Handschriftliche Chronik von 1816-1952

 1896

Die Bautätigkeit ist im vergangenen Jahre in unserer Stadt eine so rege gewesen, wie selten zuvor. Außer den zahlreichen Hausbesitzern, welche ihren Häusern durch Abputzen und Anstreichen – darunter gehört auch unser stattliches Rathaus – wieder ein freundliches Aussehen gegeben haben, sind verhältnismäßig zahlreiche Neubauten in mehreren Vierteln entstanden. Außer unserem schönen Krankenhaus und einer größeren Häckselfabrik mit höherem massiven Schornstein gegenüber dem Berliner Bahnhof sind ein-, zwei- und dreistöckige Häuser an der Beerendorfer-, Eisenbahn-, Anger-, Schenkenbergerstraße und auf der Dübener Vorstadt fertig gestellt und schon zum Teil bezogen worden. Es würde der Stadt nicht zur Unzierde gereichen, wenn auch bald das alte Scheunenviertel verschwinden würde.

18. Januar
Der 25. Geburtstag der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches wurde im "Schwan" durch einen großen Kommers begangen. Wohl an 600 Männer hatten sich eingefunden, darunter die Hälfte mit Orden und Ehrenzeichen geschmückten Krieger. Die Römer'sche Kapelle verschönte den Abend durch flotte Weisen. Es sprachen der Präsident des Komitees Dr. Busolt, Landrat von Busse und die Herren Magistrats Assessor Troitzsch und Simon. Die Festrede des Abends hielt Archidiakonus Wüst, der mit seinen Worten die Herzen der Anwesenden zu hehrer Begeisterung entflammte. An Fürst Bismarck wurde ein Huldigungstelegramm gesandt.

24. Januar
Auf dem Eise des kleinen Stadtgrabens eingebrochen und ertrunken ist der Sohn des Handarbeiters Reiche. Die Bergung der Leiche war sehr schwierig. Man mußte erst einen Kahn herbeiholen und nachdem die Fahrrinne in das ca. 1 Zoll dicke Eis geschlagen war gelang es, den toten Körper aus dem nassen Element herauszufischen.

18. Februar
Der 350jährige Todestag Martin Luthers wurde auch hier in der Stadtkirche durch einen besonderen Gottesdienst begangen.

20. Februar
Auf die am 3. November v. J. vom hiesigen Gewerbeverein beschlossene und abgesandte Petition betr. des schwierigen Ausgangs beim hiesigen Berliner Bahnhof ist folgende Antwort eingegangen: "Die im gefälligen Schreiben mitgeteilten Mißstände, welche auf dem Bahnhof Delitzsch durch die Bahnsteigsperre veranlaßt werden, haben wir einstweilig durch Öffnung eines zweiten Ausganges am Südende des Empfangsgebäudes zu mildern gesucht. Wir hoffen im Etatsjahr 1897/98 Mittel zur Verfügung zu haben, um entgültig Abhilfe schaffen zu können." Der Ausgang ist bereits seit einigen Tagen geöffnet.

19. März
Die Schützengilde hat in einer ihrer letzten Versammlungen beschlossen, den großen Schützenplatz mit Bäumen einzufassen. Zu diesem Zwecke hat jedes Mitglied einen Lindenbaum gestiftet. Es kommen, der Anzahl der Mitglieder entsprechend, im Ganzen 72 solcher Bäume zur Anpflanzung.

26. März
Um unser Siegesdenkmal ist heute vormittag das Gitter zur Aufstellung gelangt. Dasselbe ist äußerst geschmack- und kunstvoll angefertigt und gereicht der ganzen Anlage des Denkmals zur höchsten Zierde. Das Gitter ist aus Schmiedeeisen und in der Kunstschlosserei Freywald gefertigt worden.

28. März
Drei steinerne Kanonenkugeln, anscheinend aus der Schwedenzeit stammend, wurden gestern zwischen dem Hofpflaster des Scheibe'schen Grundstücks herausgenommen. Friseur Schröter, der bekannte Altertumssammler von Delitzsch und Umgegend, hat dieselben seiner Sammlung einverleibt.

25. April
Das Schulze Delitzsch Denkmal in Berlin soll nun entgültig seinen Platz auf dem Treffpunkte der Köpenickerstraße, der neuen Jacobstraße und der Inselstraße erhalten. Es ist eine Porträtstatue, die Schulze Delitzsch in stehender Haltung darstellt, in Aussicht genommen. An dem Postament soll durch bildliche Darstellung seine Bedeutung und Wirksamkeit zum Ausdruck gebracht werden. Es sind neun Preise ausgesetzt worden und zwar drei Preise zu 3000, 2000 und 1000 Mark, sechs Preise zu je 500 Mark.

29. April
Archidiakonus Wüst verläßt unsere Stadt, um einem Rufe nach Berlin zu folgen. Der Scheidende war nicht nur ein bedeutender Kanzelredner, sondern hat sich auch durch wissenschaftliche Vorträge und Veranstaltungen einen Namen in unserer Stadt erworben. Zu seinen Ehren fand im Schwan ein Abschiedsessen statt, an dem zahlreiche Herren der Stadt und Umgegend teilnahmen.

17. und 18. Juni
An diesen beiden Tagen feierte die "Schulze-Delitzsch Liedertafel" ihr 50jähriges Stiftungsfest durch Kommers, Niederlegung einer Schleife und Festakt mit Gesang Sonntag vormittag am Schulze-Delitzsch-Denkmal, Festessen und Ball im Schützenhause. Der Verein wurde im Jahr 1846 durch unsern großen Mitbürger Dr. H. Schulze gegründet und auch jetzt leben einige der Mitbegründer noch in Delitzsch. Zu diesem Fest waren außer verschiedenen auswärtigen Vereinen sämtliche hiesige Gesangvereine, der Gewerbeverein u. a. eingeladen und erschienen.

28. Juni
Heute wurde der bisherige Diakonus Kümmel vom Superintendanturverweser Schulle aus Schenkenberg als Archidiakonus eingeführt.

1. Juli
Pfarrer Richard Schäfer aus Schochewitz wird mit der schon lange freigewordenen Stelle eines Oberpfarrers betraut. Generalsuperintendent Vieregge führt ihn in sein Amt ein. Oberpfarrer Schäfer wird der Führung der Superintendanturgeschäfte nur beauftragt. Zum Kreisschulinspektor erhält er die Ernennung erst ein halbes Jahr später.

15. August
Die gegenüber der Turnhalle erbaute Delitzscher Dampfmolkerei wird in den nächsten Tagen in Betrieb genommen. Der Sommer ist regnerisch und das anhaltende Regenwetter erschwert das Einbringen der Getreideernte. Auch leiden Grummet und Kartoffeln sehr unter der übermäßigen Nässe.

11. Oktober
Der bereits im Juni gewählte Pfarrer Kohlmann wird nun als Diakonus in sein Amt eingeführt. An Stelle des im Vorjahr verzogenen Rektors Plummhoff wird Rektor Dr. Wegner als Leiter der höheren Mädchenschule berufen und auch vertretungsweise mit der Leitung der Knaben- und Mädchenbürgerschule beauftragt. Die Mädchenschule war zurzeit in der früheren Vorstadtschule untergebracht. Doch genügten die dort vorhandenen Räume den Bedürfnissen der Schule nicht mehr. Da beschloß die Schuldeputation den Bau einer neuen Mädchenschule. Nach längeren Verhandlungen wurde als geeignetster Bauplatz das Seifert-Baer'sche Grundstück an der Chausseestraße bestimmt.

11. Oktober
Der bereits am 30. Juni gewählte Rektor Wiener aus Waldenburg wird am ersten Tage nach den Herbstferien als Leiter der hiesigen Volksschulen eingeführt.

10. Dezember
Der alte Ratsförster Köring feiert sein 50jähriges Dienstjubiläum. Köring hat sich auch durch seine Bienenzucht und als langjähriger Vorsitzender des hiesigen Imkervereins einen Namen gemacht.



1897

Zum 1. Januar wird der seit dem 1. Juli 1895 als Polizeisekretär hier tätige Gustav Fricke zum Stadtsekretär berufen und zwar als Nachfolger des Stadtsekretärs Theodor Huth, der zum Bürgermeister von Prettin gewählt worden war und Delitzsch schon Weihnachten 1896 verlassen hat. Am 22. März wird der 100jährige Geburtstag Kaiser Wilhelm I als Zentenarfeier wie überall so auch in Delitzsch überaus festlich begangen. Die Feier geht in ähnlicher Weise von statten wie die der Siegesdenkmalweihe 1895. Auf dem Marktplatze vor dem Denkmal findet ein Festakt statt, hierauf Umzug durch die Stadt und am Abend große Illumination.

Im Frühjahr wurde mit dem Bau der Mädchenvolksschule begonnen. Die Bauleitung ist dem Architekten Alfred Ludwig aus Leipzig übertragen. Es sollen soweit wie möglich Delitzscher Handwerker und Fachmänner am Bau Beschäftigung finden. Die Maurerarbeiten führt aus Bauunternehmer August Berger, die Sandsteinarbeiten die Firma Stock und Teubner, die Eisenkonstruktionsarbeiten B. Wiesinger, die Dachdeckerarbeiten Dachdeckermeister Karl Schöbel, die Klempnerarbeiten Louis Miethe Nachf. Leipzig, Blitzableiter und Klingelanlage Fritz Reyher, die Malerarbeiten Malermeister E. Scholz, Stuckarbeiten Firma G. Glück Nachf. Halle, Tischlerarbeiten Tischlermeister R. Schmidt, die Glaserarbeiten werden geliefert von den Glasermeistern Leiser, Lampe u. Rich. Scheibe, Delitzsch sowie Paul Petersohn, Leipzig, die Schlosserarbeiten von den Schlossermeistern Herm. Mietzsch und Robert Nebel, die Zimmerarbeiten von Zimmermeister Oskar Pannicke und Unternehmer Herm. Laue. Die Treppenstufen (Granit) und den Treppenaufbau liefert das Granitwerk Bibersberg in Markleuthen. Die Baukosten sind mit 163000 Mark veranschlagt. Das Wetter des Jahres ist wieder einmal recht ungünstig . Die Wintermonate sind kalt, desgleichen der Mai, in dem regnerische Witterung vorherrscht. Am 28. Mai schlägt der Blitz in den Turm der Marienkirche und wirft die Schieferbedachung der Westseite herab. In der Erntezeit entsteht durch unaufhörlichen Regen in der Muldenaue ein recht schweres Hochwasserunglück. Am 1. August überflutet die Mulde bei Bitterfeld ihr Ufer, und infolgedessen bricht bald darauf der Damm gegenüber von Niemegk, wodurch die ganze Muldenaue unter Wasser gesetzt wird. In den Straßen von Eilenburg steht dieses meterhoch. In Hainichen stürzt infolge der Hochwasserfluten das Schulhaus ein. Die Rösaer Flur gleicht einem Meer und in Düben dringt das Wasser in Höfe, Häuser und Gärten. In Zschepplin bricht in der Nacht der Damm an drei verschiedenen Stellen, und die Bewohner des vollständig überfluteten tiefer gelegenen Dorfteils müssen auf die Hausbodenräume flüchten, von wo sie am anderen Morgen erst durch Kähne gerettet werden können. Am 7. August erläßt der Delitzscher Kreisausschuß einen Aufruf um Hilfe für die unverschuldet in Not geratenen Muldenaubewohner des Kreises. Es gehen reichlich Unterstützungen ein, nicht nur aus dem Kreise, sondern auch aus Halle, Magdeburg, Merseburg, Sangerhausen, ja selbst von Landsleuten aus dem Ausland. Das Cafe` "Drei Raben" wird durch Gustav Hildebrandt noch in diesem Jahr eröffnet.

5. Juli
Heute sind 500 Jahre vergangen, seitdem den damaligen Schuh- und Gewerbeknechten hierselbst die Innungsprivilegien verschrieben wurden. Die Schuhmacherinnung beging diesen Tag in festlicher Weise.

19. Juli
Die 200jährige Jubelfeier unserer Schützengilde, welche mit dem gestrigen Sonntage begann und mehrere Tage dauern wird, nahm einen der Bedeutung des Festes würdigen, äußerst glänzenden Verlauf. Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf den Festzug, und man muß gestehen, daß derselbe trotz, des wenig günstigen Wetters einen prächtigen, imposanten Eindruck gewährte. Zahlreich hatten sich die Vertreter der Gilde von nah und fern eingestellt, um den Ehrentag der Delitzscher Gilde mitzubegehen. Durch Beteiligung einer Anzahl anderer hiesiger Vereine und Korporationen, wie der Fleischerinnung, deren Vertreter hoch zu Roß einen schneidigen Eindruck machten, der Veteranen, der Gesangvereine, der Bergleute und der Radfahrer, sowie Abteilungen der Feuerwehr, hatte der Festzug eine bedeutende Ausdehnung gewonnen und bot in den verschiedenen Uniformen und Kostümen ein wunderbares schönes Bild. Nicht wenig trugen hierzu die Abteilungen der alten Schützen in ihren historischen Kostümen bei, der Armbrustschützen, der Schützen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, der Schützen aus dem 30jährigem Kriege, die alten Frackschützen, sowie nicht minder die den Zug eröffnenden Herolde, die Bergleute in ihrer Galatracht, die jugendlichen Ehrendamen, sowie die den Schluß bildenden Radfahrer mit ihren Damen. Den Glanzpunkt aber des Ganzen bildeten die drei Festwagen, der Germaniawagen, der prächtig geschmückte Schützenwagen mit der Festscheibe und der mit den Stadtfarben geschmückte Wagen der Jacob'schen Brauerei. Auf dem Festplatz erregte das von Fleischermeister Paul Kuhn inscenierte Braten eines ganzen Ochsen am Spieß das ungeteilteste Interesse. Auch sonst kam jeder Besucher des Festplatzes auf seine Rechnung. Die Schützen schossen nach der Scheibe und am Schluß des Festes gab es ein Brillant-Feuerwerk.

26. August
Gestern nachmittag fand die Einweihung des neu angelegten Teiles unseres Friedhofes statt. Die Einweihungsrede hielt Archidiakonus Kümmel, Superintendent Schäfer verlas ein kurzes Einweihungsgebet und Diakonus Kohlmann sprach Schlußgebet und Segen. Eine große Gemeinde hatte sich dabei auf dem Friedhof eingefunden.



1898

8. März
Unser Delitzsch entwickelt sich zur Großstadt; der erste Schritt dazu ist bereits getan; denn nach den Registern im städtischen Meldeamt, hat unsere Stadt am gestrigen Tage die Zahl von – 10002 - Seelen erreicht.

5. April
Ein entsetzlicher Unglücksfall trug sich heute Morgen in der 8. Stunde vor dem Woide'schen Laden in der Halleschen Straße zu. Um diese Zeit fuhr die 10jährige Tochter der Frau Wolke ihr 4jähriges Brüderchen nach der Kleinkinderbewahranstalt. Vor genanntem Hause gerieten die linkseitigen Räder des Wagens vom Trottoir herunter, wodurch der Wagen umschlug. Unglücklicherweise passierte in diesem Augenblicke ein Geschirrführer des Gutsbesitzers Schiller – Freiroda dieselbe Stelle, und so kam es, daß das unglückliche Kind vor das Hinterrad geworfen wurde, welches über den Kopf ging und den sofortigen Tod des Kindes herbeiführte. Den Geschirrführer trifft keine Schuld.

16. Mai
Am gestrigen Sonntage feierte der "Turnverein Delitzsch" unter Beteiligung zahlreicher auswärtiger Vereine sein 50jähriges Fahnenjubiläumsfest mit Umzug, turnerischen Übungen und Ball. Am Siegesdenkmal auf dem Marktplatze wurde von den Jungfrauen eine von ihnen gestiftete Schleife niedergelegt und Archidiakonus Kümmel hielt hier die Festrede. Auf dem Festplatze entwickelte sich dann ein reges turnerisches Treiben mit ausgesetzten wertvollen Preisen.

20. Juni
Der "Turnverein Vorwärts" feierte am gestrigen Sonntag sein Fahnenweihfest in den Räumen der "Stadt Leipzig". Am Vorabend fand Zapfenstreich und Kommers statt. Am Vormittag des Festtages war Preisturnen, nachmittags Weihe der Fahne durch Zigarrenfabrikant Schimpf, darauf Umzug und auf dem Festplatz Freiübungen. Abends wurde im Saal von den Damen des Vereins ein Reigen aufgeführt.

25. Juni
Bei der gestern stattgefundenen Reichstagsstichwahl zwischen Grubenbesitzer Bauermeister und Redakteur Weißmann Halle siegte Bauermeister – deutsche Grube bei Bitterfeld.

3. Juli
Gestern beging das hiesige Königliche Lehrerseminar seine 25jährige Jubelfeier. Als Ehrengäste waren von auswärts der erste Leiter der Anstalt, der jetzige Geheime Regierungs- und Schulrat Trinius - Potsdam, sowie Rektor Dr. Bartels – Gera erschienen, während der Nachfolger von Geheimrat Trinius, Schulrat Schöppa – Schleswig in einem längeren Schreiben sein Nichterscheinen entschuldigte und der Anstalt seine herzlichsten Glück- und Segenswünsche übermittelte. Außerdem waren an die 300 frühere Zöglinge, zum Teil aus weiter Ferne, herbeigeeilt, den Ehrentag ihrer Bildungsanstalt feierlich mitzubegehen. Die Feier wurde am Vorabend mit einem gemütlichen Beisammensein im "Schwan" eröffnet, woselbst manch frohes Wiedersehen gefeiert wurde. Die Hauptfeier begann heute Morgen 10 Uhr im Schützenhause mit einem Festaktus, bei welchem der jetzige Leiter der Anstalt Schulrat Bohnenstedt die Festrede hielt. Es sprachen dann noch Bürgermeister Reiche, Superintendent Schäfer, Lehrer Remmicke – Berlin, ein Schüler des ältesten Jahrgangs. Im Anschluß hieran begannen die musikalischen Vorträge des Seminarchors. Alle Nummern ausnahmslos rissen die Festteilnehmer zu reichem Beifall hin. Um 1 Uhr fand dann eine Besichtigung des festlich geschmückten Seminars statt und hieran schloß sich ein gemeinsames Mittagsmahl im Schützenhaus, bei welchem schier unzählige Reden und Toaste vom Stapel gelassen wurden. Der Abend versammelte dann die Festteilnehmer zu einem letzten Zusammensein in "Stadt Leipzig". Wer weiß, wie Viele von ihnen bei der 50jährigen Feier fehlen werden!

18. Juli
Am heutigen Tage feierte die Schützengilde ihr 200jähriges Fahnenjubiläum sowie das 25jährige Bestehen ihrer 2. Kompagnie. Das Hauptinteresse des Festes konzentrierte sich auf das Beschießen der Jubiläumsscheibe. Den besten Schuß auf dieselbe gab Herr Messerschmiedemeister Henkel sen. ab. Dem glücklichen Schützen wurde von Herrn Major Eichler die Jubiläums Medaille überreicht. Preise errangen noch Glasermeister Richard Scheibe, Kaufmann August Werner, Fleischermeister Paul Kuhn, Schlossermeister Mietzsch. An der Festtafel sprachen Bürgermeister Reiche, Richard Krone, Rentier Hühnel, Major Eichler. Das prächtige Wetter trug zur Erhöhung der Feststimmung nicht wenig bei.

27. Juli
Gelegentlich der vom Hauptverein der Provinz Sachsen, Thüringen und Anhalt in den Tagen vom 23. bis 26. Juli in Zeitz abgehaltenen bienenwirtschaftlichen Ausstellung erhielt Messerschmiedemeister Paul Dietze von hier auf seine selbstgefertigten praktischen Bienenzuchtgeräte den 3. Preis.

30. Juli
Heute ist der große Reichskanzler des deutschen Reiches Fürst Bismarck in Friedrichsruh gestorben. Anläßlich seines Ablebens flaggen bis zur Beisetzung alle öffentlichen Gebäude halbmast.

5. August
Hiesige Verehrer des entschlafenen Fürsten Bismarck haben heute einen prachtvollen großen Lorbeerkranz an den Fürsten Herbert nach Friedrichsruh abgesandt. Die Schleife enthielt folgende von Archidiakonus Kümmel gedichtete Widmung

"So bist du dennoch, hoher Held, von uns geschieden!
Der machtvoll eine Welt beherrscht – ruh sanft in Frieden!
Der deutsche Wald umrauscht dein Grab, daß stets aufs Neue
Dem deutschen Volk dein Ruhm ertönt, der Ruhm der Treue.
Dein Herz in heißer Liebe Glut für Deutschland brannte:
Wir wollen lieben so wie du die deutschen Lande.
So bleiben wir trotz Todesweh doch ungeschieden –
Ruh sanft nach heißem Kampf und Strauß in Gottes Frieden!"
Die Verehrer in Delitzsch

6. August
Die hiesige Schuhfabrik Sonntag u. Francke hatte wegen Lohnstreitigkeit dem gesamten Personal – 180 Personen – gekündigt. Die Maschinenarbeiter sollten statt der bisherigen Wochenlöhne Akkordlöhne erhalten. Dadurch erhielten die Arbeiter weniger Lohn als bisher und wollten nur bei Bezahlung der bisherigen Wochenlöhne weiterarbeiten. Darauf ging der Chef nicht ein und kündigte allen Arbeitern. Nach acht Tagen wurden die bestehenden Differenzen beseitigt und eine Einigung zur beiderseitigen Zufriedenheit hergestellt.

7. August
Der Bau der Mädchenschule ist soweit fortgeschritten, daß am Sonnabend den beim Bau beschäftigten Arbeitern seitens der Stadt der Richtschmaus gegeben werden konnte.

1. September
Heute vor 25 Jahren zog Otto Scherell die Kirchturmuhr zum ersten Male auf.

8. September
Großes Aufsehen in der Stadt verursachte die heute vormittag erfolgte Verhaftung des besoldeten Magistrats-Assessor Simon wegen Unterschlagung auf Grund von Nachforschungen, welche seitens eines Regierungsrates seit einer Reihe von Tagen hier angestellt waren. Der Verhaftete soll sich als Dezernent des Krankenhauses vielfache Betrügereien haben zu Schulden kommen lassen. Die Angelegenheit zieht aber auch noch weitere Fäden. Der langjährige sehr verdiente Bürgermeister unserer Stadt Reiche wird wegen dringenden Verdachts der Beihilfe seines Amtes entlassen. Jedoch behalten sich die städtischen Behörden ihm gegenüber die Beschlußfassung über etwaige Pensionierung bis nach dem Ausgang des Strafverfahrens vor.

1. Oktober
Heute begeht unsere Stadtsparkasse den Tag ihres 50jährigen Bestehens. Errichtet wurde dieselbe am 1. Oktober 1848. Die Leitung der Sparkasse erfolgte von Beginn an durch den Bürgermeister Sekurius, später durch ein Kuratorium. Den Vorsitz im Kuratorium haben nacheinander eingenommen die Bürgermeister Hagedorn, Born und Reiche. Die Führung der Kassengeschäfte hatte bis 1877 Rendant August Thärigen, dann Rendant Albert Scheibe.

19. Oktober
Der langjährige Leiter, der vor länger als einem Jahrzehnt zu einem Realprogymnasium umgewandelten höheren Knabenbürgerschule, war am 1. April in den Ruhestand getreten. Zum Nachfolger wurde Dr. Hermann Wahle aus Magdeburg zum Direktor der nun zu einer Realschule umgewandelten höheren Schule gewählt und gestern in Gegenwart des Magistrats und mehrer Stadtverordneten vom Provinzial-Schulrat Friese aus Magdeburg in sein Amt eingeführt.

20. Oktober
Der Rathausanbau nach der Ritterstraße zu wird zu Ende geführt. Der Bauleiter ist derselbe wie der der Mädchenvolksschule, Architekt Ludwig, Leipzig. Alle anderen Arbeiten werden soweit es möglich ist von hiesigen Meistern ausgeführt. Die Gesamtkosten des Rathausanbaus betragen 33384,79 Mark.

22. November
Der die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters führende Regierungs-Referendar von Helldorf macht der Stadtverordnetenversammlung bekannt, daß Banquier Sekurius – Berlin auf die Mitteilung des Magistrats, daß die städtischen Behörden seinem Vater, dem verstorbenen Bürgermeister Securius zu Ehren den bisherigen Schenkenberger Weg "Securiusstraße" getauft haben, der Stadt 3000 Mark überwiesen mit dem Wunsche, daß dieselben im Interesse der Kleinkinderbewahranstalt verwendet werden.

16. Dezember
Zum neuen Bürgermeister unserer Stadt wird der bisherige Bürgermeister von Gronau, Prov. Hannover, Ernst Rampoldt gewählt. Bis zur Einführung desselben führt die Geschäfte des Bürgermeisters der Magistrats Assessor Rose.



1899

14. Januar
Nachdem der neugewählte Bürgermeister Rampoldt von der Regierung bestätigt worden ist, wurde er heute in sein neues Amt eingeführt.
15. Januar

Bei Ausholzung und Restaurierung des "alten Gottesackers" ist an der südlichen Mauer desselben eine Grabinschrift von – Frau Salome geb. Rinkhardt aus Eilenburg, geboren 1625, gestorben in Delitzsch 1696 – freigeworden. Die hier Begrabene ist die Tochter von Martin Rinkhardt aus Eilenburg, jenes Gottesstreiters, der in Eilenburg die schweren Leiden des 30jährigen Krieges zu durchkosten hatte und das herrliche Lied: "Nun danket alle Gott" dichtete. Sie selbst war in Eilenburg mit dem Archidiakonus Dehneus verheiratet und ist als Witwe dann nach Delitzsch verzogen. (Dehneus heißt auch Dähne, Dehne, Däne, Danus.)

20. Januar
Damit durch Wagengerassel der Unterricht in der neuerbauten Mädchenschule an der Chausseestraße nicht so gestört wird, will die Provinzialverwaltung im Frühjahr längs des Schulgebäudes und etwas drüber hinaus Schienengeleise in Breite der Wagenspur anlegen. Dieselbe Vorkehrung soll auch in der Bitterfelder Straße vor dem Knabenschulgebäude getroffen werden.

15. März
Seit gestern wird an der Aufstellung der Turmuhr auf dem Halleschen Turm gearbeitet, und ist die nach der Stadt zu gelegene Turmseite bereits mit dem Zifferblatte geschmückt.

6. Mai
Heute vormittag 11 Uhr fand die Einweihung der neuen Mädchenvolksschule unter zahlreicher Beteiligung seitens der städtischen Behörden, der Eltern, der Kinder sowie sonstiger Bürger und Freunde der Schule statt. Die Teilnehmer hatten sich vor dem vorderen Hauptportal der Schule versammelt. Nach Absingen eines Chorals überreichte der Erbauer des prächtigen Schulgebäudes Architekt Ludwig dem Bürgermeister Rampoldt den Schlüssel mit dem Wunsche, daß das Gebäude für alle Zeiten ein Zeichen opferwilligen Bürgertums, eine Zierde der Stadt sein möge. Bürgermeister Rampoldt brachte am Schluß seiner Ansprache ein Hoch auf den Kaiser aus und gab den Schlüssel an den mitanwesenden Regierungs- und Schulrat Martin weiter. Dieser händigte ihm dem Rektor der Schule Dr. Wegener aus. Kreisschulinspektor Sup. Schäfer vollzog nun nach längerer Ansprache, in welcher er besonders auf das Verhältnis zwischen Schule und Haus einging, die Weihe der Schule. Rektor Dr. Wegener öffnete darauf das Haus mit dem Ausspruch: "Zur Ehre Gottes, zum Heile des Vaterlandes, der Jugend zum Besten!" Es fand dann eine Besichtigung der Räume statt.

8. Mai
Die Einwohnerzahl unserer Stadt beträgt gegenwärtig 10191 Seelen.

14. Mai
Der frühere Magistrats-Assessor Simon erhielt vom Schwurgericht Halle für seine hiesigen Verfehlungen und zwar wegen Annahme von Geschenken in 8 Fällen, wegen Amtsunterschlagung in 5 Fällen, sowie wegen Betruges mit schwerer Urkundenfälschung mit Rücksicht auf seine Gemeingefährlichkeit eine Gesamtstrafe von 5 Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust.

16. Mai
In seiner heutigen Sitzung hat der Magistrat beschlossen, die bisherige "Reichestraße" in Lindenstraße umzuwandeln.

19. Mai
In der gestern stattgefundenen Generalversammlung des hiesigen Beamtenvereins wurde an Stelle des versetzten Amtsgericht-Sekretärs Windolph Stadtsekretär Fricke als Vorsitzender einstimmig gewählt.

24. Mai
Die "Stadt Leipzig" ist in die Hände des Brauereibesitzers Jacob übergegangen. Die Übernahme findet am 15. Juni statt.

27. Mai
Der als vorzüglicher Musiker weit und breit bekannte hiesige Musikdirektor Römer, welcher 11 Jahre lang uns so manchmal mit seiner Kapelle erfreute, hat sein Geschäft und auch sein Grundstück an Konzertmeister Böttcher abgetreten. Die Übernahme erfolgt am 1. Juli.

30. Mai
In der Stadtverordnetenversammlung wird der Antrag eingebracht den Teich an der Elbritzmühle als Badeteich einzurichten. Nach längerer Aussprache beschließt die Versammlung einstimmig die Angelegenheit dem Magistrat einzureichen.

17. Juni
Am gestrigen Tage beging der vaterländische Frauenverein zu Delitzsch die Feier seines 25jährigen Bestehens mit einem vorzüglich gelungenen Feste im Hotel zum Schwan. Ein herrlicher von Archidiakonus Kümmel gedichteter Prolog eröffnete die schöne Feier. Sup. Schäfer begrüßte alle Erschienenen. Archidiakonus Kümmel gab ein übersichtliches Bild über die Ziele der Frauenvereine. Zwischen den einzelnen Reden und Vorträgen spielte unsere Stadtkapelle. Im zweiten Teil gab es musikalische und deklamatorische Vorführungen und lebende Bilder. Mit diesem herrlichen Feste hat der Frauenverein seine segensreiche Arbeit eines Vierteljahrhunderts beschlossen.

19. Juni
Der Fahrradfabrikant W. Schröter hat auf sein neu erbautes Fahrrad Patent erhalten. Das neue Fahrrad weist gegenüber den jetzigen Konstruktionen viele Vorteile auf. Der Rahmenbau des Gestells ist viel kürzer, fester und tragfähiger. Das Rad läßt sich in einer Minute in 3 gleich große Teile zerlegen, deshalb gut transportieren, aufbewahren, reinigen u.s.w. Ferner hat die ganze Bauart des Rades eine gefällige schöne Form, so daß sich dasselbe leicht einführt und allgemein gefällt.

1. September
Gegen Bürgermeister Reiche wurde am 30. August vor der Strafkammer des Landgerichts Halle verhandelt. Die Verhandlung endete mit Freisprechung.

1. Oktober
Auf Beschluß der städtischen Körperschaften wird mit dem 1. Oktober ein städtisches Bauamt errichtet.

2. Oktober
Das Berliner Schulze Delitzsch Denkmal ist mit Gartenanlagen umgeben worden, die von einem niedrigen Eisengitter eingeschlossen werden. Nördlich und südlich vom Denkmal sind auf dem kleinen Platze am Kreuzungspunkte der Insel-, Köpenicker- und neuen Jakobstraße je eine Rosenanlage hergestellt worden, auf der sich bereits grüne Sträucher aller Art und blühende Sommerblumen erheben. Durch die Anlegung dieser Schmuckplätze wird die Wirkung des Denkmals ganz bedeutend gehoben.

5. Oktober
Der vom Magistrat und den Stadtverordneten beschlossene Durchbruch der Stadtmauer am Ostende der Holzstraße ist ausgeführt worden. Es mußten dabei zwei Häuser in der Mauergasse aufgekauft werden. Die Herstellung der eisernen Brücke über den Stadtgraben erforderte einen Aufwand von 31000 Mark. Die "Holzstraßenbrücke" heißt im Volksmund ihrer schrägen Richtung wegen "schiefe Brücke".