Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1919

5. Januar
Der Vollzugsausschußvon Delitzsch gibt bekannt, daß laut Beschluß des Arbeiter- und Soldatenrates für Delitzsch eine Sicherheitswache gebildet wird. Meldungen werden im Büro, Rathaus, Zimmer 34 und im Roten Löwen entgegengenommen. Es werden nur ältere, zuverlässige, mit der Waffe ausgebildete Leute berücksichtigt. Ein Mord unter eigenen Begleitumständen geschah gestern abend auf dem Berliner Bahnhof. Zum Abendzug nach Leipzig hatten sich wie stets viele Personen im Vorraum versammelt. Mit einem bekannten Delitzscher Herrn im Gespräch stand dort auch der Handlungsgehilfe Strauß - Zschortau, der früher bei Firma Gotsch und Held beschäftigt war. Plötzlich fiel ein Schuß und traf den Strauß in den Hals, der umfiel und sofort tot war. In Verdacht stehen 3 Soldaten, die kurz vor dem Vorgang des Falles in die Wartehalle eingetreten waren, davon einer mit geschulterten Gewehr. Sie verließen nach dem Fallen des Schusses eiligst die Wartehalle nach dem Sorauer Bahnhof zu. Keiner wagte sie zu stellen. Zur Klärung trifft heute ein Kriminalkommissar aus Halle ein. Durch Einbruchdiebstahl geschädigt wurde in vergangener Nacht die Firma Hermann Bahrenburg. Die Einbrecher erbrachen den Rolladen eines der großen Schaufenster und drückten das Fenster ein. Im Laden wurden sämtliche Seidenblusen im Wert von 6000 Mark, Kleiderstoffe im Werte von etwa 10.000 Mark, sowie Wollwaren im gleichen Betrage und vieles andere gestohlen. Außerdem soll Wäsche, Ketten, Spangen und andere Ware für mehr als 4000 Mark mitgenommen worden sein. Der Gesamtverlust wird auf über 35.000 Mark geschätzt, der umso schwerer wirkt, als eine Versicherung gegen Diebstahl nicht bestehen soll.

29. Januar
Die gestern nachm. 4 Uhr tagende Vollsitzung des Arbeiter- und Soldatenrates wurde vom Vorsitzenden Buhle eröffnet. Dieser teilte mit, daß ab 3. Februar je Kopf 5 Pfund Brot verteilt wird. Das Brot wird auch weiterhin aus reinem Mehl gebacken. Die Streckung mit Kartoffeln ist verboten. Weiter wurden zu der Konferenz der A.- u. S. Räte die am heutigen Mittwoch den 29. Januar in Halle stattfindet als Delegierte Buhle und Hampe gewählt.

8. Februar
Eine Protestversammlung gegen die völkerrechtwidrige Zurückhaltung unserer Gefangenen, die der Mobilmachungsausschuß gestern abend im Schützenhause einberufen hatte, war sehr zahlreich besucht. Nach Eröffnung durch den Vorsitzenden Stadtältesten Freyberg legte Pastor Kohlmann nach einigen einleitenden Worten die Protestkundgebung vor in der gefordert wurde sofortige Zurückgabe aller Gefangenen, bis dahin menschenwürdige Behandlung, Erleichterung des Postverkehrs, Verbesserung der Ernährung, Vergütung für die geleistete Arbeit nach den üblichen Lohnsätzen, Milderung der Disziplinarstrafen, Bildung einer gemischten Kommission zur Besichtigung der Lager und zum Besuch der deutschen Gefangenen. Der Vorsitzende gab bekannt, daß eine Geldsammlung für die Gefangenen in die Wege geleitet sei zu der bereits Glesien und Umgegend einen Betrag von 2000 Mark eingesandt hat. Die ernste Stimmung des Abends wurde vertieft durch vorgetragene Gedichte von Frl. Weißgerber und Gesängen von Frau Martha Kurzhalß. Mehrere bereits heimgekehrte Gefangene gaben Schilderungen über die unwürdige Behandlung unserer Gefangenen in Frankreich und deren Kolonien.

15. Februar
In der gestern stattgefundenen Stadtverordnetensitzung wurde bekannt gegeben, daß die Regierung bei den höheren Schulen die Einrichtung eines Elternbeirates und Schulausschusses angeordnet hat. An der hiesigen Oberrealschule besteht bereits ein Schulausschuß, der sich künftig aus dem Bürgermeister, einem Ratsmitglied, zwei Stadtverordneten und zwei von den Stadtverordneten zu wählenden Bürgern zusammensetzt. Auf Vorschlag worden letzteren Maschinensetzer Alpers und Postsekretär Huth gewählt. Die Wahl des Elternbeirats übernimmt das Provinzial-Schulkollegium.

20. Februar
Anläßlich seines Ausscheidens aus städtischen Diensten wurde gestern Stadtrat Friedrich für seine langjährig geleistete Arbeit durch eine städtische Abordnung, bestehend aus I. Bürgermeister Böttcher, Stadtrat Brembach und Stadtverordneten-Vorsteher Schulze ein Bild zur bleibenden Erinnerung überreicht und damit zugleich der Dank der Stadt Delitzsch zum Ausdruck gebracht.

27. Februar
Die Wahl zur Nationalversammlung in Weimar und zur preußischen Landesversammlung haben stattgefunden. In Delitzsch wurden folgende Stimmen abgegeben: für Deutschnationale 580, Deutsche Volkspartei 123, Demokraten 1950, Mehrheitssozialisten 1937, Unabhängige 3200. Der Generalstreik, der am Montag den 24. Februar begann setzte die Grube Leopold bei Bitterfeld, von der wir hier die elektrische Kraft erhalten, außer Betrieb, sodaß viele Häuser und Geschäfte in Mitleidenschaft gezogen wurden.

8. März
Eine sehr zahlreich besuchte Versammlung aller Streikenden am gestrigen Abend im Schützenhause beschloß, am heutigen Sonnabend noch nicht wieder zu arbeiten, sondern durch einen Demonstrationszug am Nachmittag den Sieg der Arbeiterschaft zu proklamieren. Am Montag wird dann allgemein die Arbeit, auch in der Eisenbahnwerkstatt, wieder aufgenommen werden.

10. März
Für die Beibehaltung des Religionsunterrichts im Stundenplan unserer Schulen haben die Damen der Evangelischen Frauenhilfe in unserer Gemeinde Unterschriften gesammelt. In kurzer Zeit war die Kundgebung von 4000 Mitgliedern über 20 Jahre unterzeichnet worden. Weitere Unterschriften werden täglich in der Küsterei und bei den Geistlichen vollzogen.

11. März
Die Gemeindevertretung ist aufgelöst. Es finden neue Stadtverordnetenwahlen statt.

11. März
Anfang März ist in Delitzsch eine Volkshochschule errichtet worden. Sie soll jungen Leuten beiderlei Geschlechts im Alter von 18 bis 30 Jahren Gelegenheit bieten, Lücken in ihrer Bildung auszufüllen und ihr Wissen auf wichtigen Gebieten zu erweitern und zu befestigen. Zu diesem Zwecke sollen einheitliche Lehrkurse im Wechsel mit Vorträgen stattfinden. Als Lehrstoff kommen in Frage Staats- und Volkswirtschaft, deutsche Geschichte, Lebenskunst, Physik und Chemie, Geld- und Bankwesen und bei Bedarf auch lebende Sprachen. Der erste dieser Abende fand in der Knabenvolksschule gestern statt. Der bisherige Leiter der Veranstaltung Amtsrichter Haberland begrüßte die Anwesenden. Da er versetzt worden ist übernimmt die Leitung Dr.med.Kurtzhalß, der auch den ersten Vortrag über Bekämpfung auftretender Krankheiten hält.

16. März
Mit Rücksicht auf die Notwendigkeit einer möglichst durchgreifenden Entwaffnung und Säuberung der ländlichen Umgebung von Halle hat sich Generalmajor Maercker veranlaßt gesehen, den Belagerungszustand auch über andere Ortschaften der näheren und weiteren Umgebung von Halle so auch über Delitzsch zu verhängen. Nach General Maerckers ausdrücklichem Betonen ist damit keine Verschärfung des bisherigen Zustandes beabsichtigt, die Maßnahme richtet sich vielmehr lediglich gegen das Gesindel, welches bisher bereits auf dem Lande geplündert hat und von dem auch weitere Ausschreitungen zu erwarten stehen, sowie gegen diejenigen, die immer noch Waffen verborgen halten, deren Einziehung nach wie vor eine Hauptaufgabe der Landjäger bleibt. Der Belagerungszustand begann bereits am 13. März und wurde Sonntag den 16. März bereits wieder aufgehoben.

18. März
Wie bekannt, ist vor kurzer Zeit eine Verfügung erlassen, nach der sämtliche Waffen abgeliefert werden müssen. Die Kriegervereine besitzen nun Gewehre, mit denen besonders bei den Begräbnissen gefallener oder verstorbener Kameraden, die drei Ehrensalven über das offene Grab abgegeben werden. Diese Waffen sind nicht abzuliefern. Es ist jedoch rätlich, ein Verzeichnis derjenigen Kameraden anzulegen, in deren Besitz sich die Waffen befinden.

23. März
Es findet eine Neuwahl des Arbeiterrates statt.

28. März
Die Delitzscher Turner-Vereinigung veranstaltete gestern Donnerstag den 27. März abends im Schützenhause für die 25 gefallenen und 4 vermißten Turnerhelden eine stimmungsvolle Gedächtnisfeier und Mitwirkung von Frau Dr. Kurtzhalß, Frl. Luzia Schmidt, Frl. E. Döhlert, Frl. J. Pesch, Herr Biehl sowie Organist Sauerteig. Der Vorsitzende der Turner-Vereinigung Hampe hielt die Gedächtnisrede.

31. März
Ein seltenes Jubiläum konnte in diesen Tagen Veterinärrat Kreistierarzt Liebener begehen. Er war seit 50 Jahren im Dienst und übt seine Tätigkeit noch jetzt in Rüstigkeit aus.

1. April
Das 25jährige Geschäftsjubiläum kann heute die Firma Delitzscher Schokoladenfabrik A.G. begehen. Diese Firma, die weit in Deutschland mit ihren Fabriken bekannt ist, wurde damals von dem jetzigen Direktor Albert Böhme in Gemeinschaft mit seinem verstorbenen Bruder Franz Böhme ins Leben gerufen.

7. April
Der Delitzscher Kreistag hat eine Protestkundgebung an die Nationalversammlung, an die Reichsregierung und an das Reichsministerium des Auswärtigen gerichtet und scharfen Einspruch erhoben gegen die völkerrechtswidrige Zurückhaltung unserer Kriegs- und Zivilgefangenen sowie gegen die beabsichtigte Losreißung wertvollster Gebiete und urdeutscher Volksstämme im Westen und Osten unseres deutschen Vaterlandes.

16. April
Das Mühlen- und Restaurationsgrundstück zur Elberitzmühle ist durch Kauf in den Besitz des Kantinenpächters Ohme hier übergegangen.

25. April
Leider werden von manchen Landwirten für Eier immer noch Wucherpreise genommen
50 Pfg., 80 Pfg.,1 Mark ja noch mehr. Es wäre genug für das Stück 30-40 Pfg. zu fordern, während doch kurz vor dem Kriege ein Ei um diese Jahreszeit 8-10 Pfennige, im Mai und Juni 6-8 Pfennige kostete.

4. Mai
Der Kreistag ist neu gewählt worden.

9. Mai
Das Infantrie Regiment Nr.30 verläßt Delitzsch und wird nach Blankenburg a.H., dem Orte seiner neuen Bestimmung in Marsch gesetzt.

17. Mai
Anstelle des verstorbenen Kreisarztes Med.-Rat Krofting ist Med.-Rat Dr. Laschke aus Schroda bisher Kreisarzt und Vertrauensarzt der Eisenbahn Direktion Posen mit der hiesigen Kreisarztstelle betraut worden.

22. Mai
Die Verpachtung des Stadtmühlengrundstückes fand heute vormittag im Stadtverordnetensitzungssaale statt. Von den verschiedenen Bietern gab der Oekonom und bisherige Pächter Hönicke mit 1300 Mark für Mühlengrundstück nebst Zubehör das Höchstgebot ab. Über die Verpachtung der zum Grundstück gehörigen Kleingärten schweben noch Verhandlungen.

31. Mai
Gastwirt Heese (Stadt Berlin) verkaufte seine Gastwirtschaft mit Grundstück an den Gastwirt Willy Nagel, der bisher pachtweise den Gasthof zum "Weißen Roß" bewirtschaftete.

4. Juni
Am 1. Juni wurde schnell und unerwartet mitten aus seiner Arbeit der ehemalige 2. Geistliche unserer Gemeinde Pastor Julius Kümmel in Quedlinburg durch den Tod abberufen. Der Gemeindekirchenrat hat ihm folgenden ehrenden Nachruf gewidmet: In unermüdlicher und reich gesegneter Arbeit hat er von 1889-1905 unserer Gemeinde mit seinen reichen Gaben und seiner aufopfernden Treue gedient und sich unvergeßliches Andenken gesichert. Das Gedächtnis der Gerechten bleibt im Segen.

17. Juni
In der heute stattgefundenen Sitzung der Stadtverordneten wurden die neu gewählten Stadtverordneten eingeführt. Es ist an Stelle der ausgeschiedenen Stadtverordneten Frau Oberlehrer Schröder Kaufmann Gotsch neu gewählt. Für die beiden zu Stadträten ernannten Stadtverordneten sind Maurer Oskar Schirmer und Tischler Max Christoph in die Versammlung gewählt. Nach dem vom Magistrat mit den Angestellten und Arbeitern getroffenen Abkommen erhalten dieselben rückwirkend vom 1. Januar 1919 eine Teuerungszulage. Zum Ankauf von Lebensmitteln für die Stadt ist bei der Kreissparkasse eine kurzfristige Anleihe von 150.000 Mark aufgenommen worden. Um die Gartenstraße zu erweitern und den Bürgersteig hierselbst in 2 Meter Breite fortzuführen mußte von den Anliegern Gelände erworben werden. Die Anlieger sind Gastwirt Tschirch und Bauer. Bei Gastwirt Tschirch mußte sein Vorgarten dieserhalb zerschnitten werden. Für den abgetretenen Quadratmeter wurde bei Tschirch 10 Mark, bei Bauer 6 Mark bezahlt.

18. Juni
Am 14. Juni verstarb in Helbra bei Eisleben plötzlich der Apotheker Egmond Sander, 49 Jahre alt, der hier vor kurzer Zeit in der hiesigen Adler-Apotheke 22 Jahre tätig war und sich durch sein vornehmes und entgegenkommendes Wesen großer Beliebtheit erfreute. Als Kassierer des Kreis-Kriegerverbandes ist er lange Jahre hier tätig gewesen und hat dem Verband unschätzbaren Dienst erwiesen.

3. Juli
Am 28. Juni ist nun nachdem für uns so unglücklichen Ausgang des Weltkrieges in Versailles der Friede unterzeichnet worden. Anläßlich dieses schmachvollen Friedensvertrages findet am 6. Juli in unserer Stadtkirche ein Trauergottesdienst statt. Nach Schluß des Gottesdienstes werden die Glocken geläutet werden.

4. Juli
Obersekretär Gundermann trat am 30. Juni nach 48jähriger ununterbrochener Dienstzeit bei dem hiesigen Kreisausschuß in den wohlverdienten Ruhestand. Beamte und Angestellte veranstalteten dem Scheidenden im Ständehause am Vormittag dieses Tages eine Abschiedsfeier. Gundermann hat unter drei Königen und drei Landräten sein Amt geführt und hat seit der 1873 eingerichteten Kreisordnung die Sekretärstelle des damals ins Leben gerufenen Kreisausschusses inne.

24. Juli
Verhaftet wurde in Wien Defraudant Rudloff, unser ehemaliger Stadthauptkasse-Rendant. Seit 6. Oktober 1913 ist er flüchtig und konnte bisher nicht gefaßt werden. R. hat in Wien ein Auswanderungs-Büro betrieben und hat sich in dieser Tätigkeit wiederum Unterschlagungen zuschulden kommen lassen, die zu seiner Verhaftung führten.

2. August
Aus Anlaß der Annahme der Reichsverfassung durch die Nationalversammlung hatten heute verschiedene staatliche Gebäude Flaggenschmuck angelegt.

9. August
Der hierorts gebildete Arbeitsausschuß für heimkehrende Kriegsgefangene konnte erfreulicherweise in den letzten Tagen in Tätigkeit treten. Es kehrten heim Lehrer Krüger, Bitterfelder Straße 44, aus russischer und Herr Stöckert, Roonstraße 9, aus französischer Gefangenschaft zuletzt interniert in der Schweiz. Sie wurden in ihrer Wohnung begrüßt und beschenkt. Meldungen über weitere Heimkehrer bei Lehrer Merkwitz, Hindenburgstraße 1 oder Käte Döhlert, Poststraße 2.

20. August
Es kommen nun fast täglich Kriegsgefangene in die Heimat zurück. Am vergangenen Sonntag vormittag versammelten sich im Gasthof "Zur Linde" die bisher heimgekehrten Kriegsgefangenen zu einer kurzen Besprechung. Um alle Interessen besser wahrnehmen zu können, wurde die "Vereinigung ehemaliger Kriegs- und Zivilgefangener Ortsgruppe Delitzsch und Umgegend" ins Leben gerufen. Die Leitung übernahm für die Stadt Delitzsch Lehrer Krüger, Bitterfelder Straße 44 und Krautheim, Eisenbahnstraße 17a.

21. August
Der Ausschuß zur Bildung einer Volkshochschule hatte gestern abend im Hotel zum Schwan eine Versammlung zusammenberufen, in der die Übernahme der Hochschule durch die Stadtverwaltung beraten werden sollte. Dr.med.Kurtzhalß hielt einen Vortrag über die Ziele der Volkshochschule und führte weiter aus, daß die Beteiligung im verflossenen Winter eine rege gewesen sei und die Zahl der Hörer sich auf 168 belaufen habe. Verschiedene Redner sprachen sich dahin aus, daß ohne Beihilfe der Stadtverwaltung eine günstige Fortentwicklung der Sache nicht zu erhoffen sei. Stadtrat Ehrhorn, der im Namen des Magistrats sprach, lehnte im Auftrage der Stadtverwaltung deren finanzielle Beteiligung ab bis auf kostenlose Hergabe der erforderlichen Räume, deren Beheizung und dergl., wies dagegen auf Beteiligung wohlhabender Delitzscher Kreise hin.

2. September
Ein allgemeiner Jugendtag fand am 31. August in Delitzsch statt. Am Vormittag fand auf dem Sportplatz der Dreikampf statt. Nachdem sich um 1 ½ Uhr die Jugend auf dem Marktplatz sammelte, konnte sich um 2 Uhr der lange Festzug in Bewegung setzen. Auf dem Sportplatz angelangt hielt Gauvertreter Hampe die Begrüßungsansprache. Hierauf rückten die Gruppen in ihre Spielfelder und begannen ihre Vorführungen. Die Knaben der Volksschule standen unter Leitung von Lehrer Lobenstein I., die höhere Mädchenschule unter Frl.Döhlert, die Mädchenvolksschule unter Frl.Scholl, der Jungfrauenverein und Jungmädchenbund unter Pastor Kohlmann, die Seminar-Übungsschule unter Seminar-Turnlehrer Etzold, die Präparande und das Seminar unter der gleichen Leitung. Hierauf folgten die mit Spannung erwarteten Sonderwettkämpfe der verschiedenen Sportvereine. Die Sieger erhielten die Plakette bzw. einen Eichenkranz. Den Abschluß des Tages bildete eine Ansprache mit einem dreifachen "Gut Heil" auf die Sieger des gut verlaufenden Jugendtages.

14. September
Am Donnerstag den 11. September traf Weihbischof Dr.Heinrich Kähling hierorts ein, um am Freitag vom Morgen ab in der katholischen Kirche das heilige Sakrament und die Firmung zu spenden. Am Nachmittag des Freitag fand dann unter Vorsitz des Weihbischofs die Hauptkonferenz für das Diakonat Torgau statt.

16. September
Die Begräbnisfeiern werden vom 1. Okt. d. J. ab eine einschneidende Änderung erfahren, da die Schuldeputationen und der Magistrat den Chorschülern sowie dem zuständigen Organisten während der Schulzeit keinen Urlaub mehr für die Beteiligung an den Begräbnissen gewährt. Dasselbe gilt auch für die öffentlichen Trauungen. Ob unter diesen Verhältnissen die Kurrende sich überhaupt noch fernerhin als lebensfähig erweisen wird, bleibt abzuwarten. Gerade viele alte Delitzscher werden von dieser alten Einrichtung schweren Herzens Abschied nehmen, die auch der neuen Zeit zum Opfer fällt. Sie hat jedenfalls im Laufe der Jahrhunderte ihres Bestehens in unserer Gemeinde viel Segen gestiftet. Bei Freud und Leid im Hause waren auch die Chorschüler dabei, und ob auch ihr Gesang nicht immer allen Anforderungen der Kunst entsprach, Gottes Wort im Lied hat doch manchen Dank und Trost ins Herz hinein singen helfen.

23. September
Die Stadtverordneten wählten heute ihren neuen Stadtrat. Es wurden als Stadträte gewählt: Dr. Schulze Justizrat, Kaufmann F.W. Beyer, Korbmachermeister Adolf Tauche, Zigarrenfabrikant Ehrhorn, Stellmachermeister Kretschmar und Krankenkassenangestellter Klunkert.

26. September
Das Vergnügungslokal "Bürgergarten" ist durch Kauf in den Besitz des Dachdeckermeisters Otto Kittler von hier, übergegangen.

1. Oktober
In den wohlverdienten Ruhestand getreten sind mit dem 1. Oktober die Lehrer Große, Blüthgen und Schräpler. Ihnen zu Ehren fand gestern in der Knabenvolksschule im Beisein des Lehrerkollegium und der Schüler der oberen Klassen eine schlichte erhebende Abschiedsfeier statt.

24. Oktober
Die Volkszählung am 8. Oktober hat in unserer Stadt 3710 Haushaltungen mit 6622 männlichen und 7250 weiblichen, also insgesamt 13872 ortsanwesenden Personen ergeben.

27. Oktober
Stadtbaumeister Kessel wurde beurlaubt. Durch Beschluß der städtischen Körperschaften wurde Oberbausekretär Willy Kratsch mit der Leitung der Geschäfte des Stadtbauamtes betraut.

12. November
Um die Bautätigkeit zu fördern und dem Wohnungsmangel entgegentreten zu können, ist in Delitzsch ein Bauverein ins Leben gerufen worden, dessen Angliederung an den bereits bestehenden Eisenbahnverein geplant ist. Diesem Zwecke diente die Besprechung gestern abend in der "Grünen Linde", wo der Vorsitzende des Eisenbahnvereins einen Vortrag hielt.

17. November
Am bevorstehenden Totenfest (23. Nov.), das bekanntlich zu einer allgemeinen Gedenkfeier der im Kriege gefallenen in ganz Deutschland ausgestaltet werden soll, wird hier mittags von 12 bis 1 Uhr ein feierliches Trauergeläut veranstaltet werden.

18. November
Unter den gelegentlich der letzten Stadtverordneten-Sitzung eingeführten neuen Stadträten befand sich auch unser Mitbürger Justizrat Dr. Schulze. Mit diesem Herrn trat das vierte Mitglied einer unserer ältesten Familien in den Magistrat ein. Friedrich Christian Schulze war Mitglied des Rats in den Jahren 1789-1813. Im letzten Jahre starb er, 63 Jahre alt. Er ist einer der wenigen Bürgermeister von Delitzsch, die mitten in ihrer Amtstätigkeit vom Tode abberufen wurden. Sein Sohn Justizrat August Wilhelm Schulze, der Vater unseres größten Landsmanns Schulze-Delitzsch, gehörte dem Rat von 1810 bis 1831 an. Von 1902-1908 war Branddirektor Gustav Schulze Ehrenbürger der Stadt, Mitglied des Magistrats. Über die Verfassung des Rates der Stadt Delitzsch ist Folgendes zu sagen: Das Ratskollegium bestand seit dem 14. Jahrhundert aus drei Räten oder Mitteln (Abteilungen) und jeder Rat aus sieben Mitgliedern. Man unterschied den regierenden Rat von beiden ruhenden Räten. Demzufolge hatte man auch drei Bürgermeister, einen regierenden und zwei ruhende. Jeder Bürgermeister "regiert" ein Jahr lang, dann trat er ab zu den ruhenden Bürgermeistern, bis er nach zwei Jahren wieder zur "Regierung" gelangte. Die Mitglieder der ruhenden Räte traten nur in außerordentlich wichtigen Fällen in Tätigkeit um mit dem regierenden Rate gemeinsam Beratung zu pflegen. Alle Mitglieder der drei Räte "saßen lebenslänglich im Rate". Beim tödtlichen Abgange eines Mitgliedes "ergänzten sie sich selbst". Bei der Aufnahme neuer Mitglieder sah man vor allem auf die rechtskundige Tüchtigkeit der Aufzunehmenden. Ehe ein Mitglied zum Bürgermeister aufsteigen konnte, mußte er sich bewährt haben als Schenk, Assessor, Unterkämmerer, Oberkämmerer und Stadtrichter. Eine besondere Stellung nahm der Stadtschreiber ein, dessen Amt von der "gewöhnlichen Ratsveränderung" unberührt blieb. Bis zum Jahr 1424 fand der Ratswechsel am Tage Allerheiligen (1. November) statt, von da an verlegte man ihn auf den Dreikönigstag (6. Januar), und 1811 wurde die Zeit auf Ostern festgesetzt. Am 16. Dezember 1717 wurde das 3. Mittel aufgehoben, also "Reduktion auf zwei Räte" und so blieb es, solange Delitzsch zu Sachsen gehörte. Die Einverleibung der Stadt Delitzsch in den preußischen Staat 1815 rief eine gewaltige Umwälzung im Stadtregiment vor. Zunächst mußte der Stadtrat einen Bericht einsenden über die Zusammensetzung und über die Besoldung der einzelnen Mitglieder. Es wurden nun namentlich aufgeführt: der regierende Bürgermeister Karl Friedrich Gottlob Ideler, der beisitzende Bürgermeister Advokat Christian Gottlob Großkopf, der Oberkämmerer und Stadtrichter August Wilhelm Schulze, der Unterkämmerer und Stadtrichter Johann Gottfried Ehrenberg, der 1. Beisitzer Friedrich Sigismund Schmidt, der 2. Beisitzer Christoph Gottlob Weidenhammer. Die Expedition besorgt der Stadt- und Gerichtsschreiber Advokat Wilhelm August Wachsmuth. Die beiden Bürgermeister und die beiden Stadtrichter alternieren. Das Gehalt des Oberkämmerers und Advokaten Schulze beträgt an Besoldung 27 Taler, an Emojumenten 83 Taler 23 Gr.. Allmählich ging die preußische Regierung Schritt für Schritt über, die geplante Neuorganisation des Staatsregiments zu vollziehen. Als 1817 zuvorderst das Wechseln zweier Titel fortfiel, Delitzsch nur noch einen Bürgermeister haben sollte, rief Stadtrichter A.W. Schulze schmerzerfüllt aus: "So wäre dann der Anfang zu unserer Auflösung gemacht". Auf Befehl mußten die Zwinggärten, die bisher von den Ratsmitgliedern benutzt worden waren abgeschätzt und dann öffentlich verkauft werden. An Stelle der sächsischen Zivil- und Kriminalpolizei – Ordnung trat die preußische, die dem hiesigen Stadtrat weit schwieriger vorkam, als die bisherige. A.W.Schulze schreibt hierüber: "Während die gewöhnlichen Versammlungen der Vorfahren nur wenige Stunden wöchentlich gekostet hatten, mußte der jetzige Stadtrat nicht selten tagelange Versammlungen abhalten." Da erschien im Amtsblatt vom 15. August 1818 ein Artikel der Kgl. Regierung nach welchem ausgeführt wurde, daß der Geschäftsgang bei mehreren Stadträten höchst unwirtschaftlich sei. Das gab drei Stadtratsmitgliedern erwünschte Gelegenheit ihr Amt niederzulegen, es "resignierten" die Bürgermeister Ideler und Großkopf sowie der Senator Schmidt. Auf ihren Antrag wurden sie am 31. März 1819 aus dem städtischen Dienst entlassen. Die von den Bürgermeistern benutzten Kommungrundstücke, 1. eine Wiese vor dem Halleschen Tore, der Blauen Traube (Bürgergarten) gegenüber, 2. ein Feldstückchen vor der Pforte am Parthunischen (Kühns) Garten wurde öffentlich an den Meistbietenden verpachtet. "Nach Maßgabe des Amtsblattes vom 5. Dezember 1818 wurde die bisher von den Ratsmitgliedern la pars salarti ausgeübte Fischerei im Loberfluß öffentlich am 5. Juli 1819 verpachtet. Früher war das Pachtrecht für diese Fischerei eine Revenue der sehr gering besoldeten Ratsmitgliedern gewesen".

Der durch den Abgang von drei Mitgliedern zusammengeschmolzene Stadtrat ließ sich nicht so leicht wieder ergänzen. Auf Befehl der Kgl. Regierung zu Merseburg und des Oberlandesgerichts in Naumburg wurde der Stadtrat geteilt in Justiz und Polizei. Auf einstimmigen Wunsch der Kommunrepräsentanten und mit Genehmigung der Behörden übernahm Accisinspektor Schulze das Amt eines Bürgermeisters und Dirigenten des Rats und der Stadtgerichte. Am 1. August 1819 fand die feierliche Einweisung des neuen Stadtrats durch den Landrat von Pfannenberg statt. Nach dem neuen Regulativ war der Bürgermeister A.W. Schulze Dirigent des Ratskollegii in beiden Abteilungen, beim Stadtgericht aber zugleich als arbeitendes Mitglied. Die Besoldung der Stadtratsmitglieder war folgendermaßen festgestellt: Bei der 1.Abteilung des Stadtrats, dem Stadtgericht: 1. Bürgermeister Schulze als Direktor des Stadtgerichts 600 Taler. 2. Stadtschreiber Wachsmuth als Justiz-Assessor 500 Taler. 3. Ein noch anzustellender Aktuar 300 Taler. 4. Ein Kopist und Sportuleinnehmer, neben 5 Prozent Sporteln Tantieme ein Fixum von 150 Taler R. Bei der 2.Abteilung des Stadtrats, dem eigentlichen Polizeimagistrat: Stadtrichter Ehrenberg als 1. Assessor 400 Taler. 3. Ein Sekretär mit einer Besoldung von 100 Taler und Überlassung der Polizeisporteln nebst Anwartschaft auf die Kommun-Einnahmestelle.

Das Stadtgericht hielt an jedem Freitag eine Sitzung ab, in welcher die Justizsachen erledigt wurden. Vor das Stadtgericht gehörten alle Zivil-, Kriminalgerichts-, Vormundschafts- und Kuratelsachen, auch Lohnsachen, das Deposital- und Hypothekenwesen, insofern es auf die erste Untersuchung ankam. Die Geschäfte in all diesen Angelegenheiten waren so unter die Mitglieder des Stadtgerichts verteilt, daß keiner überlastet wurde; und "es stellte sich der Grundsatz fest, da das Stadtgericht in der allerersten Zeit nur aus 2 Mitgliedern bestand, daß von dem einen Mitglied die Instruktion einer Rechtssache zugeschrieben wurde, das andere co ipso als Dezernent und Urteilsverfasser eintrat". Die Tätigkeit des provisorischen Stadtgerichts sollte nicht von langer Dauer sein. Am 4. Mai 1820 erschien ein Gesetz, welches die Gerichtsbarkeit der Städte aufhob. "Die Stadtgemeinde Delitzsch trifft ein harter Schlag!" rief Bürgermeister A.W. Schulze aus. "Sie verliert nicht nur die Gerichte, die sie über die Stadt und Vorstädte, ingleichen über die Dörfer Benndorf, Gertitz und Werben, die sie zu Anfang des 15.Jahrhunderts um bedeutende Summen erkaufte, sondern soll auch in Landgerichtsfällen nach Wittenberg verwiesen werden." Es war vergeblich, daß die Stadträte von Delitzsch und Eilenburg sich an den König selbst wendeten und um Beibehaltung wenigstens der Zivilgerichtsbarkeit baten, wobei sie zugleich näher ausführten, die städtischen Kommunen würden entschieden benachteiligt, die Bürger seien bisher gewohnt gewesen, in ihrer Obrigkeit auch das vorgesetzte Gericht vereinigt zu sehen, während sie nun in Landgerichtsfällen sieben Meilen weit nach Wittenberg wandern sollen. Am 2. April 1821 trat die neue Ordnung in Kraft, und damit war entgültig das Stadtgericht Delitzsch aufgelöst, und die Gerechtsame der eigenen Gerichtsbarkeit aufgehoben. Die langvorbereitete neue Städteordnung erschien am 17. März 1831. Unter dem Vorsitz des Landrats von Pfannenberg fand am 6. Juli eine Beratung zwischen Stadtrat und Kommunrepräsentanten über die Einführung der neuen Städteordnung statt, und bald hatte das letzte Stündlein der bisherigen Kommunrepräsentanten und des Stadtrats geschlagen. Die Kommunrepräsentanten mußten am 9. Oktober abtreten und an ihre Stelle rückten am 10. Oktober Stadtverordnete. Wählbar waren nur solche Bürger zu Stadtverordneten, die einen Grundbesitz von wenigstens 1000 Taler oder ein Einkommen von mindestens 200 Talern hatten. Es wurden 12 Stadtverordnete und ebensoviele Vertreter gewählt. Am 3. Dezember wählten unter Vorsitz des Landrats die Stadtverordneten das neue Stadtregiment, das von jetzt an den Titel Magistrat führte. Bürgermeister August Wilhlem Schulze verzichtete auf eine Wiederwahl und trat ab. Man wählte den bisherigen Kreissekretär Sekurius und zwar auf Lebenszeit. Sein Gehalt wurde auf 600 Taler festgesetzt. Vermählt war A.W. Schulze mit Wilhelmine Schmorl, einer Tochter des Accis-Inspektors, Stadtschreibers und Advokaten Karl Gottlob Schmorl in Prettin. Am 29. August 1808 erblickte ihr ältester Sohn Hermann Schulze – Delitzsch das Licht der Welt. Ihm folgten noch neun Geschwister. A.W. Schulze starb am 20. August 1861 im 82. Jahre. Man rühmte ihm nach: "Justizrat August Wilhelm Schulze hat 40 Jahre lang in Delitzsch eine große Rolle gespielt, er war eine imponierende Persönlichkeit. Er stand als Redner und wegen seiner Energie als obrigkeitliche Person in hohem Ansehen."

21. November
Seminarprorektor Dr. Meyer ist als Seminardirektor nach Stade (Hannover) berufen worden. Sein Amtsantritt erfolgt hiermit am 1. Dezember d. J. Als Nachfolger im Amte am hiesigen Seminar ist der bereits hier tätige Seminaroberlehrer Dr. Schröder berufen worden.

6. Dezember
Vor einiger Zeit ist von einer im Gasthof zum "Schwan" einberufenen Versammlung der Delitzscher Beamten die Gründung eines Bundes beschlossen worden, den sämtliche Klassen der Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten, Lehrer und Lehrerinnen sowie die im Ruhestande lebenden Beamten und Beamtenwitwen umfassen soll. Der Zweck des Bundes soll der sein, die allgemeinen Berufsinteressen aller Beamtenklassen in Delitzsch zu vertreten, und insbesondere, der Eigenart der festbesoldeten Kreise entsprechend, zeitgemäße Verhältnisse in wirtschaftspolitischer und sozialer Beziehung für alle Beamten schaffen zu helfen. Die gestern abgehaltene zweite Mitgliederversammlung genehmigte die von dem gewählten Ausschuß vorgelegten Satzungen mit geringen Änderungen und wählte sodann den Vorstand. Die Mitgliederzahl beträgt jetzt schon ungefähr 300. Anmeldungen können jederzeit bei Lehrer Maul Hallesche Str. 35 erfolgen.

8. Dezember
Die am Sonnabend abend im Saal des "Schützenhauses" veranstaltete Feier galt der Begrüßung unserer aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Delitzscher. Diese waren mit ihren Angehörigen so zahlreich erschienen, daß der geräumige Saal kaum ausreichte. Der Vorsitzende des Ausschusses Lehrer Merkwitz und Erster Bürgermeister Böttcher richteten herzliche Begrüßungsansprachen an die Heimgekehrten. Dieser Begrüßung folgte der unterhaltende Teil, bestehend aus Rezitationen, musikalischen und theatralischen Darbietungen. Hauptsächlich waren es Schüler des hiesigen Lehrerseminars, die sich um diese Veranstaltung verdient machten. In einer eingeschobenen Kaffeepause gesellten sich zu den geistigen Genüssen noch seltene leibliche in Gestalt von Kaffee und Streuselkuchen und Stollen und schließlich kamen auch noch kleine Gaben an die Heimgekehrten zur Verteilung.

23. Dezember
Am vorigen Sonnabend hatten Erster Bürgermeister Böttcher, Bürgermeister Grüneberg und Stadtverordneter Lehrer Richter, letzterer als Vertreter der Stadtverordneten-Versammlung, die ausgeschiedenen unbesoldeten Stadträte Maurermeister Nickau, Bürstenfabrikant Beyer, Kaufmann Kläning und Juwelier Brembach aufgesucht, um ihnen für ihre ersprießliche Tätigkeit zum Wohle der Stadt Dank zu sagen. Als äußeres Zeichen des Dankes und Andenken wurde jedem der genannten Herren ein Bild überreicht.


1920

2. Januar
Die hiesige Bierbrauerei F.H. Fritzsche, Inhaber R. Uhlmann ist durch Kauf an die Aktienbrauerei Bitterfeld übergegangen. Letztere legte den Betrieb zunächst still, um ihn erst bei günstigeren Verhältnissen wieder aufzunehmen, und beliefert ihre hiesigen Abnehmer von Bitterfeld aus.

27. Januar
Zum Oberlehrer am hiesigen Seminar wurde Seminarlehrer Dr. Vogler ernannt.

2. Februar
Das 10-jährige Stiftungsfest des Fußballklubs "Concordia" wurde am Sonnabend abend durch einen Kommers im Saale des Schützenhofes eingeleitet und fand am Sonntag seine Fortsetzung durch einen Festball. Der gut besuchte Kommers nahm einen glänzenden Verlauf. Die Festrede des Abends hielt der Vorsitzende Knorre. Unser Heimatdichter Rektor a. D. Reulecke hatte für diesen Abend einen zeitgemäßen Prolog und ein mit Begeisterung aufgenommenes Festgedicht verfasst. Den Abschluss des Festabends bildete das Lustspiel in zwei Aufzügen "Die Liebe im Eckhause".

9. Februar
Im Einverständnis mit der Reichs- und Staatsregierung hat die Eisenbahndirektion wegen Unwirtschaftlichkeit des Betriebes heute die Schließung der hiesigen Werkstatt angeordnet und allen Arbeitern unter Fortzahlung des Lohnes für 14 Tage gekündigt. Gleichzeitig hielten zwecks Sicherung der Arbeitsstätte Regierungstruppen ihren Einzug. Von dieser Maßnahme dürften etwa 1500 Arbeiter betroffen werden. Die Werkstatt soll demnächst unter neuen, die Wirtschaftlichkeit des Betriebes und erhöhte Arbeitsergebnisse gewährleistenden Bedingungen wieder eröffnet werden, jedoch bei erheblicher Einschränkung der Belegschaft.

10. Februar
Die heutige Stadtverordneten-Sitzung beschließt, die Grabstätte der Eltern von Schulze-Delitzsch auf dem Marienfriedhof wieder instand zu setzen.

19. Februar
Heute hat die hierselbst in Leben gerufene Volkshochschule wieder ihre Kurse eröffnet. Es haben sich hiesige bedeutsame Kräfte zur Verfügung gestellt.

18. März
Infolge des vor einigen Tagen erfolgten Kapp-Putsches kam es heute am 18. März auch in Delitzsch zu einem heftigen Straßengefechte zwischen der zum Sturze der Kappregierung in Generalstreik begriffenen Arbeiterschaft und einer Abteilung Reichswehr. Letztere erwies sich zur Unterdrückung des Widerstandes als zu schwach und musste sich unter vorläufiger Zurücklassung ihrer Maschinengewehre und Munitionswagen zurückziehen.

21. März
Bei dem am 18. März hierorts erfolgtem Zusammenstoß zwischen bewaffneter Arbeiterschaft und Reichswehr gab es auf beiden Seiten 19 Tote, von denen 4 unter großem Volksandrange durch Superintendent Hobbing heute auf hiesigen Friedhof bestattet wurden.

23. März
Die Ereignisse der letzten Woche haben auch hier die Notwendigkeit zur Aufstellung einer Schutzwehr ergeben und bei der am gestrigen Vormittag zwischen Landrat, 1. Bürgermeister, Fraktionsvorständen des städtischen Kollegiums und Aktionsausschuss stattgefundenen Verhandlungen wurde ein diesbezüglicher Aufruf beschlossen und durch Anschlag bekanntgegeben.

25. März
Regierungsbaumeister Böhme wurde zum Regierungs- und Baurat an der hiesigen Eisenbahnwerkstätte ernannt. Nach einer Bekanntmachung des Landrats sind alle aus Heeresbeständen im Privatbesitz befindlichen Waffen unverzüglich an die Gemeindeämter abzuliefern. Eine aus Mitgliedern aller republikanischen Parteien paritätisch zusammengesetzte Kommission übernimmt nach Vereinbarung mit den gesetzlichen Behörden die Kontrolle und Überwachung der Waffen.

7. April
Nach Tagen scheinbarer Ruhe wurde unserer Einwohnerschaft heute früh eine neue Überraschung zuteil. An Straßen und Plätzen sah man drei rote Zettel angeschlagen, die sämtlich die Unterschrift: "Der Oberbefehlshaber des Kreises Delitzsch Molka" tragen, und von denen zwei an die "Einwohnerschaft des Kreises Delitzsch" gerichtet sind. Letzteren ist zu entnehmen, daß der Landrat unseres Kreises, von Manteuffel, in Schutzhaft genommen wurde und sich ein gewisser Hans Molka die Stellung eines Oberbefehlshabers des Kreises Delitzsch anmaßt. Dieser bezeichnet alle Einwohnerwehren als aufgelöst. Zur Sache selbst wird bekannt, daß eine Arbeitergruppe unter Führung eines gewissen Molka aus Bitterfeld, der dem dortigen Arbeiterrat angehörte am 6. April nächtlicherweise in das Schenkenberger Schloß eindrang und den Delitzscher Landrat von Manteuffel, der dort seine Wohnung hatte, verhaftete. Manteuffel wurde zunächst in polizeilichen Gewahrsam gebracht und vor Anbruch des Morgens nach Bitterfeld und von da nach Berlin abtransportiert.

8. April
Die Herrlichkeit des "Oberbefehlshabers des Kreises Delitzsch" Molka hat ein schnelles Ende gefunden. Der genannte wurde auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft heute früh durch die Polizei verhaftet und in das hiesige Amtsgericht abgeliefert. Der Kreisausschuss erklärt die mit "Molka" unterzeichneten Bekanntmachungen und Verfügungen als ungültig, ebenso die Absetzung des Landrates von Manteuffel. Dieser ist unterdessen wieder frei gelassen worden, kehrt aber nicht mehr als Landrat nach Delitzsch zurück. Vorübergehend wird Oberamtmann Messerschmidt aus Beerendorf mit der Geschäftsführung beauftragt.

15. April
Das von der Aktienbierbrauerei Bitterfeld kürzlich erworbene ehemalige Uhlmann'sche Grundstück, Bitterfelder Straße 21, in dem sich das Restaurant "Zur Weintraube" befindet, ist durch Kauf in den Besitz des Zimmermeisters Franz Schulze aus Schenkenberg übergegangen.

19. April
Mit dem heutigen Tage hat Regierungsreferendar Scholz die Geschäfte des Landratsamtes übernommen.

10. Mai
Für die aus der französischen Gefangenschaft Heimgekehrten fand am Sonnabend den 8. Mai ein Begrüßungsabend statt. Er nahm wie der erste einen würdigen Verlauf. Auch diesmal hatten sich die Seminaristen und Oberrealschüler mit Musikvorträgen und Deklamationen zur Verfügung gestellt. Zeichenlehrer Court trug Lieder zur Laute vor, die ebenso mit großem Beifall aufgenommen wurden. Es hielten Begrüßungsansprachen Professor Schmiedeberg, Bürgermeister Grüneberg, Lehrer Merkwitz. Dann wurden die Heimkehrer mit Kaffee, Kuchen und Zigarren bewirtet und jeder erhielt noch ein Liebesgabenpaket.

12. Mai
Der kürzlich von Otto Kittler erworbene Bürgergarten gelangte zum Weiterverkauf an Baumeister Martin Schöche in Zschortau. Baumeister Schöche beabsichtigt, den Saal mit den angrenzenden Zimmern auf Abbruch zu verkaufen, während Grund und Boden sowie Wohnhaus mit Seitengebäuden im Besitz von Kittler verbleiben.

25. Mai
Vor einiger Zeit berichteten auswärtige Blätter, daß der unabhängig sozialistische Abgeordnete, Kreisdeputierte Zigarrenfabrikant Gustav Raute aus Eilenburg zum Landrat unseres Kreises ernannt worden ist, und dieses Gerücht erhielt sich, trotzdem an hiesiger maßgebender Stelle bis Sonnabend nichts von einer Ernennung bekannt war, auch in unserer Stadt. Nun steht amtlich fest, daß das Mitglied der Nationalversammlung Raute, Stadtverordnetenvorsteher in Eilenburg mit der Verwaltung des Landratsamtes Delitzsch mit dem heutigen beauftragt worden ist. Nach Mitteilung der Pressestelle des Oberpräsidiums haben die Arbeiterräte und Aktionsausschüsse ihre Aufgaben erfüllt und sollen nun ihre Tätigkeit einstellen.

8. Juni
Bei der am 6. Juni stattgefundenen Reichstagswahl stimmten in Delitzsch für Deutschnationale 505, Deutsche Volkspartei 1426, Demokraten 967, Mehrheitssozialisten 1261, Unabhängige 3340, Zentrum 94, Kommunisten 57 Wähler.

1. Juli
Am heutigen Tage kann Stadtsekretär Fricke auf eine 25-jährige Tätigkeit bei der hiesigen Stadtverwaltung zurückblicken. Aus diesem Anlaß wurden dem Jubilar zahlreiche Ehrungen zuteil. Seitens der Stadtverwaltung überbrachten Erster Bürgermeister Böttcher und Bürgermeister Grüneberg Glückwünsche und Geschenke, und die städtischen Beamten, Angestellten, sowie die Ortsgruppe der Gemeindebeamten ehrten den Jubilar in gleicher Weise.

7. Juli
Um den durch das Hochwasser schwer geschädigten Mansfeldern eine Hilfe zuteil werden zu lassen, veranstaltete der Musikverein Delitzsch unter der bewährten Leitung seines Dirigenten Seminarlehrer O. Heine und unter Mitwirkung des Seminar-Männerchores und Streichorchesters sowie des Kantors Kurt Linde - Laue (Tenor) am gestrigen Abend im Schützenhaussaal ein Konzert. Wenn der Besuch der Veranstaltung auch kein schlechter war, so hätte man in Anbetracht der Zweckbestimmung doch mehr Teilnahme und einen bis auf den letzten Platz gefüllten Saal erwarten können.

19. Juli
Am gestrigen Sonntag beging der Turnverein Delitzsch 1945 (1845 d.A.) sein 75-jähriges Stiftungsfest. Bereits am Sonnabend vorher fand eine Vorfeier im Schützenhause statt, die durch Vorführungen der Musikkapelle Preuß und des Gesangsvereins "Abendstern" verschönt wurde. Zu der Hauptfeier am Sonntag, die durch schönstes Wetter begünstigt war, hatten sich viele auswärtige Vereine wie Düben, Eilenburg, Bitterfeld, Wolfen u.a. eingefunden. Es fanden die verschiedensten Spiele, ein Wetturnen und abends ein Ball statt.

20. Juli
Dem Kreisschulinspektor ist die Amtsbezeichnung "Kreisschulrat" beigelegt worden.

5. August
Der Leiter des hiesigen Finanzamtes, Gerichtsassessor Anding ist zum Regierungsrat in der Reichsfinanzverwaltung ernannt worden mit dem dienstlichen Wohnsitz in Delitzsch.

18. August
Der langjährige Wächter der hiesigen Strafanstalt Oswald Brosig ist zum etatmäßigen Strafanstalts-Wachtmeister bei der hiesigen Strafanstalt ernannt worden. Am 15. August konnte das Elektrotechnische Geschäft von Willi Merz, hier, auf ein 25-jähriges Bestehen zurückblicken. Begründet wurde dasselbe von dem leider zu früh verstorbenen Herrn Franz Beyer, der es 15 Jahre lang führte. Am 15. August 1910 übernahm es der jetzige Inhaber, Willi Merz, das er als ein Mann von bestem technischen und praktischen Können in verhältnismäßig kurzer Zeit verstanden hat, das Geschäft auf seine jetzige Höhe zu bringen und ihn über die Grenzen der Stadt hinaus einen guten Ruf zu verschaffen.

21. August
Eine mutige Tat vollbrachte am vorigen Mittwoch nachm. 6 Uhr der Bürogehilfe der Stadthauptkasse, Max Pittschaft, Mozartstr. 2 wohnhaft, indem er ein 17-jähriges Mädchen vom Ertrinken im Werkstättenteich unter eigener Lebensgefahr errettete.

27. August
In der heutigen Stadtverordneten–Versammlung wurde das Forsthaus in der Spröde an die Bitterfelder Brömme für den jährlichen Pachtpreis von 1100 Mark verpachtet mit der Bedingung, daß der Afterpächter nur ein Delitzscher sein darf. Der Privatmann Albert Schmidt aus Leipzig, dessen Eltern früher in Delitzsch gewohnt haben, will der Stadt aus Dankbarkeit dafür, daß seine Mutter hier im Alter gepflegt worden ist, ein Legat von 45.000 Mark vermachen.

6. September
Walter Poenicke, Mitinhaber der Firma Ed. Poenicke und Co. Baumschulen M.b.H. wurde als geschäftsführender Vorsitzender der deutschen Obstbaugesellschaft (früher Komologenverein), Sitz Eisenach, berufen.

23. September
Gestern Abend fand hierorts eine Protestversammlung gegen die Vergewaltigung Oberschlesiens statt. Die Versammlung war stark besucht. Parteisekretär Zeitzschel hob in seiner Rede besonders hervor, daß Oberschlesien seit vielen Jahrhunderten deutsches Land ist und wies sodann auf die große Bedeutung Oberschlesiens für das deutsche Vaterland. Der Einberufer des Abends Studienrat Schmiedeberg verlas sodann folgende Entschließung, die einstimmige Annahme seitens der Versammlung fand: "Einwohner von Delitzsch, ohne Unterschied des Standes und der politischen und religiösen Bekenntnisse, zu einer Kundgebung gegen die Vergewaltigung Oberschlesiens versammelt, gedenken mit Teilnahme der Leiden der deutschen Brüder. Sie legen schärfste Verwahrung ein gegen die Vergewaltigung der deutschgesinnten Bewohner Oberschlesiens, gegen die von polnischen Banden an der deutschen Bevölkerung begangenen Greueltaten und das die Polen begünstigende Verhalten der französischen Besatzungstruppen. Sie verlangen von der Reichsregierung, daß sie bei der interalliierten Kommission und dem Obersten Rat mit aller ihr zu Gebote stehenden Mitteln dahin wirkt, daß in Oberschlesien Ruhe und Ordnung wiederhergestellt und Leben und Eigentum der deutschgesinnten Bevölkerung geschützt wird. Die in Delitzsch und Umgegend wohnenden abstimmungsberechtigten Oberschlesier versprechen, ihren Brüdern und Schwestern in der Heimat, daß sie vollzählig zur Abstimmung in Oberschlesien erscheinen werden, um ihre Stimme für ein deutsches Oberschlesien in die Wagschale zu werfen."

24. September
Direktor Bär vom hiesigen Lehrerseminar ist zum Oberschulrat am Provinzialschulkollegium in Kassel ernannt worden. Als sein Nachfolger wird Seminardirektor König, früher Seminardirektor in Straßburg im Elsaß, genannt.

1. Oktober
Anläßlich des 25-jährigen Bestehens des hiesigen Krankenhauses fand dort heute vormittag eine Feier statt, an der die Vertreter der Krankenkassen, sowie hiesige Behörden, Freunde und Gönner des Krankenhauses teilnahmen. Pastor Kohlmann und Stadtrat Beyer hielten Ansprachen. Seit heute ist das Fleisch markenfrei! Jedermann hat das Recht, soviel Fleisch, Wurst, Schinken zu kaufen, wie er – bezahlen kann.

15. Oktober
Gestern Nachmittag fand im hiesigen Lehrerseminar die feierliche Einführung des Seminardirektors König aus Straßburg im Elsaß statt. Die Volkshochschule beginnt ihre Tätigkeit am Montag den 16. Oktober, abends 8 Uhr mit einem einleitenden Abend im Festsaal des Seminars. Die Stadt stellt die erforderlichen Räume unentgeltlich zur Verfügung und hat außerdem 5.000 Mark Zuschuss für das Semester bewilligt.

19. November
Ein frecher Raubüberfall fand gestern abend hierorts statt. Gegen 8.15 Uhr sind zwei maskierte Männer in die offene Wohnung des Lohgerbermeisters Karl Richter, Bitterfelder Straße eingedrungen und haben diesen nach vorheriger Mißhandlung unter Vorhalten des Revolvers zur Herausgabe seiner Barschaft gezwungen. Die Räuber sind unerkannt entkommen.

26. November
Die gestrige Versammlung des Landwirtschaftlichen Vereins Delitzsch-Bitterfeld ernannte das älteste Mitglied des Vereins, Veterinärrat Liebener, Delitzsch, in Anbetracht seiner erfolgreichen Tätigkeit im Verein zum Ehrenmitglied.

8. Dezember
Die Unsicherheit in unserer Stadt wird immer größer. Bevor es der Polizei noch gelungen ist, die Räuber und Erpresser des vor kurzem auf der Bitterfelder Straße verübten Raubüberfalls zu ergreifen, sind gestern abend kurz vor 9 Uhr Banditen mit schwarzen Masken vor den Gesichtern in die Behausung des Holzkaufmanns und Stadtrats Beyer in der Dübener Vorstadt eingedrungen. Sie wußten anscheinend, daß nur Frau B. und ihr 19-jähriger Sohn im Hause anwesend waren und erzwangen mit vorgehaltenen Schusswaffen Einlaß. Ein vierter stand auf der Straße Schmiere. Die Verbrecher öffneten alle Türen und Behälter und fanden an Beute 160 Mark in Geld, ferner ließen sie neun Flaschen Wein und Zigarren mitgehen. Den erschreckten Anwesenden haben sie aber kein Leid zugefügt. Es wäre dringend zu wünschen, daß es bald gelingen möge, die Räuber zu fassen.

14. Dezember
Sein 60-jähriges Bestehen beging am vergangenen Sonnabend im Schützenhause die "Freiwillige Feuerwehr Delitzsch". Zu dieser Feier hatten sich Abordnungen aus der näheren und weiteren Umgebung eingefunden. Branddirektor Schultze hielt die Begrüßungsansprache, gedachte in ehrenden Worten des Mitbegründers der Wehr Adolf Gustav Schulze und überreichte im Anschluß an seine Ansprache den ältesten Mitgliedern der Wehr und zwar dem Brandmeister Kaspar, der 25 Jahre der Wehr angehört und Kürschnermeister Karl Gräfe, der 23 Jahre Mitglied der Wehr ist, mit Dank für die geleisteten treuen Dienste der Wehr die vom Magistrat der Stadt Delitzsch gestifteten Ehrenurkunden.

17. Dezember
Anläßlich seines gestrigen 150. Geburtstages veranstaltete das hiesige Seminar im Schulsaal des Seminars eine würdige und reich ausgestattete Beethoven-Feier. Seminarlehrer Dr. Vogler gab in seiner Festrede ein lebensvolles Charakter- und Schaffensbild des großen Tonkünstlers wieder. Seminarmusiklehrer O. Heine führte mit dem großen Seminarchor unter Mitwirkung unserer heimischen Künstler in exakter Weise Werke von Beethoven vor. Eine musikalische Schönheit brachte auch das Trio in E-Moll für Violine, Cello und Klavier von Vogler, O. Heine und Frau Schimpf vorgetragen. Den Schluß des Abends bildete das Streichorchester des Seminars mit Klavierbegleitung von O. Heine "An die Freude".


1921

8. Januar
Einbrecher
Gefährliche Einbrecher statteten in der Nacht vom 4. zum 5. Januar der Schuhfabrik von Sonntag und Francke, Eilenburger Straße hier, einen Besuch ab. Den Einbrechern sind über 200 Paar fertige Damen- und Herrenstiefel in die Hände gefallen. Die Spur führte zunächst bis zur Bahnhofssperre. Anderntags bemerkte nun ein Bahnbeamter auf dem Güterbahnhof in der Nähe der Elisabethstraße in einem leeren Kohlenwagen die Säcke. Ein Polizeibeamter legte sich auf die Lauer. Am Abend erschien der Dieb, um die Beute zu holen. Da er seinen Komplicen nicht gegenwärtig fand, machte er wieder kehrt. Der Polizeibeamte verfolgte ihn. Es begann nun eine Jagd durch die Stadt, wobei auch Schüsse gewechselt wurden. Schließlich wurde der Dieb gestellt und festgenommen. Beim Verhör brach er zusammen, da er eine Kugel in die Brustseite erhalten hatte. Im Krankenhaus verstarb er. Der Verstorbene war ein entsprungener Häftling aus Halle. Der Komplice konnte bis heute nicht ermittelt werden.

18. Januar
Polen besetzen Oberschlesien
Die aufständischen Polen unter Korfanty haben Oberschlesien besetzt und fordern Oberschlesien mit Polen zu vereinigen. Die Aliierten bestimmen für Oberschlesien eine Volksabstimmung. Diese soll im März d. J. in ganz Oberschlesien abgehalten werden. Alle aus Oberschlesien stammenden Deutschen im Reiche sind abstimmungsberechtigt. Diese Oberschlesier haben sich in Ortsgruppen heimattreuer Oberschlesier zusammengeschlossen. Auch in Delitzsch hat sich eine "Ortsgruppe heimattreuer Oberschlesier" gebildet. Um nun den Oberschlesiern die Möglichkeit zu geben an der Abstimmung teilnehmen zu können hat, dem Beispiele so vieler anderer Städte folgend, die hiesige Ortsgruppe heimattreuer Oberschlesier vom 9. bis 16. Januar in Delitzsch und Umgegend eine Opferwoche veranstaltet. Für diese Opfertage fanden folgende Veranstaltungen statt: Montag den 10. Januar: Lichtbildervortrag für Kinder und Erwachsene im Schützenhaus. Dienstag bis Freitag: Werbung der Geschäftswelt durch Schaufensterausschmückung. Sonnabend den 15. Januar: Kinemathographische Aufnahmen über Oberschlesien. Sonntag den 16. Januar: Festgottesdienst, Platzmusik, Straßen- und Haussammlung durch Blumenverkauf, Bunter Abend und Vorführungen in verschiedenen Sälen. Allein die Haussammlungen ergaben die stattliche Summe von 6438 Mark.

29. Januar
Grundstückserwerb
Das Grundstück "Deutsches Haus" Bitterfelder Straße ist durch Kauf in den Besitz von Dr. Hoyer und Maurermeister Zerner von hier übergegangen.

21. Februar
Landtagswahl
Die am 20. Februar durchgeführten Landtagswahlen hatten in der Stadt Delitzsch folgendes Ergebnis: Deutschnationale 739, Deutsche Volkspartei 1452, Demokraten 967, Zentrum 108, Mehrheitssozialisten 1158, Unabhängige 927, Kommunisten 1394.

23. Februar
Hilfsschule
In der gestrigen Stadtverordneten-Sitzung wurde für die Einrichtung einer Hilfsschule 10.000 Mark bewilligt. Der Kinderhort erhält einen Zuschuß von 2000 Mark.

26. Februar
Einbruch
Gestern abend kurz nach 7 Uhr drangen zwei maskierte Diebe in das Stationsgebäude des Sorauer Bahnhofs ein während zahlreiches Publikum sich am Schalter befand, stahlen die auf dem Tisch in Päckchen liegende Kasse und verschwanden mit der Kasse. Den Beamten, die sich ihnen widersetzten wurden Revolver vor die Brust gehalten. Es ist rätselhaft wie bei dem regen Verkehr auf dem Bahnhof die Diebe überhaupt entkommen konnten.

27. Februar
Kirchliche Einführung
Die Einführung der neugewählten Mitglieder der kirchlichen Körperschaften fand gestern im feierlichen Hauptgottesdienste statt. Es sind nach dem neuen Wahlgesetz 48 Mitglieder der Gemeindevertretung und 12 Gemeindekirchenräte. Die Einführung geschah durch Superintendent Hobbing.

5. März
Abstimmung in Oberschlesien
Die Abstimmungsberechtigten aus dem Kreise Delitzsch fahren am 10., 12. und 13. März nach ihrem Heimatort nach Oberschlesien vom Sorauer Bahnhof ab. Fahrscheine sind ab sofort in Ortsgruppe Marienstr. 3a abzuholen. Wahlkarte ist mitzubringen. Dies wurde öffentlich bekannt gegeben.

8. März
60 Jahre Abendstern
Der Gesangverein "Abendstern" beging am 5. und 6. März Sonnabend und Sonntag sein 60jähriges Stiftungsfest im Schützenhause. Der Saal war festlich geschmückt. Es nahmen an dieser Jubelfeier nicht nur sämtliche hiesige Gesangvereine sondern auch verschiedene auswärtige Vereine teil, die sich auch sämtlich an den gesanglichen Vorträgen beteiligten. Der erste Vorsitzende Bruno Rönicke eröffnete mit Begrüßungsworten an die zahlreich erschienenen Vereine und Ehrengäste den Festabend am Sonnabend und gab dann einen geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung und Tätigkeit des Vereins. Darnach ist der "Abendstern" bereits 1857 als ein Gesellschafts- und Vergnügungsverein gegründet worden. Unter dem Vorsitzenden dem Zigarrenfabrikant F.C. Gröschner trat er denn 1861 als Gesangsverein ins Leben. Der erste Dirigent war Stadtmusikus Wisnarkewitz, der aber bald von Lehrer Hoffmann abgelöst wurde. Von da ab haben nacheinander folgende Dirigenten den "Abendstern" geleitet: Lehrer Rocke, Lehrer Schubert, Lehrer Reime und zuletzt seit 1891 Kantor Müller. Die beiden Ehrendirigenten Schubert und Reime nahmen an dem Stiftungsfeste teil und wurden sehr geehrt. Recht anerkennenswerte Leistungen vollbrachten die zahlreichen Gesangvereine. Viele Glückwünsche und Geschenke wurden dem Jubelverein zuteil. Den Festabend schloß der Jubelverein mit dem Lied: "Und droben sang die Nachtigal".

11. März
Both
Schon im Vorjahr ist vom Kreistag die Errichtung einer "Kreisbank" beschlossen worden. Zum Leiter derselben ist der bisherige Bankbeamte Arthur Both aus Landsberg bestellt. Die Eröffnung erfolgt mit dem 12. März 1921. Bis zur Fertigstellung des Neubaus der Bank, Kreissparkasse und Kreiskommunalkasse ist die Bank in den bisherigen Geschäftsräumen der Kreissparkasse, Schloßstr. 9 mit untergebracht.

16. März
Neuer Landrat
Das preußische Staatsministerium hat den bisherigen kommisarischen Landrat für den Kreis Delitzsch G. Raute als Landrat bestätigt.

21. März
Gedenkfeier
Gestern nachmittag 3 Uhr fand unter zahlreicher Beteiligung aller sozialdemokratischer Parteien eine würdige Gedenkfeier am Grabe der Märzgefallenen teil. Der Arbeiter- Gesangverein trug zwei Lieder vor. Ansprachen hielten Sittner - Bitterfeld als Vertreter der kommunistischen Partei und Hampe als Vertreter der U.S.P.D. Die Parteien legten an den Gräbern Kränze nieder.

25. März
Oberschlesien
Deutsche Heimattreue und Vaterlandsliebe haben in Oberschlesien den Sieg errungen. Der Draht hat die Nachricht hinausgetragen in alle Welt, die Zeitungen verkünden allerorten: Oberschlesien bleibt deutsch! Heute (Donnerstag) abend um 7 Uhr erklingen auch hier in Delitzsch die Glocken zu Ehren des Abstimmungssieges. Die öffentlichen Gebäude haben schon Flaggensschmuck angelegt, die Bürger werden dem Beispiele folgen. Die ersten Abstimmungsberechtigten sind bereits aus dem Osten wieder heimgekehrt; bald werden auch die übrigen ihnen folgen. Der Rettoausschuß und der Schutzbund für Grenz- und Auslandsdeutsche veranstalten für sie im Laufe der nächsten Woche einen Begrüßungsabend.

27. März
Aufruhr
Der Aufruhr in Mitteldeutschland hat auch auf Delitzsch übergegriffen. Gestern morgen 7 Uhr wurde die kommunistische Arbeiterschaft durch Trompetensignal und Trommelwirbel zu einer Versammlung im "Lindenhof" aufgefordert. In der Versammlung wurde ein Aktionsausschuß gebildet. Am Nachmittag erfolgte die Besetzung der hiesigen Banken sowie des Rathauses und des Landratsamtes. Es wurde auch der Versuch unternommen die Polizeimannschaft zu entwaffnen, was jedoch verhindert wurde. Der gegen 7.30 Uhr abends proklamierte Generalstreik und Belagerungszustand wurde nach einer Stunde abgeblasen.

1. April
Sicherheitstruppen
Gestern früh sind Sicherheitstruppen in Delitzsch eingezogen. Diese Truppen haben zum Schutze der öffentlichen Ruhe teils in unserer Stadt, teils in der näheren Umgebung Quartier bezogen. Bei ihrer Ankunft wurden die Sicherheitstruppen auf der Leipziger Straße von Bewaffneten beschossen, ohne jedoch jemanden zu verletzen. Die darauf erfolgte Besetzung der Stadt erfolgte ohne jeden weiteren Widerstand. Im Laufe des Vormittags trafen weitere Truppentransporte ein, die im Seminar und in den Schulen einquartiert wurden. Die vorgenommenen Haussuchungen im Laufe des Vormittags haben zu Verhaftungen und Beschlagnahme von Waffen geführt. Seit dem Einzug der Truppen ist kein Trompetenschall und Trommelwirbel mehr zu hören, der tagelang die Einwohnerschaft aus dem Schlafe geweckt und in Unruhe versetzt hat. Es ist wieder Ruhe in der Stadt! Die gestern begonnenen Haussuchungen und Verhaftungen dauern auch heute noch an. Die Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte haben die Arbeit heute in vollem Umfange wieder aufgenommen.

1. April
Stiftung
Die Stadtverordneten beschlossen in ihrer Sitzung am 30. März die Aufnahme eines Vermächtnisses von 5000 Mark für Pflege der Grabstätte des Schuhwarenfabrikanten Francke.

2. April
Verbrecher
Heute nacht gegen 3 Uhr wurde hier versucht, die Überführung an der Bitterfeld - Leipziger Strecke zu sprengen. Die Wachmannschaften der Sicherheitspolizei, die den Vorgang noch frühzeitig beobachteten und eine Verfolgung der Banden sofort aufnahmen, erhielten Gewehrfeuer, was von ihnen lebhaft erwidert wurde. Weitere zur Verfolgung entsandte Polizeitruppen fanden keine Gelegenheit zum Eingreifen, da die Verbrecher bereits geflüchtet waren.

18. April
Luther-Jubiläum
Heute am 18. April 1921 ist die 400. Wiederkehr des Tages, an dem Martin Luther vor Kaiser und Reich in Worms sein mannhaftes Bekenntnis ablegte. Gestern fand in Erinnerung an diese Tat hier ein Festgottesdienst statt, an dem die evangelischen Schüler aller Schulgattungen geschlossen teilnahmen. Heute fanden in den Schulen entsprechende Gedenkfeiern statt. Im Anschluß an den gestrigen Festgottesdienst fand in unserer Stadtkirche eine Gedenkfeier für die am 11. April in "Haus Dorn" verstorbene frühere Deutsche Kaiserin Auguste Viktoria statt. Der Gesang von Frau Kurtzhalß erhöhte die würdige Feier.

1. Mai
Kreishaus
Die Erd-, Maurer- und Asphaltarbeiten für des Kreishaus Um- und Erweiterungsbau sind dem Maurermeister Metzner – Delitzsch übertragen worden.

4. Mai
Butter frei
Nach einer Verordnung vom 30. April wird bestimmt: Vom 1. Juni ab wird die Butter- und Käsewirtschaft frei und die Milch grundsätzlich von allen Erfassungsmaßnahmen bei den Landwirten befreit.

8. Mai
Oberschlesien
Oberschlesien ist von polnischen Banden besetzt worden. Der Vorsitzende der Ortsgruppe heimattreuer Oberschlesier hierselbst Schneidermeister Wemmer erhielt aus Oberschlesien folgendes Telegramm: "Oberschlesien unsere Heimat ist in Gefahr von polnischen Banden verwüstet zu werden. Wehrfähige Oberschlesier werden gebeten, sich sofort bei der Abstimmungspolizei der interallierten Kommission zu melden."

17 Juni
Krieger-Ehrung
Zum Zwecke einer "Krieger-Ehrung" fand gestern am 16.6. im Weißen Roß eine Ausschuß-Sitzung statt. Es wurde beschlossen für alle Gefallenen von Delitzsch, deren Zahl etwa 500 beträgt, auf dem alten Friedhof ein Ehrenmal zu errichten. Das Projekt sieht einen Massivblock vor, der von einer 2 – 2 ½ m hohen halbrunden Mauer umzogen werde, auf deren Innenseite in ovalen Metallschildern die Namen der Gefallenen verewigt stünden. Jedes Schild trägt nur einen Namen in erhabener Schrift. Die Ausführung des Entwurfs soll dem Berliner Bildhauer Otto Richter übertragen werden. Für die evangelischen Gefallenen soll dann noch besonders in der Marienkirche eine Gedächtnistafel mit den Namen der evangelischen Gefallenen angebracht werden.

25. Juni
75 Jahre Schulze D. Liedertafel
Die Schulze-Delitzsch-Liedertafel feierte in diesen Tagen ihre 75jährige Jubiläumsfeier. Am 22. Juni 1846 wurde der Verein von Schulze – Delitzsch gegründet. Gründer gehören dem Verein nicht mehr an; um so größer ist die Zahl seiner Jubilare. Den Vorsitz führt z.Z. H. Henkel, der bereits über 25 Jahre Mitglied des Vereins ist und 17 Jahre den Vorsitz führt. 15 Jahre war Lehrer Reime Dirigent des Vereins; jetzt liegt die Leitung des Gesangvereins in den bewährten Händen von Herrn Auerbach. Am Abend vor dem Festtag fand ein Festkommers (statt d.A.). Hier sprachen der Vorsitzende Henkel und Lehrer Kunze. Der Festverein und die zahlreich erschienenen Gesangsvereine von hier und der Umgegend erfreuten die vielen mit ihren Gesangsvorträgen.

28. Juni
Delitzscher Notgeld
Das Magistrat hat sich entschlossen, künstlerisches farbiges Notgeld drucken zu lassen. Mit der Anfertigung von Entwürfen ist unser heimischer Kunstmaler Fred Uebel betraut worden. Es sollen 2 Serien 50 Pfg. Stücke herauskommen. Die eine, die Schulze Delitzsch Serie zeigt auf der Vorderseite das Porträt Herrmann Schulze, während die Rückseite durch Darstellungen von sechs alten Bauwerken der Stadt eine hervorragende Wirkung erhalten sollen. Die zweite Serie, die Schweden - Serie zeigt auf der Vorderseite das Schloß und die Kursächsischen Wappen, auf der Rückseite in einer Bilderfolge die Geschichte von der Türmertochter, welche durch Signale die Stadt vor dem Überfall der Schweden rettete.

29. Juni
Hohe Preise
Welche Höhe manche Preise erreicht haben, konnte man auf dem heutigen Peter Pauls Markt sehen. Der Verkaufspreis von Pferden stand zwischen 3500 – 30.000 Mark, ein Ferkel 80 – 150 M, ein Läufer 250 – 360 Mark.

1. Juli
Poleneinfall
Durch den Einfall der Polen in Oberschlesien und die Zerstörung dortselbst sind die dort lebenden Deutschen in bittere Not geraten. Wie überall in Deutschland so hat sich auch die hiesige Ortsgruppe "heimattreuer Schlesier" der Not angenommen und hierselbst ein "Oberschlesier Hilfswerk" gegründet. Spenden für dieses Hilfswerk nehmen die Banken und Zeitungsstellen entgegen.

7. Juli
Protestversammlung
Der Delitzscher Lehrerverein hielt gestern in "Stadt Leipzig" eine öffentliche Protestversammlung gegen die Zertrümmerung der Volksschule im Entwurf des Reichsgesetzes ab. Nach dem Referat eines Leipziger Lehrers und einer sich anschließenden Aussprache wurde folgende Entschließung angenommen: "Die für den 6. Juli 1921 vom Lehrerverein Delitzsch und Umg. einberufene öffentliche Protest-Versammlung "gegen die Zertrümmerung der Volksschule" erhebt schärfsten Einspruch gegen den Entwurf eines Reichsgesetzes zur Ausführung des Artikels 146 Absatz 2 der Reichsverfassung, denn er zerschlägt jede Einheit der Schule und des Unterrichts, er nimmt dem Staate die Schule aus der Hand und verteilt sie an die kirchlichen und nichtkirchlichen Bekenntnisse; er erhöht die Schulaufwendungen unter Herabdrückung der Leistungen, er fördert nicht die Einheit".

24. August
Werbelin
Die Stadtverordneten beschäftigten sich in ihrer gestrigen außerordentlichen Sitzung mit einer wichtigen Angelegenheit. In Werbelin unweit Delitzsch ist eine neue Kohlengrube erschlossen worden. Der Handelsschutz Delitzsch hat nun an die Stadt den Antrag gestellt die zu errichtende Kohlenbahn nicht nach Zschortau zu leiten, sondern mit den maßgebenden Stellen in Verbindung zu treten, daß diese Bahn von Werbelin direkt nach Delitzsch kommt und hier mit der Eisenbahn-Verbindung erhält. Die Stadt will zu gegebener Zeit in diesem Sinne handeln.

6. September
Landbundtag
Am Sonntag den 4. September fand in Delitzsch der erste Landbundtag statt. Er wurde nachmittag 1 Uhr im Saal des Schützenhofes vom Vorsitzenden Prautsch Sausedlitz eröffnet. Aus seiner längeren Rede sei nur einiges wiedergegeben. Gleich nach dem Kriege schlossen sich allerorten in unserem Vaterland die Bauern zu Bauernvereinen zusammen, um ihre darniederliegenden wirtschaftlichen Interessen zu fördern. Am 28. März 1919 gründete dann ein Teil der Bauernvereine unseres Kreises den Kreisbauernverein Delitzsch Ost. Am Anfang des Jahres 1921 setzten dann Bestrebungen ein, den deutschen Landbund mit dem schon seit Jahrzehnten bestehenden "Bund der Landwirte" zu einer Organisation dem Reichslandbund zu verschmelzen. Und der Versuch gelang; so entstand unser Kreislandbund Delitzsch. Redner schloß mit dem Wunsch, daß die noch heute außenstehenden Landwirte recht bald den Weg zum Landbund finden. Am Nachmittag fanden auf dem geräumigen Schützenhof Platz Spiele und im Saale Tanz statt.

12. September
Lehrerverein Delitzsch 50 Jahre
Am Freitag und Sonnabend den 9. u. 10. September feierte der Lehrerverein Delitzsch und Umg. sein 50jähriges Jubiläum. Eingeleitet wurde die Jubelfeier durch einen Festkommers am Freitag im "Schwan" durch Musikstücke der Kapelle Preuß, Gedichte, gemeinsame Lieder, der Begrüßungsrede des Vorsitzenden Hirschfeld und einem Einakter: "Die Hasenpfote". Am Sonnabend fand dann die eigentliche Jubelfeier statt, zu der eine Reihe auswärtiger Vereine Vertreter entsandt hatten so Leipzig, Halle, Bitterfeld, Eilenburg. Diese Vertreter überbrachten die Glückwünsche ihrer Vereine, der Kreisschulrat Roß die der Regierung. Die Festrede hielt der Ehrenvorsitzende des Vereins Lehrer Richter - Delitzsch. Nach dem Einakter "Arbeit" nahm der Festball seinen Anfang und beschloß so die Feier des 50jährigen Bestehens des Lehrervereins.

14. September
Jungmännertag
Am Sonntag fand ein evangelisch kirchlicher Jungmännertag in Delitzsch statt. Von auswärts hatten sich eine ganze Reihe befreundeter Jungmänner aus Bitterfeld, Dessau, Düben, Eilenburg, Halle, Herzberg, Merseburg, Torgau, Raguhn und Wolfen eingefunden. Am frühen Morgen wurden von der Delitzscher Instrumental - Vereinigung Delitzsch einige Choräle vom Turm der Stadtkirche geblasen. Die Festpredigt hielt in der geschmückten Stadtkirche Oberpfarrer Valentin aus Eilenburg. Die Nachmittag Veranstaltungen fanden in "Stadt Leipzig" statt. Sie bestanden aus Vorträgen und Turnspielen u. anderen Spielen. Am Abend sprach noch Pfarrer Winkler - Sausedlitz.

12. Oktober
Kohlmann
Sein 25jähriges Amtsjubiläum beging am gestrigen 11. Oktober Archidiakonus Kohlmann an der hiesigen Stadtkirche.

16. Oktober
Dienstjubiläum
Sein 25jähriges Dienstjubiläum bei der Firma Oskar Apitzsch begeht mit dem heutigen Tage Markthelfer Schumann.

17. Oktober
Versetzung
Pastor Ruhmer, der 12 Jahre hier tätig gewesen ist, ist von den kirchlichen Körperschaften St. Ulrich in Halle zu Pfarrer darselbst gewählt worden. Er soll den Ostbezirk der dortigen Gemeinde verwalten.

22. Oktober
Pilzernte
Selten war die Pilzernte eine so schlechte als in diesem Jahre. Die lange Dürre hat die Ausbildung der Pilzfäden verhindert und als dann endlich Regen kam, war es wiederum zu kalt. Vielfach ist durch rücksichtsloses Beseitigen von Waldstreu und durch Abholzen ganzer Bestände der Pilzertrag auf Jahrzehnte unmöglich gemacht worden. Ob die Ausbeute an Champignon im Herbst noch lohnend werden wird, ist sehr fraglich.

28. Oktober
Stadtverordneten
Die Stadtverordneten beschlossen in ihrer Sitzung am 26. Oktober Die Festsetzung des Fluchtlinienplanes für das Bauvorhaben der Siedlergenossenschaft östlich des Friedhofes, Lohnerhöhung für die städtischen Arbeiter, Teuerungszulagen für die städtischen Beamten, neue Gehaltseinstufung für die beiden Bürgermeister und Rendant Kunzke (Gruppen 12, 10, 9) Der Magistrat hat beschlossen den Tennisplatz bis zum Jahre 1928 an die jetzige Pächterin weiter zu verpachten mit der Bedingung, daß der Spielplatz auch der Allgemeinheit zugängig bleibt.

31. Oktober
Milchpreis
Laut Bekanntmachung beträgt von morgen ab der Preis für ein Liter Milch 3,00 Mark.

1.November
Reformationsfeier
Eine schöne schlichte Reformationsfeier fand am gestrigen Dienstag in der Stadtkirche statt. Eine zahlreiche Gemeinde hatte sich eingefunden. Pastor Ruhmer hielt die Festansprache. Frau Kurzhalß verschönte die Feier durch 2 Lieder mit Orgelbegleitung durch Organist Sauerteig.

3. November
Schulbeginn
Die Landwirtschaftliche Schule hat mit dem 1. November ihren 6. Lehrgang begonnen und ist dieselbe erfreulicherweise wieder voll besetzt. In die Unterklasse wurden 42 und in die Oberklasse 44 Schüler aufgenommen. Auch die Volkshochschule hat mit dem gleichen Tage ihre Tätigkeit aufgenommen, nachdem zuvor das hiesige Gewerkschaftskartell in einer Versammlung die Arbeiterschaft angeregt hat sich an der Arbeit in der Volkshochschule rege zu beteiligen.

18. November
Todesfall
Wieder hat einer unserer angesehensten und verdienstvollsten Bürger die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen. Stadtrat a.D. und Kaufmann Wilhelm Kläning rief am gestrigen Donnerstag der Tod zur ewigen Ruhe.

26. November
Dr. Gaudig
Oberstudiendirektor Dr. Gaudig - Leipzig ist einer der größten Lehrer Deutschlands, dessen Schule, eine höhere Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar in Leipzig von vielen Männern aus Deutschland, Frankreich, England, Amerika, Schweden, Norwegen Oesterreich, Dänemark usw. besucht wird. Zuweilen sind über 100 Hörer in den Klassen. Viele Städte bitten ihn zu Vorträgen. So hat sich auch der Lehrerverein Delitzsch und Umg. das Verdienst erworben, ihn zu vier Vorträgen zu gewinnen. Sie wurden im Festsaale des hiesigen Lehrerseminars vom 21.-26. November vor einer in drangvoller Enge zusammengeferchten Zuhörerschaft, die sich aus Stadt und Land zusammengefunden hatten, gehalten. Die einzelnen Vorträge behandelten folgende Themen:

1. Problematik der modernen Schule.
2. Entwicklung des Gemeinschaftslebens in der Schule.
3. Der Arbeitsvorgang als unterrichtskundlicher Grundbegriff.
4. Die deutsche Schule im nationalen Kulturprogramm.

Neben den einzelnen Vorträgen wurde auch praktischer Unterricht im Sinne der dargebotenen Bestrebungen erteilt. Unter der Lehrerschaft wird die Vortragsreihe unter dem Namen "Gaudig Wochee" nachhaltig in Erinnerung bleiben.

27. November
Stadtverordnetensitzung
In der vorletzten Stadtverordnetensitzung kam es zu Unstimmigkeiten der einzelnen Parteien. Im Verlauf der Auseinandersetzung verließen die der Unabhängigen Sozialdemokraten angehörigen Stadtverordneten den Sitzungssaal. Auf Veranlassung des Regierungspräsidenten hatte Landrat Raute die Mitglieder des Magistrats und die Stadtverordneten zu einer Verhandlung über die Auflösung der Stadtverordnetenversammlung eingeladen, um in einer Besprechung zwischen Magistrat und Stadtverordneten zu vermitteln. Die beabsichtigte Einigung war jedoch nicht zu erreichen. Nun ist mit der Ernennung eines Regierungskommissars zu rechnen, der einstweilen die Geschäfte bis zur Neuwahl weiter führen wird.

29. November
Eisenbahnunglück
Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich gestern nachmittag auf der Strecke zwischen Delitzsch-Leipzig. Als der um 4.30 Uhr die hiesige Station verlassende Zug den Bahnübergang beim Familienhaus am Brodauerweg passierte wurde das auf den Schienen spielende Kind, 1 ½ Jahre alt, des Bahnwärters Lorenz von der Lokomotive erfaßt und totgefahren. Der im letzten Augenblick herbeigeeilte Schrankenwärter Rote aus Zschortau, ein gelähmter Kriegsinvalide, der das Kind retten wollte, wurde ebenfalls vom Zuge erfaßt und tötlich verletzt. Auf dem Wege zum Krankenhaus Leipzig verstarb er, nachdem ihm noch Dr. Rollin in Zschortau einen Notverband angelegt hatte.

30. November
Arbeitsamt
Mit dem 1. Dezember 1921 wird in der Stadt Delitzsch für den Kreis Delitzsch ein Arbeitsamt eröffnet. Diesem Amt fällt die schwere Aufgabe zu, den arbeitenden Kräften geeignete Arbeit zu vermitteln.

2. Dezember
Einwohnerzahl
Die Einwohnerzahl unserer Stadt betrug am 1. Dezember d. J. 14.959, wozu noch die Insassen der hiesigen Strafanstalt kommen.

20. Dezember
Überfall v. Busse
Dreister Überfall auf Landrat a.D. von Busse. Ein dreister Überfall in verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich gestern abend in der achten Abendstunde auf der Eilenburger Chausee nach Klein- Döbernitz zu abgespielt. Der Vorfall trug sich wie folgt zu: Als von Busse gestern abend 7.30 Uhr seine Tochter vom Sorauer Bahnhof abgeholt und mit seinem geschlossenen Wagen die Chaussee nach Klein Döbernitz passierte, sprang plötzlich ein Mann aus dem Hinterhalt, hielt die Pferde an und drohte dem Kutscher mit Erschießen, wenn er nicht anhalte. Ein anderer riß die linke Seitentür des Wagens auf und hielt ebenfalls dem Landrat und seiner Tochter einen Revolver vor. Hierauf öffnete ein dritter Wegelagerer die rechte Tür des Wagens und durchleuchtete denselben mit einer Laterne. Die Räuber griffen nach der Brieftasche des Herrn von Busse und leerten deren Inhalt in Höhe von 500 Mark, worauf die Täter das Gespann weiter fahren ließen. Leider sind infolge der Dunkelheit alle drei Räuber unerkannt entkommen.


1922

Grippe in Delitzsch
Von der Grippe, die in ganz Deutschland ihre Streifzüge unternimmt und teilweise recht bösartig auftritt, ist die Stadt Delitzsch nicht verschont geblieben. Doch zeigt die Krankheit hier einen gutartigen Charakter. Bei der hiesigen Ortskrankenkasse haben sich von Mitte Dezember 1921 bis zum 11. Januar 1922 gemeldet 170 erwerbstätige Personen als grippekrank. Zu dieser Anzahl dürften noch eine Anzahl erkrankter Kinder und Ehefrauen kommen. Sterbefälle sind aber bei der Ortskrankenkasse nicht gemeldet worden.

20. Januar
Versetzung von Pastor Ruhmer
Unter zahlreicher Beteiligung der Gemeinde aus allen Schichten und Kreisen fand gestern für den nach Halle versetzten Pastor Ruhmer ein Abschiedsabend in "Stadt Leipzig" statt. Herzliche Abschieds- und Dankesworte richtete an den Scheidenden Superintendent Hobbing, Pastor Kohlmann, Oberstudiendirektor Wahle sowie ein Vertreter des ev. Jungmännervereins. Die ganze Feier war umrahmt durch Gesänge des Kirchenchors verstärkt durch Kräfte aus dem "Abendstern" unter Leitung von Kantor Müller sowie Einzelgesänge. Pastor Ruhmer wird diese schöne Abschiedsfeier noch recht lange in Erinnerung bleiben.

21. Januar
Teurungswelle
Infolge der in letzter Zeit sprunghaft eingetretenen Teuerungswelle und der ablehnenden Haltung der Arbeitgeber entsprechend die Löhne der Angestellten zu erhöhen fand gestern im "Hotel zur grünen Linde" eine Protestversammlung der hiesigen kaufmännischen Arbeiterverbände statt, die vom Vorsitzenden der Arbeitsgenossenschaft Laue eröffnet und geleitet wurde. Nach Anhören eines Referates und daran sich anschließender erregter Aussprache wurde eine Entschließung einstimmig angenommen, in der die Angestellten ihre Forderung gegenüber den Arbeitgebern darlegten.

1. Februar
Astoria
Das "Welttheater", Hallesche Str. 32, ist von seinem bisherigen Inhaber M. Scherzberg in die Hände von Max Rodehan übergegangen. Der neue Besitzer wird das Unternehmen unter dem Namen "Vereinigte Astoria Lichtspiele" weiterführen.

18. Februar
Delitzscher Musikverein
Der Delitzscher Musikverein brachte am Mittwoch abend vor vollbesetztem Hause J. Haydn's "Schöpfung" zu Gehör. Für die Solopartien waren drei auswärtige Kräfte gewonnen worden. Die Aufführung gelang in vollendeter Schöne. Es war ein Kunstgenuß, der den Delitzschern hier geboten wurde. Starker Beifall lohnte deshalb auch die Aufführenden. Besonderes Lob gebührt dem Leiter des Ganzen Seminarmusiklehrer O. Heine.

19. Februar
Steigerung der Preise
Die Preise steigen weiter. Ein 4 Pfund Schwarzbrot kostet 12,25 Mark. Auch die Viehpreise gehen weiter in die Höhe. Der Preis von Ferkeln schwankte zwischen 200-275 Mark, der bei Läufern zwischen 300-350 Mark, Pferde wurden von 10.000-70.000 Mark gehandelt.

6. März
Branddirektor Schulze ist tot
Hochbetagt verstarb am gestrigen Sonntag den meisten wohlbekannt der Ehrenbürger unserer Stadt Branddirektor a.D. Schulze aus einem Leben unermüdlich schaffender und erfolgreicher Arbeit. Der Dahingeschiedene hat ein Alter von 84 Jahren erreicht. 1838 in Delitzsch geboren begann er im Jahre 1863 seine Laufbahn als freiwilliger Feuerwehrmann. Als Führer des Feuerwehrwesens der Stadt übernahm er 1870 die technische Leitung, zugleich übertrug die Stadt dem damaligen bewährten Führer das Amt eines städtischen Branddirektors. Mehrere Jahre bekleidet er das Amt eines Stadtrats. Seiner Verdienste wegen wurde er von der Stadt zum Ehrenbürger ernannt. Der Tod hat ihn abberufen, aber in der Geschichte des hiesigen Feuerlöschwesens hat er sich ein dauerndes Denkmal gesetzt.

15. März
Kartoffelpreis
Der Kartoffelpreis pro Centner beträgt 125-135 Mark.

27. März
Stadtverordnetenwahl
Das Ergebnis der gestrigen Stadtverordnetenwahl ist folgendes:

Vereinigte Bürgerschaft Liste Mietzsch, 2187 Stimmen
SPD Liste Münzer, 974 Stimmen
USPD Liste Hampe, 1213 Stimmen
KPD Liste Förster, 1545 Stimmen
Es erhalten voraussichtlich Sitze:
Vereinigte Bürgerschaft 14
SPD 4, USPD 5, KPD 7

1. April
Jungnickel
Auf sein 25jähriges Jubiläum als städtischer Beamter kann am heutigen Tage Magistratssekretär Bernhard Jungnickel zurückblicken. Der Jubilar trat, von Steglitz kommend, am 1. April 1897 bei der hiesigen städtischen Verwaltung als Stadthauptkassenbuchhalter ein. 1904 wurde er zum Stadtsteuereinnehmer und Magistratssekretär ernannt. Am 1. April 1914 übertrug man ihm das Amt als Vorsteher des Rechnungswesens. 1906 wurde ihm das Amt des Kirchenkassenrendanten übertragen und 1914 wurde er zum Hospitalwirtschaftsvorsteher berufen.

22. April
Oskar Schmidt gestorben
Gestern abend ist, allen wohl unerwartet, Kreissparkassendirektor Oskar Schmidt aus einem Leben unermüdlich, schaffender und erfolgreicher Arbeit abberufen worden. Leider haben sich seine Wünsche nicht erfüllt, auch im neuen Heim im Dienste der Kreisspar- und Kommunalkassen noch lange an seinem Platz zu stehen, noch weitere reiche Erfolge seiner Arbeit erblühen zu sehen. Fast über 22 Jahre leitete er den stolzen Zweig jener umfangreichen Institute der beiden Kassen, die für ihre Entwicklung in der Zeit seiner Amtstätigkeit ihm soviel zu danken haben. Der Dahingeschiedene hat ein Alter von 57 Jahren erreicht.

28. April
Gründung
Hier hat sich ein "Jung-Deutscher Orden" gebildet, der gestern im "Schwan" seine erste Veranstaltung hatte. Der Großmeister Heinrich Lobenstein eröffnete und leitete die Veranstaltung.

2. Mai
Auflösung der Präparande
Die Schulkommission der Stadtverordneten beschloß die Auflösung der Präparandenanstalt in der Elisabethstraße. Das Vordergebäude soll künftig teils zu Wohnungen, teils zu anderweitigen Schulzwecken, teils auch zur Unterbringung der Volksbibliothek mit Einrichtung eines Lesezimmers benutzt werden. Das Hintergebäude soll der Hilfsschule sowie einigen Klassen der Knabenvolksschule eingeräumt werden.

5. Mai
Langer Winter
Ein endlos langer Winter liegt hinter uns. Er begann schon im November und währte bis in den April hinein. Man kann nun zwar nicht sagen, daß der vergangene Winter besonders hart war. Denn zwischen Zeiten, in denen das Thermometer tief unter den Nullpunkt sank, gab es auch frühlingsmäßige Wochen. Aber dadurch eben, weil die Spanne des Winters eine so lange war, und da dieser Winter ungleich strenger ausfiel als die vergangenen Winter erschien er uns so schlimm. Auch mochte die geradezu beängstigende Kohlennot sowie die durch die Teurung bedingte mangelhafte Ernährung großer Volksschichten dazu beigetragen haben, daß der Winter ein gar so schlechtes Andenken hinterläßt. Nun ist der Frühling eingezogen, doch die Vegetation ist um Wochen im Rückstand.

14. Mai
Spangenberg Stadtältester
Seinen 80. Geburtstag feiert heute in erfreulicher Rüstigkeit Stadtältester Spangenberg, bei welcher Gelegenheit ihm seitens des Magistrats, vertreten durch І. Bürgermeister Böttcher, herzliche Glückwünsche überbracht wurden. Spangenberg hat sich viele Verdienste um die Stadt erworben. Vom 1. Januar 1884 an war er Stadtverordneter und waltete genau 12 Jahre lang, von 1900 – 1912, des verantwortlichen Amtes als Stadtrat. Bei seinem Abgang als Siebenziger wurde ihm der Titel "Stadtältester" verliehen.

27. Mai
Stahlhelm
Der hier vor einiger Zeit gegründete "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten" hielt hierorts eine Deutsche Volks- und Arbeitsgemeinschaft ab, in welcher Dr. Stadler aus Halle sprach.

8. Juni
Kreisständehaus
Nachdem die Umbauten des Kreisständehauses vollendet sind, siedelt die Kreissparkasse und die Kreisbank mit dem heutigen Tage entgültig in ihr neues Heim über. Zugleich erhält auch die Kreiskommunalkasse in den neugeschaffenen Räumen Aufnahme.

9. Juni
Marienfriedhof
Friedhofschänder trieben gestern ihr Werk auf dem Marienfriedhof. Man vermutet mehrere junge Leute im Alter von 15-17 Jahren als Täter. Diese haben zwei Erbbegräbnisse erbrochen, indem sie Löcher in das Gewölbe stemmten. Bisher konnte noch nicht festgestellt werden, ob ihr Raubzug von Erfolg war.

10. Juni
Kunder
Obersteuer-Inspektor Kunder ist zum Steueramtmann befördert, und mit Wirkung vom 1. Juni 1922 zum Vorsteher des Finanzamtes in Lüben i. Schl. ernannt.

12. Juni
Elternbeiräte
Am gestrigen Sonntag wurden hier die Elternbeiräte an der Knabenvolksschule und an der Mädchenvolksschule gewählt. Die Wahlbeteiligung war eine äußerst geringe, knapp 25 % der Wahlberechtigten traten an die Wahlurne. Bei der Knabenvolksschule wählten von 1375 Wahlberechtigten 319 und zwar erhielt die Bürgerliche Liste 212, die Liste der Gewerkschaftskartelle 107 Stimmen; auf erstere entfallen 12, auf letztere 6 Sitze. An der Mädchenvolksschule wurden 230 Stimmen abgegeben und zwar für die bürgerliche Liste 117, auf die Liste der Gewerkschaftskartelle 113 Stimmen; auf jede Liste entfallen 9 Sitze.

20. Juni
Both
Am gestrigen Tage fand die Einweihung des neuen Gebäudes der Kreissparkasse und Kreisbank statt, gleichzeitig Übergabe der neuen Räume an den neuen Kreissparkassendirektor Both.

28. Juni
Demonstration
Infolge der Ermordung des Ministers Rathenau wurde auch hier in Delitzsch als Protest in den Generalstreik eingetreten. Mittags 1 Uhr verließ die Arbeiterschaft die Betriebe und legte sie bis heute morgen still. Zu einer imposanten Kundgebung gestaltete sich der vom Gewerkschaftskartell und den drei sozialistischen Parteien festgesetzten Demonstrations-Umzug, der einen ruhigen und würdevollen Verlauf nahm. Wohl zirka 3000 Teilnehmer sammelten sich um 4 Uhr auf dem alten Schützenhausplatze und zogen von hier aus nach dem Marktplatze, wo vor dem Rathaus Aufstellung genommen wurde. Vom Balkon des Rathauses wurde eine kurze auf den Tag bezügliche Ansprache gehalten und der tagenden Stadtverordneten-Versammlung eine Resolution überreicht. Vom Markt bewegte sich der Zug dann in vollständiger Ruhe und Ordnung nachdem Marienplatz, wo er seine Auflösung fand.

10. Juli
Sängerbund
Der Sängerbund "Eintracht" feierte gestern im "Alten Schützenhaus" sein zweites Sängerbundesfest unter überaus zahlreicher Beteiligung der in ihm vereinigten Gesangvereine "Abendstern - Delitzsch, "Sängerkranz" Jeßnitz, "Männergesangverein" Bitterfeld, "Frohsinn" Wolfen, "Konkordia" Greppin und "Harmonie" Wolfen. Der Männerchor "Abendstern" sang unter Leitung seines Chorleiters Kantor Müller ein Begrüßungslied. Der Bundesvorsitzende Schneidermeister Bruno Ronicke sprach Begrüßungsworte und pries das deutsche Lied in beredten Worten. Alle Sänger vereinigten sich hierauf zu einem Gesamtchor und ließen "Des Schäfers Sonntagslied" von Kreutzer unter Leitung des Bundesliedermeisters Lux - Bitterfeld erschallen. Darauf gaben die einzelnen Vereine eine Probe ihres Könnens ab. Noch einmal sang der Gesamtchor. Dieser Abend war ein wirklicher Genuß.

17. Juli
Poenicke
Als Vertreter des Gartenbaues in den Landeseisenbahnrat gewählt wurde Baumschulendirektor Poenicke in Delitzsch von der preußischen Hauptlandwirtschaftskammer zu Berlin.

20. Juli
Hospital
Das Bürgerhospital steht unter Aufsicht des Regierungspräsidenten zu Merseburg. Die Verwaltung und die Vertretung der Stiftung erfolgt durch die Hospitalinspektion, welche jedes Mal aus dem Superintendenten und dem Magistrat gebildet ist, der Magistrat wird beständig durch den Ersten Bürgermeister vertreten. Die Stiftung hat den Zweck, würdigen Bürgern und Bürgerinnen der Stadt Delitzsch gegen Zahlung eines Eintrittsgeldes für ihren Lebensabend freie Wohnung und Verpflegung zu gewähren. Auch können auf Grund der neuen Satzungen Aufnahmen stattfinden. Im Vorjahr wurden durchschnittlich 26 Personen verpflegt. Mit dem Bürgerhospital ist eine Kleinkinder-Bewahranstalt verbunden, welche aus den Mitteln des Hospitals und einer Beihilfe der Stadt erhalten wird. Die Anstalt wird durchschnittlich von 52 Kindern besucht, welche den ganzen Tag über in lehrreicher Weise und mit Spielen beschäftigt werden.

21. Juli
Sturmschaden / Fischsterben im Stadtgraben
Der mit den Regenschauern der letzten Tage verbundene Sturm hat hierorts bedeutenden Schaden angerichtet. Besonders sind Schäden an Obstbäumen entstanden. Zahlreiche zum Teil ganz starke Äste brach der Sturm glatt ab. Es dürfte 1/3 der Obstbaumernte zugrunde gegangen sein. Ein großes Fischsterben kann im hiesigen Stadtgraben an der Stadtmühle festgestellt werden. Zu Hunderten liegen große und kleine Fische tot an der Oberfläche. Man nimmt an, daß die Tiere vergiftet worden sind, da das Wasser stellenweise rot gefärbt ist. Eine gründliche Reinigung des Stadtgrabens wäre bald wieder einmal an der Zeit, denn das sonst so schön anmutende Gewässer entwickelt unangenehme Gerüche.

11. August
Feier des Verfassungstages
Der 11. August ist der Verfassungstag. Vor drei Jahren wurde dem deutschen Volke in Weimar die Verfassung gegeben. Auf Anordnung des Ministers ist dieser Tag als Fest-und Feiertag zu begehen. In den Schulen ist die geschichtliche Bedeutung dieses Tages darzulegen. Eine allgemeine Festfeier fand heute vormittag um 11 Uhr im Schwan statt, zu der die staatlichen und städtischen Behörden Einladungen erließen. Es hatten sich Angehörige aller Parteien, auch einige Damen eingefunden. Zweiter Bürgermeister Grüneberg eröffnete die Feier. Die Feier wurde eröffnet durch ein Doppelquartett: "Brüder reicht die Hand zum Bunde" unter Leitung von Kantor Müller, Landrat Raute hält darauf die Festrede. Er sprach von der Entstehung, der Notwendigkeit und dem Ziel der Verfassung und schloß mit den Worten: "Möge jeder auf seinem Platz, jeder nach seinen Fähigkeiten dahin wirken, daß die Worte der Reichsverfassung Wahrheit werden, daß Freiheit und Gerechtigkeit die Grundlage des Reiches bildet und unserem armen, geplagten und gequälten Volke eine bessere, frohe Zukunft beschieden sei! Bürgermeister Grüneberg brachte sodann den Erlaß des Reichspräsidenten Ebert zu Verlesung.

15. August
Die Kurrende
Die Kurrende ist seit einiger Zeit nicht mehr in der gewohnten Weise tätig. Unsere Chorschüler singen nicht mehr bei den Begräbnissen und anderen Amtshandlungen. Die Teuerung zwingt auch die Kinder schon mit zu arbeiten und zu verdienen. Die Kurrende ist deshalb zunächst bis zum Ende des Sommerhalbjahres außer Tätigkeit gesetzt.

16. August
Zum Denkmal des Weltkrieges
Im Laufe dieses Jahres wurde hierorts ein Ausschuß gebildet, und wie an anderen Orten auch hierorts ein würdiges Denkmal für die im letzten Weltkriege von 1914-1918 Gefallenen zu errichten: Der Denkmals-Ausschuß stand unter der Leitung von Oberschullehrer Reinboth. Die verschiedenartigsten Veranstaltungen haben schon namhafte Beträge für den Denkmalsfonds erbracht. Professor Hosäus in Charlottenburg war mit der Ausarbeitung eines Denkmals-Entwurfs beauftragt worden, daß der Öffentlichkeit vorgelegt und auch angenommen wurde. Nach diesem Plan sollte das Denkmal am Breiten Turm angebracht werden. Dieses Projekt aber ist von der Stadtverordneten-Versammlung abgelehnt worden. Nun nahm sich die Kirchengemeinde der Angelegenheit an. Sie wollte die im Innern gerade renovierte Marienkirche zur Gedächtniskirche machen und die Namen der Gefallenen mit einem Bildschmuck anbringen. Prof. Vetter aus Leipzig, der die Erneuerungsarbeiten leitete, legte einen Entwurf vor, der auch reichen Beifall fand. Doch die allgemeine Teuerungswelle hat unterdessen eine solche Höhe erreicht, daß das Werk in dieser Form nicht ausgeführt werden kann und auf später verschoben werden muß.

16. August
Stephani
Auf eine 25jährige Tätigkeit im Dienste unserer Stadt kann am heutigen Tage Polizeikommissar Stephani zurückblicken. Nach einer vorübergehenden Beschäftigung beim Magistrat in Torgau kam er am 16. August 1897 als Polizeisekretär nach Delitzsch und rückte am 1. April 1900 in die Stelle des Polizeikommissars auf. Seit 1906 ist er auch Synodalrechner der Ephorie Delitzsch.

4. September
Teuerung
Am 1. September betrug das Liter Milch 21,- Mark, dementsprechend sind auch die Butterpreise gestiegen. Ein Schnitt Bier kostete 12 Mark, 3/10 Liter Inhalt 15 Mark.

11. September
Ein kirchlicher Erntezug
Ein bunter Erntezug von Kindern bewegte sich gestern von der Kirche aus durch die Breite Straße, Roßplatz, Bitterfelder Straße nach dem Schützenplatz und von dort weiter zum Schützenhof, wo gerade der Landbund sein Bezirksfest feierte. Es waren aber nicht Kinder des Landes, sondern unserer Stadt und zwar die Kinder, die den Kindergottesdienst besucht hatten. Voran ein Erntewagen mit Ziegenbock bespannt, darauf eine kleine Schnitterin im bunten Bauernschmuck saß, dann der Erntekranz mit langen bunten Bändern und dann alle die Mädchen und Knaben mit ihren Sensen und Sicheln und Rechen, alles mit Blumen, Kränzen und Guirlanden reich geschmückt. Ein buntfarbiges gar freundliches Bild! Auf dem Schützenplatz wurden Lieder gesungen, eine Ansprache gehalten, Reigen und Spiele. Dann ging es im Zug wieder zurück bis zum Marktplatz, wo sich der Zug auflöste. Es waren reine edle Freuden, die Erwachsene und Kinder dabei empfunden haben, Freuden, die noch dazu keinen Pfennig zu kosten brauchten, gewiß eine Seltenheit in unserer Zeit.

16. September
400 Jahre Bibelübersetzung
Ein seltenes Fest feiert in diesen Tagen die evangelische Christenheit. 400 Jahre sind vergangen, seit dem Luthers Bibelübersetzung der Öffentlichkeit übergeben worden ist. Zur Erinnerung an dieses Lutherwerk wird morgen 9.30 Uhr ein besonderer Festgottesdienst stattfinden, in dem auch Schulrat König von der Kanzel aus zur Gemeinde sprechen wird. Die Konfirmanden und der Kirchenchor singen.

19. September
Gabelsberger
Auf ein ehrwürdiges Alter kann der hiesige Stenographenverein "Gabelsberger", der am Sonnabend und Sonntag im Schützenhof seine 70. Stiftungsfeier festlich beging, zurückblickend. Den Auftakt zu der Feier bildete ein Kommers am Sonnabend, zu dem sich auch ein Vertreter des Magistrats Bürgermeister Grüneberg, sowie Vertreter der Nachbarvereine Bitterfeld, Wolfen, Jesewitz, Gräfenhainichen, Eilenburg, Halle, Zerbst, Naumburg u.s.w. eingefunden hatten. Das Lindequartett verschönte den Abend durch herrlichen Gesang. Der Sonntag brachte einen Festball, Konzert und theatralische Vorführungen.

26. September
Zeitungseinstellung
Das Erscheinen des "Delitzscher Tageblatts" muß am 1. Oktober nach 98jähriger Herausgabe infolge wirtschaftlicher Beträngnis einstweilen eingestellt werden.

21. Oktober
50 Jahre Sorauer Eisenbahn
Die Halle-Sorau-Gubener Eisenbahn besteht in diesem Jahre 50 Jahre. Sie wurde seinerzeit von dem Eisenbahnkönig Dr. Straußberg erbaut. Straußberg geriet 1875 in Konkurs, worauf die Bahn vom preußischen Staate übernommen wurde. Am 1. November 1874 wurde das letzte kurze Zwischenglied der Bahn, die Strecke Eilenburg- Leipzig in Betrieb genommen.

25. Oktober
Zuckerpreis
Der Kleinverkaufspreis für Zucker neuer Ernte ist von der Preisprüfungsstelle auf 95,- Mark pro Pfund festgesetzt.

6. November
Erneuerung der Marienkirche
Die Gottesackerkirche, auch Marienkirche genannt, die seit 1906 völlig unbenutzt gestanden hat, ist nun am gestrigen Sonntag wieder in Gebrauch genommen worden. Bereits 1913 wurde die Erneuerung beschlossen und ein großer Teil der Erneuerungsarbeiten vor dem Kriege beendet, aber der Krieg und die darauf folgende Teuerung brachten die Arbeit zum Stillstand, sodaß erst in diesem Jahre die Weiterarbeit beschlossen wurde. Nun ist sie soweit fertig, daß ihre Einweihung erfolgen konnte. Vieles bleibt freilich noch ungetan. So fehlt ihr vor allem noch eine Orgel. Ein geliehenes Harmonium soll sie zunächst ersetzen. Zur Einweihung hatte sich die Gemeinde in großer Zahl eingefunden. Auch der frühere Superintendent Schäfer, unter dessen Leitung ja einst vor dem Kriege die Erneuerungsarbeiten begonnen hatten, war zur Einweihungsfeier gekommen. Die Kirche war prächtig geschmückt. Die Blattdekoration hatte die Gärtnerei Thalemann übernommen. Frl. Hödicke hatte eine kunstvoll gestickte Altardecke gestiftet, Lehrer a.D. Reime spendete Altarkerzen. Die gelungene Ausführung der Erneuerungsarbeiten, die Professor Vetter aus Leipzig geleitet und Malermeister Pawlowski von hier mit künstlerischem Verständnis ausgeführt fiel besonders ins Auge. Die Kirche ist auch mit elektrischen Licht und Heizung versehen. Der Gottesdienst wurde von beiden Geistlichen gehalten, wobei Pastor Kohlmann den lyturgischen Teil, Superintendent Hobbing das Weihegebet und die Predigt übernommen hatte. Der Kirchenchor trug mit seinen prächtigen Gesange zur Verherrlichung des Gottesdienstes wesentlich bei.

4. November
Landwirtschaftliche Schule
Volkshochschule und landwirtschaftliche Schule begannen am 1. November wieder ihre Tätigkeit. Bei der Eröffnungsfeier der Landwirtschaftlichen Schule hielt Direktor Schöne die Eröffnungsrede. Eine große Anzahl Gäste hatten sich eingefunden. In seiner Rede sprach Direktor Schöne von der Bedeutung der Landwirtschaft in dieser so schweren Zeit. Dann erwähnte er auch, daß die vereinigten ehemaligen Schüler der landw. Schule Delitzsch zum Gedächtnis der im Weltkrieg gefallenen Angehörigen eine Ehrentafel gestiftet haben, die auf dem Korridor der Schule einen würdigen Platz gefunden hat. Die Namen der Gefallenen: Direktor Conradi und 12 ehemalige Schüler, sind in Goldschrift in Marmor eingehauen.

15. November
Elektrisches Licht
Auf dem Gebiet der elektrischen Straßenbeleuchtung macht unsere Stadt durch die Bemühungen des Verkehrsvereins und der Firma W. Merz, elektrotechnisches Geschäft, Fortschritte. Zu den bereits instalierten Bogenlampen am Roßplatz und Hotel Linde wurde eine neue durch obige Firma in der Mitte der unteren Eilenburger Straße anmontiert. Dann soll noch eine am Bahnhof und in der Halleschen Straße zur Aufstellung kommen.

22. November
Teure Zigarren
Dem Raucher steht eine neue, unliebsame Überraschung bevor. Die Zigarrenfabriken haben ihre Preise wieder um 100 und mehr Prozent erhöht. Nach den neuesten Preislisten stellt sich die billigste Zigarre auf 25 Mark ab Fabrik.

29. November
Neue Straße
Die neuangelegte Straße der Heimstättengenossenschaft zwischen Schenkenberger Straße und dem Lober hat den Namen Gutenbergstraße erhalten. Die bisherige Kaiser Wilhelm- und Auguste Viktoria Promenade führt nunmehr den Namen Rathenau-Promenade.

2. Dezember
Alte Post
Das Grundstück Mühlstraße 1 (früher alte Post) ging durch Kauf in den Besitz des Fuhrunternehmers Paul Senf über.

3. Dezember
Schulrat Sähmisch
Schulrat Roß ist vom 1. Dezember ab an die Regierung nach Merseburg versetzt. An seine Stelle ist mit dem gleichen Tage Kreisschulrat Sähmisch, früher Rektor in Merseburg, getreten.

16. Dezember
"Stadt Leipzig" schließt
Gastwirtschaft "Stadt Leipzig", eines der ältesten Saal-Lokale unserer Stadt, welches sich seit Jahrzehnten im Besitz von W. Tschirch befindet ging am heutigen Tage in die Hände des Baumeisters Otto Engelhardt - Oschatz über. Das beliebte Vergnügungslokal wird für Tanzlustbarkeiten etwa Mitte Februar 1923 seine Pforten schließen.