Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1877

Zur Situation im Orient
Unter dem Wechsel theils mehr, theils leider weniger glücklicher Auspizien sind wir aus dem alten in das neue Jahr übergegangen. In der Politik ist die Orientalische Frage, über welche die sechs Europäischen Großmächte Oesterreich, Rußland, England, das Deutsche Reich, Frankreich und Italien durch ihre Gesandten mit der türkischen Regierung ein halbes Jahr lang erfolglos verhandelt haben, noch immer eine brennende geblieben. Die Großmächte verlangen nichts weiter von der Türkei, als daß diese die dort wohnenden Christen, welche bisher ganz rechtlos dastanden und zu hunderten von fanatischen Muselmännern ermordet wurden, in der Ausübung ihrer bürgerlichen Rechte ohne Unterschied der Religionspartei und Confession kräftig schützen, wie es in allen civilisierten Staaten der Fall ist. Rußland wird jedenfalls, um diesen Greueln ein Ende zu machen, zum nächsten Frühjahr der Türkey den Krieg erklären, und dadurch hoffentlich die usurpierte Existenz dieses schon seit längerer Zeit in einem innern starken Auflösungs- und Verwesungsproceße begriffenen Staates in Europa vernichten, denn gelöst muß diese Frage doch werden.

Im deutschen Reich
In Deutschland sieht es jetzt auch nicht zum Besten aus; Handel und Gewerbe stocken seit Jahr und Tag gewaltig und der Credit ist tief gesunken;
Schwindelei und Betrug sind an der Tagesordnung und in Folge davon bedeutende boshafte Banquerotte befördert durch den Actien und Börsen-Schwindel, welche so wie die unbeschränkte Gewerbefreiheit oft noch durch heillose Gesetze und Intriquen zum großen Nachtheil der armen Gläubiger und Handwerker pp. begünstigt werden, so daß hier das alte Sprüchwort eintrifft "Die kleinen Diebe fängt man, aber die großen läßt man laufen." Die Sucht schnell reich zu werden, ob mit Recht oder Unrecht, ist fast allgemein.

Weil nun bey der anhaltenden Geschäftsstockung viele große und kleinere Fabrikanten und Industrielle ihre sehr großen maßenhaft aufgehäuften Vorräthe von Fabrikaten nicht mehr so wie früher absetzen konnten, so waren sie gezwungen die Zahl ihrer, durch zu hohe Löhne verwöhnten Arbeiter wenigstens um die Hälfte zu vermindern, wobey, wie sich leicht denken läßt, daß Los der Entlassung doch gewiß nur die minder Brauchbaren traf. Die Tausende dadurch brodlos gewordenen Arbeiter überschwemmten nun seit Anfang des vorigen Jahres als Bettler und Vagabunden ganz Deutschland, und belästigten mit ihren oft frechem Betragen und unverschämten Forderungen bis jetzt noch die Städte und besonders die Dörfer. Das war Waßer auf den Communisten und Socialisten ihre Mühle, deren es auch bey uns einige gibt; hier hat aber bey den letzten Wahlen im Januar zum Reichstage und Abgeordneten-Hause die liberale Partei unsern allgemein verehrten Herrn Landrath von Rauchhaupt und ebenso den Herrn Kreis-Gerichtsdirector Thilo mit großer Majorität wieder gewählt. Ueber unsere Stadt ist noch zu bemerken, daß trotz aller Klagen über Noth und schlechte Zeiten die Vergnügungssucht, der Luxus, das den Wohlstand, die Gesundheit und das häusliche Glück total zerstörende Wirtshaus- und Kneipenleben noch immer fortdauert, und Ausbrüche von Rohheit und Auflehnung gegen die Sittlichkeit, besonders bei der männlichen Jugend immer häufiger beobachtet werden.

Schwere Diebstähle
Endlich sind auch in den letzten Monaten mehrere schwere Einbruchs-Diebstähle verübt worden:
1) bey dem Zeugschmiedt Fritsche am Kirchhof in der Nacht vom 1ten 2ten December (Geld und Wertsachen);
2) in den Zwinger-Salon der Frau Dr. Gerber, in der Nacht vom 24ten-25ten December 1876 (Zerschlagung zweier schöner Spiegel im Salon, und empörende Verunreinigung deßelben);
3) bey dem Kürschnermeister Seiffert in der Breiten Straße am 5. Januar 1877 Abends zwischen 6-7 Uhr; (Diebstahl von Pelzwaaren aus dem Schaufenster nach Eindrückung einer Glasscheibe);
4) in die Scheune des Maurermeister Voigt in der Nacht vom 24ten zum 25ten Januar 1877 (ein halber Wispel Weizen).

Von diesen 4 Diebstählen ist bis jetzt, den 16ten Februar, nur der dritte entdeckt wurden und zwar noch an demselben Abend auf frischer That, der Thäter ist die höchst übel berüchtigte und abgefeimte Diebin und Betrügerin, die Frau des Handarbeiters Pampel, welche wegen Diebstahls bereits fünf Jahre in unserm Zuchthaus gesessen hat und erst vor 1 ½ Jahren aus demselben entlaßen worden ist.
Epizöotie von Lungenseuche und Rinderpest.

Am Schluß dieses Artikels muß noch erwähnt werden, daß in unserer nächsten Umgebung in einigen Dörfern und Rittergütern, besonders in Schenkenberg und Storkwitz die Lungenseuche und Rinderpest, letztere durch kranke Thiere aus Rußland und Polen hier eingeschleppt im vorigen Jahre heftig aufgetreten ist, besonders in den genannten Rittergütern, und deren Viehbestand sehr großen Schaden zugefügt hat, weshalb auch die Butter immer noch sehr theuer blieb. Da diese Krankheiten ansteckend (contagiös) sind, so mußten die betreffenden Gehöfte gesetzlich abgesperrt und viele kranke Thiere getödet werden, um die weitere Verbreitung zu verhüten, was durch strenge Ausführung zweckmäßiger Maaßregeln gelungen ist. Seit der Mitte des Januar ist die Sperre wieder aufgehoben, mithin diese Epizöotie als verloschen erklärt.

Unglücksfall
Der Zeitungs-Colporteur Paul aus Eilenburg, welcher am 30ten Januar in Geschäften hier war, verunglückte an diesem Tage um halb zwey Uhr, wo er des Müllermeister Werners Windmühle verließ, in den gehenden Mühlruthen und erhielt zuerst einen Streifschlag an die rechte Seite des Stirnbeins mit einem tiefen Eindruck deßelben und zerbrochenen Knochenstücken; sodann empfing er noch einen sehr heftigen Schlag auf den linken Fuß, welcher einen starken Bruch des Schienbeins ziemlich in der Mitte verursachte. Mangel an Vorsicht und Kurzsichtigkeit sollen die Ursachen des Unglücks seyn. Der Kranke liegt nun schon 18 Tage im Stadt-Krankenhaus; der Ausgang ist ungewiß.

Neues Auftreten der Rinderpest
Da neuerdings wider Erwarten besonders im Königreich Sachsen in den Grenzdörfern bey Leipzig und auch in der Dresdner Gegend die Rinderpest mit Heftigkeit wieder aufgetreten ist, so macht der Magistrat höherer Anordnung zu Folge bekannt im Kreisblatte vom 19ten Februar, daß die Viehbesitzer ihren Viehbestand streng zu überwachen haben, und bey der geringsten Beobachtung verdächtiger Symptome der Krankheit diese zur Anzeige bringen, und sich den bereits angeordneten oder noch anzuordnenden Absperrungs-Maaßregeln nicht zu widersetzen, bey Vermeidung einer Gefängnisstrafe von einem Monat bis zu einem Jahre, nach Umständen auch bis zu zwey Jahren. Um die weitere Verbreitung der Seuche zu verhüten, sind auch die jetzt fallenden Vieh- und Jahrmärkte, wie Düben, Eilenburg verboten worden.

Am 21ten Februar erhielt aber das Königl. Landraths-Amt von der Hochlöbl. Regierung in Merseburg folgendes Telegramm zur Beruhigung: "Weder in Thallwitz, als an anderen Orten der Umgegend Rinderpest!"

Eisenbahnsteuer
Von der Berlin-Anhalter Eisenbahn-Gesellschaft erhielt unsere Commun für das Jahr 1876 als Eisenbahn-Steuer 1837 M 50 Pf.
Braunkohlenwerk. Das hiesige Braunkohlenwerk hat fast im ganzen vorigen Jahre eine guten Fortgang gehabt und viel Förderkohle verkauft; nur in der Mitte des Sommers fand eine zeitweise Unterbrechung statt, weil eine starke Waßerfluth in den Schacht dermaßen durchgebrochen war, daß indemselben ein Erdfall und auf der Oberfläche des an der Mitternachtsseite der Landstraße liegenden, mit Kartoffeln bepflanzten, Communfeldes ein sehr großes Loch entstanden war, wofür die Delitzscher Braunkohlen-Actien-Gesellschaft Entschädigung leisten mußte. Der Bergw. Dir. Peter ist seit Johannis v. J. abgegangen, an seine Stelle trat der Obersteiger Balkow aus Stummsdorf. Um Knorpelkohle zu erhalten, muß erst noch ein neuer Schacht erbaut werden; wir sind noch nicht am glücklichen Ziel.

Unglücksfälle
Am 28ten Februar verunglückte der fast zweyjährige Sohn des Zigarrenarbeiters Carl Lebrun im Rauche durch Erstickung; das Kind war nämlich leider in der Wohnung eingeschloßen im Bette gelaßen worden, das Feuer im Ofen hatte das hinter demselben liegende Holz ergriffen und dieses einen ganz in der Nähe hängenden Rock entzündet, und die Stube mit Qualm angefüllt; es ist mithin dieser Fall eine Tödtung durch Fahrläßigkeit. Ferner verunglückte am 3ten Maerz der 5 Jahre 8 Monate alte Pflegesohn des Schuhmachermeister Erdmann Schneider durch eine heftigen Sturz von der Höhe einer Treppe herab, auf welcher er von oben nach unten sehend ausgleitete und am Boden auf das Stirnbein gewaltig aufschlug, deßen Zerschmetterung in mehrere Knochenbruchstücke, Zerreißung der Gehirnhäute, Austritt von Blut in das Gehirn und somit auf der Stelle den Tod zur Folge hatte. Ein offene Wunde an der rechten Seite des Stirnbeins war zwar nicht vorhanden, aber der bedeutende Blutstrom aus Mund und Nase bewies hinlänglich, welche gefährliche Zerstörungen dieser Sturz in der Schädelhöhle verursacht hatte.

Feier d. 80ten Geburtstages d. Kaisers
Der 22te März, der Tag an welchem unser ehrwürdiger hochverehrter Kaiser Wilhelm sein achtzigstes Lebensjahr vollendete, ist auch bey uns festlich und feyerlich begangen worden. Schon am Vorabend um 8 Uhr führte der Veteranen- und Landwehr-Verein einen solennen Zapfenstreich und am nächsten Morgen eine dergleichen Reveille auf. Um 10 Uhr Vormittags wurde in der Stadtkirche vom Herrn Superintendent Leipoldt ein Festgottesdienst abgehalten, und von 11 Uhr an fanden im Königlichen Schullehrer-Seminar und den Bürgerschulen Redeactus mit Gesang und Gebet statt. Möge Gott den noch sehr rüstigen Heldenkaiser zum Segen des Deutschen Vaterlandes noch lange so erhalten!

Bestrafung
Von den erwähnten schweren Diebstählen sind die Thäter entdeckt und von dem Königl. Kreis- und Schwurgericht zu Halle in den Sitzungen vom 24ten und 26ten Maerz 1877 bestraft worden. Die beiden ersten sind bis jetzt noch nicht entdeckt.

Witterung vom Januar bis Ende des Maerz
Der Witterungslauf des ersten Quartals war im Januar bey fast täglichen Schwankungen des Barometers und deßen in der ersten Hälfte deßelben mehr niederem (27,3 – 27,8), in der zweiten dagegen mehr höherem Stande (28 – 28,5), so wie auch bey vorherrschenden N.W.W. und S.W.W. trübe und rauh, nebligt, regnigt u. stürmisch; am 31ten Tag und Nacht tobte ein heftiger Orkan (Bar 27,4). Frost gering, Schnee, welcher gleich schmolz, wenig. Im Februar hielt das Wetter in der bisherigen Weise an; es regnete besonders viel, so daß wir am 9ten großes Waßer hatten; am 10ten und 11ten Landregen, auf welche Abends bis in die Nacht Sturm folgte. Am 25ten und 26ten wüthete wieder ein Orkan (Bar 27,3), worauf am 27ten sehr gelinder Frost (Therm. früh 0) und starker Schneefall eintrat. Der Barometerstand und die Windrichtung wie im Januar. Das letztere gilt auch ebenso wie das oben vom Witterungslauf Gesagte für den Maerz. In den drei ersten Tagen deßelben und dann bloß noch am 10ten hatten wir früh 3-5 Grad Kälte bey N.W.W. u. O.W.; die Mehrzahl der übrigen ziemlich gleich denen im Januar und Februar, und besonders durch dichte Nebel, Schnee, Regen und stürmisches naßkaltes Wetter bezeichnet. Am 30ten hatten wir früh einen Nebelregen bey N.W.W. und dann Nachmittags bey S.W. von 2-3 Uhr u. von 5-6 Uhr zwey starke Gewitterregen.

Krankheiten
Was von den herrschenden Krankheiten im letzten Quartalsbericht gesagt ist, gilt ganz auch von diesem Quartal, in welchem auch öfters Diarrhöen durch Erkältung entstanden sind und zur Behandlung kamen.

Gedenktafel
Am 19ten April wurde am Hause des Brauereibesitzers Fritzsche in der Halleschen Straße über der Eingangsthüre eine weiße Marmortafel zum Andenken an unsern daselbst gebornen Ehrenbürger, den großen Naturforscher Dr. und Prof. Christian Gottfried Ehrenberg, angebracht. S. die Beilage des Delitzscher Kreisblatts.

Sparkassenrendant
Am 17ten April ist als Nachfolger des zum 1ten Julius in den Ruhestand wegen Altersschwäche tretenden Sparkaßen-Rendanten Thaerigen der bisherige Buchhalter Scheibe in Berlin, ein Sohn des hiesigen Glasermeister Scheibe, erwählt worden.

Jubelfeste
Am 22ten April feierte der hiesige Herr Postmeister Hein sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Nachdem ihm in den Morgenstunden ein Ständgen gebracht worden war, erschien zuerst der Herr Oberpost-Director und Geheimer Rath Braune von Halle, und überbrachte dem würdigen Jubilar im Namen und Auftrag Sr. Majestät des Kaisers den ihm verliehenen rothen Adlerorden vierter Klaße mit den herzlichsten Glückwünschen. Nach dem Vormittags-Gottesdienst statteten noch der Herr Landrath v. Rauchhaupt, Deputationen des Kreisgerichts und des Magistrats, die Postbeamten und viele Freunde und Bekannte dem sehr gerührten Jubilar ihre aufrichtigsten und besten Glückwünsche ab. Am Tage darauf, den 23ten April, feierte auch der hiesige Gürtlermeister und Raths-Bauverwalter Krause sen. sein fünfzigjähriges Bürgerjubiläum, bey welcher Gelegenheit Deputierte des Rathes und der Stadtverordneten und viele seine Mitbürger demselben ihre herzlichsten Glück- u. Segenswünsche darbrachten.

Lehrerwechsel
a) an der höheren Bürgerschule
Der Lehrer Dr. philos. Bruno Moltheuer ging am 1ten April ab, um eine Stelle an der Realschule in Aschersleben anzunehmen. An seine Stelle trat der bisherige ordentliche Lehrer Gustav Haacke. An deßen Stelle wurde der Cand. theol. et. philol., bisher im Convict des grauen Klosters Gymnasiums zu Magdeburg, Friedrich Matthies angenommen.
b) an den Volksschulen
Die beyden Lehrer an den hiesigen Bürgerschulen: Hugo Trinkaus und Julius Voigt gingen am 1ten April ab, ersterer um eine Lehrerstelle in Gablenz bey Chemnitz im Königreich Sachsen anzutreten, letzterer, um in Eilenburg die Müller-Profeßion zu erlernen. Beyde Stellen sind noch unbesetzt.

Beamtenwechsel
Der Polizey-Sergeant Kliche, welchem seine Stelle nach abgelaufener sechsmonatiger Probezeit wieder gekündigt worden war, schied am 25ten April aus seiner Stellung, um in Stadtlohn, Kreis Ahaus in Westphalen, in den Königl. Steuer-Dienst einzutreten.

Todesfall
Am 6ten Mai starb nach kurzem Krankenlager in Folge eines Schlaganfalles der seit dem 1ten Julius 1874 emeritierte Stadtmusikus Franz Hofmann im fast vollendeten 67ten Lebensjahre. Sein Musikchor war ebenso, wie bey seinem am 29ten Julius 1838 im 73ten Lebensjahre verstorbenen Vater, deßen Amtsnachfolger er wurde, im besten Stande und zeichnete sich stets besonders beym Blasen der Choräle, durch Reinheit und Sicherheit aus; kurz, er bildete seine Gehülfen und Lehrlinge sehr gründlich aus, von denen mehrere später als Hauptboisten bei dem Militär oder als Kammermusiker ihr Glück gemacht haben.

Grellmanns Tod
Am 15ten Mai starb nach vierzehntätigem Krankenlager unser treuverdienter, ehrwürdiger Organist und Lehrer Herr Carl Gottfried Grellmann im fast vollendeten 82ten Lebensjahre. Kirche und Schule hat einen großen Verlust erlitten, besonders erstere, was die Gemeinde an jedem Sonn- und Festtage schmerzlich empfindet und bitter beklagt, weil bey dem kläglichem Chorgesang und erbärmlichem Orgelspiel im jagendstem Tempo mit dem Wegfall der Zwischenspiele der Choral so sehr verstümmelt wird, daß fast Niemand mehr mitsingen kann, weshalb viele den Gottesdienst vermeiden.
Grellmann war ein ausgezeichneter, regelrechter und ausdrucksvoller Choralspieler, welcher den Gesang der Kirchengemeinde richtig zu leiten verstand, dies war sein größter Verdienst. Auch bildete derselbe viele junge Leute durch seinen gründlichen Unterricht im Pianoforte- und Orgelspiel zu ihrem künftigen Beruf als Lehrer und Organisten mit bestem Erfolge aus, und der Verfaßer dieser Zeilen ruft ihm deshalb noch für das, was er durch zehnjährigen musikalischen Unterricht an seinem vor drei Jahren leider viel zu früh verstorbenen Pflegesohn, den Lehrer und Organisten R. J. Voigtmann in Sangerhausen gethan hat, den innigsten Dank über das Grab nach. Grellmanns Andenken wird bey uns in Segen bleiben. Friede seiner Asche!

Beamtenwechsel
Am 16ten Mai wurde der Stadtsteuer-Einnehmer Julius Braune als Hospital-Vorsteher, welches Amt derselbe schon seit Ufers Verhaftung zur vollen Zufriedenheit der Behörde interimistisch verwaltet hatte, von der Hospital-Inspection feierlich verpflichtet.

Todesfall
Am 29ten Mai starb hier im Hause seiner Aeltern, wo er sich Krankheitshalber schon längere Zeit aufhielt, der Kaiserliche Postsecretär Julius Adolph Poerschmann, bisher in Halle angestellt, im 29ten Lebensjahre an der Lungenschwindsucht. Er war ein Sohn des Fleischermeister Poerschmann, und ein moralisch guter junger Mann, ein sehr begabter, kenntnisreicher und brauchbarer Postbeamter, ein Zögling unserer Realschule, deßen früher Tod allgemein beklagt wird.

Storchennest
Als Seltenheit verdient hier aufgezeichnet zu werden, daß seit Anfang des Mai zwey Störche ein Nest auf der östlichen Giebelspitze der alten, einzigen noch vorhandenen, am Gerberplan isoliert gelegenen dem Oeconom Baer gehörigen Strohscheune zu bauen anfingen und den Bau zu Stande brachten, worüber besonders die vielen Spatziergänger auf der Allee sich freueten, weil selbst die ältesten Leute im Orte sich eines ähnlichen Falles nicht zu erinnern wißen. Man fürchtete, daß diese Thiere durch das in diese Zeit vom 22ten bis mit 27ten Mai fallende große Scheibenschießen der Schützen-Compagnie gestört und verscheucht werden mögten, was aber nicht der Fall war. Leider lauerte ein anderer furchtbarer Feind im Hintergrunde, welcher höchstwahrscheinlich seine Wohnung in der Scheune selbst hatte, ein Marder. Dieses besonders dem Federvieh so gefährliche Raubthier, an dem nichts weiter gut ist, als sein Fell, hatte durch das Aussaufen der Eier die armen Störche aus ihrem friedlichen Wohnsitz vertrieben; seit den ersten Tagen des Junius haben sie das Nest ganz verlaßen, und sind seitdem zum allgemeinen Bedauern nicht mehr sichtbar.

Schloßthurm
Während der Zeit vom 1ten Mai bis zum 9ten Junius wurde das ganze Dach unsers schönen Schloßthurms von dem hiesigen Schieferdeckermeister Robert Uhlich neu mit Schiefer gedeckt; die Kosten dieser bedeutenden, nothwendigen Reparatur betragen 300 Thaler. – Die letzte starke Dachreparatur dieses Thurmes fand im Sommer 1825 statt, und wurde von dem später im September 1832 durch einen Sturz vom Dach unserer Stadtkirche verunglückten Schieferdeckermeister Schindler aus Bitterfeld verrichtet. (S. den vorigen Band dieser Chronik)

Verpachtung der Kirschen und Pflaumen
Die der Commun gehörigen Kirschalleen wurden für die Summe von 1234 Mark 50 Vl verpachtet, und die Pflaumenplantagen für den Preis von 126 Mark.

Witterung vom April bis Ende des Junius
Der Witterungslauf im zweiten Quartal war im April und Mai, was die Temperatur, die Windrichtung, den Stand des Barometers und Thermometers betrifft, ganz die Fortsetzzung deßelben aus dem ersten Quartal; nun ist noch zu bemerken, daß in Folge des schon voraus gegangenen und noch fortdauernden Mangels an Schnee und Winterfrucht und vielem Wind (W. W. u. N. W. W.) viel Trockenheit und große Dürre entstand, wodurch natürlich zumal bey den größten Theils sehr rauhen und kalten Tagen und trüben Himmel die Vegetation sehr zurück gehalten, aber auch die Entwicklung der Maikäfer total zerstört wird. Der einzige Regen, welchen wir in im April und Mai hatten, war am 10ten Mai Mittag um 1 Uhr ein nur mäßiger Gewitterregen aus N. W. Starke Nachtfröste, die den Baumblüten hätten den Tod bringen können, sind in diesem Frühjahr nicht vorgekommen. Vom 1ten Junius an trat nun sehr schönes, warmes den ganzen Monat über anhaltendes Wetter ein bey meist W. W. und S. W. W. und B 28 – 28,3 u. Th. + 20 – 25 im Schatten; die Vegatation holte jetzt das Versäumte in etwa zehn bis zwölf Tagen nach, besonders auf den Wiesen und bey dem Wintergetraide, wozu ein starker Gewitterregen am 6 ten d. M Abends von 7 – 7 ½ Uhr, und später ein Nebelregen, am 27ten viel beitrugen. Die Heuernte ist übrigens recht gut ausgefallen, und bei schönem Wetter eingebracht.

Krankheiten
Der Krankheitszustand war in diesem Quartal befriedigend, und die Sterblichkeit nicht so bedeutend; es traten auf Halsentzündungen, katarrhalische und rheumatische Leiden, gastritische Fieber u. Diarrhöen. Die Todesfälle betrafen alte Leute, Schwindsüchtige u. kleine Kinder.

Kindermord
Am 1ten Julius hat im Hause des Schankwirths Schumachermeister Zieprich die daselbst dienende Auguste Machlet ein lebensfähiges Kind geboren, und durch Erstickung getödet, was die am folgenden Tage vom Herrn Kreisphysikus Dr. Kanzler unternommene Section durch die hydrostatische Lungenprobe völlig bestätigt hat.

Selbstmord
In der Nacht vom 13ten zum 14ten hat sich der 20 Jahre alte Uhrmachergehülfe Carl Rudolph Brueckner, Sohn des hiesigen Steuereinnehmer Brueckner, in dem Hause des Uhrmachers Rose erschoßen.

Beamtenwechsel
Am 1ten Julius ist an die Stelle des in den Ruhestand versetzten Sparkaßen-Rendanten Thaerigen der bisherige Buchhalter in Berlin Scheibe, ein Sohn des hiesigen Glasermeisters Scheibe, getreten.

Restauration des Schultzeschen Denkmals
Das schöne Denkmal, welches dem großen Wohlthäter unserer Stadt und besonders der Gottesackerkirche Dr. jur. Christian Schultze seine zweite Gattin, eine geborene Tischer, an der Abendseite dieser Kirche bald nach seinem Tode von Sandstein hat errichten laßen, hatte im Laufe der Jahre sehr gelitten. Besonders war dies der Fall, als d. 15ten Mai 1755 ein gewaltiger Blitzstrahl den Giebel der Kirche, auf welcher damals noch kein Thurm stand, zerstörend traf; da das Denkmal ganz vergoldet war, wovon man noch in neuerer Zeit die Spuren am obern Simse sehen konnte, so schwärzte das electrische Feuer die ganze Vergoldung, sprengte auch von den beyden obern Engeln und den beyden untern lebensgroßen Figuren, der Religion und Gerechtigkeit, zum Theil Arme und Füße ab, welche Trümmer lange unten lagen, bis sie endlich abhanden kamen. Endlich sind nun diese bedeutenden Schäden von unserm Bildhauer Herrn Zwanzig im Junius und Julius d. J. gründlich und sauber repariert worden, die Kosten betragen (nichts eingetragen)

Berichtigung
In Bezug auf den oben voriger Seite mitgetheilten Kindermord muß noch bemerkt werden, daß die Auguste Machlet aus Sangerhausen, 24 Jahre alt, weil sie behauptet zum ersten Male und ohne den Beistand einer Hebamme geboren zu haben, und während des Geburtsactes im Zustande der Bewußtlosigkeit sich befunden zu haben, vom Königl. Kreisgericht frei gesprochen worden in deßen Sitzung am 1ten August.

Lehrerwechsel
Die beyden am 1ten April erledigten Stellen der Lehrer Voigt und Trinkaus sind am 1ten Julius durch Friedrich Keil, bisher Lehrer in Gelsdorf bei Güterbog, und Gotthold Schiller, bisher hier Seminarist, neu besetzt worden.

Feuersbrunst
Am 2ten August früh kurz vor 2 Uhr wurden wir durch Feuerlärm verschreckt; es brannte in der Leipziger Vorstadt der auf einem dem Oeconom Scharf gehörigen, gemietheten Platze ganz isoliert stehende Holzschuppen des Zimmermeisters Bertholdt; an das Löschen war gar nicht zu denken, denn, als unsere sehr schnell herbey geeilte Feuerwehr ankam, stand der ganze Schuppen mit seinem bedeutenden Bauholz-Vorräthen in gewaltigen Flammen. Wie man hörte, war auch im Publikum das Gerücht stark verbreitet, daß der gg. Bertholdt um dieselbe Zeit sehr mit der Regulierung seiner angeblich zerrütteten Finanzen beschäftigt sein, und in Folge einer Klage von einem Gläubiger wegen einer nicht geringen Schuldforderung die Execution und Auspfändung vom Kreisgericht gegen ihn verfügt sein sollte.

Durchreise des Kaisers Wilhelm
Am 10ten August ging unser ehrwürdiger Deutscher Kaiser und König auf der Reise von Gastein kommend Nachmittags um 2 Uhr im strengsten Incongnito auf der Berlin-Anhalter Bahn hier durch nach Potsdam. – Desgleichen war auch an demselben Tage der neue Regierungs-Präsident von Merseburg, Herr v. Diest, hier anwesend., und hielt mit dem Herrn Landrath v. Rauchhaupt eine Revision beym Magistrat; mit dem Resultat war er zufrieden.

Der bisherige Chronist Dr. medicinae August Ferdinand Ideler ist am 21. August 1877 verstorben.
Derselbe hat sich nicht nur durch sein selbstloses Wirken in hiesiger Stadt als Arzt und Chronist, sondern auch dadurch ein bleibendes Gedenken verdient, daß er der hiesigen Gottesackerkirche die Summe von 3000 M hinterlassen hat mit der Bestimmung (hinterlassen hat), daß diese Summe zur Anschaffung einer Thurmuhr mit 1200 M verwendet werden soll und daß die Zinsen der verbleibenden 600 T. – 1800 M für Aufziehen und Stellen der Uhr verwendet werden sollen. Dr. Ideler hat ein Alter von beinahe 76 Jahren erreicht. Sein Grab – ohne Denkstein – befindet sich linker Hand dicht am Portal des Schultzischen Epitaphiums der Marienkirche.

Orkan
Am 27. August Mittags gegen 12 Uhr zog ein furchtbares Unwetter über unsere Stadt. Der Regen fiel wolkenbruchartig hernieder begleitet von einem Storme, welcher die Bedachungen der Häuser mit sich fortführte, Fenster zertrümmerte und Bäume wie Strohhalme zerknickte. Die schönsten Zierden unseres Schützenplatzes, drei Linden, welche hunderte von Jahren hier auch allen Angriffen widerstanden hatten, wurden entwurzelt. Ebenso entstand in der städtischen Forst durch Windbruch bedeutender Schaden.

Sterbefall
Am Sonntage, dem 25. November, also am Todtenfeste starb plötzlich der Rector der hiesigen Stadtschulen Herr August Niebecke. Derselbe war erst am 1. Februar 1873 in sein Amt eingetreten. Ihm folgt die Liebe von Jung u. Alt zur Ruhestätte. Alter: 39 Jahre