, war wirklich sehr drückend, die Luft zu schwül und bey dem noch dazu in den letzten Wochen stattgefundenen Regenmangel trat als Folge von beyden nun große Dürre ein, welche die Preise der Lebensmittel sehr steigerte, besonders die der Butter.

Nach drei Wochen lang vorangegangenen schönen und hellen Tagen trat nun vom 22ten an ein Umschwung im Wetter ein, denn an demselben Abend erfolgte von ¼ auf 7 bis ½ 7 U. ein starkes Gewitter mit dem lange ersehnten Regen, die Schwüle und große Hitze ließ bedeutend nach und machte einer starken Abkühlung, trüben und windigen Wetter bis an das Ende d. M. Platz; der 28te und 29te waren besonders trübe und kühl, und brachten Landregen bey Tage und Nacht; d. 31te war sehr kühl und windig. B 27,6 Th. +10 W.W.

Es war der Vorbote u. Uebergang zum September.

Die Witterung des September war mit Ausnahme sehr weniger Tage gleich vom 1ten (Argidius) an bey meist niedrigem Barometerstand (Bar. 27,0-6) sehr kühl, trübe, regnigt und stürmisch; wir hatten an diesem Tage einen heftigen Gewitterregen von ¾ 10 – ½ 11 U. an, der dann als Landregen fortdauerte bis Nachmittags 2 U.; und welchem noch Abends um 5 U. ein Gewitter ohne Regen nachfolgte. Die bisherige Windrichtung ging auch mehrmals, besonders in der Mitte dieses Monats von N.W. nach N. und N.O. über. Am 6ten hatten wir von 3 – ½ 4 U. Gewitterregen in O. u. W., am 8ten Landregen den ganzen Tag (B. 27,6), ebenso am 15ten u. 16ten, (B. 27,8), ferner am 25ten Regen in der Nacht, endlich am 26ten, 27ten und 28ten Landregen, wie dann überhaupt die meisten übrigen Tage dieses Monats früh nebligt, dann feucht und regnigt waren, wodurch auch natürlich die Feldarbeit zur Bestellung für die Wintersaaten recht aufgehalten wurde. Aus dieser Mittheilung über den diesmaligen Witterungslauf des September geht nun aber auch hervor, daß die alte Wetterprophezeiung der Jäger "wie der Hirsch auf die Brunft geht, so kommt er wieder zurück" in Bezug auf den Argidius Tag sich, wie gewöhnlich auch nach meinen vieljährigen Beobachtungen von Neuem jetzt bestätigt hat.

Ernte- und Getreidefrüchte
Was die Ernte betrifft, so ist die des Roggens und Hafers nur als eine Mittelernte, dagegen die des Weizens und der Gerste als eine gute zu bezeichnen, auch die Kartoffeln haben einen ziemlich guten Ertrag geliefert. Der Centner Roggen kostet jetzt 9 Mark 50 Pf., Weizen 10 M. 75 Pf., Gerste 8 M. 17 Pf., Hafer 8 M. 58 Pf., Kartoffeln 3 M. 12 Pf.

Gesundheitszustand
Die Krankheiten im dritten Quartal d. J. waren nicht unbedeutend und die Sterblichkeit nicht so gering besonders unter Kindern, Schwindsüchtigen und alten Personen in Folge des vom Ende des August an plötzlich eintretenden und den ganzen September anhaltenden ungewöhnlich schroffen Wechsels der Witterung.

Katarrhalische, rheumatische und gastrische Leiden, so wie Ruhren, Durchfälle und Brechdurchfälle kamen zur Behandlung. Die Zahl der Geborenen betrug 94, die der Gestorbenen 84.

Drei Selbstmorde
Am 29ten September hat sich in der Nacht der Bäckergeselle Adalbert Hoyer, 24 Jahre alt, Sohn des Scharfrichterei-Besitzers Hoyer, in deßen Geschäftslocale erhängt; er war den Tag vorher aus der Fremde zurück gekehrt. Deßgleichen hat sich am 8ten October in der Nacht der Seilergeselle Carl Goettsching aus Niederoßig, 23 Jahre alt, in dem Viaduct der Halle-Sorauer Eisenbahn, durch welchen der Fußsteig von Delitzsch nach Döbernitz führt, mit einem mit einer Rehposte geladenen Doppelterzerol erschoßen.

Die kleine Kugel war von der Herzgrube aus durch den linken Flügel der Leber, das Sonnen-Nervengeflecht, den Magen und das Zwerchfell in die linke Seite der Brusthöhle gedrungen, und auf dem Gelenkköpfchen der fünften Rippe neben dem Körper des betreffenden Brustwirbels aufgeschlagen und liegengeblieben, gleich vorher aber auch noch die linke Herzkammer tödlich verwundet.

Endlich hat sich noch in derselben Nacht der Nagelschmiedtgeselle Adam Dietz, 24 Jahre alt, in der Grünstraße im Hause 462 gehängt.

Roehers Legat
Der am 26ten Februar dieses Jahres hier verstorbene frühere Gutsbesitzer in Groskyhna und seit etwa fünf Jahren Bürger und Hausbesitzer in Delitzsch, Herr Johann Gottfried Roeher, 82 Jahre 4 Monat 13 Tage alt, hat in seinem Testamente von seinem bedeutenden Vermögen auch unserer Gottesackerkirche ein sehr ansehnliches Legat im Betrag von drei Tausend Thalern (neun Tausend Mark) vermacht, welches an den hiesigen Gemeinde-Kirchenrath von den Erben ausgezahlt worden ist am 10ten September zur Kirchenkaße, wofür aber dieser bis jetzt (d. 12ten Decembr.) noch nicht daran gedacht hat dem edlen Stifter dieses bedeutenden Legats im Namen der Gemeinde den gebührenden und schuldigsten Dank in unserm Kreisblatte abzustatten, und dadurch zugleich andere Wohlthäter anzufeuern diesem hochherzigen Beyspiel zu folgen. Unser kirchliches Leben und die Moral sind tief gesunken.

Thurmbau d. Gottesackerkirche
Da der Neubau des Thurmes unserer Gottesackerkirche leider sich bis zum 1ten October verzögerte (S. pag. 577 und 611 des vorigen Bandes), mithin an eine Vollendung des Baues in dem Jahre 1875 nicht zu denken war, so mußte derselbe zumal bey dem anhaltend schlechten Herbstwetter zu Anfang des December eingestellt werden; daßelbe erfolgte auch wegen der unvermeidlichen Störungen durch den Bau mit dem Gottesdienste, welcher von Michäelis 1875 an in der Hospitalkirche abgehalten wurde bis zum Todtenfeste 1876 am 26ten November, an welchem Tage die Wiederöffnung der Gottesackerkirche stattfand. Der Thurmbau war bereits d. 26ten August mit Aufsetzung des Knopfes und Kreuzes durch den geschickten Schieferdeckermeister Robert Uhlig Nachmittags um 3 Uhr glücklich vollendet. Dieser neue Thurm ist sehr solid gebaut, eine schöne achteckige Spitzsäule mit Durchsichten ragt 50 Fuß über den Forst empor und ist eine große Zierde unserer Stadt und besonders der Kirche; der Herr Kreisbaumeister Russel, welcher den Bau gewißenhaft kontroliert und sorgfältig geleitet, hat sich hierdurch ein wahres Verdienst und großes Lob erworben. Die Baukosten waren zu 1300 rtl. veranschlagt, betragen aber 1500 Thaler. Da nun die Kirche während des Baues sehr durch Bauschutt verunreinigt worden war und die Orgel von dem Kalkstaub trotz ihrer sehr guten Verwahrung bedeutend gelitten hatte, so mußte vor der Wiedereröffnung des Gottesdienstes erst eine durchgreifende Reinigung der Kirche und Orgel vorgenommen werden.

Die Reparatur der letzteren ward unserm geschickten Orgelbaumeister Herrn Offenhauer übertragen, welcher das Werk großen Theils auseinander nehmen, besonders die Windladen und die Pfeifen gründlich reinigen mußte, und bey dieser Gelegenheit noch eine sehr zweckmäßige Verbeßerung in der 4fachen Mixtur anbrachte, nämlich in den beyden Octaven einen starken 3fachen Cornet. Die Kosten dieser Reparatur betragen 50 rtl.

Untersuchung gegen den Kämmerer Ufer wegen Kaßen-Defecte
Schon seit längerer Zeit circulierten in der Stadt sehr schlechte Gerüchte über die höchst gewißenlose und nachläßige Verwaltung des Kämmerer und Hospitalvorsteher Ufer wegen Kaßen-Defecte in den beyden ihm anvertrauten Kassen; diese Gerüchte bestätigten sich immer mehr, zumal da derselbe sogar nicht einmal durch mehrmals vom Magistrat ihm dictirte und erhobene Ordnungsstrafen bis zu 5 rtl. zur Feststellung der jährlichen Rechnung über Einnahme und Ausgabe, womit er schon über zwey Jahre im Rückstand war um den Betrug zu verdecken, gezwungen werden konnte.

Endlich zog unser allgemein verehrter Herr Landrath v. Rauchhaupt den Verbrecher zur strengen Rechenschaft und Untersuchung am 15ten und 16ten Junius; das Resultat derselben constatierte das Ufer sehr große Schuld, daß dieser ungerechte Haushalter nämlich in der Kämmerei-Kaße einen Defect von 3400 rtl. und in der Hospital-Kaße einen Defect von 300 rtl. zurück gelaßen und gemacht hatte. Hierauf ließ der Herr Landrath v. Rauchhaupt den Ufer sogleich verhaften und an das Königl. Kreisgericht zur Fortsetzung der Untersuchung abgeben, von wo derselbe am 30ten September an das Königl. Kreisgericht in Halle abgeliefert wurde, um in der Mitte des November vom dortigen Schwurgericht abgeurteilt zu werden. Aber was geschah nun? Das Kreisgericht und der Staatsanwalt hielten in der Sitzung am 15ten November ihren Spruch "Er ist schuldig" aufrecht, und die Geschwornen – sprachen ihn frei. Diese Freisprechung hat aber gar keinen Werth, denn sie lautete: "Ufer ist wegen Geldunterschlagung und falscher Buchführung schuldig, da er aber nicht weiß, wo das Geld hingekommen ist, so ist er deshalb frei zu sprechen."

An diese von Ufer auscalculierte Schwindelei glaubt hier kein vernünftiger Mensch, sie beweist aber auch von neuem, daß Schwurgerichte, die nicht aus lauter Juristen bestehen, nichts taugen.

Ufer ist nun in Disciplinar-Untersuchung genommen.

Großer Concurs der Gebrüder Schaaf
In den Jahren 1874 bis 1876 unternahmen die Gebrüder Schaaf, Söhne des hiesigen Hotelbesitzers zum Schwan, welcher im vorigen Jahre starb, auf einem großen Feldgrundstück unmittelbar am Anfang der Leipziger Straße nach Abend zu den coloßalen Bau einer Dampfmühle mit einem elegantem Wohnhaus und einer großartigen Fontaine und Kunstgarten. Alle Welt wunderte sich im Laufe des Baues, welcher von vielen Sachverständigen über 100000 rtl. abgeschätzt wurde, wo die bedeutenden Mittel zu demselben herkämen; einige sprachen von einer reichen Frau, andere von einem bedeutendem hohem Lotterie-Gewinn oder Erbschaft. Endlich als der Bau fast vollendet und das Werk mit 8 Gängen schon in Betrieb war, verbreitete sich in der Stadt am 31ten Julius Nachmittags sehr schnell die Nachricht, daß auf Andringen der Gläubiger bey den Gebrüdern Schaaf in der Dampfmühle vom Kreisgericht versiegelt worden sey, weil dieselben ihre Zahlungen an diesem Tage eingestellt hätten, und somit der Banqurott ausgebrochen war. Nun war das Räthsel gelöst; jeder erfuhr nun, daß diese Herren mit großen Schulden gebaut hatten, und die Bauhandwerker großen Theils, wie man oft genug hörte, noch nicht bezahlt worden seyen. Um die dringendsten Schulden zu tilgen, borgten die Gebrüder Schaaf bey der hiesigen Stadt-Sparkasse nunmehr bald nachher ein Kapital von 45000 rtl. auf die erste Hypothek des ganzen Häusercomplexes der Dampfmühle, Wohnhaus, das große, umfangreiche Fabrikgebäude pp. Trotzdem wurde bald nachher der Concurs eröffnet am 11ten October, und mit dem gerichtlichen Verkauf von Luxusgegenständen, schönen Pferden und Wagen, andern Thieren, vielem Federvieh, ausländischen Gewächsen der Anfang gemacht. Ob sich die Gebäude beym Verkauf gut anbringen laßen werden, muß erst noch die Zeit lehren, weil solche große nur sehr wenige und reiche benutzen können, und viel Kosten erst noch auf die Einrichtung verwenden müßen.

Beamten-Wechsel
An die Stelle des verstorbenen Polizey-Sergeanten Steinborn ist als erster Polizey-Sergeant und Marktmeister der bisherige Schutzmann Kliche in Berlin vom 1ten November an hier angestellt worden.

Witterung vom October bis zum Ende d. December
Die Witterung im ganzen Herbst war diesmal höchst unfreundlich und rauh; mit Ausnahme sehr weniger Tage im October waren die meisten bei fast täglichen Barometer-Schwankungen und schnell wechselnden Windrichtungen, besonders nach N.W. und N.O., sehr kühl, trübe und windig; am 1ten hatten wir einen starken Landregen, am 21ten, 22ten und 23ten gelinden Frost, und vom 25ten bis mit 29ten bey N.O. und O.W. wie auch hohem Barometerstand dichte Nebel. Ganz in derselben Weise ging die Witterung in den November über, derselbe brachte uns am 2ten und 3ten Landregen sowie vom 4ten bis mit 9ten Schnee und Thauwetter, dann Nebel, worauf am 12ten ein sehr kalter, heller Tag (bey N.W. früh um 7 U. Therm. –10) folgte, am 13ten aber Thauwetter und Glatteis eintrat. Die übrigen Tage des November waren größten Theils, wie schon im October, durch trübes, rauhes, nebligtes und regnigtes Wetter bey vorherrschendem N.O. und O.W. bezeichnet. Im December endlich hatten wir besonders in der ersten Hälfte deßelben in den meisten Nächten Landregen, dann vom 15ten bis mit 19ten Nebel, am 22ten und 23ten zugleich mit Frost und Schnee, dann vom 24ten bis zum 28ten sehr kalte Tage mit Schnee, an welchen das Barom. schnell von 27,9 auf 28,5 stieg, und das Thermom. von –7 auf –14 fiel. Am 28ten Mittags trat Thauwetter ein, dauerte den 29ten fort, und beschloß bei S.W. (B. 27,7) das Jahr.

Krankheiten
In Folge dieses anomalen Witterungslaufes war aber auch die Zahl der Kranken bedeutend und die Sterblichkeit zumal unter den Kindern und Alten Leuten nicht gering. Zur Behandlung kamen hauptsächlich Brustkranke, Schwindsüchtige, Lungen- und Luftröhrenentzündungen, häutige und Rachenbräune, letztere beyde bey den Kindern.

Kirchliche Nachrichten: Nach dem Neujahrszettel sind in der evangelischen Gemeinde geboren 364, und gestorben 222 in diesem Jahre. Nach den Berichten des hiesigen Standes-Amtes sind in der Stadt Delitzsch 362 geboren und 262 gestorben in diesem Jahre.

Neue Baue
Neue Wohnhäuser sind gebaut worden im Jahre 1876:

1) vom Fuhrmann Andreas Lengemann in der Mauergaße,
2) vom Zigarrenarbeiter Christoph Renner in der Wiesenstraße,
und 3) vom Bierverleger Carl Wolf in der Quergaße.

Gehalts-Erhöhungen
Da der frühere Gutsbesitzer in Großkyhna und seit fünf Jahren Bürger und Hausbesitzer in Delitzsch Herr Johann Gottfried Roeher unserer Gottesackerkirche ein bedeutendes Legat von drei Tausend Thalern vermacht hat, so hat der Gemeinde-Kirchenrath beschloßen von den Zinsen dieses Kapitals die seit 1817 mit dem Archidiaconat combinierte Katechismusprediger Stelle in ihrem Gehalt um Einhundert Thaler zu erhöhen, so daß der jetzige Inhaber derselben, Herr Archidiaconus Meinhardt und deßen Nachfolger nunmehr Achthundert Thaler Fixum beziehen; ferner hat der Gemeinde-Kirchenrath beschloßen die Stelle des Organisten an dieser Kirche, für welches Amt der jetzige Inhaber Herr Lehrer Jost nur fünfundzwanzig Thaler bisher erhielt, auf fünfzig zu erhöhen; beyde Gehaltszulagen treten übrigens schon von Michäelis d. J. an in Kraft.

Der Herr Magistrats-Aßeßor und Polizey-Anwalt Heintze, welcher sein Amt am 9ten August 1853 hier antrat, ist zu Michäelis d. J. von den Stadtverordneten wieder auf zwölf Jahre einstimmig wohlverdienter Weise gewählt worden.

Berichtigung:
Die Katechismus-Prediger-Stelle war von 1817 an bis 1841 mit dem Diaconate combiniert, von da aber wurde dieselbe für immer mit dem Archidiaconate verbunden. (s. d. Jahr 1841)

Ruchlose Tödtung von jungen Schwänen
Im October sind, wie im Julius 1868, drey junge Schwäne, dem Fischpachter Prautsch gehörig, vergiftet und auf der Schloßwiese todt gefunden worden. Die Verbrecher sind leider nicht entdeckt; man hat Schuljungens in sehr starkem Verdacht.