Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1878

Einbruch

In der Nacht vom 3. zum 4. Januar wurde ein Einbruch in die Stadtkirche verübt. Die Einbrecher müssen jedenfalls gestört worden sein da nur Kleinigkeiten vermißt werden, die Wertgegenstände aber unversehrt sind.

Diamantene Hochzeit
Am 1. Februar feierten die Kaufmann Kocheschen Eheleute das Fest der diamantenen Hochzeit.

Trottoir
Am 5. Februar beschloß die Stadtverordneten-Versammlung die Eilenburger Straße zu pflastern und gleichzeitig die Bürgersteige mit Granitplatten zu belegen.

Attentat
Am 11. Mai 3 ½ Nachmittags wurden zu Berlin unter den Linden auf Seine Majestät den Kaiser mehrere Revolverschüsse abgefeuert. Glücklicher Weise ist Se. Majestät unverletzt. Der Jubel über das Mißlingen ist unbeschreiblich. Auch im hiesigen Orte wurde der Freude durch Flaggen Ausdruck gegeben. Der Thäter Klempnergesell Hödel aus Leipzig ist verhaftet. Gott schütze Se. Majestät!

Ausstellung
Am 28. u. 29. fand auf hiesigem Schützenplatze und dem Viehmarktsplatze eine Thierschau und Ausstellung landwirtschaftlicher Maschinen statt. Dieselbe war wohl gelungen und wurde von 6. bis 7000 Menschen besucht.

Attentat
Am 2. Juni wurde ein neues Attentat auf Seine Majestät unsern Kaiser ausgeübt. Der Kaiser ist an Kopf und Arme durch Schrotschüsse verwundet. Der Attentäter heißt Wobilling. Die Entrüstung und Trauer kennt keine Grenzen.

Neuer Gottesacker
Am 1. August fand die Einweihung des neuen Gottesackers an der Dübener Straße unter Beteiligung der Geistlichkeit, der Stadtbehörde und der Gemeinde statt. Zur Anlage desselben ist ein 10 Morgen enthaltendes Grundstück von dem Hospital hierselbst gegen ein Grundstück hinter Offenhauer Brauerei eingetauscht worden. Nach den Beschlüssen der Stadtbehörde sollen vorläufig jedoch nur 6 Morgen zum Begräbnisplatze verwendet werden. Es sind nach einem Plan von Bauinspektor Russel zwei äußerlich gleiche Gebäude an der Straßenseite des Gottesackers errichtet von welchem das eine die Wohnung des Kirchhofgärtners das andere die Leichenhalle enthält. Zwischen den Gebäuden befindet sich ein vom Schlossermeister Bier gefertigtes Thor. Die gärtnerische Anlage ist von dem Gärtner Gleitsmanns nach einem notificierten Plane des Gärtners Peter in Leipzig ausgeführt.

Amts-Jubiläum
Am 1. August feierte der besoldete Magistrats-Assessor Beigeordnete Heinze sein 25jähriges Jubiläum als Mitglied des hiesigen Magistrats. Derselbe wurde von dem Magistrat und einer Deputation der Stadtverordneten beglückwünscht. Die Magistratsmitglieder übergaben zur Erinnerung an den Tag einen Sorgenstuhl und die Stadtverordneten übergaben einen Regulator. Die Subalternbeamten des Magistrats überreichten später einen silbernen Pokal.

Brückenbau
Die Loberbrücke am neuen Thore war so schlecht geworden, daß die städtischen Behörden den Neubau beschließen mußten. Heute am 14. August wurde mit dem Abbruch der alten Brücke begonnen. Der Neubau erfolgt nach neuem Plane des Bauinspektors Russel durch den Zimmermeister Pannicke.

Städtische Badeanstalt
Auf dem Grundstück der städtischen Badeanstalt ist von dem Inspektor Jenko auf seine Kosten eine Badeanstalt für warme Bäder errichtet wurden. Auf Antrag des Magistrats beschloß die Stadtverordneten-Versammlung in ihrer Sitzung am 13. October die Erwerbung dieser Anstalt. Es sollen in derselben sowohl Armen, als auch weniger bemittelten Bürgern freie Bäder gewährt werden. Die Mittel zum Ankaufe sollen aus den Revenüenüberschüssen der Sparkasse entnommen werden.

Jubiläum
Der Gefangenenaufseher Nortke feierte am 12. Dezember sein 50jähriges Amts-Jubiläum.



1879

Verein
In der ersten Hälfte des Januar wurde hier ein Vogelschutzverein gegründet. Derselbe macht es sich zur Aufgabe unseren gefiederten Trägern im harten Winter Schutz vor Hunger und im Frühjahr angemessene Brutstätten zu gewähren.

Breite Straße/ Schulstraße
In Folge Beschlusses der städtischen Behörden soll im Laufe dieses Sommers die Neupflasterung der Breiten Straße u. der Schulstraße sowie Trottoirlegung in diesen Straßen erfolgen. Die Pflastersteine sind aus den Steinbrüchen bei Wurzen und die Granitplatten aus Camenz bezogen. Die Steinsetzarbeiten sind dem Steinmetzmeister Schmölling in Leipzig übertragen. Bei dieser Gelegenheit soll auch die breite Thorbrücke mit einem eisernen Geländer versehen werden. Der Kostenanschlag beträgt 28500 Mark.

Kaisers goldene Hochzeit
Am 11. Juni d. J. feierte unser erlauchtes Kaiserpaar das Fest der goldenen Hochzeit. Es war dieses Fest Veranlassung , daß der Tag im ganzen deutschen Vaterlande als ein patriotischer Feiertag begangen wurde. Auch unsere Stadt hatte ein festliches Gewand angelegt. Fast von jedem Hause wehten deutsche und preußische Fahnen. In den Schulen wurde durch festlichen Actus dem Festjubel Ausdruck gegeben. Von 10 bis 11 Uhr fand unter Beteiligung der Behörden Gottesdienst statt. Von 11 bis 12 koncertierte das Stadtmusikkorps auf dem Rathaus-Balkon. Von 12 bis 1 Uhr während der feierlichen Einsegnung des Allerhöchsten Jubelpaares wurde mit sämtlichen Glocken geläutet. Nachmittags fand Aufmarsch und Festschießen der Schützengilde statt.

Gericht
Mit dem heutigen Tage – der 1. October – wird das hiesige Königl. Kreisgericht in Folge der Reichsgesetzgebung aufgelöst und es wird künftig nur ein Amtsgericht mit drei Richtern die Justizpflege zu versehen haben. Bisher waren am Kreisgericht 6 Richter thätig. Nach den Reichsjustizgesetzen fungieren die Amtsrichter als Einzelrichter. Die Kompetenz in Prozeß-Sachen ist für die Einzelrichter erweitert. In Untersuchungs-Sachen fungieren neben dem Einzelrichter Schöffen. In größeren Sachen ist das Landgericht und in höheren Belangen das Oberlandesgericht und das Reichsgericht zuständig. Diese Gelegenheit ist benutzt wurden um den bisher bestandenen der Kommune so nachteiligen Vertrag betreffend die Ueberlassung der Ratshauslocalitäten zu Gerichtszwecken zu lösen. Seit Errichtung des früheren Land- und Stadtgerichts und ferner während des Bestehens des Kreisgerichts waren die Gerichtslocalien von der Stadt unentgeldlich vorgehalten worden und in dem alten Vertrage war bestimmt worden, daß diese unentgeldliche Benutzung währen solle, so lange die Localitäten zu Gerichtszwecken gebraucht würden. Den Verhandlungen des Bürgermeisters Reiche ist es gelungen die früheren Kontracte zu beseitigen und einen Miethscontract, welcher seitens der Stadt 10 Jahre unkündbar ist wonach vom Fiskus 1200 M. Miethe gezahlt werden.

Mord und Brandstiftung
In der Nacht vom 26. zum 27. October d. J. sind der Kaufmann Johann Samuel Schumann und die Stieftochter Louise Parten hier in ihrer in der breiten Straße belegenen Wohnung in ihren Betten während des Schlafes durch Erschlagen ermordet worden. Der Thäter hat nach der Ermordung die Betten in Brand gesteckt im Laden Feuer angelegt und alles vorfindliche bare Geld sowie eine silberne Taschenuhr, eine goldene Damenuhr nebst Kette, eine goldene Brosche, einen Ring u. verschiedene andere Gegenstände geraubt. Das Feuer wurde gelöscht als es bedeutende Dimensionen angenommen hatte. Durch dieses Vorkommniß ist die Bürgerschaft in einer Weise erregt worden, daß es schon um wieder eine Beruhigung zu erzielen nothwendig erscheint Alles aufzubieten um den Thäter zu ermitteln. Die Bürgerschaft hat durch freiwillige Beiträge 1200 M. aufgebracht, welche demjenigen als Belohnung gezahlt werden sollen, welchem die Ermittelung des Mörders gelingt.

Ermittlung des Mörders
Der Mörder ist in der Person eines Brunnenarbeiters Wurzler in Leipzig entdeckt. Er wurde bereits am 4. November als verdächtig verhaftet. Am 5. desselben Monats legte er dem Kriminal-Kommissar Kuchalcke Geständnis ab. Wurzler hat vor etwa 10 Jahren bei Schumanns als Laufbursche im Dienst gestanden und ist damals wegen Unredlichkeiten entlassen worden. In der Zwischenzeit ist er mehrfach wegen Diebstahls bestraft und erst vor kurzem aus der Strafanstalt Lichtenburg nach Paupitzsch entlassen. Dort hatte er sich zwar gemeldet war aber um Arbeit zu suchen wieder fortgegangen, aber in Weißenfels, wohin er gehen wollte, nicht eingetroffen. Aus diesem Grund wurde die Polizeibehörde auf Wurzler aufmerksam. Es wurde ermittelt daß W. am Tage vor dem Mord von Leipzig in der Richtung nach hier gefahren war. Wurzler bestritt dies konnte aber nicht nachweisen wo er während der Nacht der That gewesen. Er wurde deshalb verhaftet. Es wurde ferner ermittelt, daß W. sich neuerdings neu eingekleidet, eine silberne Uhr und einen Ring getragen habe. Unter der Wucht dieser Belastung legte er am 5. ein Geständnis ab. Danach hat er sich schon nachmittags in das Schumannsche Gehöft und dann in den Keller geschlichen, ist von dort gegen Mitternacht hervorgekommen hat sich mit einem Stein bewaffnet in die Schumannsche Schlafstube geschlichen und hat dann zuerst Schumann dann die Parten erschlagen. Demnächst hat er Kisten und Kästen theils erbrochen theils mittels der vorgefundenen Schlüssel geöffnet, die vorgefundenen Gelder, Wertstücke und Kleider geraubt und dann um das Verbrechen zu verdecken Feuer angelegt.

Verurteilung des Mörders
Der Raubmörder Wurzler wurde in der Schwurgerichts-Sitzung zu Halle vom 2. December wegen Doppelmordes zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehre wegen Raub und Brandstiftung zu 10 Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Thaerigen
Der Sparkassenrendant Thaerigen welcher seit Begründung der hiesigen Stadtsparkasse bis zum 1. Juli 1877 treu vorgestanden, dann aber in den wohlverdienten Ruhestand getreten war starb am 6. December nach längerem Leiden.