Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1935

Abstimmung im Saargebiet
Am 15. Januar fand im Saargebiet die Abstimmung über den Verbleib dieses von den Franzosen nach dem Weltkrieg lange besetzten Gebietes statt. Die Abstimmung ergab einen überwältigenden Sieg für Deutschland. Von 539.511 Abstimmungsberechtigten haben 528.005 abgestimmt, darunter 477.119 für Deutschland, 46.513 für Status quo, 2124 für Frankreich und 2249 Stimmen waren ungültig. Kaum war das Ergebnis gegen Mittag hierorts bekannt geworden, erschien die Stadt in einem unübersehbaren Flaggenmeer. Die Schulen hielten eine kleine Feier ab und schlossen den Unterricht. Die Kirchenglocken läuteten von 12 bis 13 Uhr. Abends fand bei Illumination der Fenster ein großer Fackelzug statt.

18. Januar
Baugelände
Um den Wohnungsbau in der Stadt zu heben und zu fördern, haben die Ratsherren beschlossen, vom städtischen Land billiges Baugelände pro Quadratmeter für 0,80 M bis 1,- M abzugeben. Diesen günstigen Vorbedingungen ist es zu danken, daß am 1. Januar 1935 69 Neubauwohnungen im Bau begriffen waren, von denen allein 59 bereits im Rohbau fertig waren. 135 Dauerwohnungen sind im vergangenen Jahre hergestellt, davon nur 9 durch Umbau, während alle übrigen Neubauten sind.

14. Februar
Eckstädt
Studienrat Dr. Eckstädt von der hiesigen Oberrealschule hat eine Berufung als Anstaltsgeistlicher und Studienrat an das Pädagogium und Waisenhaus Züllichau erhalten. Dr. Eckstädt ist seit 1919 an der hiesigen Oberrealschule als Lehrer und Erzieher und wurde von Eltern und Schülern sehr geschätzt. Sein Weggang wird allgemein bedauert.

17. Februar
Stahlquelle
Es wurde bereits vor einigen Monaten über die Auffindung eisenhaltiger Wasser in der Oskar Reime Straße berichtet. Allerdings handelte es sich dabei nur um eine wenig ergiebige Quelle. Diese Bohrungen wurden von Schlossermeister Polter, Nahrungsmittelchemiker Dr. Mischon und Stadtbauinspektor Kratsch weiter fortgesetzt und haben nun nach wochenlangen Bemühungen und Untersuchungen ein überaus günstiges Ergebnis erzielt. Auf derselben Straße, der Oskar Reime Straße, fand man beim Verfolgen vorhandener Wasseradern unweit der erst gefundenen Quelle eine Stahlquelle die 13 Milligramm mehr Eisen enthält als die Helenenquelle in Pyrmont besitzt. Es ist dies nun der Neue Heiligbrunnen, der entdeckt worden ist. Die Stahlquelle Neuer Heiligbrunnen verdankt ihr Erstehen einem bisher vergeblichen Suchen nach dem von altersher berühmten Quell des alten Heiligbrunnens im Stadtpark. Ein heiliger Hain und ein heilkräftiges Wasser ist hier schon zur Zeit der Sorben-Wenden gewesen, wie uns die Chronik erzählt. Noch im 18. Jahrhundert war der "Alte Heiligbrunnen" vorhanden, denn 1735 weilte in Delitzsch mehrere Wochen Herzog Heinrich von Sachsen Merseburg zur Kur. Die Quelle ist dann nach und nach versiegt. Nach dem Untersuchungsbericht von Dr. Mischon enthält der Brunnen 13 Milligramm Eisen, 41,4 Milligramm doppelkohlensaures Eisenoxidal und 269 Milligramm Kochsalz im Liter. Der Brunnen erzielt alle guten Wirkungen bei Blutarmut, bei Erschöpfungszuständen nach verschiedensten Krankheiten, bei Unterleibsleiden der Frauen, bei vielen nervösen Störungen, auch bei fettleibigen Gichtkranken. Infolge des außerordentlich hohen Kochsalzgehaltes reguliert der Brunnen die Bildung von Verdauungssäften, steigert die Verdauung, fördert Stuhlgang bei Darmträgheit. Nun wird bald ein einfacher Bau mit bescheidenen Mitteln für den Neuen Heiligbrunnen an der Oskar Reime Straße erstehen. Es ist vorgesehen, die baulichen Anlagen, die eine Brunnenstube, einen Trinktempel und eine Wandelhalle inmitten gärtnerischer Anlagen umfassen werden so schnell wie möglich auszuführen. Im übrigen wird es jeden Delitzscher interessieren, daß das Heilwasser an der Quelle den Einwohnern der Stadt kostenlos abgegeben wird. Den Vertrieb übernimmt eine hiesige Firma. Die Wegeverhältnisse lassen viel zu wünschen übrig, und es wird zum mindesten notwendig sein, die Straße zu chaussieren. Auch der daran anschließenden Naturpark bedarf einer kleinen Renovierung, denn wir sind der Ansicht, daß sich Delitzsch mit diesem "Neuen Heiligbrunnen" ein Schmuckstück für das Stadtbild zulegen will.

20. Februar
Parkstraße
Die Stadt hat die Wiesen an der Parkstraße, die zum großen Teil in Privatbesitz sind, käuflich erworben, um eine spätere Erweiterung des Stadtparkes in dieser Richtung zu erwägen.

21. Februar
Stahlquelle
Da die Stahlquelle neben ihrer vorzüglichen Eigenschaften als Heilmittel sich nebenbei auch als Tafelwasser eignet, wird unabhängig von der Errichtung des Neuen Heiligbrunnens, das Wasser zukünftig auch in Flaschen abgegeben und nach auswärts versandt. Die Quelle wird durch Nahrungsmittelchemiker Dr. Mischon ständig überwacht.

1. März
Saarland
Heute am 1. März kehrt das Saarland wieder heim zum Mutterlande. Aus diesem Anlaß riefen heute Morgen die Sirenen der Stadt unter Jubel in den blauen Morgen. Die Fahnen gingen an allen Häusern hoch. In den Straßen stand der Verkehr einen Augenblick still. In den Betrieben ruhten für kurze Zeit die Maschinen und die Hände der Schaffenden und alles weilte in Gedanken bei den Brüdern an der Saar, die die größte Feierstunde ihres Lebens begehen.

4. März
Bischof Peter
Gestern weilte Bischof Peter in unserer Stadt. Er wurde vor dem Rathaus von Bürgermeister Dr. Baumgardt begrüßt, und im Sitzungssaal des Rathauses von den staatlichen und städtischen Behörden empfangen. Unter Glockengeläut bewegte sich dann der ganze Zug, dem sich nach Superintendeant-Vertreter Pfarrer Schräpler und Kreisleiter Schimpff anschlossen zur Stadtkirche. An der Kirche begrüßte Pfarrer Siebert den Landesbischof. Pfarrer Suckert hielt die Liturgie und der Landesbischof die Festpredigt. Am Nachmittag fand eine Kundgebung im Schützenhofe statt.

15. März
Ostsiedlung
Hinter der Damaschkestraße am Sportplatz ersteht eine neue Siedlung mit 30 Stellen. Sie wird für 30 Frontkämpferfamilien errichtet. Jede Siedlung ist einen halben Morgen groß. Der hübsche Landstil der Häuser wird sich mit einer schön angelegten Straße, in deren Mitte ein Schmuckplatz angelegt wird, vereinen, so daß die Siedlung die Freude der Anwohner, sowie der Bevölkerung unserer Stadt und deren Besucher erwecken wird.

10 April
Einwohnerzahl
Die Einwohnerzahl unserer Stadt betrug am 31. März d. J. 16.912.

16. April
Pfarrrer Siebert
Pfarrer Siebert verläßt zum 1. Mai Delitzsch, er ist in Halle - Trotha zum Pfarrer an St. Briecius gewählt worden. Pfarrer Siebert, der 6 ½ Jahre in Delitzsch weilte, hat in jeder Hinsicht außerordentlich belebend im kirchlichen Leben gewirkt. Gleich zu Beginn seines Delitzscher Aufenthalts sammelte er Frauen aller Stände zu einem evangelischen Frauenabend. Er war Gründer der kirchlichen Chorvereinigung hier selbst und betätigte sich fördernd als Kreisbevollmächtigter für Kirchenmusik. Sein Weggang reißt eine Lücke.

17. April
Grünstraße
Auf Veranlassung der Stadtverwaltung fand am 12. April in der "Goldnen Kugel" eine Versammlung der Anwohner der Grünstraße statt, die vom Schneidermeister Müller - Grünstraße einberufen und geleitet wurde. Zweck dieser Besprechung war, die ersten Vorbereitungen für das am 25. u. 26. Mai stattfindende Brunnenfest zu beraten. Die Anwesenden wurden zunächst mit einigen interessanten Tatsachen aus der Geschichte der Grünstraße bekannt gemacht. Die Grünstraße bildete mit dem Damm (Hallesche Vorstadt), dem Rosenthal, dem Schloßviertel, Gasthaus zur Weintraube, einem Teil der Töpfergasse, sowie dem Galgenberg (Gelände des Berliner Bahnhofs) eine eigene Gemeinde mit eigenem Bürgermeister. Schneidermeister Müller konnte mitteilen, daß der vorletzte Bürgermeister der Amtsvorstadt Grünstraße namens Mörtzschke der Urgroßvater seiner Frau ist. 1860 fanden dann Verhandlungen der Stadtbehörde mit dem Landrat über Eingemeindung der Grünstraße mit Delitzsch statt und am 2. August 1862 wurde die Einverleibung vom König genehmigt. Mit der Einverleibung fand leider auch ein sehr alter und beliebter Brauch "Das Pfingstbier" sein Ende. Dieses nicht allein in der Grünstraße so beliebte Volksfest soll in diesem Jahr wieder neu belebt werden, wozu die Bohrung der Stahlquelle im ehemaligen Gebiet der Grünstraße, nämlich im Rosenthal, durch Begehung eines Brunnenfestes, Veranlassung gibt. Es wird dadurch sogleich auch der neueren Entwicklung der Stadt zum Badeort gedient.

5. Mai
Dr. Spatz
Der bisherige Kreisarzt Medizinalrat Dr. Spatz verläßt Delitzsch. Er ist als Leiter des Gesundheitsamtes nach Oppeln in Oberschlesien versetzt worden. Sein Nachfolger ist Medizinalrat Kroes von Mörs Reg. Bz. Düsseldorf. Die Kreisärzte führen jetzt die Bezeichnung Amtsarzt.

8. Mai
Kurkonzert
Am Sonntag den 12. Mai findet im "Viktoria Bad" von ¼ bis 5 Uhr nachmittags das erste Kurkonzert statt. In der Folgezeit finden diese Konzerte jeden Sonntag und Mittwoch um diese Zeit abwechselnd am "Viktoria Bad" und im Garten am "Neuen Heiligbrunnen" statt.

21. Mai
"Die Linde"
Vor dem "Gasthof zur grünen Linde" stand einst eine Linde, darüber schreibt der Vater eines früheren Besitzers Wilh. Zeidler aus Schladitz bei Zwochau: "1869, den 23. Mai abends 9 Uhr fing die alte Linde in Delitzsch, vor dem Gasthofe meines Sohnes stehend, an zu brennen. Sie war sehr alt, schien auch einzugehen und innwendig hohl. Wie das Feuer hereingekommen war, wußte man nicht; man sagte, durch die Kinder. Wir gaben uns viel Mühe zu löschen, es gelang uns aber nicht, denn sie brannte nur inwendig. Den anderen Tag darauf ließ sie die Kommune umhauen. Der Gasthof meines Sohnes hatte durch diese Linde den Namen "Gasthof zur grünen Linde" bekommen."

27. Mai
Heimatfest
Am 25. und 26. Mai erlebte Delitzsch ein Heimatfest, wie es ein solches seit Jahrzehnten nicht erlebt hat, ein Heimat- und Brunnenfest, denn mit dem Heimatfest war die Einweihung der neuentdeckten Stahlquelle, dem "Neuen Heiligbrunnen" verbunden. Am Sonnabend mittag waren die Vorbereitungen getroffen. Auf dem Roßplatz waren 20 Fahnenmasten errichtet. Für die Abendbeleuchtung war eine Lichtkette mit 600 Lampen gespannt. Das Heimatfest nahm seinen Anfang am Sonnabend mittag 12 Uhr mit dem Einzug des Türmers auf dem Beiten Turm, während die Stadtsoldaten das Breite Tor besetzten und die Schwedensignale ertönten. Um 15 Uhr fand die Errichtung des Maibaumes der Gemeinde Grünstraße in feierliche Weise statt. Mit Eintritt der Dunkelheit begann die Beleuchtung der Zwingergärten, Bestrahlung der historischen Gebäude gegen 21 Uhr. Konzert, Tanz usw. beschlossen die Sonnabendfestlichkeit. Der Sonntag wurde mit einem Gesangskonzert der Sängervereinigung im Stadtpark eröffnet. Um 10 Uhr wurden die Ehrengäste vom Bürgermeister im Rathaus empfangen. Hierauf ging es im feierlichen Zuge zum Neuen Heiligbrunnen, der nun seine Weihe erhielt. Eine eigens dazu von Musikdirektor Straube komponierte Hymne, deren Text vom Bürgermeister Dr. Baumgardt stammt, wurde vorgetragen, junge Mädchen schmückten den Brunnen mit Tannengebinden. Der Kreisleiter, Landrat und Bürgermeister hielten dabei Ansprachen. Um 16 Uhr begann der Abmarsch des großen historischen Festzuges, der sich durch die Bitterfelder Straße zum Roßplatz und durch das Rosental nach dem Neuen Heiligbrunnen bewegte, wo der Empfang des Herzogs Heinrich durch den "Bürgermeister" stattfand. Von hier ging es weiter: Schulze-Delitzsch-Ring, Pfortenstraße, Marktplatz, Hallesche Straße, Ritterstraße, Holzstraße, Schiefe Brücke, Bismarckstraße, Eisenbahnstraße, Grünstraße, Loberstraße, Bismarckstraße, Kohlstraße, Eilenburger Straße, Bahnhofsplatz, Eilenburger Straße, Roßplatz, Bitterfelder Straße, wo sich der Zug auflöste. Der Festzug mit seinen ca. 60 Gruppen bildete natürlich das größte Interesse. An der Ausgestaltung dieses imposanten Umzuges haben sich alle Handwerksinnungen, die hier ansässige Industrie und das Gewerbe, sämtliche Vereine und Verbände beteiligt. 200 Jahre heimatliche Geschichte sind zu neuem Leben erweckt, an uns vorübergezogen. Da erschienen Landsknechte in den Straßen Delitzsch, Schwedische Dragoner zu Pferde konnten bestaunt werden. Der Herzogszug aus dem Jahre 1735 war nachgebildet worden. Delitzscher Schützen aus dem gleichen Jahre, Bürgergarde des Jahres 1848, Gruppen der alten Armee usw. marschierten mit. Recht interessant war auch die Gruppe "Im Wandel der Zeiten". Hier sahen wir die erste Eisenbahn, die Delitzsch durchfuhr und den Schienenzepp, der unseren Ort in Kürze durchrasen wird naturgetreu nachgebildet. Unsere heimische Schokoladenindustrie führte uns durch schmackhafte Bilder in die Geheimnisse ihrer Künste ein. Alle Innungen waren durch historische Gruppen vertreten.

15. Juni
Sehmisch
Schulrat Sehmisch ist vom 14. Juni ab beurlaubt. Die Vertretung übernimmt währenddessen Kreisschulrat Zinke in Bitterfeld. Ob Schulrat Sehmisch wiederkommt?

20. Juni
Dreimännerweg
Ein Verbindungsweg zwischen der Hindenburg- und Leipziger Straße ist der "Dreimännerweg". Viele kennen ihn nur als "Schulweg". Ein recht nettes Schild auf jeder Seite gibt den Namen "Dreimännerweg" auch bildlich kund. Da sieht man nämlich auf einer Holztafel drei Köpfe, die nur unschwer erraten lassen, warum der alte, liebe Schulweg gerade "Dreimännerweg" genannt wird. Doch ist der Name schon alt, aber jetzt erst nach Neuanlegung des Weges offiziell benannt worden. Der Name stammt aus jenen Jahren der Vorkriegszeit, in denen sich ein Verein zur Aufschließung der Altstadt gegründet hatte. Die rührigsten Mitglieder dieses Vereins waren u.a. Stadtrat Freyberg, Oskar Apitzsch und Zigarrenfabrikant Birke. Unter ihrer Regie sozusagen wurde die Verschönerung der Altstadt begonnen, der Durchbruch an der "Schiefen Brücke" geschaffen und die Brücke gebaut. Auch dieser Verbindungsweg, der an der Mädchenschule vorbeigeht, wurde von ihnen angekauft und trägt seit dieser Zeit im Volksmund den Namen "Drei-Männer-Weg".

22. Juli
Frontkämpfersiedlung
In diesen Tagen erfolgte der erste Spatenstich zu der in Delitzsch geschaffenen ersten Frontkämpfersiedlung des Gaues Halle-Merseburg der Gemeinnützigen Krieger-Siedlung GmbH. Durch besonderes Entgegenkommen des Bürgermeisters in Delitzsch, der ein großes Grundstück guten Bodens an der Halleschen Chaussee in der Nähe des Elektrizitätswerkes der Siedlungs-Genossenschaft zum Preise von 20 Pfg. pro Quadratmeter zur Verfügung gestellt hat, können 42 Kriegssiedlungen geschaffen werden. Jede Siedlungsstelle wird eine Größe von 1250 Quadratmeter haben. Das Haus enthält eine Wohnküche, 2 – 3 Wohnzimmer und bei größerer Kinderzahl auch 4. Im Anbau wurden untergebracht 1 Wirtschaftsraum, der zugleich als Wasch- und Futterküche dienen kann, Speisekammer, Klosett, Ställe für Schweine, Ziegen und Kleinvieh. Durch Amortisation wird das Grundstück in absehbarer Zeit schuldenfrei.

27. Juli
Göpel
Der frühere Polizeikommissar Göpel soll nach nochmaliger Prüfung der Vorgänge, die zu seiner Dienstentlassung geführt haben, wieder als Polizeikommissar aber bei einer anderen Polizeiverwaltung angestellt werden.

28. Juli
Pfarrhäuser
Zwei der Delitzscher Pfarrhäuser befinden sich in einem so schlechten Zustande, daß eine Renovierung nicht mehr lohnend sei. Die Stadt hat nun als Patron der evangelischen Kirche die Pfarrer in entsprechende Häuser unterzubringen. Der Gemeinderat beschäftigte sich nun in seiner Sitzung am 23. Juli mit dem Neubau eines großen Pfarrhauses für zwei Wohnungen. Der Gemeinderat vertrat die Ansicht, daß bei der Höhe des Objektes – es handelt sich bei diesem Neubau um einen Baukostenaufwand von etwa 55.000 RM – die Inanspruchnahme der Stadtgemeinde zu hoch sei. Ein Neubau wurde z.Z. abgelehnt.

21. August
Schulrat Sehmisch tritt Ende September d. J. in den Ruhestand. Er ist 62 Jahr alt und seit dem 1. Dezember 1923 in seinem Amt in Delitzsch. Vorher war er Mittelschulrektor in Merseburg.

2. September
Ehrenmal
Gestern morgen fand die feierliche Einweihung des Ehrenmals für die gefallenen Werkangehörigen des Reichsbahnausbesserungswerks Delitzsch statt. Zu dieser Feier hatten sich die Werkangehörigen, die Hinterbliebenen der Gefallenen, Vertreter der Reichsbahn, Partei und Behörden eingefunden, und um das Ehrenmal, das sich inmitten herrlicher Grün- und Blumenanlagen erhebt, Platz genommen. Das Ehrenmal ist ein mächtiger Findling, der vor längerer Zeit in unserer Gegend gefunden wurde. Jetzt steht er inmitten von blühenden Leben und eine bronzene Platte kündet die Namen der 25 Toten des Reichsbahnausbesserungswerkes. Werkdirektor Petzold hielt die Weiherede, Betriebswalter Müller legte einen riesigen Kranz am Ehrenmal nieder.

11. September
Gemeinderat
Am 8. September fand eine nichtöffentliche Sitzung des Gemeinderats im Rathaus statt. Es wurde die Hauptsatzung der Stadt Delitzsch beraten. Nach dieser wird die Stelle des Bürgermeisters und des 1. Beigeordneten hauptamtlich verwaltet. Die Zahl der ehrenamtlichen Beigeordneten wurde auf vier festgesetzt, die der Gemeinderäte auf 15. Sie enthält noch Bestimmungen über Bildung von Beiräten und der Verleihung des Titels "Stadtältester".

25. September
Anlagen
Die Kursaison auch für Delitzsch neigt sich nun ihrem Ende zu. Das große Brunnenfest in Delitzsch hat einen starken Widerhall in der Presse Mitteldeutschlands ja sogar in den Berliner Zeitungen gefunden. Die Folge war viel Fremdenbesuch für Delitzsch in diesem Sommerhalbjahr. Die Stahlquelle "Neuer Heiligbrunnen" wird nunmehr mit dem 1. Oktober geschlossen werden. Im Winterhalbjahr ruht der Brunnenbetrieb und wird am 1. April 1936 wieder geöffnet. Inzwischen ist der Brunnenpark durch Ankauf von Nachbargärten erweitert worden. Der Durchbruch durch die Schlossumwallung ist nun auch fertiggestellt. Der Weg ist zur Hälfte bereits angelegt und mit Rasen versehen. Auf die Pflege der Anlagen ist überhaupt im vergangenen Jahr ein ganz besonderes Gewicht gelegt worden. Auch die Vorbereitungen für den neuen Parkteil, den die großzügige Spende des Generaldirektors Böhme der Stadt ermöglicht, ist in vollem Gange. Im nächsten Jahr wird auch dieser neue Parkteil der Öffentlichkeit zugänglich sein.

21. Oktober
Arion
Am Sonnabend den 19. Oktober feierte der Gesangverein "Arion" in Gegenwart mehrerer befreundeter und benachbarter Gesangvereine und vieler Gäste das Fest seines 50jährigen Bestehens. Der Gesangverein "Arion" ist aus dem Turnverein 1845 hervorgegangen. Am 31. Oktober 1885 fanden sich 18 Turner in "Stadt Leipzig" zusammen und gründeten den Verein. Erster Dirigent war Lehrer August Blüthgen (1885 – 1900, von da ab Ehrendirigent bis zu seinem 1922 erfolgten Tod), erster Leiter Bruno Huth. Der Verein erstarkte sehr rasch, das erkannte man, als der Verein 1910 seine 25jährige Gründungsfeier beging und unter Stabführung von Kantor Otto Müller Hervorragendes leistete. Die Dirigenten wechselten leider sehr häufig. Bald nach der Jubelfeier übernahm die Chorleitung Herbert Büchner, ein junger talentierter Chormeister, der 1914 freiwillig ins Feld zog und nicht mehr heimkehrte. In Lehrer Kurt Linde fand der Chor bald einen tüchtigen freisinnigen Chormeister. Nach 10jähriger Tätigkeit legte er wegen Verzugs nach Eisleben den Dirigentenstab nieder. Ihm folgten Paul Kudritzky, dann Heinrich Schröder. Heute leitet den Chor Emil Lang aus Eilenburg.

22. Oktober
Ratsherren
Gestern wurden die neuen Ratsherren, die auf Grund der neuen Gemeindeordnung durch den Beauftragten der NSDAP Kreisleiter Schimpf, berufen worden sind, in ihr Amt eingeführt. Es sind dies:

Stellmacher Arno Moeller
Kaufmann August Telitz
Reichsbahnsekretär P. Haase
Kaufmann Ewald Lange
Kaufmann Adolf Krombholz
Arbeiter Paul Assmann
Bäckermeister Herm. Mechold
Kaufmann Karl Newel
Gastwirt Hermann Boßdorf
Kat. Obersektr. Felix Rauchhaus
Tischlermstr. Franz Hammer
Volkswirt Dr. Fr. Pangert
Kaufmann Karl Platen
Maschinist Willi Steffen
Elektromeister Franz Weber

28. Oktober
Museum
Unser Museum im Schloß hat eine wertvolle Erweiterung erfahren dadurch, daß ein Teil des dritten Stockwerks unterm Dachgeschoß zum Museumsraum ausgebaut worden ist. Dadurch haben die unteren Museumsräume bedeutend gewonnen. Im dritten Stockwerk sind untergebracht: Stadtgeschichte, Waffensammlung, Innungswesen, Bauernkultur und Naturgeschichte unserer Heimat. Spinnräder und Webstuhl sind wieder in Ordnung gebracht. Neu entstanden ist die naturgeschichtliche Abteilung. Hervorzuheben sind die Vogelschutzgeräte, Nisthöhlen, Nistkästen und Winterfütterungsgeräte. Eine schöne Sammlung heimischer Insekten ist vorhanden.

1. November
Fries
Superintendent Fries, der vom Reichsbischof im Januar 1934 von seinen Dienstgeschäften als Superintendent im Disziplinarwege entbunden worden war, wurde im Januar 1935 durch Konsistorialrat Loyke nach Aufhebung der Verordnungen des Reichsbischofs wieder in seine Rechte als Superintendent eingesetzt, aber bis zur Klärung der kirchlichen Lage zunächst beurlaubt. Der Reichsminister hat die Beurlaubung aufgehoben, und Superintendent Fries hat mit dem 1. November wiederum die Superintendenturgeschäfte übernommen.

3. November
Poenicke
Die Firma Poenicke u. Co. hat zur Verschönerung unseres neuen Stadtparks eine ansehnliche Anzahl Ziersträucher gestiftet: 200 Ligustrum, 580 Ziersträucher, 8 Taxus, 6 Pinien.

13. November
Neuer Bürgermeister
Gestern nachmittag fand im Rahmen einer kurzen und schlichten Feier im Sitzungssaale des Rathauses die feierliche Einführung des neuen Bürgermeisters unserer Stadt Pg. Dr. Frey durch Landrat Meister statt. Bekanntlich führte seit dem Ausscheiden des früheren ersten Bürgermeisters Böttcher im Frühjahr 1933 der Zweite Bürgermeister Dr. Baumgardt die Geschäfte der Stadtverwaltung. Nach der neuen Gemeindeordnung gibt es in Zukunft nur noch einen Bürgermeister. Die früheren Zweiten Bürgermeister haben die Amtsbezeichnung 1. Beigeordneter erhalten. Dr. Frey hat also als Bürgermeister die Leitung der Stadtgeschäfte und Dr. Baumgardt ist als 1. Beigeordneter tätig.

18. November
Grünstraße
Nach langen Vorbereitungen ist nun mit dem gestrigen Sonntag der Tag gekommen, wo "die Gemeinde Grünstraße" ihren alten Brauch, um die Dorflinde sich im frohen Treiben zu scharen, wieder aufnehmen konnte. In Anwesenheit nicht nur der "Grünsträßer" sondern vieler Delitzscher fand in feierlicher Form nach 75 Jahren wieder einmal die Pflanzung einer Dorflinde statt. Sie kam auf denselben Platz, auf dem einst die alte Linde gestanden hatte. Der Bürgermeister der Grünstraße Paul hielt eine kurze Ansprache und verlas sodann eine Urkunde, die in einem Behälter in das Pflanzloch gelegt wurde. Gemeinschaftlich wurde sodann von allen Anwesenden das schöne Volkslied "Am Brunnen vor dem Tore" gesungen. Darauf begann die eigentliche Pflanzung der von der Firma Poenicke gestifteten Linde. Schulkinder traten einzeln heran und beteiligten sich an dem Akt, indem sie eine Schaufel Erde in das Baumloch warfen und je einen anderen Sinnspruch aussprachen. Es sprachen dabei noch einige Behördenvertreter. Nach der Pflanzung wurde die Linde noch mit einem Schutzgitter umgeben. Der Abend vereinigte alle Grünstraßer noch einmal mit ihren Freunden zu einem Familienabend im "Lindenhof". Damit war der schöne Tag der Lindenpflanzung abgeschlossen. Er war ein würdiger Ausklang der Heimatfeier 1935, die dieses Jahr in einem selten schönen und reichen Kranze das heimatliche Leben unserer Stadt verschönten.


1936

75 Jahre Feuerwehr
Am 5. Januar beging die Delitzscher Feuerwehr in einer schlichten stimmungsvollen Weise die 75jährige Jubelfeier ihres Bestehens im Schützenhaus in Anwesenheit von Behördenvertreter und vielen Freunden und Bekannten der Wehr. Die Delitzscher Feuerwehr ist aus dem Turnverein 1845 hervorgegangen und wurde am 3. Dezember 1860 von 18 Turnern gegründet. Der erste Führer war Kaufmann August Rathmann. Im Jahr 1865 wurde der Kaufmann Gustav Schulze zum Wehrführer gewählt. Unter Kaufmann Schulze entwickelte sich die Delitzscher Feuerwehr immer mehr zu einer Mustertruppe, wie sie in Städten gleicher Größe kaum nochmals vorhanden war. Im hohen Alter von 77 Jahren legte Branddirektor Gustav Schulze im Jahr 1915 sein Amt in jüngere Hände. Sein Nachfolger war der Kaufmann Friedrich Wilhelm Schulze, der das Amt des Wehrführers bis zu seinem Tode 1925 führte. Da setzte unter der energischen Führung von Branddirektor Mietzsch, der seit 1925 der Wehr bis zum heutigen Tag vorsteht, eine erneute Aufwärtsentwicklung ein. Eine kurze Aufstellung der wichtigsten Neuanschaffungen: 1927 Anschaffung einer Motorspritze und einer Alarmanlage, 1928 Anschaffung eines provisorischen Mannschaftswagens, 1930 Bau eines modernen Gerätehauses, 1935 Erwerb eines modernen Mannschaftswagens.

6. Januar
Delitzscher Loge
Die Delitzscher Loge, die, wie überall von der Regierung geschlossen worden war, wurde vor einigen Wochen der allgemeinen Besichtigung freigegeben. Nach Erlangen ist es die zweite Loge der Welt, die damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Für jeden, der sich mit dem Problem der Loge befaßt, ist es damit möglich, einmal mit eigenen Augen die geheimnisvollen Sitten und Gebräuche der Freimaurer kennenzulernen. Die Delitzscher Loge "Wilhelm zur Liebe und Treue", die sich bekanntlich im "Schwan" befand, wurde in den 80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet. Zur Zeit ihrer Blüte zählte sie etwa 70 Mitglieder.

15. Januar
Einwohnerzahl
Die Bevölkerungsbewegung von Delitzsch im Jahr 1935 weist ein nicht unerfreuliches Bild auf. Im vergangenen Jahre hat Delitzsch die 17.000–Grenze der Einwohnerzahl überschritten. Während es zu Beginn des Jahres 1934 noch 16.797 Einwohner zählte, nahm es bis zum Beginn 1935 auf 16.951 zu und hatte am 31. Dezember 1935 17.065 Einwohner.

20. Januar
Katholische Gemeinde
Die katholische Gemeinde will ein großes Gotteshaus bauen. Die bisherige kleine Kirche , die in der Elisabethstraße steht, reicht seit langer Zeit nicht mehr aus. Schon vor der Inflationszeit war ein Baufonds gesammelt, der aber den Weg alles Papiergeldes ging. Inzwischen wurde ein neuer Fonds gebildet, so daß er jetzt mit Hilfe eines Zuschusses des Bonifaziusvereins möglich ist, ein großes Gotteshaus, das etwa 350 Sitzplätze haben soll, errichten zu lassen.

15. Februar
Neuer Schulrat
Die seit der Pensionierung des Kreisschulrates Sehmisch freie Stelle des Kreisschulrates für den Kreis Delitzsch hat Rektor Siebert - Kassel, der zum kommissarischen Kreisschulrat ernannt worden ist, erhalten.

8. März
Unfall des Kreisleiters
Gestern gegen 20 Uhr ereignete sich auf der Landstraße Halle – Brehna unweit Carlsfeld ein schwerer Autounfall, bei dem Kreisleiter Hugo Schimpff Delitzsch verletzt wurde. Der Wagen des Kreisleiters, der sich auf einer Dienstfahrt befand, fuhr auf einen Lastwagen auf, den der Führer des Wagens nicht erkennen konnte, da ein entgegenkommender Wagen nicht abgeblendet hatte. Während der Kreisstellenleiter Rinke mit geringfügigen Verletzungen davon kam, mußte Kreisleiter Schimpff dem Krankenhaus Carlsfeld zugeführt werden, wo ein Bruch des Unterkiefers, einer rechtseitigen Rippe und des rechten Knies festgestellt wurde.

21. März
Knabenvolksschule
Konrektor Tonn von der Knabenvolksschule tritt am 31. März wegen Erreichung der Altersgrenze nach 12jähriger Tätigkeit hierselbst, in den Ruhestand. Sein Nachfolger als Konrektor ist Lehrer und Propagandaleiter unserer Ortsgruppe Scholz. Außerdem ist an der hiesigen Knabenvolksschule Lehrer und Kreispresseamtsleiter Köpfel aus Mocherwitz versetzt worden.

25. März
General Märcker-Straße
Die General-Märcker Straße, die jetzt fast vollständig zugebaut worden ist, wird augenblicklich ordnungsmäßig hergerichtet. Die Straße wird einen geschotterten Fahrdamm erhalten und außerdem wird auf der Ostseite ein befestigter Fußweg für die Fußgänger angelegt werden.

30. März
Ruhestand
Mit dem 31. März d. J. treten zwei verdiente Schulmänner von Delitzsch wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand. Es sind dies Rektor Hansjürgens und Gewerbeoberlehrer Hermann Scharruhn. Rektor Hansjürgens ist seit fast 25 Jahren als Leiter der Knabenvolksschule tätig. Gleichzeitig wurde ihm damals die Leitung der gewerblichen und später auch der kaufmännischen Fortbildungsschule übertragen. Bald in den ersten Jahren seiner Tätigkeit richtete er eine Hilfsschule für schwachsinnige Kinder ein, leitete als Regierungskommissar den Aufbau der Höheren Töchterschule zur Mittelschule und erreichte späterhin die Anerkennung der Mittelschule. Aber auch über die Stadtgrenzen hinaus widmete er im schulischen Sinne seine Kräfte. Das Vertrauen seiner Mitbürger wählte ihn in die frühere Stadtverordnetenversammlung, hier war er zeitweilig als Stadtverordnetenvorsteher tätig. Rektor Hansjürgens wird am 1. April in seine ostfriesische Heimat nach Norden zurückkehren, wo er als junger Lehrer seine Arbeit für die deutsche Jugend begonnen hatte. Sein Nachfolger ist Lehrer Richard Sämisch von der Knabenvolksschule. Gewerbeoberlehrer Hermann Scharruhn kam am 1. April 1901 nach Delitzsch. Am 1. Oktober 1910 wurde er an die damalige Fortbildungsschule, jetzige Berufsschule gewählt. Seit 35 Jahren ist er also in Delitzsch tätig und manche Schülergeneration hat er im Laufe dieser langen Jahre heranwachsen sehen. Auch am öffentlichen Leben nahm er regen Anteil. So war er eine Reihe von Jahren Stadtverordneter im früheren Stadtparlament und mehrere Jahre Stadtverordnetenvorsteher. Seinem Einfluß ist das Aufblühen von Delitzsch mit zu danken. Hermann Scharruhn verzieht in seine Jugendheimat den Südharz, wo er auch Heilung von seinem Halsleiden sucht.

30. März
Z I u. Z II
Gestern abend bot sich den Delitzschern ein besonderes Schauspiel. Die beiden Luftschiffe Z I und II überflogen Delitzsch. Langsam kamen die riesigen Leiber dieser beiden stolzen Meisterleistungen deutscher Technik am nächtlichen Himmel heran. Tiefes Surren kündete schon von Weitem ihr kommen. Alles strömte auf die Straßen und Plätze der Stadt. Majestätisch fuhren die beiden Zeppeline über Delitzsch dahin, gespenstisch hoben sich die hellerleuchteten Kabinen von dem nachtdunklen Himmel ab, und märchenhaft leuchtete ein strahlend heller Scheinwerfer von oben zur Erde nieder und bezeichnete den Weg der beiden Luftriesen. Ein noch nie gesehenes phantastisches Schauspiel; diese nächtliche Fahrt der beiden Zeppeline!

12. April
100 Jahre "Stadt Berlin"
Heute kann die Gastwirtschaft "Stadt Berlin" auf ein 100jähriges Bestehen zurückblicken. Schon lange wurde in diesem Hause Bier gebraut und getrunken; denn es ist ein altes Brauerhaus, das wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert stammt. Wie alte Urkunden beweisen, wurde schon 1818 Bier und Branntwein hier verkauft. Der Magistrat genehmigte jedoch erst am 12. April 1836 die "Errichtung einer Wirtschaft in der damaligen Hintergasse". Drechslermeister Heinrich Ufer war damit der Begründer der Gastwirtschaft und nannte sie "Stadt Berlin". Ufer verkaufte die Wirtschaft weiter an Hartig, dieser an Ehlert, dann kamen Rühlemann und Hesse. Im Jahre 1919 kaufte sie Willi Nagel, der heutige Besitzer.

1. Mai
Neuer Heiligbrunnen
Am 1. Mai wird nun auch die Stahlquelle "Neuer Heiligbrunnen" wieder geöffnet werden. Den ganzen Tag über wird der bekannte Betrieb hier herrschen, indem die "Kurgäste" mit ihren Bechern erscheinen, um das köstliche, heilbringende Naß, das besonders gegen Blutarmut hilft, genießerisch zu schlürfen. Die Delitzscher haben im Neuen Heiligbrunnen einen kostbaren Schatz in unsern Mauern, auf den wir stolz sind. Mag er auch außerhalb unseres Ortes noch nicht genügend gewürdigt werden, wir wissen was wir an unserer Stahlquelle haben. Wir wissen es und nutzen es auch aus.

11. Mai
100 Jahre Geschäft
Auf ein Bestehen von 100 Jahren kann heute am 11. Mai, das Richard Werner'sche Geschäft, Eilenburger Straße 38, zurückblicken. Gegründet wurde es am 11. Mai 1836 durch G. F. Haake, auf dem damaligen Steinweg, der heutigen Eilenburger Straße, also an gleicher Stelle, wo es sich auch heute noch befindet. Von dem ersten Besitzer übernahm sodann 1855 Emil Adolph Gerlach, der die Witwe des Vorgängers heiratete, das Geschäft. Ihm folgte im Jahr 1878 Bruno Siebecke, von dem es 1886 Wilhelm Günther übernahm. Seit 1888 ist Richard Werner Inhaber des Geschäfts.

30. Mai
Der Lober
Der Lober ist in letzter Zeit leider recht verunreinigt worden. In diesem Zusammenhang mußte schon für das Stadtbad an der Elberitzmühle eine neue Wasserversorgung gebaut werden. Jetzt hat man nun am Ehrenbergring einen Filter gebaut, durch den das Wasser durchlaufen muß, ehe es in den Stadtgraben gelangt. Es wird durch die dicke Kiesschicht, die das Wasser erst passieren muß, erreicht, daß alle Unreinlichkeiten des Lobers hier festgehalten werden und nicht mit in den Stadtgraben gelangen. Auf dem Stadtgraben herrscht auch fast wieder reges Leben. Beide Schwanenpaare ziehen mit 4 jungen Schwänen stolz umher. Junge Enten beleben das Wasser; auch schwarze Türkenenten sind inzwischen nicht untätig geblieben. Während eine noch brütet, hat eine andere eine ganze Schar Junge zur Welt gebracht.

12. Juni
Trockenlegung am Schloß
Noch sind die Arbeiten an dem neuen Kurpark, den wir der Stiftung des Generaldirektors Albert Böhme verdanken, nicht vollendet, da wird schon wieder ein neuer Plan zu der Vollendung unserer Grünanlagen um Delitzsch in Angriff genommen. Auf den weiten Flächen vor dem Schloß werden umfangreiche Erdauffüllungen vorgenommen. Erde, die aus dem Erweiterungsbau der Böhme AG stammt, wird dort angefahren und dient dazu, das sumpfige Gelände, das bisher nicht gerade ein Schmuckstück unserer Stadt war, trocken zu legen. Um diese Maßnahme wirksam zu unterstützen, wird der Sumpfgraben zwischen der Allee und dem Schloß kanalisiert. In Zukunft wird sich also an Stelle jener schmutzigen Wasserlachen ein satter grüner Rasenteppich ausdehnen, auf dem einzelne Rosenbeete eine angenehme Abwechslung bilden. Weiter wird das etwa 20 m lange und 4 m hohe Mauerstück wieder hergestellt werden. Neu ist ein besonderer Aufgang in Form einer Treppe von dem Wallgraben zum Schloßgarten vorgesehen. Die Kosten dieser gesamten Neuanlagen werden insgesamt 5.000 RM betragen. Generaldirektor Albert Böhme hat der Stadt die Summe zur Verfügung gestellt und sich damit erneut um das Wohl aller Delitzscher verdient gemacht.

26. Juni
Peter-Pauls Markt
Der Peter Pauls Markt in Delitzsch scheint seine frühere Bedeutung wieder gewonnen zu haben, denn solch Leben und Treiben wie gestern auf dem Peter Pauls Markt hat Delitzsch wohl noch nie gesehen. Dazu das herrliche Sommerwetter. Die Sonne lachte direkt vom Himmel, solche Freude schien ihr das lebhafte Treiben in unserem Städtchen zu machen. An all den vielen Ständen stauten sich die Menschenmassen zu dichten Mauern, auf dem Markt, der Breiten Straße, dem Roßplatz, dem Schützenplatz. Kurz vor 12 gab es ein Drücken und Schieben, die Kinder, noch mit den Schultafeln, waren aus der Schule gekommen und füllten den Platz vor der Kirche. Pünktlich um 12 Uhr gab Eva ihrem Adam den Apfel des Jahres und verführte ihn damit einmal mehr. Händler und Käufer kamen auf ihre Kosten. Auch die Gastwirte und Bratwursthändler machten ein gutes Geschäft. In den Gastwirtschaften wurde bis in die Nacht hinein gejohlt und getanzt. Aber auch die Polizei mußte verschiedentlich eingreifen, das gehörte zum Peter Pauls Markt.

30. Juni
Neue Brücke
Die neue Brücke in unserem Stadtpark, die den alten Teil mit den neuen Kuranlagen verbindet, ist dieser Tage soweit fertig gestellt worden, daß sie dem Verkehr übergeben werden konnte. Hierdurch ist für die Spaziergänger eine weitere Möglichkeit geboten, die Neuanlagen zu bewundern. Besonders der Teich, auf dem sich das junge Schwanenpaar vom vorigen Jahr recht gut eingelebt hat, ist dadurch etwas mehr aus seiner verträumten Stille in den Mittelpunkt des Markts gerückt.

30. Juni
Schulze Delitzsch Liedertafel
Die Schulze Delitzsch Liedertafel beging am Sonnabend und Sonntag ihr 90jähriges Bestehen. Am Sonnabend trafen sich die hiesigen Gesangsvereine und auswärtigen Sänger und Gäste im Schützenhause zu einem Kommers. Der darauffolgende Sonntag galt besonders dem deutschen Liede. Auf den verschiedensten Plätzen im Birkenwäldchen, auf dem Friedhof erscholl das deutsche Lied.

6. Juli
Neue Straßen
Da bei der Vergebung von Reichsdarlehen auch die Stadt Delitzsch im weitesten Maße berücksichtigt worden ist, wird es möglich sein, in nächster Zeit 58 Volkswohnungen zu errichten. Die Häuser sollen in der Muchow- und Fuststraße erbaut werden. Besonders zu begrüßen ist es, daß jedem Mieter ungefähr 300 Quadratmeter Gartenland zusätzlich zu seiner Wohnung zur Verfügung gestellt wird.

25. Juli
Flugzeug
Das größte Verkehrsflugzeug, die dreimotorige Junkersmaschine G38, fliegt täglich über Delitzsch. Sie vermittelt den Passagierflug vom Flughafen Halle-Leipzig nach Berlin. Die G38 überfliegt zweimal am Tage unsere Stadt. Mittag gegen 12 Uhr kann man sie auf ihrem Fluge nach Schkeuditz beobachten, während sie gegen 18 Uhr in Richtung Berlin die Stadt berührt. Jedesmal erregt die große Maschine beim Überfliegen die Aufmerksamkeit aller Bewohner, die staunenden Auges den gewaltigen Luftriesen verfolgen, wie er sicher seine Bahn zieht.

10. August
Lönsstraße
Hinter dem Friedhof an der Grenze der Werbener und Delitzscher Feldmark ist eine neue Straße entstanden, die Lönsstraße. Insgesamt werden dort draußen 53 neue Häuser entstehen und zwar sind insgesamt 5 Einfamilienhäuser und 24 Doppelhäuser vorgesehen. Das erste Einfamilienhaus und 7 Doppelhäuser sind bereits aus dem Erdboden herausgewachsen, das Richtfest hat auch schon stattgefunden und nicht mehr lange wird es dauern, daß sie bezogen werden. Auf den anderen Baustellen sind die Gärten bereits hergerichtet worden, die Gebäude folgen nach.

12. August
von Busse
Am gestrigen Nachmittag starb auf seinem Gute in Zschortau der ehemalige Landrat des Kreises Delitzsch Friedrich von Busse im 78. Lebensjahr. Der Verstorbene übernahm die Geschäfte des Delitzscher Landratsamtes von dem bisherigen Inhaber von Rauchhaupt - Storkwitz im Jahre 1893 und trat am 30. November 1916 in den erbetenen Ruhestand. Seine Wirksamkeit im Kreise war von großem Segen. Seine besondere Fürsorge galt der Landwirtschaft und dem Feuerlöschwesen des Kreises. Die Verdienste als Verwaltungsbeamter wurden dadurch anerkannt, daß ihm der Titel eines Geheimen Regierungsrats verliehen wurde.

19. August
Roßplatz
Seit Dezember vorigen Jahres steht nach dem damaligen großen Verkehrsunfall nur ein provisorischer Lichtmast mit ganz kleinen nur sehr schwer leserlichen Richtungstafeln auf dem Roßplatz. Jetzt wird dieser Übelstand behoben und wieder ein großer eiserner Lichtmast aufgestellt werden. Gleichzeitig ist Vorsorge getroffen worden, daß auch große weithin sichtbare Richtungsschilder an die Kreuzung kommen.

31. August
Stephani
Gestern nachmittag verstarb nach längerer Krankheit Polizeikommissar i. R. August Stephani 1864 im Fürstentum Schwarzburg - Sondershausen geboren, war er von 1884 bis 1897 Soldat und trat 1897 als Polizeisekretär in den Dienst der Stadt Delitzsch. Während seiner langen Tätigkeit hierselbst hat er sich durch sein verbindliches Wesen einen großen Freundeskreis erworben. Nach der Versetzung in den wohlverdienten Ruhestand blieb er in Delitzsch, das ihm zweite Heimat geworden war.

9. September
Neue Straßen
Die neuen Straßen zwischen Dübener Straße und Werbener Weg erhalten folgende Bezeichnung: a) östlich der Lönsstraße: Dietrich Eckertstraße; b) westlich der Freesestraße; Gorch Fockstraße; c) an Bäckerei Schöne: Walter Flex-Straße.

14. September
Neubau der kath. Kirche
Die katholische Kirche bekommt ein neues Gotteshaus. Schon seit Jahrzehnten erwies sich das Gotteshaus an der Elisabethstraße als zu klein, jedoch Krieg und Inflation verhinderten die Ausführung eines Neubaues. Durch Bereitstellung namhafter Mittel von seiten des Bonifaciusvereins in Paderborn konnte jetzt endlich ein lang gehegter Wunsch der Delitzscher Katholiken in Erfüllung gehen. Nachdem die Verhandlungen mit den kirchlichen und weltlichen Behörden, die seit Jahresbeginn gepflogen wurden, glücklich zum Abschluß gebracht waren, konnte am 21. Juni mit der Vorbereitung des Baugeländes begonnen werden. Am 16. August erfolgte dann in einer schlichten Feier der erste Spatenstich, der die Ausschachtungsarbeiten einleitete. Gleichzeitig mit dem Neubau der Kirche sollen auch die Räume der katholischen Kirche durch Umbau des Pfarrhauses erweitert werden. Der Entwurf der neuen Marienkirche stammt von dem Architekten Reuter - Bitterfeld. Die Maurerarbeiten für den Neubau der Kirche wurden der Firma Albert Metzner, die des Umbaues dem Maurermeister Martin Zschernitz übertragen. Auch für Ausführung der sonstigen Arbeiten ist grundsätzlich das orts- bezw. kreisansässige Handwerk herangezogen worden. Am letzten Sonntag nachmittag 3 Uhr erhielt der Grundstein seine kirchliche Weihe.

26. September
Umbenennung
In der gestrigen Sitzung der Ratsherren wurden auf Antrag vom Ortsgruppenleiter Koch die Namen Kaiser-Wilhelm-Ring und Auguste-Viktoria-Ring in Adolf-Hitler-Ring umbenannt. Dem Adolf-Hitler-Platz wird dafür der Name General Litzmann-Platz gegeben.

30. September
Kleinbahn
Delitzsch Stadt bekommt eine Haltestelle der Kleinbahn. Wer bisher die Kleinbahn zur Fahrt aufs Land benutzen wollte, mußte zum Bahnhof Delitzsch West bis Gertitz wandern oder aber den Autobus bis zum Bahnhof benutzen. Nun ist zwischen dem Berliner und Sorauer Bahnhof für die Kleinbahn eine Haltestelle errichtet worden. Sie besteht in einer netten kleinen Wartehalle, die den Reisenden bei Wetterunbilden genügend Schutz gewährt und den Bau eines Bahnsteiges, der den Reisenden ein leichtes Einsteigen in den Zug ermöglicht. So kommt jetzt die Kleinbahn bis an diese neu geschaffene Haltestelle "Delitzsch Stadt" gefahren.

7. Oktober
Neue Siedlung
Eine neue Gemeinschaftssiedlung beginnt in kürzester Zeit an der Sekuriusstraße hinter dem Schützenhof und zwar zunächst parallel zu dem Weg nach dem Kosebruch. Zur Ausführung gelangen hier 32 Siedlerstellen in Gestalt von 24 Doppelhäusern und 8 Einzelhäusern. Das soll der erste Bauabschnitt sein. Sobald sich genug Siedler gemeldet haben, wird auch der zweite Bauabschnitt daselbst getätigt.

27. Oktober
Roßplatz
Der neue Lichtmast mit entsprechenden Richtungsschildern ist gestern auf dem Roßplatz aufgestellt worden. Weithin sichtbar und sofort ins Auge fallend werden nunmehr die neuen Wegweiser dort leuchten, und es wird in Zukunft wesendlich für die Verkehrssicherheit an dieser Ecke beitragen, daß fremde Kraftfahrer nun nicht mehr lange anhalten müssen, um sich nach dem Weg zu erkundigen – um schließlich doch noch falsch zu fahren. Man darf sogar behaupten, daß dieser Mast eine Verschönerung unseres Straßenbildes darstellt. Denn mit dem alten behelfsmäßigen Holzphahl und den kleinen unscheinbaren Täfelchen konnte unsere Stadt Delitzsch keine große Ehre einlegen.

28. Oktober
Muchowstraße
In der Muchowstraße ist in diesen Tagen mit den Ausschachtungsarbeiten für den vor einiger Zeit geplanten Bau von 60 Volkswohnungen begonnen. Die Häuser sollen in diesem Jahr noch bis zum Rohbau fertiggestellt werden.

29. Oktober
Kath. Kirche
Der Bau der neuen katholischen Marienkirche schreitet rüstig vorwärts. Gestern schwebte hoch oben am Turm der Richtekranz; das Richtfest wurde gefeiert. Als gestern die Uhren der Stadt die fünfte Nachmittagsstunde verkündet hatten, trafen sich Meister und Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge, kurz, alle Handwerker, die an dem Bau der Marienkirche beteiligt sind. In dem früheren Kirchengebäude, das jetzt bereits zur Schule umgebaut ist, und deren Räume bereits zum Teil vor der Vollendung stehen, waren lange Tafeln aufgebaut, um die frohe Festgemeinde zu bewirten. Pfarrer Schlinckert hielt hier eine Ansprache.

3. November
Neuer Amtsarzt / Landratsamt
Der bisherige stellvertretende Amtsarzt Medizinalrat Dr. Kroes ist am 1. November 1936 nach Glatz in Schlesien versetzt worden. Die Amtsarztstelle in Delitzsch ist bisherigen Amtsarzt in Siegen in Westfalen, Medizinalrat Dr. Schulte, übertragen worden. Regierungsassessor Franz aus Breslau wurde mit Wirkung vom 1. November an das Landratsamt Delitzsch überwiesen als Mitarbeiter und Vertreter für Landrat Meister.

14. November
Frontkämpfersiedlung
Die städtische Bauverwaltung führt dieser Tage draußen in der Frontkämpfersiedlung umfangreiche Straßenbefestigungen durch. Die Fahrbahn wird mit Schotter ausgefüllt, der von der Dampfwalze festgedrückt wird, so daß auch diese Straße am äußersten Ende der Stadt nun in einen verkehrsmäßigen Zustand gebracht wird. Weiter ist man dabei, am oberen Ende der Siedlung einen freundlichen Schmuckplatz anzulegen, der selbstverständlich erst im kommenden Sommer zur Geltung kommen wird.

16. November
Elberitzbrücke
Gestern morgen wurde mit den Vorarbeiten für den Bau einer Brücke über den Lober an der "Elberitzmühle" begonnen und zwar wird damit ein Übergang über den dort ziemlich breiten Lober geschaffen, der eine Verbindung zwischen dem städtischen Bad und der gegenüberliegenden Wiese herstellen soll. Diese Wiese soll für die Badenden als Liegewiese dienen.

3. Dezember
50 Jahre Carl Gräfe
Das altbekannte Pelzwaren-, Hut-, Mützen- und Damenputzgeschäft Carl Gräfe in der Eilenburger Straße begeht heute am 3. Dezember die Feier seines 50jährigen Bestehens. Kürschnermeister Carl Gräfe sen. gründete das Geschäft am 3. Dezember 1886. Aus kleinsten Anfängen hat er es durch unermüdlichen Fleiß zu Ansehen gebracht. Nach seinem Tode übernahm Carl Gräfe jun., der bis dahin schon seit 18 Jahren im Hause des Vaters tätig war, am 1. Januar 1934 das Geschäft.

19. Dezember
Glocken für kath. Kirche
Heute trafen die neuen Glocken für die katholische Kirche auf dem Bahnhof ein. Sie wurden unter großer Beteiligung der Gemeindemitglieder abgeholt und in der Kirche provisorisch aufgehängt, um am morgigen Sonntag ihre Weihe zu erhalten. Sie stammen aus der Glockengießerei Humpert in Brilon, Westfalen. Sie weisen die Töne fis-a-h auf, mit dem das "Te Deum laudamus" beginnt. Nach dem Gutachten des Glockensachverständigen, des Direktors des Paderborner Domchors Professor Schauerte, stellt das Geläut eine ausgezeichnete Leistung der Briloner Glockengießerei dar.


1937

Delitzsch 300 Jahre
Es soll hier kurz ein Rückblick auf das Wirtschaftsleben von der Stadt Delitzsch bis zu der Zeit vor dreihundert Jahren gegeben werden. Delitzsch war in früheren Jahrhunderten besonders wegen seines Bieres bekannt. Sein Bier "der Kuhschwanz" hat sich weit und breit einen gewissen Namen gemacht schon um 1600. Die Stadt behielt diesen Ruhm als Bierstadt bis ins 19. Jahrhundert. Der Geograph Büsching verkündet um 1755 von "Delitzsch" auch noch "Es werden hier viele wollene Strümpfe gestrickt". Aber schon um 1810 ist aus der schlichten Strumpfstrickerei eine "Strumpffabrikation" geworden. Damals hatte Delitzsch 2600 Einwohner. Nach wie vor blühte die Bierbrauerei, daneben aber auch der Ackerbau. Ausgangs der Biedermeierzeit, etwa um 1840, zählte Delitzsch 4500 Seelen und hatte Strumpf- und Tuchfabrikation, stark besuchte Jahrmärkte, drei Tabakfabriken und eine Buchdruckerei. In der Folgezeit bleibt Delitzsch in der Einwohnerzahl hinter Eilenburg zurück. Diese Stadt hatte damals 8000 Bewohner während Delitzsch nur 7600 Köpfe zählte. Das Wirtschaftsleben in Delitzsch blühte weiter auf. Am Anfang des 20. Jahrhunderts, also kurz vor dem Weltkrieg, hatte die Stadt 13500 Einwohner. Folgende Gegenstände und Waren wurden hier gefertigt: Asphalt, Dachpappe, Zementwaren, Chemikalien, Schokolade, Zigarren und Zigaretten, Fruchtsäfte, Gewehrpfröpfe, Häcksel, Likör, Maschinen, Melassefutter, Orgeln, Seife, Tabak und Zuckerwaren. Nach dem Kriege hat sich das wirtschaftliche Bild der Stadt etwas verändert. Delitzsch hat nun 12026 Köpfe und weist neben seinen bekannten Eisenbahnwerkstätten besonders auf seine Schuhfabrikation und den Gartenbau und den sonst schon bekannten Dingen hin. Nach der letzten bekannt gewordenen Zahl ist Delitzsch auf über 17000 Seelen angewachsen, und es werden auch das Eisenmoorbad, die Stahlquelle, ferner die Herstellung von Zucker, Schokolade, Zigarren und Schuhen aufgeführt. So hat sich Delitzsch von vor hundert Jahren nach etwas über 2000 Einwohner, heute fast neunfach vergrößert, was wirklich ein ganz achtbarer Aufschwung ist.

9. Januar
Böhme A.G.
Die "Böhme A.G." hat ihren Jahresabschluß 1936 veröffentlicht. Bei insgesamt 2.419.000 Mill. RM Roheinnahmen betrugen Löhne und Gehälter 1.116.000 Mill. RM, Steuern 0,218 Mill. RM und sonstige Aufwendungen 0,372 Mill. RM. Verteilt wurden wieder 12 Prozent Dividende. Die Gefolgschaft erhält eine Sondervergütung von 18000 RM, 12000 RM werden dem Wohlfahrtsfonds überwiesen und 180.230 RM gelangen zum Vortrag.

10. Januar
Volkswohnungen
Die Stadt plant den Bau von 80 Volkswohnungen, nachdem erst kürzlich 40 neue Häuser in Angriff genommen worden sind und 20 weitere genehmigt wurden mit deren Arbeiten am Ende dieses Monats begonnen werden soll. Auch die neuen Häuser werden in der Art wie die bisherigen gehalten werden und dienen dazu, den immer noch bestehenden Wohnungsmangel, vor allem an kleinen und billigen Wohnungen zu beheben. Die Häuser sollen z.T. an der Eilenburger Chaussee, z.T. an der Muchowstraße errichtet werden. Die Mittel für die Bauten sind bereits sichergestellt.

3. Februar
Walter Lobenstein
Dem Lehrer Walter Lobenstein von der hiesigen Knabenvolksschule wurde vom Reichspatentamt ein Apparat, der die Streichholzschachtel ersetzt, gesetzlich geschützt. Der Erfinder hat sich dabei zur Aufgabe gemacht, uns der gefährlichsten Brandstiftungsmittel, die Streichholzschachtel, zu ersetzen. Es handelt sich dabei um eine Zündvorrichtung, die an Ösen und anderen Feuerstellen fest angebracht werden kann, und die sich bisher als ausgezeichnet funktionierend erwiesen hat.

9. Februar
Kanalisation
Die Kanalisationsarbeiten in der Beerendorfer Straße sind nun zu Ende geführt, seit der Herstellung eines 600 Meter langen Schmutzwasserkanals in der Damaschkestraße, der seit vielen Jahren vorgesehen ist, ist begonnen worden.

12. Februar
Letzte Scheune Bismarckstraße
In der Bismarckstraße ist es endlich so weit, daß die letzte Scheune verschwindet, nämlich Ecke Kohl- und Bismarckstraße, um einem geräumigen Familienhaus Platz zu machen.

9. März
Vereinsbank
Die Delitzscher Vereinsbank hat im verflossenen Geschäftsjahr 1936 bilanzmäßig sich ganz bedeutend entwickelt. Die Bilanzsumme stellt mit 1.087.000 RM die Höchstzahl dar, die seit Bestehen der Bank erreicht wurde und hat nun zum erstenmal die Millionengrenze überschritten. Auch der Einlagenzuwachs ist um annähernd 200.000 Mark gestiegen. Alles in allem zeigt die Bilanz ein sehr erfreuliches Bild, so daß den Mitgliedern 4 Prozent Dividende gewährt werden können.

16. März
Haushaltsplan
Der Haushaltsplan der Stadtverwaltung von 1937 sieht zahlreiche Instandsetzungsarbeiten auf den Straßen und in den Schulen vor. Die Seminarturnhalle wird innen erneuert. In der Jahn-Turnhalle wird das Hallendach ausgebessert und im Eingang wird ein freier Raum rechts und links zu Umkleideräumen angebaut, und es werden Waschgelegenheiten für Hände und Füße geschaffen. In den Schulen der Stadt werden eine ganze Reihe von Instandsetzungsarbeiten in Angriff genommen. Da der "Lindenhof" in den Besitz der Stadt übergegangen ist, wird dort eine Umgestaltung vorgenommen. Die Schankräume werden vollständig erneuert. Der Hitlerjugendbann von Delitzsch wird im Schloß untergebracht. Etwa zehn größere und kleinere Räume werden dazu in Ordnung gebracht.

18. März
Werkschule
Aus der einst in Delitzsch gegründeten landwirtschaftlichen Winterschule ist eine Bäuerliche Werkschule geworden. Nach einem arbeitsreichen Wintersemester fand gestern abend für Schüler und Schülerinnen im "Schützenhaus" ein Abschiedsabend mit Lehrern und Gästen statt. Unter den Gästen waren Pg. Kreisleiter Schimpff, Ortsgruppenleiter Pg. Koch, Vertreter der Bauernschaft sowie der Lehrkörper der Bäuerlichen Werkschule mit Landschaftsrat Direktor Schöne an der Spitze. Dann bot sich ein farbenfrohes Bild den Augen der Gäste. Da waren die Mädel der weiblichen Abteilung in ihren bunten Leinen oder bedruckten Kleidern, die männliche Jugend in schlichten weißen Sporthemd und schwarzer Hose. Gemeinsame Rundtänze und Volkstanzvorführungen der Mädel wechselten in bunter Folge einander ab. Die Mädchenabteilung zeigte noch eine Schau von Handarbeiten, die während der Schulzeit fertiggestellt sind.

1. April
Schwäne
Während unter den Schwänen unseres Stadtgrabens wieder ein starkes Absterben zu bemerken ist, haben wir unsere Freude an dem lustigen Treiben der verschiedenartigen Enten unsers Stadtgrabens. Seit heute vormittag können wir auf dem Stadtgraben eine neue Entenart sehen, die sich unter den Türken- und Stockenten jedoch ganz wohl zu fühlen scheinen. Es handelt sich um eine sehr hübsche Spielart, die goldbrüstige Bartente.

14. April
Költzsch
Stadtobersekretär Richard Költzsch konnte am 1. April auf eine 35jährige Tätigkeit bei der Stadtverwaltung zurückblicken. Für den dienstlich verhinderten Bürgermeister beglückwünschte Stadtrat und Ortsgruppenleiter Pg. Koch den Jubilar und wünschte ihm weiterhin, noch viele Jahre im Dienste der Stadtverwaltung zu arbeiten. Költzsch ist als Standesbeamter den Volksgenossen von Delitzsch und seinen Berufskameraden im Kreise durch sein freundliches Entgegenkommen und seine Hilfsbereitschaft genugsam bekannt. Nebenbei ist er Leiter des städtischen Archives und als solcher ein guter Kenner und Freund unserer Stadtgeschichte.

19. April
Stadtbauräte
Am Freitag den 16. April hatten sich die Gemeinderäte der Stadt im Sitzungssaal des Rathauses zu einer nichtöffentlichen Sitzung unter der Leitung von Bürgermeister Pg. Dr. Frey versammelt. Auf der Tagesordnung stand die Berufung von Beiräten für die verschiedensten Arbeitsgebiete in der Stadtverwaltung, die auf Grund der deutschen Gemeindeordnung in allen Städten ihre beratende und unterstützende Mitarbeit an der Seite des Bürgermeisters durchführen werden. Diese Beiräte können außer den Ratsherren auch andere fachkundige Personen sein und sollen sich möglichst auf einen recht breiten Kreis von Volksgenossen erstrecken. Im Gegensatz zur Berufung der Ratsherren geschieht die Bestellung der Beiräte unter alleiniger Verantwortung des Bürgermeisters. Der Bürgermeister hat für folgende Abteilungen der Stadtverwaltung die Beiräte berufen:

Finanzielle Angelegenheiten einschl. Stiftungen
Kulturwesen
Städtische Bauangelegenheiten und Ländereien
Feuerlöschwesen
Anlagen, Forst, Friedhof
Fürsorgewesen, Krankenhausverwaltung
Verkehrs- und Beleuchtungsangelegenheiten
Wasserwerksangelegenheiten
Berufsschule

20. April
Polizeimeister Faust
Der bisherige Polizeimeister Faust bei der hiesigen Polizei wurde am heutigen Tage zum Polizeikommissar befördert.

25. April
Früheres Botenwesen
Das städtische Botenwesen stand einst in hoher Blüte, war es doch Jahrhunderte hindurch die zuverlässigste Einrichtung, Nachrichten nach auswärts zu vermitteln oder von dort zu empfangen. Einzelne Boten richteten sogar nach Orten mit lebhaften Verkehr regelmäßige Botengänge ein, die sie zunächst zu Fuß und später, wenn es sich lohnte, mit Pferd und Wagen ausführten, wobei sie dann auch gelegentlich Personen mitbeförderten. Das Hauptziel aller dieser Stadtboten in unserer Gegend war Leipzig, das als bedeutende Handelsstadt Mittelpunkt des mitteldeutschen Verkehrs schon in vergangenen Jahrhunderten gewesen ist. Die aus den verschiedenen Städten – so auch aus Delitzsch – nach Leipzig kommenden Boten hatten ihre bestimmten Botenherbergen, wo sie ständig verkehrten. Jedermann, der Nachrichten zu erwarten oder mitzugeben hatte, konnte sich hiernach richten. Nach einer Aufstellung von Ende August 1696 kamen 47 Boten regelmäßig nach Leipzig. Der Bote aus Delitzsch kam regelmäßig mindestens einmal wöchentlich nach Leipzig, mitunter aber auch nach Dresden; als solcher wird um 1655 der Delitzscher Bürger Lorenz Löbner genannt. Die Postkutsche schränkte dann das Botenwesen ein. Noch aber mußte viel Zeit ins Land gehen, bis der Weg von der Post über Eisenbahn und Automobil zum Flugzeug frei war!

30. April
Maibaum
Gestern nachmittag wurde unser Delitzscher Maibaum in die Stadt feierlich eingeholt. Für jung und alt war dies eine frohe Stunde und die Straßen, durch die der Baum geleitet wurde, war dicht besetzt mit Volksgenossen aller Stände. An der Stadtgrenze nahm die Jugend, begleitet von einer Abordnung der Politischen Leiter, mit ihrer Fahne den Baum in Empfang und unter Vorantritt der Bannkapelle der H.J. ging der festliche Zug durch die Straßen. Mit jungem Maigrün geschmückt zog die schlanke Kiefer ein, um am Festtag der Nation, am 1. Mai, ihren Platz auf dem Maifeld, dem "Schützenhaus" Platz einzunehmen.

12. Mai
Jahn-Turnhalle
Die Arbeiten in der Jahn-Turnhalle sind nunmehr beendet und der Turnbetrieb konnte wieder aufgenommen werden. Die Halle präsentiert sich jetzt im neuen Gewande. Durch die nach außen verlegte Tür betritt man zunächst den Umkleideraum mit Waschgelegenheiten. Sämtliche Kleiderhaken, die früher in der Turnhalle an allen beliebigen Stellen angebracht waren, sind in diesen Vorraum gekommen, der vorerst in drei Kabinen geteilt ist und in Zukunft noch eine weitere dazu erhalten soll. Die Halle selbst hat einen vollkommen neuen Fußboden erhalten und zwar einen Parkettboden aus Buche. Wände und Decken sind mit einem neuen hellen Anstrich versehen. Für die Fenster sind Drahtglasscheiben eingesetzt. Geplant ist des weiteren der Anbau eines Geräteraumes und auch einer Hausmeisterwohnung. Unsere Turner können sich jetzt glücklich schätzen, eine solche vorbildliche Turnhalle für ihren Übungsbetrieb zu haben.

31. Mai
Verkehrsunglück
In der Nacht zum heutigen Montag ereignete sich am Roßplatz ein schweres Verkehrsunglück, das ein Todesopfer forderte, während ein zweiter Beteiligter schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Um 0.55 Uhr kam ein Lastzug am Roßplatz aus der Bitterfelder Straße und befand sich bereits mitten auf der Kreuzung, als aus der Eilenburger Straße plötzlich ein Motorradfahrer auftauchte, der mit voller Wucht gegen den vorderen Teil des Fahrzeuges aufprallte. Der Fahrer des Motorrades wurde schwer verletzt und sein Beifahrer Siegfried Rast aus der Badergasse erlag seinen Verletzungen unmittelbar nach dem Zusammenstoß.

4. Juni
Wölfert / Winkler
Vom 1. Juli 1937 ab wird Amtsgerichtsrat Dr. Wölfert aus Staßfurt an Stelle des verstorbenen Amtsgerichtsrats Rother nach Delitzsch versetzt. Amtsrichter Winkler Delitzsch ist zum Amtsgerichtsrat befördert worden.

8. Juni
Neue Siedlungen
Delitzsch wächst in die Weite. Rings um das Weichbild der Stadt entstehen neue Siedlungen. Gestern wurde das Gelände an der Sekuriusstraße zur Bebauung freigegeben. Es werden hier unter Mitwirkung der Mitteldeutschen Heimstätte zunächst 23 Siedlerstellen geschaffen und zwar 9 Doppelhäuser und 5 Einfamilienhäuser. In den nächsten Wochen wird hier ein lebhaftes Treiben sein, denn jeder Siedler soll an seinem Eigenheim mitwirken. Das wird zumeist in den Abendstunden nach der Tagesarbeit des Einzelnen sein können.

9. Juni
Neuer Werkdirektor
Das Reichsbahnausbesserungswerk hat einen neuen Werkdirektor erhalten. Es ist der Oberbaurat Schwager, der bisher die Leitung des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes Krefeld – Oppum, hatte. Zur Begrüßung hatten sich gestern nachmittag die gesamte Gefolgschaft auf der großen Schiebebühne des RAW versammelt. Der neue Werkdirektor richtete herzliche Worte an die Gefolgschaft. Für den Betrieb sprachen dann noch der Vertrauensmann der Beamtenschaft im hiesigen Reichsbahn-Ausbesserungswerk, Werkmeister Krebs und der Betriebsobmann Müller.

10. Juni
Wimpfer
Mit Wirkung vom 1. Juni ist Oberregierungsrat Vaupel nach dem Finanzamt in Offenburg (Baden) versetzt worden. Seine hiesige Stelle nimmt der bisherige Vorsteher des dortigen Finanzamtes, Oberregierungsrat Wimpfer, ein.

23. Juni
Alb. Böhme Park
In dem neugeschaffenen Albert Böhme Park, der zwischen Stadtpark und Dietzepark liegt, wurde gestern die vom Bildhauer Brumme – Leipzig gefertigte Denkmalgruppe "Genesung" aufgestellt. Dies besondere Ereignis hatte eine Menge Schaulustiger angelockt. Die Einweihung findet in kurzer Zeit statt.

2. Juli
Das Wellblechhäuschen am Breiten Turm
Jenes bekannte Wellblechhäuschen am Breiten Turm hat aufgehört zu existieren. Nichts kündet mehr von seiner ehemaligen Anwesenheit. Der alte Standort ist planiert worden und anstelle der unschönen Bude ist eine moderne und hygienisch einwandfreie Bedürfnisanstalt errichtet worden, die nach den gleichen Gesichtspunkten wie ähnliche Einrichtungen in Großstädten erbaut worden ist. Das Häuschen ist in die Böschung am Stadtgraben eingebaut, so dass es kaum unschön wirken kann. Dabei hat man gleichzeitig vom Adolf-Hitler-Ring eine Treppe in die Böschung gebaut, und auch den Abhang der Promenade am Stadtgraben, der bisher steil und unwegsam abfiel mit Stufen versehen und gepflastert.

5. Juli
Das Volks- und Heimatfest
Am 3. und 4. Juli fand in Delitzsch ein Volks- und Heimatfest statt. Das Fest begann am Sonnabend mit einem Fackelumzug der Jugend durch die Straßen der Stadt. Inzwischen hatte die Festbeleuchtung der Stadt eingesetzt, eine allgemeine Illumination und eine wogende Menschenmenge durchzog die Straßen. In der Eilenburger- und Breiten Straße war kaum durchzukommen vor Menschen. Längs des Stadtgrabens, am Breiten Turm angefangen bis weit hinauf zum Hallischen Turm, zog sich das Lichterband. Auch in den Zwingergärten, in den Anlagen bei der Badeanstalt eine gleiche liebevolle Ausgestaltung in Licht und Dunkel. Eine selten schöne Illumination konnte man wieder Kurtzhalßchen Garten sehen. Geschmackvoll waren die Hunderte von Lichtern aufgestellt, und bewundernd stauten sich die Menschen am Ufer des Stadtgrabens. In den Parkanlagen des Viktoriabades war Konzert und im Rosengarten sangen unsere Delitzscher Sänger ernste und heitere Lieder. Der eigentliche Festtag aber war der Sonntag, der 4. Juli. Strahlend blauer Himmel stand über der Stadt, als gegen 6 Uhr die Spielmannszüge der Formationen durch die Straßen zogen. Der Sonntagmorgen gehörte fast ausschließlich den Sportlern. Gegen 8 Uhr zog man entweder in das Elbritzbad oder auf den Sportplatz der Concorden oder auf die Tennisplätze am Schloß, wo die ersten sportlichen Veranstaltungen unseres Heimatfestes abgewickelt wurden. Dann ging man zum Roßplatz, wo bereits die Vorbereitungen zum Großstaffellauf um die Altstadt getroffen wurden. Im Anschluß daran nahm der Bürgermeister Dr. Frey auf dem Roßplatz die Siegerehrung vor. Den ganzen Vormittag war der Breite Turm zur Besichtigung freigegeben. Gar viele nahmen die Gelegenheit war, von der Höhe des Breiten Turmes die schöne Aussicht über die Stadt und die Umgegend zu genießen. Des Türmers Töchterlein begrüßt uns oben im Turmzimmer und zeigt uns die Räume hoch unter dem Spitzgiebel. Unten am Breiten Turm haben sich viele Delitzscher versammelt, die sehen wollen, wie die Stadtwache aufzieht und hören wollen, wenn die Schwedensignale geblasen werden. In diesem Augenblicke öffnet sich die schmale Tür und des Türmers Töchterlein tritt heraus, in alter Tracht, mit langen, hellblonden Zöpfen, auf dem gescheitelten Haar keck das Häubchen. Die Stadtwache zieht auf! Zwölf Männer sind es, die eben die Breite Straße heraufziehen in den alten Uniformen mit den Silber glänzenden Sturmhauben, mit Hellebarden und dem Säbel an der Seite, mit dem kampferprobten Vorderlader, in gleichmäßig grünen Hosen und den weißen Spitzenkragen auf dem grünen und blauen Wams. Um die große Trommel ziehen sich Tücher in den blaugelben Stadtfarben. Nach einem kurzen Marsch durch die Stadt kommt die Wache zum Breiten Turm wieder zurückgezogen. Ein Kommando läßt den Trupp halten, - des Türmers blondes Töchterlein hat die alten Haudegen, die zu ihrem und der Bürger Schutz aufmarschiert sind, empfangen, - die erste Wache zieht auf. Vor der Tür des Breiten Turmes steht sie nun und neben ihr auf einer Bank sitzen ihre Kameraden. Strahlender Sonnenschein lag über unserem festlich geschmückten Delitzsch als sich die Menge, von allen Seiten kommend, auf den Weg zum Neuen Park machte, und dort den Höhepunkt, den schönsten und erhebensten Teil unseres Heimatfestes – die Übergabe und Weihe der Brunnenfigur "Die Genesung" mit zu erleben. Eine große Menschenmenge hatte um die noch verhüllte Brunnenfigur Aufstellung genommen. Die Musik setzt mit Wagner'sche Musik ein "Aufzug der Zünfte auf der Festwiese". In den sonnigen Tag hinein klingt Beethovens "Die Himmel rühmen ......" vom Chor und Orchester der Delitzscher Sängervereinigung und der Kreisstabskapelle. Darauf spricht Bürgermeister Dr. Frey. Er weist in seiner Rede hin auf das Heimatfest vor zwei Jahren und erklärt, daß das heutige Heimatfest nur eine Fortsetzung des damals begonnenen Brunnenfestes ist und nur der Nationalsozialismus imstande ist, solche Heimatfeste zu veranstalten. Für die Stadt Delitzsch ist aber außerdem noch ein besonderer Anlaß vorhanden, den heutigen Tag freudig zu feiern. Heute stehen wir an dieser Stelle, um als sichtbaren Abschluß der vor zwei Jahren der Stadt Delitzsch zugewendeten Stiftung die Weihe der Brunnenfigur "Genesung" und des "Neuen Parkes" vorzunehmen. Allen ist ja die hochherzige, großzügige Stiftung des Generaldirektors Albert Böhme bekannt. Generaldirektor Albert Böhme hat seine Verbundenheit mit der Stadt schon in vielen Fällen zum Ausdruck gebracht. Voller Dankbarkeit erinnern wir uns der zahlreichen Stiftungen, die den Ring der Grünanlagen schließen und schöner gestalten helfen. Im Namen der Delitzscher Einwohnerschaft spricht er Generaldirektor Albert Böhme herzlichsten Dank aus. Darauf hielt der Künstler der Brunnenfigur, Bildhauer Brumme - Leipzig eine kurze Ansprache und übergab die Denkmalsgruppe dem Vertreter der Stadt, Bürgermeister Dr. Frey, der sie dann enthüllen ließ. Begeisterter Beifall klingt von allen denen auf, die die Brunnenfigur jetzt bewundern dürfen. Chor und Orchester lösen noch einmal einander ab und darauf erklingen die Lieder der Nation und beenden die Feierstunde, die für eine ganze Stadt eine besondere Bedeutung besaß.

26. Juli
Brieftauben
An dem Brieftaubenwettflug der Provinz Sachsen, der in diesem Jahre von England aus erfolgte nahmen auch 19 Brieftauben aus Delitzsch teil. Drei Tage dauerte die Reise nach Southampton, wo am Sonntagmorgen 6 Uhr 15 der Abflug erfolgte. Nicht ganz 13 Stunden brauchte die erste Taube bis Delitzsch. Das ist eine fabelhafte Leistung.

3. August
Neuer Kreisleiter
Der Kreis Delitzsch, der in seiner politischen Führung für kurze Zeit verwaist war, hat seit gestern wieder seinen Kreisleiter in Joachim Krüger aus Klöden Kreis Schweinitz. Die Einführung fand im Saal des Schützenhofes durch den stellv. Gauleiter Tesche aus Halle statt.

1. September
Polizeimeister Höhne
Die bisher freie Polizeiministerstelle wurde mit Wirkung vom heutigen 1. September wieder besetzt. Polizeihauptwachtmeister Höhne aus Halle von der dortigen Staatlichen Polizeiverwaltung hat seinen Dienst bereits hier angetreten.

18. September
Naturdenkmal
Mit Zustimmung der höheren Naturschutzbehörde hat der Landrat das im Besitz der Stadt Delitzsch befindliche Rosental zwischen Oskar-Reime-Straße, Schulze-Delitzsch-Ring und Lober zum Naturdenkmal erklärt.

19. September
Suckert
Als Heerespfarrer nach Naumburg wurde Pastor lic. Suckert berufen. Er hat sein neues Amt bereits angetreten.

28. September
50 Jahre Bestehen Körsten
Am 1. Oktober d. J., kann das Autofuhrgeschäft und Beerdigungsanstalt Kurt Körsten, Schul-straße 6, auf ein 50jähriges Bestehen zurückblicken. Der Vater des jetzigen Inhabers, Gottlieb Körsten, gründete es 1887. Er starb leider frühzeitig, 1903 durch einen Unglücksfall. So mußte die Ehefrau Friderike Körsten, die von ihren im Felde kämpfenden drei Söhnen die beiden ältesten opferte, allein die Geschäfte weiter führen, bis es nach Rückkehr aus dem Felde ihr Sohn Kurt Körsten übernehmen konnte. Er hat sich ehrlich bemüht, durch all die schlechten Jahre sein Geschäft zur jetzigen Höhe zu führen. Wer kennt nicht noch die stolzen schwarzen Rappen, Körstens Tradition, vor den Hochzeitskutschen, den Kremsern u.s.w. und den von Körstens jahrelang gefahrenen Überführungswagen der Schuhmacherinnung bespannt mit schwarzbehangenen passenden Pferden? Heute kann das Geschäft stolz sein auf seine schmucken Personenautos, seine Taxe am Bahnhof, sein pietätvolles Überführungsauto und sein sauberes Sarglager. Die Pferde sind dem Tempo der Zeit zum Opfer gefallen.

26. Oktober
Nachfolger von Schöne
Der bisherige Direktor der Landwirtschaftsschule, Landwirtschafsrat Schöne, hat aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederlegen müssen. Zum Nachfolger ist der Diplomlandwirt Schulze – Merseburg berufen, der schon als Landwirtschaftslehrer tätig war.

3. November
Maßnahmen der Stadtverwaltung
Die Gemeinderäte billigten die Maßnahme der Stadtverwaltung, die zur Herrichtung von Unterkunftsräumen für das Krankenhauspersonal ergriffen worden sind. Durch die Anmietung von Wohnräumen in einem an das Krankenhaus angrenzenden Grundstück ist erreicht worden, daß das Personal des Krankenhauses nun endlich gut untergebracht worden ist. Die Stadtverwaltung hat ferner das Grundstück Eilenburger Straße 65 käuflich erworben und dasselbe der Kreisleitung der NSDAP vermietet. Zwei neue Straßennamen hat Delitzsch erhalten. Der sogenannte Kläranlagenweg soll Naundorfer Weg benannt werden. Die neue Straße hinter der Damaschke Straße soll den Namen Gustlofstraße erhalten.

23. November
Straße nach Leipzig
Die Straße nach Leipzig ist verhältnismäßig schmal, so daß leicht Verkehrsschwierigkeiten entstehen. Besonders unmittelbar hinter dem Bahnübergang gegenüber der Baumschule Pönicke müssen die Autos oft halten, schon wegen der häufig geschlossenen Schranke. Da bis zur Bauer'schen Scheune die Straße von der Stadt unterhalten wird, hat sie veranlaßt, daß die Fahrbahn auf der linken Seite um 85 Zentimeter verbreitert wird.

22. Dezember
Tod von Ludendorf
General Ludendorf, Deutschlands großer Feldherr, Organisator und Soldat ist in München am 20. Dezember verstorben. Dem deutschen Volke wurde dies durch folgende Mitteilung bekannt gegeben: "Heute, Montag, den 20. Dezember, 8.20 Uhr verschied der Feldherr General Ludendorf schmerzlos und ruhig. Das Bewußtsein blieb ihm in den letzten Stunden erhalten. Bei der durch die lange Krankheit nur noch geringen Widerstandskraft war es unmöglich, dem schnell eintretenden Kräfteverfall und der zunehmenden Kreislaufschwächewirklich wirksam zu begegnen."

26. Dezember
Verkehrsampel am Roßplatz
In den täglich wiederkehrenden Unfallmeldungen nimmt der Roßplatz den größten Raum ein. Aus diesem Grunde hat die Stadt sich entschlossen, an dieser Kreuzung eine Verkehrsampel anzubringen, die in Zukunft den Verkehr selbsttätig regeln wird.


1938

14. Januar
Schweinemästerei der Stadt
Das Ernährungshilfswerk der NSV hat die Einrichtung von Schweinemästereien auch in der Stadt Delitzsch beschlossen. Die Schweine werden in Delitzsch in der Walzenmühle untergebracht. Im Rahmen des Ernährungshilfswerkes liegt auch die Anpflanzung von Mais auf den im Kreisgebiet unbebaut liegenden Flächen.

16. Januar
Peters
Mit Wirkung vom 1. Januar ist Regierungsinspektor Peters zum Kreisoberinspektor beim Landratsamt in Delitzsch ernannt. Vermessungsrat Mönnig aus Zossen ist mit Wirkung vom 1. März 1938 an das Katasteramt in Delitzsch versetzt worden.

18. Januar
Fischsterben im Kosebruch
Während von den drei Fischteichen im Kosebruch zwei abgelassen sind, ist der Dritte, der unmittelbar an der Bahn Delitzsch – Bitterfeld liegt, von einem Fischsterben betroffen worden. Bei einer flüchtigen Zählung der an der östlichen Schmalseite angetriebenen Kadaver ergab sich die hohe Zahl von 250 Fischen. Es handelt sich um Karpfen, meistens um Spiegelkarpfen, und die Größe schwankt um dreipfündige Exemplare. Es wäre möglich, daß die Fische an Sauerstoffmangel eingegangen sind, der durch Ausfrieren des Teiches entstanden ist, oder aber es sind Rieselwässer in den Teich geflossen, wodurch das Wasser verseucht und so den Tod der Fische verursachten.

1. Februar
Unglücksfälle am Roßplatz
Um die Zusammenstöße der Kraftwagen und damit die Unglücksfälle so weit wie möglich zu beschränken, ist auf dem Roßplatz an der Kreuzung der Kohl- und Eilenburger Straße eine Heyer'sche Verkehrsampel an einem langen Mast aufgehängt worden. Die angegebenen Verkehrszeichen müssen natürlich beachtet werden. Für die Fußgänger gelten die gleichen Signalzeichen wie für die Fahrzeuge. Wer auf die falsche Scheibe sieht, begibt sich in Gefahr. Wenn jemand z.B. die Eilenburger Straße in Richtung Breite Straße begeht, muß vor dem Überschreiten des Fahrdammes in der Gegenrichtung den Zeiger auf grün sehen, dann sind Kohl- und Bitterfelder Straße - also die Straße, die man überquert - für den Fuhrverkehr gesperrt.

11. Februar
Haushaltsplan 1938
In der gestrigen Sitzung der Ratsherren wurde der Nachtragshausplan erörtert. An der Sitzung nahm auch der neue Kreisleiter Krüger teil. Der Bürgermeister Dr. Frey schlug vor, für die Hospitalstiftung eine neue Satzung auszuarbeiten, da die alte aus dem 14. Jahrhundert stammende Satzung den heutigen Anschauungen nicht mehr entspricht. Der dem Hospital angegliederte Kindergarten bleibt bestehen, er nimmt Kinder von 2 bis 6 Jahren auf, die dort beaufsichtigt und auch gespeist werden. Die Eltern haben dafür für jedes Kind und jede Woche 1,- RM zu zahlen. In diesem Zusammenhang verdient die Tatsache Erwähnung, daß die Hospital-Stiftung einschl. der Grundstücke, Liegenschaften u.s.w. heute noch einen Wert von rund 313.000 RM darstellt. Es wurden dann noch folgende Beschlüsse gefaßt:

Mittel für eine neue Luftschutzwarnanlage
10.000 RM als Grundstock für den Bau eines HJ-Heimes
10.000 RM für die geplante Sportbahn
2.000 RM für eine neue Pumpanlage im Elbritzbad
Erweiterung des städtischen Gewächshauses auch 2.000 RM
Verbesserung in den städtischen Schulen
Zuschuß für die Volksbibliothek
3.500 M für bauliche Veränderungen im Rathaus
50.000 M für Straßenbauten

14. Februar
Autounfall Erich Richter
Vorgestern Nachmittag gegen 13.40 Uhr wurde die Familie des Lehrers Erich Richter aus Delitzsch das Opfer eines schweren Verkehrsunfalls. Der Personenwagen des Richter wurde unweit des Roten Hauses am Bahnhof Eilenburg Ost von der Lokomotive eines Personenzuges erfaßt und einige Meter weit mitgeschleift. Während Richter und seine Frau schwere Kopfverletzungen und Kieferbrüche erlitten, wurde die Tochter Ingeborg des Lehrers glücklicherweise nur leicht verletzt. Wahrscheinlich ist das Unglück durch das am Sonnabend herrschende Schneetreiben verursacht worden.

15. Februar
Ehrung eines früheren Delitzscher
Die Staatliche Versuchs- und Forschungs- sowie Höhere Lehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau zu Geisenheim am Rhein hat anläßlich ihres sechzigjährigen Jubiläums einen Teil des Instituts mit dem Namen des Herrn Gartenbaudirektors Walter Poenicke – Berlin benannt in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die technische und wirtschaftliche Umgestaltung des deutschen Obstbaues. Herr Poenicke ist Delitzscher Kind und war früher lange Jahre Mitinhaber und technischer Leiter eines hiesigen Baumschulenbetriebes, bis er in die Ämter des Vorsitzenden der Deutschen Obstbaugesellschaft und des Reichsbundes für Obst- und Gemüsebau sowie der Obstbauabteilungen der Preußischen Hauptlandwirtschaftskammer und der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft und des Direktors der Technischen Abteilung des Reichsverbandes des Deutschen Gartenbaus berufen wurde.

12. März
Anläßlich des Anschlusses von Österreich an Deutschland verliest Kreisleiter Krüger – Delitzsch folgenden Aufruf: "Der Verräter Schuschnigg ist zurückgetreten! Unsere nationalsozialistischen Brüder haben in Österreich die Macht übernommen. Zur Feier dieser denkwürdigen Machtübernahme versammeln sich sämtliche Gliederungen und angeschlossenen Verbände, sowie sämtliche Vereine heute abend 19.15 Uhr zum Fackelzug auf dem "Alten Schützenhofplatz". Nach Ummarsch durch die Stadt Kundgebung auf dem Marktplatz."

25. März
Neue Anpflanzung
Im Laufe des gestrigen Tages sind in der Hindenburgstraße bei der Mädchenvolksschule eine Reihe von jungen Bäumen angepflanzt worden. Auf diese Weise sind die Lücken, die durch Ausschlag zwischen den großen Linden entstanden waren, durch Nachwuchs ausgefüllt worden.

29. März
Versetzung Gesell
Der stellvertretende Leiter des Kassenverbandes der Orts- und Landkrankenkassen Delitzsch, Friedrich Gesell, wird mit Wirkung vom 1. April ab als Kassenleiter zur Ortskrankenkasse des Landkreises nach Zeitz versetzt. Gesell war seit Oktober 1919 bei der hiesigen Landkrankenkasse und ab 1. Januar 1934 beim Kassenverband der Orts- und Landkrankenkasse Delitzsch beschäftigt.

6. April
Aufruf des Kreisleiters
Aus Anlaß der Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich soll am 10. April das deutsche Volk ein Bekenntnis zum Führer ablegen. Dazu erläßt der Kreisleiter Krüger – Delitzsch folgenden Aufruf:
Für ein Großdeutsches Reich! Der Führer hat durch seine Tatkraft eine geschichtliche Aktion durchgeführt, die seit einem Jahrtausend die Sehnsucht aller Deutschen gewesen ist. Das deutsche Reich ist durch den Zustrom deutschen Bruderblutes nunmehr eine Weltmacht geworden, die zugleich ein eiserner Garant des Friedens ist. In jener denkwürdigen Reichstagssitzung vom 18. März 1938, in der der Führer der ganzen Welt die Gründe seines Tuns auseinandersetzte, konnte er mit Stolz aussprechen: "Hinter dieser meiner getroffenen Entscheidung stehen 75 Millionen Menschen und vor ihr steht von jetzt ab die deutsche Wehrmacht." Durch die überwältigende Zustimmung auf seiner Fahrt durch die neue deutsche Ostmark und bei seinem triumphalen Einzug in die Reichshauptstadt erhielt der Führer den klarsten Beweis für die Richtigkeit seiner Handlungsweise. So rufe ich alle Volksgenossen meines Kreises auf am 10. April der Anstandspflicht jedes deutschen Menschen Genüge zu tun, sein Bekenntnis zum Führer abzulegen. Der Ruf der befreiten Brüder "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" sei auch unser Losungswort. Es gilt die geschichtliche Entscheidung zu fällen: Deine Stimme für das Großdeutsche Reich!

10. April
Wahl
Bei der heute stattgefundenen Wahl wurden in Delitzsch 11823 Stimmen abgegeben. Es stimmten 11378 Stimmen für "Ja"; 383 Stimmen für "Nein", ungültige Stimmen waren 62. Auf dem Stimmzettel stand: "Bist du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem deutschen Reich einverstanden und stimmst du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler, dann – Ja -. Die Wahl ergab in der Stadt Delitzsch über 90 % für den Führer.

13. April
Sämisch
Rektor Richard Sämisch von der Knabenvolksschule ist ab 1. Mai als Kreisschulrat in den Kreis Schweinitz berufen worden.

14. April
Das Denkmal auf dem Markt
Bürgermeister Dr. Frey hatte die Stadträte gestern nachmittag zu einer Sitzung einberufen, um noch vor den Feiertagen ihre Stellungnahme zu zwei für die Stadt wichtigen Fragen entgegenzunehmen. Zunächst handelte es sich um die Frage der Versetzung des Denkmals, das den Gefallenen und den Kriegern der Reichseinigungskriege 1870/71 auf dem Markt errichtet worden ist. Bürgermeister Dr. Frey legte in seinen Ausführungen dar, daß es nicht würdig ist, daß zweimal in der Woche der Wochenmarkt ausgerechnet am Denkmal für die Gefallenen und Krieger abgehalten wurde und daß bei den Jahrmärkten das ganze Denkmal zu einem Gewirr von Brettern und zwischen Buden verschwand. Der praktische Zweck eines Marktplatzes ist nicht zu vereinbaren mit der Würde, die ein Denkmal umgeben soll. Bei den großen Aufmärschen der letzten Jahre war das Denkmal ein Hindernis für einen planmäßigen Aufmarsch und ein Hindernis zugleich für eine volle Raumausnutzung. Es dürfte verständlich sein, daß die Abänderung des jetzigen Zustandes geradezu ein Zeiterfordernis ist. Der Markt mit seinen hohen, schönen Linden wird nach der Versetzung ein ausgezeichneter Aufmarschplatz. – Hierzu geben die Gemeinderäte ihre Zustimmung. Die Gemeinderäte billigten weiter den Vorschlag des Bürgermeisters, für die Stadt eine Großlautsprecheranlage anzuschaffen.

30. April
Verbesserung am Elberitzbad
An dem Elberitzbad werden in diesen Tagen wesentliche Verbesserungen vorgenommen. Einmal sorgt man jetzt durch neue Anlagen für eine bessere Wasserquelle, zum anderen sorgt man für eine bessere Reinhaltung des Wassers. In der alten Liegewiese hat man einen neuen leistungsfähigen Rohrbrunnen niedergebracht, der gutes und ausreichendes Wasser liefert. Das alte hölzerne Pumpenhäuschen wird durch einen massiven Bau ersetzt. In dem Pumpenhäuschen wird ein Dieselmotor mit angekoppelter Pumpe aufgestellt. Nun ist man in der Lage von innerhalb 12 Stunden das Bad zu füllen und ebenfalls in 12 Stunden das Bad zu leeren. Zur Reinhaltung des Wassers wird der Boden des Bades betoniert.

30. Mai
Siebert
Anstelle des bisherigen Kreisamtsleiters für Erzieher im Kreis Delitzsch Richard Sämisch, der als Kreisschulrat in den Kreis Schweinitz versetzt worden ist, ist Kreisschulrat Wilhelm Siebert mit der kommissarischen Leitung des Kreisamts Delitzsch im Amt für Erzieher beauftragt worden.

13. Juni
Wichtige Dokumente
Bei einer Bodenentrümplung für Zwecke des Luftschutzes fand man in Halle unter dem Dach eines alten Hauses in der Thaluckstraße, Haus Nummer 18, einige lose zusammengeheftete Pergamentblätter, die verstaubt und stockfleckig wie sie waren, zunächst achtlos beiseite getan wurden. Durch Zufall wurde man dann aber wieder auf diese Blätter aufmerksam. Nähere Betrachtung und Untersuchung förderte dann auf diesen Blättern einen Bericht über Delitzsch zu tage, der Zustände in unserer Stadt während des 15. und 16. Jahrhunderts schildert. Es stellte sich dann heraus, daß man hier ein für die Beurteilung der Delitzscher und der Delitzscher Stadtgeschichte ganz außerordentlich wichtiges Dokument gefunden hatte. Die Entzifferung machte einige Mühe, auch war es aus sprachlichen Gründen notwendig, den Bericht zu überarbeiten, um ihn der Allgemeinheit zugänglich und verständlich zu machen.

24. Juni
Remoli
An der Universität Halle bestand der Hilfsschullehrer an der Knabenvolksschule Remoli die Doktorprüfung. Seinen Neigungen entsprechend war Vorgeschichte sein Hauptprüfungsfach, außerdem wurde er in Philosophie und Pädagogik geprüft.

12. Juli
Verschönerung
Am Schulze Delitzsch Denkmal hat es eine Veränderung gegeben. Das alte Eisengitter wurde mit Hilfe eines Schweißapparates abgeschnitten und entfernt. Damit hat das Denkmal wie auch das Kriegerdenkmal, von dem gleichfalls das Eisengitter entfernt worden ist, ein gefälligeres Aussehen bekommen.

23. Juli
Der Werkstättenteich
Wir haben neben dem Elberitzbad noch eine zweite Badegelegenheit in Delitzsch, den Werkstättenteich. Beide Bäder können gut nebeneinander bestehen, sie nehmen sich nichts, ja, sie ergänzen sich sogar in recht glücklicher Weise. Denn für sehr viele Delitzscher, die im Norden wohnen, ist der Weg zum Elberitzbad reichlich weit. Sie bevorzugen das Bad am Werkstättenteich, obwohl dieses Bad nur über geringe Einrichtungen verfügt. Es wäre aber gut, wenn hier doch einiges getan würde, zumal die Benutzung beider Bäder immer stärker wird und wir das Bad im Werkstättenteich notwendig brauchen. Vor allem müsste das starke Kraut im Teich entfernt werden, ehe dort ein Unglück geschieht. Lebensgefahr war schon vorhanden.

2. August
Das Deutsche Turnfest in Breslau
An dem in diesen Tagen in Breslau stattgefundenen "Deutschen Turnfest" nahmen auch eine Anzahl Delitzscher Turner teil. Sie kehrten heute mittag nach Delitzsch zurück. Am Bahnhof empfingen Turner und Turnerinnen des TV 1845 die Heimkehrer, der Bannmusikzug war zur Stelle, Kinder brachten Blumengrüße, viele Delitzscher gaben den Turnern das Geleit zum Markt. Es ist anzunehmen, daß die Sache der Turner und Sportler in Delitzsch durch das große Fest der Leibesübungen in Breslau neuen Auftrieb und auch bei denen Anteil findet, die bisher noch abseits standen. Dr. Letz, der Ortsgruppenleiter für Leibesübungen dankte für die herzliche Begrüßung. Dann begrüßte der Vereinsführer des TV 1845, Althaus, die Heimkehrer und dankte ihnen für ihren tapferen Einsatz. Fast hundert Jahre sei der TV von 1845 alt, aber zum ersten Male sei es möglich gewesen, mit einer so großen Zahl von Siegespreisen von einem Deutschen Turn- und Sportfest zurückzukehren. Er gab sodann die Siegesliste des TV von 1845 bekannt. Es sind folgende Namen:
Otto Rößler, Karl Martin, Walter Modrow, Gerhard Holdefleiß, Erich Förster, Gerhard Lahn, Heinz Thieme, Ernst Soban, Martha Beetz (vom Frauen Turnverein), Erich Pfennig und Hans Lange.

10. August
Wetterfahne auf dem Halleschen Turm
Auf dem Halleschen Turm wurde heute eine neue Wetterfahne angebracht. Sie wurde hergestellt vom Klempnermeister Franz Reyher in Delitzsch. Sein Großvater war Schmied in Kyhna, sein Vater Klempnermeister in Delitzsch. Viele Wetterfahnen stammen von den Reyhers. Besonders stolz ist der Meister auf die Wetterfahne auf dem Breiten Turm. Es war ein schweres Stück Arbeit sie einst dort hinauf zu bringen, denn sie wiegt zwei Zentner und ist 2,85 Meter breit. Auch die Wetterfahne auf dem Wasserturm des RAW ist von ihm hergestellt worden. Sie besteht aus 245 Teilen, der Stern an dieser Wetterfahne ist aus 26 Zacken gebildet. Die neue Wetterfahne auf dem Halleschen Turm wiegt ohne Stange und Kugel 50 Pfund. Zwei junge Dachdecker vom Dachdeckermeister Robert Kittler brachten auf dem Turm die Wetterfahne an. Auf der Stange tanzt sie so leicht im Kreise, daß man sie mit dem Munde wegblasen kann. Hundert Jahre soll die neue Wetterfahne halten, wie Meister Reyher sagte. Die Schlosserarbeiten an der Wetterfahne machte Schlossermeister Wiehr – Delitzsch.

11. August
Kreismuseum
An Stelle von Mittelschullehrer Horn ist Hilfsschullehrer Fritz Remoli mit der Leitung des hiesigen Kreismuseums für Vorgeschichte beauftragt worden.

13. August
Maßnahmen der Ratsherren
Die gestern stattgefundene Gemeinderatssitzung befaßte sich mit wichtigen städtischen Angelegenheiten. Der Bürgermeister regte an, daß die Ratsherren selbsttätig im Stadtinteresse mitarbeiten sollen und jedem der Herren ein bestimmtes Gebiet zugewiesen wird. Es wurde sodann die Freilegung der Beethovenstraße und der Ausbau der Richard-Wagner-Straße beschloßen. Am Flughafen sollen 80 Volkswohnungen errichtet werden, den Bau will die Stadt in eigene Regie nehmen. Der Jahn-Gedenkstein soll aus der Spröde in die Anlagen gegenüber der Jahn-Turnhalle gebracht werden. Dorthin soll auch der Findling, der an den Tennisplätzen steht, kommen, so daß dort eine hübsche Gruppe von drei Steinen entsteht. (Ein Stein steht bereits an dieser Stelle).

15. August
Verlegung des Kriegerdenkmals
Das Denkmal für die Gefallenen aus dem Kriege 1870/71, das seiner Zeit von den Kriegervereinen und der Stadt auf dem Marktplatz errichtet worden war, wurde im Einverständnis mit den Gemeinderäten in die Anlagen hinter den Halleschen Turm gebracht und hier neu in der früheren Form wieder aufgebaut. Es steht nun gegenüber der Hospitalkirche auf der anderen Seite der Halleschen Straße.

22. August
Gärtnerei Naujokat
Die Stadt hat das Gärtnereigrundstück Parkstraße 7 käuflich erworben, um hierher ihre Stadtgärtnerei vom Schützenhausplatz zu verlegen. Die alte Stadtgärtnerei, die sich schon lange als zu klein erwiesen hat, vermag immer weniger den an sie gestellten Anforderungen zu genügen, so daß mit dem Erwerb des Naujokat'schen Grundstückes in der Parkstraße eine recht erfreuliche Änderung eintritt. Die Gärtnerei Naujokat wurde in den Jahren 1906 bis 1928 vom Vater des Gärtnereibesitzers Bruno Naujokat errichtet. Bereits im Februar 1938 wurden davon 1500 Quadratmeter durch Dr. med. Zaar erworben, der auf diesem Grundstück eine Villa errichten will.

31. August
Rektor Seidel
Durch die Regierung in Merseburg wurde Konrektor Erich Seidel, bisher an der Mädchenvolksschule in Delitzsch mit der kommissarischen Verwaltung der Rektorstelle der Knabenvolksschule Delitzsch beauftragt. Der Lehrer an der Mädchenvolksschule Richard Wittkowski wurde mit der kommissarischen Verwaltung der Konrektorstelle an der vorgenannten Schule beauftragt.

5. September
Hotel Fürst Bismarck
Das Hotel "Fürst Bismarck" wurde von seinem bisherigen Besitzer, Hermann Köhler, an die Delitzscher Vereinsbank verkauft, die dorthin ihre Geschäftsräume, die seit langem zu klein sind, verlegen wird. Der dazu nötige Umbau dürfte am 1. November beendet sein. Das Hotel wird eingehen, Saal und Vereinszimmer aber in Zukunft in Verbindung mit dem "Burgkeller" weiter benutzt werden.

6. September
Unglücksfall Brand
Gestern in den Vormittagsstunden ereignete sich ein schwerer Unfall, bei dem der Fleischermeister Brand aus der Hermann Göringstraße sehr schwer verletzt wurde. Brand, der einen Ochsen schlachten wollte, hatte gerade das sogenannte "Schußgerät" fertig gemacht, mit dem die zum Schlachten bestimmten Tiere betäubt werden. Er wurde bei dieser Arbeit plötzlich abgerufen. Als er das Gerät aus der Hand legen wollte, löste sich der Schuß, Brand wurde sehr schwer in den Unterleib getroffen. Im städtischen Krankenhaus unterzog ihn Dr. Zaar einer Operation, bei der sich ergab, daß Brand sehr schwer verletzt ist, der Schuß hat u.a. den Darm zerrissen. Brand ist an den Folgen verstorben.

9. September
Stadtbaumeister Renner
Um das Amt des Stadtbaumeisters in Delitzsch haben sich 43 Bewerber gemeldet. Das Amt ist nunmehr dem Stadtbauinspektor Alfred Renner aus Gera übertragen worden, der seit 1934 im Geraer Stadtbauamt die Hochbauabteilung geleitet hat.

20. September
Flüchtlinge aus Tschechei
Infolge der unbeschreiblichen Terrormaßnahmen der Tschechen gegen die dortigen Deutschen haben Tausende von Deutschen fluchtartig das Tschechenland verlassen und in Deutschland Zuflucht gesucht. Die ersten Flüchtlinge sind hier in Delitzsch letzte Nacht angekommen. Sie werden heute hier in Privatquartieren untergebracht werden.

25. September
Kreisarchivpfleger
Lehrer a.D. Karl Ziebe, Delitzsch, Leipziger Str. 16a, ist als Kreisarchivpfleger des Pflegebezirks Kreis Delitzsch ernannt und bestätigt worden.

30. September
50 Jahre Schulze
Am 1. Oktober 1938 kann die Firma Franz Schulze, Baumeister in Delitzsch, Bitterfelder Straße 21, auf sein 50jähriges Bestehen zurückblicken. Sein Vater, Franz Schulze, gründete als Zimmerer in Schenkenberg 1888 sein Geschäft. Im Jahre 1919 kaufte Franz Schulze Sohn die Restauration "Zur Weintraube" in Delitzsch, Bitterfelder Str. 21, und errichtete in diesem Grundstück sein jetziges Zimmereigeschäft. Sein Mitarbeiter, der Zimmerpolier Karl Kind, erlernte schon bei seinem Vater die Zimmerei und ist bis heute der Firma treu geblieben. Auch hat in Treue zum Betrieb Zimmerer Otto Klepzig in Gertitz schon bei seinem Vater gearbeitet und hat dadurch seine Betriebstreue erwiesen, daß er heute noch Gefolgschaftsmitglied der Firma Schulze ist.

1. Oktober
Besetzung des Sudetenlandes
Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: "Deutsche Truppen unter der Führung des Generaloberst Ritter von Leeb haben heute (1. Oktober) 14 Uhr die ehemalige deutsch-tschechoslowakische Grenze im Böhmerwald zwischen Helfenberg und Finsterau überschritten und mit der Besetzung des im Abkommen vom 29. September festgelegten Gebietsabschnitts I begonnen."

11. Oktober
Einwohnerzahl von Delitzsch
Die Einwohnerzahl der Stadt Delitzsch, die am 30. September noch mit 17931 festgestellt wurde, hat sich innerhalb 10 Tagen durch Zugang derart erhöht, daß wir bereits mehr als 18.000 "Delitzscher" zählen. Unter den Delitzschern, die am 30. September gezählt wurden, gab es 8.704 männliche und 9.227 weibliche Einwohner, also einen recht erheblichen "Überschuß an Frauen" und einen empfindlichen Mangel an Männern.

12. Oktober
Rückkehr der Flüchtlinge
Die vor kurzer Zeit nach Delitzsch gekommenen Flüchtlinge aus Sudetenland kehren wieder in ihre Heimat zurück, nachdem das Sudetenland von deutschen Truppen besetzt und geschützt worden ist. Gestern fand im Lindenhof ein Abschiedsabend im Rahmen einer festlichen Stunde statt. Die Sudetendeutschen sind jetzt Reichsdeutsche geworden.

21. Oktober
Musikpflege in Delitzsch
Aus Anlaß der in unserer Stadt demnächst stattfindenden Gesangvereinskonzerte werfen wir einen kurzen Rückblick auf die musikalische Vergangenheit der Stadt Delitzsch. Die Delitzscher Kantorei war einst hochberühmt. Jahrhunderte lang hat Delitzsch eine Musikpflege gehabt, die wir nicht hoch genug einschätzen können. Verschiedene Berliner Stellen haben wiederholt in Delitzsch Nachfrage nach Noten und musikalischen Werken gehalten. "Die ganze Stadt hat gesungen", das ist der Eindruck, den man aus Schriften, Berichten und Mitteilungen aus alter Zeit gewinnt. Ein Kirchenbuchauszug besagt, daß Johann Sebastian Bach 1734 Pate stand bei einem Kinde des Kantors Nützer in Delitzsch, der ein Schüler Bachs war. Ebenso waren zwei andere Kantoren in Delitzsch Bachschüler. In der heutigen Musikpflege der Stadt Delitzsch durch die Gesangvereine ist eine unmittelbare Fortsetzung der Delitzscher Kantorei zu sehen. Die Männer, die es heute drängt, nach ihrem Tagewerk sich als Sänger zusammenzufinden, sind echte Nachfahren jener Bürger, die in Delitzsch schon im 14. Jahrhundert ihre Stimmen vereinigten. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß die Delitzscher Kurrende, die von 1329 bis 1924 ununterbrochen bestanden hat, manchen Sänger ausgebildet hat, der heute in den Männerchören wirkt.

28. Oktober
Fahne des Turnvereins 1845
Der Turnverein von 1845 in Delitzsch, einer der ältesten Turnvereine, die wir überhaupt haben, führt noch die alte Fahne, um die sie sich seit nunmehr 90 Jahren die Delitzscher Turner scharen. Die 90-Jahrfeier ihrer Fahne wollten die Turner in diesem Jahre eigentlich festlich begehen, doch der politisch bewegten Zeit wegen unterbleibt eine größere Festlichkeit. Am Sonnabend treffen sich im "Schützenhaus" die Delitzscher Turner, um ihre Fahne in einer einfachen Feier zu ehren. Die Fahne hat so manches Schicksal erlebt. Als Tag der Gründung des Turnvereins von 1845 ist der 24. Mai 1845 anzusehen. Erster Förderer der Gründung war der damalige Rektor der Bürgerschule Feodor N. Stützer. Als Mitbegründer ist auch der nachmals so berühmt gewordene Volkswirtschaftslehrer Schulze – Delitzsch mit verzeichnet. Die Fahne wurde dem Verein drei Jahre nach seiner Gründung am 25. April 1848 von Delitzscher Jungfrauen gestiftet. Wie vor der Gründung so blieben die Turner auch nach der Gründung eine zeitlang "politisch verdächtig". Die Fahne wurde die ganze Zeit über versteckt gehalten. Aus der Chronik geht hervor, daß die Fahne bei dem damals auf dem Pfortenplatze wohnenden Lehrer Crellmann, der sie auf dem Bodenraum seines Wohnhauses, zwischen Dachsparren und Balken verbarg, ihr Versteck hatte. Erst im Jahre 1859 wagte sich der Turnverein wieder hervor und zum 3. deutschen Turnfest in Leipzig 1863 zeigte sich die Fahne wieder in ihrer Pracht. Am 30. März 1873 wurde die 25. Wiederkehr des Jahrestages der Fahnenweihe gefeiert. Goldenes Fahnenjubiläum meldete das Jahr 1898. Am 6. März 1899 bekommt die Fahne eine neue Stange. Auch das 60jährige Fahnenjubiläum und den 100jährigen Geburtstag von Schulze-Delitzsch feierte der Verein. Im Jahr 1913 war die Fahne auf dem 12. deutschen Turnfest in Leipzig. 1923 geht die Fahne zum deutschen Turnfest nach München, 1928 nach Köln, 1933 nach Stuttgart und 1938 nach Breslau.

29. Oktober
Volksbildungsstätte Delitzsch
In Delitzsch wird am 1. November eine Volksbildungsstätte eröffnet.. Hörer der Volksbildungsstätte kann jeder Deutsche werden, soweit er das 14. Lebensjahr vollendet hat und arischer Abstammung ist. Hörer wird man durch Erwerb der Hörerkarte, die für 30 Pfg. in der K.d.F. Geschäftsstelle, Hallesche Straße 24, zu haben ist. Die Hörerkarte gilt für das laufende Halbjahr und ist zu den Veranstaltungen mitzubringen. Nur Einzelveranstaltungen können auch ohne Hörerkarte besucht werden. Doch genießen die Inhaber der Hörerkarten bei solchen Einzelvorträgen weitgehend Sondervergünstigungen. Alle übrigen Veranstaltungen: Vortragsreihen, Arbeitsgemeinschaften, Arbeitskreise, Kurse u.s.w. sind nur eingeschriebenen Hörern zugänglich, die für die belegten Kurse eine Zusatzkarte zu lösen haben. Der Preis für die Zusatzkarten ist aus den Arbeitsplänen zu ersehen und in der Geschäftsstelle zu erfragen. Alle Gebühren sind so niedrig wie möglich bemessen und decken mitunter kaum die zahlreichen Unkosten.

11. November
Vorgehen gegen Juden
Wie in anderen Städten so ist man auch in Delitzsch zerstörend gegen die jüdischen Geschäftsinhaber vorgegangen. Laden und Wohnung eines jüdischen Geschäftsinhabers wurden zerstört, die jüdische Kapelle der "Judentempel" dem Erdboden gleichgemacht. Damit dürften wohl endlich und für immer die letzten äußerlichen Zeichen "jüdischer Niederlassung" in Delitzsch verschwunden sein.

15. November
Fried. Kasper tot
Gestern abend überführten die Männer der freiwilligen Feuerwehr die sterblichen Überreste ihres Ehrenmitgliedes Kreisbranddirektor i.R. Friedrich Kasper, zum Friedhof. – Nach längerem Leiden ist Friedrich Kasper, der nicht nur in unserer Stadt, sondern auch im ganzen Kreisgebiet bestens bekannt war, Montagmorgen verstorben. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der sein ganzes Leben dem Wohle der Gemeinschaft gewidmet hatte, denn Feuerwehrmann sein, heißt immer bereit sein, Gut und Habe anderer Menschen vor Vernichtung zu bewahren.

1. Dezember
Nauke Rektor in Torgau
Mittelschullehrer Franz Nauke von der Mittelschule Delitzsch ist als Rektor der Mittelschule nach Torgau versetzt worden und hat heute sein neues Amt angetreten. An der hiesigen Mittelschule war er genau fünf Jahre tätig. Bei Aufteilung des Stadtgebietes in Ortsgruppen führte er die Ortsgruppe Delitzsch West.