Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1880

Ausstellung von Lehrlingsarbeiten
Auf Veranlassung des Gewerbevereins fand am 3. März d. J. in dem Saale des Stadt Leipzig eine Ausstellung von gewerblichen Erzeugnissen, namentlich von Lehrlingsarbeiten statt. Die Ausstellung war eine solche, daß man sagen darf, daß die Leistungsfähigkeit unseres heimischen Gewerbes vollständig aufgewiesen wurde. Am 15. März fand eine Sitzung der Jury statt und wurden 8 erste Prämien und 21 zweite Prämien sowie 33 lobende Anerkennungen für Lehrlinge zuerkannt.

Nach einer langen Pause wurde im Jahre 1948 diese Chronik von dem Unterzeichneten an der Hand des im hiesigen Stadtarchivs vorhandenen Quellennachweises weitergeführt.
Karl Ziebe; Lehrer a.D.



1881

Im März dieses Jahres fand in hiesiger Stadt die Gründung einer fortschrittlich liberalen Partei statt. Am 21. Mai beging der Landrat des Kreises Delitzsch Rittergutsbesitzer von Rauchhaupt auf Storkwitz sein 25jähriges Amtsjubiläum als Landrat in Delitzsch. Die Stadt Delitzsch war zu diesem Tage reich beflaggt. Die verschiedenen Veranstaltungen zu Ehren des Jubilars zeigten, welcher Beliebtheit sich der Landrat bei der Bevölkerung des Kreises insonderheit der Stadt erfreut. An den Festfeiern nahmen Vertreter sämtlicher Städte und Dörfer des Kreises aus allen Ständen, ferner Vertreter der Nachbarkreise, des Regierungsbezirks und der Provinz teil. Der offizielle Vertreter und Sprecher der Stadt Delitzsch war Bürgermeister Reiche. Ein Fackelzug der vielen Vereine und eine allgemeine Illumination beschlossen den Festtag. Der Sommer des Jahres war sehr heiß und gewitterreich. Neben vielen Blitzeinschlägen in der Umgebung von Delitzsch schlug auch ein Blitzstrahl in das Haus des Superintendenten auf der Schloßstraße in Delitzsch und richtete beträchtlichen Schaden an. Menschenleben waren aber nicht zu beklagen. Am 19. Juli ertrank der Sohn des hiesigen Zigarrenarbeiters Schneider beim Baden. Am 27. Oktober wurde Landrat von Rauchhaupt mit großer Stimmenmehrheit als konservativer Abgeordneter in den Landtag gewählt.



1882

Am 24. Februar verunglückte auf dem hiesigen Sorauer Bahnhof beim Rangieren durch Entgleisung eines Güterzuges der Arbeiter Schaaf aus Gertitz tötlich. Im Frühjahr wurde mit der Umpflasterung des Marktplatzes begonnen. An allen vier Seiten des Marktplatzes wurden Fahrstraßen und Bürgersteige mit Granitplatten angelegt, sowie Linden gepflanzt. Der Markt bekam jetzt ein schönes Ansehen. Die Bahnstrecke Berlin-Leipzig wurde am 1. April vom Staat übernommen.

Am 23. Mai entstand auf der Eilenburgerstraße beim Schuhmachermeister Gustav Frömmig ein Schadenfeuer. Das Seitengebäude, wo der Feuerherd entstand, brannte nieder. Dem Eingreifen der Feuerwehr gelang es, ein Weiterumsichgreifen des Feuers zu verhindern. Der Mangel an Wasser machte sich hier sehr fühlbar. Nach einer großen Hitzewelle zogen am Nachmittag des 26. Juli schwere schwarze Wolken am westlichen Horizont herauf. Man befürchtete großes Unwetter. Und so war es auch. Ein starkes Hagelunwetter vernichtete im Westen unseres Kreises 75 % der noch draußen stehenden Getreideernte. Manche Orte erlitten Totalschaden.

Die Bitterfelderstraße gab schon lange zu Klagen Veranlassung, denn das Schmutzwasser hatte keinen Abfluß und verbreitete üblen Geruch. Die Stadtverordnetenversammlung faßte nun den Beschluß, diese Straße zu kanalisieren. Mit dieser Arbeit sollte auch sofort begonnen werden. Im Herbst des Jahres wurde nach Grundsteinlegung mit dem Bau des Lehrerseminars auf der Dübenerstraße begonnen. In den letzten Jahren ist ein merklicher Fortschritt im kulturellen Leben der Stadt zu erkennen. Das ist nicht wenig dem Einfluß des Seminars zu verdanken. Besonders im letzten Jahre hat sich durch die Musikpflege im Seminar das Musikleben der Stadt merklich gehoben.



1883

Am 1. Januar 1883 wurde die Trichinenschau der Schweine hierselbst behördlich eingeführt. In diesem Jahre wurde die Kanalisation der Straßen unserer Stadt fortgesetzt. Am 29. April verstarb in Potsdam unser Heimatkind, der Mann, der den Namen unserer Stadt in alle Welt gebracht hat, der hochverdiente Gründer des deutschen Genossenschaftswesens Schulze Delitzsch, der nicht nur hier geboren, sondern auch lange Jahre zum Wohl der Stadt und seiner Mitbürger gewirkt hat. Hier hat er auch seine erste Genossenschaft gegründet. Die Beerdigung fand am 3. Mai vom Trauerhause in Potsdam aus unter großer Beteiligung der Bevölkerung und auch maßgebender Personen des Reiches statt. Als Vertreter seiner Vaterstadt Delitzsch nahmen an den Beerdigungsfeierlichkeiten teil: Bürgermeister Reiche, Magistrats-Assessor Teubner, Stadtverordnetenvorsteher Jonas, Stadtverordneter Fleischer, Tischlermeister Troitzsch und Kaufmann Schulze, die beiden letzteren besonders als Vertreter der hiesigen Genossenschaften.

Im Laufe der nächsten Wochen wurde auf einer stattgefundenen Genossenschaftsversammlung der Beschluß gefaßt, dem Verstorbenen, dem großen Sohn unserer Stadt hierorts ein Denkmal zu errichten. Am 16. Juni fand das Richtfest des im vorigen Herbst mit dem Bau begonnenen Seminargebäudes statt. Der Bau soll noch bis Ende des Jahres vollendet werden. Am 21. Juni fand das 25jährige Jubiläum des hiesigen Realprogymnasiums durch Festfeier in der Aula der Schule und Festmarsch durch die reichbeflaggte Stadt statt. An denselben Tage beging auch die hiesige höhere Töchterschule in einfacher Weise ihr 25jähriges Bestehen.

Im September verstarb der um das Musikleben unserer Stadt sehr verdiente Seminar-Musiklehrer Karl Kuntze hierselbst. Am 10. November feierte die evangelische Bevölkerung unserer Stadt die Wiederkehr des 400jährigen Geburtstages Dr. Martin Luthers durch Festfeiern in Schulen und Kirchen. Jedes Schulkind bekam zur Erinnerung an den großen Reformator als Geschenk eine Gedächtnisschrift Dr. Martin Luthers bezw. Bilder aus dem Leben Luthers und seiner Familie. Das Seminar veranstaltete am Abend einen Fackelzug durch die Stadt.



1884

Die Kanalisation und Umpflasterung der Straßen wird auch in diesem Jahre fortgesetzt. Die hauptsächlichsten Verkehrsstraßen werden mit erstklassigem Pflaster versehen; das alte Material wird für die Nebenstraßen verwendet. Der wüste Platz am Halleschen Turm, der bisher eine Unzier der Stadt bildete, wird zu einer Anlage umgewandelt. Der Ackerstreifen nördlich des Birkenwäldchens und Heiligbrunnens wird von der Stadt käuflich erworben. Es ist in Aussicht genommen, dieses Stück Land in Parkanlagen zu verwandeln. Inmitten dieser Anlage soll ein künstlicher Hügel aufgeworfen und hier Parkkonzerte abgehalten werden.

Zur Errichtung eines Schulze Delitzsch Denkmals sind bereits 4800,- Mark gesammelt worden. In einer Versammlung nationaler Kreise wurde angeregt hierorts ein Denkmal für die Gefallenen aus dem Kriege 1866 und 1870 zu errichten. Die bereits bestehenden Landwehrvereine des Kreises haben sich zu einem Bezirks-Landwehrverein Delitzsch zusammengeschlossen. Dieser neue Verband feierte am 6. Juli sein erstes Stiftungsfest in Delitzsch.

Am 2. Oktober fand die Einweihung des neuerbauten Lehrerseminars auf der Dübenerstraße statt. Neben den maßgebenden Persönlichkeiten der Stadt waren zu dieser Feier erschienen als Vertreter des Kultusministers Geheimer Regierungsrat Wätzoldt aus Berlin, ferner Generalsuperintendent D. Möller aus Magdeburg, Geheimrat Dr. Göbel aus Merseburg u.a. Nach der Festfeier im Seminar fand im neuen Speisesaal des Hauses das Festessen für die Seminaristen, für die übrigen Gäste im Schwan statt. Abends war eine allgemeine Illumination der Stadt.



1885

Die Promenade vom Halleschen Turm bis zur Leipziger Straße wird chausseemäßig hergestellt. Der im Vorjahr begonnene stattliche Bau der Walzenmühle am Ende der Leipziger Straße wird fertiggestellt und der Betrieb eröffnet. Den 70. Geburtstag des Fürsten Bismarck feierten die nationalen Kräfte der Stadt und des Kreises besonders durch ein Festessen im Schwan, wobei Landrat von Rauchhaupt auf Bismarcks Verdienste insbesondere um die Einigung Deutschlands hinwies. Seminardirektor Schöppa gedachte in einer Ansprache des Kaisers Wilhelm I. Dem verstorbenen Seminar-Musikdirektor Karl Kuntze hatten durch Sammlung seine früheren Schüler und hiesige Musikvereine auf dem Stadtfriedhof ein Grabdenkmal errichtet. Die Enthüllung dieses Denkmals fand am 17. Mai unter großer Beteiligung statt.

Der kühne Aeronaut Karl Sekurius, ein Enkel des hiesigen früheren Bürgermeisters Sekurius, welcher durch seine in allen größeren Städten bereits veranstalteten Luftballon Auffahrten rühmlichst bekannt wurde, wollte auch Delitzsch dieses Schauspiel gönnen. Der Aufstieg sollte am 4. Mai auf dem Platz des Seminars an der Anger- und Dübener Straße erfolgen. Durch widrige Umstände, die Gaszufuhr versagte, mußte die Auffahrt verschoben werden. Sie fand dann unter Beteiligung einer sehr großen Zuschauermenge am 11. Mai statt. Es war ein erhebendes Schauspiel, wie der Ballon sich vorschriftsmäßig erhob und dann in östlicher Richtung in den Wolken verschwand. Nach einer halben Stunde landete der Ballon nach Öffnung des Ventils glücklich in der Nähe von Pristäblich.

Am 28. Juni wurde Amtmann Nitze aus Brodau als er abends 11 Uhr von hier durch die Leipziger Straße nachhause ritt erschossen. Das Pferd kam reiterlos in Brodau an. Der Täter raubte dem Erschossenen seine goldene Uhr und das Geld. Dem Täter war man bald auf der Spur. Es war ein entlassener Zuchthäusler von außerhalb. Am 1. Dezember war die 25jährige Jubelfeier der hier bestehenden freiwilligen Turner-Feuerwehr durch gemeinsamen Kirchgang, Parade, Festessen und Festfeier im Schützenhause.



1886

Das 25jährige Regierungsjubiläum Wilhelms I. als König von Preußen wurde am 3. Januar hier festlich begangen. Am Abend zuvor war ein Fackelzug des Kriegervereins, am Tage selbst eine allgemeine Beflaggung der Stadt und abends Illumination. Am Nachmittag fand im festlich mit Tannengrün, Flaggen, Wappenschildern etc. geschmückten Saal des "Hotels zum Schwan" ein Festessen statt. Nach der letzten Volkszählung hat Delitzsch jetzt 8347 Einwohner.

Die Handwerker halten jetzt wieder unter sich regelmäßige Versammlungen ab und schließen sich enger zu Innungen zusammen. Die Statuten werden strenger beachtet. Es müssen Gesellen- und Meisterprüfungen abgehalten werden. Nur geprüfte Meister dürfen Lehrlinge einstellen, die vom Obermeister eingewiesen und auf ihr Verhalten als Lehrling aufmerksam gemacht werden. Die Mitgliederzahl der Innungen wächst. Der im März begonnene Bau der Turnhalle auf der Bitterfelder Straße wurde am 30. Mai eingeweiht. Mit zahlreich erschienenen auswärtigen Turnvereinen fand in den Morgenstunden ein Marsch durch die Stadt statt. Darauf nahmen sämtliche Turnvereine Aufstellung vor der Turnhalle. Nach einem Festgesange des Sängerchors hielt der Vorsitzende des Vereins Fabrikant Schulze die Fest- und Weiherede, in welcher er einen kurzen Abriß gab über die erste Anregung zum Turnhallenbau, sowie über die Mühen und Kämpfe, welche es gekostet, ehe das Werk der Vollendung gediehen. Nach den verschiedenartigsten Turnvorführungen fand abends ein Ball statt. Am 17. August beging Lehrer Karl Heinrich Petermann sein 50jähriges Lehrerjubiläum. Große Ehrungen seitens des Magistrats, der Stadtverordneten, der Schule wurden dem Jubilar zuteil. Nach einer Feier in der Bürger-Knabenschule kamen Freunde und Gönner des Jubilars im Schwan bei einem Festessen zusammen.

Am 17. September einem Sonntag gab es in der Stadt zwei Schadenfeuer. Am Morgen brannte ein Diemen in der Nähe des Heiligbrunnens nieder. Als die Leute aus der Kirche kamen rasselte die Feuerwehr die Hallesche Straße hinunter. Vor dem Halleschen Tore standen drei Scheunen in hellen Flammen. Die Feuerwehr konnte sich nur auf den Schutz der angrenzenden Gebäude beschränken. Die Scheunen selbst brannten bis auf die Grundmauern nieder. In beiden Fällen wird Brandstiftung vermutet.



1887

Am 14. Januar erfolgte die Auflösung des Reichstages. Die Neuwahl fand am 21. Februar statt. Es erhielten Stimmen im Kreis und der Stadt Delitzsch:
                                                     Kreis                           Stadt
von Bodenhausen, Konserv.                5900                           440
Dr. Hirsch, freisinnige Vereinig.           2600                           766
Schmidt, Sozialdemokrat                    1027                           184

Am 22. März wurde der 90. Geburtstag des Kaisers Wilhelm I. besonders festlich begangen. Der Festtag wurde eingeleitet durch einen Zapfenstreich des Landwehrvereins und einer Reveile der Schützengilde. Die Stadt hatte reichsten Flaggenschmuck angelegt. Viele Schaufenster waren dekoriert mit der Kaiserbüste, die sinnreich und geschmackvoll umgeben war von Palmen und blühenden Pflanzen. Im Laufe des Vormittags war Festgottesdienst, und die Schulen hielten Feiern ab. Alle Arbeit ruhte an diesem Tage und eine wogende Menschenmenge durchzog den ganzen Nachmittag die Straßen der Stadt. In der Abendstunde vereinigten sich der Landwehrverein, die Schützengilde, die Turnerfeuerwehr, die Schüler höherer Klassen, die Zöglinge des Seminars zu einem Fackelzug mit großartiger Illumination der Stadt. Im Anschluß hieran war eine allgemeine Festfeier im Schützenhause.

Um die erledigte Stelle des städtischen Musikdirektors, dessen besondere Aufgabe es sein soll auf den Geschmack des Publikums veredelnd durch klassische Musik einzuwirken, sind reichlich Bewerbungen eingegangen. Am 22. Mai hielt der neue Stadtmusikdirektor Richard Lechner mit seiner aus 16 Mann bestehenden Kapelle sein Antrittskonzert und erntete reichsten Beifall. Die hiesige Schuhmacherinnung erhielt vom Regierungs-Präsidenten die Mitteilung, daß Meister, welche der Innung nicht angehören, vom 1. Juli ab Lehrlinge nicht mehr annehmen dürfen. Der städtische Bauhof wurde der Kaiserlichen Oberpostbehörde zur Errichtung eines Postgebäudes für 12000 Mark verkauft. Die auf dem Grundstück vorhandenen Baulichkeiten werden von der Stadt zum Abbruch veräußert. Superintendent Leipold hat Delitzsch verlassen und die Oberpfarrerstelle in Osterwieck übernommen. Sein Nachfolger ist Superintendent Hahn aus Salsitz Kreis Zeitz.

Von öffentlichen Lokalen entsteht in diesem Jahre "Kafe Moltke". Am 30. November fand eine neue Stadtverordnetenwahl statt. Es wurden gewählt: Dr. med. Laue, Maurermeister Voigt, Kaufmann Schmuck, Oberlehrer Günther, Gärtner Pönicke, Zigarrenfabrikant Gröschner, Beutlermeister Teubner.



1888

Am 11. Januar entstand vor dem Halleschen Tor im Heinrich'schen Mühlengrundstück ein Feuer, das größeren Schaden verursachte durch die Lässigkeit des Türmers auf dem Halleschen Turm, der nicht rechtzeitig die Feuerglocke läutete. So war die Feuerwehr nicht rechtzeitig zur Stelle, und das Feuer konnte sich ungehindert ausbreiten auf Wohnhaus, Scheune, Viehstall. Alles wurde bis auf den Grund ein Raub der Flammen. Es kam auch sämtliches Vieh um, 2 Ziegen, 4 Schweine, eine Anzahl Hühner. Wenige Tage darauf, am 20. Januar, wurde die Feuerwehr nach der "Offenhauer'schen Brauerei" in der Bitterfelder Straße gerufen. Hier war Feuer im Stallgebäude entstanden. Es verbrannten die Heu- und Strohvorräte und alle Nebengebäude. Die Feuerwehr konnte ein Weitergreifen auf das Wohnhaus verhindern. Am 1. März war Feuer auf der Halleschen Straße bei Pötzsch. Hier gab es nur geringen Schaden, da die Feuerwehr sofort zur Stelle war.

Am 9. März starb der greise Kaiser Wilhelm I. Als an diesem Tage gegen 10 Uhr morgens die Glocken der Stadtkirche den Tod des von allen Schichten der Bevölkerung geliebten Kaisers anzeigten, ging eine tiefe Bewegung durch das Volk, denn der Nachfolger Kronprinz Friedrich Wilhelm war selbst sterbenskrank und weilte in Italien, und dessen Sohn war noch jung an Jahren. Der kranke Kaiser Friedrich III. kehrte aber sofort nach Berlin zurück und durchfuhr dabei von Bismarck begleitet, der ihm bis Leipzig entgegenfuhr am 11. März gegen Abend unseren Berliner Bahnhof. Schon am 15. Juni schloß auch er die Augen, und sein Sohn Wilhelm bestieg als Wilhelm II. den Thron seiner Väter.

Am 30. April wurde der neue Superintendent Hahn aus Salsitz durch General Superintendent D. Möller aus Magdeburg feierlich in sein Amt eingeführt.
Infolge großer und anhaltender Regengüsse des Frühjahres, die namentlich den Osten unseres Vaterlandes trafen, traten die Wasser der Weichsel, Warthe, Oder und Elbe aus den Ufern und richteten durch Überschwemmungen ungeheuren Schaden an. Tausende Familien verloren Hab und Gut. In ganz Deutschland entstanden Sammlungen für die Heimgesuchten. Hierorts betrug diese Sammlung 1935,51 Mark. Am 2. Juli beging der hiesige Männer-Turnverein sein 25jähriges Bestehen unter Teilnahme von 14 auswärtigen Turnvereinen, die schon am Tag vorher zum Gauturnfest hier eingetroffen waren. Die Festveranstaltung fand im Bürgergarten statt. Nach Umzug und anschließenden Turnvorführungen war abends Ball. Als Protest gegen die hiesige Fleischerinnung, welche die Fleischpreise pro Pfund um 10 Pfg. erhöhte, fanden sich am 1. September im Weißen Roß viele Bewohner der Stadt zusammen. Nach Darlegung der Sachlage gründet man eine Aktiengesellschaft "Delitzscher Schlächterei" und nahm die Schlachtung in eigene Hand.

Am 26. September hielt der neue Stadtmusikdirektor sein Antrittskonzert. Sein Name ist Römer. Am 12. Oktober erhängte sich in einem Erlenbusch am Sorauer Bahnhof der hiesige Schuhmachermeister Bültemann. Der inmitten des Schäfergrabens als letzter Rest des Vorstadtgrabens noch schwach rieselnde Wasserlauf (seit 1816 schon fortgesetzt verkleinert) wird endlich ganz beseitigt. Am 3. Dezember feierte Branddirektor Schulze, Führer der hiesigen freiwilligen Feuerwehr, sein 25jähriges Jubiläum als Leiter der hiesigen Wehr. Es wurden ihm viele Ehrungen zu teil. Auf einer im Dezember stattgefundenen Versammlung der kirchlichen Vertreter des Kreises wurde die Anregung gegeben für die auf Wanderschaft befindlichen Gewerbetreibenden hierorts eine zeitgemäße Unterkunft zu schaffen. Es kam zur Gründung der "Herberge zur Heimat".



1889

Am 3. Januar fand die erste Generalversammlung der am 1. September v. J. gegründeten "Delitzscher Schlachterei" statt. Nach dem erstatteten Bericht ist Umsatz bzw. Geschäftsbetrieb als gut zu verzeichnen. Die Käufer sprachen ihre Zufriedenheit über den Preis und die Güte der gelieferten Ware aus.

Im Februar wurden zwei Petitionen mit zahlreichen Unterschriften aus Stadt und Land über Zustände auf den hiesigen Eisenbahnen an das Abgeordnetenhaus gerichtet. Die erste Petition befaßte sich mit der Unzulänglichkeit der Warteräume auf dem Berliner Bahnhof. In der zweiten Petition wird um Abhilfe der durch den Betrieb der Halle-Sorauer Eisenbahn hervorgerufenen Verkehrsstörungen bei dem Übergange über die Berlin Leipziger Chaussee gebeten. Der Minister für öffentliche Arbeiten erteilte unterm 2. Juni hierher die Antwort, daß in Aussicht genommen ist, die beiden Bahnhöfe zusammenzulegen, und werden bei dieser Gelegenheit auch die Räumlichkeiten auf Berliner Bahnhof erweitert. Die Angelegenheit der Verkehrsstörungen bei dem Übergang über die Berlin-Leipziger Chaussee wird geprüft und es soll Abhilfe geschaffen werden. Am 10. März kamen Landwirte der Umgegend im Schwan zusammen und regten den Bau einer Aktien-Zuckerfabrik in Delitzsch an. Am 28. Juli wurde dann entgültig die Erbauung mit einem Grundkapital von 900000,- Mark, welches sich auf 75 Aktien zu je 1200,- Mark zusammensetzt, beschlossen. Am 1. April beschloß der Kreistag in seiner Sitzung die Übernahme der Grunderwerbskosten auf den Kreis für die geplante Eisenbahn von Eilenburg nach Düben. Anfang April wurde mit dem Umbau unserer Stadtkirche begonnen. Dabei fand man links und rechts vom Altar eine Doppelgruft mit prächtig gut erhaltenem Kupfersarg Überreste der Brüder Kornelius und Heinrich von Luckowen. Heinrich von Luckowen war bis 1691 Geheimrat im Staatsdienst zu Merseburg. Mit der Herzogin Christiane zog auch er 1691 hierher und kaufte auf der Schulstraße (früher Hintergasse) ein Haus. Hier lebte und wohnte er bis zu seinem Tode, war ein Wohltäter der Stadt und Kirche und hat für die Kirche mehrere Legate gestiftet. Bei seinem Tod wurde er hier am Altar beigesetzt. Zwischen der Doppelgruft fand man dann vor dem Altar den Sarg der Herzogin Sophie Charlotte, die als Witwe von 1731 ab hier im Schloß gewohnt und 1734 hier verstorben ist.

In einer Sitzung des Gemeinde-Kirchenrats wurde auf Wunsch der Bevölkerung beschlossen, gelegentlich des jetzigen Umbaus der Kirche die beiden Kirchtürme zu erhöhen. Die Kosten dazu werden auf 24000 Mark veranlagt. Am 19. Mai verbrannten in der hinteren Scheunengasse am Kohltor die an das Rathmann'schen Grundstück angrenzenden 4 Scheunen. Am 21. Oktober entstand wiederum Feuer in der Offenhauer'schen Brauerei. Da das Feuer an derselben Stelle entstand wie im vorigen Jahr am 21. Februar und noch andere Ähnlichkeiten vorlagen besteht der dringende Verdacht, daß in beiden Fällen derselbe Brandstifter in Frage kommt. Am 24. Oktober wurde mit dem Bau der hiesigen Aktien-Zuckerfabrik begonnen. Im Spätherbst legte noch die Reichspostverwaltung den Grundstein zu dem neuen Postgebäude auf dem Gelände des früheren Bauhofes auf der Eilenburgerstraße.



1890

Am 13. Februar kamen Beamte der Stadt im Gasthof "zur Linde" zusammen und gründeten den "Delitzscher Beamtenverein". In den Verein können mittelbare und unmittelbare Reichs- und Staatsbeamte eintreten. Er will nicht nur die wirtschaftlichen Nöte der Beamten beseitigen, sondern auch seine geistligen Kräfte fördern. Der Delitzscher Beamtenverein schließt sich dem "Preußischen Beamtenverein" an. Der Vorstand wurde aus den verschiedensten Beamtenberufen erwählt. Vorsitzender wurde Obersteuerkontrolleur Pfannschmidt.

Der Umbau unserer Stadtkirche ist bis auf die Aufstellung der Orgel beendet. Im Februar wurde auch diese Arbeit fertiggestellt. Die Erbauung geschah durch die Orgelfirma Rühlmann Zörbig. Nachdem nun die Orgel von verschiedenen Orgelsachverständigen von außerhalb in den letzten Tagen geprüft worden war, fand am 22. Februar die Abnahme durch Seminar-Musiklehrer Kropf von hier statt. Fast ein Jahr lang hat der Umbau der Kirche gedauert. Die einst von unserer Herzogin Christiane gestiftete Ausstattung der Kirche war fast 200 Jahre eine Zier unseres Gotteshauses. Sie wurde von Kunstfreunden der Stadt übernommen und im Rathaus aufbewahrt. Die herrlichen Gemälde von hohem Kunstwerte gaben aufs Neue Veranlassung zur Gründung eines Heimatmuseums. Nachdem nun der Umbau unserer Stadtkirche fast ein Jahr gedauert hatte, fand am 25. März d. J. die Einweihung nach der Erneuerung statt. Ein großer Festzug der Gemeinde, an der Spitze die Behörden, Geistlichen, Lehrer, Konfirmanden bewegte sich um 10 Uhr von der Gottesackerkirche unter dem Geläut der Glocken nach der Stadtkirche. Nach den erfolgten Formalitäten und Übergabe der Schlüssel an Superintendent Hahn erfolgte unter dem Spiel der neuen Orgel der Einzug ins Gotteshaus. Hier hielt General-Superintendent D. Möller die Weiherede. Der Seminarchor verschönerte die Festfeier durch Vortrag einiger Gesänge. Am Nachmittag war ein Festessen, abends ein Kirchenkonzert geleitet von Kantor Haupt.

Bei der im März hier stattgefundenen Stichwahl zwischen dem konservativen und deutschfreisinnigen Abgeordneten zum deutschen Reichstag wurde der deutschfreisinnige Abgeordnete Dr. Hirsch Berlin mit 800 Stimmen Mehrheit in den deutschen Reichstag gewählt. Der im vorigen Jahr beschlossene Bau der hiesigen Zuckerfabrik ist jetzt am 1. April so weit fortgeschritten, daß die Fertigstellung noch vor dem angenommenen Termin zu erwarten ist. Wenn die Maschinen dann noch rechtzeitig zur Stelle sind, wird die Fabrik noch in diesem Jahre betriebsfähig.

Die 20jährige Wiederkehr des Sedantages wurde am 2. September mit ganz besonderer Festlichkeit begangen. Bei den gehaltenen Festreden wurde auf den Mangel eines Kriegerdenkmals für die Gefallenen von 1866 und 1870 in hiesiger Stadt hingewiesen. Diesem Mangel soll nun näher getreten werden. Eine allgemeine Sammlung soll beginnen. Die Gesangvereine sowie die Stadtkapelle haben sich zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt. Im Laufe des Winters sollen Konzerte und sonstige Aufführungen zum Besten des Denkmalfonds veranstaltet werden.

Am 19. September fand die Grundsteinlegung des neuen Schützenhauses am Schenkenberger Wege statt. Große Herbstmanöver fanden in diesem Jahre im Osten unseres Kreises statt. Unsere Stadt hatte viel Einquartierung. Infolge der starken Regengüsse in den letzten Tagen zogen sich die Manöver sehr in die Länge und fielen zum Teil ganz aus. Die Elbe war weit über die Ufer getreten und die Wasser hatten ungeheuren Schaden angerichtet. Für die Geschädigten wurde auch hier gesammelt wie vor 2 Jahren. Reichlich flossen die Spenden im Kreise. Die Gesamtsammlung des Kreises für diesen Zweck ergab 9019,61 Mark.

Am 24. September, dem letzten Schultag vor den Herbstferien trat nach 55jähriger Tätigkeit Lehrer Petermann an der höheren Töchterschule hierselbst in den Ruhestand. An der Abschiedsfeier in der Schule wurden dem beliebten allseitig geschätzten Lehrer zahlreiche Ehrungen zu teil. Am 6. Oktober begann an der hiesigen Zuckerfabrik die erste Kampagne. In seiner Oktobersitzung bewilligte der Kreistag für die Erweiterung des hiesigen Ständehauses den Betrag von 25000 Mark und zur Errichtung der hiesigen "Herberge zur Heimat" 5000,- Mark.

Nach der letzten Volkszählung hat Delitzsch jetzt 529 Einwohner mehr als 1885, also 8876 Bewohner. In diesem Jahr wurde auch der Bau des neuen Postgebäudes in der Eilenburger Straße beendet und sofort in Betrieb genommen. Am Tage vor dem Weihnachts-Heiligabend traf für die hiesige Stadtkirche ein kostbares Geschenk ein. Zwei aus Delitzsch gebürtige Herren, der Kaufmann Gustav Ottmer und der Rentier Franz Pfordte, beide in Hamburg wohnhaft, stifteten nämlich zur Erinnerung an die Erneuerung der Stadtkirche und in treuen Gedenken an ihre Vaterstadt einen goldenen Altarkelch und eine silberne Abendmahlkanne.



1891

Am 1. Januar trat auch in unserer Stadt die vom Reichstag beschlossene Invaliditäts- und Altersversicherung in Kraft. Die Bevölkerung kommt dem neuen Gesetz im allgemeinen mit großem Mißtrauen entgegen und beteiligt sich nur zögernd an diesem sozialen Unternehmen des Staates. Im April beschlossen die Stadtverordneten die Anlegung der Angerstraße vom alten Friedhof aus als Parallelstraße mit der Bitterfelderstraße sowie die Schaffung einer Badeanstalt.

Auf einer im Juni stattgefundenen Versammlung in der "Stadt Leipzig" die von Bürgermeister Reiche einberufen und geleitet wurde und in welcher auch Branddirektor Schulze sprach, wurde neben der bereits 30 Jahre bestehenden "Freiwilligen Feuerwehr", die Gründung einer Pflichtfeuerwehr beschlossen, die besonders aus jüngeren Bürgersöhnen bestehen soll, damit immer geeignete und genügende Reserven für die freiwillige Feuerwehr vorhanden sind.

Am 21. Juni fand das "Weihfest" des neuen Schützenhauses, "Schützenhof" genannt, statt. Gleichzeitig fand hier das erste Schützenfest im neuen Hause statt. Deshalb wurde diesmal das Schützenfest mit besonderem Glanz begangen. Der Ausmarsch der Schützengilde war ein Ereignis der Stadt. An ihrer Spitze marschierten der Landrat, der Bürgermeister, der Magistrat, die Stadtverordneten. An ihrer Spitze marschierten der Landrat, der Bürgermeister, der Magistrat, die Stadtverordneten. Eine große Volksmenge begleitete den Festzug, der zunächst durch die Hauptstraßen der Stadt zog. Auf dem ganz modern hergestellten Schießstand begann bald das Festschießen, im Garten das Gartenkonzert. Abends wurde das ganze Haus des Schützenhofes festlich illuminiert. Drei Tage lang wogte eine große Menschenmenge aus Stadt und Umgegend über den großen Festplatz. Am 24. Juni endete das Fest mit dem Einzug der Schützengilde.

Der 3. Juli, der 25. Jahrestag der Schlacht von Königgrätz wurde zu einer Gedenkfeier besonders für die hier im Lazarett verstorbenen und auf dem alten Friedhof begrabenen 6 Teilnehmer dieser Schlacht ausgestaltet. Eine große Menschenmenge, besonders alte Krieger von 1866 und 1870 hatte sich am Denkstein eingefunden. Die Gedenkrede hielt Superintendent Hahn. Der Denkstein selbst ist ein hoher mit einem Eichenkranz gekrönter Obelisk, dessen vier Seiten Inschriften tragen.

Schon seit einigen Jahren wurde an dem Denkmal von Dr. Hermann Schulze, genannt "Schulze Delitzsch", dem großen Sohn unserer Stadt, gearbeitet. Der Hersteller ist der Bildhauer E. Weißenfels, ein Delitzscher Stadtkind. Nach Vollendung fand nun am 13. September auf seinem Standort dem Marienplatz in Delitzsch, der von der Stadt zuvor zum Denkmalsplatz würdig ausgestaltet war, die Enthüllung des von den deutschen Genossenschaften ihrem Gründer und ersten Anwalt errichteten prachtvollen Denkmals statt. Eine große Menschenmenge hatte sich in der Mittagsstunde dieses Tages an dem Denkmal versammelt. Von den Behörden waren erschienen Landrat von Rauchhaupt, Bürgermeister Reiche, die städtischen Körperschaften. Viele Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Gäste von außerhalb waren gekommen. Die Weiherede hielt der Verbandsdirektor der bayrischen Genossenschaften Pröbst – München. Als die Hülle fiel, präsentierte sich dem Auge das Standbild von Schulze "wie er leibt und lebt", so wie ihn die Delitzscher noch kennen und sprechen hörten. Auf 3 m hohen Postament aus geschliffenen grauen und rohen Granit erhebt sich das 2 ½ m hohe bronzene Standbild des Verstorbenen, die linke Hand in die Hüfte gestützt, den rechten Arm vor sich streckend. Bürgermeister Reiche übernahm das Denkmal namens der Stadt. 200 Sänger der Delitzscher Gesangvereine verschönerten die Feier durch Gesang des deutschen Bundesliedes und "Das treue deutsche Herz". Zum Schluß wurden kostbare Lorbeerspenden am Fuß des Denkmals niedergelegt. Am Nachmittag fand im "Hotel zum Schwan" ein Festessen und abends im Schützenhause ein großer Kommers statt.

Am 5. Oktober wurde Knopf und Fahne vom Breiten Turm heruntergenommen, nachdem sich die Notwendigkeit einer neuen Fahne herausgestellt hatte. Die heruntergenommene Fahne ist im Jahr 1834 neu aufgesetzt worden. Bei der jetzigen Abnahme der Kuppel wurden in derselben 2 Blechbüchsen mit alten Urkunden und einige Scheidemünzen unter anderem ein noch gut erhaltenes 3 Pfennigstück von 1833 vorgefunden. Die Urkunden sind aus den Jahren 1565, 1608, 1668, 1704 1804. Sehr interessante Aufzeichnungen sind bei der Erneuerung 1834 von dem damaligen Bürgermeister Sekurius und dem Magistrats Assessor Meißner gemacht und der Kuppel einverleibt worden. (nachzulesen Kreisblatt 1891 Nr. 120)
Die Erneuerung der Stadtkirche im Jahr 1889 und 1890 sowie die Anschaffung der neuen Orgel und Heizanlage hat einen Kostenaufwand von 101000 Mark verursacht. Von der vorgesehenen Erhöhung der Türme wurde der weiteren Kosten wegen abgesehen. Der Besitzer des Schützenhauses hat die Schützengilde auf Schadenersatz für entgangenen Verdienst über 15650 Mark verklagt, da sie das Schießen nach dem neuen Heim (Schützenhof) verlegt hat.