Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1853

Am 4.ten Januar früh um 7 Uhr hat sich der Todtengräber und Nachtwächter Froede, ein unverbesserlicher Säufer, in seiner Wohnung auf dem Boden erhängt.

Wie im December so war auch im Januar bis zur Mitte des Februar der Winter außerordentlich milde; zu Weihnachten und Neujahr war schönes Frühlingswetter, es blüheten im Freien Veilchen, Stiefmütterchen und Kornblumen, Gerste, welche bey der letzten Aerndte ausgefallen war, trieb sogar Aehren; am 13ten Februar aber trat der Winter ein und dauerte bis Ende März; Schnee fiel fast täglich in ungeheuren Maßen, schmolz in der Mitte des März, fiel wieder in großer Menge, und verschwand erst bey eintretendem Thauwetter in den ersten Tagen des April, ohne daß beyde Mal, weil kein Frost in der Erde war, großes Wasser entstanden wäre. Die beyden kältesten Tage dieses Winters waren der 3te und der 29 te März, wo das Therm. Früh 7 Uhr –10 Reaum. Und das Barom. 28,3 zeigte.

Zu Anfang des Februar erschienen die Masern, nahmen im Laufe des Monats immer mehr zu und gewannen im März eine solche Verbreitung, daß mehrere Hundert Kinder von denselben befallen wurden;sie waren mit Ausnahme weniger Fälle gutartig; es starben an denselben nur wenige Kinder, mehrere aber an den Complicationen und Nachkrankheiten. Die Sterblichkeit war überhaupt in diesem Frühjahr nicht unbedeutend.

Die zu Michäelis 1848 hier gegründete Sparkaße hat sich in kurzer Zeit zu einem sehr bedeutenden Geschäft, welches mit Recht großes Vertrauen genießt, erhoben; seit dem 1ten October 1848 bis zum 31ten December 1852 betrug die Summe aller Einnahmen 403167 Rtl. 17 Sgr.6 Dinarius und der Reserve-Fond 2469Rtl. 2 Sgr. 7Dinarius

Am Sonntage Invocavit ist der Altar und die Kanzel der Stadtkirche von der Wittwe des im März 1844 verstorbenen Strumpffabrikant Weber mit einer sehr schönen Bekleidung von neuem schwarzen Sammt- Manchester mit Franzen im Werthe von ohngefähr 40 Rtl. beschenkt worden.
Am 1ten April ward die neue Armen-Ordnung eingeführt; der Zweck derselben ist die Haus- und Straßen- Bettelei ganz abzuschaffen, und blos alte, arbeitsunfähige und kranke Arme nach den Umständen mit Geld, Brod, Brennmaterial und freier ärztlicher Behandlung und Arztneimitteln zu unterstützen. Um die wirklich bedürftigen genau zu ermitteln und ihre Gesuche gründlich zu prüfen, ward eine Armen-Deputation errichtet, welche aus dem jedesmaligen besoldeten Magistrats- Aßeßor, einem Diaconus und dem Stadt – Armen – Arzte als bleibenden Mitgliedern, außerdem aber aus drei Stadtverordneten und noch drei achtbaren Bürgern, als Bezirks- Vorstehern, besteht; das Amt der sechs letzteren wechselt aller drei Jahre. Die Armen-Deputation hält alle 2 – 4 Wochen eine Sitzung, um über die zweckmäßige Vertheilung der Unterstützungen zu berathen, hauptsächlich aber auch den Arbeitslosen Arbeit, besonders bey der Commune, zu verschaffen. Was die Aufbringung der Geldmittel zur Bestreitung der Ausgaben betrifft, so wird nunmehr, nachdem das bisherige auf den Häusern lastende Allmosen in Wegfall gekommen ist, eine Armensteuer dergestalt erhoben, daß von jedem Steuerpflichtigen, mit Ausnahme der untersten Klaße, von 1Rtl. Klaßensteuer 6 Sgr. und von den Haus- und Feldbesitzern von jedem Schock 6 Dinarium jährlich zur Armenkaße entrichtet werden müßen.

Zu Anfang des April ist der Bauinspecktor Schoenwald in gleicher Eigenschaft von hier nach Naumburg versetzt worden; an seiner Stelle trat der bisherige Wegebaumeister Schulze in Merseburg als Kreisbaumeister.

Am Bußtage, dem 20ten April, Abend ¾ auf 8 Uhr erscholl der Feuerruf; es brannte in der Zscherngaße im Hause des Schuhmachermeisters Zieprich oben auf dem Boden; nach einer halben Stunde war das Feuer, ohne daß das Dach verloren gieng, gelöscht; die Entstehung des Feuers, wahrscheinlich durch Verwahrlosung, blieb unentdeckt; der Hausbesitzer war mit seiner Frau auf der Leipziger Meße, und erlitt trotz schneller Hülfe doch einigen Verlust an Leder und Wirthschaftsgeräthen, welche theils verbrannten, theils durchnäßt wurden.

Bereits zu Ostern 1849 erhielt unser Gotteracker- Kirche in Folge einer am Todtenfeste 1848 deshalb veranstalteten, ohngefähr 15 Rtl. betragenden, Kirchencollecte eine neue Kanzel- und Altarbekleidung von schwarzem Sammt- Manchester, zu welcher von der bisherigen, im Jahre 1820 geschenkten das Beste nach vorheriger neuer Färbung wieder verwendet, das Stück an der vordern Seite des Altars aber neu gekauft ward, und in daßelbe von dem Fräulein Caroline v. Hartitzsch die Worte „Christus ist die Auferstehung und das Leben“ in großer Kanzlerschrift mit weißen Perlen unentgeldlich gestickt wurden. Jetzt zu Pfingsten hat aber eine edle Schenkgeberinn, die Frau des Kaufmann Schönbrodt, Friedericke, geb.Rathmann, in richtiger Erkennung des Bedürfnißes dieser von der Gemeinde mit Recht so geliebten Kirche eine neue Kanzel-und Altarbekleidung von grünem Sammt- Manchester mit breiten goldenen Franzen nebst einer weißen Altardecke mit sehr breiten Spitzen verehrt; in das Stück an der vordern Seite des Altars sind in großer Kanzleischrift in Gold die Worte „Opfer dem Herrn deine Gelübde“ von zwey großen Palmzweigen umgeben mit der darunter befindlichen Jahreszahl 1853 kostbar hinein gestickt. Möge Gott der noch jungen, aber leider! Sehr kränklichen Geberinn dieses schönen, gewiß 50 Rtl. im Werthe betragenden Geschenks dauerhafte Gesundheit verleihen!

In der Pfingstwoche hat ein Auswärtiger Wohlthäter der Armen- Deputation 20 Rtl. zur Vertheilung an 30 Arme, besonders alte und kranke, eingesendet; dieselbe ist am 20ten Mai mit 20 Sgr. an jeden erfolgt.

Der Ertrag von der Verpachtung der der Commun gehörigen Kirschalleen hat in diesem Jahr 304 Rtl. betragen.

Die Witterung in diesem Frühjahr war in den Monaten April und Mai größten Theils sehr kühl, trübe und stürmisch; es regnete viel, so daß wir am 3ten und 28ten April großes Waßer hatten; den 8ten Mai von 5-6 Uhr Abends tobte ein Orkan. Zu Pfingsten, den 15ten Mai, blüheten die Bäume noch nicht und standen noch ohne Laub da, weil es bey dem scharfen anhaltenden Ost- und Nordost- Wind so kalt war. Erst vom 18ten und 23ten Mai an trat sehr warme Witterung ein(Barom.28,2.Therm.N.M.2 U. in der Sonne + 30), in folge deren sich dann aber auch schnell in 8 Wochen am 26ten Abends 7 Uhr und den 28ten Abends 8 Uhr schwere Gewitter bildeten; am letzteren Abende schlug der Blitz halb 9 Uhr in Werbelin in einen Strohschuppen, welcher nebst zwey Strohscheunen abbrannte. Auch am 1ten, 7ten, 16ten, 20ten, 25ten Junius entluden sich starke Gewitter mit vielem Regen; desgleichenregnete es bedeutend am 5ten, 9ten, 15ten, 22ten, 23ten, 26ten und 27ten Junius, so daß bey dieser durch anhaltende Näße für die wirklich reiche Heuerndte ungünstigen Witterung wenigstens der vierte Theil derselben verloren gieng.

Zu Ende des April erlosch die Masern – Epidemie; dageen trat im Mai das Scharlachfieber in einigen,wenigen, aber tödtlich endenden, Fällen auf; als gewöhnliche Frühjahrs- Krankheiten kamen außerdem in folge des herrschenden scharfen Ost- und Nordost- Winds öfters häutige Bräune, Lungen- und Luftröhren- Entzündungen zur Behandlung.

In der Nacht vom 28ten zum 29ten Mai ward die nach Bitterfeld fahrende Post gegen 12 Uhr in der Nähe der Benndorfer Mühle räuberisch überfallen; da aber die Sache von Leipzig aus verrathen war, so ward der mit Pistolen bewaffnete Räuber in der Person des hiesigen Schneidermeister Belke den Gensdarmen und Polizeybeamten nach hartnäckigem Widerstande auf frischer That ergriffen. Zwey andere Mitschuldige der Fleischermeitser Barth sen. und der Schneidermeister Tofante wurden in derselben Nacht in ihren Wohnungen verhaftet, nach vier Wochen aber einstweilen unter Polizey-Aufsicht entlaßen.

Der bisherige Magistrats-Aßeßor Catholy ward im Mai zum Bürgermeister in Treuenbretzen erwählt, und den 28ten Juni von hier dorthin ab. An seine Stelle ward der bisherige Polizey- Büreau- Aßistent Heintze in Halle erwählt, welcher den 9ten August sein Amt antrat. An die Stelle des zu Johannis vorigen Jahres nach Herzberg wieder zurück versetzten Kreisphysikus Dr. Deutschbein ist der bisherige praktische Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer Dr. Kanzler aus Liebenwalde am 28ten Juli als Kreisphysikus verpflichtet worden, aber erst zu Ende August mit seiner Familie hier angekommen.

Für unsere Sparkaße, zu deren Hebung außer dem großen Kredit, welchen unsere Stadt genießt, auch die liebenswürdige Persönlichkeit des Rendanten Thaerigen, der als ein sehr humaner, thätiger und rechtschaffner Mann geachtet wird, viel beyträgt, ist in der Mitte des Juli ein gegen Diebe und Feuer fester eisener Schrank aus der Fabrik von Sommermeyer und Co. In Magdeburg für 350 Rtl. und 25 Rtl.Transportkosten angekauft worden. Die maßiv einernen Wände derselben sind in den Zwischenräumen mit ausgesiebter Holzasche, welche die Gluth nicht durchläßt, stark ausgefüllt. Das Ganze ist ein wahres Meisterstück.

Die der Commun gehörigen Pflaumen- Plantagen sind in diesem Jahr für die Summe von 241 Rtl. 15 Sgr. verpachtet.

Der Sommer war mit Ausnahme einiger trüber und kühler Tage, sehr schön und heiß; das Therm. stand oft Nachmittags 2 Uhr in der Sonne + 30 – 35, das Barom. 28-28,3. Die Fruchtbarkeit war in folge der Gewitter am 1ten, 8ten, 10ten, 19ten,25ten Julius, am 3ten, 8ten, 22ten, 26ten August, am 3ten, 25ten September, desgleichen der Landregen am 3ten, 5ten, 11ten, 14ten 29ten Julius, am 7ten, 8ten, 15ten, 17ten, 29ten August, am 6ten, 7ten, 9ten, 29ten September außerordentlich. Die Erndte, welche bey günstiger Witterung sehr glücklich eingebracht worden ist, kann man als eine gute Mittelerndte betrachten, welche den Bedarf vollständig deckt. Um so mehr ist es zu beklagen, daß die Getreidepreise noch immer der schändlichen Wucher auf bedeutender Höhe erhalten werden; der große Scheffel Weitzen kostet 7 Rtl. Roggen 5Rtl.15 Sgr.—6Rtl., Gerste 4Rtl.20 Sgr. Hafer 2 Rtl.15 Sgr. Die Grummterndte war vorzüglich, dagegen ist der Ertrag der Kartoffelerndte nicht reichlich gewesen; der große Scheffel kostet 1Rtl.20Sgr. Ausgezeichnet aber ist die Obsterndte ausgefallen; so reichlich und im Überfluß haben wir sie seit dem Kriegsjahr 1813 nicht gehabt; alle Obstsorten, besonders die Pflaumen waren in ungeheurer Menge vorhanden, sodaß viele Bäume gestützt werden mußten, und dennoch manche unter der Last ihres Segens brachen; der große Scheffel gute Pflaumen kostet 20 – 25 Sgr., auch die übrigen Obstsorten sind sehr billig. Den 26ten September tobte 24 Stunden lang ein furchtbarer Orkan(Barom.27,4), welcher hier und da in den Gärten und auf den Plantagen durch Umreißen der schwerbeladenen Pflaumenbäume oder Brechen der Zweige bedeutenden, im Ganzen aber doch nicht bemerkbaren Schaden anrichtete.

Der Gesundheitszustand war trotz des vielen Obstgenußes sehr befriedigend, und die Sterblichkeit äußerst gering; von epidemischer Cholera und Ruhr, welche man mit Recht auch wegen anhaltender Hitze fürchten mußte, war garnicht die Rede.

In diesem Sommer, deßen herrliche Witterung die Bauarbeit sehr begünstigte, sind die am 15ten October vorigen Jahres abgebrannten sechs Scheunen(vid.S.190) von ihren Besitzern sehr schön und feuerfest wieder aufgebaut worden; außerdem hat der Strumpffabrikant Pabst eine große Scheune auf einem vom Lohgerbermeister Elzner am Kohlthorr erkauften Stück Garten, ferner der Tuchfabrikant in seinem Scheungarten vor dem Halleschen Thorr noch eine Scheune neu gebaut, und der Galanteriehändler Boehme seine in der Todtengaße gelegene Strohscheune, deren Holzwerk noch sehr gut ist, unter Ziegel gesetzt.Ferner hat der Holz- und Viehändler Hollenter am Ende der Töpfergaße an der Stelle seines alten baufälligen Wohnhauses ein schönes maßives, desgleichen der Zigarrenfabrikant Wagner nach der Münze hin ebenfalls ein schönes maßives Fabrikgebäude, ebenso der Destillateur Bohden ein Wohnhaus in der Zscherngaße an der Stelle des alten Heßlerschen, und der Webermeister Klette jun. Ein solches auf einem vor dem Galgthor gelegenen, vom Apotheker Freiberg sen. erkauften, Feldstücke neu gebaut. Der Hauptbau in diesem Jahr ist aber die neue Brauerei, welche der Braumeister Offenhauer aus Kleinkrostitz auf einem vom Windmüller Angermann erkauften Feldstück an der Bitterfelder Straße mit einem Kostenaufwand von 30000 Rtl. in zwey großen sehr langen maßiven Parterre- Gebäuden mit bedeutenden Kellern gebaut hat. Es ist nur zu bedauern, daß unsre Stadtbrauerei durch diese Concurenz wahrscheinlich sehr leiden wird.

Am 1ten October ist der bisherige Cantor Golz, 59 Jahre alt, emeritirt worden, weil die Schulinspecktion schon seit mehreren Jahren mit seiner Amtsverwaltung und seinen Leistungen nicht mehr zufrieden war, er bekommt jährlich 220Rtl. Pension und ist von hier nach Leipzig gezogen. An seine Stelle ist der Cantor Thierbach aus Schmiedeberg getreten und am 3ten November in sein Amt eingeführt worden.

Die im Jahr 1852 verstorbene Frau Dr. Güntz in Leipzig, Amalie, geb. Müller aus Delitzsch, hat hat in ihrem Testamente der hiesigen Armenkaße ein Legat von 100 Rtl., wovon die Zinsen an verschämte Arme vertheilt werden sollen, vermacht. Vid.pag.541.Der Vater der Frau Dr. Guentz war hier Ausreiter d.h.berittener Steueraufseher.

Die vordere Hälfte der bisherigen Amtswohnung des emeritirten Cantor Golz ist zu einem gaßenden Klaßen- Local für die gemischte Elementar-Klaße des Lehrer Hofmann, welche sich zeither im Hause des Böttchermeister Schumann befand, eingerichtet und seit Anfang des November bezogen worden; die hintere Hälfte der erwähnten Wohnung aber hat der Magistrat dem Nachtwächter Schneider, welcher die reinigung und Heitzung der Knabenschule zu besorgen hat, übergeben. Der neue Cantor Thierbach wohnt zur Miethe, und bekommt im Ganzen bis zum Tode seines Vorgängers 368Rtl. Besoldung und 40 Rtl. für die Wohnung, wobey die Kämmerei-Kaße jährlich noch ein Opfer von wenigstens 200 Rtl.bringen muß.

Im October wurde die neue Städte-Ordnung eingeführt; dieselbe unterscheidet sich von der alten dadurch, daß Klaßenwahlen in drei Abtheilungen nach dem Steuersatze stattfinden, daß die Stadtverordneten bloß alle zwey Jahre gewählt werden, mithin jeder sechs Jahre in der Versammlung bleibt, daß es keine Stellvertreter derselben giebt, daß endlich die Sitzungen der Stadtverordneten, an welchen in der regel ein Mitglied des magistrats als Commißarius Theil nimmt, größten Theils öffentlich gehalten werden.

Am 29ten November ward der Tages vorher angekommene neue Waßer-Zubringer, welcher auch zugleich als Feuerspritze gebraucht werden kann, vor dem breiten Thorr am Stadtgraben geprüft; die Probe fiel ganz zu Gunsten dieses vortrefflichen Instruments aus, welches in der Fabrik von Henneberg und Sohn in Arnstadt gefertigt ist, und 536 Rtl.23 Sgr.kostet.

Im Verlauf von höchstens einer Minute ward durch daßelbe das Waßer bis auf die oberste Etage des breiten Thurmes gehoben und von da bis an den Knopf gespritzt. Die Kosten sind bestritten worden durch ein Geschenk der Aachner und Münchner Feuer-Versicherungs-Gesellschaft von 150 Rtl., durch ein Geschenk der Köllner von 50 Rtl., und durch den bey der im Jahr 1838 erfolgten Auflösung der damaligen Landes- Brandkaße auf unsre Stadt gekommenen Antheil von 361 Rtl.21Sgr.50 dinarium, von welchem letzterem der kleine Rest nebst einem Zuschuß aus der Kämmereikaße von ohngefähr 96 Rtl. auf die Reparatur der alten großen Rathspritze und Anbringung eines Schlauchrohrs mit 100 Ellen Schlauch an derselben verwendet wurden ist, wodurch dieselbe sehr an Brauchbarkeit gewonnen hat; schon vor zehn Jahren war sie mit einem Kostenaufwand von 100 Rtl. (Geschenk der Aachner Feuer Versicherg. Gesellschaft) repariert worden. Zu bemerken ist noch, daß der neue Waßer-Zubringer einen Schlauch mit doppelten Rohren von 300 Ellen Länge hat.

Der Fleischermeister Pörschmann sen., welcher im September 1851 nach Amerika ging(vid.pag.158), ist, nachdem er in seinen Erwartungen und Hoffnungen bitter getäuscht worden ist, zu Anfange Decembers aus diesem gelobten Lande wieder zurückgekehrt.

Die erwähnten Posträuber sind zu Ende Octobers vom Schwurgericht in Halle verurtheilt worden, und zwar der Schneidermeister Belcke zu 20 Jahren Zuchthaus, der Handarbeiter Gerhardt, welcher schon seit einiger Zeit wegen Diebstahls in Lichtenburg war, zu 15 Jahren Zuchthaus, der Schneidermeister Tofante zu 10 Jahren Zuchthaus, und der Fleischermeister Barth sen., welcher mit allen dreien besonders wegen Schafdiebstählen in Verbindung stand, zu 3 Jahren Gefängnis und 2 Jahren unter Polizeyaufsicht.

Der Herbst, besonders im October war sehr schön; den 1ten, 9ten, 15ten,und 30ten regnete es; im November hatten wir öfters dichte Nebel, und, was besonders merkwürdig ist, es war den ganzen Monat völlige Windstille; den 25ten fiel der erste Schnee, und in den letzten drei Tagen setzte die Kälte ein.(Therm. früh 6 Uhr – 7 R. Bar. 28,4). Auch im December hatten wir mehrmals rauhe, dichte Nebel, und in der ersten Hälfte einen scharfen schneidenden Ostwind; in der zweiten Hälfte fiel mehrmals Schnee, und die bisher mäßige Kälte stieg am 25ten und 26ten bedeutend,( Therm.früh 7Uhr –16R. Barom. 28,4) Bey diesem Witterungslauf konnte es denn nicht befremden, daß acute Krankheiten leicht einen nervösen Charakter annahmen, und öfters tödlich endeten; besonders war die Sterblichkeit unter den alten Personen groß; bey denen, welche an asthmatischen Beschwerden litten, giengen die Lungen oft schnell in Lähmung über; bey jüngeren Personen erschienen Catarrhe und Lungenentzündungen sehr häufig und bey Kindern die häutige Bräune; die Hauptursache hiervon war der anhaltende scharfe Ostwind. Gestorben sind in diesem Jahre

Im December hat der Amtmann Karthaus in Zschepen unsern Armen 4 Fuder Braunkohle, die Gesellschaft „Liedertafel“ 30 Tonnen ausgesiebte Knorpelkohle, und der Amtmann Donner in Döbernitz für die nächsten Monate Januar, Februar und März zehn Armen wöchentlich jedem 6 Pfund Brod geschenkt; auch hat die Gesellschaft „Eintracht“ vier arme Knaben mit einem Kostenaufwande von 18Rtl. neu und warm gekleidet.

Am 5ten April hat sich auch ein Verein gebildet, welcher den Zweck hat würdige arme Knaben, welche zu Ostern confirmiert werden und von ihren Lehrern gute Zensuren erhalten, neu zu bekleiden. Das Comitè, welches bereits nach der ersten deshalb veranstalten, gut ausgefallenen Collecte ein Stamm-Capital von 50 Rtl. bey der Sparkaße zinsbar niedergelegt hat, besteht aus dem Diac. Dr. Burkhardt, dem Strumpffabrikant Pabst, dem Kaufmann Dittmar, dem Kaufmann Hofmann sen., dem Kirchner Baumgärtel, dem Rendanten Thaerigen und einigen andern achtbaren Bürgern. Dieser Verein , welcher schon sehr viele Mitglieder zählt, wird seine Wirksamkeit zu Ostern künftigen Jahres beginnen, und steht unter der Aufsicht des Magistrats.


1854

An die Stelle des zum Kreisgericht als Gerichtsbote übertretenen zweyten Polizeydieners und ArmenVoigts Lilie ist vom Magistrat der bisherige Polizeydiener Uhlig in Landsberg, früher dreizehn Jahre lang Trompeter beim dritten Husaren-Regiment in Düben, erwählt und am 5ten Januar verpflichtet worden.

Eine zum Besten der Armen veranstaltete Holzcollecte lieferte den Ertrag von 104 Rtl. 29 Sgr., wozu der Graf Hohenthal in Döbermitz 25 Rtl. und der Gutsbesitzer Ruehl in Cletzen 5 Rtl.bey getragen haben. Hiervon sind 8 Klaftern Brennholz, 20 Schock Reißbunde und 224 Tonnen Knorpelkohle, zu welchen letzteren 17 Bittfuhren unentgeldlich geleistet wurden, angekauft und an die Armen im Januar vertheilt worden; auch hat der Amtmann Hertzsch in Schenkenberg denselben 4 Fuder Braunkohle und ein anderer Geber 3 Fuder geschenkt.

Der Archidiaconus Heineken, welcher als Pastor nach Löbnitz berufen worden ist, hat am 5ten Februar seine Abschiedspredigt gehalten, und am 7ten unsre Stadt verlaßen. Derselbe war bey der Gemeinde seit 1849 nicht beliebt.

Am 6ten Februar früh um 9 Uhr hat sich der Strupfwirker Illge in seinem Hause am Markte, und am 17ten früh um 10 Uhr der Bäckermeister Hillmann im Hause des Bäckermeister Donath am Steinwege erhängt; der erstere war ein geistesschwacher, aber gutmüthiger, dem Trunke etwas ergebener Mann, der letztere dagegen ein unverbeßerlicher Spieler und Säufer.

Der Winter war milde; der im December gefallene Schnee schmolz in den Tagen vom 6ten bis 9ten Januar; in diesem ganzen Monat fiel keiner wieder; im Februar dagen regnete und schneite es öfters, und am 25ten d.M.wüthete Abends von 7 – 11 Uhr ein furchtbarer Gewittersturm mit Schneewehe(Barom. 28.) Das Barometer stand meistens sehr hoch, am höchsten den 1ten März.(28,8), am niedrigsten den 5ten Januar (27,2), die auffallendste Schwankung deßelben war am 14ten und 15ten Februar (28,6 u.27,6), am 14ten war das Wetter hell und schön, am 15ten Sturm und Schneegestöber. Im März war das oft, zumal bey dem voherrschenden Ostwind, sehr rauh; vom 3ten bis 6ten hatten wir früh dichte Nebel. Katarrhe, Entzündungen der Luftröhre und Lungen, und bey Kindern häutige Bräune und Keuchhusten kamen häufig vor.

Am 11ten April früh um 10 Uhr hat sich der Conditor Mehring, welcher seit drei Jahren wieder von Magdeburg hierher gezogen war, im Hause des Schumachermeisters Zieprich in der Zscherngaße erhängt; er war ein Müßiggänger und starker Säufer.

In den Monaten April und Mai ist auch der Weg durch die Hallischen Scheunen, 50 Ruthen lang, durch starke Aufschüttung von geklopften Bruchsteinen und Kies und nachheriges Befahren mit einer großen fiskalischen Walze sehr schön chaußirt worden; der Kostenaufwand dafür beträgt 300 Rtl.

Schon längst war es ein dringendes Bedürfnis in der Vorstadt-Schule bey einer Anzahl von wenigstens 200 Kindern einen zweiten Lehrer für die Elementar-Klaße anzustellen. Dieses ist nun geschehen; am 1ten Mai ist der bisherige Hülfslehrer in Gleina bey Zeitz Gottlieb Hugo Thaermann aus Weißenfels als zweiter Lehrer mit 150 Rtl. Gehalt, freier Wohnung und der Pflicht bey dem Gottesdienst in der Gottesacker-Kirche das Lied anzufangen angestellt und in sein Amt eingeführt worden. Zugleich ist an demselben Tage der bisherige Lehrer Johann Christlieb Jost, welcher auch seit der vor zwey Jahren erfolgten Erbauung der neuen Orgel in der Gottesacker Kirche deas Organisten- Amt an dieser Kirche verwaltet, zum ersten Lehrer mit 200 Rtl.Gehalt befördert worden. Da seine bisherige Wohnung im Schulhause zur zweyten Klaße eingerichtet worden ist, so ist für denselben in den Dach- und Giebelräumen eine neue Wohnung, bestehend aus zwey schönen Stuben und vier Kammern, mit einem Kostenaufwand von 210 Rtl. gebaut worden. Die Einrichtung der Klaße kostet 70 Rtl.

Am Sonntage Cantate hielt der Tags zuvor aus Magdeburg hier angekommene General- Superint. Dr. Theol. Moeller Kirchenvisitation; nach der Frühpredigt betrat er die Kanzel, und richtete ebenso wie bey dem Tage darauf abgehaltenen Synodal- Gottesdienste eine kurze, aber herzliche und gemüthliche Ansprache an die Gemeinde; zum Schluß katechisirte er beydemale mit den Kindern. Am Dienstag, den 16ten Mai, revidirte derselbe die Schulen in allen zehn Klaßen; er soll, wie man hört, zufrieden gewesen seyn. Im Katechisiren ist er Meister, aber als Kanzelredner steht sein Vorgänger Draesecke bedeutend höher.

Am 17ten Mai früh um 3 Uhr wollte ein Mädchen, Caroline Buchholz aus Wermsdorf, welche den Abend vorher aus Leipzig hier angekommen war, sich und ihren bey dem Strumpfwirker Drechsler in der Erziehung befindlichen einjährigen Knaben durch Ertränken tödten, und war deshalb in den Stadtgraben am Hallischen Thorr gegangen, der an dieser Stelle nicht so tief ist, wurde aber durch den zufällig aus dem genannten Thorr gehenden Fleischergesellen August Jacob aus Gellschau bey Hainau, welcher sie im Waßer bemerkte, und sogleich hinein gieng, mit Muth und Entschloßenheit aus demselben gerettet. Das Kind blieb aber trotz der bald angewendeten Wiederbelebungsversuche todt; die den Tag nachher gemachte Section bestätigte den Waßertod; die Mutter befindet sich jetzt wegen des begangenen Verbrechens bey dem Königl. Kreisgericht in Untersuchung; nach ihrer Angabe hat sie Verzweiflung wegen getäuschter Hoffnungen und nicht erfüllter Eheversprechung von Seiten des Vaters des Kindes, eines Katholiken, des bey einer Eisenbahn in Leipzig angestellten Wagenmeister Bader, welchem sie als Wittwer die Wirthschaft geführt hat, zu dieser That getrieben.

Den 28ten Mai starb plötzlich vom Schlage getroffen nach wenigen Stunden der Buchdruckereibesitzer Louis Meyner im 70ten Lebensjahre. Er kam 1814 von Altenburg, wo derselbe Factor in der Piererschen Buchdruckerei war, hierher, kaufte von den Erben seines Vorgängers Schmidt die hiesige, etwas herabgekommene, Officin, und verbeßerte dieselbe in einem Zeitraum von vierzig Jahren bedeutend. Bey Einführung der neuen Städteordnung zu Neujahr 1832 ward derselbe zum unbesoldeten Magistrats- Aßeßor erwählt, schied aber schon nach drei Jahren aus diesem, ihm nicht zusagenden Amte, mit welchem mancherlei Verdrießlichkeiten verbunden sind, wieder aus, denn er wollte sich keine Feinde zuziehen, und war überhaupt in jeder Hinsicht ein höchst achtungswerther, gebildeter, religiöser, streng rechtlicher und gewißenhafter Mann. Die Führung der Officin übernahm sein Sohn.

Die der Commun gehörigen Kirschalleen sind in diesem jahr für die Summe von 284 Rtl. 25 Sgr., und die Pflaumen –Plantagen für die Summe von 134 Rtl. 15 Sgr. verpachtet worden. Der im Jahr 1850 nach Amerika ausgewanderte Fabrikant Schulze, (vid.pag.154) ist zu Ende des Monats Mai wieder hierher zurück gekehrt.

Die Witterung war in den Monaten April, Mai und Junius mit Ausnahme weniger Tage sehr rauh, trübe, stürmisch und naßkalt; wir hatten besonders in den beyden letzten Monaten viele Land- und starke Gewitterregen, das stärkste Gewitter war den 25ten Junius früh von 4 – 6 Uhr, während welchem es einmal in den breiten Thurm und zweimal in den Schloßthurm einschlug, ohne jedoch zu zünden. Die Fruchtbarkeit und das Wachssthum der Feldfrüchte ward hierdurch sehr befördert, doch fing man an wegen der anhaltenden große Näße Befürchtungen wegen der Erndte zu hegen, und in Folge des letzten sehr bedeutenden, weit verbreiteten, Landregens vom 8ten Julius Abends 6 Uhr bis zum 9ten früh 6 Uhr hatten wir am letzten Tage und am 10ten großes Waßer, sodaß der Stadtgraben an der Stadtmühle den Spaziergang überfluthete, und ein nicht unbedeutender Theil der schönen Heuerndte in den Fluthen verloren gieng. In Folge der bis zum 12ten Junius vorherrschenden Ostwinds wurden immer noch hartnäckige Katarrhe,(Grippe), und Lungenentzündungen, und bey Kindern der Keuchhusten, welcher die Entwicklung der Skropheln, besonders scrophulöser Augenentzündungen, beförderte, häufig beobachtet.

Am 8ten Junius erließ der Magistrat in der hier beyliegenden No.23 des Delitzscher Nachrichtsblatts eine Bekanntmachung eine Erhöhung des Schulgeldes in der Stadtschulen und die beabsichtigte Umwandlung der Vorstadtschule in eine Armenschule betreffend. Durch einige Aeußerungen fühlte sich der Vorstadtlehrer Jost, welcher bisher acht Jahre an dieser Schule allein gewirkt hatte tief gekränkt, und ließ daher am 14ten Junius in der hier zum Verständniß der Sache ebenfalls beygefügten No.24 des Nachrichtsblatts eine Erwiederung einrücken. Der Magistrat glaubte sich hierdurch verletzt, und beschwerde sich deshalb bey der Königl.Regierung zu Merseburg über den Lehrer Jost. Dieselbe beauftragte nun den Superint. Foerster den pp. Jost wegen seiner Rechtfertigung zu vernehmen; dies geschah am 12ten Julius. In einem hierauf am 24ten Julius eingegangenen Rescrigt hat die Königl.Regierung das Verfahren beyder Theile in dieser Angelegenheit, sowie des Magistrats als des pp.Jost, nicht gebilligt, und so die Sache entschieden. Der Lehrer Jost hatte aber doch völlig Recht, denn die Schule ist keine Strafanstalt.

Am 1ten Julius ist der bisherige erste Polizeydiener Heyme emeritiert worden; derselbe erhält jährlich 60 Rtl. Pension und eine Stube und Kammer im Armenhause als freie Wohnung mit der Verpflichtung über die Bewohner deßelben zugleich die Aufsicht zu führen; als sein Nachfolger ist der bisherige Polizeydiener Ranscht in Halle erwählt worden, welcher am oben genannten Tage sein Amt antrat.

Den 18ten Julius Nachmittags 1Uhr hat sich der Maurergeselle Fischer, ein leichtsinniger junger Mensch, nach einem bey Tisch vorausgegangenen heftigen Wortwechsel mit seiner geliebten in einem Nebengebäude des Webermeister Beyer sen. an der Münze erhängt.

Sonntags, den 11ten August, Vormittags halb 11 Uhr, ward in Gegenwart der Mitglieder der Armen-Deputation durch den Vorsitzenden derselben, Magistratsaßeßor Heintze eine neue Hausordnung im Armenhause eingeführt, wobey der herr Archidiacon Dr. Burkhardt an die Bewohner deßselben, welche in der großen Stube versammelt waren, in ergreifenden und herzlichen Worten eine darauf bezügliche Ansprache richtete.

Zu Anfang des Julius war der bisherige dritte Mädchenlehrer Eduard Keller an das Seminar zu Petershagen bey Minden berufen, und ist am 24ten August dorthin abgegangen. In seine Stelle rückte der bisherige Elementarlehrer Heinrich Robert Hofmann, und an deßen Stelle ward der Schulamts-Candidat Julius Wilhelm Hofmann, ein Sohn des hiesigen Kaufmanns, bisher Lehrer in Rösa, gewählt; derselbe bekommt 175 Rtl. Gehalt und seine Wohnung; sein Amt trat er am 21 ten August an.

Nachdem bis zum 8ten Julius anhaltende Näße statt gefunden hatte, klärte sich der Himmel vom 9ten an plötzlich auf, und es trat sehr schönes warmes Wetter ein, welches mit Ausnahme weniger Gewitter und Landregen im August und September bis zum Anfang des Herbstes anhielt, wodurch die Reife der Feldfrüchte sehr befördert und die Erndtearbeit außerordentlich begünstigt wurde. Die Hitze war oft groß, das Thermometer stieg Nachmittags in der Sonne gewöhnlich über 30 und 35 Grad, am 25ten Julius zeigte es sogar + 40 Reaum.; das Barometer stand meistens auf 28 – 28,3. Die Getreideernte ist bey uns, wie in allen Ländern Europas reichlich ausgefallen; trotzdem haben wir noch theils wegen des Wuchers, theils weil Rußland, welches jetzt mit England, Frankreich und der Türkey in einen unheilvollen Krieg verwickelt ist, die Getreideausfuhr verboten hat, leider! Ganz dieselben Preise wie vor einem Jahre(vid.pag.205); auch alle übrigen Lebensmittel, wie Fleisch, Butter, Eyer, Obst, welches letztere wenig gerathen ist, sind hoch im Preise, so daß die Theuerung zumal bey ihrer langen Dauer für die mittlern und untern Klaßen sehr drückend ist. Hierzu kommt noch, daß die Kartoffelerndte nicht ergiebig gewesen ist, und große Quantitäten dieses für die Armen unentbehrlichen Lebensmittels zum Brandtweinbrennen verwendet werden; der große Scheffel kostet 2 Rtl. Die Grummterndte war recht gut, und ist bey schönem Wetter glücklich eingebracht worden. Der Gesundheitszustand war befriedigend und die Sterblichkeit gering; einige leichtere Fälle von sporadischer Cholera wurden beobachtet.

Zu Anfang des October ward die bisherige Feuer-Ordnung vom 31ten Maerz 1838 aufgehoben, und statt deren die neue für die Stadt Delitzsch und die Amts- Vorstadt Grünstraße entworfene und von der Königlichen Regierung zu Merseburg unterm 26ten April 1854 bestätigte eingeführt. Auf die Beßerung des Straßenpflasters wurden in diesem Jahre 1000 Rtl.verwendet; dafür ist bis jetzt die Leipziger Straße, und zwar die Fahrbahn mit dazu paßenden, länglich viereckigen, Bruchsteinen, und das an dieselbe zunächst stoßende Stück des Marktes gepflaster worden. In diesem Jahre ist wegen der ungünstigen Zeitverhältniße nicht so viel, als früher, gebaut worden; der Oeconom Wilhelm Kuehne hat ein neues Wirthschaftsgebäude in der Form eines Wohnhauses in der Leipziger Straße ganz maßiv, desgleichen der Seilermeister Gutheil ein neues, sehr bedeutendes ebenfalls maßive Wirthschaftsgebäude in seinem Gehöfte und der Webermeister Klette noch ein zweites Wohnhaus (vid.pag.207) erbaut; ferner hat der Schmiedemeister Schulze in der Kohlgaße sein Wohnhaus übersetzt, und der Wundarzt Rathmann seine beyden bisher mit Stroh gedeckten Scheunen unter Ziegel gesetzt. Der Hauptbau dieses Jahres ist aber im Hospital ausgeführt worden; der Seitenflügel deßelben, in welchem der Saal und die Krankenstube befindlich sind, ist nicht bloß maßiv übersetzt, sondern auch um 36 Fuß verlängert worden, und im Parterre ein Saal zu einer im künftigen Jahre zu eröffnenden Klein-Kinder-Bewahr –Anstalt eingerichtet. Da zu Michäelis der Bau diese neuen Seitengebäudes vollendet war, so wurde daßelbe sogleich von den Hospitaliten bezogen und hierauf das Vordergebäude bis auf das Erdgeschoß abgetragen und neu aufgemauert, und mit Benutzung der zum Theil noch brauchbaren Materialien, namentlich des sehr guten Bauholzes, im November unter Dach und Fach gebracht; der innere Ausbau bleibt natürlich dem nächsten Frühjahr vorbehalten. Durch diese nothwendige und höchst zweckmäßige Erweiterung und Verbeßerung wird unser Hospital, welches die Mittel dazu besitzt, eins der vorzüglichsten werden, und acht bis zehn alte Personen mehr in seinen Räumen aufnehmen können, wogegen dann die bisher außerhalb deßelben wohnenden, sogenannten Hospitalbeneficiaten, aufhören und der Stadt-Armen-Kaße uberwiesen werden.

Im October erhielten sämmtliche Häuser der Stadt und Vorstadt neue Hausnummern; dies war wegen der besonders in den letzten zehn Jahren statt gefundener Zunahme neu angebauter Häuser sehr nothwendig; wir haben nach der neuen Zählung 447 Häuser, gerade 80 mehr, als nach dem alten Cataster. In folge deßen bekamen zwey neue Straßen, die eine am breiten Thor der Stadtmauer entlangt, den Namen „Mauergaße“, die andere hinter der Kohlgaße nach der Allee die Bezeichnung „an der Promenade“; desgleichen erhielten mehrere Straßen paßendere Benennungen, nämlich das Ende des Steinwegs den Namen „Eilenburger Straße“, die Todengaße wegen der Nähe zur Marienkirche den Namen „Mariengaße“, die Viehgaße den Namen „Bitterfelder Straße“, der Platz an der Postsäule vor dem breiten Thor den Namen „Roßplatz“, und der vor dem Halleschen Thor gelegenen Stadttheil den Namen „„Hallesche Vorstadt“. Die Zahl der Einwohner beträgt jetzt 4606.

An die Stelle des nach Löbnitz abgegangenen Pastor Heineken(vid.pag.214) wurde vom Magistrat am 18ten Mai der bisherige Diaconus und Hospitalprediger Dr. phil. Burkhardt zum Archidiaconus und Katechismusprediger erwählt, und am 30ten Julius in sein neues Amt feierlich eingeführt. Auch ist demselben seit Michäelis für einen jährlichen Gehalt von 30 Rtl. die Seelsorge über die in der Frohnveste des hiesigen Königl. Kreisgerichts befindlichen Gefangenen anvertraut worden.

An die Stelle des im November nach Artern versetzten Bauinspektor Schulze (vid.pag. 200) trat der bisherige Baumeister Gericke aus Landshut in Schlesien als Kreisbaumeister. Desgleichen ist auch der unbesoldete Magistrats- Aßeßor Dr. Pfotenhauer am 1ten November aus dem Rathscollegio geschieden; an deßen Stelle ward noch in demselben Monat von den Stadtverordneten der Strumpffabrikant Pabst gewählt, und den 13ten Februar 1855 in sein Amt eingeführt.

Dem Bürgermeister Hagedorn, welcher bereits zu Anfang dieses Jahres für die Umarbeitung des Statuts der Spaarkaße auf den Antrag des Curatoriums aus dieser Kaße eine Gratification von 50 Rtl. erhielt, ist von den Stadtverordneten auf sein Ansuchen aus derselben Kaße vom 1 ten Januar 1855 eine jährliche Gehaltszulage von 100 Rtl. bewilligt worden, welche jedoch auf die der einstige Pensionierung keinen Einfluß hat.

Der Herbst war im Ganzen genommen milde; leider gab es sehr viele Feldmäuse, welche der jungen Saat Schden zufügten. Im October, mehr noch im November, hatten wir öfters dichte Nebel; den 17ten d.M. fiel der erste Schnee und den 12ten trat die erste Kälte ein (Therm.früh – 5R.), welche jedoch nicht lange anhielt. Den 23 ten December tobte in der Nacht ein furchtbarer Orkan(Gewittersturm) mit Schneegestöber, desgleichen in der Nacht des 31ten (Barom. 27,5). In folge eines dreitägigen anhaltenden Regens war am 17ten December sehr großes Waßer, eben so auch nach einem starken eintägigen Regen am 31ten und den Tag darauf. Die anhaltende Näße vertilgte die Feldmäuse, gegen welche andere Mittel vergebens versucht wurden. Der Gesundheitszustand war sehr befriedigend, und die Zahl der Kranken gering. Gestorben sind in diesem Jahre in der Parochie Delitzsch