Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1914

7. Januar
Die Stelle des Kontrolleurs bei der hiesigen Kreissparkasse wurde dem Sparkassen-Assistenten Binnemann aus Sangerhausen übertragen.

10 Januar
Die Einwohnerzahl unserer Stadt betrug am 1. Januar 1914 13346.

21. Januar
Heute Vormittag wurde von dem hiesigen Amtsgericht das Hausgrundstück Bismarckstraße 48 des Zimmermanns Wilhelm Oelschner meistbietend versteigert. Bestbietender blieb der Dachdeckermeister Robert Kittler mit einem Gebot von 19600 Mark. Der Zuschlag wurde sofort erteilt.

27. Januar
Dem Königl. Landrat von Busse ist der Titel eines Geheimen Regierungsrates verliehen worden.

14. Februar
Der Delitzscher Musikverein, die Seele des hiesigen Musiklebens veranstaltete in den letzten Tagen zwei auserlesene Musikabende. Im ersten Konzert kamen die letzte Symphonie Nr. in Cdur von Mozart, Jupiter-Symphonie genannt und die Symphonie Nr. 1 in Cdur von Beethoven zum Vortrag. Das zweite Symphonie Konzert hatte eine überaus große Anzahl Musikliebender in das "Schützenhaus" gezogen. Eine besondere Anziehungskraft besaß der Solist des Abends, Herr Professor Julius Klengel aus Leipzig, unbedingt einer der größten jetzt lebenden Cellovirtuosen. In allem, was er bot, zeigte er sich dann auch als Meister auf seinem Instrumente. Die Leitung der Konzerte hatte Seminarlehrer J. Klemke.

20. Februar
Infolge des anhaltenden Tauwetters und der Schneeschmelze führen die Mulde und deren Nebenflüsse enorme Wassermassen mit sich. Einer dieser Nebenflüsse, der Lober, welcher unsere Stadt durchfließt, ist im Wasserstand nahezu 75 cm gestiegen und vielerorts aus den Ufern getreten. Das Wasser hat große Landflächen überschwemmt, sodaß teilweise großer Schaden zu verzeichnen ist und Verkehrsstockungen zu befürchten sind.

26. Februar
Der Kreiskommunalverband Delitzsch hat das Eckgrundstück Markt – Schloßgasse von Tischlermeister Becker und das Nachbargrundstück Schloßgasse Nr. 1 von Kaufmann Költzsch – Leipzig käuflich erworben, da die Räumlichkeiten des Ständehauses für die verschiedenen Verwaltungen nicht mehr ausreichen.

1. März
Buchbindermeister Richard Krause hat das Hausgrundstück Breitestraße 22 von den Mylins'schen Erben käuflich erworben und wird sein Geschäft am 1. Oktober nach dort verlegen.

3. März
Die Preise für Saat- und Speisekartoffeln waren seit erdenklicher Zeit nicht so niedrig wie gerade jetzt. Infolge des sehr starken Angebotes wird von den Großhändlern nur ausnahmsweise gut ausfallende Ware aufgekauft, da die Jetztpreise noch weiter fallen sollen. Für die beste Ware wird knapp 1,40 Mark bis nahezu 1,90 Mark pro Zentner erzielt.

9. März
Der Anmarsch der Sachsengänger hat auf den größeren Gutsverwaltungen begonnen. Ein buntbewegtes Bild bieten daher wieder unsere Bahnhöfe, auf denen sie mit Extrazügen eintreffen und dann mit Geschirren nach ihren Bestimmungsorten gebracht werden. Während noch vor wenigen Jahren die Provinzen Posen und Schlesien meist die Sachsengänger lieferten, scharen sich jetzt auch schon Galizier, Ruthenen, Russisch-Polen u. a. in ihren bunten, oft merkwürdigen Trachten.

11. März
Die Verpachtung der städtischen Fischereinutzung fand heute im Stadtverordneten-Sitzungssaale statt. Es wurde verpachtet die Nutzung des Stadtgrabens und die Nutzung des Lobers von Elberitzmühle nördlich bis an die Fuhrt hinter der Naundorfer Mühle und von der Schenkenberger Grenze unterhalb der Dörfchenmühle bis zur Benndorfer Mühle. Bei der Gesamtverpachtung beider Nutzungen blieb Hotelbesitzer Mertzsch mit 105,- Mark.

16. März
Gestern verstarb hier der praktische Arzt Dr. Herold im 51. Lebensjahre. Die Stadtverordneten und Ärzte widmen ihm anerkennende Nachrufe.

17. März
Überall in der deutschen Turnerwelt hat man am 15. März den 100. Todestag des Heldenjünglings Karl Friesen würdig begangen. Die Delitzscher Turnervereinigung beging diese Gedächtnisfeier im "Bürgergarten". Mit dem Gesang des Knabenchors unter Leitung von Kantor Müller "Gruß an das Vaterland" und "Das Alte Barbarossa" wurde die Feier eingeleitet. Die Festansprache hielt Mädchenschulrektor Eichler. Der Redner zeichnete ein Lebensbild von Friedrich Friesen bis zu seinem Heldentode und hob besonders seine Bedeutung für das deutsche Turnwesen hervor. Nach Schluss der Rede wurde ein von Frl. Weißgerber in Kreide gemaltes lebensgroßes Bild Friesens im Rahmen der Turnervereinigung von der alten Herren-Riege des Turnvereins Delitzsch gewidmet übergeben, das in der Turnhalle seinen Platz finden soll.

21. März
Dr. med. Hans Kurtzhalß, der bisherige Vertreter des verstorbenen Dr. med. Herold, wird die Praxis des letzteren am 1. April übernehmen und hat auch dessen Haus käuflich erworben.

27. März
In nicht öffentlicher Sitzung der Stadtverordneten wurde nochmals zu den Unterschlagungen bei der hiesigen Stadthauptkasse durch Rudloff und Meley Stellung genommen. Die Untersuchungskommission beantragt, den Ersten Bürgermeister regreßpflichtig zu machen und ein Disziplinarverfahren gegen ihn bei der vorgesetzten Behörde zu beantragen. Der Antrag wurde von den Stadtverordneten gegen eine Stimme angenommen. Seminarlehrer Klemke hat eine Berufung nach Mühlhausen in Thür. erhalten und verlässt Delitzsch am 1. Juni. Er hat sich während seines Hierseins ums Delitzscher Musikleben große Verdienste erworben. Einen Dummenjungenstreich führten zwei ältere Schulknaben gestern nachmittag aus, indem sie in das infolge Anlegung einer Dampfheizung in der Marienstraße geöffnete Grabgewölbe derselben eindrangen und von mehreren dort liegenden alten Särgen die Deckelbretter ablösten, um nach Schmuck und Geld zu suchen. Ihr Treiben wurde beobachtet und die jugendlichen Frevler festgenommen.

31. März
Auch Allenstein ehrt unsern Schulze – Delitzsch. Die Allensteiner Vereinsbank, die in diesem Jahre ihr 50jähriges Bestehen feiern kann, wird aus diesem Anlaß der Stadt Allenstein einen künstlerischen Schulze–Delitzsch Brunnen stiften.

3. April
Baumschulenbesitzer Eduard Poenicke, Mitinhaber und Gründer der Firma "Ed. Poenicke u. Co." feiert morgen am 4. April sein 50jähriges Berufsjubiläum. Die "Deutsche Obstbauzeitung" das Organ des deutschen Promologen–Vereins widmet ihm aus diesem Anlaß einen längeren Porträtartikel und feiert ihn mit warmen Worten als einen der tüchtigsten Promologen.

7. April
Auf der großen Ausstellung für Tierschutz vom 3. – 5. April in Köln a./Rh. erhielt Heinrich Lobenstein von hier für seinen patentierten und überall lobend anerkannten Betäubungsapparat die silberne Medaille.

9. April
Die Familie Pareidt, seit dem Jahre 1506 in Delitzsch ansässig, hatte sich an der Nordseite der Marienkirche eine Familiengruft und darüber eine Kapelle errichten lassen. Nachdem am 25. Nov. 1860 das letzte Kind der Pareidt' schen Familie, die verwitwete Frau Gerichtsdirektor Pareidt im 81. Jahre gestorben und beigesetzt worden war, wurde vom Magistrat beschlossen, die Kapelle nicht wieder einer Familie zum Gebrauch beim Gottesdienst zu überlassen, sondern zu einem Leichenhause, das bisher fehlte, einzurichten. Der Eingang zur Gruft wurde zugewölbt und das nach der Kirche führende Fenster vermauert. Mit der Einrichtung eines Leichenhauses, über dessen Tür die Worte zu lesen sind: Memento mori (Denke ans Sterben) war einem für die Stadt wegen der Zunahme der Bevölkerung dringend gewordenen Bedürfnis abgeholfen. Bei der Wiederherstellung der Stadtkirche 1889/90 wurde der Hauptgottesdienst in der Marienkirche abgehalten. Da inzwischen der neue Friedhof mit Leichenhalle angelegt war (1877/78) hatte die ehemalige Pareidt'sche Kapelle ihre Bedeutung als Leichenhaus verloren, und so rüstete man diesen Raum her zu einer Sakristei, zu welchen Zwecke eine Tür nach dem Innenraum der Kirche eingebrochen werden mußte. Bei der jetzt vorgenommenen Erneuerung soll die Marienkirche auch mit Zentralheizung versehen werden und muß für die Ofenanlagen jene Gruft benutzt werden. Die darin befindlichen Särge wurden deshalb auf dem alten Friedhof beigesetzt.

18. April
Der Regierungspräsident hat durch den an den Stadtverordneten–Vorsteher ergangenen Bescheid vom 11. April 1914 den Antrag der Stadtverordneten–Versammlung auf Einleitung des förmlichen Disziplinarverfahrens gegen den Ersten Bürgermeister abgelehnt, da von den hierzu erforderlichen Voraussetzungen unter den obwaltenden Umständen keine Rede sein kann.

8. Mai
Der Besitzer der Seifenfabrik, Breitestr. 24, Herr Fuhrmann hat die Dampffärberei und chemische Waschanstalt des Herrn. A. Kuppler, Marienstraße 3, mit dem 1. Mai übernommen.

14. Mai
Die Fischerei-Verpachtung des Lobers und Stadtgrabens, soweit beide Nutzungen Eigentum der Stadt sind, hat eine Veränderung erfahren, da Hotelbesitzer Mertzsch von der Pacht zurückgetreten ist. Bei der heutigen Abgabe der Gebote für beide Nutzungen blieb Kantor emer. Lucas mit 189 Mark Bestbietender.

15. Mai
Heute morgen traf ein Automobil des Bischof der katholischen Kirche Dr. Josef Karl Schulte aus Paderborn in hiesiger Stadt ein, um etwa 200 Firmlingen die heil. Firmung zu spenden. Bereits 2 Stunden nach seiner Ankunft trat er seine Weiterreise im Automobil an. Der Bischof ist wiederholt unter den Kandidaten des fürstbischöflichen Stuhles um Breslau genannt worden.

25. Mai
Die Jugendwehr Delitzsch – Jungdeutschland – unternahm am Himmelfahrtstage eine Tageswanderung mit Biwak und Abkochen nach Rösa. Am Abend vor Himmelfahrt zogen bereits gegen 100 Mann mit klingendem Spiel und dem Gesang froher Marschlieder zur Stadt hinaus. Hinter dem Bahnübergang an der Dübener Straße wurde die Abteilung von vier Geschirren erwartet, um sie über Werben und Laue nach Sausedlitz zu bringen. Hier wurden die Geschirre gewechselt. Nachdem ein kurzes Ständchen der Kapelle, das Herrn Amtmann Schmidt für das Stellen der Geschirre dargebracht wurde, verklungen war, ging's über Löbnitz zur Muldenfähre. Bei Fackelschein und Marschmusik wurde übergesetzt und nach ½ stündigem Marsche der Biwakplatz bei Rösa erreicht. Hier gab es eine kräftige Erbsensuppe mit von der Firma Lud. Dietze - Delitzsch gestifteten Würstchen und es begann nun ein frohes Biwakleben. Inzwischen war Jungdeutschland Roitzsch im Biwak eingetroffen freudig von den schon Anwesenden begrüßt. Der Zapfenstreich erklang und mahnte zur Ruhe im Lager. Die Jungmannschaften begaben sich in die bereitgestellten Zelte. Am anderen Morgen, dem Himmelfahrtstage, war alles schon frühzeitig wach. Jetzt erschienen noch eine Anzahl Jungmannschaften von Delitzsch und Umgegend, die am Vorabend noch nicht mit hatten ausrücken können. Der Weitermarsch ging über Plodda und Schlaitz nach Burgkemmnitz. Nach einstündiger Rast ging es dann weiter an Muldenstein vorbei über Friedersdorf nach Große Mühle, wo abgekocht wurde. Nach mehrstündiger Ruhe wurde der Rückmarsch angetreten, der über Niemegk, Forsthaus Zöckeritz, Paupitzsch, Benndorf nach Delitzsch führte. Um ½ 9 Uhr rückte Jungdeutschland mit klingendem Spiel wieder in Delitzsch ein. Zwar staubbedeckt, doch mit roten Wangen und leuchtenden Augen marschierten die Jungmannschaften von einer großen Menschenmenge begleitet stramm durch die Straßen der Stadt bis zum Markt.

26. Mai
Hierorts hat sich vor einiger Zeit eine Tennisgesellschaft gebildet, welche sich die Aufgabe stellte, den Tennissport zu pflegen. Die Stadt hat der Gesellschaft zur Ausübung dieses Sports ein geeignetes Gelände an der Stadtpromenade zwischen Stadtmühle und Schloß zur Verfügung gestellt. Hier wurden nun zwei Tennisplätze errichtet. Die Einweihung der fertig gestellten Tennisplätze fand nun am Sonntag den 24. Mai statt. Es waren dazu Sportfreunde und alle interessierten Kreise eingeladen. Es hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden. In einer Ansprache an die Versammelten dankte Fabrikbesitzer Max Härtel, welcher die Geschäftsleitung der Gesellschaft führt, dem Magistrat und den Stadtverordneten für ihre Unterstützung an der Verwirklichung des Bauplanes. Er führte weiter aus, daß zur Herstellung der zwei Plätze außer einer großen Menge Auffüllungsmaterial ungefähr 2000 Zentner Steinguß und ungefähr 1000 Zentner Chausseeabzug gebraucht worden sind. Die Plätze haben eine Länge von je 40 Meter und eine Breite zusammen von 31 Meter. Er lud die interessierten Kreise zur regen Beteiligung dieses schönen gesunden Sports ein.

22. Juni
Sonnabend den 20. und Sonntag den 21. Juni fand hierorts das 4. Turnfest des Sorbengaues statt, das sich zu einem großartigen Feste gestaltete. Der Sorbengau umfaßt einen Teil des Turnkreises 3c der deutschen Turnerschaft und zählt jetzt 48 Vereine mit 3005 Mitgliedern (gegen 25 Vereine mit 2000 Mitgliedern im Jahre 1906). Am Sonnabend trafen bereits Gäste von auswärts ein. Von abends 8 ½ Uhr ab war ein Begrüßungsabend im "Bürgergarten". Die Stadtkapelle eröffnete den Abend mit dem Turner Festmarsch. Die Turnlehrerin Frl. Reime sprach einen Prolog und der Gauvertreter Stadtverordneter Hampe hielt an die Erschienenen eine Begrüßungsansprache. Es sprach sodann der Landrat von Delitzsch, Geh. Regierungsrat von Busse, und die Festrede hielt der Rektor der höheren Mädchenschule Eichler. Sonntag morgen versammelten sich die Wettturner bereits um 7 Uhr auf dem städtischen Sportplatz am Schützenhof. Gegen Mittag war das Wettturnen, dem eine ganze Anzahl Zuschauer beiwohnten zu Ende. Um ½ 2 Uhr traten die inzwischen eingetroffenen auswärtigen Turnvereine, von Musikkapellen empfangen, mit den hiesigen auf dem alten Schützenplatz zum Festzuge an. Dieser setzte sich um ½ 3 Uhr in Bewegung und nahmen an ihm 38 Vereine mit 30 Fahnen teil. Im Festzuge waren 4 Musikkapellen. Nach 1 stündigem Marsch kam die Spitze des Festzuges auf dem Festplatze am Schützenhofe an. Als alles versammelt war hielt Erster Bürgermeister Rampoldt vom Balkon des Schützenhofes eine Begrüßungsansprache. Hierauf hielt der Gauvertreter Herr Hampe die Festrede. 212 Turner traten dann in Gruppen zu Freiübungen auf dem geräumigen Sportplatze an, ebenso wurde das Wettturnen vom Morgen zu Ende geführt. So rückte der Abend heran, als alles vollendet war. Viele auswärtige Vereine rückten nun zum Bahnhof ab, viele blieben hier und beschlossen den Abend mit dem Festball im Schützenhof und Schützenhause.

28. Juni
Heute morgen ½ Uhr wurden zwei einige Sekunden währende, ziemlich kräftige Erdstöße verspürt. Die Erschütterung war von einem lauten donnerähnlichen Getöse begleitet. Die Stöße erfolgten von Süden nach Norden. Das Zittern der Häuser und das Getöse war so ähnlich, wie die Erschütterung beim raschen Fahren eines sehr schweren Lastkraftwagens über Pflaster. Durch den Erdstoß wurden Möbel gerückt und die Fenster klirrten, so daß ein Teil der Bewohner aus dem Schlafe aufschreckte. Besonders in den Leipziger Vororten machte sich das Erdbeben stark bemerkbar und verursachte ein deutliches Schwanken des Bodens. Auch aus zahlreichen anderen Städten Sachsens, sowie aus Thüringen und Anhalt liegen Meldungen über das Erdbeben vor.

30. Juni
Die Stadtverordneten beschäftigen sich heute mit dem Durchbruch der Bismarckstraße nach der Holzbrückenstraße zu. An der Kohlstraßen- und Bismarckstraßenecke gibt es oft lebensgefährliche Situationen besonders, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Um diese Zeit muß dort ein Polizist aufgestellt werden, der für Ordnung sorgt. Ein Durchbruch steht ja fest, doch bei der gegenwärtigen Finanzlage der Stadt muss dieser Plan in diesem Jahre noch zurückgestellt werden, da noch wichtigere Aufgaben zu lösen sind.

6. Juli
Am gestrigen Sonntag fand die Fahnenweihe des Vereins ehem. 27. Delitzsch und Umg. statt. Die eigentliche Eröffnung der Festlichkeiten bildet am Vorabend der Festkommers. Die Musik dazu wie auch zum Fest am Sonntag wurde gestellt von der vollzähligen Regimentskapelle der 27. unter persönlicher Leitung des Musikdirektors Hellmann aus Halberstadt. Den Höhepunkt des Sonntages bildete der Festzug der über 1300 Teilnehmer mit 49 Fahnen zählte und dessen Vorbeimarsch 10 Min. dauerte. Der Weiheakt vollzog sich auf dem Marktplatz vor dem Kriegerdenkmal. Die Weiherede hielt Superintendent Schäfer. Die weiteren Festlichkeiten fanden im Bürgergarten statt, wo auch schon am Vorabend der Festkommers abgehalten wurde.

10. Juli
Die Einwohnerzahl betrug am 1. Juli 13312.

18. Juli
Das goldene Meisterjubiläum feiert heute Schlossermeister Wilhelm Sander, Pfortenplatz wohnhaft, in körperlicher und geistiger Frische. Eine Deputation der Schlosser- und Klempner-Innung überbrachte dem Jubilar die Glückwünsche der Innung.

27. Juli
Auf Anregung der Delitzscher Jugendwehr fand am gestrigen Sonntag nachmittag 4 Uhr am Leipziger Völkerschlacht-Denkmal eine Jungdeutschlandfeier statt, an der Jugendwehren, Wehrkraftvereine und Pfadfinderkorps aus Halle, Dessau, Merseburg, Bitterfeld, Altenburg, Eilenburg, Delitzsch, Torgau, Düben, Roitzsch und Leipzig teilnahmen. Vom Bahnhof aus, wo man sich sammelte, marschierten die Vereine mit der Musikkapelle der Delitzscher Jugendwehr an der Spitze über den Augustusplatz nach dem Völkerschlacht-Denkmal. Hier fand eine erhebende Erinnerungsfeier statt. Mit den Abendzügen kehrten die einzelnen Wehren in ihre Heimat zurück.

3. August
Schon seit Tagen bestand die Gefahr, daß Deutschland, infolge des entstandenen schweren Konfliktes zwischen Österreich und Serbien, der nicht friedlich beigelegt werden konnte, als Verbündeter Österreichs in den Konflikt mit hineingezogen würde. Am Sonnabend den 1. August abends um 6 Uhr kam die entscheidende Kunde: Allgemeine Mobilmachung für Landheer und Marine! Schnell belebten sich die Straßen und ein eifriges Debatieren begann. Erfreulicherweise klang aus allem hin und her des Reden die Hoffnung auf Sieg, stolzes Vertrauen auf unser Heer und unsere Marine. Morgen, Dienstag früh 9 Uhr, findet in der Stadtkirche eine Kriegsbetstunde statt, woran sich für die Einberufenen und ihre erwachsenen Angehörigen Beichte und Abendmahlsfeier anschließt. Gestern wurde ein russisches Ehepaar, das sich auf der Hochzeitsreise befand und in der "Linde" Wohnung genommen hatte, einem polizeilichen Verhör unterworfen. Der Ehemann ist russischer Reserveoffizier und stammt aus Reval, die Ehefrau ist Deutsche und die Tochter eines General-Majors aus Berlin. Das Ehepaar wurde an der Weiterfahrt gehindert und befindet sich weiter im Hotel "Zur Linde" unter polizeilicher Beobachtung. Der Chauffeur wurde in Schutzhaft genommen, weil die Überwachung sonst eine so schwere ist. Russische Offiziere und Agenten bereisen in großer Zahl unser Land. Die Sicherheit des deutschen Reiches fordert, daß aus patriotischem Gefühl heraus neben den amtlichen Organen das gesamte Volk unbedingt mitwirkt, solche gefährlichen Personen unschädlich zu machen.

5. August
In große Aufregung wurde unsere Einwohnerschaft heute mittag durch das Läuten der Sturmglocken versetzt. Man nahm erst an, daß ein Feuer ausgebrochen sei, zumal sich die Freiw. Feuerwehr sammelte. Bald verbreitete sich aber das Gerücht, eine Anzahl französischer Automobile, mit Gold beladen und auf dem Wege nach Russland, kämen durch unsere Stadt und solle festgehalten werden. Zu diesem Zwecke fuhr man Wagen quer über die Straßen. So wurden sämtliche Straßen abgesperrt und mit Posten versehen. Jedes kommende Auto wurde einer genauen Durchsuchung unterzogen. Auch andere Wagen mussten sich erst ausweisen.

12. August
Gestern fand eine Notprüfung an der Oberrealschule statt, der sich 13 Prüflinge unterzogen und die auch bestanden haben. Dieselben werden alle in das Heer eingestellt. Auch am Seminar wurde die Not-Entlassungsprüfung mit den 24 militärtauglichen Zöglingen der 1. Klasse abgehalten. Sämtliche Prüflinge bestanden und sind als Kriegsfreiwillige in das Heer eingetreten. Auch viele Zöglinge der 2. und 3. Seminarklasse melden sich als Freiwillige. Das hier vor kurzer Zeit in der Linde festgehaltene russische Ehepaar hat die Erlaubnis erhalten, bei dem Vater der Ehefrau, Generalmajor z. D. Hirschberg in Wilmersdorf Wohnung zu nehmen. Auch der Chauffeur kann mit dem Auto nach Wilmersdorf abreisen. Hier hat sich ein Mobilmachungsausschuss gebildet der unter dem Vorsitz von Stadtrat Freyberg. Er hat sich die verschiedensten vaterländischen Aufgaben gestellt, soweit sie unsere Stadt betreffen.

17. August
Seit längerer Zeit stellt unsere Schützengilde Wachen zur Sicherung der Bahnen. Da die Mitglieder meistenteils Geschäftsleute und Handwerker sind, die auch zu Hause nach dem Rechten sehen müssen, so bereitet es Schwierigkeiten, jeden Tag die genügende Anzahl Wachen zu stellen. Es werden daher alle Bürger, die abkommen können, gebeten, die Gilde beim Bahnbewachungsdienst zu unterstützen.

22. August
Liebesgaben aller Arten werden nun auch in unserer Stadt erbeten, Gaben für die Verwundeten und Kranken aber auch für die Truppen im Felde.

24. August
Die Sammlungen für das Rote Kreuz sind auch hier im Gange und ergeben gute Erfolge, und doch sind die Beträge gering, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Ausdehnung der Krieg hat und welche Opfer er fordert.

26. August
Als Liebesgaben für unsere verwundeten Soldaten in den Lazaretten sind auch Bücher als Lesestoff sehr willkommen.

1. September
Auf Anordnung des Kultus-Ministeriums soll in diesem Jahre in den Schulen die Feier des Sedantages nicht stattfinden. Damit wäre wohl die Feier des Sedantages für immer abgetan. Nun sind auch bereits einige Verlustlisten aus dem Kriege bekannt gegeben worden. In denselben sind auch einige Verwundete und auch Tote aus Delitzsch enthalten. Der Stadtchronist Lehrer Oskar Reime hat eine ausführliche Kriegschronik angefertigt, beginnend mit dem 1. August 1914, welche auch eine Ehrentafel der Gefallenen der Stadt Delitzsch enthält. Da diese Chronik sich auch im Stadtarchiv von Delitzsch befindet, erübrigt es sich hier auf die unsere Stadt berührenden wichtigeren Vorkommnisse dieser Kriegszeit einzugehen. Es wird hiermit auf diese Kriegschronik hingewiesen. Nur stichwortartig soll auf besonders wichtige Kriegsereignisse, die mit unserer Stadt in Verbindung stehen, hingewiesen werden, und sonst sollen alle anderen wichtigen Vorkommnisse der Stadt während der Kriegszeit hier weiter Aufnahme finden.

20. September
Am 16. September starb unerwartet am Herzschlag auf seinem Gute Uyst in der Oberlausitz, wo er seit wenigen Tagen weilte unser Landtagsabgeordneter der hiesige Walzenmühlenbesitzer Franz Heinrich Bauer. Die Beerdigung fand heut Nachmittag hierselbst statt.

30. September
Mit dem 30. September tritt der Erste Bürgermeister Rampoldt unter der Bedingung in den Ruhestand, daß ihm Weiterungen aus dem Falle Rudloff-Meley erspart bleiben sollen. Nach der heutigen Magistratssitzung verabschiedete er sich von den Mitgliedern des Magistrats und sodann von den städtischen Beamten. Namens des Magistrats sprach Bürgermeister Grüneberg und namens der städtischen Beamten Stadtsekretär Fricke herzliche Abschiedsworte, wofür der Erste Bürgermeister in bewegten Worten dankte.

1. Oktober
Branddirektor Schulze hat die Ehrenmitgliedschaft des Französischen, des Englischen und des Belgischen Feuerwehrverbandes, sowie des Englischen Feuer-Verhütungs-Komitees nieder- und die ihm vom Frankreich verliehene Ehren-Medaille abgelegt.

18. Oktober
Bei der heute morgen stattgefundenen Zwangs-Versteigerung des Max Wehle'schen Hausgrundstücks blieb Kaufmann Hintzelmann Ersteher.

27. Oktober
Justizrat Schulze, dessen einziger Sohn kürzlich auf einem Patrouillengange gegen die englischen Stellungen an der Aisne gefallen ist erhielt am Montag abend folgendes Telegramm vom Felde zugestellt:
"Seine Majestät der Kaiser hat heute am Grabe Ihres Sohnes Blumen niedergelegt.
Golde, vertr. Adjutant, Regiment 48".

29. Oktober
Über die bevorstehende Verordnung des Bundesrats hinsichtlich des Zusatzes von Kartoffelmehl bei der Brotzubereitung erfährt man, daß der Bundesrat vorschreiben wird, daß mindestens 5% Kartoffelmehl bei der Zubereitung von Brot zu verwenden sind. Werden bis 20% Kartoffelmehl beigemengt, dann muß auf dem Brot ein –K- angebracht werden. Werden jedoch über 20% Kartoffelmehl verwendet, so muß außer dem K auch der Prozentsatz des vermischten Kartoffelmehls angegeben werden. Diese Verordnung wird in 14 Tagen in Kraft treten.

11. November
Am Montag den 11. d. Monats fand im Gasthof zum "Schwan" die Einberufung einer öffentlichen Versammlung statt zwecks Bildung einer hiesigen Ortsgruppe des Mitteldeutschen Verbandes zur Verbreitung wahrer Kriegsnachrichten im Ausland. In den Vorstand wurden gewählt Justizrat Klang als Vorsitzender und drei Beisitzer: Pastor Döhlert, Oberlehrer Schmiedeberg und Kreisausschußsekretär Gundermann.

16. November
Die hiesige Winterschule ist auf Anordnung der Behörde für diesen Winter geschlossen worden, da nicht nur Landwirtschaftsdirektor Conradi, sondern auch die meisten Schüler und Lehrervertreter im Felde stehen.

20. November
In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde beschlossen die Zahl der Stadtverordneten von 24 auf 30 und die Zahl der unbesoldeten Magistratsmitglieder von 4 auf 6 zu erhöhen. Ferner soll eine juristische Hilfskraft angestellt werden. Die Pacht des Landwirts Hönicke, der das Stadtmühlengrundstück von der Stadt gepachtet hat, wird bis zum 31. Dezember 1917 verlängert.

12. Dezember
Bei der gestrigen Stadtverordneten-Ersatzwahl wurden gewählt in der 1. Abteilung Kaufmann Max Beyer und Otto Gotsch, in der 2. Abteilung Kaufmann Otto Freitag, in der 3. Abteilung Zimmermann Otto Mitzschke.

16. Dezember
Das 1 ½ Jahr alte Söhnchen des Kaufmanns G. Bohnsack fiel gestern nachmittag während eines unbeobachteten Augenblicks in ein Wasserbassin. Trotzdem dieses nur etwa 20 cm hoch Wasser enthielt, verschied der Kleine – Ein Herzschlag hatte seinem Leben wohl ein Ende bereitet.

24. Dezember
Die in der Bismarckstraße 18 wohnhafte geschiedene Frau Hampe hat sich in ihrer Wohnung vor 3 Tagen erhangen. Der Grund dazu dürfte in einem langwierigen Nervenleiden zu suchen sein. Der Vorfall ist erst heute bemerkt worden, da es dem Besitzer des Grundstücks auffiel, daß Frau H. sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen.


1915

5. Januar
Durch die vorjährigen Unterschlagungen in der Stadthauptkasse hatte sich die Schaffung eines besonderen Rechnungsbüros im Rathaus erforderlich gemacht, demzufolge mußte eine anderweitige Verteilung und Erweiterung der Geschäftsräume vorgenommen werden. Das Gebäude in der Ritterstraße wurde für Bürozwecke neu her- und eingerichtet. Es wird darauf hingewiesen, daß die Kriegsereignisse, welche die Stadt Delitzsch in Sonderheit berühren in der Kriegschronik von Oskar Reime enthalten sind. (siehe Sept. 1914)

10 Januar
Der Kinderhort mit Beginn der Schule seine Arbeit auch wieder aufgenommen. Er wird jetzt von mehr als 70 Kindern besucht, so daß keine mehr Aufnahme finden können.

15. Januar
Mit dem heutigen Tage ist laut Bekanntmachung der hiesigen Bäckerinnung der Mehlverbrauch eingeschränkt. Die Nachtarbeit der Bäcker wird verboten. Das Backen von weißer Ware folgt am Vormittag und das Austragen am Nachmittag für den folgenden Tag. Es wird in Zukunft kein frisches Brot mehr ausgegeben, es muß schon 24 Stunden alt sein. Die Zugaben von Gebäck auf Brot kommen in Wegfall.

17. Januar
Es wird auf die Verwendung von alten Kleidungsstücken für Kriegszwecke hingewiesen. In einem Aufruf werden auch die Bewohner der Stadt Delitzsch gebeten alle alten Sachen an die Sammelstelle Bitterfelder Straße 14 abzuliefern. Die Sachen werden auch abgeholt.

27. Januar
Mit dem 1. Februar tritt Beschlagnahme der Vorräte von Weizen, Roggen, sowie von Weizen-, Roggen-, Hafer- und Gerstenmehl ein.

17. Februar
Da von heute ab die Fleischversorgung eingeschränkt wird, wird die Bevölkerung durch Inserate und sonstige Bekanntmachungen aufgefordert sich mit Dauer-Fleischwaren und Dauerwurst zu versorgen. Auf eine 40jährige Tätigkeit bei der hiesigen Firma Franz Naumann, Großdestillation, kann heute der Geschäftsführer Hermann Jacob zurückblicken. Am 15. Februar 1875 trat der Jubilar als junger 20jähriger Gehilfe beim Gründer der Firma, Franz Naumann ein und bewahrte auch den weiteren drei Inhabern, Paul Schmidt, Karl Bär und Rich. Köthnig eine seltene geschäftliche Treue.

18. Februar
Ein Sohn unserer Stadt, Franz Pfordte, der es durch seine Tüchtigkeit zu etwas gebracht hat, vollendete in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag. Sein Vater war der Schneidermeister Ferdinand Pfordte hier, der 1807 geboren, 1877 ins Hospital zog und dort am 19. März 1895 starb. Sein Sohn Franz Pfordte ist 1840 in Delitzsch geboren, gelangte als Jüngling 1858 nach Hamburg und trat bei Wilckens, in dem damals weitbekannten Lokal "Wilckens Keller" als Volontär ein. Im Jahre 1866 wurde Pfordte Teilhaber der Firma Wilckens. Zwölf Jahre später wurde Pfordte der Nachfolger Wilckens. Die Firma trug jetzt seinen Namen und wurde von jetzt ab der Sammelpunkt der vornehmen Welt. Das Haus Pfordte hat seitdem seinen internationalen Ruf begründet. Er wirtschaftete hier 31 Jahre von 1878 bis 1909 um dann in das Haus "Atlantic" zu ziehen. Heute feiert Franz Pfordte seinen 75. Geburtstag. Er blickt auf ein in einfachen Bahnen verlaufenes, aber in seiner Art sehr reiches Leben zurück. In seinem Beruf hat er das Höchste erreicht. Kaum eine Fürstlichkeit oder sonstige Notabilität gibt es, die nicht zu irgendeiner Zeit das Restaurant Pfordte besucht hätte. Franz Pfordte ist jetzt 56 Jahre in seinem Gewerbe tätig.

21. Februar
Heute Vormittag 11 ½ Uhr fand hierselbst die feierliche Übergabe des "Lazarettzuges der ländlichen Kreise der Provinz Sachsen und des Herzogtums Anhalt" statt. Während des ganzen heutigen Sonntags steht der Zug in Delitzsch zur Besichtigung. Morgen, den 22. Februar kann er in Halle auf dem Güterbahnhof, Delitzscher Straße, angesehen werden.

3. März
Es wird nochmals zur Sammlung von Metallen aufgerufen. Gewünscht wird besonders Kupfer, Messing, Blei, Zinn, Zink, Aluminium.

4. März
Vom 8. März ab wird auch in Delitzsch die Brotkarte eingeführt.

8. März
In ganz Sachsen haben die Flüsse Hochwasser. Auch unser Lober führt Hochwasser. Infolge der anhaltenden Regengüsse am Ende voriger Woche ist der Lober über seine Ufer getreten und hat die angrenzenden Wiesen überschwemmt. Der Zugang zur Elbritzmühle von den Elbritzwiesen aus war am gestrigen Sonntag unterbrochen.

10. März
Der Militärverein Delitzsch und Umgegend beschloß in seiner Märzversammlung, den größten Teil seines nicht unerheblichen Vereinsvermögens zur zweiten Kriegsanleihe zu zeichnen. Der auf Urlaub weilende Ehrenvorsitzende Hauptmann Dr. Kunze erzählte stundenlang in lebensvoller, klarer, packender und anschaulicher Weise von der Kriegsführung im Osten und von seinen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen in den preußischen Grenzlanden. Der Gewerbeverein veranstaltete gestern im "Stadt Leipzig" einen Lichtbildervortrag über den östlichen Kriegsschauplatz. Wundervoll kolorierte Bilder unterstützten den allgemein verständlichen Vortrag des Vorsitzenden Fortbildungsschullehrer Scharruhn.

13. März
Der Eisenbahnverein veranstaltete im Schützenhof seinen zweiten Vortragsabend an welchem der Rechnungsrevisor Reinhardt von der Königl. Eisenbahndirektion Halle a. S. über die Volksernährung im Kriege sprach. Der Monatsappell "Ehemaliger 27er" fand am 7. d. Monats im "Fürst Bismarck" statt. Es wurde beschlossen, aus dem Vereinsvermögen die im Felde stehenden bedürftigen Kameraden bzw. ihre Angehörigen daheim zu unterstützen. Nach einer amtlichen Bekanntmachung des Magistrats wird am 15. d. Monats eine Erhebung über die Vorräte an Kartoffeln vorgenommen.

14. März
Im Kreis Delitzsch ist trotz des Krieges durch Überwindung vieler Schwierigkeiten die normalspurige Kleinbahn von Crensitz nach Crostitz bis zur Staatsbahnstation Rackwitz an der Strecke Bitterfeld-Leipzig fortgeführt. Der Bau ist soweit vollendet, daß der Personen- und Güterverkehr am 1. April 1915 aufgenommen werden soll. Die gesamte Bahn ist 11 km lang und verbindet die Strecken Halle-Falkenberg mit der Strecke Bitterfeld-Leipzig.

15. März
Infolge der erneuten Regenfälle führt der Lober seit Sonnabend zum zweiten Male innerhalb 8 Tagen Hochwasser. Viele Wiesenflächen waren gestern überschwemmt und glichen teilweise einem großen See.

25. März
Wieder wird unter der geschickten Leitung des Stadtrates Thalemann ein verwahrloster Teil unseres alten Gottesackers verschönert. Altes Gestrüpp fällt; schöne Rosenflächen und Promenadenwege werden angelegt und ein längst gehegter Wunsch des Publikums geht in Erfüllung. Ein neuer bequemer Zugang vom Schäfergraben aus wird geöffnet. Der alte Gottesacker mit seiner schönen erneuerten Marienkirche soll eine Zierde unserer Stadt werden.

2. April
Zur Erinnerung an den 100. Geburtstag unseres verstorbenen Altreichskanzlers Otto von Bismarck fanden gestern im Schützenhause und auch im Schützenhofe Bismarckfeiern statt. Beide Säle waren von Besuchern überfüllt. Im Schützenhause war die allgemeine Feier. Hier hatten sich die vereinigten Männerchöre der Stadt, Abendstern, Arion, Eisenbahnverein, Harmonie, Schulze Delitzsch Liedertafel zur Verfügung gestellt. Pastor Ruhmer hielt die Festrede, Superintendent Schäfer das Schlußwort. Die Bismarckfeier im Schützenhofe war von der Delitzscher Turnervereinigung veranstaltet worden. Hier kam mehr die Jugend zur Geltung. Kantor Müller verschönte hier die Feier durch Gesänge von Knaben und Mädchen. Der Vorsitzende Hampe hielt die Festrede. Zur Erinnerung an den denkwürdigen Tage wurde am gestrigen Nachmittag 5 Uhr eine Bismarckeiche in unserer Stadt gepflanzt. Die Eiche, die aus dem Sachsenwald stammt, erhielt ihren Standort auf der Wiese am Schulwege jenseits des Lobers an der Badeanstalt.

3. April
Auf eine ununterbrochene 25jährige Tätigkeit bei der Firma Ernst Freyberg hierselbst konnte am 1.4. d. J. Buchhalter Sachtler zurückblicken.

21. April
Der Verschönerungsverein beschloß in seiner gestrigen Sitzung im Schwan u. a. die Aufstellung einiger unzerstörbarer Betonbänke am Loberwege, da gerade hier Bubenhände immer wieder leichter zerstörbare Holzbänke schon wiederholt vernichtet haben. Die Bevölkerung soll die Anlagen und die dazu gehörigen Gegenstände in ihren Schutz nehmen und Frevler rücksichtslos zur Anzeige bringen.

28. April
Im Stakenweg fiel in vergangener Nacht eine Gartenmauer von etwa 10 m Länge ein. Die Regengüsse der letzten Zeit haben die Lehmmauer unterwaschen und den Einsturz verursacht.

12. Mai
Gegen die Zerstörung unserer Anlagen, die ja augenblicklich in vollster Schöne prangen richtet sich eine Bekanntmachung unserer Stadtverwaltung. Man sollte es nicht für möglich halten, daß sich ein Mensch an dem für unsere Bürgerschaft geschaffenen herrlichen Werke vergreift. Leider gibt es doch solche verabscheuungswürdigen Täter; sie sind wohl besonders unter den unreifen Burschen zu suchen, die jetzt allabendlich Straßen und Promenaden unsicher machen und sogar die Passanten in frecher Weise belästigen. Eltern, Erzieher und Lehrmeister sollten es sich angelegen sein lassen, ihnen die schlechten Triebe abzugewöhnen.

22. Mai
Heute sind es 100 Jahre, daß Delitzsch preußisch geworden ist. Bürgermeister Ideler ließ das Königl. Patent wegen Besitzergreifung des mit der preußischen Monarchie vereinigten Anteils von Sachsen öffentlich anschlagen. Für das verstorbene Mitglied des Hauses der Abgeordneten Walzenmühlenbesitzer H. Bauer – Delitzsch fand heute Mittag im Gasthof zum Schwan hier die Ersatzwahl statt. Von allen wahlberechtigten 297 Wahlmännern wurde Regierungspräsident von Werder – Sagisdorf einstimmig gewählt. Am 22. Mai 1855 errichtete der verstorbene Konditor Franz Lampe hier eine Konditorei, die im Jahre 1891 auf seinen Sohn Konditor Hermann Lampe überging, der somit heute auf ein 60jähriges Bestehen seines bei jung und alt wohlbekannten Geschäfts zurückblicken kann.

22. Juni
Der 1886 und 1887 angelegte Teil für Kindergräber auf dem Friedhof soll umgearbeitet werden, da das Nutzungsrecht jetzt verjährt. Wer die Gräber weiter pflegen will, hat eine Verlängerung des Nutzungsrechts beim Magistrat zu beantragen.

26. Juni
Nach einer wochenlangen Dürre und Hitze spendet heute der Himmel endlich das lang ersehnte Naß. Gegen Mittag brachte ein einstündiger Regen die ersehnte Erquickung, die Fluren und Gärten recht dringend benötigen. Viele Gartenpflanzen sind bereits abgestorben. Hoffentlich kommt weiterer Regen.

12. Juli
Im Bürgergarten fand gestern zu Ehren des Grafen Zeppelin, der gestern seinen 75. Geburtstag vollendete eine besondere Feier statt durch Ansprachen, kleine Vorträge, Gesang und Turnvorführungen, zu der sich ein großes Publikum eingefunden hatte.

13. August
Rektor Reulecke von hier, der sich durch Abfassung mehrerer gut geschriebener Kriegsromane, sowie neuerdings durch seine Liedersammlung "Deutsche Helden in deutschem Lied" einen Namen gemacht ist auf Grund dieser schriftlichen Arbeiten vom Oberbefehlshaber Ost Feldmarschall von Hindenburg die Genehmigung zur Reise an die Ostfront erteilt worden, damit er für eine gegenwärtig im Begriff genommene sowie für spätere Arbeiten Eindrücke sammeln und den Krieg aus eigener Anschauung kennen lerne.

20. August
Am 18. August waren es 75 Jahre, daß die Eisenbahn Magdeburg-Halle-Leipzig eröffnet wurde. Der eingleisige Betrieb hatte viele Mängel, die uns heute, im Zeitalter der Elektrizität, komisch anmuten. Die Bahn ist damals viel befeindet worden, heute ist der Verkehr ohne Eisenbahn unmöglich, ja äußerst segensreich. Den Beweis hierfür erbrachte die Mobilmachung in den ersten Augusttagen des vorigen Jahres.

10. September
Landrat Geh. Regierungsrat von Busse und seine Gemahlin haben dem Kreise Delitzsch unter dem Namen "von Busse-Klamroth-Stiftung" ein Kapital von 100000 Mark überwiesen. Die Zinsen dieser reichen Spende sollen nach dem Willen der hochherzigen Spender zum Besten bedürftiger Kriegsteilnehmer und ihrer Familien oder Hinterbliebenen verwendet und es sollen besonders auch kleine Landwirte, Handwerker und Geschäftsleute berücksichtigt werden, die durch den Krieg wirtschaftlich geschädigt sind. Die Verwaltung der Stiftung ist dem Kriegsausschuss übertragen, in dessen letzter Sitzung die Stiftungs-Urkunde überreicht wurde.

11. September
Die Schulze-Delitzsch Stiftung zur Errichtung von Fortbildungskursen für ältere Kleingewerbetreibende, Arbeiter, Landwirte, kleine Beamte und geschäftlich tätige Frauen, die von der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung verwaltet wird, hat sich in der Weise in den Dienst der Kriegshilfe gestellt, daß sie aus ihren Mitteln die in Lazaretten, Genesungsheimen und anderen Orten veranstalteten Lehrkurse für Kriegsbeschädigte mit Lehr- und Übungsbüchern unterstützt. Die Stiftung stellt den Leitern dieser Kurse die notwendigen Lehr- und Übungsbücher für unbemittelte Kriegsbeschädigte unentgeltlich zur Verfügung. Bisher wurden für etwa 1200 M Lehr- und Übungsbücher verlangt. Die Stiftung ist zu weiterer Abgabe noch in der Lage. Die Gesuche sind zu richten an den Vorstand der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung Berlin NW 52, Lüneburger Straße 21.

28. September
Zum Ersten Bürgermeister der Stadt Konitz (Westpr.) wurde der Magistratsassessor Dr. Haußmann in Aschersleben (Herr Haußmann ist ein Delitzscher Kind) unter 65 Bewerbern einstimmig gewählt.

1. Oktober
Eine Dame in der Nähe von Delitzsch und der Besitzer des Rittergutes Schenkenberg haben in hochherziger Weise für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen dem Kriegsausschuss hierselbst je 2000 Mark gestiftet.

6. Oktober
Frau Pastor Gödicke geb. Gutheil in Halle a. S., von welcher dem hiesigen Siechenhaus "Gutheilstift" schon mehrfach größere Beträge, so besonders eine bedeutende Gründungssumme, zugewendet worden sind, hat neuerdings der Anstalt wiederum eine sehr ansehnliche Schenkung in hochherziger Weise gemacht. Sie schenkte einen etwa 47 Morgen großen Feldplan mit der Bestimmung, daß die jährlichen Pachtzinsen zur Löhnung von ganzen oder halben Freistellen im Gutheilstift für erwerbsunfähige, pflegebedürftige Kriegsteilnehmer in erster Linie aus dem Kreise Delitzsch, verwendet werden. Wenn späterhin Kriegsinvaliden nicht mehr vorhanden sind, sollen die Freistellen an andere unbescholtene Personen, besonders Töchter und Frauen ehemaliger Kriegsteilnehmer, welche bis dahin durch Stundengeben, Nähen oder dergleichen ihren Unterhalt verdient haben, vergeben werden, um ihnen einen sorgenfreien Lebensabend zu bereiten. Die Vergebung der Freistellen steht dem Stiftungsvorstand zu (Vorsitzender Superintendent Schäfer).

14. Oktober
Der bisherige Besitzer des Rittergutes Beerendorf, Herr Lösch, erwarb das Hausgrundstück Ehrenberg-Promenade Nr. 1. Die Übernahme erfolgt erst im nächsten Jahre. Herr Lösch beabsichtigt demnächst in unsere Stadt überzusiedeln.

21. Oktober
Die öffentlichen Gebäude tragen heute Flaggenschmuck. Heute sind es 500 Jahre, daß die Hohenzollern die Regierung unseres Vaterlandes übernommen haben, erst als Kurfürsten von Brandenburg 1415, dann als Könige von Preußen 1701 und schließlich als Kaiser des geeinten deutschen Reiches 1871. Aus diesem Anlaß fanden in allen Schulen und Vereinen Hohenzollernfeiern statt. Des Krieges wegen wurde auf Wunsch des Kaisers von größeren Feiern Abstand genommen.

23. November
Die Stadtverordnetenwahl zeigte diesmal ein recht erfreuliches Bild der Einigkeit unter den Bürgern und Vereinen der Stadt. Trotz der geringen Auswahl im Kriege hat man auch überall die richtigen Männer gefunden. Und schließlich zeigt die Verstärkung der Versammlung, daß man trotz der Kriegszeit fest entschlossen ist, schon jetzt für eine gesunde Fortentwicklung der Stadt nach dem Kriege arbeiten zu wollen.

8. Dezember
Vor Beginn der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung wurde seitens der beiden städtischen Körperschaften die Wahl von Abgeordneten zum Kreistage vorgenommen. Es wurden gewählt: Stadtrat Freyberg (Wiederwahl), Stadtverordneter Veterinärarzt Liebener anstelle des verstorbenen Fabrikbesitzers Schimpf, Stadtv. Lehrer Richter anstelle des Stadtv. Bauer und Stadtv. Kaufmann Max Beyer anstelle des I. Bürgermeisters Rampoldt.

11. Dezember
Aus Anlass eines erfreulichen Familienereignisses spendete Kaufmann Hermann Bahrenburg hier für Hilfsbedürftige 300 Mark an Waren. Ferner gab derselbe heute 50 Mark in bar für die Hinterbliebenen gefallener Krieger und 50 Mark für das Rote Kreuz.

17. Dezember
Ein schändlicher Bubenstreich ist wieder einmal in unserem herrlichen Stadtpark verübt worden. Eine Blautanne, ein besonders schöner Schmuck unserer Anlagen, ist den Frevlerhänden zum Opfer gefallen, die den Baum abgeschnitten haben. Die Polizeiverwaltung hat auf die Ermittlung der Täter eine Belohnung ausgesetzt.


1916

4. Januar
Auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung war im November v. J. die Zahl der Stadtverordneten ungewöhnlich erhöht worden – es wurden 16 Stadtverordnete neu bzw. wieder gewählt. Heute kam es nun zur Wahl des Vorstandes. Es wurde gewählt zum Vorsteher Justizrat Dr. Schulze, zu seinem Stellvertreter Veterinärarzt Liebener, zum Schriftführer Lehrer Richter und zu dessen Stellvertreter Kaufmann Max Beyer. Seit dem 1. Januar besteht ein Veräußerungs- und Verarbeitungsverbot von Schafwolle, Kamelhaaren, Alpaka, Kaschmir und anderen Tierhaaren.

8 Januar
Das Kirchspiel Kallinowen in Ostpreußen, das aus 23 Gemeinden besteht ist der Pflegschaft unseres Kreises anvertraut. Eine Sammlung an Geld, Hausgerät, Kleidung und Wäsche ist veranstaltet worden und hat einen recht erfreulichen Erfolg gehabt. Nun kommt noch eine dringende Bitte an unsere Landsleute, die Bitte um Heu und Stroh als Futter für das Vieh. Amtsvorsteher, Schulzen, Geistliche und Lehrer auf dem Lande werden gebeten, die Sache freundlichst zu unterstützen.

15. Januar
Von Mitte Januar ab tritt eine Einschränkung im Brauereibetriebe ein. Eine Bekanntmachung betrifft die Beschlagnahme und Bestandserhebung von Nußbaumholz und stehenden Nußbäumen.

18. Januar
Die Stadtverordneten beschließen eine Anleihe von 200.000 Mark aufzunehmen, um den Fehlbetrag in der städtischen Kasse, der entstanden ist durch die unterschlagenen baren Gelder aus der Rudloff – Mehley'schen Angelegenheit, aus Kaufgeldern, aus verschiedenen Kriegsausgaben und dem Fehlbetrag des laufenden Haushaltsplans, aus der Welt zu schaffen.

27. Januar
Der diesjährige Geburtstag des Kaisers wurde auf Wunsch von höchster Stelle in diesem Jahr in ganz einfacher Weise begangen. Es fanden Schulfeiern und ein Festgottesdienst in der Peter-Paulskirche statt. Zu einer schlichten ernsten Geburtstagsfeier versammelten sich die Vertreter der Stadt und Behörden im Schützenhause, wo Major Kuntze das Kaiserhoch ausbrachte.

1. Februar
Der heutige Tag bringt eine Bekanntmachung betreffend Beschlagnahme und Bestandserhebung von Web-, Wirk- und Strickwaren. Am 2. Februar tritt die Einführung der Butterkarten ein.

11. Februar
Der Hausbesitzer Wilhelm Häder gehört seit 10. Februar 1866 der hiesigen freiwilligen Feuerwehr als Mitglied an. Während dieser 50 Jahre war er stets ein treuer und eifriger Feuerwehrmann, so daß er den jüngeren Kameraden als Vorbild dienen möge. An seinem Jubiläumstage erhielt er von der Branddirektion ein Dankschreiben übermittelt.

14. Februar
In der Wohnung der Privatmann Lange'schen Eheleute hier, Südstr. 2, entstand in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ein Brand. Durch Hilferufe aufgeschreckt, eilten Saalnachbarn an die Tür des L., wo sie jedoch nichts Verdächtiges vernahmen. Gestern Morgen gegen 7 Uhr erschien L., bat um Hilfe und begab sich wieder in die Wohnung. Da es noch in der Stube des L. brannte, wurde sofort der in der Nähe wohnende Brandmeister T. geholt, der mit Hilfe des Oberfeuermeisters Th. das Feuer löschte. Man fand L. im Korridor betäubt vor, während seine Frau ebenfalls betäubt im Bette lag. Beide befanden sich außer Lebensgefahr. Wie und auf welche Art das Feuer entstanden ist, bedarf noch der Aufklärung.

4. März
Mit dem heutigen Tag sind die Zuckerkarten eingeführt.

26. März
In der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung wurden die städtischen Steuerzuschläge für das Jahr 1916 festgesetzt. Sie betragen bei der Einkommenssteuer 190%, 30% mehr als bisher und bei der Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer 205%, gegen 185% bisher. Es ist dies eine recht unangenehme Steigerung für die hiesigen Steuerzahler, die durch die Kriegsverhältnisse und weiter auch durch die Unterschlagungen "Rudloff-Mehley" verursacht worden sind. Bei den jetzigen durch den Krieg geschaffenen besonderen Verhältnissen ist allen Lehrpersonen jede Mitwirkung bei Verteilung der Zuckertüten und ähnlichen Geschenken an die zu Ostern neu eintretenden Schulanfänger untersagt.

31. März
Die Einbrüche mehren sich. Zu dem vorgestrigen Einbruch in die hiesige Molkerei wird folgendes bekannt: Gegen 1 Uhr nachts hörte der im Molkereigrundstück wohnende Molkereipächter Höhne ein verdächtiges Geräusch. Er ging diesem nach und sah unbemerkt von den Einbrechern, wie diese im Büroraum der Molkerei damit beschäftigt waren, den Geldschrank, den sie bereits angebohrt, zu erbrechen. Sie mußten nun von ihrem Unternehmen Abstand nehmen und flüchteten ohne erkannt zu werden. Ihren Weg beim Einbruch nahmen die Diebe durch den Kohlen- und Maschinenraum, sprengten einige Türen und verschafften sich so Eingang zu dem Büro. Bis jetzt fehlt jede Spur der Einbrecher.

1. April
Der Seilermeister und Schankwirt Wilhelm Rausch von hier, später Schützenhausbesitzer in Delitzsch, jetzt Rentier dortselbst, feiert heute am 1. April bei körperlicher Frische seinen 90. Geburtstag. Sein Geburtshaus, später sein hiesiges Eigentum, hatten nach ihm folgende Besitzer: Gerber, Richter, Große, jetzt Restaurant Görlich. Den älteren hiesigen Einwohnern wird gewiß noch das "Beilicke Spiel" im Garten des Lokals Rausch bekannt sein.

4. April
Der Konditor Hermann Lampe konnte am 1. April auf eine 25jährige Tätigkeit in seinem Betriebe zurückblicken. Er übernahm s. Z. die Konditorei von seinem Vater, der sie im Jahre 1855 gründete. Der Schützenhof-Pächter H. Fischer beging am 1. April sein 25jähriges Geschäfts-Jubiläum. Er übernahm seiner Zeit als erster Wirt den Betrieb nach vollendetem Neubau des Schützenhofes.

17. April
Alle Hausschlachtungen sind verboten. Der Kreisausschuss macht nochmals bekannt, daß das Backen von Stollen und Kuchen verboten ist.

19. April
Nach beschlossener Verordnung über den Verkehr mit Seifen usw. darf die an eine Person in einem Monat abgegebene Menge 100 Gramm Feinseife, sowie 500 Gramm andere Seife oder Seifenpulver oder andere fetthaltige Waschmittel nicht übersteigen. Die Bekanntmachung vom 9. März 1916 über Kakao wird auch auf Kakaopulver und Schokoladenmasse ausgedehnt.

1. Mai
In Deutschland und Österreich wird vom 1. Mai ab die Sommerzeit eingeführt. Danach werden während der Sommermonate vom 1. Mai bis Ende September für die Dauer der Kriegszeit die Stunden um eine Stunde vorverlegt, um die Tageszeit besser ausnützen zu können.

8. Mai
Am gestrigen Vormittag um 11 Uhr fand in Gegenwart einer Anzahl von Mitgliedern unserer städtischen Behörden sowie des Ortsausschusses für Jugendpflege die Einweihung des neuen Jugendheims, Kaiser-Wilhelm-Ring 5, statt. Stadtrat Freyberg, der Vorsitzende des Ortsausschusses, eröffnete die Feier durch eine Ansprache. Bürgermeister Grüneberg sprach im Namen der städtischen Behörden. Im Namen der beiden Arbeitsausschüsse für die männliche und weibliche Jugend sprachen Bäckermeister Platen und Pastor Kohlmann. An diese Eröffnungsfeier schloß sich dann noch eine gemeinsame Sitzung der beiden Arbeitsausschüsse. Auch die Volksbibliothek ist mit dem Jugendheim verbunden, sowie ein Lesezimmer eingerichtet worden.

18. Mai
Nach einer Bekanntmachung wird das Fleisch rationiert und ein Höchstpreis für Butter eingesetzt. Es gibt für die Woche auf eine ganze Fleischkarte 200 Gramm oder 250 Gramm, auf eine halbe Fleischkarte 100 oder 125 Gramm. Der Höchstpreis für Butter im Kleinhandel ist für den Kreis Delitzsch auf 2 Mark 55 Pfennig für ein Pfund, 1 Mark 28 Pfg. für ein halbes Pfund festgesetzt.

31. Mai
Am 28. Mai entschlief in Folge Herzschlages im 88. Lebensjahr eine bekannte Persönlichkeit Major a. D. Friedrich von Busse, der Vater unseres Landrats. Der Verstorbene hat sich um das Wohl des Kreises höchst verdient gemacht. So war er seit 1869 Vorsitzender des landwirtschaftlichen Vereins der Kreise Bitterfeld und Delitzsch und seit 1896 Ehrenpräsident desselben. Dann war er Mitbegründer des Pferdezuchtvereins der Kreise Bitterfeld und Delitzsch, langjähriges Mitglied des Kreisausschusses des Kreises Delitzsch und früherer Kreis-Deputierter, Vorsitzender des Vorstandes der Zuckerfabrik Delitzsch, Ehrenvorsitzender des Kreiskriegerverbandes Delitzsch, Mitbegründer und Vorsitzender der Delitzscher Rübensamenzucht G.m.b.H. usw.

2. Juni
Bei herrlichstem Wetter ging gestern der Eilbotenlauf Delitzsch-Landsberg von statten. Aus allen Teilen des Kreises Delitzsch hatten sich 154 Läufer auf dem 13,7 km langen Wege aufgestellt. Punkt 9 Uhr wurde die Urkunde dem ersten Läufer auf dem hiesigen Marktplatze übergeben. Nach 34 Minuten 25 Sekunden brachte der letzte Mann dieselbe auf den Kapellenberg. Eine für die heutigen Verhältnisse gute Zeit.

10. Juni
Am heutigen Tage konnte Polizei Wachtmeister Kleine auf eine 25jährige Tätigkeit im Dienste der Stadt Delitzsch hinblicken. Aus diesem Anlaß versammelten sich der Magistrat und die städtischen Beamten heute mittag im Rathaus, um dem Jubilar die Glückwünsche zu überbringen. Bürgermeister Grüneberg beglückwünschte den Jubilar im Namen des Magistrats mit einem Ehrengeschenk der städtischen Körperschaften. Stadtsekretär Fricke brachte dem Jubilar im Namen der städtischen Beamten unter gleichzeitiger Überreichung eines Ehrengeschenkes die herzlichsten Glückwünsche dar.

28. Juni
Herr Bankier Hennig und seine Frau geborene Schroeter, Ritterstraße 20 wohnhaft, haben ihr Hausgrundstück mit Garten, Chausseestraße 2, der evangelischen Kirchengemeinde zu kirchlichen Zwecken gestiftet. Nach Auflassung geht das Haus unter dem Namen "Hennig-Schroeter-Haus" in das Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde über.

1. Juli
Sein 25jähriges Dienst-Jubiläum begeht heute Franz Dreike, Siedemeister bei der Delitzscher Zuckerfabrik, dem aus diesem Anlaß von seinen Mitbeamten eine besondere Ehrung zu teil wurde.

5. Juli
Der kirchliche Oberhirte unseres Bezirkes, Generalsuperintendent Professor D. Dr. Gennrich aus Magdeburg, weilte zwei Tage in unserer Stadt. Am Sonntag vormittag besuchte er den Gemeinde- und Kindergottesdienst, am Nachmittag das Jugendheim und das vor drei Jahren von ihm eingeweihte Siechenhaus. Gestern beteiligte er sich an der Tagung unserer Kreissynode. In seiner Ansprache würdigte er die zwanzigjährige hingebende Arbeit des Vorsitzenden der Synode, des Superintendenten Schäfer, der zu unserem aufrichtigen Bedauern bereits am 1. Oktober d. J. von seinen Ämtern scheidet, um in den wohlverdienten Ruhestand zu treten.

14. Juli
Zum Professor ernannt, wurde Oberlehrer Schmiedeberg an der hiesigen Oberrealschule.

15. Juli
Die Fahrradbereifungen sind beschlagnahmt. Am 1. August erfolgt Einführung der Bezugsscheine für Web-, Strick- und Wirkwaren.

10. August
Für die vor wenig Tagen erst vom Vaterländischen Frauenverein ins Leben gerufene Krippe hat Bankier R. Hennig unserer Stadt aus Anlaß seines 70. Geburtstages als ein besonderes Dankopfer 1000 Mark gestiftet. Wie bekannt ist ja auch vor wenigen Monaten von demselben das Grundstück Chausseestraße 2 das "Hennig-Schroeter-Haus" gestiftet worden, in welchem die Krippe eingerichtet ist. Die gestifteten 1000 Mark sollen als Grundstück für einen Betriebsfonds zinsbar angelegt werden, dessen Zinsen für die Unterhaltung der Krippe verwandt werden.

7. September
Am Schluß der gestrigen Sitzung der hiesigen kirchlichen Körperschaften, der letzten die Superintendent Schäfer leitete, widmete Direktor Dr. Wahle namens der Anwesenden dem Scheidenden herzliche Worte des Abschieds. Den Empfindungen des Magistrats gegenüber dem Scheidenden gab Stadtrat Freyberg Ausdruck, zudem er betonte, daß das Zusammenarbeiten des Kirchenpatrons mit dem Superintendenten stets angenehm und von gegenseitiger Achtung getragen gewesen sei. Von seiner Gemeinde wird Superintendent Schäfer in seiner letzten Predigt Abschied nehmen.

25. September
Der gestrige, recht stark besuchte Hauptgottesdienst der Stadtkirche gestaltete sich zu einer schönen und würdigen Abschiedsfeier für unseren bisherigen Oberpfarrer Superintendent Schäfer, der nach mehr als 20jähriger Tätigkeit hierselbst zum letzten Mal zu uns redete. Seine ergreifende Predigt knüpfte er an das Pauluswort: Apostelgeschichte 20,32. Mit dem warmen Scheidegruß: "Lebt wohl, lebt wohl im Herrn" schloß er seine Ausführungen, die Vielen unvergesslich bleiben werden. Sodann versammelten sich im Altarraum die Mitglieder der kirchlichen Körperschaften, um sich von ihrem Vorsitzenden zu verabschieden und ihm nochmals zu danken für Alles, was er der Gemeinde gewesen ist. Diesem aufrichtigen Danke gab Diakonus Ruhmer noch besonderen Ausdruck zugleich im Namen des Hospitals, der Siechenhausstiftung, des evangelisch-nationalen Frauenvereins, des Jungfrauen- und des Jünglingsvereins, des evangelischen Bundes, wie der Herberge zur Heimat und seines verhinderten Amtskollegen. Der Kirchenchor hatte den Gottesdienst mit zwei fein herausgearbeiteten und trefflich vorgetragenen Gesängen umrahmt.

2. Oktober
Mit dem 1. Oktober wurde die Eierkarte und mit dem 2. Oktober die Reichsfleischkarte eingeführt.

16. Oktober
Seinem Leben ein Ende gemacht hat am gestrigen Sonntag abend eine bekannte Persönlichkeit unserer Stadt und Umgegend, Schlossermeister Herrmann Mietzsch, dessen Ehefrau am Sonnabend morgen in der Klinik zu Halle verstorben war. Mietzsch war in früheren Jahren auch durch seine humoristischen Vorträge eine weit und breit bekannte Persönlichkeit.

11. November
Frau verw. Sophie Gebhardt hat der Stadt 1000 Mark vermacht von deren Zinsen ihr und ihres Sohnes Grab in Stand gehalten werden sollen. Nach Ablauf von 30 Jahren fällt dann das Kapital der Stadt zu.

6. Dezember
Nachdem fast ein Jahr lang die Stelle des I. Bürgermeisters vakant war, wurde im August diese Stelle ausgeschrieben. Von den gemeldeten Kandidaten wurden zwei in die engere Wahl gezogen: Bürgermeister Karl Böttcher in Querfurt und Stadtrat Dr. Galle in Zerbst. Bei der am 26. September durch Stimmzettel vorgenommenen Wahl durch die Stadtverordneten wurden 27 Stimmen abgegeben und zwar 21 für Bürgermeister Karl Böttcher und 6 für Stadtrat Dr. Galle. Ersterer war somit auf eine Amtsdauer von 12 Jahren zum 1. Bürgermeister der Stadt gewählt. Heute vormittag 11 Uhr fand nun im Rathaussaale die Einführung des neugewählten 1. Bürgermeisters durch den hiesigen Landrat statt. Es sprachen der Vorsitzende der Stadtverordneten Justizrat Dr. Schulze und für den Magistrat Bürgermeister Grüneberg. Nachdem1. Bürgermeister Böttcher seinen Dank für die herzliche Begrüßung und für das ihm geschenkte Vertrauen ausgesprochen hatte und die Versicherung abgegeben hatte, nur für das Wohl der Stadt zu arbeiten, fand die Verpflichtung des 1. Bürgermeisters durch Handschlag vom Landrat statt. Im Bürgermeisterzimmer versammelten sich um 12 Uhr die städtischen Beamten, die durch Stadtsekretär Fricke ihre Beglückwünschung und Ergebenheit zum Ausdruck bringen ließen. Bürgermeister Böttcher ist Delitzscher Kind. Sein Vater war hierselbst Lehrer, die Mutter lebt noch. Auch seine Gattin stammt von Delitzsch. Somit verbinden enge Fäden den neuen 1. Bürgermeister und seine Familie mit seiner jetzigen Wirkungsstätte.

7. Dezember
Landrat Geheimer Regierungsrat von Busse hat vor einiger Zeit seine Entlassung aus dem Staatsdienst nachgesucht. Vom 1. Dezember ab ist er bereits beurlaubt und die kommissarische Verwaltung des Landratsamtes ist dem Kgl. Regierungsrat von Manteuffel z. Z. Kreishauptmann in Janischki (Verwaltung Litauen) übertragen worden. Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Delitzsch haben in ihrer letzten Sitzung dem Kgl. Landrat Geheimen Regierungsrat von Busse einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt Delitzsch ernannt. Sie wollen damit Herrn von Busse danken für das der Stadt Delitzsch in langer Amtstätigkeit erwiesene Interesse und Wohlwollen und damit gleichzeitig zum Ausdruck bringen, daß auch während der schweren Kriegszeit stets ein gutes Einvernehmen zwischen Kreis- und Stadtverwaltung geherrscht hat.

12. Dezember
Der Privatmann Wilhelm Thier und seine Ehefrau Friedericke geb. Berger haben zur Instandsetzung ihrer Gräber ein Vermächtnis von 2000 Mark der hiesigen Loge gemacht mit dem Zusatze, daß das Kapital an die Stadt fallen sollte, sobald die Loge eingeht. Das Forsthaus ist auf 6 Jahre bis zum 30. Juli 1918 für 700 Mark jährlich verpachtet worden.

22. Dezember
Stadtrat Freyberg ist 25 Jahre Magistratsmitglied. In diesen Tagen ist die Wahlperiode des Herrn Stadtrat Freyberg abgelaufen, und er hat damit sein Amt als Stadtrat niedergelegt. Die Stadtverordneten Versammlung hat ihm aus Dankbarkeit für seine Verdienste den Titel eines Stadtältesten verliehen. Unsere Stadt hat ihm in der Tat viel zu danken. Daß die Eisenbahnwerkstätte nach Delitzsch gekommen, daß die Realschule in eine Oberrealschule umgewandelt wurde und manches andere ist zum großen Teile sein Verdienst. In seine Zeit fällt auch der Bau der Wasserleitung, der Kanalisation und die Erweiterung des Stadtparkes. Möchte seine Wirksamkeit auch auf anderen Gebieten noch lange Zeit unserm städtischen Gemeinwesen erhalten bleiben.


1917

Morgen den 7. Januar wird im Hauptgottesdienst der von dem evang. Oberkirchenrat zum Nachfolger des Superintendent und Oberpfarrer Schäfer bestimmte Pfarrer Hobbing aus Halle-Trotha seine Probepredigt mit anschließender Katechisation halten.

10. Januar
Mit dem heutigen Tage beginnt die Beschlagnahme der Orgelpfeifen.

27. Januar
Auf höhere Anordnung muß der Geburtstag des Kaisers am heutigen Tage in Schulen und Vereinen in einfachsten Formen begangen werden. Der Schuhmachermeister Louis Albitz begeht am heutigen Tage sein 50 jähriges Meisterjubiläum.

30. Januar
Unterm 18. Februar 1915 würdigte die Chronik die Verdienste eines Delitzscher Kindes, Franz Pfordte. Er ist verstorben. Der Tod, der jetzt reiche Ernte hält, hat mit der Abberufung von Franz Pfordte für das Gastwirtsgewerbe eine fühlbare Lücke gerissen. Denn mit Franz Pfordte ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die Hamburg gastronomischen Ruf mitbegründen half und dessen Name nicht nur in Fachkreisen mit Stolz und Ehrerbietung genannt wurde, sondern auch überall bei denen einen guten Ruf hatte, die seine Küche zu schätzen wußten. Das bekannte Restaurant Pfordte hatte Weltruf erlangt und ist vor 50 Jahren hervorgegangen aus dem damals sehr beliebten Restaurant "Wilckens Keller", der sich Ecke Neuerwall un Bleichenbrücke befand.

31. Januar
Reichen Schneefall, so reich wie seit Jahren nicht, hat uns die vergangene Nacht und der gestrige Morgen gebracht. Der Verkehr erfuhr natürlich erhebliche Erschwerungen, die Züge trafen nur mit starken Verspätungen ein.

5. Februar
Dem starken Schneefall der letzten Tage ist nun auch eine bittere Kälte gefolgt. –27 Grad C wurde an frei gelegenen Stellen festgestellt; seit 100 Jahren die kälteste Nacht. Dieser Frost wird in den Gärten, Alleen und Obstplantagen großen Schaden anrichten und angerichtet haben.

27. Februar
Dem Geheimen Justizrat Amtsgerichtsrat Dr. Albanus zu Delitzsch ist die nachgesuchte Entlassung aus dem Justizdienst mit dem gesetzlichen Ruhegehalt erteilt worden. Seinem Wunsche entsprechend tritt er am 1. Juni d.J. in den Ruhestand. Seit dem 1. Juni 1895 hat er als aufsichtsführender Richter an der Spitze des hiesigen Amtsgerichts gestanden.

1. März
Die Glocken sind beschlagnahmt. Am 1. März müssen die zur Ablieferung besimmten Glocken zu Kriegsmaterial abgeliefert werden.

5. März
Honig wird in diesem Jahre von den Imkern nicht zu haben sein. Wie von berufener Seite mitgeteilt wird, hat die Reichszuckerstelle am 20.1.17 verfügt, daß sämtliche zuckerempfangende Bienenzüchter, d.s. wohl 90% aller Imker, ihre Honigerzeugung nach näherer Bestimmung an eine noch zu bezeichnende Stelle abzuliefern haben.

6. März
Durch die Knappheit an Kartoffeln ist der Bedarf an Brotgetreide z.Z. sehr stark. Schnelle und reichliche Brotgetreideablieferung ist deshalb dringend notwendig. Das Verfüttern von Brotgetreide ist verboten und strafbar.

9. März
Der Winter mit all seinen grimmigen Gebärden mit Kälte, Schnee und Eis ist nochmals bei uns eingekehrt. Straßen und Plätze, Wald und Fluren sind meterhoch mit Schnee bedeckt. Der Geschirr-Verkehr ruht völlig. Der Bahnverkehr kann infolge der Schneeverwehungen nur mit größter Anstrengung aufrecht erhalten werden kann.

13. März
In der letzten Nacht ist hier ein Einbruchsdiebstahl verübt worden. Ein Bahnbeamter sah um diese Zeit wie aus den Schuppen der Firma Gotsch und Held Säcke herausgeschleppt wurden. Die näheren Nachforschungen ergaben, daß es sich um Erbsensäcke handelte. 13 Säcke waren bereits in die Hände der Diebe gefallen und am Wege nach der Berliner Bahn aufgestapelt. Beim Herausbringen des 14. Sackes wurden die Diebe gestört. Es gelang ihnen, sich der Verfolgung zu entziehen.

30. April
Gestern nachmittag fand in der Stadtkirche die Einführung unseres neuen Oberpfarrer und Superintendenten Hobbing durch Generalsuperintendent Gennrich aus Magdeburg dem dabei Archidiakonus Kohlmann und der bisherige Superintendenturverweser Pfarrer Graul aus Werbelin zur Seite standen, statt. Im Altarraum waren die Pfarrer des Kirchenkreises versammelt, die Kirche selbst war von einer zahlreichen Gemeinde gefüllt, unter welcher sich auch die Vertreter der staatlichen und kirchlichen Behörden, der kirchlichen Körperschaften und der Organisten von Delitzsch und aus dem Kirchenkreise befanden. Der Kirchenchor erfreute durch den Vortrag der Kleinschen Motette: "Der Herr ist mein Hirte", und Frau Dr. Kurtzhalß sang das "Vaterunser" von Krebs. Die Einführungsrede des Generalsuperintendenten hatte zum Text 1 Kor. 4, 1 "Dafür halte uns jedermann, für Christ, Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse.

10. Mai
Die Stadtverordneten-Versammlung hat unterm 12. Dezember 1916 einstimmig beschlossen, Landrat von Busse anläßlich seines Scheidens aus dem Amte das Ehrenbürgerrecht von Delitzsch zu verleihen, um damit einem Gefühle des Dankes der Stadt Delitzsch Raum zu geben, für das allzeit getätigte Wohlwollen, das Landrat a.D. von Busse während seiner langen Amtszeit der Stadt Delitzsch gegenüber zeigte. Die Überreichung war für heute mittag festgesetzt. Sie erfolgte durch den Ersten Bürgermeister Böttcher, Stadtrat Brembach, Stadtv. Vorsteher Justizrat Schulze und stellv. Stadtverordneten-Vorsteher Veterinärrat Liebener, die sich dieserhalb nach Zschortau begaben. Die Adresse, in künstlerischer Weise hergestellt durch den Leipziger Professor Thiemann einem Delitzscher Kinde, dessen Geburtshaus sich a.d. Schloßplatze befindet, ruht in einer roten Mappe, die außen das Stadtwappen in Gold trägt, während die Innenblätter selbst im Bilde ein Stück Delitzsch zeigen und in gothischen Buchstaben den seinerseitigen Beschluß des Stadtverordneten-Kollegiums enthalten. Sichtlich erfreut nahm Landrat a.D. von Busse mit dankenden Worten die städtische Kundgebung entgegen.

22. Mai
Als Kreistagsabgeordneter gewählt wurde bei der letzten Stadtverordneten Sitzung I. Bürgermeister Böttcher.

24. Mai
Die Kreissynode Delitzsch tagte am 22. Mai in Brehna, woselbst sich Superintendent Hobbing in einer Ansprache der Synode vorstellte. Die Ansprache hatte das Leitwort: "Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen". Das Hauptreferat hielt Pfarrer Schräpler – Schenkenberg über "Die Volksernährungsfragen in unseren Kirchengemeinden."

2. Juni
Mit Beginn des Juni wurde auch das Kupfer der Blitzableiter beschlagnahmt, gegen eiserne Anlagen. In der am 1. Juni stattgefundenen Stadtverordnetensitzung wurde über Einführung des Kriegsnotgeldes für die Stadt beraten. I. Bürgermeister Böttcher trat warm dafür ein. Geplant ist die Herstellung von 50.000 Zehnpfennigscheinen und 10.000 Fünfpfennigscheinen. Erster Bürgermeister Böttcher befürwortet die Vorlage, die Kosten seien nur gering, dürften überhaupt nicht mitsprechen, sondern die Bedürfnisfrage sei maßgebend. Nachdem noch von verschiedenen Stadtverordneten für und gegen die Anschaffung des Kriegsnotgelds gesprochen wurde, wurde die Vorlage angenommen.

8. Juni
Zur Ablieferung der Glocken für Heereszwecke sei folgendes gesagt. In der Ephorie Delitzsch sind auf 33 verschiedenen Türmen in 30 Ortschaften 84 Glocken vorhanden. Nicht alle diese 84 Glocken kommen zur Ablieferung für Heereszwecke. Für die Einziehung sind zunächst die entbehrlichsten Glocken vorgesehen. Auf besonderen Antrag kann eine Läuteglocke behalten werden; auch werden die in geschichtlicher, künstlerischer und glockentechnischer Hinsicht wertvollen Glocken nicht angefordert. Man kann im allgemeinen beruhigt sein, da die Einziehung so gerecht und so milde als nur möglich vor sich gehen wird. Wenn trotzdem die Forderung als eine der härtesten erscheinen will, welche in diesem Kriege gestellt worden ist, solte man sich doch geduldig fügen in dem Bewußtsein, daß sie ihren Dienst für das Vaterland verrichten; für welches uns in diesen ernsten Zeiten kein Opfer zu schwer sein darf.

11. Juni
Mit Genehmigung des Herrn Ministers der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten wird Kreisschulinspektor Roß (Eilenburg 1) vom 1. Oktober d.J. ab seinen persönlichen Wohnsitz von Eilenburg nach Delitzsch verlegen.

18. Juni
Beim Scheiden aus dem Magistratskollegium, dem er lange Jahre als Stadtrat angehörte, wurde – wie bereits schon berichtet – Herrn Stadtrat Freyberg der Dank der Stadt durch Übertragung des Titels Stadtältester zu teil. Die Überreichung der in künstlerischer Weise hergestellten diesbezüglichen Urkunde, geschah in den ersten Tagen voriger Woche.

25. Juni
Anläßlich seines 70. Geburtstages stiftete Rentner Rob. Hennig dem Vaterländischen Frauenverein, dessen Vorstand er als Schriftführer seit einer Reihe von Jahren selbst angehört, zur Ausübung seiner gemeinnützigen Tätigkeit den Betrag von 1.000 Mark in deutscher Reichsanleihe. Demselben hochherzigen Spender dankt der Verein ja bereits die freie Benutzung der Räume für seine Kriegskrippe, die in dem von ihm der Kirchengemeinde gestifteten Grundstück Chausseestr. 2 eingerichtet ist. Abordnungen des Magistrats, des Gemeindekirchenrats und des Vaterländischen Frauenvereins brachten ihm ihre Glückwünsche dar.

12. Juli
Das seltene Fest der Diamantenen Hochzeit konnte heute der hierselbst früher tätige und bereits seit 24 Jahren pensionierte Oberpostschaffner Lüdicke mit seiner Gemahlin feiern. Leider ist der 87jährige Jubelbräutigam, der sich z.Z. im Krankenhaus befindet, nicht mehr so recht auf dem Platze, wie seine Frau, die den Verhältnissen nach immer noch rüstig ist. Die Feier fand heute vormittag 11 Uhr im Krankenhause hierselbst statt, wozu als Vertreter der Stadt Stadtrat Friedrich, seitens des Kreiskriegerverbandes Stadtältester Freyberg und von der Post Postdirektor Fritzsche und eine Deputation erschienen waren. Die kirchliche Feier und Einsegnung nahm Diakonus Ruhmer vor. Nach herzlicher Ansprache und Gebet segnete er das Paar erneut ein. Sodann überreichte Diakonus Ruhmer dem Jubelpaar das Gnadengeschenk des Kaisers. Die erschienenen Vertreter überreichten nun unter innigen Segenswünschen erhebliche Geldgeschenke, während außerdem noch die Beamten der Post für das leibliche Wohl des Paares gesorgt hatten.

17. Juli
Der pensionierte Oberpostschaffner Lüdicke, dem es mit seiner Gattin noch vergönnt war, am vorigen Donnerstag das Fest der Diamantenen Hochzeit zu feiern, ist heute früh im Krankenhaus verschieden.

30. Juli
Auch die Glocken unserer Stadt müssen nunmehr dem Heerrufe folgen. In der Frühe des heutigen Tages wurde mit der Abnahme der Glocken auf dem breiten Turm und der Hospitalkirche begonnen. Der Rat der Stadt Delitzsch hatte 1405 das wüste Dorf Gerlitz nahe dem Sprödeforst, käuflich erworben. Er verkaufte 1450 die eine Glocke der Gerltitzer Kirche an die Altarleute in Schenkenberg, die andere an den hiesigen Bürger Körner, einen Wohltäter der Kirche, der sie dann der Kirche schenkte. Es wird aber nicht gesagt, welche von unseren Kirchen sie erhielt. Einige vermuten in ihr die Glocke, die jetzt als Taufglocke dient, andere wieder meinen, sie sei in die Gottesackerkirche gekommen. Im Laufe der Zeit verfiel die Gottesacker- oder Marienkirche immer mehr, und so brachte man 1544 die eine Glocke als "Seigerschelle" auf dem Stadtkirchturm, die andere in gleicher Bestimmung auf den Breiten Turm; ob diese nun die Gerltitzer Glocke war ist ungewiß. Beide Seigerglocken wurden als solche am Petri – Paulstage 1544 zum erstenmal gehört. Anfang der 60er Jahre des verflossenen Jahrhunderts bekam die Glocke auf dem breiten Turm zwei Risse, daher stellte man 1862 den Anschlag der Glocke gänzlich ein und beschloß den Umguß. Der Glockengießer Jauck übernahm die Arbeit. Die 18 Zentner schwere Glocke wurde zerschlagen und die Stücke wurden einzeln in den Zwinger hinabgeworfen. Die aus dem alten Material hergestellte neue Glocke, eben die heute zerschlagene, wog nur 12 Zentner. Sie wurde am 30. Dezember 1862 punkt 12 Uhr auf den Turm gezogen und vom 6. Januar 1863 an in Gebrauch genommen. Nach Aussage des Dachdeckermeisters O. Kittler, der mit der Abnahme der Glocken betraut ist, soll die Glocke folgende Inschrift tragen: "Mich goß nach dem Sprunge einer größeren für die Stadt Delitzsch Jauck in Leipzig."

14. August
Dem Vaterländischen Frauenverein wurden von dem kürzlich verstorbenen Frl. Walz 300 Mark und dem Frauen-Missionsverein 100 Mark letztwillig überwiesen. Die Kirchengemeinde Spröda, wo ihr Vater Pfarrer war und ihre Eltern begraben liegen, wo sie auch selbst auf ihren Wunsch beigesetzt worden ist., erhielt 400 Mark und Hinternah i.Th. ihr Geburtsort 200 Mark.

3. September
Die diesjährige Sedanfeier gestaltete sich in unserer Stadt als nationaler Jugendtag. Die Schul- sowie die schulentlassene Jugend sowie auch unsere ganze Bürgerschaft beteiligte sich zahlreich daran. Im stattlichen langen Zuge zogen Schulen und Vereine unter Glockengeläut und unter Vorantritt der Kapellen der Jugendwehr und der Knabenvolksschule hinaus nach den Schützenhof, wo Turngauvorsitzender Hampe eine packende Ansprache an die Jugend hielt. Dann entwickelte sich auf dem geräumigen Platze bei mancherlei Turnübungen, Spielen und Reigenvorführungen ein fröhliches buntes Treiben. Ein vaterländischer Abend in "Stadt Leipzig" bildete den Abschluß der Sedanfeier. Superintendent Hobbing hielt einen patriotischen Vortrag. Kantor Müller trug mit dem Kirchenchor einige Lieder exakt vor.

19. September
Mit Beendigung der sog. Sommerzeit ist die Polizeistunde auf 10 Uhr abends festgesetzt. Es haben also alle Gasthöfe und Schankräume um 10 Uhr abends ihren Betrieb zu schließen. Wer länger Gäste in seinen Räumen duldet macht sich strafbar. Eine diesbezügl. amtliche Bekanntmachung erfolgt nicht, da die Verlängerung der Polizeistunde s.Z. nur während der Sommerzeit bewilligt war.

26. September
Folgender Aufruf geht durch hiesige Blätter: Keine deutsche Frau sollte jetzt ihr ausgekämmtes Haar wegwerfen; es gibt einen ausgezeichneten Ersatz für manche fehlenden Stoffe. Sie holt sich ein Beutelchen bei Frl. Fleischer, Eilenburger Str. 12, das unentgeltlich ausgehändigt wird und liefert es wieder ab, wenn es gefüllt ist. Sie hilft dem Vaterlande und dem Roten Kreuz zugleich.

29. September
Die Schulgemeinde Gertitz hat um Aufnahme ihrer zirka 60 schulpflichtigen Kinder in die Knaben- und Volksschule zu Delitzsch während der Dauer des Krieges gebeten und ersucht um Angabe der entfallenen Kosten. Der Magistrat hat beschlossen, die Kinder in gewünschtem Sinne einzuschulen und besondere Kosten nicht zu fordern. Ebenso hat der Magistrat beschlossen, für Aufbesserung des Superintendentur-Gebäudes 750 Mark bereitzustellen.

3. Oktober
Der gestrige Geburtstag des Generalfeldmarschalls Hindenburg wurde in ganz Deutschland als großer Festtag begangen. Auch Delitzsch feierte diesen Tag. Die ganze Stadt prangte im Festschmuck. Nicht nur von den öffentlichen, sondern auch von den meisten privaten Gebäuden wehten die deutschen Flaggen herab und bekundeten so ihre Verehrung für Hindenburg. Abends fand dann im Schützenhaussaale eine erhebende Hindenburggedenkfeier statt. Der Saal konnte alle Erschienenen nicht fassen und viele mußten umkehren. Es sprachen Landrat von Manteuffel, Diakonus Ruhmer und Seminardirektor Bär. Der Abend wurde verschönt musikalische Vorträge des Kirchenchors unter Leitung von Kantor Müller, Gedichte und ein von Lehrer Reinboth einstudiertes, herzerfrischendes und mit Fleiß vorgetragenes Soldatenknabenspiel. Mit dem Schlußgesang "Deutschland, Deutschland über alles" fand die gut gelungene Kundgebung ihr Ende.

4. Oktober
Am 1. Oktober trat aus dem Schuldienst in den wohlverdienten Ruhestand der hier allgemein bekannte und geschätzte Lehrer Oskar Reime. Er hat seit Ostern 1879 der hiesigen Schule treu gedient, nachdem er vorher an zwei anderen Orten tätig war. Nach Schulschluß versammelten sich Lehrer und Lehrerinnen der Mädchenvolksschule in der von den Schülerinnen der beiden ersten Klassen mit Blumen geschmückten Turnhalle zu einer kurzen Abschiedsfeier. Rektor Burchard sprach in warmen Worten den Dank der Schule für treue Arbeit und segensreiche Wirksamkeit aus und überreichte im Namen des Kollegiums als Zeichen der Verehrung ein Andenken. Stadtrat Brembach überbrachte den Dank der städtischen Behörden. Die Schülerinnen der oberen Klassen sangen ihrem verehrten scheidenden Gesangslehrer ein Abschiedslied unter Leitung von Lehrer Wernicke. Eine Ordensauszeichnung hatte Herr Reime abgelehnt.

2. November
Die 400jährige Wiederkehr des Reformationstages wurde auch in Delitzsch in überaus ernster und eindrucksvoller Weise begangen. Vor allem hatten sich die Schulen mit Lehrern und Schülern bereitwilligst in den Dienst der großen Sache gestellt und die Hauptarbeit übernommen. Besonders waren es zwei Gesangschöre, beide aus Männer- und Frauenstimmen bestehend, die die Einübung der Gesänge übernommen hatten, zunächst der Kirchenchor unter Leitung von Kantor Müller und ein neu gebildeter Chor, aus Frauen, Jungfrauen, Oberrealschülern, Seminaristen und Präparanden bestehend, unter der Leitung von Seminarmusiklehrer Heine. Dazu kam noch ein Kinderchor. Die Soli hatte Frau Martha Kurzhalß freundlichst übernommen. Es sollte das Lutherfestspiel von Paul Quensel zur Aufführung in unserer Stadtkirche kommen. Am Abend des 30. Oktober kam der erste Teil des Festspiels zur Aufführung. Die Kirche war übervoll. Die Feier des 31. Oktober begann morgens um 8 Uhr mit Glockengeläut und Choralblasen. Um 10 Uhr war Festgottesdienst, der wieder ein volles Gotteshaus sah. Die beiden Diakonen hielten die Liturgie, Superintendent Hobbing hielt die Predigt über 1. Joh. 5,4; "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." Die Gesangchöre leisteten das Beste, ebenso die Darbietungen des zweiten Teils des Lutherfestspiels. Die gesamte Festfeier hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

27. November
Der aufsichtsführende Richter am hiesigen Amtsgericht, Amtsgerichtsrat Dr. Römpler ist plötzlich und unerwartet in vergangener Nacht einem Herzschlag erlegen. Der Verblichene hat nur ein Alter von 47 Jahren erreicht; er war am 8. September 1870 geboren und amtierte, von Erxleben kommend, seit 15. September 1907 am Delitzscher Amtsgericht Aufsichtsführender Richter an diesem war er seit vorigem Jahre.

1. Dezember
In der hiesigen Strafanstalt auf dem Schlosse werden an 200 Spioninnen interniert, deren Seelsorge einem katholischen polnischen Priester übertragen ist. Für die weiblichen Strafgefangenen evangelischen Glaubens übernimmt die Seelsorge der hiesige dritte Geistliche Pfarrer Ruhmer als Nachfolger eines hauptamtlich angestellt gewesenen Gefängnisgeistlichen, Pfarrers Erich Eyßell, der sein Amt mit Kriegsbeginn niedergelegt hat. Die schon in den Vorjahren schwerempfundene Lebensmittelknappheit nimmt immer härtere Formen an. Vor den Ausgabestellen der Lebensmittel werden die von Käufern gebildeten Schlangenlinien zur bitteren Gewohnheit. (Ich weise hin auf die Kriegschronik der Stadt Delitzsch)


1918

Mit der Führung der Geschäfte beim hiesigen Amtsgericht wurde vom 1. Januar ab Amtsgerichtsrat Rother betraut. Assessor Mielke ist vom hiesigen Amtsgericht weg als Hilfsrichter an das Landgericht Stendal versetzt.

4. Januar
Vom 1. Januar ab treten folgende Erzeugerhöchstpreise in Kraft: Rote Speisemöhren 8 Mark, gelbe 6 Mark, runde kleine Karotten 13 Mark, Weißkohl 6,50 Mark, Wirsing- und Grünkohl 10 Mark, Rotkohl 10,50 Mark, Zwiebeln 13 Mark, Sellerie ohne Kraut 40 Mark, Meerettich I 45 Mark, II 35 Mark, III 25 Mark, Rote Rüben 14 Mark, Schwarzwurzeln 50 Mark je Zentner. Die bekannten Erzeugerhöchstpreise für Obst sind um 15 Prozent erhöht. Sie betragen z.B. in der Gruppe I für Äpfel 46 Mark, für Birnen 40,25 Mark je Zentner. Der Erzeugerpreis für Wallnüsse ohne grüne Schale ist z.Z. 70 Pfg. für das Pfund.

8. Januar
Am heutigen Tage kann der Schuhmachermeister Karl Brendecke sein 50-jähriges Meisterjubiläum begehen. Dem Jubilar wurden seitens des Vorstandes der Schuhmacherinnung verschiedenere Ehrungen und ein Diplom der Handwerkskammer übermittelt.

15. Januar
Verhaftet wurde am Sonntag früh der Kaufmann Richard Beyer, Inhaber der Firma Bruno Beyer hierselbst. Die Gründe zu B´s Verhaftung, der seit längerer Zeit in der Lebensmittel-Abteilung des Landratsamtes Bitterfeld tätig war, können solange die polizeiliche Untersuchung schwebt, hier nicht erörtert werden.

22. Januar
Aus Imkerkreisen wird mitgeteilt, daß die Bienen bereits ausgeflogen sind. Im allgemeinen verheißt das ein zeitiges Frühjahr, was zu hören wohl vielen recht angenehm sein dürfte. –Das seit einigen Tagen eingetretene milde Wetter lockt übrigens schon die Maikäfer hervor. Einer dieser Gesellen, ein großer ausgewachsener Bursche, dem man eine Lebensmittel-Rationierung nicht ansah, wurde uns gestern bereits pflichtmäßig überbracht.

23. Januar
Die Stadtverordneten beschließen in ihrer heutigen Sitzung Oberlehrer Krebs, der schon 3 Jahre als Hilfslehrer an der Oberrealschule tätig ist zum 1.4.1918 entgültig an zustellen. Das Provinzial –Schulkollegium ist mit diesem Beschluß einverstanden. Die Stadtmühle wird für den Pachtpreis von 800 Mark an den bisherigen Pächter weiter verpachtet.

27. Januar
Die Kaiser–Geburtsfeier am heutigen Tage wurde auf besonderen Wunsch des Kaisers im einfachen Rahmen begangen. In der Stadtkirche fand Festgottesdienst statt. Die Schulen begingen den Tag durch Festfeiern in ihren Schulen, wo Ansprachen gehalten, Gedichte und Lieder vorgetragen wurden. Die Vereine feierten in den Sälen der Stadt. Die Stadt war an dem Tage reich beflaggt.

1. Februar
Das Schlangestehen vor den Lebensmittelgeschäften, wo zur Sättigung nur völlig unzureichende Mengen abgegeben werden können, wird für die vereinsamten Hausfrauen allmählich zu einer drückenden Last. Doch kommt es in der Stadt Delitzsch nicht zur offenen Empörung.

13. Februar
In der heutigen Stadtverordneten–Sitzung wurde die Weiterverpachtung der Gastwirtschaft im Forsthause an die Dampfbierbrauerei Uhlmann unter den bisherigen Bedingungen auf zunächst weitere zwei Jahre.

16. März
Der beim Kreis-Auschuß angestellte Assistent Neumann ist zum Kreis–Ausschuß–Sekretär befördert worden.

21. März
Schuhmachermeister Wilhelm Arndt begeht heute sein 50-jähriges Meisterjubiläum. Es wurde ihm durch Herrn Adolf Tauche im Auftrag der Handwerkskammer zu Halle das Goldene Meisterdiplom überreicht. Die Schuhmacher–Innung übermittelte dem Jubilar durch Obermeister Zeising ihre Glückwünsche. Das gleiche tat die Rohstoff–Genossenschaft durch ihren Vorsitzenden Paul Schmidt, da Arndt Mitbegründer dieser Genossenschaft ist. Der Jubilar ist der letzte der sogen. Gewerbefreiheit.

25. März
Eine Windelwoche soll in unserem Delitzscher Bezirk von 6. – 13. April veranstaltet werden. Beim Lesen dieses Wortes wird vielleicht ein Lächeln über manches Antlitz gehn, aber wer die Not der Familien kennt, in denen während des Krieges ein oder auch mehrere Kriegskinder geboren wurden, der wird von der Notwendigkeit einer solchen Veranstaltung voll und ganz durchdrungen sein.

18. April
Der frühere Stadtrat, jetzige Stadtälteste Spangenberg konnte am heutigen Tage sein 50-jähriges Bürgerjubiläum begehen. Aus diesem Anlaß übermittelten heute morgen Erster Bürgermeister Böttcher und Stadtrat Brembach dem Jubilar unter Überreichung einer Blumenspende die Glückwünsche der Stadtverwaltung.

7. Mai
Vor 20 Jahren war das Wort Jugendpflege noch nicht ein so bekanntes Wort wie heute. Die Kirche war es, die mit zuerst die Notwendigkeit erkannte, der schulentlassenen Jugend sich anzunehmen. Die Seelsorger hatten ja besonders bei ihrer seelsorgerischen Tätigkeit reichlich Gelegenheit wahrzunehmen wie hier in der Erziehung eine Lücke war. Sie haben diese Aufgabe auf sich genommen und die Jugend in Vereinen zu sammeln gesucht. Zunächst war es fast allgemein die männliche Jugend, die man in Jünglingsvereinen sammelte, aber bald gesellten sich dazu auch die Jungfrauenvereine. So ist es auch in unserer Gemeinde gewesen. Der Ev. Männer- und Jünglingsverein bestand bereits mehrere Jahre als dann auch der Jungfrauenverein hinzukam. Er besteht nun bereits 20 Jahre. Das 20. Jahresfest, das der Verein zur Himmelfahrt feiert, ist darum ein wichtiges Ereignis.

14. Mai
Die Oberschwester des hiesigen städtischen Krankenhauses beging gestern Sonntag den 40. Jahrestag ihres Schwesternberufs. Magistrat und Abordnungen des Stadtv. Kollegiums, sowie das Krankenhauspersonal hatten sich aus Anlaß dessen in der Frühe des gestrigen Tages zu einer kleinen aber eindrucksvollen Feier im Krankenhaus zusammengefunden. Erster Bürgermeister Böttcher überreichte Oberschwester Marie Kopacek die Rote Kreuz -Medaille, 3. Klasse.

15. Mai
Zum Wohle der Kleinsten der Kleinen ist man hierselbst, anschließend an den schon bestehenden Kinderhort, zur Gründung einer Krippe geschritten. Sie soll die Jüngsten tagsüber betreuen, während deren Eltern ihren Berufspflichten nachgehen. Auf Antrag des Frauenvereins haben Stadtverordnete und Magistrat in der letzten Sitzung einmütig beschlossen, der Krippe den Betrag von 1000,- Mark zu bewilligen. Demselben Zweck war der gestrige Kunstabend im Schützenhaus gewidmet. Es hatten sich zu diesem Abend zur Verfügung gestellt Postdirektor Hauptmann Lincke als Meister am Klavier, die Lehrerin an der höheren Mädchenschule Frl. Hedwig Weißberger als eigentliche Veranstalterin des Abends mit ihren vorzüglich vorgetragenen Zeitgedichten und Balladen, unsere heimische Gesangsdiva Frau Dr. Kurtzhalß und die als Gast herbeigeeilte Barfußtänzerin Frl. Lise Abt-Hildesheim. Der wohlgelungene Abend erbrachte eine Brutto-Einnahme von 472,- Mark. Nach Abzug der Unkosten konnten der Krippe 200,- Mark zugeführt werden.

23. Mai
Dem Wagenbauer Fritz Kaspar hier wurde für Verdienste um das Feuerlöschwesen in seiner Eigenschaft als Kreisspritzenrevisor das Feuerwehr-Erinnerungszeichen verliehen, das ihm durch Ersten Bürgermeister Böttcher unter Hervorhebung und Anerkennung seiner Verdienste, die er sich als Spritzenmeister der hiesigen Freiwilligen Feuerwehr und als Kreisspritzenrevisor um das Feuerlöschwesen erworben hat, heute überreicht wurde. Gleichzeitig beging Fritz Kaspar gestern mit seiner Ehefrau das Fest der silbernen Hochzeit und sein 25jähriges Meister- und Geschäftsjubiläum.

1. Juni
Der Obermeister der hiesigen Schmiedeinnung Oswald Morgner, Wiesenstraße, begeht heute sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. Aus kleinen Anfängen heraus ist sein Betrieb heute zu großem Ansehen gelangt; vor allem durch Lieferung von schmiedeeisernen Sattlerbedarfsartikeln, die weit in Deutschland Verbreitung finden.

4. Juni
In der am 3. d. Mts. in Halle a.S. stattgefundenen Sitzung des Hauptverbands-Ausschusses des Feuerwehr-Verbands der Provinz Sachsen wurde der Vorsitzende des hiesigen Feuerlöschwesens Branddirektor F. W. Schultze zum Verbands-Vorsitzenden des Feuerlöschwesens der Provinz Sachsen gewählt. Branddirektor Schultze gehört der hiesigen Feuerwehr über 35 Jahre als Mitglied an, seit 25 Jahren ist er als Brandmeister und Stellvertreter des Branddirektors tätig. Dem Feuerwehrverband des Kreises Delitzsch steht er seit 1910 und dem Feuerwehrverband des Regierungsbezirks Merseburg seit 1915 als Leiter vor; über 15 Jahre gehört er dem Feuerwehrverband der Provinz Sachsen als Ausschußmitglied an. Seit dem 1. Januar 1915 ist er der Vorsitzende des hiesigen Feuerlöschwesens und Branddirektor.

7. August
Der in unserer Stadt nebenamtlich geleitete öffentliche Arbeitsnachweis trägt einen privaten Charakter. Die Regierung hat nun zu verschiedenen Malen für Delitzsch die Errichtung eines öffentlichen Arbeitsnachweises für männliche und weibliche Arbeiter, der dem Verband der öffentlichen Arbeitsnachweise angegliedert ist, gefordert. Magistrat schlägt vor, im Prinzip der Errichtung eines öffentlichen Arbeitsnachweises zuzustimmen, in der Voraussetzung, daß der Kreis die Hälfte der Kosten für die Einrichtung und weiter dauernd die Hälfte der entstehenden Betriebskosten trägt. Geplant ist als evtl. späteres Geschäftslokal das frühere Meley'sche Haus.

19. August
In der Nacht vom 15. zum 16. August wurde die Delitzscher Zuckerfabrik von Dieben heimgesucht. Sie nahmen 7 Zentner Zucker mit. Der benachrichtigten Polizei gelang es bald, in dem Arbeiter Thomas, Südstr. 9, den Haupttäter zu ermitteln. Eine Haussuchung förderte dann auch 1 ½ Zentner des gestohlenen Gutes zu tage. Nun sind auch zwei weitere Mittäter festgestellt worden, der Maurer Hause und der Arbeiter Mühlberg. Die drei Diebe wurden nach Halle in Sicherheit gebracht. Dieser jetzt aufgeklärte Diebstahl hat große Ähnlichkeit mit den im Mai und Juni in der Delitzscher Zuckerfabrik verübten Diebstählen. Beweise dafür, daß die jetzigen Diebe auch als Täter in Betracht kommen, konnten aber bisher nicht beigebracht werden.

3. September
Des Sedantages wurde in Schulen und Vereinen dieses Jahr in einfachster Form gedacht. Der Mobilmachungsausschuß hatte für diesen Tag unsern, während des Krieges so bekannt und beliebt gewordenen Landsmann, den Dichter und Schriftsteller Max Jungnickel, gewonnen, der sich freundlichst bereit erklärt hat, einige seiner Dichtungen vorzulesen. Jungnickel besuchte einst das hiesige Seminar, und ein Bruder von ihm, der Eisenbahnbeamte a.D. Hugo Jungnickel; wohnt heute noch hier. Max Jungnickels bekannteste Schriften sind "Pater Himmelhoch", "Lachendes Soldatenbuch", "Trotz Tod und Frauen","Vom Frühling und Allerhand". Aus diesen Schriften las er vor sowie aus seinem letzten noch nicht erschienenen Werk "Jakob Heidebuckel". Die bekannte heimische Künstlerin Käte Schimpf sang, begleitet von ihrem Vater, dem Musikdirektor Straube aus Wittenberg, in vollendet Schöne einige Lieder. "Der Schwan" hatte ein übervolles Haus.

4. September
Der Magistrat hat sich aus bestimmten Gründen entschließen müssen den Milchpreis pro Liter Vollmilch auf 40 Pfennige heraufzusetzen.

14. September
Delitzsch's Ehrenbürger, Herr Stadtrat a.D. Privatmann Gustav Schultze, Vater des Stadtv. Vorstehers Justizrat Schultze, begeht heute seinen achtzigsten Geburtstag. Zu diesem denkwürdigen Tage beglückwünschte ihn eine Abordnung der städtischen Körperschaften, bestehend aus den Herren I. Bürgermeister Böttcher, Stadtrat Brembach und stellv. Stadtv. Vorsteher Veterinärrat Liebener, die dem Jubilar dabei ein herrliches Blumengebinde namens der Stadt überreichte. Auch die Feuerwehr ehrte besonders ihr altes Mitglied, das 50 Jahre in ihren Reihen gestanden hatte. Branddirektor Schulze und die beiden Brandmeister Kasper und Tauer sprachen ihre Glückwünsche aus.

18. September
Da der vordere Teil des alten Friedhofs mit Grabstätten bald belegt ist beschließen die Stadtverordneten die Einebnung und Neubelegung des zweiten Südteils des alten Friedhofs. Die Kosten sind auf 500 Mark veranschlagt. Weiter beschlossen Magistrat und Stadtverordneten hervorgerufen durch die Preiserhöhung auf allen Gebieten die Bewilligung von Teuerungszulagen an Pensionäre, Beamte und Arbeiter der Stadt unter Zugrundelegung der staatlichen Sätze. In derselben Sitzung unterbreitete Stadtv. Vorst. Justizrat Dr. Schultze dem Magistrat folgende Resolution: "Die Stadtverordneten-Versammlung ist der Ansicht, daß die jetzige Ernährung unserer Bürgerschaft vollkommen unzureichend ist und bittet den Magistrat Abhilfe zu schaffen.

19. September
Im August wurde die Einführung fleischloser Wochen beschlossen, sie sollen bis zum Januar
1919 beibehalten werden.

20. September
Über die Notwendigkeit des Ausbaus deutscher Wasserstraßen hat Oberbaurat Rehder einen gigantischen Plan entworfen. Rehder sieht für das große norddeutsche Kanalnetz drei Hauptlinien vor. Die eine geht von Hamburg aus an die bayrischen Kanäle. Die zweite knüpft an den Mittelkanal an. Die dritte führt von Frankfurt a/M über Halle. Von diesen Hauptlinien gehen dann Nebenlinien und Stichkanäle aus. Der Kanal von der Saale nach Belgern ist ein Stück der dritten Hauptlinie. Er geht von Halle weiter südlich von Brehna und westlich von Zaasch. Dort teilt er sich in zwei Arme. Der südliche läuft auf der Südseite von Zaasch nach Delitzsch, überschreitet nördlich von Schenkenberg den Lober, kreuzt dann die Bahn nach Leipzig und erreicht in der Nähe von Werben den Hafen, der für Delitzsch in nordsüdlicher Richtung und rund 1 Kilometer Länge in dem Raume zwischen der Eisenbahnbetriebswerkstätte und dem Wege von Delitzsch nach Werben angelegt ist. Von Delitzsch aus wird der Hauptkanal weiter geführt. Er geht nördlich an Werben vorüber durch die Spröde, an Torgau vorbei und erreicht oberhalb Belgern den Elbstrom und sodann über die Elbe weiter.

10. Oktober
Am 1. Oktober vor 25 Jahren wurde die Bahnsteigsperre eingeführt. Früher hatte jedermann Zutritt zu dem Bahnsteig, und namentlich in kleinen Orten machte sich das besonders die Jugend zunutze, die die Passagiere der vorüberflitzenden Schnellzüge ehrfürchtig bestaunte. Damals vollzog sich der Eisenbahnbetrieb noch in gemütlicheren Formen. Wenn sich der Zug in Bewegung setzen sollte, dann forderte ein zweimaliger Glockenschlag die Passagiere zum Einsteigen auf, ein dreimaliger Glockenschlag besagte, das alles soweit sei. Jetzt pfiff der Bahnhofsvorsteher, die Lokomotive pfiff wieder und nach diesem feierlichen Zeremoniell konnte es in die weite Welt hinausgehen.

17. Oktober
Ein furchtbares Drama hat sich um Verlaufe des gestrigen zum heutigen Tage hierselbst, Zeppelinstraße 7, zugetragen. Der Tischler Alfred Storck hat sich mit seiner Ehefrau und seinen zwei Kindern im Alter von 8 und 9 Jahren, nachdem er den Kindern mit einem Rasiermesser den Hals angeschnitten hatte, durch Gas vergiftet. Das Motiv dieser Tragödie ist Kranksein beider Eheleute (die Frau war schwer lungenkrank und sah ihrem baldigen Ende entgegen). Der Selbstmord geschah in vollem Einverständnis beider Eheleute. Sie hatten am Tage vorher ihr Testament gemacht, ihre Sparbücher auf dem Tische ausgebreitet und Schreiben an ihre Verwandten in Schlesien hinterlassen, die auch ihre Erben sind.

22. Oktober
Die Grippe-Erkrankungen haben in letzter Zeit in Delitzsch und der Umgegend stark überhand genommen. Der hiesige Landrat ersucht aus Anlaß dieser Erkrankungen in einer Bekanntmachung die Ortspolizeibehörden in allen Ortschaften, in denen die Grippe in größerem Umfange auftritt, öffentliche Versammlungen und Aufführungen zu verbieten und bei Beerdigungen diejenigen Vorsichtsmaßnahmen, die bei übertragbaren Krankheiten vorgesehen sind, anzuordnen.

9. November
Laut Telegramm hat der Kaiser und König sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers und dem Thronverzicht des Kronprinzen sowie der Einsetzung der mit der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, der Regierung die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetz-Entwurfs wegen der sofortigen Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine Verfassunggebende Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des deutschen Volkes, einschließlich der Volksteile, die ihre Einverleibung in das Reichsgebiet wünschen sollten, entgültig festzusetzen. Der 9. November ist der Tag der Verkündung der Staatsumwälzung (Revolution) auch in Delitzsch.

11. November
Der schmachvolle Waffenstillstand von Compiegne ist heute abgeschlossen worden. Die deutschen Bevollmächtigten standen unter Führung des Zentrumsmannes Erzberger. Dieser hat auch den Waffenstillstand unterzeichnet. Der furchtbare Krieg hat auch von der Delitzscher Bewohnerschaft überaus große Opfer gefordert. Nach den Feststellungen der Religionsgemeinschaften der Stadt sind bis zum heutigen Tage in diesem Kriege gefallen, vermißt oder an empfangenen Wunden gestorben 537 Delitzscher Kriegsteilnehmer evangelischen, 22 katholischen und israelitischen Bekenntnisses, zusammen 560 heldenbrave Männer, deren Andenken unvergessen bleiben wird.

13. November
In der heutigen Stadtverordneten-Sitzung wurde der Antrag eingebracht, der Magistrat möge mit Rücksicht auf die veränderte politische Lage sofort Neuwahlen für das Stadtverordneten-Kollegium ausschreiben.

13. November
Wie überall so hat sich auch in Delitzsch ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der heute seine erste Sitzung abhält. Zum Vorsitzenden wurde Buhle, zu seinem Stellvertreter Hampe und zum Schriftführer Förster gewählt.

16. November
Die zweite Sitzung des Arbeiter- und Soldaten-Rates tagte gestern Freitag von 4-6 Uhr im Rathaus-Sitzungssaale unter Leitung des Vorsitzenden des Vollzugs-Ausschusses Buhle. Es stand folgendes zur Erledigung:

a) Festlegung der Anwesenheitsliste
b) Wahl von Delegierten zum gemeinsamen Ausschuß der Räte Delitzsch und Eilenburg
c) Einführung des Achtstunden – Arbeitstages
d) Weiterbehaltung bzw. Aushändigung der Jagdwaffen an Besitzer
e) Entschädigung der Räte für versäumte Arbeitszeit während der Ausübung ihrer Funktionen
f) Festlegung der Polizeistunde

21. November
Der Leiter der städtischen Nahrungsmittelzuteilungsstelle Dr. Kleeberg ist heute seines Amtes enthoben worden. Geheimer Medizinalrat Dr. Kornalewsky ist mit dem 15. November in den Ruhestand getreten. In die von ihm inne gehabte Kreisarztstelle tritt Kreisarzt Medizinalrat Dr. Krefting, dessen Wohnung sich vorläufig im Gasthaus zur Linde hierselbst befindet.

26. November
Dem Bauernrat für Delitzsch, der gestern abend sich zusammengesetzt hat gehören an: Baumschulenbesitzer Walter Pönicke, Gutsbesitzer Albert Scharff und Landwirt Alwin Große. Aus dem Kreise der Arbeitnehmer wurden hineingewählte Obergärtner Otto, Geschirrführer Tauer und Geschirrführer Küster.

28. November
In vergangener Nacht, vermutlich in der ersten Stunde, haben Diebe das am Markt gelegene Konfektionsgeschäft der Firma Otto Freitag heimgesucht und Waren im Wert von etwa 20.000 Mark erbeutet. Die Diebe haben mit großer Sachkenntnis gearbeitet, sodaß man unwillkürlich zu der Neigung hinlenkt, es mit Fachleuten zu tun zu haben. Die Diebe haben die besten Stoffe und sonstige Sachen als Taschentücher, zwei Dutzend Herren Unterhosen, Seidenstoffe, verschiedene Damenkonfektionen, zwei Pelze, 15 Damenmäntel mitgehen heißen. Sie haben das gestohlene Gut in Ballen gepackt und diese dann, nachdem sie erst noch die Ladenklingel zerschnitten und die Ladentür aufbrachen, zur Ladentür hinausgeschafft. Auf Herbeibringung des gestohlenen Gutes sind 2000 Mark Belohnung vom Verlustträger festgesetzt.

29. November
Gestern abend 7 Uhr traf das Ersatz Bataillon Landwehr – Infanterie Regiments Nr. 30 in Stärke von ungefähr 180 Mann hier ein und wurde im Schloß untergebracht. Das Infanterie Regiment Nr. 30 selbst und diesem sämtliche angegliederten Formationen, deren Stärke jedoch noch nicht bekannt ist, kommt später hierher. Das Infanterie Regiment Nr. 30 hatte seine Friedensgarnison in Saarlouis (Rheinland) und muß diese solange mit unserem Ort vertauschen, bis die kommenden Friedensverhandlungen über sein zukünftiges Schicksal entschieden haben.

1. Dezember
Mit dem heutigen Tage tritt als Nachfolger für den im Kriege gebliebenen Dr. Conradi der neue Direktor der Landwirtschaftsschule bezw. Landwirtschaftlichen Winterschule Direktor Martin Schöne aus Merseburg hier sein Amt an und eröffnet mit den zur Aufnahme gelangten Schülern für die noch zur Verfügung stehenden Wintermonate einen Notkursus.

21. Dezember
Heute traf das Reserve – Regiment Nr. 30 hier ein und wurde in Schulgebäuden und Sälen untergebracht. Morgen soll der Einzug des aktiven Regiments Nr. 30 erfolgen. Der Bestand dieser Regimenter ist verhältnismäßig gering, da er nur noch die 4 Jahrgänge 1896 –1899 umfaßt. Die älteren Jahrgänge sind bereits entlassen worden.

31. Dezember
Viel ernster und würdiger fanden in diesem Jahre die Weihnachtsfeiern statt. Sonnabend den 23. Dezember bereiteten Schwester Martha und Helene den 66 Kindern, die das ganze Jahr hindurch trotz der Schwere der Zeit zum Segen so mancher Familie an Leib und Seele gut gepflegt und gehütet werden, eine schlichte schöne Feier. Sonntag den 22. Dezember fand abends im Krankenhaus eine Weihnachtsfeier statt, wozu auch Vertreter der Stadt und der Krankenhauskommission sowie Freunde und Gönner des Krankenhauses erschienen waren. Dank der Opferfreudigkeit edler Spender und der Mühewaltung der Schwestern konnten bei beiden Feiern reichlich Gaben verteilt werden. Unter den Kranken befanden sich auch eine Anzahl Soldaten. Am 1.Weihnachtsfeiertag fand im "Schwan" eine Begrüßung unserer heimgekehrten Krieger statt. Es sprachen Stadtrat Freyberg und Pastor Ruhmer. Musikalische Darbietungen wurden von Frau Schimpf-Straube, Frl. Fricke, Kantor Müller und Organist Sauerteig geboten. Eine schöne Weihnachtsfeier für das jetzt in unserer Stadt weilende aktive Inf. Reg. Nr.30 fand am 28.12. abends im Schützenhause statt. Es sprachen Stadtrat Kläning und Stadtältester Freyberg. Ein Schülerchor sang Weihnachtslieder. Unter die Soldaten wurden Weihnachtspakete verteilt. Der Regimentskommandeur dankte für die freundliche Aufnahme in Delitzsch und für die schöne Feier.