Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1892

Der vom Schützenhauswirt Dietrich gegen die Schützengilde Ende des Vorjahres angestrengte Prozeß um Zahlung einer Entschädigung ist beendet. Es hatten in der Sache schon 2 Termine vor dem Landgericht abgehalten werden müssen; der dritte sollte am 2. März stattfinden, ist aber aufgehoben worden, da Dietrich seinen Klageantrag zurückgezogen hat. Das schon lange schwebende Projekt der Zusammenlegung der beiden hiesigen Bahnhöfe schien seiner Verwirklichung näher zu kommen. Bereits Anfang März waren Zeichnung und Beschreibung des Projekts im hiesigen Landratsamte ausgelegt und am 25. März sollte ein Lokaltermin in dieser Sache stattfinden. Nach diesem Plan sollte der Berliner Bahnhof abgebrochen und der Sorauer Bahnhof dafür bedeutend erweitert werden. Einschneidende Veränderungen müssen aber dabei durch Verlegung von Straßen und Anlage von Bahnüberführungen vorgenommen werden.

Auf einer am 16. März stattgefundenen Versammlung einer großen Anzahl Herren aus Stadt und Land behulfs Besprechung über den projektierten Bahnhofsumbau wurde gegen das zur Zeit vorliegende Projekt protestiert und Abänderungen vorgeschlagen. Bei dem nun am 25. März auf dem hiesigen Bahnhof abgehaltenen Lokaltermin, wo seitens der Stadt und des Kreises Einspruch gegen das Projekt eingelegt wurde, erklärten die Vertreter der Regierung, daß das Projekt jedenfalls nicht ausgeführt werden würde. Sonach bleibt wahrscheinlich alles beim Alten. Am 1. April wurde die an der Promenade neu erbaute Badeanstalt eröffnet, nachdem rings um das Badehaus hübsche Gartenanlagen und Pflanzungen gemacht worden waren.

Am 31. Mai waren es 200 Jahr her, daß die Herzogin Christiane von Merseburg im hiesigen Schlosse Wohnung nahm, nachdem sie der Rat der Stadt am breiten Tor begrüßte und zum Schloß geleitet hatte. Mit dem Einzug der Herzogin kam reges Leben in unsere Stadt. Die im Reichstag beschlossene Sonntagsruhe tritt am 1. Juli im ganzen deutschen Reich in Kraft. Für die hiesige Stadt wird dabei eine besondere Anordnung betreffend die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe getroffen. Sperrzeit für den Handel ist immer die Zeit des Hauptgottesdienstes am Sonntag von 8 ½ bis 10 ½ Uhr. Der Handel mit Backwaren, Milch, Blumen und Kränzen wird am Sonn- und Feiertag auf bestimmte Stunden verlegt.

Für die Sonntage vor Weihnachten, Ostern und Pfingsten ist besondere Anordnung getroffen. An Stelle des am 6. Februar verstorbenen Rektors der städtischen Volksschulen und der höheren Töchterschule Paasch wird Rektor Plummhof aus Berlin gewählt. Er tritt sein Amt am 1. August an. Bis dahin hat die Vertretung Lehrer Schubert. Im August wurde mit dem Bau der zweiten Gleise auf der Strecke Delitzsch – Halle und Delitzsch – Eilenburg begonnen.

Am 18. Oktober, dem Tage der Schlacht bei Leipzig, feierte der Landwehrverein Delitzsch sein 25jähriges Stiftungsfest im "Stadt Leipzig". Am Vorabend fand Zapfenstreich und großer Kommers statt, am Hauptfesttage Kirchgang, Parade auf dem Marktplatz und abends Aufführung des von Diakonus Kümmel eigens für diesen Tag verfaßten Festspieles. Der Reinertrag des Abends wurde dem Denkmalsfonds zugeführt. Auch Berlin soll ein Schulze Delitzsch Denkmal erhalten. Die städtische Parkdeputation beschloß in einer Oktobersitzung Dr. Hermann Schulze dem Gründer des deutschen Genossenschaftswesens auf dem Hausvoigteiplatz in Berlin ein Denkmal wie ein solches sich in Delitzsch befindet, zu errichten. Verschiedene Straßen und Plätze der Stadt wurden neu- bezw. umbenannt, so die Fabrikstraße, Kohlstraße, Marienstraße, Marienplatz, Am Schützenplatz, An der Kirche. In der Sitzung am 29. November wurde in der Stadtverordnetenversammlung auf Antrag beschloßen, dem Denkmalfonds der Stadt Delitzsch aus Mitteln der Stadt 2500,- Mark zuzuführen. Am 30. November weilte der zu seiner Zeit berühmte Meteorologe Rudolf Falb in unserer Stadt und hielt im dicht gefüllten Saal des Gasthofes zum Schwan einen Vortrag über kritische Tage. Am 7. Dezember starb der Pfarrer an der katholischen Kirche Bäseler. Sein Nachfolger wurde Pfarrer Bitter.



1893

1. Februar
Auf der seit Neujahr im Königl. Aquarium zu London stattfindenden, unter dem Protektorat der Königin von England stehenden Internationalen Ausstellung für Hygiene, Pharmazeutische Präparate und Nahrungsmittel, ist Herrn Apotheker Ernst Freyberg von hier für ausgestellte Präparate zur Vertilgung schädlicher Tiere etc. die höchste Auszeichnung (Ehrenkranz und goldene Medaille) verliehen worden.

5. März
In der letzten Sitzung des Kreisausschusses wurde beschlossen, zur Errichtung des Kriegerdenkmals in unserer Stadt aus dem Reservefonds der Kreissparkasse 3000,- Mark zu bewilligen. An diese Bewilligung ist jedoch die Bedingung geknüpft, daß das auf dem Marktplatz zu errichtende Denkmal entsprechend Umgebung mindestens 10 Meter hoch wird. In einer Stadtverordnetensitzung wurden weitere Straßen neu- und umbenannt. Die Beerendorferstraße erhält ihren Namen, desgleichen die Gertitzerstraße, Bitterfelderstraße, Eilenburgerstraße, Leipzigerstraße, Mühlenstraße. Die jenseits der Bahn sich erstreckende Dübener Vorstadt wird von der Dübenerstraße abgetrennt. Außerdem wird noch ein wichtiger Beschluß gefaßt. Die fortlaufende Nummerierung sämtlicher Häuser der Stadt (von 1 bis 447) wird aufgehoben und es werden von nun an die Häuser jeder Straße in sich nummeriert.

22. April
Nachdem über den im vorigen Jahre vorgelegten Entwurf zur Verbindung der hiesigen beiden Bahnhöfe eine Einigung nicht zustande gekommen war, hat die Eisenbahnverwaltung ein anderes Projekt ausarbeiten lassen, zu dessen Prüfung auf heute Vormittag ein Termin angesetzt worden war. Nach diesem neuen Projekt soll das jetzige Empfangsgebäude am Berliner Bahnhof abgebrochen und dafür der Sorauer Bahnhof erweitert werden. Auch andere wichtige Veränderungen sind geplant. Mit diesem Projekt erklärten sich die Interessenten allerseits einverstanden.

15. Juni
Bei der am 15. Juni stattgefundenen Reichstagswahl erhielten die Konservativen die meisten Stimmen. Gewählt wurde Grubenbesitzer Louis Bauermeister zu deutsche Grube bei Bitterfeld.

21. Juni
Seit gestern ist ein Modell des zu errichtenden Kriegerdenkmals auf dem hiesigen Marktplatz aufgestellt. Es soll dadurch festgestellt werden, wo das Denkmal am Vorteilhaftesten zur Geltung kommt und welche Veränderungen mit den den Marktplatz zierenden Lindenbäumen vorgenommen werden müssen.

10. Juli
Gestern, einem Sonntage feierte der Gesangverein "Abendstern" seine Fahnenweihe. Im Laufe des Vormittags wurde am Grab des verewigten Musikdirektors und Ehrenmitgliedes Kuntze ein Lorbeerkranz niedergelegt. Um 2 Uhr ordnete sich der Festzug. Auf dem Marktplatz begrüßte Bürgermeister Reiche die zahlreich erschienen Gäste und Bahnmeister Herms hielt die Weiherede. Nach Überreichung eines Fahnenbandes seitens der Frauen und Jungfrauen des Vereins und der von den einzelnen Vereinen gestifteten Fahnennägel ordnete der Festzug sich dann weiter zum Umzug durch mit Grün geschmückte Stadt. Im Anschluß daran war Konzert und Ball. Die Gesamtkosten des Schulze Delitzsch Denkmals belaufen sich auf insgesamt 19307,12 Mark. Diese Kosten haben die deutschen Genossenschaften aufgebracht.

10. September
Am 10. September sind 25 Jahre vergangen, das Professor Direktor Kayser die Leitung des hiesigen Realprogymnasiums in Händen hat. Diese Gelegenheit benutzten in erster Linie seine jüngeren und älteren Schüler, um ihren Lehrer, als welcher Professor Kayser der Anstalt schon seit 1862 angehört, ihre Verehrung und Dankbarkeit zu bezeigen. Am Sonnabend dem Vorabend des Jubeltages brachten die jetzigen Schüler verstärkt durch eine ansehnliche Zahl früherer Zöglinge einen schneidigen Fackelzug dar. Am Abend fand dann im Gasthof zum Schwan ein von den ehemaligen Schülern veranstalteter Festkommers statt. Namens der alten Schüler sprach hier Kaufmann Paul Starckloff dem Jubilar die besten Glückwünsche und herzlichen Dank aus. Noch manche Rede wurde gehalten, heitere Liederweise gesungen. In allem zeigte sich die Verehrung für den Jubilar. Am Sonntage, dem eigentlichen Jubiläumstage, wurden Professor Direktor Kayser die Glückwünsche des Magistrats und des Lehrer-Kollegiums offiziell dargebracht, und es gingen ihm zahlreiche Gratulationen von hier und außerhalb zu.

1. Oktober
Am 1. Oktober fand im Saal des Gasthofes zum Ring eine Delegiertenversammlung der Landwehr-, Krieger- und Militärvereine des Kreises Delitzsch zur Gründung eines Kreis-Kriegerverbandes statt. Von den im Kreise befindlichen 44 Vereinen waren 26 durch Delegierte vertreten, welche sämtlich ihren Beitritt zum Kreis-Kriegerverband erklärten. In den Vorstand des Kreisverbandes wurden folgende Kameraden gewählt: Apotheker Freyberg Delitzsch, Vorsitzender, Lehrer Wenke Delitzsch, Schriftführer, Kreisbote Heidemann Delitzsch, Kassenverwalter und noch acht Kameraden aus Eilenburg und den ländlichen Vereinen.

5. Oktober
Die Abschiedsfeier, die zu Ehren des am 1. Oktober aus seinem Amt scheidenden Landrats von Rauchhaupt im Saal des Gasthofes zum Schwan stattfand, gestaltete sich zu einer imposanten Ovation, in welcher all die Liebe, die sich der Gefeierte bei Alt und Jung, Hoch und Niedrig erworben hat, so recht zum Ausdruck kam. Zu dieser waren auch erschienen Oberpräsident von Pommer Esche, Regierungspräsident von Diest, Landeshauptmann Graf von Wintzingerode u.a. Der scheidende Landrat wurde in vielen Reden gefeiert. Bürgermeister Reiche überreichte dem Scheidenden in herzlich gehaltenen Worten den Ehrenbürgerbrief der Stadt Delitzsch. Landrat von Rauchhaupt hat 37 Jahre den Kreis geführt und sich in dieser Zeit viel Liebe erworben.

3. Dezember
Die freiwillige Turner-Feuerwehr hatte sich anläßlich der 33jährigen Wiederkehr ihrer Gründung im Saale der "Stadt Leipzig" versammelt um allen Mitgliedern, welche 25 Jahre und länger der Wehr angehörten, den kameradschaftlichen Dank zu zollen. Bürgermeister Reiche eröffnete den Kommers, Branddirektor Schulze begrüßte die Gäste, Magistrats-Assessor Simon feierte die Jubilare und überreichte denselben die vom Verein beschafften geschmackvollen Diplome. Es wurden ausgezeichnet: Messerschmiedemstr. Dietze, Zigarrenhändler Füssel, Webermstr. Hesse, Webermstr. Költzsch, Kupferschmied Kühne, Markthelfer Ostermann, Schneidermstr. Piehler, Korbmachermstr. Roßberger, Kupferschmiedemstr. Spangenberg, Schuhmachermstr. Ziegenbalg.

12. Dezember
Der Krankenhausbau hat die Stadtverordnetenversammlung schon wiederholt beschäftigt. Nun wird entgültig der Beschluß gefaßt, den von den Architekten Ludwig und Hülßner Leipzig vorgelegten Entwurf mit einem Kostenanschlag von 105000 Mark anzunehmen. Als Bauplatz soll der ca. 6 Morgen große Feldplan an der Dübenerstraße, der Stadt gehörig, verwendet werden.

18. Dezember
Im Saale des Gasthofes zum Ring fand der erste Abgeordnetentag des Kreis-Kriegerverbandes Delitzsch statt. Es gehören demselben jetzt 36 Vereine mit der stattlichen Zahl von fast 2400 Mitgliedern an. Die Versammlung beschloß einstimmig Herrn Landrat von Rauchhaupt zum Ehrenmitglied des Verbandes zu ernennen.

18. Dezember
Zum Besten der Christbescherung des Frauenvereins fand in der Stadtkirche ein Weihnachtskonzert statt, bei dem nicht nur hiesige Kräfte mitwirkten. Die Konzertsängerin Fräulein Martini aus Leipzig hatte sich in anerkennenswerter Weise in den Dienst der guten Sache gestellt. Die große Zahl der Zuhörer wurde in weihevolle Weihnachtsstimmung versetzt.



1894

1. Januar
Der bisherige kommissarische Landrat Assessor von Busse, welcher seit dem 1. Oktober 1893 tätig ist und vom Kreistage einstimmig als Nachfolger des Landrats von Rauchhaupt gewählt worden war, ist von Sr. Majestät dem König als Landrat des Kreises Delitzsch bestätigt worden.
12. Januar
Am gestrigen Tag waren es 25 Jahre, daß unser Bürgermeister Reiche in sein hiesiges Amt eingeführt wurde. Zur Feier dieses Jubiläums fand am Vorabend, Mittwoch den 10. d. Mts., ein Fackelzug mit darauffolgenden Fest Kommers statt. Der Fackelzug formierte sich in der Dübenerstraße und bewegte sich dann durch die Reichestraße, Eilenburger-, Kohl-, Leipziger-, Ritterstraße, Schloßgasse, Schul- u. Breitestraße nach dem Markt, wo die Aufstellung erfolgte. Bürgermeister Reiche und seine Familie hatten unterdessen auf dem Balkon des Rathauses Platz genommen. Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Laue brachte ein Hoch auf den Jubilar aus. Im Anschluß hieran brachten die vereinigten Gesangsvereine unter Leitung von Kantor Haupt mehrere Gesangstücke zu Gehör. Dann ordnete sich der Zug wieder zum weiteren Ummarsch nach dem Schützenhaus. Der Jubilar wurde mit einem Tusch der Stadtkapelle begrüßt und alle Anwesenden erhoben sich von den Plätzen. Magistrats-Assessor Simon eröffnete den Kommers. Zahlreiche, herrliche Reden, in denen allen die Verdienste des Jubilars um Stadt und Kreis gebührende Würdigung fanden wechselten mit schneidigen Festgesängen und Konzertstücken der Kapelle unter Leitung von Musikdirektor Römer. Es sprachen an dem Abend Landrat von Busse, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Laue, Superintendent Hahn, Direktor Kayser, Seminardirektor Bohnenstedt, Rektor Plumhoff, Kreisphysikus Dr. Busolt u. noch a. Während der 25 Jahre hat Delitzsch ein ganz anderes Gesicht bekommen. Es sei erwähnt die Umpflasterung der Straßen, die Kanalisation, das neuerbaute Lehrerseminar, die Turnhalle in der Bitterfelderstraße, der Umbau der Stadtkirche, die Zuckerfabrik, das neue Postgebäude in der Eilenburgerstraße, die Badeanstalt u. a. m.
24. Januar
In ihrer gestrigen Sitzung beschlossen die Stadtverordneten einstimmig das Realprogymnasium in eine lateinlose Realschule mit lateinischem Nebenkursus umzuwandeln. Die Vorschule wird aufgelöst und die Umwandlung wird allmählig insofern vor sich gehen, als die zu Ostern eintretenden Schüler nach dem neuen Lehrplan unterrichtet werden, während die der Anstalt zur Zeit angehörenden Schüler nach dem alten Lehrplan weiter unterrichtet werden.
30. Januar
Die außergewöhnlich milden Witterungsverhältnisse des heurigen Winters zeitigen allerhand Abnormitäten. So wurden dieser Tage von einem Arbeiter beim Graben drei fidele Maikäfer gefunden. Aber leider ist dieses Wetter auch den ärgsten Feinden der Landwirtschaft, den Mäusen recht günstig, und aus verschiedenen Gegenden unseres Kreises kommen Nachrichten über zahlreiches Auftreten dieser gefährlichen Nager.
27. Februar
In Berlin berät man wieder einmal über die Aufstellung eines Schulze-Delitzsch Denkmals. Man wird sich über den Platz nicht einig. Anfänglich war die Gartenanlage vor dem Polizeipräsidium auf dem Alexanderplatz in Aussicht genommen, dann der Platz vor dem Anhalter Bahnhof, dann der Hausvogteiplatz. Nun soll das Denkmal auf den Andreasplatz kommen. Die Berliner Zeitungen kritisieren dieses Hinauszögern. Man sollte endlich ernstlich an die Angelegenheit herangehen. Es stehen für das Denkmal gegen 100000 Mark zur Verfügung.
1. Mai
Heute bringt die "Delitzscher Zeitung" folgende Trauerbotschaft: Heute nachmittag 2 Uhr verschied in Storckwitz unser unvergeßlicher Landrat Herr Wilhelm von Rauchhaupt, Ritter hoher Orden etc. Schmerzerfüllt stehen wir an der Bahre des geliebten und hochverehrten Mannes, der ausgerüstet mit den hervorragendsten Gaben des Geistes und Herzens, 37 Jahre hindurch, in segensreichster Tätigkeit an der Spitze unseres Kreises seines Amtes gewaltet hat. Eine selten ruhm- und ehrenvolle, aber auch dornenreiche Lebenslaufbahn liegt hinter dem Entschlafenen. Mit Bewunderung blickten wir stets auf zu ihm, der trotz schwerer Schicksalsschläge und trüber Erfahrungen aller Art seine volle Tatkraft und Geistesfrische bewahrte, bis ihn vor wenigen Monaten schwere Krankheit darniederwarf. Aber noch bis in die letzte Zeit bekundete er bei jeder Gelegenheit sein lebhaftes Interesse an allen Angelegenheiten seines ihm so lieb gewordenen Kreises. Doch nach Gottes unerforschlichem Ratschluß wurde kurz nach seinem Rücktritt vom Amt weiterer verdienstvoller Wirksamkeit ein Ziel gesetzt. Die Herzen erfüllt von unauslöschlicher Dankbarkeit werden wir dem so hochverdienten Manne alle Zeit ein ehrendes Andenken bewahren.
Delitzsch, den 28. April 1894
Der Kreis-Ausschuß des Kreises Delitzsch
von Busse                    von Busse                                Reiche
Königl. Landrat            reis-Deputierter                    Bürgermeister
Graf von Mengersen. Schöley. Winkler. Sydow, Bürgermeister

Die Beisetzung des Verstorbenen fand am 1. Mai mittag 1 Uhr unter Anwesenheit namhafter Persönlichkeiten des Kreises, der Nachbarkreise, des Regierungsbezirks, der Provinz, ja des Reiches in der Familiengruft des Friedhofs zu Schenkenberg statt.

31. Mai
Der schon lange beschlossene Krankenhausbau in der Dübenerstraße hat nun begonnen. Der Bauplan ist von den Architekten Ludwig und Hülßner in Berlin – Leipzig entworfen. Die Bauausführung ist dem hiesigen Maurermeister Robert Nickau übertragen. Der Kostenanschlag beläuft sich auf 105000 Mark, wovon der Kreis einen Beitrag von 30000 M zahlt.

12. Juni
Es hat hier die Gründung eines Hausbesitzervereins stattgefunden zu dem Zweck, ein besseres Verhältnis zwischen Vermietern und Mietern herzustellen und vertragliche Bindungen nach dem bestehenden Gesetz festzusetzen.

19. Juni
Die Stadtverordneten beschlossen die Befestigung der Angerstraße und Kanalisation der Eisenbahnstraße.

25. Juli
Ein schwerer Verlust trifft unsere Kirchengemeinde. Unser allverehrter Oberpfarrer und Superintendent Hahn ist zum Oberpfarrer in Zörbig und Superintendent der Ephorie Brehna ernannt worden. Zu seinem Ehren fand am 24. Juli im Hotel "zum Schwan" ein Festessen statt, zu dem sich die Spitzen der Behörden, Mitglieder der kirchlichen und städtischen Körperschaften, Pastoren, Lehrer u.a. eingefunden hatten. In den vielen Reden zeigte sich so recht die Liebe und Anhänglichkeit, die sich der Scheidende hier erworben hat.

11. August
Heute Nachmittag fand eine Sitzung der Sieges-Denkmals-Kommission statt, in welcher beschlossen wurde, die Ausführung des Denkmals dem Bildhauer Weißenfels in München für den Preis von 11523 Mark zu übertragen.

21. August
Der im Jahr 1890 gegründete Militär-Verein Delitzsch beging am 20. August im Beisein der anderen hiesigen militärischen Vereine und vieler Landwehrvereine der Umgegend in den Räumen des Schützenhauses sein Fahnen-Weihfest.

30. August
Auf dem deutschen Bundesschießen in Mainz schoß Büchsenmacher Scherell von hier auf Standmeister Scheibe auf 3 Schuß 19,19,18 zusammen also 56 Ringe und errang damit den vierten Preis. Dieser Tage erhielt der glückliche Schütze seinen Preis im Betrag von 250 Mark aus den Einlagen bar ausgezahlt.

3. Oktober
Heute nachmittag wurde auf dem Halleschen Turme der reparierte und frisch vergoldete Turmknopf mit der einen Drachen darstellenden Wetterfahne von Dachdeckermeister Schoebel jun., aufgesetzt. Die lebensgefährliche Arbeit hatte viele Menschen angelockt und ging ohne Unfall von statten.

18. Oktober
Heute feierte der Fleischermeister August Pörschmann sein 50jähriges Meisterjubiläum. Vormittags 11 Uhr versammelte sich die Innung im Vorsaale des Hospitals um den Jubilar. Ein früherer Lehrling des Jubilars, der derzeitige Obermeister der Innung Fleischermeister Barth feierte den Jubilar in schönen Worten. Diakonus Kümmel gedachte der verflossenen Lebensjahre des Meisters und wünschte ihm einen frohen und friedlichen Lebensabend. Im Anschluß hieran fand ein Festessen im Schwan statt.

9. Dezember
Die 300jährige Wiederkehr des Geburtstages des Schwedenkönigs Gustav Adolf wurde heute wie anderwärts, so auch hier durch den Zweigverein des evangelischen Bundes gefeiert. Diakonus Kümmel gab ein lebensvolles Bild dieses Helden von seiner frühen Jugend und frühen Thronbesteigung bis zur Fahrt nach Deutschland, seinen uneigennützigen Kampf und seinen Märtyrertod. Dann sprachen noch Archidiakonus Wüst und Pastor Tetzner. Zum Schluß wurden noch Gaben für den Gustav-Adolf Verein gesammelt.

15. Dezember
Das Denkmal für Schulze Delitzsch in Berlin soll jetzt im Köllnischen Park aufgestellt werden. Die Park-Deputation hat dies genehmigt, und der Magistrat tritt dieser Empfehlung bei. Das Polizei Präsidium, bemerken hierzu Berliner Blätter, wird gegen diesen Aufstellungsplatz hoffentlich auch nichts einzuwenden haben, und damit würde dann diese nachgerede etwas komisch gewordene "Denkmalswanderung" endlich zur Ruhe gebracht werden können.



1895

20. Februar
Eine hochherzige Stiftung ist der Stadt vom Herrn Anton Securius in Berlin, Mitinhaber des Bankhauses Securius u. Häfner in Berlin, einem geborenen Delitzscher und Sohn des früheren Bürgermeisters unserer Stadt Securius gemacht worden. Derselbe hat dem Magistrat 5000 Mark als Stiftung für die Kleinkinderbewahranstalt überwiesen.

22. März
Der lange kalte Winter hat großen Schaden auf den Bienenständen verursacht. Die letzten Tage brachten endlich den längst erwarteten Ausflug für die Bienen. Aber wie sah es da auf den Ständen aus. Hat doch mancher Bienenvater die Hälfte und mehr seiner Stöcke verloren. Ach und was für ein Anblick ist ein solch toter, verhungerter Bienenstock für den fühlenden Imker.

1. April
Der 90. Geburtstag Bismarcks wurde hier in großer Weise begangen. Die Häuser hatten sämtlich Flaggenschmuck angelegt und auf den Straßen war lebhafter Verkehr, - mehr als es sonst an den Sonntagen der Fall war. Ein großer Bismarck-Kommers vereinigte mehrere Hundert Delitzscher zu einer gemeinsamen Feier. Magistrat-Assessor Freyberg und Landrat von Busse feierten Bismarck in Reden als den großen Deutschen. Pastor Wüst hielt die Festrede. Diakonus Kümmel hatte für diesen Tag ein Bismarckfestspiel verfaßt, welches reichen Beifall fand.

19. April
Das Geburtshaus Christian Gottfried Ehrenbergs auf der Halleschen Straße, des berühmten Naturforschers und Ehrenbürgers unserer Stadt, ist aus Anlaß seines 100. Geburtstages heute festlich beflaggt; von Seiten der Stadt ist die an dem Hause angebrachte Gedächtnistafel, deren Inschrift erneuert ist, mit frischem Lorbeer geschmückt.

27. April
Ende 1894 betrug die Einwohnerzahl unserer Stadt 8949 Personen. An Häusern bzw. Wohnhäusern waren vorhanden 781.

7. Mai
Das massenhafte Auftreten der Maikäfer macht es erforderlich, daß allgemeine umfassende Maßregeln zu deren Vertilgung getroffen werden, um die Gefahren, welche der Forst- und Landwirtschaft sowie der Obstkultur drohen, abzuwenden. Die Sammlung der Maikäfer kann erfolgreich nur während der frühen Morgenstunden stattfinden; es empfiehlt sich zur Sammlung Säcke zu verwenden, in welchen die Käfer mit kochendem Wasser getötet werden.

24. Mai
Der Turnverein Delitzsch beging in diesen Tagen die Feier seines 50jährigen Stiftungsfestes. Am Vorabend war ein Kommers im Schützenhause, der sich reger Beteiligung von Seiten der Bürger, Turn- und Gesangvereine erfreute. Gründer des Vereins war der damalige Rektor Stützer, der den Wert des Turnens schon damals erkannte. Die Hauptfeier fand am Tag darauf statt. Nachdem die vielen auswärtigen Gäste am Bahnhof abgeholt wurden, begann um 10 Uhr auf dem Platze vor der Turnhalle das Preisturnen für alle Turner. Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Schützenhause war Umzug, dann die eigentliche Festfeier auf dem Turnplatze. Im Anschluß hieran begannen Freiübungen des Turnvereins, Riegenturnen, Kürturnen Ein allgemeiner Ball im Schützenhause beschloß das Fest.

1. Juli
Baurat Lucas und Rektor Plumhoff verlassen unsere Stadt. Ihnen zu Ehren (fand d.A.) eine Abschiedsfeier statt. Der Gesangverein "Arion" beging sein Fahnenweihfest mit Kommers am Vorabend und einer großen Festfeier in "Stadt Leipzig" am Haupttage. Nach dem Festessen war ein imposanter Umzug von etwa 500 hiesigen und auswärtigen Sängern. Im Festlokal gaben die einzelnen Vereine ihre nach dem Programm angekündigten Lieder zum Besten. Dem festgebenden Verein wurden 23 zum Teil recht kostbare Fahnennägel dargebracht, deren Nagelung sofort stattfand. Im Garten konzertierte die Römer'sche Kapelle.

12. Juli
Die Kanalisation verschiedener Straßen unserer Stadt wird auch in diesem Jahre fortgesetzt. Fertiggestellt sind bisher die Straßen "Am Gerberplan" und "Am Schützenplatz". Noch in Angriff genommen werden die Bitterfelder-, Dübener-, verlängerte Anger- und Reichestraße. Die heißen und trockenen Sommertage haben der Honigernte ein schnelles Ende bereitet. Auch die Linde hat nicht gebracht, was erwartet wurde, so bleibt nur noch als Spättracht der Hedrich übrig. Im allgemeinen können aber die Imker mit dem Honigertrag in diesem Jahre zufrieden sein.

18. Juli
Der Schuhmachermeister Ryssel – Holzgasse feierte sein 50jähriges Meisterjubiläum.

31. Juli
Der hiesige Kriegerverein beging seine Fahnenweihe. Es hatten sich zu dem Feste 15 auswärtige Vereine eingefunden. Die Fahne war hergestellt von der Fahnenfabrik Ottilie Otto Leipzig-Gohlis. Die Weihe vollzog Oberst von Dittfurth aus Bitterfeld. Die Festfeier fand im Bürgergarten statt.

20. August
Unsere Schützengilde feierte am 18. und 19. August das 50jährige Jubiläum der vom König Friedrich Wilhelm IV. 1845 verliehenen Fahne. Am ersten Tag war Ausmarsch und im Anschluß hieran die Festfeier im Schützenhofe. Der zweite Tag war der Hauptfesttag. Nachmittags entwickelte sich während des Konzerts im Garten ein reges Leben, während in den Schießhallen die Schützen eifrig um die für den besten Schuß auf die von der Gilde gestiftete Jubiläums-Festscheibe ausgesetzte stark vergoldete Jubiläums-Medaille wetteiferten. Abends war dann der Einmarsch. Voran fuhren zwei Equipagen mit den Gästen. Die Fahnen wurden im Rathaus abgegeben.

1. September
Die 25. Wiederkehr des Sedantages war für unsere Stadt ein besonderer Festtag. An diesem Tage mittags 12 Uhr fand nämlich die Einweihung des mitten auf dem Markt aus poliertem schwedischen Granit errichteten acht Meter hohen Siegesdenkmals statt, das von dem Schöpfer des Schulze Delitzsch-Denkmals, Edwin Weißenfels, zum Preise von 11500 Mark hergestellt wurde. Vor der Einweihungsfeierlichkeit fand ein Gottesdienst statt, dem schon die an der Festlichkeit beteiligten Vereine: die Gesang- und Turnvereine der Stadt, die Gewerkschaften, Schulen, die Schützengilde und die Feuerwehr geschlossen beiwohnten. Nach dem Gottesdienst nahmen die Veteranen und Vereine des Kreiskriegerverbandes vor dem noch verhüllten Denkmal in Parade Aufstellung. Oberst Dittfurth aus Bitterfeld mit einer Anzahl Ehrengästen schritten die Front der Krieger ab. Archidiakonus Wüst vollzog die Weihe, worauf von den Gesangvereinen einige Männerchöre zum Vortrag kamen. Bürgermeister Reiche übernahm unter Dankesworten das Denkmal namens der Stadt. Von den Militär- und anderen Vereinen wurden nun prächtige Lorbeerkränze mit Atlasschleifen am Denkmal niedergelegt. Als besondere Überraschung und wohl der schönste Teil des Festaktes war die Schmückung der Veteranen durch Ehrenjungfrauen mit einer aus eroberten französischen Geschützen geprägten Denkmünze, die auf der Vorderseite die Bildnisse der drei Kaiser sowie Bismarcks und Moltkes trägt und auf der Rückseite im Eichenkranz die Widmung 1895, zum 25jährigen Gedächtnis der Sieger von 1870/71. Mit dem Vorbeimarsch sämtlicher Militärvereine vor den geladenen Ehrengästen endete die Feier.

5. September
Wie mitgeteilt wird hat der Minister des Innern nun die Genehmigung erteilt, daß das Denkmal für Schulze Delitzsch in Berlin auf dem zuletzt vorgeschlagenen Platz in der Köpenickerstraße bei der Einmündung der Insel- und Jakobstraße aufgestellt wird.

2. Oktober
Heute fand die Übersiedlung der Kranken aus dem alten in unser neu erbautes Krankenhaus statt. Von einem öffentlichen Akte hatte man Abstand genommen. Das Gebäude macht einen imposanten Eindruck und gereicht unserer Stadt zur höchsten Zierde.

17. Oktober
Gestern fand im "Schwan" eine Versammlung der Interessenten statt, um über die Gründung einer Dampfmolkerei am hiesigen Platze zu beraten. Sie kommt in die Nähe der Turnhalle. Mit dem Bau wird sofort begonnen. Eine Gärtnerei wird Paul Dörfel in den nächsten Tagen hier eröffnen. Die Baulichkeiten, Treib- und Gewächshäuser in der Rosenthaler Mark sind bereits fertig gestellt. Die ganze Anlage macht einen vorteilhaften Eindruck.

3. November
Der hiesige Gewerbeverein hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, an den Verkehrsminister eine Petition zu errichten, in der ersucht wird, für die ankommenden Passagiere den Ausgang vom Perron direkt links vom Gebäude frei zu geben.

12. November
36 Zwicker der hiesigen Schuhfabrik Franke treten in den Streik, weil ihre Forderungen auf bessere Verhältnisse, besonders betr. der Arbeitsstätte und der Behandlung trotz wiederholter Vorstellungen nicht erfüllt wurden. Sie werden nicht eher wieder mit der Arbeit beginnen bis die Forderungen erfüllt sind.

15. November
Die früher Schaaf'sche Spanfabrik vor dem Halleschen Tore, die Wieprecht vom Halle'schen Konkursverwalter gekauft hat, ist neu hergestellt, so daß sofort der Betrieb wieder aufgenommen werden kann.

5. Dezember
Nach der Volkszählung am 2. d. Mts. hat Delitzsch 9312 Einwohner gegen 8949 im Jahre 1890. Die Zunahme beträgt somit 363 Personen.