Handschriftliche Chronik von 1816-1952

1857

Der Kaufmann Carl Friedrich Mulertt, welcher gegen das Urtel des hiesigen Kreis- Gerichts (vid.pag.259) appelirte, wurde, nachdem dieses auf Befehl des Appelations- Gerichts in Naumburg in einer langen Sitzung am 13ten Februar die Sachenoch einmal untersucht hatte, von demselben wegen Betrugs, gewerbsmäßigen Wuchers und Hazardspiels statt zu 2 Jahren zu 18 Monat Gefängnißstrafe, ferner statt zu 4000 Rtl zu 1600 Rtl. Geldstrafe, und statt zu einem Jahre zu zwey Jahren Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurtheilt. Der Grund dieser Milderung der beyden ersten Strafen beruhte darinn, daß nach der Ansicht des Appelations- Richters die Thatsache des vollendeten Betrugs erst dadurch festgestellt wird, wenn der Betrüger dem Betrogenem es mittheilt, daß er auf des letzteren Conto im Buche eine Schuld eingetragen habe. Dies konnte dem pp. Mulert aber nur in einem Falle nachgewiesen werden, wo derselbe der Gutsbesitzerinn Zschernitz in Wolteritz gesagt hatte, daß er in seinem Schuldbuche auf ihr Conto 10Rtl. eingetragen, welche er für die pp. Zschernitz an den Schloßermeister Eichel bezahlt zu haben behauptete, dieser aber gar nicht erhalten hatte.

Am 19ten Maerz Mittags traf unser neuer Herr Superintendent und Oberpfarrer Weinrich aus Lützen mit seiner Familie hier ein, und am 22 des Monats hier derselbe, nachdem er vorher von dem vom Consistorio in Magdeburg damit beauftragten Superintendent M.Taenzer aus Gollme in sein Amt feierlich eingesetzt worden war, seine Antritts- Predigt mit getheiltem Beifall. Der Magistrat, die Geistlichen, die Lehrer und Stadtverordneten holten ihn früh um halb 9 Uhr aus seiner Wohnung ab und geleiteten ihn zur Kirche. Nachmittags war ihm zu Ehren ein zahlreich besuchtes Festmahl im Gasthof zum Schwan veranstaltet, zu welchem aus der Kämmerei- Kaße 20Rtl für die Couverts der vier Geistlichen und für die Decoration des Saales bewilligt waren.(Der Sonntag des Amtsantritts war der vierte Fasten- Sonntag Laetare.)

Das Wetter war in diesem Winter mit Ausnahme der Tage vom 6ten bis 8ten Januar und vom 30ten des Monats bis 2ten Februar, wo das Thermometer früh –5 bis 12 Reaum. Zeigte, ungewöhnlich mild und gelind; besonders zeichnete sich fast der ganze Februar bey durchgängig hohem Barometerstande(Barom. 28,2. bis 28,8,) durch schönes Frühlingswetter aus; am 5ten des Monats war Abends von halb 5 – 11 Uhr ein dichter, stinkender Nebel; Schnee, welcher aber sofort wieder schmolz, fiel aber nur am 6ten, 12ten und 25ten Januar, am 6ten März und besonders stark vom 10ten bis 13ten März. Westwind war vorherrschend, einige Mal hatten wir auch Ostwind. Die Feldmäuse, welche am Schluße des vorigen Jahres gänzlich vertilgt zu seyn schienen, zeigten sich im Februar bey der sehr milden Witterung wieder in größerer Anzahl. Bey dem zu häufigen, mitunter sehr schroffen, Wechsel des Wetters, besonders im Januar, war die Zahl der Kranken, ungewöhnlich groß, und die Sterblichkeit bedeutend, vom 1ten Januar bis zum 31ten März starben 66. Zur Behandlung kamen hauptsächlich Catarrhe, Entzündungen der Lungen, des Rippenfels, der Mandeln, des Gehirns, der Gedärme, häutige Bräune, rheumatische Leiden, gastrisch- nervöse Fieber, und bey alten Personen Schleim- Asthma und schnell tödende Schlagflüße. Von acuten Ausschlägen wurden vereinzelte Fälle von Masern und Varioloiden beobachtet, von letzteren starben zwey Frauen, bey denen der Ausbruch sehr stark war, theils an der Krankheit selbst, theils an den Folgen derselben; der letztere Fall, wo der Tod erst am Ende der siebenten Woche an einem auszehrenden Lungenleiden erfolgte, betraf eine arme Frau von 41 Jahren, welche in der städtischen Kranken- Anstalt lag.

Da der Winter sehr mild war, und der große Scheffel Roggen seit Weihnachten 3Rtl. 15 Sgr. kostete, so sind diesmal der Armen- Kaße wenig Geschenke gemacht worden; sie erhielt blos vom Amtmann Hertzsch in Schenkenberg 5 Fuder Braunkohle, 5Rtl. 16 Sgr. von einem Karpfenschmauß im weißen Roß, 3Rtl. von Gastwirth Roesslers silberner Hochzeit, und eine Partie Brennholz vom Zimmermeister Krause; ferner 12Rtl.10 Sgr. von der Gesellschaft „Eintracht“, 2Rtl. 22 Sgr. von der Gesellschaft „Heiterkeit“ und 6Rtl. 11 Sgr. von der Gesellschaft „Glocke“.

In unserer Sparkaße betrug seit der Zeit ihres Entstehens vom 1ten October 1848 bis zum 31ten December 1856 die Summe sämmtlicher Einlagen 1158831 Rtl. 28 Sgr. 2 Dinarium und der Reserve- Fond erreichte die Höhe von 15970 Rtl. 21 Sgr. Nach Zurücknahme einer Summe von 667757 Rtl. 4Sgr. 17 Dinarium, was hauptsächlich der anhaltenden Theuerung der letztverfloßenen Jahre zugeschrieben werden muß, betrug am vorigen Jahresschluß die Summe der gebliebenen Einlagen 491074 Rtl. 23 Sgr. 3 Dinarium. Der gesammte bedeutende Geldumsatz bey der kaße im vorigen Jahre allein belief sich auf 750348 Rtl. 3 Sgr. 3 Dinarium.

Da in den letzten Jahren die Zahl der Kinder in der gemischten Elementar- klaße so bedeutend zugenommen hatte, daß eine Trennung der Knaben und Mädchen unumgänglich nöthig ward, so wurde der von der Königl. Regierung zu Merseburg in den letzten Tagen des April hierher gesendete Schulamts- Candidat Herrmann Diedecke aus Lützen vom Magistrat als vierter Mädchenlehrer für die Elementar- Klaße mit 150 Rtl. Gehalt angestellt, und ist demselben zur Ertheilung des Unterrichts das Klaßenlocal des Elementarlehrers Hofmann in der Knabenschule abwechselnd zur Benutzung für jetzt mit überwiesen worden. Am 3ten Junius kam der General Superintendent Dr. Theol. Moeller aus Magdeburg in unsre Stadt, um unsern neuen Superintendenten Weinrich in sein Ephoral- Amt einzusetzen. Dies geschah am foldenden Tage in einem Gottesdienst, welcher von früh 9Uhr bis Mittag 1 Uhr dauerte. Moeller betrat zuerst die kanzel und hielt eine einfache, herzliche und gemüthliche Predigt; alsdann hielt Weinrich eine Rede am Altar, nach deren Beendigung die Einsetzung deßelben in sein Ephoral-Amt unter der Aßistenz von vier Superintendenten, Förster, Wilke, Schenk und Tänzer, erfolgte. Nach der Kirche hielt Moeller noch eine kurze Ansprache an die Lehrer, und gleich darauf auf der Superintendentur einer Synode mit den Diöcesan- Geistlichen. Um 2 Uhr war ein besuchtes Festmahl im Gasthofe zum Schwan, und um 4 Uhr reisete Moeller wieder nach Magdeburg ab.

Die Witterung dieses Frühjahrs war bis zur Mitte des Monats Mai veränderlich und von der Art, daß wir eben so viel trübe und kühle, als schöne und helle Tage zählen konnten; auch fehlte es nicht an genügenden Gewitter – Landregen. Allein vom 18ten bis 20ten Mai hatten wir die seltene Erscheinung eines sehr dichten, stinkenden Höhenrauchs, welcher drei volle Tage in gleicher Stärke anhielt, und worauf große Hitze und außerordentliche Dürre nachfolgte, so daß die Heuerndte nur sehr dürftig ausfiel, und das Sommergetreide im Wachsthum bedeutend zurück blieb; eben daßelbe galt auch von den Futterkräutern, so daß wirklicher Futtermangel eintrat, mancher seinen Viehstand vermindern mußte, die Theuerung der Victualien auf den Wochenmärkten immer höher stieg, und besonders die Kanne Butter öfters den hohen Preis von 28 Sgr. erreichte. Der Stand des Barometers war fast immer sehr hoch(28,3 – 5), das Thermometer zeigte oft in den Nachmittagsstunden in der Sonne +36 – 38 Reaum., und am 7ten Junius Nachmittags 3 ¼ Uhr ward auch bey uns der an vielen Orten in Deutschland beobachtete Erdstoß von vielen Personen, auch von mir selbst, in der Richtung von Süden nach Norden deutlich wahrgenommen; Barometer 28,5. Thermomter + 34 in der Sonne. Westwind war vorherrschend. Die Zahl der Kranken war noch immer recht groß und die Sterblichkeit bedeutend; die pag.277 erwähnten Krankheiten dauerten noch immer fort, besonders die Pocken; wegen letzterer ordnete die Regierung zu Merseburg eine Zwangsimpfung an, bey welcher es sich zeigte, daß sich in den unteren Klaßen noch eine nicht unbedeutende Anzahl nicht vaccinirter Kinder vorstand. Die Witterung dieses Sommers war mit Ausnahme sehr weniger Tage, an welchen wir Gewitter- oder Landregen hatten, sehr heiß und trocken, der Barometerstand durchgängig hoch(Barom.28,1- 6). Die Erndte des Wintergetreides ist recht gut ausgefallen, dagegen aber die des Sommergetreides sehr dürftig, eben so auch die Grummts. Der große Scheffel Weitzen kostet jetzt 6Rtl., Roggen 4Rtl., Gerste 3 Rtl. 15Sgr., Hafer 3 Rtl., Kartoffeln 1 Rtl.; von den letzteren ist aber die Erndte in Quantität und Qualität vorzüglich gewesen. Die Obsterndte ist mit Ausnahme der Pflaumen, reichlich ausgefallen, und der Wein ausgezeichnet gerathen. Die Feldmäuse sind leider noch in großer Menge vorhanden. Was die Krankheiten betrifft, so ist zu bemerken, daß die Pocken im September aufhörten, die gastrisch- nervösen Fieber aber, an welchen seit Ende vorigen jahres so viele starben, noch immer in gleicher Heftigkeit fortdauerten, wozu die große anhaltende Hitze(Thermometer + 40 Reaum. In der Sonne) und große Dürre gewiß viel beytrug. Im Laufe dieses prächtigen Sommers, deßen Witterung die Bauarbeit außerordentlich begünstigte, ist sehr viel bey uns gebaut worden. Der Strumpffabrikant Pabst hat zu Erweiterung seiner Fabrik in der schulgaße ein neues ganz maßives übersetztes Seitengebäude aufgeführt, desgleichen zu demselben Zweck der Cigarrenfabrikant Wagner sein vor vier Jahren erbautes Fabrikgebäude(vid.pag.207) durch einen neuen maßiven Anbau auf einem von dem Tischlermeister Walter für 350 Rtl. erkauften Platze bedeutend vergrößert, ferner der Cigarrenfabrikant Weber in Leipzig, welcher das Heldsche Haus an der Hallischen und Bader- Gaße Ecke gekauft, in der letzteren Gaße ein sehr großes zweimal übersetztes maßives Fabrikgebäude angebauet, ferner der Windmühlenbesitzer Zander auf einem für 500Rtl. von dem Seilermeister Schelz am Leipziger Thor erkauften Platze ein maßives übersetztes Wohnhaus gebauet, ferner der Schuhmachermeister Schneider sein altes in der Eilenburger Straße neben dem Armenhause gelegenes Wohnhaus niedergerißen und maßiv wieder aufgebauet, endlich der frühere Dampfwagenführer Rauchfuss in Leipzig auf einem vor dem Kohlthorr unmittelbar an der Leipziger Chaussee gelegenen, von dem Oeconomen Friedrich Meissner für 600Rtl. erkauften Feldstücke eine Dampfmahlmühle mit 3 Gängen, welche im December in Betrieb gesetzt werden wird, gebauet. Der im vorigen Jahre begonnene Zuchthausbau (vid.pag.258) besonders des großen, maßiven im Mai gerichteten, östlichen Hauptgebäudes mit der Kirche, Beamtenwohnungen pp.nahet seiner Vollendung; nachdem zu Anfang des November vorigen Jahres die beym Bau beschäftigten Züchtlinge nach Lichten burg zurückgekehrt waren, kamen zu Ende des März dieses Jahres wieder Hundert und fünfzig von dort hierher, worauf der Bau von Neuem eifrig fortgesetzt wurde. Da nach der Ansicht des Magistrats und der Stadtverordneten eine höhere Bürgerschule gegenwärtig ein dringendes Bedürfniß seyn soll, so ward nach deshalb bey der Königl. Regierung eingeholter Genehmigung der Bau dieses großen, 75 Fuß breietn und 50 Fuß tiefen, Gebäude auf dem Bleichplatz am Gerberplan begonnen, und am 21ten September Nachmittags halb vier Uhr der Grundstein in welchen ein Pergament- Exemplar von der hier beyliegenden ausführlichen Urkunde in einer Blechkapsel verschloßen wurde, in der südöstlichen Ecke Gebäudes mit angemeßener Feierlichkeit gelegt, wobey der Superintendent Weinrich eine paßende, bald nachher im Kreisblatte abgedruckte, Rede hielt, nach welcher von den Behörden die drei üblichen Hammerschläge auf den Grundstein verrichtet wurden.

Nachdem bereits zu Anfang des September 1854 die Linie einer von Deßau über Bitterfeld und Delitzsch nach Leipzig zu erbauenden Eisenbahn abgesteckt wurde, und zu den Vorarbeiten, Vermeßungen pp. von den Stadtverordneten 200 Rtl. aus der Kämmereikaße bewilligt waren, gerieth doch damals diese Sache wegen des orientalischen Krieges und der dadurch bewirkten Trübung des politischen Horizonts ganz in Stocken und blieb liegen. Nach wieder hergestelltem Frieden ward nun in diesem Frühjahr die Linie dieser Eisenbahn von neuem, und zwar wie das erste Mal, am äußersten östlichen Ende der Stadt und Grünstraße gezogen, und nach Ankauf des nöthigen Grund und Bodens in der Mitte des April mit den Erdarbeiten begonnen. Desgleichen wurde auch im Laufe des Sommers der Bau mehrerer Bahnhofsgebäude, Bahnwärterhäuschen und der Brücke über den Lober bey Zschepen und an der Dörfchenmühle sehr schön, maßiv und dauerhaft ausgeführt. Schienen sind bis jetzt, Ende October nicht gelegt.

Der Kreisgerichts- Rath Voerkel, ein sehr verdienstvoller, humaner und gewißenhafter Beamter, welcher seit Michäelis 1831, wo derselbe an des kurz vorher verstorbenen Wachsmuth Stelle als Gerichtsamtmann von Skeuditz hierher versetzt wurde, in seinem Amte viel Gutes und recht segenreich gewirket, hat im September den rothen Adler- Orden vierter Klaße erhalten. Vid.pag.367. Die der Commun gehörigen Kirschalleen sind in diesem Jahre für den Preis von 303 Rtl. und die Pflaumen für den Preis von nur 2 Rtl.verpachtet worden

Am 14ten December ist die neue Bürgerschule aufgerichtet worden; das Dach wird mit Schiefer gedeckt.

Ueber den Fortgang des Braunkohlenwerkes in diesem Jahre ist leider! nichts erfreuliches zu berichten; bis jetzt hat der Segen dieses gewagte Unternehmen keineswegs begleidet ; möge Gott ihn uns dazu noch verleihen. Nachdem der im Herbst vorigen Jahres angelegte neue Schacht bis zu einige fünfzig Fuß Tiefe gearbeitet war, ward derselbe, weil er zu eng angelegt war, in den letzten Tagen des Mai mit allen seinen Verpfählungen und Verschalungen verschüttet, und man kehrte nun zu dem ersten, vorher für unbrauchbar erklärten Schachte zurück, um denselben wieder in Stand zu setzen und zu benutzen. Unglücklicher Weise brach aber am 30ten julius, ebenso wie im August des vorigen Jahres, eine gewaltige Waßerfluth in denselben herein, wodurch die Arbeiten wieder unterbrochen wurden, und die Dampfmaschine von der Mitte des September bis zum Neujahr still stand. Zu Michäelis war von dem Magistrat und von den Stadtverordneten beschloßen worden einen dritten Schacht anzulegen und zwar in weiterer Entfernung vom Maschinenhause, zu welchem Zweck von den Stadtverordneten wieder 6000 Rtl. aus der Kämmereikaße bewilligt worden sind. Sollte auch dieser, wahrscheinlich letzte, Versuch mißlingen, was Gott verhüte, so wäre dies für unsre Commun, welche bis jetzt bey diesem Unternehmen schon so bedeutende Verluste erlitten hat, ein sehr großes Unglück, an deßen traurigen Folgen noch unsre späteren Nachkommen zu leiden haben würden.

Die Witterung des Herbstes war bey andauernd hohen Barometerstande und vorherrschendem Ostwinde bis zum 22ten November überwiegend heiter und schön; nachher wechselten trübe, neblige unbd naßkalte Tage mit hellen und schönen. Der Stand der Wintersaaten ist sehr schön, wozu die Landregen am 6ten und 31ten October und am 8ten November viel beytrugen; die Feldmäuse sind noch vor Jahresschluß verschwunden. Was die Krankheiten betrifft, so waren besonders wegen des scharfen Ostwindes Entzündungen der Lungen, Luftröhre, des Rippenfels, der Mandeln und fieberhafte Lungenkatarrhe und Schleimasthma sehr häufig; auch die gastrisch, nervösen Fieber, Abdonimal- Typhen, welche vom Anfang des Jahres epidemisch herrschten, forderten noch viele Opfer. Die Sterblichkeit ist übrigens in diesem Jahre so bedeutend gewesen, wie wir sie seit den Kriegsjahren 1813 und 14 nicht erlebt haben, denn es starben 252 . Der Grund davon liegt gewiß in der großen Hitze des Sommers, sowie in der lange anhaltenden Trockenheit und Dürre,und in dem seit Januar fast durchgängig sehr hohem Barometerstande. (Barom. 28,3- 28,10, letzteres den 9ten December)


1858

Die Witterung dieses Winters war bey fortdauernd sehr hohem Barometer- stande mit Ausnahme weniger Tage zu Anfang und Ende des Januar und zu Ende des Februar sehr milde, eine besondere Windrichtung nicht vorherrschend; am 6ten, 8ten, und 9ten März tobte ein starker Orkan aus Westen mit Schneegestöber, (Barom.27,1.); vom 20ten war fast täglich schönes Frühlingswetter. Die Wintersaaten stehen sehr gut. Von Krankheiten kamen besonders Catarrhe, Entzündungen der Respirations- Organe, dreitägige Wechselfieber, Scharlach, Schlagflüße und Kopfrosen zur Behandlung; die Sterblichkeit war noch immer nicht gering. An die Armen- Kaße waren die Ansprüche nicht bedeutend; die Suppen- Anstalt bestand vom Anfang des Januar bis Ende März; es wurden zu diesem Zweck zugleich 50 Rtl., welche der Herr Graf von Hohenthal in Döbernitz der Armen- Kaße im vorigen Jahre schenkte, mit verwendet. Außerdem sind weiter keine Geschenke von Bedeutung eingegangen. Am 1ten April Abend um 5Uhr kam der erste Dampfwagenzug auf der Eisenbahn von Bitterfeld hier an; auf der rechten Seite der Dübener Straße war eine EhrenPfordte mit schwarz und weißen und Grün und weißen Flaggen erbaut, und in dem Güterschuppen wurden die Ankommenden Ober- und Unterbeamte der Eisenbahn, mit einem Abendbrodt anständig bewirthet; auch das Stadt- Musik- Chor fehlte dabey nicht.In unsrer Sparkaße betrug seit der Zeit ihres Entstehens vom 1ten October 1848 bis zum 31ten December 1857 die Summe sämmtlicher Einlagen 1453089 Rtl. 20 Sgr. 10 Dinarium und der Reserve- Fond erreichte die Höhe von 23208 Rtl 1 Sgr. 11 Dinarium. Nach Zurücknahme einer Summe von 877765 Rtl. 8 Sgr. 1 Dinarium betrug die Summe der gebliebenen Einlagen 575324 Rtl. 12 Sgr. 9 Dinarium. Der gesammte bedeutende Geldverkehr bey der Kaße im vorigen Jahre allein belief sich auf 837000 Rtl.

Die hiesige kleine katholische Gemeinde hat sich seit kurzem in dem früher dem Schleifermeister Richter gehörigem, vom Markte her an der Ecke der Schloßgaße gelegenem, Hause im Parterre eine Kapelle eingerichtet; zugleich ist für diese Gemeinde ein Geistlicher in der Person des Mißionar Schroeder hier stationirt worden, welcher am Himmelfahrtstage, den 13ten Mai, von dem katholischen Pfarrer Koester in Eilenburg hier in sein Amt feierlich eingeführt worden ist. Am 17ten Junius ist der erste Mädchenlehrer Wilhelm Zieger, welcher wegen seiner Kränklichkeit auf sein Ansuchen vom 1ten Junius an mit einer jährlichen Pension von 220 Rtl. in den Ruhestand versetzt worden war, und am 21ten Mai sein Amt niedergelegt hatte, gestorben. Derselbe kam im December 1820 von Dommitzsch hierher, ward 63 Jahre alt, und war stets einer unsrer besten und verdienstvollsten Lehrer.Am 1ten Julius ist in hiesiger Stadt eine Kreis- Spar- Kaße ins Leben getreten, und als Rendant derselben der bisherige Privat- Secretair im landräthlichem Büreau Walther angestellt worden. Die von den Kreisständen zweimal angebotene Vereinigung mit der städtischen Sparkaße wurde vom Magistrat und den Stadtverordneten bestimmt abgelehnt.

Am 2ten Julius kam Abends 5 Uhr der katholische Bischof Conrad Martin aus Paderborn von Eilenburg hier an, und hielt am 3ten früh von 8- 10Uhr einen Gottesdienst in der katholischen Kapelle, wobey er zugleich an acht Kindern die Firmelung (Confirmation) vollzog.

Am 21ten Junius fand die feierliche Einweihung des an der Promenade am Gerberplane neu erbauten Schulgebäudes statt. Was diesen Act selbst betrifft, so beziehe ich mich auf das Programm und den Bericht darüber, beydes hier beyliegend. Als Lehrer sind nun angestellt: An der ersten Bürgerschule Carl Franz Giesel, bisher Gymnasiallehrer in Torgau, als Rector und Dirigent der sämmtlicher städtischen Schulen, zugleich Ordinarius der ersten Klaße mit 600 Rtl. Gehalt und freier Wohnung; der bisherige Rector Barthel als Ordinarius der zweiten Knabenklaße mit 400 Rtl. Gehalt und freier Wohnung; Carl Friedrich Becker, bisher Lehrer an der Realschule in Halle, als Ordinarius der dritten Klaße mit 375 Rtl. Gehalt, der bisherige Elementarlehrer Hofmann als Ordinarius der vierten Klaße (Elementarklaße) mit 250 Rtl. Gehalt. Ferner der bisherige zweite Mädchenlehrer Petermann als Ordinarius der ersten Mädchenklaße mit 350 Rtl. Gehalt; Friedrich Theodor Berger, bisher Lehrer an der Stadtschule in Lützen als Ordinarius der zweiten Klaße 300 Rtl. Gehalt; Albert Gelpke, bisher Lehrer an der Stadtschule zu Aken als Ordinarius der dritten Klaße (Elementarklaße) mit 200 Rtl. Gehalt, und Beilagen: Albert Gelpke, bisher Lehrer an der Stadtschule zu Aken als Ordinarius der dritten Klaße (Elementarklaße) mit 200 Rtl. Gehalt, und endlich Franziska Eppner aus Torgau als Lehrerin für weibliche Arbeiten mit 300 Rtl.

An der zweiten Bürgerschule sind angestellt: der bisherige Cantor Thierbach als Ordinarius der ersten Knabenklaße mit 423 Rtl.Gehalt; der bisherige erste Lehrer an der Vorstadtschule Jost, als Ordinarius der zweiten Klaße mit 247 Rtl. Gehalt; der bisherige Tertius Lorenz als Ordinarius der dritten Klaße mit 380 Rtl.Gehalt; den Unterricht in der Elementarklaße sowohl der Knaben als Mädchen hat der bereits erwähnte Lehrer Gelpke zu besorgen.
der bisherige dritte Mädchenlehrer Hofmann als Lehrer der ersten Mädchenklaße mit 324 Rtl. Gehalt; Franz Eduard Schneider, bisher Lehrer an der Bürgerschule zu Wittenberg als Ordinarius der zweiten Klaße mit 325 Rtl. Gehalt; Der bisherige Quartus und Organist Grellmann als Ordinarius der dritten Mädchenklaße mit 403 Rtl. Gehalt. Den Kirchendienst behält derselbe eben so wie der Cantor bey. Uebrigens hat jetzt kein Lehrer mehr sichere Ansprüche auf ein bestimmtes Klaßen- Ordinariat, da dieses nunmehr alle Jahre zu Ostern nach den Leistungen und der Tüchtigkeit der Lehrer wechseln kann und wird.

Auch geben jetzt in allen Klaßen, besonders den obren mehrere Lehrer Unterricht, je nach den betreffenden Fächern, was sehr zweckmäßig ist. Uebrigens betragen die Bau- und Einrichtungskosten dieses neuen Schulgebäudes ohngefähr 18000 Rtl. Das Schulgeld ist in der zweiten Bürgerschule durchgängig für jede Klaße auf 2 Rtl. festgesetzt; dagegen müssen in der ersten Bürgerschule in den vierten Klaße 6 Rtl., in der dritten 8 Rtl., in der zweiten 12 Rtl., und in der ersten 18Rtl. Schulgeld bezahlt werden. Bis jetzt sind für die erste Bürgerschule freilich erst 180 Schüler angemeldet worden.

In der Vorstadtschule ist der bisherige zweite Lehrer an derselben Romanus als erster Lehrer mit 180 Rtl. Gehalt und freier Wohnung, und der bisherige Elementar- Hülfslehrer Diedecke als zweiter Lehrer mit 150 Rtl Gehalt angestellt worden.Von dieser Neugestaltung unsres Schulwesens kann man gewiß recht segensreiche Folgen erwarten, zumal da die Leitung des Ganzen in die Hände eines Mannes, des Herrn Rector Giesel, gelegt ist, welcher eben so sehr durch christlich religiösen Sinn , edlen Charakter und große Energie, als auch durch vielseitige gründliche wißenschaftliche Bildung und Kenntniß der altklaßischen Literatur sich auszeichnet, desgleichen in der Mathematik und Naturwißenschaften.

Die Witterung des Monats April war bey fast durchgängig sehr hohem Barometerstande (Barom.28,1 – 7.) wie gewöhnlich sehr veränderlich; es wechselten trübe, stürmische und Regen- Tage mit schönen ab, und am 29ten wüthete Abends von 8 – 9 ½ Uhr ein furchrbarer Gewittersturm. Der Mai brachte mehr schöne Tage und war wegen mehrmaliger rechtzeitiger Landregen sehr fruchtbar, so daß die Wintersaaten besonders ausgezeichnet schön standen. Leider vernichtete die große anhaltende Hitze (Thermom. +34 Nachmittags 2 Uhr) und dürre des Junius bey nur wenigen Gewitterregen diese schönen Aussichten und Hoffnungen namentlich in Bezug auf das Sommergetraide, welches dadurch sehr zurückkam und dürftig stand; daßelbe gilt auch von den Futterkräutern und dem Heu, deßen Erndte gering ausfiel. Bey diesem Futtermangel blieben denn auch die Preise der Lebensmittel; besonders der Butter(die Kanne kostete gewöhnlich 24 Sgr.) sehr hoch; für ein Schock Eier mußte derselbe Preis bezahlt werden. Ach! Diese so lange anhaltendeTheurung aller Lebensbedürfniße ist für die mittlern und untern Klaßen sehr drückend und und in Wahrheit ein langsam auszehrender Zustand, wodurch die Verarmung immer schrecklicher zunimmt.

Was die Krankheiten betrifft, so wurden in diesem Frühjahr vorzüglich Entzündungen des Gehirns, der Lungen, des Rippenfels, häutige Bräune, Bauerwetzel, einzelne Fälle von Abdominal-Typhus und maskirten bösartigen Wechsefiebern, ganz besonders aber der Keuchhusten und die Masern in großer Menge beobachtet; es war die Sterblichkeit, hauptsächlich unter den Kindern, noch sehr bedeutend.

Die der Commun gehörigen Kirschalleen sind in diesem Jahr für den Preis von 338 Rtl. 5 Sgr. und die Pflaumen für den Preis von 149 Rtl. 15 Sgr. verpachtet worden. Im Monat August wurde die Loberbrücke unterhalb der Stadtmühle wegen großer Baufälligkeit abgetragen und ganz neu von Eichenholz gebaut, und oben gut gepflastert. Die Zimmerarbeiten kosteten 183 Rtl. und die Pflasterung 17 Rtl. Nachträglich ist hier noch zu erwähnen, daß die Brauerschaft das in der Ritterstraße gelegene Brauhaus für 435 Rtl. an den Schmiedemeister Naumann, welcher es zu einem Wagenschuppen einrichtete am 1ten Mai vorigen Jahres verkauft hat.; desgleichen hat dieselbe die im Brauhause vorhandenen Inventarien-Gegenstände am 13ten Mai 1857 für 587 Rtl. 22Sgr. 6 Dinarium verkauft – Der Thurm der Gottesacker-Kirche, deßen Abputz, besonders auf der Mitternachts – und Abendseite, durch die Witterung sehr gelitten hatte, ist im Monat August im Inneren und äußerlich neu berappt worden. Der Schiefer –und Ziegeldeckermeister Rietschel, welchem diese Arbeit übertragen war, hat dafür 12 Rtl. 15 Sgr. erhalten. In wenig Jahren wird aber, da die Säulen und Riegel sehr defeckt geworden sind, eine durchgreifende Reparatur dieses Thurmes dringend nothwendig werden. Die Witterung dieses Sommers war im Julius sehr schön und heiß, nach langer Dürre kamen auch in der Mitte und am Ende dieses Monats mehrere starke Land – und Gewitterregen, welche aber im August, der uns öfters trübe, kühle und naßkalteTage brachte, häufig wiederkehrten, so daß man von denen, welche sich im Julius durch eigene Schuld mit dem Einbringen des Roggens verspätigt hatten, Klagen über das Auswachsen deßelben auf dem Felde hörte; doch war der Schade nicht bedeutend. Dagegen war der ganze September, wie der Aegidius-Tag, sehr schön, und es bestätigte sich hier von neuem, wie auch ich oft beobachtet habe, die alte Wetter-Regel von diesem Tage. Das Barometer stand fast den ganzen Sommer durchgängig hoch (28,1-6), das Thermometer erreichte in den Nachmittagsstunden in der Sonne, selbst noch im September, eine bedeutende Höhe (Therm.Reaum +35-39). Die Erndte des Wintergetreides ist im Ganzen gur ausgefallen, dagegen die des Sommergetreides wieder sehr dürftig, aber die Grummterndte sehr reichlich; auch an Futterkräutern fehlt es nicht. Das Obst, besonders Aepfel und Pflaumen, sind sehr gut gerathen, desgleichen der Wein, wie am vorigen Jahre, ausgezeichnet. Deßen ungeachtet ist das Obst theuer; der große Scheffel kostet bis 3 Rtl. 10 Sgr. von guten Pflaumen. Der große Scheffel Weitzen kostet 6 Rtl. 15 Sgr., Roggen 4 Rtl. 10 Sgr., Gerste 4 Rtl., Hafer 2 Rtl. 25 Sgr., Kartoffeln 24 Sgr. von letzteren ist die Erndte nicht so vorzüglich wie die des vorigen Jahres gewesen, auch hört man öfters wieder Klagen über die Kartoffelkrankheit. Der Gesundheitszustand ist seit der zweyten Hälfte des Julius, wo die Masern aufhörten und die Abdominal-Typhen endlich nach anderthalb Jahren verschwanden, bis zur Mitte des September so befriedigend und die Zahl der Kranken und Todten so gering gewesen, wie ich sie um diese Zeit in einer fast fünf und dreißigjährigen Amtsführung noch nicht erlebt habe. Erst in der zweyten Hälfte des September zeigten sich bey kleineren Kindern mehrmals brechdurchfälle, zugleich als Folge des krankhaften Zahnens, mit tödlichem Ende. Der bischöfliche Stuhl in Paderborn hat am 23ten August von dem Webermeister Schoenbrodt deßen in der Töpfergaße gelegenes Haus für 1500 Rtl. gekauft und der katholische Pfarrer Schroeder hat nunmehr das bisher inne gehabte gemiethete Lokal im Richterschen Hause am Markte(vid.pag.290) zu Anfang des September verlaßen, und die Kapelle in das Parterre, und seine Wohnung in die obere Etage des gekauften Hauses verlegt. Am 10ten September erschien der schon seit mehreren Wochen auf den Sternwarten durch die Fernröhre beobachtete, nach dem Astronomen Donani benannte, sehr schöne Comet dem bloßen Auge sichtbar. Er stand zuerst Abends von 8 Uhr an im Norden, und war Anfangs klein, rückte dann unter den Sternen des großen Bär in horizontaler Linie westlich gerade auf den Arcturus, den Hauptstern des Bootes, los, ward immer früher sichtbar, zumal da der Mond nun zurückblieb, gieng am 30ten September, wo er von der Sonne 12 Millionen deutsche Meilen und von der Erde 14 Millionen erfernt war, durch das Perihelium (Sonnennähe), und gewährte uns von diesem Tage an bis zum   9ten October, wo er unsrer Erde bis auf 17 Millionen Meilen nahe kam, Abends von 7 – 10 Uhr bey größten Theils hellem und reinem Himmel das prachtvollste Schauspiel, indem sein Schweif, ein herrlich glänzender weißer Lichtstrom, nach unten immer breiter ward, sich gleichsam in zwey Hälften theilte, um rechts vom Arcturus, vor welchem Sterne der Kopf des Cometen am 4ten October unmittelbar stand, in einem sanften Bogen, bey einer Strecke von 20 Grad und einer Länge von 6 Millionen deutschen Meilen, bis unter den Schwanz des großen Bär hinauf reichte. Nach seinem Durchgange durch das Perihelium nahm die Geschwindigkeit dieses Cometen, welcher sich nun nach Osten wendete, dermaßen zu, daß er bis zum 17ten October einen von 40 Graden durchlief, und seit dem 19ten d.M. nicht mehr sichtbar ist.

Beilage: Die Astronomen Hind in London und Bomme in Mittelburg haben sich in den letzten zehn Jahren viel mit der Berechnung der Bahnelemente der Cometen von 1264, 1556 und 1858, und den Wirkungen sämmtlicher Planetenstörungen, welche den Zeitpunkt der Wiederkehr modificiren konnten, beschäftigt, und die Indentität dieser Cometen als eines und deßelben Weltkörpers festgestellt, woraus hervor geht, daß die Umlaufzeit dieses Cometen ohngefähr 300 Jahre beträgt. Bomme hatte nach höchst sorgfältigen und zeitraubendenBerechnungen, bey welchen er Hinds Elemente zu Grunde lagte, diesmal seinen Durchgang durch das Perihelium auf den 2ten August 1858 festgesetzt, was nur ein kleiner Unterschied von zwey Monaten bey einer so großen Umlaufperiode ist. Bei seiner Erscheinung im Jahre 1264 zeichnete er sich nach älteren Berichten ebenfalls durch hellen Glanz und durch die sehr große Länge und „säbelförmige“Krümmung seines Schweifes aus, was damals für eine böse Vorbedeutung galt. Weniger glänzend, aber doch mit so hellem weißen Lichtglanz, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, erschien er im Jahr 1556. Seine diesmalige Erscheinung hat also mit der im Jahre 1264 die größte Aehnlichkeit, denn der Schweif hatte nach unten auch eine Krümmung. Seine Wiederkehr steht in den Jahren 2158 – 60 nach diesen Berechnungen zu erwarten.

Im Laufe diese Sommerhalbjahrs, deßen schönes, trockenes Wetter den Bauten sehr günstig war, ist sehr viel gebauet worden. Außer vielen Reparaturen an einzelnen Häusern sind aber als Neubaue besonders zu erwähnen die Gebäude am Bahnhof der Eisenbahn, welche aus der Restauration und Salon, einem schönen Bauwerk mit Schiefer gedeckt einem Güterschuppen, einem Wagenschuppen, zwey Waßerhäusern und einigen kleinen Nebengebäuden bestehen; ferner ein großes maßives Niederlagsgebäude mit bedeutenden Kellern, welches der Brauereibesitzer Offenhauer an seine Brauerei angebaut hat; sodann ein maßives, nicht übersetztes Wohnhaus, welches der Dampfmühlenbesitzer Rauchfuss neben seiner Dampfmühle aufgesetzt hat, und endlich ein maßives übersetztes Wohnhaus auf dem Gerberplane, welches der Barbier Olbrecht an der Stelle eines alten, früher dem Handarbeiter Prautzsch gehörigen, neu erbaut hat. Der Bau des Zuchthauses ist seit dem 1ten Julius, an welchem Tage die Züchtlinge nach Lichtenburg zurück giengen, sistirt worden, und zwar aus dem erfreulichem Grunde, weil die Zahl der Verbrecher in den letzten zwey Jahren wirklich abgenommen hat. Es wird daher dieser Bau, welcher bis jetzt 25000 Rtl. gekostet hat, und noch 7000 Rtl. kosten wird, erst zu Michäelis künftigen Jahres vollendet werden. Diese Totalsumme von 32000 Rtl. ist für einen so bedeutenden Bau allerdings sehr billig, was aber daher kommt, daß dieser Bau durch lauter Züchtlinge, welche aber nur einen geringen Arbeitslohn erhalten ausgeführt worden ist.

Im September und October ist auch die Hospital-Kirche ganz abgeputzt, und an der Mittagsseite ein neues Fenster durchgebrochen worden, wodurch die Kirche an Licht und Symmetrie gewonnen hat. Die Kosten mit Einschluß des Fensters betragen 210 Rtl.

Die Eisenbahn nach Leipzig wird zum nächsten 10ten Januar eröffnet werden; im September und October wurden an derselben die Stangen mit den Eisendrähten des von Deßau nach Leipzig führenden Telegraphen aufgerictet; gleichzeitig wurden auch die des von Eilenburg nach Halle führenden, am hiesigen Bahnhofe an die Eisenbahn nach Bitterfeld sich anschließenden, Staats-Telegraphen mit aufgestellt. Der Kaufmann Gottlob Heinrich Schulze, welcher seine Zahlungen eingestellt hat, und über deßen Vermögen am 7ten April der Concurs eröffnet worden ist, hatte seine Handelsbücher so unordentlich geführt, daß dieselben keine Uebersicht seines Vermögens-zustandes gewährten, auch hatte er unterlaßen Bilance seines Vermögens zu ziehen, was nach Beschaffenheit seines Geschäfts erforderlich war. Ferner hatte derselbe 200 Rtl., welche er im Monat Februar des Jahres von dem Pachtmüller Frühsorge in der Dörfchen-Mühle mit der Verpflichtung erhalten hatte, mit diesem Gelde für ihn Staatspapiere anzukaufen, zum Nachtheil des Eigenthümers für sich verbraucht. Der pp.Schulze wurde daher in der Sitzung des Königl. Kreisgerichts vom 9ten October wegen Unterschlagung und einfachen Bankrotts zu neun Monaten Gefängnißstrafe und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf ein Jahr verurtheilt. Die Passiva des pp.Schulze sollen 30000 Rtl., die Activa dagegen nur 6000 Rtl. betragen.

Am 14ten November wurde nach beendigtem Vormittags-Gottesdienst in dem neuen Knabenschul-Gebäude eine Handwerker-Fortbildungsschule eröffnet. Dieselbe hatte den Zweck Gesellen und Lehrlingen, welche daran theil nehmen wollen und dafür monatlich einen Beitrag von 3 Sgr. zahlen, weitern Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Deutscher Sprache und Naturkunde zu ertheilen. Der Unterricht, zu welchem sämmtliche Lehrer in der Vocation verpflichtet sind, findet Sonntag Vormittags von 10 – 12 Uhr und Montags Abends von 7 – 9 Uhr statt, bis jetzt haben sich einige neunzig Schüler gemeldet, welche in zwey Klaßen abgetheilt sind. In der zweiten Hälfte des October und in der ersten des November wurde die Loberbrücke vor dem Leipziger Thor, deren Unterlagen sehr defekt und faul geworden waren, mit neuen eichenen Bohlen belegt und mit einem größten Theils neuen eichenen Geländer versehen. Die Kosten dieser bedeutenden, vom Zimmermeister Curwy ausgeführten Reparatur betragen mit der Pflasterung 550 Rtl. An die Stelle des am 13ten October verstorbenen ersten Polizey-Sergeant Ranscht ist vom Magistrat der bisherige Polizey-Sergeant Tronicke in Torgau erwählt worden, und hat derselbe sein Amt am 1ten December angetreten. Seit Michäelis sind die Drescherhäuser und die Windmühle zu Storkwitz mit Genehmigung des Consistoriums zu Magdeburg aus dem Delitzscher Parochial-Verbande wegen der großen Entfernung ausgeschieden, und in die ihren weit näher gelegenen Parochie Schenken berg eingepfarrt worden. Die Witterung des Herbstes war bey fast durchgängig hohem Barometerstande mehr hell und schön, als trübe, Kühl und regnigt; zu Ende des October und zu Anfang des November trat mäßiger Frost mit etwas Schnee, welcher aber bald schmolz, ein; (Barom. 28,8); der 23te des Monats war sehr kalt, (Therm. – 12 Reaum. Früh 7 Uhr); vom 24ten an war das Wetter wieder bedeutend milder. Vom 2ten bis 16ten December hatten wir ununterbrochen dichten Nebel, dann einige helle und milde Tage, zuletzt vom 20ten des Monats größten Theils Schnee und Regen. Die Wintersaaten stehen gut. Die Zahl der Krankheiten war nicht groß, es kamen nur einzelne Fälle von Entzündungen der Mandeln, der Lungen und häutiger Bräune vor; im December waren bey der rauhen und nebligten Witterung Catarrhe und die Grippe allgemein verbreitet, weshalb jedoch die Mehrzahl keinen Arzt consulirte. Gestorben sind in diesem Jahre 202. Ueber den Fortbetrieb des Braunkohlewerkes ist, wie bisher, so auch in diesem Jahre, leider! nur Unglück zu berichten. Auch der dritte, mit vielen Kosten in größerer Entfernung vom Maschinenhause angelegte Schacht ist, nachdem man zwar am 26ten April bey 56 Fuß Tiefe die Kohle erreicht hatte, am 17ten Mai Abends um 5 Uhr wieder ersoffen; die Dampfmaschine konnte das Waßer nicht bewältigen. Unter diesen Umständen ward denn, da von der Commun auf die Anlage dieses Werkes bereits 39000 Rtl. ohne allen gründlichen Erfolg verwendet worden sind, von den Stadtverordneten endlich am 5ten Junius der Beschluß gefaßt, aus der erschöpften Communkaße nichts weiter dafür zu bewilligen. Hierauf bildetet sich, wie aus dem beyliegenden Prospect zu ersehen ist, ein Comitè achtungswerther Bürger, um den Fortbau und die Inbetriebsetzung der Braunkohlengrube zu ermöglichen. Allein bis jetzt am Schluße dieses Jahres ist die nöthige Anzahl von Actien-Antheilen noch nicht gezeichnet, worüber man sich freilich bey so schlechten Aussichten nach so vielen Unglücksfällen nicht wundern darf. Im ließ der Magistrat mit Zustimmung der Stadtverordneten im Garten des Thorhauses am breiten Thore unten am Waßer ein maßives Schwanenhaus mit einen Kostenaufwand von angeblich 150 Rtl. erbauen, um, wie man hört eine Schwanenzucht zum Vortheil der Commun anzulegen; es sind bereits fünf Schwäne angekauft. Uebrigend soll dieses Schwanenhaus zugleich als Nutzungs-Local für den jedesmaligen Pächter der Fischerei zur Aufbewahrung von Geräthschaften, Netzen pp. dienen. In Bezug auf den Betrieb des Braunkohlenwerkes ist noch zu bemerken, daß nicht allein nach der Durchbohrung des Kohlenlagers die Waßerflut, sondern auch besonders der Triebsand durch Verstopfung der Saugröhren und Ventile der Pumpen viel zum unglücklichen Erfolg mit beigetragen hat. Seit dem 1ten Julius steht das ganze Werk bis jetzt am Jahresschluß still.